Publication:
2009
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-7729869
Path:
KVJS

aktuell
Aus dem Inhalt: Die Verbandsumlage bleibt in den nächsten Jahren stabil
Seite 3

Gewaltopfer werden nicht alleingelassen
Seite 7

Wirkungsorientierung – ein Schwerpunktthema des KVJS
Seite 11

Interview: „Die rechte Szene wird jünger“
Seite 15

4/09

2

KVJS aktuell Dezember 2009 Herausgeber: Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg Öffentlichkeitsarbeit Verantwortlich: Stefan Wiegandt (wgn) Mit Beiträgen von: Gabriele Addow (add) Monika Kleusch (mok) Sylvia Rizvi (syr) Lindenspürstraße 39 70176 Stuttgart Kontakt: Telefon 0711 6375-232, -206 oder -389 E-Mail redaktion@kvjs.de www.kvjs.de

KVJSaktuell

4/2009

Die Verbandsumlage bleibt in den nächsten Jahren stabil
Obgleich der Finanzbedarf des KVJS ansteigt, wird die Verbandsumlage in den nächsten Jahren nicht erhöht. Möglich wird dies durch die Inanspruchnahme von Rücklagen.
„Für 2010 und die Folgejahre ist eines sicher“, machte der Verbandsvorsitzende, Landrat Karl Röckinger, vor der Verbandsversammlung deutlich, die am 9. Dezember den Haushaltsplan 2010 beschloss, „die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben in den kommunalen Haushalten wird sich auf dramatische Weise noch sehr viel weiter öffnen.“ Die Ursachen sind auf der einen Seite wegbrechende Steuereinnahmen und auf der anderen Seite weiter ansteigende Fallzahlen sowohl in der Eingliederungshilfe für behinderte Menschen als auch in der Jugendhilfe. Da der KVJS überwiegend von seinen Mitgliedern, den 44 Stadt- und Landkreisen finanziert wird, habe oberste Priorität, so der Verbandsvorsitzende, „die Verbandsumlage in den nächsten Jahren stabil zu halten.“ Um dieses Ziel zu erreichen, werden die gegenwärtig in Höhe von 22,6 Millionen Euro vorhandenen Rücklagen bis zum Jahr 2012 komplett eingesetzt. Zur Finanzierung des Verwaltungshaushaltes 2010 sind 5,1 Millionen Euro aus der Rücklage erforderlich. Dadurch gelingt es, das Umlagevolumen auf 37 Millionen Euro zu begrenzen. Gegenüber der Ausgangsbasis im Jahr 2005 mit 78,5 Millionen Euro hat sich das Volumen der Verbandsumlage in den vergangenen Jahren um 52,9 Prozent verringert. Dazu beigetragen hat, machte Karl Röckinger deutlich, „dass der KVJS im Zeitraum 2005 bis 2008 Einsparungen bei den Personalausgaben in Höhe von 22,6 Prozent und bei den Sachausgaben sogar in Höhe von 25,9 Prozent erzielt hat.“ Per Saldo bedeute dies eine Effizienzrendite von 23,3 Prozent. Der KVJS-Haushalt 2010 weist ein Volumen von 105,2 Millionen Euro auf. Davon entfallen auf den Verwaltungshaushalt 99,9 Millionen Euro und auf den Vermögenshaushalt 5,3 Millionen Euro. Weitere Entwicklungsprojekte Für die Konzipierung weiterer Entwicklungsprojekte beschloss die Verbandsversammlung, 500 000 Euro im Etat 2010 vorzusehen. „Denn grundsätzlich bin ich davon überzeugt“, führte Verbandsvorsitzender Röckinger aus, „dass wir jetzt das Gesetz des Handelns nicht aus der Hand geben dürfen, sondern dass es vielmehr darum geht, dass wir weitere Entwicklungen im sozialen Bereich entscheidend mitsteuern.“ Es komme darauf an, die Hilfesysteme zu stabilisieren, sie passgenau zu strukturieren und einen ineffizienten Ressourceneinsatz zu verhindern. Bereits 2007 hatte die Verbandsversammlung Mittel in Höhe von 500 000 Euro zur Weiterentwicklung der Eingliederungshilfe für behinderte Menschen bereitgestellt. Zurzeit beteiligen sich sieben Stadt- und Landkreise am Entwicklungsprogramm „Neue Bausteine in der Eingliederungshilfe“, das zwölf Projekte umfasst. Dabei geht es um die Erarbeitung und Erprobung von Lösungen, um die stationären und ambulanten Leistungen eng miteinander zu 3

„

4/2009

KVJSaktuell

verzahnen. Ebenso soll die Selbstständigkeit geistig behinderter Senioren erhalten und erhöht werden, um damit auch in dieser Lebensphase die stationäre Betreuung so weit wie möglich zu vermeiden. Mit den neuen Entwicklungsprojekten sollen Fragen geklärt werden, wie Menschen mit Behinderung in allgemein zugängliche Angebote des Sozialraumes, Stadtteils oder der Gemeinde, etwa in Vereine integriert werden können, welche Möglichkeiten bestehen, um Menschen mit hohem Hilfe- und Betreuungsaufwand zu beschäftigen oder wie das finanzgünstige und teilhabeorientierte Wohnen in Familien ausgebaut werden kann. Die Verbandsversammlung beschloss außerdem, das Zusammenwirken von Praxis und Forschung zu intensivieren. „Bislang nämlich“, erläuterte der Verbandsvorsitzende, „sind Forschungsergebnisse und Forschungserkenntnisse im sozialen Bereich nur schwer in die Praxis übertragbar.“ Notwendig sei eine „auf die Handlungspraxis der Sozialleistungsträger ausgerichtete Begleit-, Handlungs- und Verwendungsforschung, die aktuelle Probleme und Themen aufgreift und praktikable und vor allem finanzierbare sowie effiziente Lösungsansätze für die Alltagsarbeit unserer 44 Stadt- und Landkreise liefert.“ Im Haushalt 2010 stehen 450 000 Euro für Forschungsvorhaben zur Verfügung. Erfolg trotz Wirtschaftskrise Einen Umfang von 91,1 Millionen Euro weist 2010 der nicht umlagefinanzierte

Sonderhaushalt Ausgleichsabgabe auf. Wie Karl Röckinger in diesem Zusammenhang hervorhob, sei es im Rahmen der „Aktion 1 000“ des KVJS gelungen, in diesem Jahr trotz Wirtschaftskrise weitere 187 geistig behinderte Menschen in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu vermitteln. Die „Aktion 1 000“ hat das Ziel, 1 000 Abgängern von Sonderschulen und bislang in Behindertenwerkstätten beschäftigten geistig behinderten Menschen den Weg in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu öffnen. Das auf fünf Jahre angelegte Projekt übertraf bereits nach vier Jahren die Erwartungen mit 1 016 Vermittlungen. Jetzt „Aktion 1 000plus“ Der KVJS werde seine Initiative mit der Bezeichnung „Aktion 1 000plus“ fortsetzen, berichtete Verbandsvorsitzender Röckinger, indem jetzt daran gegangen werde, die Berufsvorbereitenden Einrichtungen und die sich daran anschließende Qualifizierung schwerbehinderter Menschen für den allgemeinen Arbeitsmarkt flächendeckend einzuführen. Allerdings müsse davon ausgegangen werden, dass sich die Lage schwerbehinderter Menschen auf dem Arbeitsmarkt 2010 weiter verschlechtern werde. Denn schon 2009 sind beim KVJS-Integrationsamt 43,3 Prozent mehr Anträge auf Zustimmung zur Kündigung schwerbehinderter Beschäftigter eingegangen als im Vorjahreszeitraum. „Eine Entwicklung“, so der KVJS-Vorsitzende, „die uns große Sorgen bereitet.“ wgn

4

KVJSaktuell

4/2009

Zunehmendes Problem: Was tun mit aggressiven Mädchen?
Sie sind oft sturzbetrunken und prügeln sich deshalb im Jugendhaus, schlagen Passanten krankenhausreif, greifen Mitarbeiter im Wohnheim an … Gewaltbereite Mädchen werden auch für die Fachkräfte in der Erziehungshilfe zunehmend zum Problem. Wie sollen sie auf Rausch, Drogenkonsum und Aggression reagieren? Was hilft Ihnen, dies kompetent, sicher und angemessen zu tun? Antworten darauf gab es auf der Fortbildung „Rausch. Aggression. Party“. Der KVJS hatte die Tagung im November in Kooperation mit der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Mädchenpolitik Baden-Württemberg veranstaltet.
Brenzlige Situation in einer stationären Jugendhilfeeinrichtung: Lara (16) kommt betrunken in ihre Wohngruppe und fängt an zu pöbeln. Mitarbeiterin Kathrin W. gehen 1 000 Fragen durch den Kopf: Was darf und was muss ich jetzt tun? Spreche ich Lara an? Anhauchen lassen? Einen Alkoholtest durchführen? Wie geht so was? Hat sie weitere Drogen konsumiert? Welche Konsequenzen kann ich durchführen? Wie gefährdet ist sie überhaupt? Muss ich einen Arzt rufen? Was mache ich, wenn sie mich tätlich angreift? „Werden die Betreuer einer Wohngruppe unmittelbar mit einem betrunkenen und/oder gewalttätigen Mädchen konfrontiert, sind sie oft sehr unsicher, wie sie sich verhalten sollen. Gleichzeitig stehen sie aber unter akutem Handlungsdruck“, verdeutlicht Sylvia Domon vom KVJS das Dilemma. Es bedarf daher einer Drogenpädagogik in den Hilfen zur Erziehung, die strukturell und konzeptionell fundiert sein muss, um die fachliche Arbeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abzusichern. „Ganz entscheidend in diesem Zusammenhang“, so Referentin und LAG-Sprecherin Heidrun Neuwirth, „sind einrichtungsspezifische verbindliche Richtlinien, Regelungen und Handlungsabläufe, die je nach sozialer Institution zwar different sein können, jedoch von allen Beteiligten, also Leitung, Team und einzelnen Fachkräften, mitgetragen werden.“

„Saufen“ bis zum Umfallen
In den baden-württembergischen Kliniken wurden 2008 insgesamt 4 014 Kinder und Jugendliche im Alter von elf bis 19 Jahren behandelt, weil sie übermäßig Alkohol getrunken hatten. Das waren laut Statistischem Landesamt neun Prozent mehr als 2007. Mit 2 434 wurden 2008 zwar weitaus mehr Jungen und männliche Heranwachsende in Kliniken gebracht als Mädchen (1 580), doch übertraf die Steigerungsrate der weiblichen Fälle mit 15 Prozent die der männlichen um mehr als das Doppelte. Ein hilfreiches Kriterium für die Stärkung der Handlungskompetenzen ist auch die Aneignung mädchen- und suchtspezifischen Wissens und methodischer Kompetenzen. Neuwirth: „Viele Mädchen, die zuschlagen, kommen aus benachteiligten oder bildungsfernen Familien und haben häufig selbst Gewalt in der Kindheit erfahren.“ In der pädagogischen Arbeit mit gewaltbereiten Mädchen gelte es deshalb zu bedenken, dass Mädchen gleichzeitig
„

5

4/2009

KVJSaktuell

Täterin und Opfer sein können. Einen Freibrief, „die Fäuste sprechen zu lassen“, bedeute dies allerdings nicht. Denn: „Opferschutz geht immer vor Täterschutz“, betont die LAG-Sprecherin. Dies sei eine

Grundregel, die konsequent eingehalten werden müsse – auch wenn das Gewalt ausübende Mädchen selbst Gewaltopfer war. add

Fit für Mädchen?!
Ein zentrales Ziel moderner Mädchenarbeit ist die individuelle Stärkung und Förderung von Mädchen und jungen Frauen. Gemeinsam mit der LAG bietet der KVJS am 12. April 2010 im Tagungszentrum Gültstein einen Workshop für Fachkräfte in den Hilfen zur Erziehung an. Die Fortbildung vermittelt theoretische Grundlagen und praxisrelevante Methoden für die Arbeit mit einzelnen Mädchen und die Gestaltung von Gruppenangeboten. Weitere Informationen sowie Möglichkeit zur Anmeldung im Internet unter www.kvjs.de/fortbildung.html

6

Koreanische Delegation zu Gast beim KVJS
22 Direktoren von Behinderteneinrichtungen aus Korea konnte der Leiter des Referats Sozialplanung, Michael Heck, am 16. Oktober 2009 in der Werkstatt Wohnen des KVJS begrüßen. Die Delegation informierte sich auf Einladung der Diakonie Stetten über das System der Betreuung und Förderung von Menschen mit Behinderung in Baden-Württemberg. Michael Gärtner von der KVJS-Bauabteilung führte die Gruppe durch die Werkstatt Wohnen. Die Gäste aus Korea waren begeistert von den dort ausgestellten Hilfsmitteln und baulichen Lösungen für eine barrierefreie Wohnungsanpassung. Das zeigte sich nicht zuletzt an den vielen digitalen Schnappschüssen, die für Dokumentationszwecke mit nach Hause genommen wurden. Sozialplanerin Julia Lindenmaier erläuterte anschließend anhand von Schaubildern und Statistiken die wesentlichen Eckpunkte der Behindertenhilfe in Baden-Württemberg und erläuterte die hierfür bestehenden Gesetze und Verordnungen. Auf besonderes Interesse der Gäste stieß dabei das persönliche Budget als sehr individuelle Unterstützungsmöglichkeit, die auch in Korea sehr weit verbreitet ist. Delegationsleiter Meen Hyun Park bedankte sich bei Michael Heck und dem KVJS für die sehr freundliche Aufnahme und die umfassenden Informationen zur Behindertenhilfe in Baden-Württemberg. M. H.

KVJSaktuell

4/2009

Gewaltopfer werden nicht alleingelassen
Eine Gewalttat geschieht. Der Täter wandert ins Gefängnis. Und was wird aus dem Opfer? Als Antwort auf diese Frage wurde 1976 das Opferentschädigungsgesetz (OEG) geschaffen. Seither können anerkannte Gewaltopfer Unterstützung durch die beim KVJS angesiedelte Hauptfürsorgestelle erhalten. Viele der dort betreuten Fälle betreffen misshandelte Kinder.
Jedes Jahr werden in Baden-Württemberg rund 650 Menschen neu als Gewaltopfer anerkannt. Für diese Anerkennung ist die Versorgungsverwaltung bei den Landratsämtern zuständig, die den jeweiligen Grad der Schädigung feststellt. Insgesamt zählten nach dem Jahresbericht 2008 des Landesversorgungsamtes 5 108 Personen zum Kreis derer, die einen körperlichen, geistigen oder seelischen Schaden in Folge eines vorsätzlichen, rechtswidrigen tätlichen Angriffs davongetragen haben. Die Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz richten sich nach dem Bundesversorgungsgesetz. Die Versorgungsämter kommen unter anderem für Krankenhaus- und Reha-Kosten auf, zahlen Beschädigtenrenten, einkommensabhängige Leistungen als Lohnersatz, Pflegezulagen und Hinterbliebenenrenten sowie Bestattungs- und Sterbegeld. Die KVJS-Hauptfürsorgestelle übernimmt als überörtlicher Träger je nach Einkommen der Betroffenen den behinderungsgerechten Umbau der Wohnung, Erholungsaufenthalte und andere Hilfen. Hierzu zählen auch Maßnahmen zur beruflichen Eingliederung – wie in dem Fall einer Frau, die als Unbeteiligte bei einer Kneipenschlägerei durch umherfliegende Glassplitter ein Auge einbüßte. Das andere Auge der gelernten Damenschneiderin wurde durch Überanstrengung immer schwächer. Ihren Beruf konnte sie schließlich nicht mehr ausüben. Der KVJS übernahm die Kosten für eine Umschulung. Nun arbeitet das unschuldige Gewaltopfer als Schnitt-Direktrice in einem Modeunternehmen. „Grundlage für eine Entschädigung ist natürlich, dass der Betroffene Opfer und nicht Täter ist“, erklärt Ewald Schindler, zuständiger Referatsleiter beim KVJS. Hätte die Schneiderin die Schlägerei ausgelöst, bei der sie verletzt wurde, wäre sie leer ausgegangen. OEG-Mittel für die Jugendhilfe „Zwei großen Gruppen, die bei uns Ansprüche nach dem OEG geltend machen, sind misshandelte Kinder und Opfer von Vergewaltigung“, so Schindler. Bei Vergewaltigungsopfern entstehen neben den physischen auch psychische Verletzungen, die sich im Laufe der Zeit zu einer seelischen Behinderung entwickeln können. Das Hauptproblem bei dieser Gruppe von Gewaltopfern ist, dass die Taten manchmal viele Jahre zurückliegen. „Die Tat muss nachgewiesen werden können“, beschreibt Ewald Schindler die Voraussetzungen für eine Entschädigung. Auch Kinder und Jugendliche sind immer wieder Opfer: Mittelbar, wenn beispielsweise der Vater die Mutter tötet, oder unmittelbar durch extreme Vernachlässigung, Misshandlung oder sexuellen Missbrauch. Von den 1 800 Fällen, die die Hauptfürsorgestelle betreut, sind rund die Hälfte Minderjährige. Gerade im Bereich der Jugendhilfe kommt es auch immer wieder zu Nachanerkennungen als Gewaltopfer, etwa, wenn sich im Laufe der 7

„

4/2009

KVJSaktuell

Zeit herausstellt, dass die Entwicklungsdefizite eines Kindes auf einer Schädigung des Gehirns durch ein „Schütteltrauma“ im Säuglingsalter zurückzuführen sind. „Wenn Kinder deshalb in einer Pflegefamilie oder in einem Heim untergebracht werden müssen, kann sich die Jugendhilfe diese Kosten nach dem Opferentschädigungsgesetz erstatten lassen“, betont Referatsleiter Schindler. Das Landesjugendamt des KVJS hat für 2008 fünf Prozent mehr Heimunterbringungen und sieben Prozent mehr Kinder und Jugendliche in Vollzeitpflege verzeichnet. Tendenz weiter steigend. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund ist die Möglichkeit, das Opferentschädigungsgesetz bei der Finanzierung einer Vollzeitunterbringung heranzuziehen, ein interessanter Aspekt bei der wirtschaftlichen Jugendhilfe. Neue Regelungen zum 01.01.2010 Die Hauptfürsorgestelle des KVJS rechnet die Sach- und Geldleistungen, die sie nach dem OEG bewilligt, mit dem Land und dem Bund ab. Bislang wurden Sachleistungen und Geldleistungen getrennt abgerechnet, Bund und Land zahlten jeweils unterschiedliche Anteile daran. Mit dem neuen Jahr greift hier

eine Vereinfachung. Es wird nur noch eine Haushaltsstelle für beide Leistungen beim KVJS geben. Der Bund übernimmt 22 Prozent der Gesamtkosten, die restlichen 78 Prozent das Land. Außerdem werden weitere Fallgruppen in das OEG aufgenommen. Nun können auch Deutsche und Ausländer mit ständigem Wohnsitz in Deutschland, die im Ausland Opfer einer Gewalttat werden, die Übernahme von Heilbehandlungskosten und eine Einmalzahlung nach dem OEG beantragen. Täter regresspflichtig Insgesamt wandte der KVJS 2008 rund 650 000 Euro für Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz auf. Die örtlichen und überörtlichen Träger der Kriegsopferfürsorge, die das OEG ausführen, können nach dem Gesetz die Täter für die Aufwendungen an deren Opfer finanziell haftbar machen. Doch in der Praxis ist bei den verurteilen Gewalttätern meist wenig zu holen: Sei es, dass sie mittellos sind, sei es, dass sie nach ihrer Haft von der Bildfläche verschwinden. „Ich habe einen einzigen Fall, der seit Jahren regelmäßig seine 50 Euro im Monat zahlt“, sagt Ewald Schindler. mok

8

Fortbildung
Für Fach- und Führungskräfte in der Kinder- und Jugendhilfe sowie in der Kriegsopferfürsorge und ihren Nebengebieten bietet der KVJS eine zweitägige Fortbildung an: 20.09. - 21.09.2010 in Herrenberg-Gültstein „Kinder- und Jugendhilfe im Verhältnis zur Sozialen Entschädigung. Die Beziehungen des BVG (und insbesondere des OEG) zum SGB VIII“ 10-2-EHE2-1 Weitere Informationen unter www.kvjs.de/fortbildung.html

Informationsmaterial
Die Handreichung „OEG. Gesetz über die Entschädigung für Opfer von Gewalttaten. Arbeitshilfe für die praktische Fallbearbeitung in der Jugendhilfe“ ist beim Landesjugendamt des KVJS erhältlich.

KVJSaktuell

4/2009

Einrichtungen für blinde Menschen werden zu Kompetenz-Zentren
Die Gruppe der blinden Kinder und Erwachsenen ist klein. Entsprechend gibt es nur wenige spezialisierte Einrichtungen und Schulen im Land. Um trotzdem passende Angebote vor Ort zu ermöglichen, nutzen die Regeleinrichtungen neben der sonderpädagogischen Unterstützung der Schulen für Blinde auch das Know-how von Spezialeinrichtungen. Einblicke in den Alltag solcher Spezialeinrichtungen gewannen rund 150 Tagungsgäste bei den drei KVJS-Fachtagen „Ortstermin“ im Spätherbst 2009.
Die Zusammenarbeit der Regel- und Spezialeinrichtungen ist ein Erfolg. Nach einer neuen Untersuchung des KVJS besuchen in Baden-Württemberg 311 blinde und 432 sehbehinderte Schüler Regelschulen. Das ist fast die Hälfte aller blinden und sehbehinderten Kinder. Auch im Kindergarten zeigen sich erfreuliche Integrationszahlen: bereits 60 Prozent aller blinden Kinder besuchen einen Regelkindergarten. Unter den sehgeschädigten Buben und Mädchen spielen gar neun von zehn Kindern im Kindergarten mit Kindern ohne Behinderung. „Damit Integration gelingt, braucht es sehr viel Unterstützung im Hintergrund“, weiß die KVJS-Sozialplanerin Christine Blankenfeld. Die stellvertretende Leiterin des KVJS-Referats „Sozialplanung, investive Förderung“ organisierte die Fachtage. Neben dem fördernden Elternhaus benötigen die Betroffenen eine sonderpädagogische Unterstützung durch Sonderschulen und meist auch eine zusätzliche Schulbegleitung. Lehrer aus Schulen für Blinde gehen zum Beispiel in die Grundschule und helfen der Klassenlehrerin, ihren Unterricht auf das blinde Kind abzustimmen, etwa im Umgang mit Büchern oder anderen Medien. Darüber hinaus „übersetzt“ das Medienzentrum der staatlichen Internatsschule für Blinde und Sehbehinderte Ilvesheim für alle baden-württembergischen Regelschulen Bücher und zentrale Klassenarbeiten in Braille-Schrift oder baut nach dreidimensionalen Grafiken geometrische Modelle. Denn Formeln müssen erst in die BrailleSchrift umgeschrieben werden, dreidimensionale Zeichnungen wie Würfel kann die Blindenschrift nicht darstellen. Blankenfeld: „Solche Leistungen sind unverzichtbar, wenn die integrative Beschulung gelingen soll.“ Schulverwaltung und Eingliederungshilfe vernetzen sich Damit die Kooperationen nicht an ungeklärten Zuständigkeiten scheitern, arbeiten die baden-württembergische Schulverwaltung und die Eingliederungshilfe zusammen. „Es ist gelungen, dass Schulund Sozialverwaltungen das Thema gemeinsam angehen“, sagt Sozialplanerin Blankenfeld. An dieser Schnittstelle könnten Zuständigkeiten koordiniert werden. Auch die KVJS-Fachtage waren ein Beispiel umfassender Vernetzung. Zwei Blindeneinrichtungen und eine Schule waren Schauplätze der KVJS-Veranstaltung: die Nikolauspflege in Stuttgart, die Stiftung St. Franziskus in SchrambergHeiligenbronn und die Schloss-Schule Ilvesheim. Die rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen überwiegend

9

„

4/2009

KVJSaktuell

aus den Sozialdezernaten der Kreise, aber auch aus der Schulverwaltung und den Einrichtungen für blinde Menschen. Und ein Vertreter des Kultusministeriums erläuterte auf den Podiumsdiskussionen seinen Blickwinkel. Rat bei Mehrfachbehinderungen Bei den Gesprächsrunden und Rundgängen durch die spezialisierten Blindeneinrichtungen zeigte sich: Alle Fachleute schätzen das fundierte Wissen der Spezialeinrichtungen. „Sie haben das Spezialwissen sowie methodische und diagnostische Instrumentarien. Und sie stellen ihr Know-how anderen zur Verfügung“, sagt Christine Blankenfeld. Insbesondere bei der Betreuung von Menschen mit Mehrfachbehinderungen ist dieses Spezialwissen gefragt. Beispiel: Eine Sehschädigung bei schwer- und mehrfach behinderten Menschen wird manchmal gar nicht bemerkt, weil viele nicht sprechen oder sich anders ausdrücken können. Der übliche Sehtest beim Augenarzt, bei dem Patienten Buchstaben lesen, Dinge erkennen und sprachlich benennen müssen, hilft diesen Menschen nicht weiter. Hier gilt es, schwer- und mehrfach behinderte Menschen kompetent zu beobachten oder aufwändigere Verfahren zur Messung der Sehstärke zu verwenden, wie sie zum Beispiel Dunkelzimmer ermöglichen. Vereinzelt arbeiten auch Werkstatt- und Wohnheimträger für Menschen mit geistiger Behinderung mit Spezialeinrichtungen für blinde Menschen zusammen. Ihr Ziel ist, dass blinde Erwachsene mit geistiger Behinderung Werkstätten für Menschen mit geistiger Behinderung besuchen können. Blankenfeld: „Integration gelingt nur dann, wenn durch Know-howTransfer die Voraussetzungen dafür ge-

schaffen werden, um die Arbeitsplätze in einer Werkstatt für behinderte Menschen so anzupassen, dass auch Menschen mit Sehschädigungen sich zurechtfinden.“ Bei den Fachtagen überzeugten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei der Werkstattbesichtigung im SchrambergHeiligenbronn selbst von den Ergebnissen. In den Werkstätten herrscht etwa penible Ordnung. Kein Karton und keine Palette standen im Weg. Denn nur in aufgeräumten Räumen können sich blinde Frauen und Männer unfallfrei bewegen. Zudem wurden passende Tätigkeiten für die Sehgeschädigten geschaffen. Die KVJS-Expertin Blankenfeld: „Wir brauchen die Kompetenzzentren zwingend, wenn Integration im Schul- und Erwachsenenbereich gelingen soll.“ syr Eine im Februar 2010 erscheinende KVJS-Publikation dokumentiert Ergebnisse der Fachtage KVJS-Service Behindertenhilfe: „Menschen mit Sehschädigung und mehrfacher Behinderung in Baden-Württemberg – schulische Förderung und Angebote für Erwachsene. Ergebnisse einer Auswertung der amtlichen Schulstatistik und einer Umfrage bei Spezialeinrichtungen im Rahmen der Fachtage‚ Ortstermin – blinde Kinder und Erwachsene mit wesentlicher Behinderung’ 2009“ Fachtage Ortstermin 2010 „Junge Menschen zwischen Eingliederungshilfe, Jugendhilfe, Psychiatrie und Justiz“ Termine werden noch mitgeteilt Ihre Ansprechpartnerin: Christine Blankenfeld stellvertretende Leiterin des KVJS-Referats „Sozialplanung, investive Förderung“ Telefon: 0711 6375-745 Christine.Blankenfeld@kvjs.de

10

KVJSaktuell

4/2009

Wirkungsorientierung – ein Schwerpunktthema des KVJS
Wissen, was wirkt – das ist ein zentrales Anliegen in der Jugend- und Behindertenhilfe. Denn Kommunen und Kreise wollen ihr Geld sinnvoll eingesetzt sehen. Fachkräfte möchten so viel wie möglich für ihre Klientel erreichen. Der KVJS greift das Thema Wirkungsorientierung in seinen Fachbereichen auf. Der Verband unterstützt Projekte und den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in Fortbildungen.
Bei der Ausgestaltung der Sozialen Arbeit hat die angestrebte Wirkung schon immer eine Bedeutung gehabt. „Neu ist, dass die Wirkung präziser ermittelt und konkret nachgewiesen werden soll“, sagt die KVJSExpertin Irmgard Fischer-Orthwein. Der KVJS sitzt an der Nahtstelle von Theorie und Praxis und unterstützt Modell-Vorhaben und Projekte. Zudem fördert der Verband den Transfer und die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse bei KVJSTagungen. In der zum Schwerpunktthema „Wirkungsorientierung“ gegründeten dezernatsübergreifenden Arbeitsgruppe (AG) laufen alle Fäden zusammen. „In der Arbeitsgruppe werden die Diskussionsprozesse und Aktivitäten der KVJS-Dezernate angeregt und gebündelt“, erklärt die AG-Leiterin Irmgard Fischer-Orthwein. Erfahrungen und Entwicklungen aus den KVJS-Projekten werden ausgetauscht. Fest steht: Die Wirkung einer Hilfe ist schwieriger zu erfassen, als es auf den ersten Blick erscheint. Denn nicht immer liegt klar zutage, welche Ursache zu welcher Wirkung geführt hat. Beispiel: Wurde ein Mensch mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt integriert, kann dieser Erfolg durch die eingeleitete Maßnahme bewirkt worden sein. Der neu gefundene Job kann aber auch zusätzlich an der Erholung auf dem Arbeitsmarkt liegen oder an der Stabilisierung des persönlichen Umfelds. Umso spannender sind die zu erwartenden Ergebnisse aus den geförderten Aktivitäten. In der Jugendhilfe fördert der KVJS seit gut einem Jahr das so genannte WiKo-Projekt. Es unterstützt öffentliche und freie Träger der Jugendhilfe mit wissenschaftlicher Begleitung, um die Wirksamkeit ihrer Kooperationsaktivitäten zu überprüfen und zu optimieren. Gemeinsam soll ein „Werkzeugkasten“ praxistauglicher Verfahren und Instrumente erarbeitet und in den Bereichen „Kinderschutz“ sowie „Jugendhilfe und Schule“ erprobt werden. Der KVJS stellt der Stadt Freiburg, der Stadt Ulm, dem Kreisjugendring Esslingen sowie den Martin-BonhoefferHäusern in Tübingen insgesamt 300 000 Euro für das dreijährige Projekt bereit. Der Zwischenbericht wird im Frühjahr 2010 vorliegen. Am 23. November wurde im Rahmen eines Fachtages über das erste Projektjahr berichtet. Der nächste WiKo-Fachtag ist am 25.10.2010 geplant (vgl. Kasten). Angedacht ist zudem, dass WiKo sich am Deutschen Kinder- und Jugendhilfe-Tag im Juni 2011 in Stuttgart beteiligt. In der Eingliederungshilfe für behinderte Erwachsene hat der KVJS Vorschläge zum Fallmanagement und Gesamtplanverfahren entwickelt. Bei Bedarf können Stadt- und Landkreise darauf zurückgreifen. Zusätzlich unterstützt der Kommunalverband die Kreise bei der Umsetzung
„

11

4/2009

KVJSaktuell

durch Beratung und Schulungen. Der KVJS entwickelt und erprobt zudem seit einem Jahr mit Stadt- und Landkreisen neue Bausteine in der Eingliederungshilfe. (vgl. auch www.kvjs.de/behinderungund-pflege/projekte.html sowie den Bericht „Die Verbandsumlage bleibt in den nächsten Jahren stabil“ in dieser Ausgabe). Die neuen Bausteine werden bei einem Fachtag am 25. Januar 2010 in Gültstein einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt (vgl. Kasten). Bei der Integration in den Arbeitsmarkt knüpfen das KVJS-Integrationsamt und verschiedene Beteiligte mit der neuen „Aktion 1000 Plus“ an die erfolgreiche „Aktion 1000“ an. Seit Oktober 2009 gibt der KVJS schließlich eine neue Publikation für Fachleute heraus: Das Heft „KVJS Wirkungsorientierung Info“ erscheint zwei Mal im Jahr und informiert über aktuelle Erfahrungen aus der Praxis, neue Fachliteratur und Veranstaltungen. syr Ihre Ansprechpartnerin: Irmgard Fischer-Orthwein Telefon: 0711 6375-445 Irmgard.Fischer-Orthwein@kvjs.de

Publikation „KVJS-info Wirkungsorientierung“ Erscheinungsweise: halbjährlich Herausgeberin und Versand: KVJS, Irmgard Fischer-Orthwein Lindenspürstraße 39 70176 Stuttgart Download im Internet: www.kvjs.de: Stichwort „Aktuelles“ Fortbildungen Das Thema Wirkungsorientierung wird 2010 in verschiedenen Veranstaltungen aufgegriffen, Beispiel: 25. Januar 2010 Herrenberg-Gültstein Fachtag „Neue Bausteine in der Eingliederungshilfe“ 10-2-EHA8-1 25. Oktober 2010 Herrenberg-Gültstein Fachtag „Praxiserprobte Verfahren zur Erfassung der Wirkungen von Kooperationsformen der Jugendhilfe (WiKo)“ 10-4-WO1-1s Anmeldungen unter www.kvjs.de/fortbildung.html

12

KVJSaktuell

4/2009

Ergonomische Montagelinie: WABCO macht Schweres leicht
Schwerelosigkeit ist für einen 30-Kilo-Metallblock eigentlich nicht vorgesehen. Außer man hat das richtige Hebezeug – wie bei der neuen Montagelinie von WABCO, Spezialist für Nutzfahrzeug-Scheibenbremsen in Mannheim. Neun schwerbehinderte Mitarbeiter werden in der neuen Montagelinie eingesetzt.
Die Fertigungshallen aus rotem Klinker wurden noch zur Zeit Kaiser Wilhelms errichtet, aber drinnen werden die Bremsen für die Nutzfahrzeuge des 21. Jahrhunderts hergestellt: Die WABCO Radbremsen GmbH in Mannheim entwickelt und produziert druckluft- und hydraulisch betätigte Scheiben- und Trommelbremsen für Nutzfahrzeuge aller Art. 2008 begannen Planungen für die Produktion der neuen „NG22MAX“ Druckluftscheibenbremse – dem bislang größten Produkt des Unternehmens. „Die ersten Überlegungen gingen noch in die Richtung einer Montagelinie mit viel Handarbeit“, erklärt Dieter Drexler von der WABCO-Personalabteilung. Rund 50 Teile müssen für die 22,5-Zoll-Bremse verbaut werden, die ein Gesamtgewicht von 39 Kilo auf die Waage bringt. Allein der vormontierte Monoblock-Bremssattel wiegt über 30 Kilo. Doch bald kam man in Mannheim auf die Idee: Warum die neue Anlage nicht ergonomisch so optimieren, dass dort schwerbehinderte Beschäftigte eingesetzt werden können? Ergonomisch optimieren Mit dem KVJS-Integrationsamt hatte man bereits gute Erfahrungen gemacht. Dieter Drexler ist seit zehn Jahren Beauftragter des Arbeitgebers für die Belange schwerbehinderter Menschen. Das nötige fachliche Wissen hat er sich in den Grundund Aufbaukursen des Integrationsamtes zum Schwerbehindertenrecht geholt. In Zusammenarbeit mit dem Technischen Beratungsdienst (TBD) des KVJS wurden schon zuvor zwei Arbeitsplätze behinderungsgerecht angepasst. „Bei uns gehören Rückenprobleme zu den häufigsten Erkrankungen“, so Drexler. Passendes Hebezeug half dabei, die betroffenen Mitarbeiter zu entlasten. 13 Das Unternehmen, dessen Hauptsitz in Brüssel ist, legt viel Wert auf Sicherheit und Ergonomie: „Bei uns wird Ergonomie sehr hoch aufgehängt“, bekräftigt Arkadius Tomera, der gemeinsam mit seinem Kollegen für die Produktionsplanung der neuen Bremse verantwortlich ist. Die Tendenz war also klar: Weg von der Handarbeit! Ein Vierteljahr lang tüftelten die beiden WABCO-Fachleute am Pflichtenheft für die neue Montagelinie. Nützliche Impulse für die Planung hatten Arkadius Tomera und Bastian Söhner auch in einem Seminar des KVJS-Integrationsamtes „Einrichten und Gestalten von Arbeitsplätzen“ und vom TBD erhalten. Vorarbeit für das neue Produkt Auch Dieter Drexler tüftelte: An der Personalplanung. „Am liebsten hätten wir alle 20 Arbeitsplätze der neuen Montagelinie mit schwerbehinderten Mitarbeitern besetzt“, sagt er. Also wurde mit sämtlichen geeigneten schwerbehinderten

„

4/2009

KVJSaktuell

Beschäftigten Gespräche geführt, ob sie sich die Tätigkeit an der neuen Montagelinie vorstellen könnten. Gut die Hälfte blieb lieber bei ihrem alten Job, aber neun Mitarbeiter hatten Lust auf das Neue – so wie Jürgen Rietz. Der Monteur konnte die neue Anlage bereits beim Lieferanten im Probelauf testen: „Man merkt schon, das geht besser.“ Druckluftheber, schwereloses Heben mit dem Handhabungsmanipulator und Scherenhubtische sorgen für rückenschonendes Arbeiten. Ein hoher Automatisierungsgrad und die optimale Zuführung von Kleinteilen bringen weitere gewichtige Vorteile: „Beugen, Heben, Körperdrehungen und Zusatzwege entfallen“, erklärt Dieter Drexler. Weniger Kontakt mit 14

Fett, eine reduzierte Geräuschentwicklung und kurze Maschinen-Wartezeiten, die zur Erholung genutzt werden können, gehören ebenfalls zu den Vorzügen der neuen Montagelinie. „Die WABCO hat alle Möglichkeiten der ergonomischen Gestaltung realisiert“, meint denn auch Karl-Heinz Marquart vom Technischen Beratungsdienst des KVJS anerkennend. Rund zwei Millionen Euro hat das Unternehmen in die neue Montageanlage gesteckt. 200 000 Euro kamen als Zuschuss vom KVJS-Integrationsamt. Und Dieter Drexler ist sich sicher: „Jeder Mitarbeiter kann an dieser Anlage arbeiten, ob er klein oder groß ist, behindert oder nicht behindert.“ mok

Information
WABCO ist einer der weltweit führenden Anbieter für Sicherheits- und Regelsysteme für Nutzfahrzeuge mit 7 200 Mitarbeitern in 31 Ländern und einem Umsatz von Dollar 2,6 Milliarden im Jahr 2008. Das Mannheimer Werk hat rund 370 Beschäftigte – und eine vorbildliche Schwerbehindertenquote von 13 Prozent.

KVJSaktuell

4/2009

Interview:

„Die rechte Szene wird jünger“
Die „Ewiggestrigen“ gehen heutzutage mit der Zeit. Mit modernen Methoden werben Rechtsextremisten neue Gefolgsleute. Sie nehmen besonders Jugendliche ins Visier, beobachtet Frank Dittrich vom Landesamt für Verfassungsschutz. Sylvia Rizvi befragte den Leiter der Abteilung Rechts-/ Linksextremismus und -terrorismus.
Herr Dittrich, welche Mittel der „Jugendarbeit“ setzen Rechtsextreme ein? Sie werben über das Internet, mit kostenlosen Musik-CDs, mit Szene-Konzerten oder Publikationen. Inzwischen werden auch Comics verteilt. Man versucht, aktuelle wirtschafts- und sozialpolitische Themen aufzugreifen. So bieten sie sich gerade für junge Wähler als wählbare Alternative an und stellen das Rechtsextreme erst mal gar nicht so sehr in den Vordergrund. Die NPD hat dadurch in den letzten Jahren etwas Boden gutgemacht. Aber die Zahl der Rechtsextremisten hat sich in Baden-Württemberg in den letzten zehn Jahren nahezu halbiert. Im Jahr 2008 waren es noch 2 700. Primär betraf dieser Rückgang Parteien wie die Republikaner oder die DVU. Auch bei den rechtsextremistischen Skinheads haben wir eher rückläufige Zahlen. Vermutlich liegt es an der mangelnden Attraktivität der Parteien. Sicherlich wirken auch die staatlichen und nichtstaatlichen Präventionsbemühungen. Bei den Neonazis dagegen war eine kontinuierliche Steigerung von 320 auf 400 Personen zu verzeichnen. Wer sind die „Neonazis“, wie Sie sie nennen? Anders als Skinheads haben Neonazis ein geschlossenes rechtsextremistisches Weltbild. Die Ideologie der Neonazis vereinigt typische Merkmale wie Fremdenfeindlichkeit, den Volksgemeinschaftsgedanken oder die Rassenideologie des Dritten Reiches. Und es findet eine Verherrlichung des Nationalsozialismus statt. Das macht sich auch an einem Personenkult um NSGrößen wie Hitler oder Rudolf Hess fest. Neonazis wollen zum Beispiel eine Staatsform ähnlich der des Dritten Reiches errichten. Im Gegensatz dazu stehen bei den rechtsextremistischen Parteien eher Fremdenfeindlichkeit oder ein übersteigerter Nationalismus im Vordergrund. In welchem Alter werden Skins und Neonazis für Jugendliche attraktiv? Jugendliche beginnen im Alter zwischen 12 und 14, 15 Jahren in die rechte Szene abzurutschen. Das sind fließende Übergänge. Bei den Skinheads sind auch schon Zwölfjährige mit Gewalttaten aufgefallen, aufgeputscht durch Alkohol und Musik. Im Nachgang von Konzerten ging man auf Ausländerjagd. Auch sonst wird die rechte Szene jünger, wie etwa die Entwicklung im Bereich der Autonomen Nationalisten zeigt. Das ist eine neonazistische Strömung, die in Anlehnung an Linksautonome bei Demonstrationen schwarz gekleidet und im Schwarzen Block auftritt. Man schwingt antikapitalistische Parolen und gibt sich dadurch ein moderneres Outfit. Das hat auf jüngere Leute eine starke Anziehungskraft.

15

„

4/2009

KVJSaktuell

Ansonsten sind im Rechtsextremismus natürlich alle Altersklassen vertreten. Bei den Neonazis und Skinheads sind es eher Jüngere unter 30. Im Parteibereich finden wir natürlich höhere Altersgruppen. Betrachtet man die Videoclips im Internet, so hat das rechte Spektrum offenbar für jeden Geschmack etwas zu bieten: für Hiphopper, für romantische Naturen, für Metal-Fans. Lassen sich diese Gruppen denn überhaupt hinter einer Fahne vereinigen? Die einzelnen Gruppen in der Szene haben völlig unterschiedliche Vorstellungen. Zwar gab es schon immer den Versuch, eine vereinigte Rechte herbeizuführen. Das ist aber nicht gelungen, weder bei den Parteien noch bei den anderen Spektren des Rechtsextremismus. Es gibt aber immer wieder Überschneidungen – zum Beispiel bei Neonazis oder Skinheads, die im Bereich der NPD aktiv sind. Es ist vom Grundsatz her trotzdem schwer, einen rechtsextremistischen Skinhead, der feste Strukturen eher ablehnt, in eine geordnete Parteiarbeit zu integrieren. Bei allem Anknüpfen an moderne Trends – es werden auch traditionelle Rollen hochgehalten. Die Videoclips zeigen Jungen beim Fahnenappell oder Mädchen in schlottrigen Dirndlröcken an den Kochtöpfen. Was ist daran attraktiv? Solche Freizeitaktivitäten, Wochenendlager oder Sommercamps bot etwa die HDJ, die Heimattreue Deutsche Jugend. Sie machte ähnlich wie die Wiking Jugend ein nationalsozialistisch geprägtes Angebot für die ganze Familie. Die Kinder und Jugendlichen konnten aber nicht selbst entscheiden, ob sie dort hingehen und was sie dort tun wollten. Maßgeblich waren die Eltern, die ihren Söhnen und Töchtern von klein auf die Werte des Dritten Reiches vermitteln wollten. Die HDJ

wurde daher im März 2009 vom Bundesminister des Inneren verboten. In die Ferienlager werden die Kinder also von den Eltern geschickt, zu den Autonomen gehen sie selber? Ja, so könnte man es ausdrücken. Bieten die Autonomen Mädchen und jungen Frauen mehr Möglichkeiten, die alten Rollenmuster zu überschreiten? Im militanten Bereich der Autonomen Nationalisten marschieren durchaus auch Frauen im Schwarzen Block mit. Führungsrollen haben Frauen in der Szene in der Regel dennoch nicht. Das passt nicht ins rechtsextreme Weltbild. In Baden-Württemberg gab es im Jahr 2008 56 rechte Gewalttaten und 1 153 Propagandadelikte – das sind nach Hessen am zweitwenigsten Straftaten. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind für Jugendliche sicher günstiger als in den ostdeutschen Bundesländern. Es gibt weniger Arbeitslose, mehr Lehrstellen. Allerdings leben wir auch hier nicht auf einer Insel der Glückseligen. So haben wir etwa im Rhein-NeckarRaum, im Raum Karlsruhe, Pforzheim Rastatt, dem Großraum Stuttgart und Rems-Murr-Kreis immer wieder Aktionen von Rechtsextremisten, zum Beispiel Skinheadkonzerte oder Mahnwachen am Volkstrauertag. Einige Aktivitäten gibt es auch im Bodenseeraum. Pflegen die Jugendlichen und Erwachsenen bevorzugte Anlässe oder Gedenkstätten? Am Volkstrauertag, im Nazijargon dem „Heldengedenktag“, gibt es öfters Mahnwachen an Soldatenfriedhöfen. In den

16

„

KVJSaktuell

4/2009

vergangenen Jahren fanden Mahnwachen am Panzergraben in Memprechtshofen bei Kehl statt. Und natürlich zeigen sich am Todestag von Rudolf Hess Rechtsextremisten bundesweit und im bayerischen Wunsiedel, wo der Stellvertreter des „Führers“ begraben ist. Gibt es Gegenden, wo vermehrt Menschen überfallen werden? Wir hatten im Jahr 2008 56 rechtsextremistisch motivierte Gewalttaten. Obwohl es demnach auch in Baden-Württemberg immer wieder zu vereinzelten Übergriffen kommt, lassen sich anhand der Straftaten keine räumlichen „Schwerpunkte der Gewalt“ festmachen. Ist der Verfassungsschutz da präsent? Unser Auftrag ist es, über extremistische Organisationen und Personenzusammen-

schlüsse Informationen zu sammeln und auszuwerten und an andere staatliche Stellen weiterzugeben. Wenn wir von Veranstaltungen Kenntnis erlangen, dann geben wir die Informationen möglichst frühzeitig an die Kommunen und die Polizei und Versammlungsbehörden weiter, damit die sich darauf vorbereiten können. Wie erfahren Sie von Treffen und Aktionen? Wir nutzen alle offenen Möglichkeiten der Informationsgewinnung wie etwa die Internet-Recherche, Publikationen aus der Szene oder den Besuch von Veranstaltungen. Zum anderen – und das macht das Wesen eines Nachrichtendienstes aus – beschaffen wir uns Informationen auch durch Vertrauensleute in der Szene, durch Observationen oder Telefonüberwachungen, soweit die rechtlichen Voraussetzungen dafür gegeben sind. Wie viele V-Männer sind in der rechten Szene aktiv? Ich bitte um Verständnis, aber das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich kann Ihnen sagen, dass wir ein Amt sind mit knapp 340 Mitarbeitern und dass wir verschiedenste Bereiche abdecken, vom Links- und Rechtsextremismus oder dem Islamismus und Ausländerextremismus bis zur Spionageabwehr und der ScientologyOrganisation. Der Verfassungsschutz ist auch auf dem Feld der Prävention tätig. Wir bieten Fachvorträge oder Multiplikatorenschulungen für Lehrer und Schulräte. Wir veröffentlichen Broschüren und haben bei Dokumentarfilmen mitgewirkt, die vor den Gefahren des Rechtsextremismus warnen. Aktuell führen wir mit der Landeszentrale für politische Bildung ein
„

17

Straftaten aus dem rechtsextremistischen Spektrum 2008
In Baden-Württemberg gab es im Jahr 2008 56 rechte Gewalttaten und 1 153 Propagandadelikte – mehr als im Jahr zuvor. Die Propagandadelikte stiegen, weil Rechtsextremisten bei Kommunalund Landtagswahlen und im Vorfeld der Bundestagswahl versuchten, verstärkt auf sich aufmerksam zu machen. Gleichzeitig zeigt die Bevölkerung öfter Hakenkreuzschmierereien, den Hitlergruß oder das Singen volksverhetzender Lieder an. Die Gewalttaten geschehen oft bei Demonstrationen oder Versammlungen. Dort stehen Auseinandersetzungen mit Linksextremisten fast schon auf der Tagesordnung. Zu den Gewalttaten gehören auch Körperverletzungen, Landfriedensbruch oder Übergriffe auf Ausländer.

4/2009

KVJSaktuell

Präventionsprojekt durch. Schüler und Jugendliche sollen mit dem Phänomen des Rechtsextremismus umgehen lernen. Und wir möchten Jugendlichen ein Bewusstsein für Toleranz, Achtung der Würde des Menschen und andere Werte des Grundgesetzes nahe bringen. Auch die Jugendhilfeträger wie der KVJS unterstützen Projekte für Toleranz und Menschenrechte. Solche Projekte sind wichtig. Es ist beim Bekämpfen des Rechtsextremismus nicht damit getan, immer nach der starken Keule des Staates – also nach repressiven Maßnahmen, Verboten und Sanktionen – zu rufen. Es muss das richtige Verhältnis zwischen Prävention und Sanktion und Aufklärung und Bildung bestehen. 18

Einen überzeugten Neonazi, den werden wir nicht zurückholen. Aber Jugendliche und Kinder, die sich am Rande bewegen, da eröffnen Präventionsprogramme die Chance, nicht ins rechtsextremistische Milieu abzurutschen. Was können Bürgerinnen und Bürger tun? Jeder Einzelne ist gefordert, etwa bei der Erziehung, beim persönlichen Engagement in Projekten gegen Extremismus oder beim Hinsehen bei Straftaten. Allerdings braucht es auch Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Stimmen die wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen, dann ist die Gefahr, dass Jugendliche in den Rechtsextremismus abrutschen, wesentlich geringer.

Der KVJS gegen Rechtsextremismus
Der KVJS fördert folgende Bundes- und Landesprogramme für Toleranz und Menschenrechte durch Expertenrat und Begleitung in Gremien: •	 Jugendportal „Menschenrechte – deine Rechte: Vielfalt tut gut“, http://menschenrechte.jugendnetz.de, ein Projekt der Jugendstiftung BadenWürttemberg •	 Bundesprogramm „kompetent vor Ort. für Demokratie“ zur Förderung von Beratungsnetzwerken gegen Rechtsextremismus. Es wird im Land von der Landesarbeitsgemeinschaft Offene Jugendbildung (LAGO) und der Jugendstiftung BadenWürttemberg koordiniert. •	 Landesnetzwerk für Toleranz der LAGO und der Jugendstiftung •	 Projekt „Mit Zivilcourage gegen Extremismus“ der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg

KVJSaktuell

4/2009

Beispielhaft für die Integration schwerbehinderter Menschen
Die Stadt Kuppenheim, VS Vereinigte Spezialmöbelfabriken in Tauberbischofsheim, Elektro-Bauer in Ingelfingen-Hermuthausen und das Betonwerk Lutz in Krauchenwies konnten in diesem Jahr die Ehrungs-Urkunde als beispielhaft behindertenfreundlicher Arbeitgeber in Empfang nehmen. Die Stiftung Haus Lindenhof wurde mit dem Innovationspreis Integration geehrt und der IFD Bodensee-Oberschwaben holte den Titel „Integrationsfachdienst des Jahres“.
Das Geheimnis des Erfolgs? Albrecht Rapp, Teamleiter des Integrationsfachdienstes (IFD) Bodensee-Oberschwaben, muss nicht lange überlegen: „Wir sind breit aufgestellt als Dienstleister für Menschen mit Handicap.“ Entsprechend die Erfolgsbilanz: Von rund 200 gefährdeten Arbeitsverhältnissen schwerbehinderter Menschen in den Landkreisen Ravensburg, Sigmaringen und Bodenseekreis konnte der IFD 2008 82 Prozent erfolgreich stabilisieren. Damit liegt er deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 73 Prozent. 100 schwerbehinderte Menschen vermittelte der ausgezeichnete IFD in ein Arbeitsverhältnis, 25 davon waren bislang in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) beschäftigt oder Abgänger von Sonderschulen für Geistigbehinderte. Zur besseren Integration gerade von besonders betroffenen schwerbehinderten Menschen in den allgemeinen Arbeitsmarkt hat der IFD seit mehreren Jahren an mittlerweile fünf vom Europäischen Sozialfonds geförderten Modellprojekten teilgenommen. Mit der Vermittlung von 152 Praktika und 34 Trainingsmaßnahmen für seine Klienten hatte das IFD-Team auch in diesem Bereich die Nase vorn. Teamleiter Rapp überkommt bei diesen Zahlen eine gewisse Wehmut, denn die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise hat auch bei den Unternehmen der Region für Auftragsrückgänge und Arbeitsplatzverluste gesorgt: „In diesem Jahr tun wir uns im Bereich Praktika deutlich schwerer.“ Der IFD ist im Auftrag des KVJS sowie der Arbeitsvermittlung und der Rehabilitationsträger tätig. Sein Hauptsitz ist in Ravensburg, in Sigmaringen besteht eine Außenstelle. Träger des IFD BodenseeOberschwaben ist die Arkade Pauline 13 gGmbH. Teamleiter Rapp betont besonders die gute und enge Kooperation mit den drei Landkreisen, der Arbeitsvermittlung, den Rehabilitationsträgern, den Werkstätten, den Sonderschulen und dem KVJS: „Eine nicht selbstverständliche gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit, die sich im Laufe der vielen Jahre entwickelte. Ich glaube, dass auch diese Zusammenarbeit auszeichnungswürdig ist, da sie bei Weitem nicht in allen Landesteilen selbstverständlich ist.“ Vier ausgezeichnete Arbeitgeber Einen guten Draht zum „IFD des Jahres“ hat nicht zuletzt die Betonwerk Josef Lutz und Sohn GmbH in Krauchenwies, einer der vier vom KVJS als behindertenfreundlich ausgezeichneten Arbeitgeber. Aufgrund seiner Betriebsgröße ist das

19

„

4/2009

KVJSaktuell

Unternehmen nur dazu verpflichtet, zwei schwerbehinderte Menschen einzustellen. Doch von den 50 Beschäftigten der Firma sind vier schwerbehindert, ein weiterer ist ihnen gleichgestellt. Somit hat die Firma eine Beschäftigungsquote von vorbildlichen zehn Prozent. Zwei der schwerbehinderten Beschäftigten sind Abgänger der Fidelisschule für Geistigbehinderte in Sigmaringen. Seit Jahren hat das Betonwerk einen engen Kontakt zur Schule und bietet immer wieder Praktika für die Schülerinnen und Schüler an. Als vorbildliche Arbeitgeber wurden auch die VS Vereinigte Spezialmöbelfabriken in Tauberbischofsheim geehrt. Der Produzent von Schul- und Büromöbeln beschäftigt ebenfalls gut zehn Prozent schwerbehinderte Mitarbeiter und hat eine vorbildliche soziale Unternehmenskultur. Die Firma Elektro-Bauer in IngelfingenHermuthausen schließlich hat unter ihren zehn Beschäftigten zwei schwerbehinderte Menschen, darunter eine gehörlose Frau. Innovationspreis Integration erstmals dotiert Im Bereich „öffentlicher Dienst“ wurde die Stadtverwaltung von Kuppenheim geehrt. Würde die Stadt die gesetzlichen Vorgaben erfüllen, die fünf Prozent der Arbeitsplätze für schwerbehinderte Menschen fordern, so wären dies vier Arbeitsplätze. Tatsächlich hat die Stadt aber elf schwerbehinderte Beschäftigte, von denen zwei auf Grund der Art und Schwere ihrer Behinderung auf mehrere Pflichtplätze angerechnet werden.

Der Innovationspreis Integration, mit dem der KVJS seit vier Jahren besonders erfolgreiche Integrationskonzepte für den Übergang von besonders betroffenen schwerbehinderten Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt auszeichnet, ging 2009 an die Stiftung Haus Lindenhof in Schwäbisch Gmünd. Der Preis wurde erstmalig durch den Beauftragten der Landesregierung für die Belange behinderter Menschen, Staatssekretär Dieter Hillebrand MdL, mit einem Preisgeld in Höhe von 3 000 Euro dotiert. Die Stiftung wurde für ihre „Netzwerkagentur“ ausgezeichnet, 2004 gegründet zur Erschließung von sozialversicherungspflichtigen Arbeits- und Ausbildungsverhältnissen für WfbM-Beschäftigte und Sonderschüler. Das Integrationsamt des KVJS förderte die Netzwerkagentur drei Jahre lang als Modellprojekt mit einem Zuschuss in Höhe von rund 110 000 Euro zu den Personal- und Sachkosten. Die Stiftung Haus Lindenhof konnte allein innerhalb des Projektzeitraums 25 nachhaltige Arbeitsverhältnisse auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt mit ihren Klienten besetzen – nicht nur in den eigenen Integrationsunternehmen der Stiftung, sondern auch bei externen Arbeitgebern. Dabei wurden vorbildlich sowohl stiftungsinterne Strukturen als auch tragfähige externe Netzwerke geschaffen, zum Beispiel mit den Arbeitgebern der Region und dem Integrationsfachdienst OstalbAalen. mok

20

KVJSaktuell

4/2009

Familienrat: für mehr Beteiligung in der Hilfeplanung
Eine neue Methode des Hilfeplanverfahrens unterstützt Familien, ihre Probleme aktiv anzugehen und eigenständige Lösungen zu finden: Der Familienrat wird organisiert, um die Entscheidung über die passende Hilfe für Familien unter möglichst großer Beteiligung des familiären Netzwerks zu treffen. Ob es um Erziehungsschwierigkeiten, Kinderschutz, Sucht oder psychische Erkrankung geht – bundesweit hat sich bereits erwiesen, dass die Methode des Familienrates zur Entscheidungsfindung bei vielfältigen Familienproblemen geeignet ist. Dennoch besteht gerade auch in Baden-Württemberg noch sehr viel Informationsbedarf. Der KVJS wird deshalb auf einer Fortbildung im März 2010 die Familienrat-Idee vorstellen. Das Seminar „Familienrat“ für sozialpädagogische Fachkräfte der Jugendämter und freien Träger der Jugendhilfe bietet eine Einführung in das Verfahren, seine Geschichte und weltweite Entwicklung. Anhand von praktischen Beispielen und Filmausschnitten erhalten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Einblicke in die Praxis des Familienrates und einen Überblick über die aktuellen Evaluationen. Weitere Informationen sowie Möglichkeit zur Anmeldung im Internet unter www.kvjs.de/fortbildung.html add 21

„STÄRKE“ legt zu
Eltern Neugeborener bekommen über das Landesprogramm STÄRKE seit 01.09.2008 Bildungsgutscheine im Wert von 40 Euro für den Besuch von Elternbildungskursen. Familien in besonderen Lebenssituationen werden mit Weiterbildungsangeboten unterstützt. 1,5 Millionen Euro hat das Land Baden-Württemberg 2008 für den Start des Programms zur Verfügung gestellt. Von 2009 bis 2013 sind es jährlich vier Millionen Euro. Die Mittel, die nicht durch die Gutscheine abgerufen werden, kommen dem Auf- und Ausbau spezieller Bildungsangebote für Familien in besonderen Lebenssituationen zu Gute. Vertragspartner sind die Kommunalen Landesverbände, der KVJS, die Evangelischen Landeskirchen, die Katholischen (Erz-)Diözesen, die Verbände der freien Träger von Familien- und Elternbildung und die Liga der freien Wohlfahrtspflege. Das Landesjugendamt des KVJS übernimmt dabei die Verteilung der finanziellen Mittel, koordiniert die Programmdurchführung und berät die Jugendämter und Bildungsträger. Eine bis 2013 befristete, zusätzliche Stelle beim KVJS-Landesjugendamt wird hierfür aus Landesmitteln bezahlt. Mittlerweile haben alle Jugendämter spezielle Ansprechpartner oder Koordinatoren für das Landesprogramm. Neben der Beratung der örtlichen Jugendämter sowie Bildungsträger und der Koordinierung der Programmdurchführung übernimmt der KVJS die Weitergabe, Verteilung und Abrechnung der Projektgelder. Der Nachweis- und Berichtszeitraum endet für die Bildungsanbieter jeweils zum 30. November. Die örtlichen Jugendämter erstatten die Kosten und rechnen ihrerseits bis zum 1. März mit dem KVJS ab. Beim KVJS werden die Verwendungsnachweise zusammengefasst. So wird künftig deutlich werden, welche Angebote besonders gut angenommen werden und wo das Programmangebot möglicherweise überarbeitet werden muss. mok

4/2009

KVJSaktuell

Amok: Die Bedrohung früh erkennen
Mit Schulamok und seinen Konsequenzen befasste sich der Leitende Oberarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Ulm, Dr. Michael Kölch, vor der Verbandsversammlung des KVJS am 09.12.2009 im KVJS-Tagungszentrum Gültstein. Der Verhaltenstherapeut ging in seinem vielbeachteten Vortrag unter anderem der Frage nach, wie Prävention gelingen kann und zeigte in diesem Zusammenhang die zunehmende Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe und Psychiatrie als eine der wichtigsten Kooperationen auf.
Viele Mythen ranken sich um Gewalt- und Amoktäter. Hartnäckig hält sich etwa das Gerücht, dass bestimmte Video- und Computerspiele die Auslöser für ein derart schreckliches Verbrechen sind, Depressionen allein einen Menschen zum Amokläufer machen oder Medikamente daran schuld sind. Immer wieder wird auch die Meinung vertreten, man könne den Täter an ganz typischen Merkmalen festmachen. „Weitverbreitete Irrtümer“, wie Dr. Kölch klarstellte. Denn: „Die aktuelle Literatur liefert keine breite Basis für die Schlussfolgerung, dass Gewalt in den Medien aggressives oder gewalttätiges Verhalten verursacht“. Und: „Jemand, der zum Beispiel immer schwarze Kleidung trägt, ist deswegen noch lange nicht kriminell. Sonst gäbe es tausende Amokläufer“. Da es die Täterpersönlichkeit nicht gibt, sind verlässliche Aussagen über potentielle Folgetäter somit schwierig zu treffen. Dennoch lässt sich das Risiko einschätzen: „Achten muss man auf bestimmte Risikokonstellationen wie zum Beispiel die Konkretheit der Drohung, die Familiendynamik, die Einbindung in das soziale Gefüge und die Schulsituation“, so Dr. Kölch. Ein hoher Risikofaktor sei in diesem Zusammenhang auf jeden Fall der freie Zugang zu Schusswaffen. Da zudem eine hohe Gefahr von Trittbrettfahrern und Nachahmern ausgehe, gelte es, Imitationstaten durch restriktives Medienverhalten zu verhindern. Die stärkste Prävention aber, so der Ulmer Experte, sehe er in der frühzeitigen und geeigneten Behandlung psychischer Störungen und psychiatrischer Auffälligkeiten. Denn aus früheren „School Shootings“ sei bekannt, dass bei den Amokläufern in sechs von acht Fällen gravierende psychische Störungen wie Schizophrenie, klinische Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen vorgelegen hätten. „Keiner in den Schulen wusste über das Innenleben der Täter Bescheid“, gab Dr. Kölch zu bedenken. Bei aller Fokussierung auf den Täter dürfe man die traumatisierten Opfer nicht vergessen, warnte der Verhaltenstherapeut. Direkt nach einem Amoklauf zeige ein großer Teil der Betroffenen Belastungssymptome, die sich im weiteren Verlauf zu gravierenden psychischen Beeinträchtigungen auswachsen können. Jugendhilfe und Psychiatrie seien deshalb aufgefordert, individuelle Therapieangebote vorzuhalten. add

22

KVJSaktuell

4/2009

Publikationen – beim KVJS erschienen
Allgemein
KVJS-info Wirkungsorientierung, Oktober 2009. Die Handreichung bietet Fachleuten einen Überblick über die derzeitige Fachdiskussion sowie über den Stand von Praxis-Projekten. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Irmgard Fischer-Orthwein Telefon: 0711 6375-445 Irmgard.Fischer-Orthwein@kvjs.de Im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de, „Aktuelles, Presse“

Jugendhilfe
Informationen zur Betreuung und Förderung von Kindern mit Behinderung in Kindertageseinrichtungen, Oktober 2009. Informationen für Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen. „Jugendhilfe und Schule effektiv vernetzen. Impulse für beide Partner“, veränderter Nachdruck der Ausgabe vom Mai 2008. Anregungen für die Praxis. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Diane Geiger Telefon 0711 6375-406 Diane.Geiger@kvjs.de Im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/publikationen/jugendhilfe. html Wieder verfügbar: Andres, B./Laewen, H.-J.: Arbeitshilfe für Bildung und Erziehung in Kindertageseinrichtungen. Die Handreichung zum infans-Konzept der Frühpädagogik, hrsg. KVJS, Stuttgart, Oktober 2006, unveränderter Nachdruck. Praxisbeispiele und andere Informationen für Fachkräfte aus der Kindertagesbetreuung. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Petra Neuhäuser Telefon 0711 6375-402 Petra.Neuhaeuser@kvjs.de

Betreuungsrecht
KVJS-Schlaglicht, Ausgabe 2, Dezember 2009: Ehrenamtliche rechtliche Betreuung Die 4-seitige Broschüre bietet Einblicke in den Alltag von ehrenamtlichen rechtlichen Betreuerinnen und Betreuern. Sie bietet Informationen für interessierte Bürgerinnen und Bürger. Und die Broschüre dient Betreuungsbehörden und -vereinen als Info-Material. KVJS BtR-Info Betreuungsrecht Heft 4, 2009 Neues aus Praxis und Rechtsprechung, Literaturtipps, Veranstaltungen, Seminare. Kostenlos zu beziehen beim KVJS Carola Dannecker Telefon 0711 6375-325 Carola.Dannecker@kvjs.de Im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/publikationen/btr-info.html www.kvjs.de/publikationen/schlaglicht. html

23

4/2009

KVJSaktuell

Schwerbehinderung und Arbeit
Zeitschrift behinderte Menschen im Beruf, Ausgabe Baden-Württemberg, 4/2009 Das Heft bietet Einblicke in die Arbeit des Integrationsamtes.

Kostenlos zu beziehen beim KVJS Gisela Lüttges Telefon 0721 8107-983 Gisela.Luettges@kvjs.de Im Internet als pdf-Datei unter www.kvjs.de/publikationen/behinderungund-arbeit.html

24
                            
Top of page

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.