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Full text: Der Wert urbanen Grüns

Der Wert urbanen Grüns
Argumentationshilfen für mehr Natur in der Stadt
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Inhalt/Impressum
Inhaltsverzeichnis Herausgeber
Bündnis „Kommunen für biologische Vielfalt“ e.V. Fritz-Reichle-Ring 4 78315 Radolfzell Tel.: 07732 9995-55 Fax.: 07732 9995-77 Kontakt: Tobias Herbst herbst@kommbio.de | www.kommbio.de Bundesamt für Naturschutz IV. 	… für Wohlergehen und Gesundheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 V. 	Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Literatur und Bildnachweis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Konstantinstraße 110 53179 Bonn Tel.: 0228 8491-0 Fax: 0228 8491-9999 Kontakt: Florian Mayer florian.mayer@bfn.de | www.bfn.de Deutsche Umwelthilfe e.V. Fritz-Reichle-Ring 4 78315 Radolfzell Tel.: 07732 9995-55 Fax.: 07732 9995-77 Kontakt: Tobias Herbst herbst@duh.de | www.duh.de

I. 	 Der Wert urbanen Grüns... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 II. 	 … für Stadtklima und Hochwasserschutz – 	 Indirekte, regulative Ökosystemleistungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4

III. 	 für Naturerfahrung und Umweltbildung – … 	 Direkte, kulturelle Ökosystemleistungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5

Bearbeitung
Die Broschüre wurde vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt bei den Autorinnen und Autoren.

Deutsche Umwelthilfe e.V. Text & Redaktion: 	 obias Herbst T Gestaltung:	 Claudia Kunitzsch Juli 2014

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Der Wert urbanen Grüns – Argumentationslinien für mehr Natur un der Stadt

Einführung Einführung
I. Der Wert urbanen Grüns …
Sie bilden eine „grüne Infrastruktur“, die wesentlich zur wirtschaftlichen, ökologischen und gesellschaftlichen Entwicklung einer Kommune beiträgt und erhöhen die Lebensqualität für die in Städten lebenden Menschen. Diese „Naturleistungen“ werden zumeist als selbstverständlich erachtet und gratis genutzt. Bislang gab es nur wenige Versuche sie systematisch zu erfassen oder ihnen einen konkreten Wert zuzumessen. Wir merken daher häufig erst, wie bedeutend diese Leistungen sind, wenn sie uns nicht mehr zur Verfügung stehen. Beispielsweise wenn durch den Verlust natürlicher Auenlandschaften bedrohliche Hochwasser-Situationen mit erheblichen Schäden für Mensch und Natur entstehen, Grünflächen als Erholungsraum im Siedlungsbereich verloren gehen oder es im Sommer zu extremen Temperaturanstiegen auf versiegelten Flächen kommt. Die Natur trägt somit unmittelbar zur Sicherung unserer Lebens- und Wirtschaftsgrundlagen bei und ein vorsorgender Umgang mit ihr erweist sich oftmals als preiswerter wie der Versuch, Verlorengegangenes wiederherzustellen3. Im Rahmen klassischer Wirtschaftlichkeitsberechnungen werden solche Überlegungen jedoch häufig nicht angemessen berücksichtigt und viele Entscheidungen auf Kosten des Naturschutzes getroffen. Das aktuell viel diskutierte Konzept der Ökosystemleistungen wurde entwickelt, um die Vielzahl an Leistungen von Ökosystemen und die Bedeutung von Biodiversität systematisch zu erfassen4. Neben der ethischen Verantwortung sollen damit zusätzliche Argumente für die BerückGrünflächen tragen zur lebensqualität in Städten bei.

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ngesichts der zunehmenden Intensi­ vie­ rung von Flächen außerhalb des Siedlungsbereichs stellen urbane Grün­ flächen heute einen häufig unterschätzten und notwendigen Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten dar. Parks, Biotope, Stadtwälder oder Brachflächen bieten durch eine extensive und sich dynamisch verändernde Nutzung Chancen für großen Artenreichtum. Zahlreiche Studien zeigen, dass Städte im Vergleich zu der sie umgebenden Landschaft zum Teil bereits wesentlich artenreicher sind1. Viele heimische Arten, wie Mauersegler, Fledermäuse oder Igel, finden auf urbanen Freiflächen einen Lebensraum, aber auch gebietsfremde Arten siedeln sich aufgrund für sie vorteilhafter Standortbedingungen, wie Wärme oder Trockenheit, an. Dabei gilt: Je besser eine Stadt durchgrünt ist, desto höher ist auch der Anteil einheimischer Arten und Arten mit besonderen Habitatansprüchen2.

en Urbane Grünfläch eten Chancen für bi m. großen Artenreichtu

Aber nicht nur Tiere und Pflanzen profitieren von urbanen Naturräumen. Auch für uns Menschen erbringt die Natur wichtige Dienstleistungen. Grün- und Freiflächen im Siedlungsbereich tragen unter anderem zum stadt-klimatischen Ausgleich und zur Filterung von Luftschadstoffen bei, sichern Wasser- und Stoffkreisläufe und spielen eine bedeutende Rolle für Erholung und Naturerfahrung im unmittelbaren Lebensumfeld der Menschen.

sichtigung von Naturschutzinteressen im Rahmen privater, unternehmerischer und politischer Entscheidungen aufgezeigt werden. Wer beispielsweise die Renaturierung städtischer Fließgewässer und deren Uferzonen nicht nur als Maßnahme zur Förderung einzelner Tier- und Pflanzenarten, sondern auch im Sinne des Hochwasserschutzes und somit des Schutzes von Eigenheim und städtischer Infrastruktur begreift, dem bieten sich zusätzliche Anreize, sich für den Erhalt der biologischen Vielfalt einzusetzen. Auch Themen wie Gesundheit oder soziale Aspekte der Naturerfahrung, Ästhetik oder der zwischenmenschlichen Begegnung auf innerstädtischen Freiflächen eignen sich als mögliche Zielsetzungen und/oder Legitimationsmuster für den städtischen Naturschutz. Dieses Argumentationspapier fasst die Ergebnisse eines gleichnamigen Workshops am 26. März 2014 in Bielefeld zusammen. Es greift das Konzept der Ökosystemleistungen auf und will dazu beitragen, die oftmals nicht wahrgenommenen oder als selbstverständlich erachteten Leistungen der Natur im städtischen Kontext sichtbar zu machen.

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Stadtklima und Hochwasserschutz Monitoring & Evaluation
II. … für Stadtklima und Hochwasserschutz – Indirekte, regulative Ökosystemleistungen
Neben der klimaregulierenden Funktion von Stadtgrün wirken weitere Öko­ system­ funk­ tionen auch auf andere Umwelt­ ele­ mente und -prozesse ein und bewirken damit indirekt einen konkreten Nutzen für den Menschen7: »» Luftfilterung Insbesondere Bäume filtern gesundheitsschädlichen Feinstaub aus der Luft. »» Bestäubung Ein großer Teil der Nahrungsmittelproduktion ist auf eine Bestäubung durch Insekten angewiesen. »» Schädlingsregulierung Die forstliche und landwirtschaftliche Produktion wird unterstützt durch die regulierende Wirkung natürlicher Antagonisten von Schadorganismen. »» Erosionsschutz Durch Bodenbedeckung, Randstreifen und Gehölze wird die Erosion durch Wind und Wasser vermindert und die Bodenfruchtbarkeit bewahrt. »» Sauberes Wasser Unbelastete Ökosysteme sorgen für sauberes Trinkwasser. Naturnahe Flussufer verringern die zu hohe Nährstoffbelastung der Gewässer. »» Abwasserreinigung und Abbau von Nährstoffüberschüssen Kleinstlebewesen in Boden und Wasser bauen Abfallstoffe ab und sorgen so für eine Reinhaltung dieser Umweltbereiche. Die Renaturierung der Fulda – Hochwasserschutz in Bad Hersfeld Eine weitere bedeutende Leistung von Ökosystemen ist der Hochwasserschutz. Vielerorts sind jedoch die natürlichen Rückhalte­ kapazitäten großzügiger Feuchtwiesen oder die Bremswirkung natürlicher Mäander auf die Fließgeschwindigkeit durch die Begradigung und Einbetonierung zahlreicher Flüsse verloren gegangen. Die Folge sind bedrohliche Hochwasser-Situationen, wie 1995 in Bad Hersfeld als die Fulda Rekordpegelstände erreichte und erhebliche Schäden verursachte. Angesichts der entstandenen Kosten hat man in Bad Hersfeld erkannt, dass es günstiger ist, der Fulda „ihren“ Raum zurückzugeben und zahlreiche Maßnahmen zu deren Renaturierung durchgeführt: Punktuelle Flussaufweitungen, um eigendynamische Entwicklungen zu ermöglichen, naturnahe Umgestaltungen technisch ausgebauter Gewässerabschnitte, die Anlage von verzweigten Wildflussabschnit-

Vielfältige Strukturen in natürlichen Flussläufen...

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ichte Bebauung, geringer Grünflächenanteil und mangelnder Luftaustausch führen in vielen Stadtzentren zu einer deutlichen Erhöhung der Temperaturen im Vergleich zum Stadtumland. Durch die allgemeine Temperaturzunahme sowie extreme Hitzewellen wird sich dieser Effekt im Zuge des Klimawandels weiter verstärken. Eine hohe thermische Belastung führt jedoch nicht nur zu einer erhöhten Gesundheitsgefährdung, sondern auch zu verminderter Lebensqualität und Leistungsfähigkeit.

Stadtgrün kann einer Überwärmung der Städte entgegenwirken, indem es zur Entstehung und Leitung von Kaltluft beiträgt und bioklimatische Ausgleichsräume schafft. Stadtbäume, Entsiegelungen oder Fassaden- und Dachbegrünungen tragen durch Verschattung, Isolierung und Verdunstungseffekte in unterschiedlichem Umfang zur Abkühlung der steigenden Oberflächen- und Lufttemperatur bei. Parks und offene Grünflächen fungieren als Kalt- und Frischluftentstehungsgebiete und -leitbahnen, sorgen so für eine verbesserte Luftqualität und leiten Kaltluft aus dem Umland in die Stadtzentren hinein5. Je größer der Umfang einer Grünfläche, desto größer ist dabei auch deren klimatologische Reichweite. Der große Tiergarten in Berlin bewirkt beispielsweise Temperaturreduktionen, die bis zu 1,5 Kilometer in das bebaute Gebiet hineinreichen6.

...tragen zum Hochwasserschutz und zur Artenvielfalt bei.

ten aus ganzjährig oder temporär Wasser führenden Seitenarmen sowie Stillgewässern mit Altarmcharakter haben seitdem die Hochwassergefahr für angrenzende, bebaute Flächen gemindert und auf naturverträgliche Weise Hochwasserretentionsräume geschaffen. Neben dem erfolgreichen Hochwasserschutz konnte auch der ökologische Zustand der Fulda verbessert und der Erlebnis- und Naherholungswert der stadtnahen Auenlandschaft erhöht werden. Auf den ehemals vegetationslosen Kies-, Sand- und Lehmflächen entstand in kurzer Zeit ein Mosaik aus Hochstaudenfluren, Röhrichten und Gebüschen, das die Bürgerinnen und Bürger zu Fuß, mit dem Fahrrad oder vom Wasser aus entdecken und genießen können.

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Naturerfahrung und Umweltbildung Monitoring & Evaluation
III. … für Naturerfahrung und Umweltbildung – Direkte, kulturelle Ökosystemleistungen
die Naturerfahrung und Umweltbildung in der Stadt: Ökologische Zusammenhänge lassen sich unmittelbar erfahrbar machen, ohne sensible heimische Ökosysteme zu gefährden. Naturnahe Flächen im direkten Wohnumfeld werden jedoch nicht automatisch positiv bewertet. Erst mit dem Wissen um die positiven Aspekte und den Wert der Stadtnatur steigert sich auch die Präferenz für diesen Landschaftraum11. Die Kombination von Maßnahmen der Umweltbildung mit konkreten Naturschutzprojekten vor Ort erscheint in dieser Hinsicht als aussichtsreicher Ansatz. Inhalte werden dann nicht mehr „nur“ gelernt, sondern mit allen Sinnen erlebt. KulturLand Schelphof – Umweltbildung in Bielefeld Wie eine solche Verbindung gelingen kann, verdeutlicht das Projekt Schelphof in Bielefeld. Mit seinen Wirtschaftsflächen, Wiesen, Äckern und Waldstücken kennzeichnet der Schelphof das Landschaftsschutzgebiet zwischen den Bielefelder Stadtteilen Baumheide, Milse, Altenhagen und Heepen. Seit 1987 verpachtet die Stadt Bielefeld das Gelände an die Familie Fischer mit dem Ziel, extensive Landwirtschaft mit Landschaftspflege zu verbinden. Im Dezember 2000 gegründete sich zudem der Verein Naturpädagogisches Zentrum Schelphof, um Kindern und Erwachsenen ökologische Themen nahezubringen und den Naturraum rund um den Schelphof zu erhalten. In unmittelbarer Nähe zu Feldern und Wiesen wird seitdem jährlich bis zu 1.500 jungen Menschen vermittelt, wie sie selbst den Reichtum der heimischen Natur schützen können. Hier lernen sie, wie Lebensmittel umweltverträglich produziert werden, wie man Körbe flicht oder Kartoffeln erntet. Nicht abstrakt, sondern projektbezogen, praxisnah und nachvollziehbar wird das Thema Naturschutz vermittelt.
Tierische Landschaftspfleger sind Teil einer extensiven landwirtschaft.

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n Städten und Ballungsräumen wohnen 75 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen. Und der Trend – weg vom Land, hin zu den Städten – wird sich auch in den kommenden Jahren fortsetzen8. Naturnahe Grünflächen gibt es in urbanen Räumen allerdings zu selten und Studien belegen, dass es beim Zugang zu Stadtgrün eine beträchtliche soziale Ungleichverteilung gibt9.

ßerhalb Umweltbildung au zimmers: Natur des Klassen erleben. mit allen Sinnen

Insbesondere für Kinder und ältere Menschen, deren Aktionsradius aufgrund eingeschränkter Mobilität häufig auf das unmittelbare Lebensumfeld beschränkt ist, stellen urbane Grünflächen oftmals die einzige Möglichkeit zur Naturerfahrung dar. Komplexe Vegetation und hohe Strukturvielfalt gehören dabei zu den dominierenden Kriterien einer positiven Wahrnehmung städtischer Natur: Schweizer Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass naturnahe Flächen gegenüber monotoner und artenarmer Natur bevorzugt werden10. Natürlich kann eine menschengemachte Stadt keine unberührte Wildnis beherbergen und doch sind in Städten häufig Naturräume zu finden, die über längere Zeiträume weitgehend sich selbst überlassen wurden und Eigenschaften von Wildnis aufweisen. Oft unbemerkt und wegen ihrer vermeintlichen „Verwilderung“ abgelehnt, existiert wilde Natur auf Baulücken, stillgelegten Bahngleisen oder ehemaligen Industriestandorten in nahezu jeder Kommune. Und gerade in dieser “Wildheit“ steckt ein großes Potenzial für

Die Natur ist also nicht nur Grundlage unserer physischen Existenz, sie ermöglicht auch die Entfaltung kultureller Potentiale des Menschen. Hierzu zählen neben der Naturerfahrung und Umweltbildung auch die folgenden Aspekte12: »» Soziale Kohäsion: Öffentlich zugängliche Grünflächen stellen Begegnungsräume dar, die Möglichkeiten zum sozialen Austausch bieten. »» Inspiration und Ästhetik: Die Freude beim Betrachten von Natur ist Teil unserer Kultur, ebenso wie die Bezugnahme auf die Natur in der Kunst. »» Vertrautheit und Heimat: Das Gefühl von Heimat und die Identifikation mit der Region sind vielfach mit dem Erlebnis vertrauter Landschaften verbunden. »» Bildung, Wissenschaft und Forschung: Die Natur liefert unter anderem eine Vielzahl an Vorbildern und Ausgangsstoffen für Anwendungen in vielen Wissenschaftsbereichen. »» Spiritualität: In vielen Religionen und Glaubensrichtungen spielt die Natur eine bedeutende Rolle als Ort und Quelle des spirituellen Erlebens.

Für viele Menschen stellen urbane Grünfläch en die einzige Möglich keit zur Naturerfahrung dar.

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Wohlergehen und Gesundheit Monitoring & Evaluation
IV. … für Wohlergehen und Gesundheit
ie Natur und die mit ihr verbundenen Ökosystemleistungen bilden die Grundlage für unser Wohlergehen und sind in vielen Bereichen lebensnotwendig13. Im Rahmen der Naturbewusstseinsstudie des Bundesamts für Naturschutz gaben 56 Prozent der Befragten an, dass Natur für sie zu einem guten Leben dazugehöre. Für 53 Prozent bedeutet Natur Gesundheit und Erholung und 41 Prozent macht es glücklich, in der Natur zu sein14. Am eindrücklichsten veranschaulicht diesen Zusammenhang von Naturnähe und menschlichem Wohlbefinden der Einfluss der Natur auf die menschliche Gesundheit und die physische und psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Untersuchungen an der University of Exeter haben beispielsweise ergeben, dass in Zeiten, in denen Menschen näher an Grünflächen leben, ihre psychische Gesundheit und Zufriedenheit höher ist als in Jahren, in denen sie hauptsächlich von Gebäuden umgeben sind15. Weitere wissenschaftliche Erkenntnisse zur Bedeutung von Grünflächen für die menschliche Gesundheit, zum Beispiel durch Stressreduktion oder positive Effekte auf das Immunsystem, liegen vor16. Studien aus den Niederlanden zeigen auf, dass Kinder, die Zugang zu Grünflächen, weniger Hochhäuser in der Umgebung und Möglichkeiten für Outdoor-Sport-Aktivitäten haben, körperlich aktiver sind. Vergleichende Studien aus acht europäischen Städten zeigen, dass Menschen, die in grünflächenreichen Stadtteilen leben, physisch drei Mal aktiver sind und die Wahrscheinlichkeit für Übergewicht und die Erkrankung an Adipositas um 40 Prozent geringer ist17. Bemerkenswert ist auch, dass Schulkinder, die Zugang zu oder auch nur Sicht auf eine naturnahe Umwelt haben, höhere Aufmerksamkeitswerte zeigen als Kinder ohne diesen Naturnutzen18. Allein die Existenz von Grünflächen im unmittelbaren Lebensumfeld hat also positive Auswirkungen auf das menschliche Wohlergehen. Darüber hinaus kann Natur auch ganz gezielt dafür eingesetzt werden, um Menschen mit unterschiedlichsten Problemen Hilfestellungen zu ermöglichen. So zum Beispiel Kindern aus Familien in denen eines oder beide Elternteile an einer Sucht- oder psychischen Erkrankung leiden. Familien in Balance – Gesundheitsprävention in Gütersloh In Deutschland sind allein 2,65 Millionen Kinder von einer Abhängigkeitserkrankung der Eltern betroffen und auffallend viele von ihnen entwickeln im Laufe ihres Lebens eigene Suchterkrankungen oder psychische Auffälligkeiten. Das Naturprojekt „Familien in Balance“ (faba)19 hat es sich zum Ziel gesetzt, diese Kinder zu unterstützen. Auf Initiative des Ehepaares Renate und Rainer Bethlehem, beide hauptberuflich in der Erwachsenenpsychiatrie tätig, werden seit 2007 jährlich acht Kinder im Alter zwischen acht und elf Jahren auf einem 8.000 Qua­ dratmeter großen Streuobstwiesengelände in Gütersloh pädagogisch begleitet.
Der faba-Garten l vermittelt ein Gefüh rlässlichkeit von Ve und Kontinuität.

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rn Grünflächen förde Gesundheit und die das Wohlbefinden.

Die Kinder erleben in ihrem Alltag häufig ein Höchstmaß an Krise und Unberechenbarkeit, sind oft auf sich alleine gestellt und müssen viel zu früh Verantwortung für sich und andere übernehmen. Im Rahmen des faba-Projekts soll daher vor allem die Stressresistenz (Resilienz) der Kinder gefördert werden. Der Garten in seiner beständigen Form, vermittelt ihnen hierzu ein Gefühl der Verlässlichkeit und die Erfahrung von Kontinuität und Sicherheit. Er lädt zum Entspannen und Verweilen ein und trägt damit zur inneren Stabilität der Kinder bei. Dementsprechend sind die Kinder bei Wind und Wetter im Freien, klettern auf Bäume, sägen Holz, schnitzen Holzstangen, schleudern Honig, pflanzen Kartoffeln und ernten Obst und Gemüse. Sie lernen kreativ mit Naturmaterialien umzugehen und Werkzeuge zu benutzen. Die Angebote geben den Kindern die Gelegenheit, sich in neuen Situationen zu erproben, die Mut erfordern und in Form fürsorgenden Verhaltens in Kontakt mit der Natur zu kommen. Zum regelmäßigen Rahmenprogramm gehören auch bewegungsorientierte Gruppenspiele, eine gemeinsame Kuchenpause und Gesprächsrunden zu aktuellen Anliegen, um die Kinder behutsam an die neuen Erfahrungen heranzuführen.

Renate und Rainer Bethlehem (links), die Initiatoren des Projekts „Familien in Balance“.

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Fazit MoniV. Fazit
Die vorangegangenen Kapitel haben deutlich gemacht, dass biologische Vielfalt ein Querschnittsthema darstellt, das direkt oder indirekt nahezu alle Lebensbereiche beeinflusst: Ob Hochwasserschutz, Stadtklima, Naherholung oder Gesundheit, der Mensch profitiert in vielerlei Hinsicht von Natur im unmittelbaren Lebensumfeld. Im Zusammenhang mit dem Schlagwort „Lebensqualität“ kommt der biologischen Vielfalt damit auch eine enorme Bedeutung als Standortfaktor im Wettbewerb um hochqualifizierte Arbeitskräfte und Unternehmen zu. Gerade für Familien spielt die Erreichbarkeit von Grünflächen sowie ein von Umweltbeeinträchtigungen freies Wohnumfeld eine bedeutende Rolle. Städtische Naturräume gehören dementsprechend immer häufiger zu den „Attraktionen“, mit denen im Standortmarketing der Kommunen geworben wird. Diese Qualität von Grünflächen drückt sich auch in den Preisen für Grundstücke und Immobilien aus. Eine Untersuchung für 16 deutsche Mittel- und Großstädte hat ergeben, dass neben nicht freiraumbezogenen Faktoren wie zum Beispiel Stadtgröße und Gebietstyp insbesondere Grünanlagen im direkten Wohnumfeld den Bodenrichtwert erheblich erhöhen20. In Berlin beispielsweise liegt der durchschnittliche Mietpreis für Wohnraum mit weniger als 400 Metern Entfernung zur nächsten Grünfläche 170 Euro pro Quadratmeter über den durchschnitt­ lichen Mietpreisen von weiter entfernt liegenden Wohnungen21. Das Konzept der Ökosystemleistungen und eine nutzungsorientierte Perspektive auf die Natur bietet aber nicht nur zusätzliche Argumente für mehr Grün- und Freiflächen im Siedlungsbereich, es können auch damit zusammenhängende, gesellschaftliche Problemstellungen aufgezeigt werden: Wenn Boden- und Mietpreise unmittelbar mit der Nähe zu öffentlichen Grünflächen steigen, bedeutet dies auch, dass Wohngebiete, in denen Haushalte leben, die über ein höheres Einkommen verfügen, in der Regel besser durchgrünt sind als Stadtteile, in denen Menschen mit geringerem Einkommen leben. Für die psychische und physische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen spielt Naturerfahrung im unmittelbaren Lebensumfeld jedoch unabhängig vom Einkommen der Eltern eine bedeutende Rolle. Und schließlich verdeutlicht eine nutzungsorientierte Perspektive auf die Natur auch die besondere Verantwortung der Kommunen, zu deren Schutz und Erhalt beizutragen. Kommunen wirken mit nahezu all ihren Aktivitäten auf die biologische Vielfalt ein. Jede neue Straße und Stadtentwicklungsmaßnahme hat direkte Auswirkungen auf Boden, Vegetation und Mikroklima. Und nur wenn biodiversitätsrelevante Gesichtspunkte frühzeitig berücksichtigt werden, können negative Einwirkungen minimiert und die Funktionsfähigkeit von Ökosystemen erhalten werden. Nicht immer lässt sich jedoch ein unmittelbarer Nutzen von Naturschutzmaßnahmen für die betroffenen Bürgerinnen und Bürger aufzeigen. Eine auf die Ökosystemleistungen zugespitzte Rechtfertigung des Naturschutzes birgt daher auch die Gefahr, dass aus naturschutzfachlicher Sicht notwendige Maßnahmen aufgrund fehlender „Rendite“ verworfen werden. Und selbst wenn ein solcher Nutzen offensichtlich erscheint, wird dieser in vielen Fällen eine subjektive Größe bleiben, deren Bestimmung nicht nur von persönlichen Präferenzen, sondern auch von gesellschaftlichen Trends und Diskursen beeinflusst wird. Um so mehr, ist es im Sinne des Naturschutzes wichtig, die Menschen vor allem über eine emotionale Ansprache und die unmittelbare Naturerfahrung für den Eigenwert der Natur zu begeistern. Deren Schönheit und Ästhetik sollten hierzu in den Vordergrund gerückt und nicht hinter nutzungsorientierten Argumenten versteckt werden. Das positive Erleben von Natur rückt damit in den Vordergrund. Denn um nicht nur das Verständnis für die Ziele des Naturschutzes, sondern auch aktives Engagement breiter Bevölkerungsteile zu fördern, müssen neben dem Kopf auch das Herz und die Sinne erreicht werden. Gerade bei Kindern und Jugendlichen kann durch intensive Naturerfahrungen frühzeitig eine positive Mensch-Natur-Beziehung erreicht werden, die als Voraussetzung für das individuelle Engagement für den Naturschutz gilt.

er­ rungen Positive Natur­­ fah und machen aus Kindern en die NaturJugendlich n. schützer von morge

Grünflächen in der Wohnum gebung erhöhen die Attraktivität von Städten und Gemeinden.

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Literatur und Bildnachweise Monitoring & Evaluation
1	 Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (2007): Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt. Seite 42. 2	 Werner, Peter/Zahner, Rudolf (2009): Biologische Vielfalt und Städte. Eine Übersicht und Bibliographie. Seite 47. 3	 Hansjürgens, Bernd/Neßhöver, Carsten/Schniewind, Imma (2012): Der Nutzen von Ökonomie und Ökosystemleistungen für die Naturschutzpraxis. Seite 17. 4	 Naturkapital Deutschland – TEEB DE (2012): Der Wert der Natur für Wirtschaft und Gesellschaft – Eine Einführung. 5	 Rittel, Katrin/Wilke, Christian/Heiland, Stefan (2011): Anpassung an den Klimawandel in städtischen Siedlungsräumen – Wirksamkeit und Potenziale kleinräumiger Maßnahmen in verschiedenen Stadtstrukturtypen. Dargestellt am Beispiel des Stadtentwicklungsplans Klima in Berlin. In: Die Natur der Stadt im Wandel des Klimas - eine Herausforderung für Ökologie und Planung. Seite 67-77. 6	 Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (2007): Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt. Seite 43. 7 	 Naturkapital Deutschland – TEEB DE (2012): Der Wert der Natur für Wirtschaft und Gesellschaft – Eine Einführung. Seite 50. 8	 Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (2012): Deutschlands Städte wachsen – erhebliche Unterschiede zwischen West und Ost. https://www. demografie-portal.de/SharedDocs/Informieren/DE/ Statistiken/Regional/Bevoelkerungswachstum_Gemeinden.html. 20.05.2014. 9	 Statistisches Bundesamt (1998): Gesundheitsbericht für Deutschland. Kapitel 4.9, Wohnungsverhältnisse. http://www.gbe-bund.de/gbe10/ ergebnisse.prc_pruef_verweise?p_uid=gast&p_ aid=37012279&p_fid=864&p_ftyp=TXT&p_ pspkz=D&p_sspkz=&p_wsp=&p_vtrau=4&p_hlp_ nr=2&sprache=D&p_sprachkz=D&p_lfd_nr=37&p_ news=&p_modus=2&p_window=&p_janein=J.html. 20.05.2014. 10	 Gloor, Sandra et al. (2010): BiodiverCity: Biodiversität im Siedlungsraum. Zusammenfassung. Unpublizierter Bericht im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt BAFU. Seite 20. 11 	ebd. 12 	Naturkapital Deutschland – TEEB DE (2012): Der Wert der Natur für Wirtschaft und Gesellschaft – Eine Einführung. Seite 51. 13	 Rittel, Katrin/Bredow, Laura/Wanka, Eva Regina/Hokema, Dorothea/Schuppe, Gesine/Wilke, Torsten/Nowak, Dennis/Heiland, Stefan (2014): Grün, natürlich, gesund: Die Potenziale multifunktionaler städtischer Räume. BfN-Skripten 371. 14	 Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit/Bundesamt für Naturschutz (2014): Naturbewusstseinsstudie 2013. Bevölkerungsumfrage zu Natur und biologischer Vielfalt. Seite 39. 15	 White, Mathew/Alcock, Ian/Wheeler, Benedict/ Depledge, Michael (2013): Would You Be Happier Living in a Greener Urban Area? A Fixed-Effects Analysis of Panel Data. In: Psychological Science, 24 (6). Seite 920-928. 16	 Maller, Cecily et al. (2009): Healthy parks, healthy people. The health benefits of contact with nature in a park context. In: George Wright Forum, 26 (2). Seite 51-83. 17	 Ellaway, Anne/Macintyre, Sally/Bonnefoy, Xavier (2005): Graffiti, greenery, and obesity in adults: secondary analysis of European cross sectional survey. In: British Medical Journal 331. Seite 611-612. 18	 Velardea, Maria/Fryb, Gary/Tveit, Mari (2007): Health effects of viewing landscapes – Landscape types in environmental psychology. In: Urban Forestry & Urban Greening 6. Seite 199-212. 19	 Marzinzik, Kordula/Bethlehem, Rainer & Renate (2014): Vom Ort der 100.000 Apfelbäume. Faba Naturprojekt zur Unterstützung von Kindern aus Familien mit Sucht- und/oder psychischer Erkrankung. 20	 Jessel, Beate/Tschimpke, Olaf/Walser, Manfred (2009): Produktivkraft Natur. Seite 71. 21	 Bundesamt für Naturschutz (2008): Ecosystem Services of Natural and Semi-Natural Ecosystems and Ecologically Sound Land Use. BfN-Skripten 237. Seite 113.

Bildnachweis: Titel: Stadt Bad Wildungen; Seite 3: Jürgen Fälchle/Fotolia.com (links), Stadt Riedstadt (rechts); Seite 4: Stadt Münster (links), Stadt Wernigerode (rechts oben), Gemeinde Arnsberg (rechts unten); Seite 5: Stadt Riedstadt (links), Stadt Bielefeld (mitte), Gemeinde Nettersheim (rechts); Seite 6: Stadt Nagold (links), faba (mitte, re); Seite 7: Eva Thiele (li), Stadt Langenzenn.

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