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Modellverfahren Mäusebunker

Full text: Baunetzwoche (Rights reserved) Issue585.2021 Modellverfahren Mäusebunker (Rights reserved)

Das Querformat für Architekten MODELLVERFAHREN MÄUSEBUNKER JUNGE DENKMALPFLEGE IN BERLIN 585 7. Oktober 2021 T H E B LE A L I A AV CIT Y ago Chic ture itec 21 h c r A l 20 a i n n Bi e 585 DIESE WOCHE Tipp Bild der Woche Das ehemalige Tierversuchslabor der Freien Universität Berlin ist das sperrigste Baudenkmal der Stadt. Eine Nachnutzung des weitgehend fensterlosen, brutalistischen Sichtbetonkolosses erscheint schwierig. Mit dem „Modellverfahren Mäusebunker“ hat das Landesdenkmalamt Berlin einen offenen Prozess initiiert, der neue Wege der denkmalpflegerischen Debatte gehen möchte. Dossier 6 Architekturwoche 2 News 10 14 20 Modellverfahren Mäusebunker Junge Denkmalpflege in Berlin Von Friederike Meyer Lösungsorientiert zusammenarbeiten Interview mit Christoph Rauhut Die Ikonisierung ist längst im Gang Interview mit Ludwig Heimbach Ein Berghain des Westens? Nicht ohne Denkmalpflege! Gabi Dolff-Bonekämper und Oliver Elser im Gespräch 3 Architekturwoche 4 News 27 Tipp 30 Bild der Woche Titel + oben: Der Mäusebunker in Berlin-Steglitz im Jahr 2020. Fotos: Neue Langeweile Inhalt Heinze GmbH | NL Berlin | BauNetz Geschäftsführer: Ulf Thiele Gesamtleitung: Stephan Westermann Chefredaktion: Friederike Meyer Redaktion dieser Ausgabe: Friederike Meyer Artdirektion: Natascha Schuler Landesdenkmalamt Diese Ausgabe entstand in Kooperation mit: n mit pa sse et ter. r e v gabe e-Newsl h e Au s K e i n u n e t z w o c ie r e n ! n a n B o b m a de Jetzt News Dossier Tipp Bild der Woche 585 Architekturwoche 3 FREITAG Inhalt Foto: BauNetz Es setzt schon eine gewisse Medienprominenz voraus, um vom Magazin der Süddeutschen Zeitung für die Reihe „Sagen Sie jetzt nichts“ eingeladen zu werden. Musiker und Schauspielerinnen, Politikerinnen und Fußballer offenbaren dort immer wieder ihre pantomimischen Künste. Vergangene Woche war der Architekt und Mitkurator im diesjährigen Deutschen Biennalepavillon Arno Brandlhuber an der Reihe. Die Kollegen fragten humorvoll und informiert: Was er als Architekt von der Natur gelernt habe, wie sich Beton anfühlt, warum er eine Villa gebaut habe, die wie eine Ruine aussieht. Die interessanteste Frage aber stellten sie nicht: Wie gehen ein klassenkämpferischer Habitus und Entwürfe für ein Luxuswohnprojekt im Berliner Tacheles glaubwürdig in einer Person zusammen? fm 585 NEWS BALLSAAL AUF BAYRISCH KARRIERE DER SCHEUNE BAUNETZ ID BAUNETZ WISSEN BAUNETZ MELDUNGEN Foto: Rory Gardiner Foto: Wouter Van der Sar, Zwolle, for Concrete, Amsterdam Kirche und Gemeindezentrum bei Göteborg von Kaminsky arkitektur, Foto: James Silverman Mit dem Wunsch nach mehr Platz, mehr Offenheit, aber auch neuen Rückzugsmöglichkeiten in ihrem Einfamilienhaus in Melbournes Vorort Mentone wandten sich die Besitzer*innen an Studio Bright: „Unsere Kund*innen wünschten sich zusätzliche Schlafzimmer und größere Wohnräume“. „Wir haben gezeigt, wie das Haus mit einer effizienten Planung und flexiblen, vielseitig nutzbaren Räumen diese Wünsche auf kleiner Fläche erfüllen kann. So konnten wir einen Großteil des Gartens erhalten und die Wohnräume nach Norden ausrichten.“ Für den Anbau verwendeten Architekt*innen Ziegel, schlugen so eine Brücke zum Bestand und nutzten zugleich die thermischen Eigenschaften des Materials. www.baunetz-id.de Wer im Ballsaal des Andaz-Hotels am Schwabinger Hof in München tanzt, nimmt wahr, dass er sich in der bayerischen Metropole befindet: Rauten an Decke, Boden und Rückwand zeigen ein blauweißes Licht- und Farbenspiel. Das Amsterdamer Büro Concrete gestaltete die Innenräume der Luxusherberge, HPP Architekten planten das Gebäude. Durch eine Passage ist es zweigeteilt und über einen verglasten Skywalk verknüpft. Der opulente Ballsaal ist 500 Quadratmeter groß und fünf Meter hoch. Seine ornamentierte Decke lässt sich in farbiges Licht tauchen. Der Bodenbelag aus dreieckigen Teppichfliesen in unterschiedlichen Blautönen formt ein adäquates Gegenüber. In der Architektur hat die Scheunentypologie eine steile Karriere hingelegt. Vorläufiger Höhepunkt ist die Museumsscheune, die Herzog & de Meuron gerade in Berlin errichten. Angesichts ihrer simplen Gestalt fragen sich jedoch viele, ob die ländliche Bauform den benachbarten Ikonen von Mies und Scharoun angemessen ist. Nur: dem Typus kann man seine Popularität schlecht vorwerfen. Die Kombination aus archaischer Reduktion und innere Offenheit passt einfach gut zum Zeitgeist – in Osaka ebenso wie in Portland oder Memmingen. 18 scheunenartige Gebäude zeigen, dass der Grundtypus fast jede Bauaufgabe um eine interessante Dimension ergänzt. www.baunetzwissen.de/boden www.baunetz.de/meldungen Inhalt Architekturwoche 4 News Dossier Tipp Bild der Woche UMBAU STATT UMZUG 585 Inhalt Architekturwoche 5 News Dossier Tipp Bild der Woche Gebäudetechnik Aquiferspeicher Coanda-Effekt Enthalpie Low-Flow-System Olf Rigole ... noch Fragen? Baunetz_Wissen_ sponsored by Inhalt Architekturwoche 6 News MODELLVERFAHREN MÄUSEBUNKER Teil der Serie „Out of Home-Stories” © Kay Fingerle Dossier Tipp Bild der Woche 585 Inhalt Architekturwoche 7 News Dossier Tipp Bild der Woche 585 MODELLVERFAHREN MÄUSEBUNKER JUNGE DENKMALPFLEGE IN BERLIN VON FRIEDERIKE MEYER Das ehemalige Tierversuchslabor der Freien Universität Berlin ist das sperrigste Baudenkmal der Stadt. Das macht bereits der gnadenlos direkte Spitzname „Mäusebunker“ klar. Die Nachnutzung des weitgehend fensterlosen, brutalistischen Sichtbetonkolosses ist schwierig. Mit dem „Modellverfahren Mäusebunker“ hat das Landesdenkmalamt Berlin einen offenen Prozess initiiert, der neue Wege der denkmalpflegerischen Debatte gehen möchte. Das als Mäusebunker bekannte Gebäude im Südwesten Berlins gehört zu den architektonischen Extremen des 20. Jahrhunderts. Ab 1967 von Gerd und Magdalena Hänska geplant, 1981 fertig gestellt und seit August 2020 nicht mehr genutzt, irritieren die ehemaligen „Zentralen Tierlaboratorien der Freien Universität“ mit ihrer technisch-industriellen, geradezu unheimlichen Ästhetik. Der 143 Meter lange und 38 Meter breite Sichtbetonpyramidenstumpf mit seinen blauen Belüftungsrohren erinnert viele an eine Verteidigungsanlage oder ein Kriegsschiff. Die im Frühjahr 2020 verkündeten Abrisspläne der Berliner Charité provozierten nicht nur Protest seitens engagierter Bauhistorikerinnen und Architekten, sondern veranlassten das Landesdenkmalamt Berlin, einen bisher beispiellosen Prozess zu starten. Foto: Neue Langeweile 585 Denn anders als beim direkt gegenüberstehenden „Hygieneinstitut“ von Hermann Fehling und Daniel Gogel (1966–74), das inzwischen Denkmalstatus genießt und dessen offene Architektur gute Chancen auf eine angemessene Neunutzung bietet, lässt die introvertierte Architektur des Mäusebunkers eine Nachnutzung schwierig erscheinen. In diesem Sinne ist der Mäusebunker vergleichbar mit einem anderen, inzwischen allerdings auch denkmalgeschützten Objekt in Berlin: dem Internationalen Congress Centrum ICC (Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte, 1973–79), das seit Jahren leer steht. Wie das ICC ist auch der Mäusebunker sperrig, riesig und schwer bespielbar. Keine Behörde fühlt sich zuständig oder der großen Aufgabe gewachsen. Verschiedene Nutzungskonzepte verschwanden immer wieder in den Schubladen. Inhalt Architekturwoche 8 News Dossier Tipp Bild der Woche Im „Modellverfahren Mäusebunker“ ruft Landeskonservator Christoph Rauhut die Berliner Stadtentwicklungs-, Wissenschafts- und Kulturverwaltung, die Abgeordneten und Bezirksverordneten, die Fachwelt und alle interessierten Menschen dazu auf, laut über Möglichkeiten für den Erhalt des Mäusebunkers und eine zeitgemäße und denkmalverträgliche Umnutzung nachzudenken. Links: Aus dem Video von Farao „Marry Me“. Rechts: Luftbildaufnahme von der Baustelle für die Zentralen Tierlaboratorien (ZTL) in der Krahmerstraße 6-10: Reinhard Friedrich Um Letzteres zu vermeiden, werden Ideen zum Mäusebunker nun auf der Webseite „Modellverfahren Mäuserbunker“ gesammelt. Unterlagen und Planmaterialien sind für alle einsehbar. Denkmalpflege ist eine Gemeinschaftsleistung von Eigentümerinnen und Denkmalbehörden, Architekten, Restauratorinnen und Handwerkern – so zumindest definiert es das Landesdenkmalamt Berlin. Für das kommende Jahr sind strategische Werkstätten geplant, in denen ressortübergreifend und interdisziplinär Szenarien für die Nachnutzung erarbeitet werden sollen. Das „Modellverfahren Mäusebunker“ steht für einen prozesshaften und offenen Umgang mit einem umstrittenen Architekturerbe, das weitreichende Fragen aufwirft: Fragen nach der kulturellen Bedeutung der Nachkriegsmoderne für unsere heutige Gesellschaft, nach einer ökologisch angemessenen Ressourcenökonomie und nach dem künstlerischen Wert von Architektur. Inhalt Architekturwoche 9 News Dossier Tipp Bild der Woche 585 Foto: Neue Langeweile 585 de abzureißen und das Gelände neu zu entwickeln. Dafür hatte die Charité schon die rechtlichen Grundlagen geschaffen. Mit dem Modellverfahren Mäusebunker versuchen wir nun, mit der Charité lösungsorientiert zusammenzuarbeiten. Der Berliner Landeskonservator Christoph Rauhut initiierte das Modellverfahren für den Erhalt des Mäusebunkers und den Prozess hin zu einer Umnutzung. Foto: LDA Inhalt Architekturwoche 10 News Dossier Tipp Bild der Woche Was ist Ihr Ziel? Wir wünschen uns ein Ergebnis, das den denkmalgerechten Erhalt des Gebäudes ermöglicht. Dieses muss wirtschaftlich darstellbar sein und den Charité-Standort Campus Benjamin Franklin städtebaulich und inhaltlich stärken. Kurzum: Wir versuchen zu überzeugen, dass man Mut zum Denkmal haben darf! LÖSUNGSORIENTIERT ZUSAMMENARBEITEN INTERVIEW: FRANCESCA FERGUSON Herr Rauhut, wie ist die Ausgangslage des Modellverfahrens? Christoph Rauhut: Wir als Landesdenkmalamt Berlin wollen mit dem Modellverfahren in einer inhaltlich wie auch rechtlich komplexen Situation nach Lösungen suchen. Für die Zukunft des Mäusebunkers gibt es zwei gegensätzliche Interessen: Da ist einerseits der durch uns festgestellte Denkmalwert, also das Ziel der Erhaltung; und andererseits der ursprüngliche Wunsch der Berliner Charité als Eigentümerin, das Gebäu- Seit Ihrem Amtsantritt als Berliner Landesdenkmalpfleger im Jahr 2018 haben Sie bereits das ICC unter Denkmalschutz gestellt. Wie der Mäusebunker ist auch das ein Bauwerk von immenser Größe und Sperrigkeit. Welche Auffassung von Denkmalpflege steckt dahinter? Ich verstehe die Denkmalpflege als Protagonistin, die in enger Zusammenarbeit mit weiteren Disziplinen an den aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen arbeitet. Mein Eindruck ist, dass der Denkmalschutz immer relevanter wird. In der Berliner Öffentlichkeit erleben wir angesichts des aktuellen Baubooms eine wachsende Wertschätzung des Historischen, auch der jüngeren Geschichte. Angesichts der Klimakrise kann die Baubranche auch von der Denkmalpflege lernen: Ressourcenökonomie, Reparaturfähigkeit und Gesamtenergiebilanz sind schon lange Themen der Denkmalpflege, die wir nun dringend in den großen Maßstab übertragen müssen. Wie wird das Landesdenkmalamt aktiv und mit welchem baukulturellen Ziel? Das Landesdenkmalamt versteht sich im Modellverfahren als Anwalt des Gebäudes. Wir wollen die Potenziale und die Gründe für den Erhalt sichtbar machen: die ökologische Notwendigkeit, ökonomische Denkmodelle, die Idee der Co-Habitation, die städtebaulichen Chancen und vor allem auch den Mäusebunker als international etablierte Marke. Wer soll in das Verfahren einbezogen werden? Wir hoffen auf eine möglichst breite politische Unterstützung und Mitarbeit – auf Bezirksebene, auf Landesebene, und vielleicht schaffen wir es ja auch, das Projekt als nationales Modellverfahren auf Bundesebene zu etablieren. Im Gespräch sind wir bereits mit den Stadtentwicklungs-, Wissenschafts- und Kulturverwaltungen, ebenso mit 585 Inhalt Architekturwoche 11 News Dossier Tipp Bild der Woche Vertreter*innen des Abgeordnetenhauses und der Bezirksverordnetenversammlung in Steglitz-Zehlendorf. Gemeinsam wollen wir im kommenden Jahr strategische Werkstätten zur Entwicklung von Szenarien für die Nachnutzung des Gebäudes durchführen. Expertisen von Stadtentwicklung, Architektur, Kultur, lokalen Akteur*innen sowie aus dem Wissenschaftsnetzwerk im Bezirk sollen dabei zusammengeführt werden. Das Webseite kommuniziert weit über Berlin hinaus. Wird die Zukunft des Mäusebunkers nicht zwischen den politischen Entscheidungsträgern verhandelt? Als Denkmalpfleger fühle ich mich zuallererst der Öffentlichkeit verpflichtet. Denkmalschutz kann nicht einfach nur politisch entschieden werden. Insofern versuchen wir, die Öffentlichkeit auf verschiedenen Ebenen einzubinden. Eine Herausforderung hierbei ist, dass es natürlich nicht „die Öffentlichkeit“ gibt. Vielmehr gibt es unterschiedliche Akteursgruppen, die auch unterschiedliche Interessen und vor allem auch unterschiedliche Ideen haben. Mit der Diskursplattform versuchen wir, alle einzubinden – die Leute vor Ort ebenso wie diejenigen von weiter weg. Welche Projekte in Berlin dienen als Vorbild für das Modellverfahren? In Berlin gibt es gute und schlechte Beispiele für Reaktivierungsprozesse. Als Vorbilder für den Mäusebunker-Prozess fallen mir das Haus der Statistik, das Theater Karlshorst und auch die Entwicklung rund um die ehemalige Blumengroßmarkthalle ein. In all diesen Fällen gibt es eine öffentliche Beteiligung am Prozess wie auch die Offenheit für privates Engagement. Gleichzeitig sind alle Projekte aus dem Bestand heraus entwickelt. Mit dem Modellverfahren Mäusebunker hoffe ich, erfolgreiche Elemente aus solchen Prozessen auch für den adäquaten Umgang mit Denkmalen zu etablieren. denkmalfachliche Dokumentation beauftragt, die zum Beispiel auch ein bebildertes Raumbuch beinhaltet. Der Zustand des Gebäudes ist durch die kontinuierliche Nutzung überraschend gut. Gleichzeitig wissen wir, dass es die für Gebäude jener Zeit typischen Herausforderungen gibt: Schadstoffbelastungen, Betonschäden, eine veraltete Haustechnik, die in diesem Fall für jegliche zukünftige Nutzung auch überdimensioniert ist. Hiermit muss man sich auseinandersetzen. Was ist bisher geschehen, und welche Schritte stehen als nächstes an? Wichtig war die Entscheidung der Charité, für die Entwicklung am Standort ein eigenes Werkstattverfahren auf dem Hauptcampus, also neben dem Klinikum Benjamin Franklin, durchzuführen. Hierbei hat sich im Frühjahr gezeigt, dass das Grundstück Mäusebunker als Erweiterung der Klinikfläche unattraktiv ist. Das Grundstück Mäusebunker kann somit nun in einem größeren Maßstab gedacht werden, da hier auch andere städtebauliche Potenziale umgesetzt werden können. Momentan stellt sich die Frage, wer in Zukunft die Verantwortung für das Gebäude und das Grundstück übernimmt. Die Charité signalisiert hier Offenheit im Denken, die es nun gilt, auch auf der Ebene der politischen Entscheidungsträger*innen zu wecken. Mehr dazu unter: www.modellverfahren-maeusebunker.de Was macht die Architektur des Mäusebunkers besonders schützenswert? Aus meiner Sicht natürlich zuallererst ihr Denkmalwert: Die spezifische Zweckbindung der Zentralen Tierlaboratorien ist eine Besonderheit, und hiermit wird man im Rahmen der Umnutzung genau überlegen müssen, was besonders schützenswert ist und an welchen Stellen Veränderung stattfinden kann. Gleichzeitig ist das bekannte Bild des Gebäudes sehr eng an Kubatur und Fassade geknüpft. Meines Erachtens ist insbesondere dies Teil der Marke Mäusebunker. Wie ist derzeit der Zustand des Gebäudes? In Vorbereitung des Modellverfahren Mäusebunker hatten wir eine umfassende Zentrale Tierlaboratorien Berlin, 1984 © Georg Fischer Inhalt Architekturwoche 12 News Dossier Tipp Bild der Woche 585 Teil der Serie „Out of Home-Stories” © Kay Fingerle Inhalt Architekturwoche 13 News Dossier Tipp Bild der Woche 585 Experimental Setup Berlin: © Ludwig Heimbach Dossier Tipp Bild der Woche 585 14 News Ludwig Heimbach kuratierte im Herbst 2020 in der BDA Galerie Berlin die Ausstellung „Mäusebunker & Hygieneinstitut: Versuchsanordnung Berlin“. Im September 2021 war sie in erweiterter Form in Venedig zu sehen. Foto: Kay Fingerle Inhalt Architekturwoche DIE IKONISIERUNG IST LÄNGST IM GANG INTERVIEW: KRISTINA WORTHMANN Experimental Setup Berlin: © Ludwig Heimbach Herr Heimbach, worum geht es in Ihrer Ausstellung „Mäusebunker und Hygieneinstitut: Versuchsanordnung Berlin“? Die Ausstellung würdigt die baukünstlerische Leistung der Architekten und stellt die aktuelle Diskussion um den Erhalt der Bauten als gesellschaftliche Versuchsanord- 585 Inhalt Architekturwoche 15 News Dossier Tipp Bild der Woche nung mit offenem Ergebnis dar. Das Hygieneinstitut steht mittlerweile unter Denkmalschutz, aber was mit dem Mäusebunker geschieht, ist noch offen. Das Experiment läuft also noch. Ausstellungsgrafik „Experimental Setup”. Unten: Nachlass Hänska © Thomas Hänska Bleiben wir beim Mäusebunker. Was ist charakteristisch für die Gestaltungsprache der ehemaligen Tierlaboratorien (1966-1981) von Gerd und Magdalena Hänska? Der Mäusebunker zeigt in seiner ganzen Formensprache Abwehr: Zum Beispiel durch die tetraederförmigen Fensterelemente, die wie bei historischen Festungsarchitekturen auf die glatte Außenwand gesetzt sind, oder die Luftansaugrohre, die wie Kanonen aus dem Gebäude ragen. Das Wehrhafte dieser Architektur zeigt, dass das Thema Tierversuche schon zur Entstehungszeit ambivalent betrachtet wurde, wenngleich die prägenden Fassadenelemente rein funktional das Gebäude von Licht und Erwärmung durch Sonneneinstrahlung abschirmen und die angesaugte Luft ohne große Temperaturschwankungen in das Gebäude holen sollten. Gerd Hänskas Sohn Thomas hat mir erzählt, dass sein Vater das Gebäude immer sehr trocken wie eine Maschine beschrieben hat. Aber die Hänskas werden schon gewusst haben, was sie da für eine Stealth-Arche-Noah hinbauen, die sich sicher nicht „heiter und gelassen“ wie Ron Herrons Walking City durch die Landschaft bewegt, sondern eher wie Hans Holleins Flugzeugträger. Als der Mäusebunker gebaut wurde, kam gerade der Begriff des Cyberpunk in der Science-Fiction-Literatur auf. Es gab einen breiten Diskurs, der in Comics und Filmen, wie zum Beispiel Blade Runner zu einer Ästhetik weiterverarbeitet wurde, die die Wahrnehmung des Gebäudes als kultureller Kontext heute mitbestimmen. In der Ausstellung gibt es eine Zeichnung vom Mäusebunker, auf der man sieht, wie das Schiff untergeht und die Tiere davonlaufen. „Als das ZTL im Schluff unterging“ steht darunter. Was hat es damit auf sich? Die Zeichnung ist wohl von einem Büromitarbeiter der Hänskas und hat sich anscheinend so großer Beliebtheit erfreut, dass ich im Nachlass neben der Originalskizze vier Fotokopien davon gefunden habe. Thomas Hänska sagte, dass die Zeichnung auf keinen Fall von seinen Eltern stammt. Sie nimmt Bezug darauf, dass das Terrain nicht so ganz einfach zu bebauen ist, weil es im ehemaligen Flussbett der Bäke liegt. Zwei Jahre hat man an der Bodenplatte gebaut und Versuchsreihen gemacht, ob die Gründung funktioniert. Das Schöne an dieser Skizze ist die Anspielung auf Caspar David 585 Bild der Woche Friedrichs „gesunkene Hoffnung“ in „Das Eismeer“, sodass sie bereits eine Boots-Metapher in sich trägt. Thomas Hänska hat mir erzählt, dass man im Büro herumgewitzelt hat, dass der Mäusebunker beizeiten auf den Teltow-Kanal rausfährt. Und dann sieht man auf der Zeichnung, wie die Mäuse fluchtartig das sinkende Schiff verlassen und auch ein Herr Köppe wegrennt – vermutlich der Bodengutachter. Jedenfalls musste man eine Neuberechnung der Gründung machen und neue Pfähle durch die fertige Bodenplatte errichten, was auch die Kosten in die Höhe getrieben hat. 16 News Dossier Tipp Wie viel Einfluss wurde von „außen“ auf die architektonische Gestaltung genommen? Ich finde faszinierend an den Bauten dieser Zeit, dass der Freiheitsgedanke der „Frontstadt Berlin“ mit dem Mut der öffentlichen Bauherren einher ging. Mein Eindruck ist, dass nicht vorauseilend auf eine vermeintliche Mehrheitsmeinung geschielt wurde, sondern dass Freiheit und Vielfalt des Ausdrucks auch im öffentlichen Bauen möglich waren. Sowohl das Hygieneinstitut als auch die Tierlaboratorien sind Direktaufträge gewesen – mit dem Mäusebunker war zudem ein Forschungsauftrag verbunden. Für die neue Funktion musste natürlich erst einmal eine technische Form gefunden werden. Damals war es zum Beispiel nicht üblich, luftdichte Hüllen zu bauen, wie es heute Standard ist. Deshalb entstand zunächst der sogenannte kleine Mäusebunker, der mittlerweile abgerissen ist. Alle wesentlichen Bauteile wurden daran ausprobiert: die Luftansaugrohre, die tetraederförmigen Gaubenfenster, die Haustechnik. Inhalt Architekturwoche Wie steht es um die Haustechnik im Mäusebunker? In der aktuellen Debatte um den Erhalt werden immer die hohen Energiekosten des Mäusebunkers hervorgehoben. Der riesige Tierstall musste ständig gekühlt werden, deshalb sind die Fassaden 1967 mit einem sehr hohen Dämmstandard geplant worden, der in etwa dem bis 2002 gültigen Dämmstandard entspricht. Zudem musste ein ständiger Luftaustausch gewährleistet werden. Es gibt Überdruckzonen und Unterdruckzonen im Gebäude, je nach infektiologischer Anforderung der Funktionsbereiche. Bis zum Leerzug Ende August 2020 wurde der Mäusebunker mit der Originalhaustechnik von 1981 gefahren. Bei einer energetischen Debatte um das Gebäude sollte man aber auch bedenken, wieviel graue Energie im Stahlbeton gespeichert ist, die man durch einen Rückbau einfach vernichten würde. Experimental Setup Berlin: © Ludwig Heimbach Inhalt Architekturwoche 17 News Dossier Tipp Bild der Woche 585 Der Mäusebunker hat einen Garten zum Teltowkanal. Sollten die Tiere raus können? Medizinisch-technische Assistent*innen, die in den damaligen Tierlaboratorien gearbeitet haben, erzählten mir, dass das Gebäude im Vergleich zu anderen Tierlaboratorien insbesondere im Hinblick auf den Tierschutz von Versuchstieren vorbildlich war. In der ursprünglichen Planung gab es drei verschiedene Haltungsformen von Tieren: die vollsterile Aufzucht für eine bessere Vergleichbarkeit zwischen den Versuchsergebnissen, die „spezifisch pathogenfreie“ Haltungsform und die konventionelle Haltungsform, die bei Planungsbeginn für Versuchstiere üblich war. An der Ostseite waren Ställe für Schafe und Kälber angeordnet, die zu den Rasenstreifen als Freilaufgehege führen. Man darf nicht vergessen, dass das Gebäude sowohl für humanmedizinische als auch für veterinärmedizinische Zwecke geplant worden ist. Die Haltungsformen lassen sich im Längsschnitt des Gebäudes ablesen: von der Nord- bis zur Südseite erhöht sich das Reinheitsniveau im Gebäude stetig, die verschiedenen Funktionsteile sind über Schleusen voneinander getrennt, von daher stimmt die Schiffs-Analogie. Die dezentrale Luftansaugung über die Fassade steht ebenfalls in diesem Zusammenhang: die einzelnen Abteilungen sind getrennt voneinander versorgbar. Es kommen also Funktion, Form und gestalterischer Ausdruck zusammen. Wozu lässt sich der Mäusebunker aus Ihrer Sicht umnutzen? Ich finde die Idee eines Raums für Experimente, wo Leute aus der Wissenschaft und Kunst zusammenkommen, eine schöne Vorstellung. Bisher hat sich leider noch keiner der öffentlichen Träger gemeldet. Normalerweise haben wissenschaftliche und kulturelle Institutionen aber immer Raumbedarf. Ich habe gehört, die die Freie Universität hat einen großen Lagerbedarf für ihre wissenschaftliche Sammlung. Auch eine hydroponische Anlage, bei der das Gebäude quasi die Natur vor der Natur schützt, wäre reizvoll. Aufgrund der Größe des Gebäudes wird es wohl auf einen funktionalen Hybrid hinauslaufen, in dem ich mir auch Wohnfunktionen vorstellen kann. Dafür bräuchte es Licht und Luft in den Räumen. Man kann die einzelnen Platten der Fassade herausnehmen, Öffnungen in den Dachflächen vorsehen, oder auch Belichtungshöfe in die Struktur einbringen. An Innovationsstandorten ist allerdings manchmal gar kein großartiger Außenbezug gewünscht und hinsichtlich des Klimawandels wird sich auch unser Bedürfnis nach Außenbezug noch ziemlich ändern, wie man in südlichen Ländern sehen kann. Oben und unten: Experimental Setup Berlin: © Ludwig Heimbach Funktioniert das mit den Raumhöhen? Die Technikgeschosse des Mäusebunkers haben eine lichte Höhe von 2,26 Metern. Mit diesem Maß ist Le Corbusier in der Unité „Typ Berlin“ gescheitert. Dort wurde ihm die noch heute gültige Wohnraumhöhe von 2,50 Metern sehr zu seinem Missfallen verordnet, obwohl es schon die großartigen, gebauten Unité-Beispiele in Marseille und Nantes gab. Bei Adolf Loos gibt es begeisternde Wohnräume, die nur 2,15 Meter haben, die an Raumteile mit höheren Raumhöhen angebunden sind – das funktioniert hervorragend. In der Ausstellung in Venedig waren auch Arbeiten von Studierenden zu sehen, die sich mit der Umnutzung und dem Umbau des Mäusebunkers beschäftigen. Helfen Sie der Sache weiter? Ich finde es wichtig, studentische Positionen in Architekturdebatten einzubeziehen. Aufgefallen ist mir der starke kreative Impuls und die kraftvollen Reaktionen, die das Gebäude provoziert. Überrascht hat mich, dass das Gebäude bei vielen Arbeiten als „Bad Guy“ begriffen wurde, den man bezwingen und aufbrechen müsse, statt sein Inhalt Architekturwoche 18 News Dossier Tipp Bild der Woche 585 Links: Anna-Maria Grimm: Emissionshandelsbörse Mäusebunker © Anna-Maria Grimm I KIT Karlsruhe Rechts: Seren Arber: „SUMAK KAWSAY” (Filmstill) © Seren Arber I ETH Zürich dystopisches Potential weiter fortzuspinnen und auf die Spitze zu treiben. Interessant war auch ein bauökonomisches Seminar der TU Berlin, in dem die Studierenden die Umnutzungsfähigkeit des Mäusebunkers wirtschaftlich betrachtet haben und eine Umnutzung prinzipiell ökonomisch darstellen konnten. Was würden Sie sich für den Mäusebunker in 50 Jahren wünschen? Dass er noch steht! In der architektonischen Identität Berlins spielt der Mäusebunker bereits jetzt eine wesentlich größere Rolle, als noch vor anderthalb Jahren. Die gestalterische Qualität des Gebäudes ist sehr hoch, ich denke das ist kein kurzfristiger Hype. Dass der Mäusebunker als Motiv auf Frühstücksbrettchen zu sehen ist, zeigt doch, dass das vermeintliche Unbehagen über die ursprüngliche Funktion des Baus schon längst von dessen ästhetischer Wahrnehmung überstrahlt wird. Die Ikonisierung ist längst im Gang. Die ausführliche Version des Interviews findet sich unter: www.modellverfahren-maeusebunker.de Inhalt Architekturwoche 19 News Dossier Tipp Bild der Woche 585 Ausstellung im Spazio Gino Valle, Iuav Venedig: © Kay Fingerle 585 Gabi Dolff-Bonekämper ist Kunsthistorikerin, Denkmalpflegerin und seit 2002 Professorin für das Fachgebiet Denkmalpflege der TU Berlin. Sie hat durch zahlreiche Publikationen internationale Denkmalwert- und Denkmalschutzdebatten mitgeprägt. Foto: privat Inhalt Architekturwoche 20 News Dossier Tipp Bild der Woche Oliver Elser ist Kurator am Deutschen Architekturmuseum. 2016 war er Kurator von Making Heimat, dem Deutschen Pavillon auf der Architekturbiennale von Venedig, 2017 kuratierte er die Ausstellung „SOS Brustalismus“. Foto: Kirsten Bucher EIN BERGHAIN DES WESTENS? NICHT OHNE DENKMALPFLEGE! Westens daraus“. Wie siehst du das: Braucht es noch die Denkmalpflege, wenn man tatsächlich Brandlhuber und König das Gebäude übergeben würde? Oder wäre damit bereits das erreicht, worauf auch der Eintrag in die Denkmalliste abzielen würde: Der Erhalt der Substanz dieses Hauses. GABI DOLFF-BONEKÄMPER IM GESPRÄCH MIT OLIVER ELSER, JULI 2021 Gabi Dolff-Bonekämper: Daran glaube ich keinen Moment! Es zählt zu den Kernaufgaben der Denkmalpflege, auf die Dinge zu achten, die andere nebensächlich finden. Es geht um das denkmalpflegerische Know-how, was man auf jede Baustelle einbringt, obwohl die Architekt*innen immer zu wissen glauben, was sie wollen und immer beteuern, schon alles richtig zu machen. Oliver Elser: Im Frühjahr 2021 haben der Galerist Johann König und der Architekt Arno Brandlhuber gegenüber der Presse ihr Angebot erneuert: Gebt uns den Mäusebunker!, sagen sie. Die Schlagzeile lautete in etwa: „Wir machen ein Berghain des Inhalt Architekturwoche 21 News Dossier Tipp Bild der Woche 585 Teil der Serie „Out of Home-Stories” © Kay Fingerle 585 Inhalt Architekturwoche 22 News Dossier Tipp Bild der Woche OE: Beim Mäusebunker stellt sich die Frage nach der Reichweite des Denkmalschutzes. Das Gebäude ist nicht nur eine brutalistische Betonkonstruktion, sondern zugleich eine hocheffiziente Maschine. Müsste man nicht das gesamte System bewahren, inklusive aller Labore und der Technik zu deren Betrieb – und nicht nur die architektonische Hülle? GDB: Ja, zum Mäusebunker gehört dieses Abschottungssystem, die Kranken, die Gesunden und die Arbeitenden voneinander zu isolieren; durch Schleusen zu bringen, zu reinigen, getrennte Treppenhäuser zu haben und all das. Die innere Einrichtung des Gebäudes ist stark von diesen Abschottungs- und Isolierungsvorgängen erfüllt, die unabdingbar für den Betrieb waren und meines Erachtens nach Teil des funktionalen Gefüges sind. Davon muss etwas bleiben. Ich möchte nicht sagen, dass jetzt alle durch die Duschen gehen müssen und nur desinfiziert reinkommen. Dennoch halte ich die komplizierte, doppelt und dreifache Erschließung inklusive des Systems der Trennung von Verkehrs- und von Raumluftbereichen, die charakteristisch für das Gebäude sind, für einen wesentlichen Teil des Schutzgutes. Nicht in jedem Detail, aber im System. OE: Wie sehr gehört die Hülle in ihrer Gänze dazu? Als wir für den Making-HeimatBeitrag des DAM gemeinsam mit „Something Fantastic“ vier große Öffnungen in den denkmalgeschützten Deutschen Pavillon in Venedig brechen wollten, wurde mir klar, dass Denkmalpflege eine erzählerische, narrative Disziplin ist. Die oberste Denkmalpflegerin von Venedig hatte im letzten Moment gezögert und gesagt, wir dürften auf der zentralen Schauseite keine Löcher machen. Schließlich war der Kompromiss, dass wir die Öffnungen nur auf der einen Hälfte des Pavillons machen könnten, sodass man von der einen Seite das unangetastete Gebäude sieht und auf der anderen vor einer recht drastischen Intervention steht. GDB: Okay, das ist für einen Pavillon gut, aber der Mäusebunker ist kein Pavillon. Den einen Teil so zu lassen, wie er ist, damit man den anderen behandeln kann, wie man will, finde ich zu simpel. Das Ganze ist eine Einheit und ich kann mir viel eher vorstellen, dass man zum Beispiel mehr Fenster einfügt, wenn man sich gut überlegt, auf welche Weise man diese in die Hülle schneidet. OE: Hätte das zur Folge, dass ein mit der Denkmalpflege abgestimmtes Konzept sehr viel mehr als ein pragmatischer Umgang kostet? GDB: Dass die Denkmalpflege immer alles teurer macht, weil man halt sorgfältiger mit der Substanz umgehen muss, ist leider eine absolut gängige Behauptung. Sorgfältig muss man sowieso mit dem Bauwerk umgehen. Im Idealfall bildet man eine Arbeitsgruppe, in der man auf Augenhöhe miteinander Strategien und Lösungen erarbeitet. Das ist zum Beispiel beim Neuen Museum sehr erfolgreich geschehen. OE: Ich weiß nicht, ob beim Mäusebunker ein Problem mit Altlasten vorliegt. Aber es gibt immer wieder diese Totschlagargumente wie etwa Asbest oder PCB. Gabi Dolff-Bonekämper: Wenn es Asbest gäbe, müsste der ohnehin, genau wie damals beim Palast der Republik, vor dem Abbruch rausgebracht werden. Man kann also diesmal den Asbest auch rausnehmen und das Gebäude anschließend zur Abwechslung stehenlassen. OE: In der BDA-Ausstellung über den Mäusebunker, die Ludwig Heimbach kuratiert hat, hingen Listen, wie viele Katzen, Pferde, Mäuse und so weiter dort pro Jahr umgekommen sind. Wahnsinnige Zahlen. GDB: Man kann das Gebäude zukünftig nicht betreiben, ohne klarzustellen, was hier geschah. Man muss das thematisieren! Man könnte ja sagen, dass die Maus das Emblem wird und wir fragen Banksy, ob der uns eine Maus sprüht. Wer auch immer dieser Banksy ist und wie man ihn erreicht. Das Leittier für dieses Gebäude wird eine Maus! Und zwar keine niedliche Maus! OE: Du hast vor einem Jahr auf einer Veranstaltung im Hygieneinstitut, das ja nun bereits unter Denkmalschutz steht, argumentiert, dass der Mäusebunker längst nicht mehr bloß von seiner tatsächlichen Substanz her zu beurteilen sei, sondern als eine Art Medienphänomen gesehen werden müsse: Kann das als eine neue Kategorie, als ein „Denkmalkriterium des Internetzeitalters“ angesehen werden? GDB: Das Denkmalschutzgesetz definiert, dass ein Denkmal eine bauliche Anlage ist, deren Erhaltung ihrer künstlerischen, historischen, wissenschaftlichen oder städtebaulichen Bedeutung im – und das ist hier ganz wichtig – Interesse der Allgemeinheit 585 Inhalt Architekturwoche 23 News Dossier Tipp Bild der Woche liegt. Das Interesse der Allgemeinheit, das fünfte Kriterium ist das Korrektiv zu den vorherigen vier! Das Interesse der Allgemeinheit muss überwiegen, es muss existieren oder es muss hergestellt werden. Eine digitale Fangemeinschaft kann einen unglaublichen Drive entwickeln. Die weltweite Anteilnahme allein macht den Mäusebunker noch nicht zum Denkmal, aber sie markiert das große Interesse der Allgemeinheit. OE: Lass uns mal ein paar Nutzungsideen abklopfen. Wäre der Mäusebunker ein ideales Museumsdepot? Er ist dicht ist wie eine Thermoskanne. Keine Schädlinge, alles unter Kontrolle, perfekt. GDB: Aber wenn man ihn zu einem Depot macht, sind dort Sachen und keine Menschen. Das wäre ein verdammt teures Depot. OE: Wie wäre es, dort Server unterzubringen, einen gigantischen Datenspeicher? GDB: Okay. Aber das hieße, das Gebäude im Inneren unzugänglich zu machen. Statt Hunden nun Apparate. OE: Aber nicht jedes Denkmal verlangt nach Öffentlichkeit, oder? GDB: Man sollte die Antwort auf diese Frage sehr konkret aus den technischen Bedingungen herleiten, die der Mäusebunker bietet. Er ist mit diesen charakteristischen Röhren und der ganzen Lüftungsanlage nicht nur ein architektonisches, sondern auch ein technisches Denkmal. Enorm wichtig wäre es daher, mit einem Lüftungsingenieur reinzugehen, bevor sich irgendjemand irgendeine Form oder Nutzung ausdenkt. Erstmal müsste das Funktionieren von Belüftung und Belichtung durchgetestet werden. Wir haben an der TU Berlin hochkompetente Lüftungsingenieure, Klima- und Strömungsspezialisten, die könnte man leicht hinzuziehen. OE: Wenn man das Gebäude auf dem momentanen technischen Level weiterbetreibt, dann kostet das angeblich eine Million im Jahr. Also die Betriebskosten wären gigantisch. GDB: Egal wer oder was drin sein soll – die Klima- und Lüftungstechnik ist in jedem Fall der Schlüssel zur Benutzung des Gebäudes. Die Tiere haben auch alle geatmet. Mehr dazu unter: www.modellverfahren-maeusebunker.de Oben und unten: Teil der Serie “Out of Home-Stories” © Kay Fingerle Inhalt Architekturwoche 24 News Dossier Tipp Bild der Woche 585 Oben: Baustelle für die Zentralen Tierlaboratorien (ZTL) in der Krahmerstraße 6-10, Foto: Reinhard Friedrich, rechts oben: Neue Langeweile, unten: Teil der Serie „Out of Home-Stories” © Kay Fingerle Inhalt Architekturwoche 25 News Dossier Tipp Bild der Woche 585 Teil der Serie „Out of Home-Stories” © Kay Fingerle Inhalt Architekturwoche 26 News Dossier Tipp Bild der Woche 585 Christoph Rauhut in der Ausstellung in Venedig: © Servizio fotografico e immagine Iuav Inhalt Architekturwoche 27 News Dossier Tipp Bild der Woche 585 4. ARCHITEKTURBIENNALE IN CHICAGO VERLORENE MITTE VON TERESA FANKHÄNEL Inhalt Architekturwoche 28 News Dossier Tipp Bild der Woche 585 Links: Open Workshop, The Center Won’t Hold © Chicago Architecture Biennial / Darius Jasper, 2021. Oben: Soil Lab Baustelle © Chicago Architecture Biennial / Caliph Rasul, 2021. vorhergehende Seite: Manuel Herz, Central Park Theater © Chicago Architecture Biennial / Nathan Keay, 2021 VON TERESA FANKHÄNEL Ein starker Anstieg der Kriminalität dominiert seit Monaten die Nachrichten in Chicago. Morde und Gewaltverbrechen sind auf dem höchsten Stand seit einem Vierteljahrhundert. Selbst im historischen Loop nehmen Schießereien und Raubüberfälle zu. Polizei und Gerichte reden von Überforderung und die Bürgermeisterin fordert das Eingreifen der Bundesregierung. Die diesjährige Architekturbiennale in Chicago trifft deshalb den Nagel auf den Kopf, wenn sie fragt, wer schon einmal darüber nachgedacht hat, Stadtteile zu besuchen, die er oder sie nicht kennt. Und, möchte man provokativ hinzufügen, warum denn nicht? Die vierte Ausgabe der Biennale mit dem Titel The Available City, die bisher im Stadtzentrum stattfand, will dies ändern und ist dieses Mal dezentraler. Sie beinhaltet zwei Hauptausstellungen in der Graham Foundation und im afroamerikanisch-geprägten Süden Chicagos. Dazu gibt es verstreute weitere Installationen. Die Ausstellungen sind eine Art Manifest. Fallstudien zeigen internationale, von Armut geprägte Siedlungen und deren angespanntes Verhältnis zu Stadtplaner*innen und Regierungen. Sie schwanken zwischen Optimismus auf Seiten derer, die kollektive Veränderungen vorschlagen und einem Gefühl von Identitätsverlust und Desillusionierung bei den Betroffenen. Veränderungen sind oft spekulativ und kleinteilig. Sie basieren auf kurzlebigen, provisorischen und selbstgebauten architektonischen Eingriffen oder geistern gar nur als Ideen in Workshops. Architekt*innen sind hier weniger Planer*innen, sondern Politiker*innen und Vermittler*innen. Das Misstrauen gegenüber Behörden erstaunt in Chicago mit seiner schmerzhaften Geschichte der stadtplanerischen Rassentrennung nicht. Die Morde und Proteste der letzten Jahre haben die Dringlichkeit der Situation verschärft. Allgegenwärtige Schilder in Geschäften und Wohnungen prangern die breite Diskriminierung und die Verrohung der Polizei an. Positionen schwanken dabei zwischen nationalistischen Slogans auf der einen Seite und Rufen nach einer Zerschlagung der Polizei auf der anderen. Vernunft, so könnte man hoffen, liegt vielleicht irgendwo in der Mitte. Doch diese Mitte scheint lange verloren gegangen zu sein oder sie hat einfach nie existiert. David Brown, der Kurator der Biennale, setzt hier an und sucht das Potenzial für einen Neustart in den Freiflächen der Stadt. Auch wenn es nicht um Wiedergutmachung gehen kann, so geht es zumindest um den Versuch der Inhalt Architekturwoche 29 News Dossier Tipp Bild der Woche 585 Gesundung oder einer Neuerfindung. Wer dieser Logik folgt, findet in Chicago viel Potenzial. Es gibt allein mehr als zehntausend städtische Brachen, die zusammen die Größe der gesamten Innenstadt ergeben. Historisches Versagen birgt hier Chancen. Die Flächen befinden sich überwiegend in stark verarmten Gegenden. Brown brachte jeweils ein internationales Büro mit einer lokalen Bürgerinitiative zusammen, die gemeinsam Pavillons, Kunstinstallationen oder urbane Gärten für Veranstaltungen entwarfen. In einer Stadt, die oft in der Zusammenkunft von farbigen Menschen nur Gefahren sieht, soll sie nun deren Stärke werden. Denn Architektur ist hier kein Gebäude, sondern eine soziale Struktur die erst noch gebaut werden muss – ein lobenswerter Neuanfang. Im Rahmen der Biennale lässt sich jedoch nicht vermeiden, die lästige Frage nach dem Publikum zu stellen: Was kann und soll die vorübergehende Präsenz der Besucher an diesen Orten zum Heilprozess beitragen? Bewirken die Projekte bleibende Veränderungen? Oder ist das am Ende zu viel erwartet? bis 18. Dezember in Chicago chicagoarchitecturebiennial.org Outpost Office, Cover the Grid © Chicago Architecture Biennial / Dennis Fisher, 2021 Inhalt Architekturwoche 30 News Dossier Tipp Bild der Woche 585 NÄCHSTER HALT ICC Schwierige Ikonen gibt es noch einige im einstigen West-Berlin. Doch kaum eine inspiriert mehr als das seit Jahren stillgelegte Internationale Congress Centrum (ICC) über der Stadtautobahn. Liegt es an der Vehemenz, mit der die futuristische Megastruktur an die uneingelösten Versprechen einer alternativen Moderne erinnert? Intensiv und hochverdichtet, aber zugleich auch konsequent unhierarchisch? Nicht zuletzt mit den Qualitäten der Architektur beschäftigt sich das Festival „The Sun Machine Is Coming Down“, mit dem die Berliner Festspiele anlässlich ihres 70-jährigen Bestehens ab heute zehn Tage lang das ICC aktivieren. Eine simultane Mischung aus Performance, Kunst, Musik, Film und Installation lässt die im alltäglichen Betrieb nur selten eingelöste Vision der beiden ICC-Architekt*innen Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte erlebbar werden. Eine Perspektive auch für die Zukunft des Gebäudes? sb // www.berlinerfestspiele.de, 7. bis 17. Oktober 2021 // Foto: Andreas Gehrke
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