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Trotz allem Venedig

Full text: Baunetzwoche (Rights reserved) Issue582.2021 Trotz allem Venedig (Rights reserved)

582 Das Querformat für Architekten 26. August 2021 TROTZ ALLEM VENEDIG E S U MÄ E R K N U B in h re n g a f r e v un ell Mod , Ausstell n Berli Venedig in ZWÖLF TIPPS FÜR DIE ARCHITEKTUR-BIENNALE 582 DIESE WOCHE Bild der Woche How will we live together? Hoffentlich nicht nur digital. Die Biennale im zweiten Corona-Jahr macht deutlich, welche Relevanz Architektur und gebauter Raum haben. Ein Besuch in Venedig lohnt sich auch unter Pandemiebedingungen, wie unsere zwölf Empfehlungen zeigen. Dossier 6 3 Architekturwoche 4 News News Von Stephan Becker, Gregor Harbusch, Alexander Stumm 40 2 Architekturwoche Trotz allem Venedig Zwölf Tipps für die Architektur-Biennale Flüchtige Leere Ein Fotoessay von Nils Koenning 60 Bild der Woche Titel: Besucher*innen im Dänischen Pavillon, Foto von Nils Koenning – www.nilskoenning.com oben: Francesco Galli / Courtesy La Biennale di Venezia Inhalt Heinze GmbH | NL Berlin | BauNetz Geschäftsführer: Dirk Schöning Gesamtleitung: Stephan Westermann Chefredaktion: Friederike Meyer Redaktion dieser Ausgabe: Stephan Becker Artdirektion: Natascha Schuler n mit pa sse et ter. r e v gabe e-Newsl h e Au s K e i n u n e t z w o c ie r e n ! n a n B o b m a de Jetzt News Dossier Bild der Woche 582 Inhalt Architekturwoche 3 DIENSTAG Foto: Astrophysikalisches Institut Potsdam Vor genau 100 Jahren wurde der Einsteinturm in Potsdam eingeweiht. An dieses Jubiläum erinnerte vor kurzem die Märkische Oderzeitung mit einer kuriosen Begebenheit aus aktuellem Anlass. Im Sommer 2005 gab die damalige Kanzlerkandidatin Angela Merkel „auf eigenen Wunsch“ ihr großes Sommerinterview vor dem Gebäude. Wenige Monate später war sie Bundeskanzlerin. Kohl hatte sich am Wolfgangsee interviewen lassen, Schröder daheim in Hannover. Merkel entschied sich für eine wegweisende Architektur, in der wissenschaftliche Präzision und ästhetische Vision eine perfekte Symbiose eingehen. Ob Erich Mendelsohn also seinen Teil zu ihrem Wahlerfolg beigetragen hat? sb/gh 582 NEWS Inhalt Architekturwoche 4 News Dossier Bild der Woche SAUERBRUCH HUTTON EXPERTE DER NACHNUTZUNG BAUNETZ ID BERLINER MÄUSEBUNKER REPRÄSENTATIV AM HAFEN AUSSTELLUNG IN VENEDIG-MESTRE AUSSTELLUNG IN VENEDIG BAUNETZ WISSEN Foto: Sauerbruch Hutton Foto: Dagmar Schwelle Still aus dem Musikvideo „Marry Me“ von Farao Foto: Constantin Meyer Im Dezember 2018 eröffnete das M9 in Mestre. Das Projekt von Sauerbruch Hutton Architekten ist nicht nur ein Ausstellungshaus, sondern ein kompaktes kleines Quartier, das ein Stück historische Stadtstruktur reaktivieren möchte. Nun ist das M9 auch der Schauplatz einer Ausstellung, in der Arbeiten des Berliner Büros zu sehen sind. Unter dem Titel „draw love build“ werden Projekte der letzten 30 Jahre gezeigt. Über 60 Modelle und 100 Zeichnungen werden die Architekt*innen in dem von ihnen entworfenen Haus präsentieren. Außerdem wird Harun Farockis sehenswerter Film über die Arbeitspraxis des Büros als Installation gezeigt. 3. September 2021 bis 9. Januar 2022 2015 gründete Prozess- und Produktdesign Lukas Wegwerth sein Berliner Studio. Projekte für die Triennale Milano, die Gallery FUMI London, die Istanbul Design Biennale oder das Bio Design Lab Karlsruhe folgten. Auf der Suche nach der inneren Logik von Prozessen erfindet er eigene Methoden des Bauens und Konstruierens. Den Fokus legt er dabei auf evolvierende Systeme. Wie viel Potenzial darin steckt, zeigt beispielsweise sein Möbelsystem Three+One, mit dem er es schafft, die Nachhaltigkeitsdebatte in große Ausstellungsformate zu transportieren. Aktuell erfahrbar in der V–A–C Foundation in Venedig – oder Anfang September in Mailand, wo er den Supersalone mitgestaltet. Die Frage nach Abriss oder Erhalt des sogenannten Mäusebunkers und des Hygieneinstituts in Berlin-Steglitz wird nun auch in Venedig diskutiert. Die von Ludwig Heimbach kuratierte Ausstellung zu den beiden außergewöhnlichen Forschungsbauten ist für einen Monat in der Lagunenstadt zu sehen. Sie wird begleitet von einem wissenschaftlichen Seminar der örtlichen Universität. Parallel dazu hat das Landesdenkmalamt ein Modellverfahren mit einer umfangreichen Webseite gestartet, um im ressortübergreifenden und internationalen Dialog insbesondere für das sperrige Denkmal Mäusebunker ein tragfähiges Nutzungskonzept zu finden. 27. August bis 24 September 2021 Inmitten der kantigen und überwiegend verglasten Bürohäuser im Düsseldorfer Medienhafen fällt die Firmenzentrale von Trivago mit ihrer geschwungenen weißen Bandfassade auf. Der Grundriss des sechsgeschossigen Gebäudes ähnelt einer Tropfenform, zur Eingangsseite im Süden konvex, zum bepflanzten Hof konkav. Ein Büroturm bildet das nördliche Gegenüber. Das Duo nach Plänen von Slapa Oberholz Pszczulny Architekten wird an dem Ort, an dem Gebäudefluchten, Straßenzüge und Hafenbecken aufeinandertreffen, zum Blickfang. Wer hier arbeitet, kann auf dem begrünten Flachdach joggen gehen – und dabei den weiten Ausblick über die Stadt genießen. www.m9museum.it www.baunetz.id modellverfahren-maeusebunker.de www.baunetzwissen.de/flachdach 582 Inhalt Architekturwoche 5 News Dossier Bild der Woche _Fenster und Türen Chicago Window Hard-Coating-Verfahren Nuss Photochromes Glas Stulp ... noch Fragen? Baunetz_Wissen_ sponsored by Inhalt Architekturwoche 6 News Dossier Bild der Woche Bildunterschrift 582 MOSCHEE IM SELBSTBAU PHILADELPHIA, TOKIO, PODGORICA PLANET OF PEOPLE NACH DER AUSBEUTUNG DISKURSIVER BLUMENSTRAUSS PIRANESI REVISITED ACCOMODATIONS SALE D ’ARMI HOLZBAU AUF DER BIENNALE 2038 – DIE NEUE GELASSENHEIT HAUSTECHNIK ZUM WOHLFÜHLEN STERBENDE LUFT PLATTFORM-URBANISMUS TROTZ ALLEM VENEDIG Inhalt Architekturwoche 7 News Dossier Bild der Woche 582 MOSCHEE IM SELBSTBAU AUSSTELLUNG DES V&A IM ARSENALE Fotos: Andrea Avezzù / Courtesy La Biennale di Venezia Das Victoria and Albert Museum überzeugt auch dieses Jahr mit einer Ausstellung an der Schnittstelle von Architektur und Politik. Die Londoner Institution stellt drei Moscheen vor, deren Baugeschichte viel über die sich wandelnde britische Gesellschaft erzählt. VON GREGOR HARBUSCH Inhalt Architekturwoche 8 News Dossier Bild der Woche 582 Eine Moschee zu eröffnen, ist bekanntlich einfacher als eine Kirche, da der Islam keine zentrale religiöse Autorität kennt. In Kombination mit der jahrzehntelangen kulturellen Marginalisierung muslimischer Gruppen in Europa hat dies dazu geführt, dass die meisten Moscheen heutzutage Umnutzungen sind und größtenteils im Selbstbau realisiert wurden. Oft befinden sie sich in wenig ansehnlichen Gegenden oder Bauten, die Ausstattung wirkt mitunter pragmatisch. Umso mehr manifestiert sich in diesen Gotteshäusern das Engagement der Gläubigen, die sie mit viel Engagement einrichten und betreiben. Die diesjährige Ausstellung des Victoria and Albert Museum (V&A) Three British Mosques im Arsenale widmet sich diesem Phänomen der selbstgebauten Moscheen in umgenutzten Räumen in London. Die Kurator*innen Ella Kilgallon und Christopher Turner haben zusammen mit Architekt und Autor Shahed Saleem drei Moscheen ausgewählt, die in besonderem Maße exemplarisch für solche Entwicklungen sind. Die Moschee an der Brick Lane war einst eine protestantische Kapelle, später eine Synagoge. In den ehemaligen Räumlichkeiten eines Pubs befindet sich wiederum die Moschee in der Old Kent Road. Und der Neubau der Harrow Central Mosque liegt schließlich genau neben dem Reihenhaus, in dem sie einst untergebracht war. Bereits zum fünften Mal präsentiert sich das V&A mit einem Beitrag auf der Biennale. 2018 polarisierte die Londoner Institution mit einer Rauminstallation aus Elementen des kurz zuvor rückgebauten Wohnkomplexes Robin Hood Gardens von Alison und Peter Smithson. Geradezu zynisch sei es, aus Bauteilen des berühmten Sozialwohnungsbau, der trotz jahrelanger und prominenter Unterstützung abgerissen wurde, ein künstlerisches Setting zu produzieren, hieß es unter anderem. In diesem Jahr ist der Beitrag weniger provokativ und tagesaktuell, aber nicht weniger gesellschaftspolitisch sprechend. Das Setting in einer großen Halle des Arsenals ist jedenfalls gelungen: Nachgebaute Teile der Moscheen stehen als freche und selbstbewusste Holzkulissen in der Halle, flankiert von erklärendem Text- und Bildmaterial, das die wechselvollen Nutzungs- und Baugeschichten der Häuser gelungen vermittelt. Inhalt Architekturwoche 9 News Dossier Bild der Woche 582 Foto: Andrea Avezzù / Courtesy La Biennale di Venezia 582 Inhalt Architekturwoche 10 News Dossier Bild der Woche Foto: Luka Boskovic PHILADELPHIA, TOKIO, PODGORICA AUSSTELLUNG ZU SVETLANA KANA RADEVIC IN VENEDIG Der Palazzo Palumbo Fosati hält in diesem Jahr eine architekturhistorische Entdeckung bereit. Kuratorinnen Dijana Vucinic und Anna Kats zeigen dort ein sehenswerte Ausstellung über die montenegrinische Architektin Svetlana Kana Radević. Sie war eine der ganzen wenigen Architektinnen, die im ehemaligen Jugoslawien eigenständig und erfolgreich arbeiten konnten. VON GREGOR HARBUSCH 582 In ihrer Heimat war die Architektin unter dem Namen Kana bekannt, jenseits des Landes weiß man bis heute wenig über sie. Das kann weder an mangelndem Selbstbewusstsein noch an einer zu starken Konzentration auf die eigene regionale Verwurzelung liegen. Kana Radević studierte mit Hilfe eines Fulbright-Stipendiums bei Louis Kahn in Philadelphia und arbeitete in Tokio mit Kisho Kurokawa zusammen. Inhalt Architekturwoche 11 News Dossier Bild der Woche 17 sogenannte Collateral Events gibt es dieses Jahr in Venedig – das sind eigenständige Ausstellungen und Veranstaltungen im Stadtgebiet, die offiziell an die Biennale angedockt sind. In diesem Rahmen zeigt das montenegrinische APSS Institute eine Ausstellung über Svetlana Kana Radević (1937–2000). Oben: Ein Raum im Hotel Zlatibor in Uzice, fertiggestellt 1981, Foto von Mirko Lovric / Museum of Yugoslavia, Belgrad Rechts: Hotel Podgorica von 1967, Foto Courtesy Archive of Pobjeda Fotografien und Filme in der Ausstellung „Skirting the Center. Svetlana Kana Radević on the Periphery of Postwar Architecture” verdeutlichen außerdem, dass sie es verstand, sich als „dezidiert feminine, kosmopolitische Intellektuelle“ zu positionieren, wie die Kuratorinnen Dijana Vucinic und Anna Kats schreiben. Geradezu sinnbildlich scheint sich in ihrer internationalen Vernetzung und offenen Selbstinszenierung der spezifische historische Sozialismus des Balkanstaats zu manifestieren. Gebaut hat Kana Radević vor allem in den Ländern des ehemaligen Vielvölkerstaates Jugoslawien. Anhand eindrucksvoller Originalmaterialien wirft die Ausstellung einen Blick auf ihre bekanntesten Bauten, die von einer brutalistischen und regionalistisch inspirierten Formenfreude gekennzeichnet sind. Dazu zählen das Hotel Podgorica (1964–67), das Hotel Zlatibor (1979–81) im serbischen Užice und das Monument für die Gefallenen von Ljesanska nahija in Barutana von 1980. 582 Für das Hotel Podgorica erhielt die damals 29-Jährige im Jahr 1967 den Borba-Architekturpreis. Sie war damit zugleich die jüngste Person als auch die einzige Frau, die jemals jene höchste Auszeichnung Jugoslawiens auf dem Gebiet der Architektur verliehen bekam. Bild der Woche Ausstellung: bis 21. November 2021 Ort: Palazzo Malvasia Palumbo Fossati, San Marco 2597, Venedig Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10–18 Uhr Hotel Zlatibor in Uzice, 1979–81, Foto: Petar Otoranov / Museum of Yugoslavia, Belgrad Inhalt Architekturwoche 12 News Dossier www.kanaradevic.me Svetlana Kana Radević (1937–2000) Foto: Archiv Svetlana Kana Radević 582 Inhalt Architekturwoche 13 News Dossier Bild der Woche Fotos: Aiste Valiute & Daumantas Plechavicius (links), Darius Petrulaitis, Courtesy of the Lithuanian Space Agency PLANET OF PEOPLE LITAUISCHER PAVILLON IN CASTELLO Litauen hat einen Lauf: Auf der letzten Architekturbiennale gefiel der „Swamp Pavilion“, bei der Kunstbiennale 2019 gewann der exzellente Beitrag „Sea + Sun (Marina)“ einen Goldenen Löwen und auch der aktuelle Beitrag gehört wieder zu den sehenswertesten. Im Chromstahl-Setting geht es in den Weltraum. VON STEPHAN BECKER Inhalt Architekturwoche 14 News Dossier Bild der Woche 582 Fotos: Aiste Valiute & Daumantas Plechavicius, Courtesy of the Lithuanian Space Agency Besonders reizvolle Akzente ergeben sich in Venedig oft aus dem Kontrast von Hightech und historischer Umgebung. Mustergültig führt dies aktuell der litauische Pavillon in der Chiesa di Santa Maria dei Derelitti vor, der von der „Lithuanian Space Agency“ des Künstlers Julijonas Urbonas gestaltet wurde. Vor einigen Jahren wurde Urbonas mit seinem Projekt für eine Euthanasie-Achterbahn bekannt, deren Kurven derartige Fliehkräfte erzeugen sollten, dass eine Fahrt unweigerlich in den Tod führen würde. Auf ähnlich provokative Weise zwischen Kunst, Architektur und Design changiert auch sein aktuelles Projekt für Venedig, dessen diffus nach Selbstermächtigungsparole klingender Titel „Planet of People“ von Urbonas ziemlich wörtlich interpretiert wird. Auf großen Bildschirmen ist ein Menschenknäuel zu sehen, das durch das schwarze Vakuum eines virtuellen Weltraums treibt. Was zunächst abermals nach Negation klingt, ist für Urbonas die Vision einer ultimativen, alle sozialen Ungleichheiten nivellierenden menschlichen Architektur. Die Körper sind hier nämlich reduziert auf eigenschaftslose Strichmännchen. Sie verkörpern allerdings konkrete individuelle Posen, denn mittels eines 3D-Scanners kann sich jede/r Besucher*in erfassen lassen, um selbst Teil des Knäuels zu werden. Kurator Jan Boelen betont die utopische Komponente, die allen Projekten der „Lithuanian Space Agency“ zu Grunde liege. Die Krisen der Gegenwart seien schließlich auch Krisen der Imagination, weshalb es neuer räumlicher Choreographien bedürfe, um wieder gemeinsam träumen zu können. Auch als Statement gegen die Kommerzialisierung der Raumfahrt durch Unternehmer wie Jeff Bezos und Elon Musk möchten die Macher des Pavillons ihren Beitrag verstanden wissen. Angesichts dieser eher ungefähren Intentionen wäre es nun leicht, die als geschlossenes Gesamtkunstwerk inszenierte Show – selbst die Aufseher*innen sind in speziell gestaltete Uniformen gehüllt – als reine Spielerei abzutun. Tatsächlich aber zeigt sich 582 mit jedem Waldbrand und jeder Flutkatastrophe, dass viele im Kern zerstörerische Lebensformen noch immer das Begehren einer Mehrheit der Menschen dominieren. Daran zu erinnern, dass es neuer kollektiver Träume bedarf, um ein alternatives Zusammenleben hervorzubringen, schadet darum sicherlich nicht. Ausstellung: bis 21. November 2021 Ort: Chiesa di Santa Maria dei Derelitti, Barbaria delle Tole, Castello 6691 Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10–18 Uhr Inhalt Architekturwoche 15 News Dossier Bild der Woche www.lithuanianspace.agency Foto: Darius Petrulaitis, Courtesy of the Lithuanian Space Agency 582 Inhalt Architekturwoche 16 News Dossier Bild der Woche Broadcasting-Station, Ausstellung (nächste Seite) Fotos: Marco Cappelletti NACH DER AUSBEUTUNG NON-EXTRACTIVE ARCHITECTURE IN DER KULTURSTIFTUNG V–A–C Wenn man es ernst meint mit einer ökologischen Architektur, dann muss fast das gesamte heutige Baugeschehen als eine Form von Cheap Architecture gelten. Weder Natur noch Mensch sind in seinen Kosten schließlich umfassend eingepreist. Das ist zentrale These eines großangelegten Projekts der Kulturstiftung V–A–C, mit dem die Macher*innen um Joseph Grima nach alternativen Ansätzen der Raumproduktion suchen möchten. VON ALEXANDER STUMM Inhalt Architekturwoche 17 News Dossier Bild der Woche 582 Architektur wird meist als additive Tätigkeit verstanden, die auf Hinzufügen und Kombinieren von materiellen Formen und Elementen beruht. In ihrer Gesamtheit betrachtet ist Architektur jedoch gleichermaßen additiv wie subtraktiv: Jeder neue Turm, der in den Himmel ragt, entspricht einer Grube, die sich ins Erdinnere gräbt. Die entsprechenden Orte der Ressourcenschöpfung stellen eine Art unsichtbare und unbewusste Gegenarchitektur dar, die von Architekt*innen sorgfältig ignoriert wird – so die These von Non-Extractive Architecture. On Designing without Depletion. Das einjährige Projekt umfasst eine Ausstellung, Material-Workshops, eine Vortragsreihe sowie Forschungsaufenthalte von zehn internationalen Stipendiaten aus unterschiedlichen Disziplinen. Kuratiert wird das Projekt von Space Caviar unter Federführung von Joseph Grima, Austragungsort ist das V-A-C Zattere in einem Palazzo am Canale della Guidecca. Mehrere Fragen durchziehen als rote Fäden das Programm: Wie können wir die Abhängigkeit der Bauindustrie von nicht erneuerbaren Ressourcen verringern? Wie die bei der Materialgewinnung verursachten Umweltschäden sichtbar machen und reduzieren? Wie den Markt dazu bringen, die wahren Kosten in die Produktion von Architektur einzubeziehen? Und wie unsere Abhängigkeit von Beton lösen? Relevant sind darüber hinaus aber auch gesellschaftliche Fragen, beispielsweise danach, wie sich möglichst vielen Menschen in jede Phase der Raumgestaltung einbeziehen lassen. Und schließlich, welche Art von Architektur entstehen würde, wenn ihr Hauptzweck Gemeinschaftsbildung und nicht Kapitalakkumulation wäre? Im sehr lesenswerten begleitenden Katalog spricht Grima von den derzeitigen Praktiken des Baugewerbes als „Cheap Architecture“. Cheap nicht im Sinne von günstig oder schlecht gebaut, denn er bezieht luxuriös ausgestattete Architektur explizit mit ein. Stattdessen beruft er sich auf Jason Moore und dessen Begriff der „Cheap Nature“. Solange Dinge wie Rohstoffe, Energie, Arbeitskräfte und Leben als Verfügungsmasse „billig“ zu haben sind – hier kommen historisch gewachsene Machtasymmetrien zum Tragen –, werden sich die Grundparameter der heutigen Architekturproduktion nicht ändern. Das Gegenteil wäre für Grima aber keine „teure“ Architektur, die sich nur die Privilegierten leisten können, sondern eben ein Ausblick auf eine „nichtextraktive Architektur“. Diese würde die im kapitalistischen System unterbewerteten Faktoren Natur und Mensch endlich einpreisen und ein echtes ökologisches Bauen denkbar machen. 582 Inhalt Architekturwoche 18 News Dossier Bild der Woche Publishing Station (rechts), Ausstellung im V–A–C Fotos: Marco Cappelletti Der erste Band von Non-Extractive Architecture. On Designing without Depletion, publiziert von V-A-C und Sternberg Press, war der Startschuss des Vorhabens. Die Ausstellung im Palazzo des V–A–C in Venedig zeigt nun Projekte der Autor*innen, während sie zugleich den vor Ort arbeitenden Stipendiat*innen als produktive Umgebung dient. Es lohnt sich, das V–A–C in Kombination mit einer der vielen Veranstaltung zu besuchen, die primär über Social Media angekündigt werden. Zum Abschluss des Projekts Anfang 2022 wird dann ein zweiter Band des Katalogs folgen, der die Forschungsergebnisse zusammenfasst. Projekt: bis Januar 2022 Ort: V–A–C Zattere, Dorsoduro 1401, Venedig www.v-a-c.org Der erste Band des Katalogs ist bereits bei Sternberg Press erschienen. 582 Rechts: „Future Assembly“ im Zentralpavillon kuratiert von Olafur Eliasson und Sebastian Behmann. Unten: Blick ins Arsenale mit einer Arbeit von Refik Anadol. Nächste Seite: Aires Mateus mit „Ground“ Inhalt Architekturwoche 19 News Dossier Bild der Woche Fotos: Andrea Avezzù / Courtesy La Biennale di Venezia DISKURSIVER BLUMENSTRAUSS ZUR HAUPTAUSSTELLUNG DER VENEDIG-BIENNALE Die Hauptausstellung der diesjährigen Architekturbiennale macht deutlich, dass Kurator Hashim Sarkis seine Leitfrage „How will we live together?“ als Möglichkeit begreift, ein breites Bündel an Themen anzusprechen. Er agiert dabei auf fünf Maßstabsebenen. Im Arsenale gelingt ihm eine atmosphärische Schau, der Hauptpavillon in den Giardini überzeugt weniger. VON GREGOR HARBUSCH Inhalt Architekturwoche 20 News Dossier Bild der Woche 582 Nein, die Hauptausstellung der Biennale dreht sich nicht um Corona und die Folgen. Wer gedacht hatte, dass die einjährige Verschiebung der Biennale angesichts der Pandemie zu einer brandheißen und gegenwartsbezogenen Aktualisierung der Leitfrage „How will we live together?“ führen würde, der irrt. Kurator Hashim Sarkis hat sich nicht aus der Ruhe bringen lassen und augenscheinlich weder das Ausstellungskonzept noch die ausgewählten Arbeiten verändert. Seine ambitionierte Forderung nach einem globalen „new spatial contract“ arbeitet er anhand eines breit aufgefächerten Themenfeldes ab, das er in fünf Maßstabsebenen diskutiert. Diese dienen zugleich als Hauptkapitel der Ausstellung. Der Parcours beginnt im Arsenale, wo das Leben „together“ auf den drei Maßstabsebenen „Among Diverse Beings“, „As New Households“ und „As Emerging Communities“ diskutiert wird. Anfangs dominiert Atmosphärisches. Gerade die Beiträge des ersten Kapitels „Among Diverse Beings“ sind künstlerisch-assoziativ im besten Sinne und schimmern geheimnisvoll in den abgedunkelten Hallen. Harkis gelingt ein ästhetisch überzeugender und anregend spekulativer Auftakt, der nach der Zukunft des menschlichen Körpers fragt und über das Zusammenleben von Menschen und nichtmenschlichen Lebewesen nachdenkt – beispielsweise mit einem fantastischen Modell von Studio Ossidiana aus Rotterdam. Im zweiten Hauptkapitel wird es konkreter. Alternative Wohnformen und die Möglichkeiten kollektiven Zusammenlebens werden hier diskutiert. Viel Platz räumt Sarkis im Unterkapitel „New Tectonics“ den technologischen Lösungsansätzen von Achim Menges und Jan Knippers sowie Gramazio Kohler Architekten ein. Das dritte und letzte Kapitel im Arsenale diskutiert „Emerging Communities“ – unter anderem raumlaborberlins Floating University und die Planungen für das Haus der Statistik in Berlin. Dass auch in den riesigen Hallen des Arsenales und neben all der aufregend inszenierten Konkurrenz weniger oft mehr ist, beweist Michael Maltzan, der anhand eines schlichten Modells und dreier Screens die komplexe Kulturgeschichte einer Autobahnbrücke in Los Angeles, deren Ersatzneubau er aktuell realisiert, packend zu erzählen vermag. Der letzte Saal im Arsenale, in dem das Unterkapitel „Co-Habitats“ gezeigt wird, macht einmal mehr deutlich, dass Sarkis seit Jahren fest im akademischen Betrieb verortet und dementsprechend wissenschaftlich orientiert ist. Der gebürtige Libanese hat in Yale und Harvard gelehrt und ist seit 2015 Dekan am MIT. „Co-Habitats“ bietet eine Auswahl von zwölf wissenschaftlichen Städtestudien – von Addis Abeba bis Pristina. Aber auch über die restliche Ausstellung verteilt findet man immer wieder sogenannte Stations, die akademische Tiefenbohrungen präsentieren – etwa eine Arbeit von Anne Kockelkorn und Susanne Schindler über die historischen und ökonomischen Hintergründe des viel gelobten genossenschaftlichen Wohnungsbaus in Zürich. Im Hauptpavillon der Giardini wird es mit den beiden Kapiteln „Across Borders“ und „As One Planet“ großmaßstäblicher. Die oktagonale Eingangshalle bespielen cave_ bureau aus Nairobi mit einer eher unspektakulären Arbeit, die aber unbedingt eine tiefere Beschäftigung verdient. Ausgehend von einer Höhle, die zu Kolonialzeiten als Versteck von Widerstandskämpfern diente, spannen die nigerianischen Architekt*innen und Forscher*innen einen weiten Bogen an Themen auf, der in der Frage nach dem Wesen eines zukünftigen Museums des Anthropozäns in Afrika gipfelt. Unbedingt sehenswert ist auch die Future Assembly im Mezzanin – einer Ausstellung innerhalb der Ausstellung, bei der Olafur Eliasson und Sebastian Behmann mit einem breiten Netzwerk unterschiedlichster Akteur*innen der Frage nach dem gleichberechtigten 582 Abständen knallen lässt, um das Abschmelzen der Polkappen zu verdeutlichen. So schmerzlich der Klimawandel ist, so schmerzhaft macht ein solch lauter Effektbeitrag den Besuch der angrenzenden Räume. Inhalt Architekturwoche 21 News Dossier Bild der Woche In diesen Momenten wie auch an anderen Stellen vermisst man durchaus kuratorische Präzision – sowohl in der Anordnung als auch in der inhaltlichen Aufarbeitung und Zuspitzung der Beiträge. Damit korrespondiert die vielfältige Ausstellung auf herausfordernde, aber nicht immer überzeugende Weise mit der offenen und in unterschiedlichste Richtungen aufgedröselten Ausgangsfrage. Am Schluss brennt sich jedenfalls kein Begriff wie „Freespace“ ein, den Grafton auf der letzten Architekturbiennale 2018 zu setzen versuchten. Stattdessen offeriert Sarkis einen bunten Blumenstrauß aktuell angesagter Ideen, die auf unterschiedlichste Weise für die Besucher*innen anschlussfähig sind. Ausstellung: bis 21. November 2021 Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10–18 Uhr Zusammenleben von Menschen, Tieren, Pflanzen, aber auch anorganischen Entitäten in Form eines visionären Parlaments nachgehen. Mit dem prominenten Projekt positioniert sich die Biennale deutlich im More-than-human-Diskurs. www.labiennale.org Das Klein-Klein der Räume im Hauptpavillon und der bisweilen schwer zu bewältigende globale Maßstab tun der Ausstellung in den Giardini nicht unbedingt gut. Die von Sarkis mitverantwortete Reihung historischer Referenzen im Untergeschoss verzichtet völlig auf Originale und wirkt marginalisiert. Eine faszinierende, von Christina Agapakis, Alexandra Daisy Ginsberg und Sissel Tolaas gestaltete Stahl- und Glas-Kammer, in der der rekonstruierte Geruch eine ausgestorbenen Blume erlebt werden kann, steht wie vergessen in einem Raum am Ende des Pavillons. Beeindruckend ist das kleine Unterkapitel „Seeking Refugee“ im Kapitel „Across Borders“. Dieses vierte Kapitel liegt etwas abgelegen im rechten Flügel des Pavillons und die meisten Besucher*innen werden es intuitiv als letztes besuchen. Zugleich reiht sich hier eine dichte Folge an Arbeiten, die teilweise viel Konzentration erfordern oder auf eher ungute Weise an Inszenierungen in einem naturwissenschaftlichen Museum erinnern. Hinzu kommt die engagierte aber furchtbar lärmende Installation von Arcangelo Sassolino, der einen riesigen Quader aus Stahlblechen in unregelmäßigen Oben: Installation von Studio Ossidiana (7), in Klammern die Positionen im Plan. Links: Manuel Herz und Iwan Baan mit „The Many Lives of Tambacounda Hospital“. Fotos: Andrea Avezzù / Courtesy La Biennale di Venezia 582 Inhalt Architekturwoche 22 News Dossier Bild der Woche Tiber mit Ponte Castello, Blick auf den Titusbogen, Radierungen von Giambattista Piranesi und Fotografien von Gabriele Basilico PIRANESI REVISITED Im Jahr 2010 beauftragte die Stiftung Fondazione Giorgio Cini den inzwischen verstorbenen Architekturfotografen Gabriele Basilico, einige Radierungen von Giambattista Piranesi neu zu interpretieren. Anlässlich des 300. Geburtstages von Piranesi sind im Palazzo Cini nun unter dem Titel „Piranesi Rome Basilico“ 26 seiner römischen Veduten neben den zugehörigen Fotografien Basilicos zu sehen. Die Stiftung verfügt über eines der größten privaten Konvolute an Piranesi-Drucken. Basilico ist wiederum bekannt geworden für seine Aufnahmen von norditalienischen Industrielandschaften. Im Vergleich dazu gestalten sich seine Piranesi-Interpretationen natürlich deutlich klassischer. Nur wenig scheint sich in der ewigen Stadt seit der Bestandsaufnahme Piranesis verän- dert zu haben. Und weil Basilico ausschließlich in Schwarz-Weiß fotografiert hat, verschwimmen auf bemerkenswerte Weise die Zeitschichten. Ein auf den ersten Blick paradoxes Faktum lässt aber zumindest klare Rückschlüsse zu: Bei Piranesi wirken die römischen Überreste noch deutlich ruinöser, als später bei Basilico – umfangreichen Erhaltungsmaßnahmen sei Dank. SB Ausstellung: bis 23. November 2021 Ort: Palazzo Cini, Campo San Vio, Dorsoduro 864, Venedig www.palazzocini.it Inhalt Architekturwoche 23 News Dossier Bild der Woche 582 ACCOMODATIONS IM SAUDI-ARABISCHEN PAVILLON Erstaunlich, aber nur ein Beitrag auf der Biennale greift die Pandemie und deren konkrete räumliche Konsequenzen direkt auf, um daraus einen umfassend recherchierten Beitrag zu entwickeln. Der saudi-arabische Pavillon im Arsenale widmet sich dem Thema, zeigt aber weder spekulative Zukunftsszenarien noch flüchtige Gegenwartsbeobachtungen. Vielmehr geht das Team den sicheren Weg der historischen Analyse, indem es den Schwerpunkt auf historische Quarantänearchitekturen und andere bauliche Strukturen setzt, die insbesondere seit Anfang des 20. Jahrhunderts im Zusammenhang mit den muslimischen Pilgerreisen gebaut wurden. Mit überraschender Selbstverständlichkeit entstanden über Jahrzehnte hinweg spezialisierte Hafenanlagen, Massenunterkünfte oder Hotelanlagen, die unter dem Vorzeichen von Hygiene und Gesundheit die vielen Menschen aus den unterschiedlichsten Ecken der islamischen Welt lenkten und temporär unterbrachten. GH Ausstellung: bis 21. November 2021 (Biennale) Ort: Sale d‘Armi im Arsenale Foto: Andrea Avezzù / Courtesy La Biennale di Venezia 582 Links: Fotografische Arbeiten von Daniel Shea, Foto Courtesy the Pavilion of the United States Inhalt Architekturwoche 24 News Dossier Bild der Woche Nächste Seite: Installation vor dem Pavillon (links), Möbel gestaltet von Norman Kelley, Foto: Paul Andersen und Paul Preissner (rechts), Courtesy the Pavilion of the United States KOLONIALISMUS, STANDARDS UND EIGENTUM HOLZBAU AUF DER BIENNALE IN VENEDIG Holzbau gilt als eine der Lösungen für die Klimakrise – von den jüngst stark gestiegenen Marktpreisen einmal abgesehen. Auch auf der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig ist Holz ein Thema, hier jedoch begegnet man ihm mit Ambiguität. Der US-amerikanische, der finnische und der japanische Pavillon finden jeweils eigene Zugänge und nehmen auch historische Schattenseiten in den Blick. Zusammen liefern sie wichtige Bausteine für die notwendige Historisierung eines zukunftsträchtigen Materials. VON ALEXANDER STUMM Inhalt Architekturwoche 25 News Dossier Bild der Woche 582 Die vierstöckige Holzrahmenkonstruktion, die den Blick auf die neo-klassizistische Dreiflügelanlage des US-Pavillons von 1930 nahezu versperrt, ist eine der spektakulären Attraktionen in den Giardini. Die Kuratoren Paul Andersen und Paul Preissner verstehen in der Ausstellung „American Framing“ den Holzrahmenbau als Sinnbild amerikanischer Ideologie. Seine Ursprünge liegen im 19. Jahrhundert, wo er das Fundament für den US-amerikanischen Siedlerkolonialismus bildet. Auch mit begrenztem Wohlstand, technischen Fähigkeiten und Kenntnis von Bautraditionen konnten die Siedler*innen damit grundlegende Infrastrukturen wie Kirchen, Scheunen, Läden und vor allem das amerikanische Haus errichten. Der Reichtum an Südkiefer- und Douglasienwäldern beschleunigte die Beschlagnahme des Westens auf dem Kontinent. Aufkommende Industrialisierungsprozesse wie Sägewerke brachten gleichzeitig einen hohen Grad der Standardisierung mit sich, das sogenannte „2 x 4“-Schnittholz. Es besaß den Kuratoren zufolge auch einen egalitären Aspekt, da es sich nicht nur als bestes Baumaterial anbot, sondern zugleich sehr günstig war. Die Holzrahmenbauweise war und ist bis in die Gegenwart der mit Abstand am weitesten verbreitete Gebäudetyp in den USA, über 90 Prozent der Gebäude werden heute so konstruiert. Nichtsdestotrotz ist sie ein zumeist übersehener Beitrag des Landes zur Architektur. Die Kuratoren wollen mit ihrer Schau auch den intellektuellen Diskurs hinterfragen, der dazu neigt, sich auf das Exotische zu konzentrieren und das Gewöhnliche zu ignorieren. Die Ausstellung zeigt maßstabsgetreue Holzmodelle aus der Geschichte des Holzrahmenbaus wie das Lagerhaus in Chicago aus dem Jahr 1832 von George Washington Shaw, der mit diesem Werk als Erfinder des „balloon framing“ gilt, zwei für die Ausstellung in Auftrag gegebene fotografische Serien von Daniel Shea und Chris Strong, die sich mit der Holzernte und -verarbeitung sowie der Konstruktion auf der Baustelle beschäftigen, und neugefertigte Möbel wie Stühle, Schaukelstühle und Bänke, die sich von charakteristischen amerikanischen Designs wie Shaker und Gerrit Rietvelds Crate Furniture beeinflusst zeigen. Eindrücke der Ausstellung liefert auch die offizielle Webseite www.americanframing.org. 582 Inhalt Architekturwoche 26 News Dossier Bild der Woche Fotos: Ugo Carmeni Baumaterial in mehr als 30 Länder verschifft, was wesentlich zum ökonomischen Aufschwung in der Nachkriegszeit beitrug. FINNISCHER HOLZBAUSTANDARD ALS AKTEUR IM KALTEN KRIEG Der Finnische Pavillon, kuratiert von Laura Berger, Philip Tidwell und Kristo Vesikansa, widmet sich in „New Standards“ der Geschichte von Puutalo Oy (Timber Houses Ltd.). Das finnische Industrieunternehmen wurde 1940 zur Bewältigung der karelischen Flüchtlingskrise gegründet. Mit dem Friedensvertrag von Moskau, der im März 1940 den Winterkrieg zwischen Finnland und der Sowjetunion beendete, musste das skandinavische Land unter anderem große Teile Kareliens im Osten des Landes abtreten. Schätzungen zufolge flohen 420.000 Menschen nach Westen oder wurden vertrieben, was elf Prozent der damaligen Bevölkerung des Landes entsprach. Puutalo Oy war ein gemeinsamer Kraftakt von Architekt*innen wie Industriellen, in kürzester Zeit ein neues Modell von fabrikgefertigten Häusern zu schaffen. Aus einer Notsituation entstanden, modernisierte das Unternehmen die hiesige Bauindustrie und stieg in weniger als einem Jahrzehnt zu einem der größten Hersteller von vorgefertigten Holzhäusern weltweit auf. 1947 exportierte man an europäische Nachbarn wie Polen, das Vereinigte Königreich oder die Niederlande, aber auch in tropische Klimazonen wie Argentinien, Australien oder Kamerun. Die Standardhäuser wurden dabei jeweils an die örtlichen Gegebenheiten angepasst. Bis Mitte der 1950er Jahre wurden im Austausch gegen Waren und Kapital Millionen von Quadratmetern an Im Kalten Krieg unterstützte man aktiv die Westmächte und ihre Kolonialpolitik. Als die iranische Regierung 1951 entschied, ihre Ölindustrie zu verstaatlichen, zog sich die AngloIranian Oil Company aus dem Land zurück und baute eine neue Ölraffinerie in der britischen Kolonie Aden (heute Jemen). Dafür bestellte man 91 Gebäude bei Puutalo, die vermutlich zur Versorgung der Bau- und Feldarbeiter dienten. Parallel ging aber ein Gros der Exporte von 80 bis 90 Prozent an die UdSSR, bis sich die Russen 1955 unerwartet aus dem Markt zurückzogen, was die Industrie zusammenbrechen ließ. Um das Unternehmen zu retten, half das US-Militär, indem es von Puutalo Oy eine große Anzahl von Kasernen für Stützpunkte in Pakistan und im Iran bestellte. Einige Exporte gingen weiterhin nach Schweden, Westdeutschland und Jugoslawien, was jedoch die Auflösung der Gesellschaft 1978 nicht verhindern konnte. Die Ausstellung erhellt diese Geschichte anhand einer Timeline mit umfangreichem Archivmaterial an Architekturzeichnungen, Fotografien, Modellen, Werbeplakaten und -broschüren. Die einfühlsame Fotoarbeit von Juuso Westerlund zeigt noch existierende Holzbauten mit teils intimen Szenen ihrer heutigen Bewohner*innen – von Finnland bis Kolumbien. Das Archivmaterial ist außerdem auf einer gut gemachten Website newstandards.info aufbereitet. 582 Einen anderen Ansatz verfolgt Kurator Kozo Kadowaki mit der im japanischen Pavillon gezeigten Ausstellung „Co-ownership of Action: Trajectories of Elements“. Sie besteht aus einem Holzhaus der Nachkriegszeit, wie man es überall im Land antreffen würde. Tatsächlich wurde es in Japan aufwendig auseinandergenommen und nach Venedig verschifft. Dort ist es allerdings nicht als 1:1-Rekonstruktion erlebbar. Vielmehr wurden einzelne Bauelemente wie Fassadenteile oder die Treppe fragmentarisch im Garten um den Pavillon wiederaufgebaut, ein großer Teil des Hauses ist fein säuberlich in Einzelteile sortiert im Innenraum aufgereiht. Die Anordnung erfolgte chronologisch und legt damit die vielen Zeitschichten der Umbauten und Anbauten des Gebäudes über Inhalt Architekturwoche 27 News Dossier Bild der Woche WAS KANN UNS EIN ALTES JAPANISCHES HOLZHAUS SAGEN? Fotos: Francesco Galli / Courtesy La Biennale di Venezia (oben), Alberto Strada (rechts) die Jahrzehnte auf ungewöhnliche Weise offen. So wird ablesbar, dass die frühesten Elemente hauptsächlich handgefertigt waren, im Laufe der Zeit jedoch durch Massenprodukte ersetzt wurden – ein sichtbarer Ausdruck der Veränderungen in Japans Bauindustrie im Laufe der Lebensdauer des Hauses. Die Ausstellung will auch auf die starke Überalterung des Landes anspielen, denn in Japan wimmelt es von Häusern, die ihre Nutzer*innen überlebt haben und auf den Abriss warten. Die mögliche Wiederverwendung vorhandenen Materials ist dabei bisher noch kaum ein Thema. Weitere Infos finden sich ebenfalls auf einer Webseite, und zwar unter www.vba2020.jp. 582 DEUTSCHER PAVILLON IN VENEDIG 2021 Hashim Sarkis Biennale-Frage „How will we live together?“ ist ein Appell an die Kurator*innen, über zukünftige Gemeinschaften und deren Architektur zu spekulieren. Der Deutsche Pavillon zeigt mit „2038 – The New Serenity“ eine im internationalen Vergleich einzigartige Geste der optimistischen Zukunftsimagination. Präsentiert wird ein starker Glaube an die menschliche Fähigkeit zur Konfliktlösung, dank der sich unsere aktuellen planetarischen Krisen überwinden lassen. Ein leerer Pavillon in Venedig verweist auf den digitalen Raum, die Inhalte werden über mehrere Filme präsentiert. Laura M. Lampe und Alexander Stumm von BauNetz machten sich ein Bild der Lage im Jahr 2038 und sprachen mit Co-Kurator Olaf Grawert und der Mitwirkenden Charlotte Malterre-Barthes. Inhalt Architekturwoche 28 News Dossier Bild der Woche DIE NEUE GELASSENHEIT Oben: Virtueller Cloud Pavilion, wie er im Internet abzurufen ist, Bild: 2038. Nächste Seite: Der Pavillon vor Ort, Fotos: Federico Torra für 2038 VON ALEXANDER STUMM Inhalt Architekturwoche 29 News Dossier Bild der Woche 582 Das Grundkonzept der Ausstellung: Ein Rückblick aus dem Jahr 2038, in dem die Menschheit in eine neue Phase der Gelassenheit (serenity) gefunden hat. Der Pavillon setzt ganz auf Videoformate, für das Team um Brandlhuber+ mit den Kuratoren Arno Brandlhuber, Olaf Grawert, Nikolaus Hirsch und Christopher Roth schon seit längerem Mittel der Wahl. Das Programm besteht aus einem Introfilm (Drehbuch: Leif Randt) und sechs als Dokumentationen aufgezogene „History Channels“, für die die Kuratoren eine beeindruckende Anzahl an Expert*innen an Bord geholt haben. Sie berichten in Interviews, wie die großen Probleme der 2020er und 30er Jahre schrittweise alle gelöst wurden. Es geht also wirklich gleich um alle großen Themen, die uns heute umtreiben: Digitalisierung und ihre spezifischen Ausprägungen wie die PlattformÖkonomie, die Ausbeutung planetarer Ressourcen, den auf struktureller Benachteiligung aufbauenden Kapitalismus oder neue Formen des Zusammenlebens. Kann das gut gehen? „Natürlich ist die Ausgangsthese auch eine Provokation“, meint Malterre-Barthes. „Für uns ist es aber wichtig aufzuzeigen, dass die großen gegenwärtigen Fragestellungen alle zusammenhängen und nicht isoliert voneinander behandelt werden können“. Reden wir vielleicht überhaupt zu viel über Probleme? „Es ist vollkommen legitim, über Probleme zu diskutieren“, so Grawert. „Wir müssen kritisieren, aber wir müssen auch Lösungsansätze vorschlagen. Architekt*innen haben hier eine besondere Verantwortung, denn ihre Gestaltung hat weitreichende Konsequenzen. 2038 wirft einen optimistischen Blick in die Zukunft, denn wir haben sie selbst in der Hand.“ Was also führt zur neuen Gelassenheit? Es geht um De-Coding Social Relations, Enacting (Dis-)Ownership, Re-Conncecting (Eco)systems. Um Universal learning and teaching, Dezentralisierung von Macht, Infrastruktur und Gesellschaften, um die TrustSociety, um „new urban protocols“, Gamification, kryptographische E-Währungen, anpassungsfähige Systeme und Öko-Technologien. Schritt für Schritt entdecken wir eine Welt, in der Containerschiffe von Windsegeln gezogen werden, „Above water aquariums“ den artenübergreifenden Austausch zwischen Land- und Wasserlebewesen ermöglichen, wir dank 3D-Druckverfahren unsere Produkte selbst reparieren können, die Circular Economy Realität ist und wir unsere Identitäten in nicht-staatlichen und nicht-manipulierbaren Blockchains speichern. Zwischendurch wird es aber auch konkreter und architektonischer. Als ein gelungenes Beispiel von Multi-Species-Cohabitation führt Mitchell Joachim die Ausrichtung von Fassaden für das Leben des Monarchfalters an, dessen Ausrottung dadurch gerade noch verhindert werden konnte. Alle Themen können aber freilich nur angerissen werden. Das führt dazu, dass scharfsinnige Geister wie Evgeny Morozov Sätze sagen wie: „Wir haben uns die Werte Solidarität, Zusammenarbeit und des Engagements von Aktivitäten zu eigen gemacht, die nicht von Rentabilitätserwartungen getrieben sind.“ Ausgangspunkt dafür war offensichtlich Stafford Beers Cybersyn-Projekt für Chile in den 1970er Jahren, wobei das in der verkürzten Darstellung nicht ganz klar wird. Muss es ja auch nicht, denn das Ganze ist natürlich immer auch witzig gemeint, ästhetisch wimmelt es von Verfremdungseffekten. Die digitalen Animationen lassen die Studio-Situationen sichtbar, zur Gelassenheit der Protagonist*innen und der absichtlichen Über-Künstlichkeit des Settings treten in den einzelnen Themenfeldern klare Brüche auf. Und die für Brandlhuber+ Filme notorischen Schrift-Snippets laufen mit ostentativem Augenzwinkern in Wiederholungsschleifen über den Bildschirm. Die Filmbeiträge wollen also keine „reale“ Utopie zeigen. Stattdessen oszilliert die Haltung irgendwo zwischen einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Lösungsansätzen, der trashigen Persiflage von Zukunftsvisionen und post-ironischer Post-Internet-Attitüde. Eine inhaltliche Kritik von 2038 wird dadurch müßig. Die Entscheidung, den Pavillon in Venedig bis auf an die Wände geplottete QRCodes vollkommen leer zu lassen, ist eine inmitten der Hochphase der Pandemie getroffene Entscheidung. Eigentlich sollten die (vor Covid-19 abgedrehten) Videos im Pavillon gezeigt werden, die digitale Komponente nur als Erweiterung dienen. „Bei den Zoom-Meetings mit Kurator*innen aller Pavillons gab es viele Gespräche über die Lage“, so Grawert. „Tatsächlich konnten einige Pavillons nicht eröffnen, weil die Teams aufgrund der Coronasituation nicht reisen durften. In vielen Ländern kann man sich einen Besuch in Venedig ohnehin niemals leisten. All diese Geschichten machen demütig. Deshalb unsere Entscheidung, die Zugänglichkeit so groß wie möglich zu machen und die Biennale zu demokratisieren.“ Der Deutsche Pavillon ist virtuell über 2038.xyz sowie über Google Arts & Culture erlebbar und bis 21. November 2021 in Venedig zu besichtigen. Zur Ausstellung erschien ein Katalog bei Sorry Press und eine Ausgabe des Berliner Straßenmagazins Arts of the Working Class. Weitere Kooperationen umfassen das Programm mit Performing Architecture des Goethe Instituts im Laufe des Sommers in Venedig, unter anderem mit Rimini Protokoll sowie dem Archiv der Zukunft in der Kleinstadt Lichtenfels, das 2022 offiziell eröffnen wird. Inhalt Architekturwoche 30 News Dossier Bild der Woche 582 Oben: Ein Avatar im Cloud Pavilion, Bild: 2038 Links: Still aus einem der Filme des „„History Channels“ 582 Inhalt Architekturwoche 31 News Dossier Bild der Woche Fotos: Hampus Berndtson HAUSTECHNIK ZUM WOHLFÜHLEN DÄNISCHER PAVILLON AUF DER BIENNALE Der dänische Pavillon in den Giardini ist der spektakulärste nationale Beitrag auf der diesjährigen Biennale. Lundgaard & Tranberg Architects und Kuratorin Marianne Krogh haben das gesamte Gebäude zu einer beeindruckenden Was- serlandschaft samt Urban Gardening transformiert, in der die Besucher*innen Tee trinken können. VON GREGOR HARBUSCH Inhalt Architekturwoche 32 News Dossier Bild der Woche 582 Dänemarks Pavillon wird als heißer Kandidat für den Goldenen Löwen gehandelt, der dieses Jahr nicht zu Beginn der Biennale, sondern erst später vergeben wird. Im Gegensatz zur Konkurrenz zeigen die Dän*innen keine Ausstellung, sondern haben ihr Haus konsequent umgebaut. Unter dem Titel „Con-nect-ed-ness“ haben sie in und um den Pavillon einen Wasserkreislauf realisiert. Außen setzen sie auf die spröde Schönheit von Rohren, Schläuchen, Wassertanks und Steuerungstechnik. Innen finden sich die Besucher*innen in einer faszinierenden Raumfolge wieder, die durch fein inszenierte Wasserläufe auf dem topographisch überformten Boden zusammengehalten werden. Thema des Pavillons sind globale Zusammenhänge, Wechselwirkungen und Kreislaufsysteme, wie Marianne Krogh in ihrem kuratorischen Statement betont: „Wir leben in einer Zeit, in der wir deutlich die klimabedingten Folgen davon erleben, dass die 582 Krogh und das Kopenhagener Büro Lundgaard & Tranberg Architects übersetzten diesen Grundgedanken in ein loungeartiges Setting, das die Besucher*innen zum Innehalten und Ausruhen einlädt. In einem halboffenen Bereich werden Kräuter angepflanzt, die im Küchenbereich als Tee aufgegossen werden. Diesen können die Besucher*innen auf den tiefen, blassrosa Sofas im Hauptsaal genießen, der wiederum in ein Wasserbassin verwandelt wurde, in dem sich eine Insel aus dem wiederverwendeten Holzboden einer Sporthalle befindet. Den poetischen Höhepunkt bildet der quadratische Raum, in dem ein Netz von der Decke hängt, aus dem kontinuierlich ein feiner Wasserstrahl in den ansonsten leeren Raum tropft. News Dossier Bild der Woche Menschheit die Welt über Jahrhunderte unterteilt und geordnet hat, ohne zu verstehen, dass unsere Handlungen viele Tausende von Kilometern entfernt Konsequenzen haben.“ Inhalt Architekturwoche 33 Es ist mehr als offensichtlich, dass die ästhetisch beeindruckende und exzellent inszenierte Intervention ein ganzes Bündel aktueller Themenfelder anspricht: Wasserknappheit, Urban Gardening, bewusster Konsum, Entschleunigung, Recycling. Kuratorin Krogh möchte das immersive Erlebnis als Erkenntnismoment verstanden wissen, wenn sie sagt: „Das Ziel des dänischen Pavillons ist es, einen Raum zu schaffen, der eine neue Erfahrung von Zusammenhalt ermöglicht; ein Raum, in dem die Besucher*innen körperlich die Verbindungen zwischen uns allen fühlen.“ Es ist ein bequemer und entspannter Erkenntnisprozess, den der Pavillon bietet: Bewusster Lifestyle anstatt echter Kritik am Lifestyle des globalen Nordens. Denn schlussendlich verkörpert der Pavillon ein Stück Wohlfühlarchitektur, die die schmerzhaften Aspekte globaler Machtverhältnisse und die Verteilungskämpfe um Wasser letztlich nur auf der ästhetischen Ebene antippt – dies aber umso gekonnter. Fotos: Hampus Berndtson STERBENDE LUFT KATALANISCHER BEITRAG IN CASTELLO Architekturwoche 34 News Dossier Bild der Woche 582 Ähnlich wie die Dänen widmen sich auch die Katalanen einem lebenswichtigen Element unserer Umwelt, das bedroht ist. Doch während die Skandinavier das Thema Wasser im Rahmen einer perfekt durchgestalteten Wohlfühloase präsentieren, setzen die Spanien bei ihrer Ausstellung über Luftverschmutzung auf düstere Immersion und sphärische Klänge, die unter die Haut gehen. Das passt zur Dringlichkeit des Anliegens. Inhalt VON GREGOR HARBUSCH Auswirkungen der Luftverschmutzung auf die menschliche Gesundheit in Barcelona. Visualisierung: 300.000 Km/s Rechts und nächste Seite: Installationsansichten, Fotos: Gunnar Knechtel Inhalt Architekturwoche 35 News Dossier Bild der Woche 582 Seit 2009 ist die spanische Region Katalonien mit einem eigenen Beitrag im Rahmen der Collateral Events auf der Biennale vertreten. Ein Besuch der diesjährigen Ausstellung mit dem Titel „air/aria/aire“ bietet sich im Anschluss an den Besuch des Arsenale an. Denn wer das Gelände durch den hinteren Ausgang am Park verlässt, erreicht in nur fünf Gehminuten die Räume der Katalanen. Nicht nur die Laufnähe spricht dafür, sich nach der erschöpfenden Großpräsentation noch eine Viertelstunde Zeit für „air/aria/ aire“ zu nehmen. Den Macher*innen des Pavillons gelingt nämlich ein in jeder Hinsicht überzeugender Beitrag, der nicht nur einen inhaltlich wichtigen Punkt macht, sondern auch als Ausstellung begeistert. Mit dem Fokus auf das Allgemeingut Luft geht Kuratorin Olga Subirós das Hauptthema der Biennale auf einer essentiellen und biologischen Ebene an. Die Installation ist räumlich simpel und besteht aus zwei abgehängten Wänden in einer verdunkelten Halle, die einen langen Korridor bilden. Auf den beiden Außenseiten der Wände werden Daten, Aussagen und vor allem Kartierungen zur Luftverschmutzung in Barcelona gezeigt, die von 300.000 Km/s produziert wurden. Das lokal ansässige Büro hat sich auf die Visualisierung von Big Data im stadtplanerischen Kontext spezialisiert. Auf der Innenseite der Wände findet man verschmutzte Luftfilter aus Messstationen der katalanischen Stadt. Unscheinbar und aseptisch wirken die runden Scheiben hinter Glas im ersten Moment. Doch schnell schleicht sich beim Betrachten ein ähnliches ungutes Gefühl ein, wie beim genauen Blick auf den Filter einer gerauchten Zigarette. Zum nachhaltig eindrucksvollen Erlebnis wird die Ausstellung jedoch durch den Sound des Elektromusikers und DJs John Talabot und der kongenialen Sängerin Maria Arnal. In Anspielung auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes im Italienischen – eben Luft –bezeichnen sie ihren Soundtrack zur Ausstellung als Arie. Gut zwölf Minuten lang ist der düstere, verhalten abstrakte House-Track mit dem beschwörende Gesang Arnals, der als mehrkanalige Soundinstallation den Raum durchdringt und das Sterben der sauberen Luft beklagt. Richtig beklemmend in Zeiten einer global grassierenden Lungenkrankheit wird es schließlich, wenn Arnals Singen an manchen Stellen in pures poetisches Atmen umschlägt. Unbedingt hörenswert! Ausstellung: bis 21. November 2021 Ort: Cantieri Navali, Fondamenta Quintavalle, Castello 40 Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10–18 Uhr www.air.llull.cat Inhalt Architekturwoche 36 News Dossier Bild der Woche 582 Globale PM10-Feinstaubemissionen. Visualisierung: 300.000 Km/s 582 Inhalt Architekturwoche 37 News Dossier Bild der Woche Links: Installationsansicht in Venedig, Foto: Ugo Carmeni Unten: Google Block Party in Venice Beach, eines der Phänomene, die bei Access Is The New Capital diskutiert werden. Foto: Centre for Global Architecture 2020 PHÄNOMEN PLATTFORM-URBANISMUS ÖSTERREICHISCHER PAVILLON 2021 „Access is the New Capital“ – der von Peter Mörtenböck und Helge Mooshammer kuratierte Österreichische Pavillon nimmt den Plattform-Kapitalismus ins Visier. Unterteilt in die sieben Kapitel Zugang, Service-Stadt, Maßstab, Emotionen, Zirkulation, Daten und Öffentlichkeit liefert er einen der konzeptuell anspruchsvollsten Beiträge der Venedig Biennale 2021. VON ALEXANDER STUMM 582 Bild der Woche Digitale Plattformen haben uns im Griff. In Sozialen Medien werden die politische Weltlage diskutiert oder Alltagserlebnisse geteilt. Mobilität wird über Car-, Bike- oder E-Scooter-Sharing gelöst. Dating-Apps versprechen unkomplizierten Sex oder die große Liebe. Musik, Filme und Games werden gestreamt. Online-Versandhändler bringen Konsumprodukte, Lieferdienste die Mahlzeiten oder dringend benötigten Szechuan Pfeffer für den Kochabend. Seit Covid-19 findet auch die Arbeits- und ein Großteil der Freizeitkommunikation über Videotelefonie, das Fitness-Programm am Smart-TV statt. Inhalt Architekturwoche 38 News Dossier Seit Beginn der Pandemie wird wieder vielfach über den Niedergang des Einzelhandels und die Verelendung der Innenstädte debattiert sowie urbane Verdichtung auf den Prüfstand gestellt. Doch viele Thesen bleiben im Düster-Spekulativen verhaftet. Oft fehlt ein theoretisches Fundament. Hier setzt die Ausstellung des österreichischen Pavillons mitsamt den im Katalog und online veröffentlichten Essays an. Fotos: Ugo Carmeni (oben), AFP | Andrea Ferro Photography Inhalt Architekturwoche 39 News Dossier Bild der Woche 582 Die Kuratoren Peter Mörtenböck, Professor für Visuelle Kultur an der Architekturfakultät der TU Wien und Helge Mooshammer, Stadt- und Kulturforscher an der TU Wien nehmen in Plattform Austria die (schon vor Covid-19 virulenten) Entwicklungen mit einer Ausgangsthese in den Blick: Der Plattform-Kapitalismus ist kein Cloud-Phänomen, seine materielle Ausprägung nicht auf Smartphones, Funktürme, Kabelleitungen, Rechenzentren und Serverfarmen beschränkt. Vielmehr ist er ein wirkmächtiger Akteur, der die Strukturen von Stadt und Gesellschaft entscheidend mitprägt. Es geht demnach um die räumlichen Auswirkungen des Plattform-Kapitalismus, die unter dem Begriff Plattform-Urbanismus zusammengefasst werden. Gig Worker unter schlechten Arbeitsbedingungen dezentral die Mahlzeiten großer Restaurants zubereiten; die E-Scooter und Shared-Bikes, die präzise Muster aller Fahrten im Stadtraum aufzeichnen und mitunter als Ersatz für bezahlbaren öffentlichen Nahverkehr dienen; die in urbanen Räumen und bei Start-Ups gleichermaßen genutzten Kletterwände, die ob ihrer Vertikalität einfach integriert werden können und kurze Möglichkeiten für sportliche Betätigung und sozialen Austausch sorgen – bevor es zurück an die Arbeit geht; darunter fällt aber auch der Muschelkopfhörer mit Noise Cancelling-Funktion, der am Hot-Desk im Coworking-Büro einen abgeschiedenen Mind-Space suggeriert. Nun ist ein solcher Plattform-Urbanismus nicht zwangsläufig im architektonischen Sinne abbildhaft – ein Problem, wenn man eine Ausstellung konzipieren will. Doch das Ausstellungskonzept überzeugt auch auf visueller Ebene und schafft dabei den Spagat zwischen klassischer Gemäldegalerie – der Pavillon ist schließlich ein Entwurf des Wiener Sezessionisten Josef Hoffmann – und der von Memes und Post-Internet geprägten Ästhetik der digitalen Gegenwart. Begrüßt wird man von zwei von der Decke hängenden Installationen, die wie materialisierte Instagram Stories-Buttons daherkommen, tituliert mit „Access is the New Capital“ und „The Plattform is my Boyfriend“. Die Typologien gehen vom Planetarischen und Urbanen zum Designobjekt – die Kuratoren sprechen deshalb von einem „Collapse of Scales“, einem Zusammenbruch der Skalen, mit denen in der Stadtplanung traditionellerweise operiert wird. Bevor wir in einer „City-on-Demand“ leben, in der sich der „reale Stadtraum in inselartige Zonen auf[löst], in denen nur noch Fragmente sozialen Austauschs übrigbleiben“, lohnt es sich, die Fragen nach Zugänglichkeit, Mobilität und Service neu zu stellen. Oder, um es mit Mörtenböck und Mooshammer zu sagen: „The Future is Public“. Gut 50 Architekt*innen, Künstler*innen, Theoretiker*innen und Kollektive haben Beiträge geliefert, darunter Tom Avermaete, Peggy Deamer, Saskia Sassen, Manuel Shvartzberg Carrio, Slutty Urbanism und Douglas Spencer. Bei Platform Austria werden sie allesamt konsequent als Blogger bezeichnet. Obwohl artig gerahmt und klassisch gehängt, sind die stets im gleichen Format gezeigten Arbeiten weniger Bildwerke denn Posts. Sie können als (oftmals wirklich witziges) Aufmacherbild für die im Katalog beziehungsweise auf der Website nachzulesenden Essays verstanden werden. Der Pavillon ist auch mit einer eigenen Webseite und – wie sollte es anders sein – auf Instagram und Facebook zu erleben, wo er über den Biennale-Zeitraum hinaus erweitert werden soll. Auf der Website findet man einige der besten Textbeiträge zum Thema. Die Image Bank „We Like“ will als Open Source Plattform eine Bildersammlung alternativer Räumen jenseits des Plattform-Urbanismus werden. Ende August und im September sind, soweit es das Infektionsgeschehen zulässt, eine Midisage und Veranstaltungen vor Ort geplant. www.platform-austria.org Teil der Ausstellung ist auch eine typologische Studie des Plattform-Urbanismus. An einer großen Wand werden in schlichten Axonometrien mit kurzen Erklärtexten verschiedene Phänomene dargestellt, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. Darunter fallen die seit den 1970er Jahren entstandenen Freihandelszonen, in denen private Unternehmen relativ unbehelligt von nationalen Gesetzgebungen wie Arbeitsrechten operieren; die unzähligen fensterlosen Warenverteilerzentren, die zum Außenraum hermetisch abgeriegelt, dafür aber eng an den globalen Strom von Informationen, Produktion und Güter gekoppelt sind; die Ghost Kitchens, in denen Inhalt Architekturwoche 40 News Dossier Bild der Woche 582 FLÜCHTIGE LEERE EIN FOTOESSAY VON NILS KOENNING Inhalt Architekturwoche 41 News Dossier Bild der Woche 582 FLÜCHTIGE LEERE Der entvölkerte Markusplatz wurde während des ersten Lockdowns 2020 zu einem Symbol der Pandemie. Unfassbar, dass Venedig, Hotspot des Overtourism, plötzlich so traumverloren aussah, wie ein Gemälde von Giorgio de Chirico. Anfang 2021 wirkte die Entscheidung der Biennale, die Architekturgroßveranstaltung stattfinden zu lassen, ziemlich mutig. Würden die Menschen tatsächlich zurückkehren? Zur Eröffnung im Mai zeigte sich bereits ein anderes Bild. Die pandemische Leere war zwar noch allgegenwärtig, zugleich deutete sich der gewohnte venezianische Ausnahmezustand jedoch schon wieder an. Nils Koenning hat diesen flüchtigen Moment des Übergangs dokumentiert. SB Inhalt Architekturwoche 42 News Dossier Bild der Woche 582 Inhalt Architekturwoche 43 News Dossier Bild der Woche 582 Inhalt Architekturwoche 44 News Dossier Bild der Woche 582 Inhalt Architekturwoche 45 News Dossier Bild der Woche 582 Inhalt Architekturwoche 46 News Dossier Bild der Woche 582 Inhalt Architekturwoche 47 News Dossier Bild der Woche 582 Inhalt Architekturwoche 48 News Dossier Bild der Woche 582 Inhalt Architekturwoche 49 News Dossier Bild der Woche 582 Inhalt Architekturwoche 50 News Dossier Bild der Woche 582 Inhalt Architekturwoche 51 News Dossier Bild der Woche 582 Inhalt Architekturwoche 52 News Dossier Bild der Woche 582 Inhalt Architekturwoche 53 News Dossier Bild der Woche 582 Inhalt Architekturwoche 54 News Dossier Bild der Woche 582 Inhalt Architekturwoche 55 News Dossier Bild der Woche 582 Inhalt Architekturwoche 56 News Dossier Bild der Woche 582 Inhalt Architekturwoche 57 News Dossier Bild der Woche 582 Nils Koenning Geboren 1980 im Ruhrgebiet, studierte Koenning Architektur in Bochum. Zur Fotografie kam er über sein Interesse an der intensiven Beobachtung und Auseinandersetzung mit Lebensräumen. Seine Arbeit erforscht und dokumentiert sowohl alltägliche Umgebungen als auch die Produkte und Orte architektonischer Baukunst. Seit 2008 zahlreiche Ausstellungsteilnahmen und Veröffentlichungen. Nils Koenning lebt in Berlin. www.nilskoenning.com Inhalt Architekturwoche 58 News Dossier Bild der Woche 582 Inhalt Architekturwoche 59 News Dossier Bild der Woche 582 Inhalt Architekturwoche 60 News Dossier Bild der Woche 582 NEXT STOP PRISTINA Trotz Pandemie stimmte bei der Manifesta im letzten Jahr das Timing: Die Marseille-Ausgabe konnte – wenn auch unter erschwerten Bedingungen – stattfinden. Für die Macher*innen um Hedwig Fijen waren die besonderen Umstände aber Anlass, um das Profil der Wanderbiennale weiter zu schärfen: Weg vom flüchtigen Event, hin zur vielschichtigen Unterstützung lokaler Kontexte. Für Pristina als nächstem Austragungsort folgt daraus ein verstärkter Fokus auf den öffentlichen Raum. Vor einigen Wochen wurden die ersten temporären Interventionen des Turiner Architekturbüros Carlo Ratti Associati vorgestellt, mit dem die Manifesta dieses Mal kooperiert. Über die Laufzeit der Manifesta hinaus könnten diese Interventionen verstetigt werden. Die Biennale wird vom 22. Juli bis zum 30. Oktober 2022 an mehreren Orten in Pristina zu sehen sein. sb // manifesta14.org // Foto: Rinor Ramadani
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