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Italien 19

Full text: Baunetzwoche (Rights reserved) Issue537.2019 Italien 19 (Rights reserved)

Das Querformat für Architekten 537 6. Juni 2019 K INO NE R E D MO rlin ITALIEN 19 MATERA - VENEDIG - MAILAND n Be i g n u r sstell Weimare u A e er Ei n ilm d lik F m b zu Re p u 537 DIESE WOCHE Bild der Woche Drei Italienreisen im Jahr 2019: Auf der Suche nach dem Neorealismo in der Kulturhauptstadt ­Matera, die nicht nur Höhlen zu bieten hat, sondern auch von der Modernisierung des Südens erzählt. Ein Spaziergang durch die Pavillons der Kunstbiennale in Venedig, wo sich nicht erst nach dem dritten Spritz die Grenzen auflösen. Und ein Kurztrip nach Mailand zur wiedererstarkten ­Triennale, bei der es einen sehr gelungenen deutschen Beitrag zu entdecken gibt. 2 Architekturwoche Inhalt Matera jenseits der Höhlen Der Neorealismo und die Transformation einer Region Von Ulrich Brinkmann 23 Immersion grantiert Elf Pavillon-Tipps für Venedig Von Linda Kuhn und Nadia Pilchowski 36 Zerstörte Natur Zur XXII. Triennale in Mailand Von Alexander Stumm News Dossier 7 3 Architekturwoche 4 News 33 Bild der Woche Titel: Matera und die Gravina-Schlucht, Foto: Luca Lancieri oben: Der Staudamm „Diga del Pertusillo“ bei Matera auf einer alten Postkarte BauNetz Media GmbH Geschäftsführer: Dirk Schöning Chefredaktion: Friederike Meyer Redaktion diese Ausgabe: Stephan Becker Gestaltung / Artdirektion : Natascha Schuler Diese Ausgabe wurde ermöglicht durch: n mit pa sse et ter. r e v gabe e-Newsl h e Au s K e i n u n e t z w o c ie r e n ! n a n B o b m a de Jetzt News Dossier Bild der Woche 537 Architekturwoche 3 DONNERSTAG Inhalt Foto: Stefan Altenburger Es handele sich um die schönste Eingangshalle eines Polizeigebäudes, so Daniel Blumer, der Kommandant der Stadtpolizei Zürich. Und tatsächlich, die feurig leuchtenden Fresken, die Augusto Giacometti 1925 nach seinem Entwurf ins Amtshaus I malen ließ, beeindrucken noch heute. Initiiert wurde die Verschönerung der an sich eher unbedeutenden Halle als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für darbende Künstlerinnen und Künstler. Unter Giacomettis Oberleitung setzten drei Gehilfen die Fresken schließlich um. Dass diese nun mehr denn je strahlen, mag allerdings nicht nur an ihrer gerade abgeschlossenen Restaurierung liegen. Sondern auch an der neu installierten LED-Beleuchtung. sb 537 Inhalt Architekturwoche 4 News Dossier Bild der Woche NEWS BIG BANG GLÄSERNER ZEITSTRAHL WAGENFELDS LEUCHTEN AUSSTELLUNG IN KOPENHAGEN BAUNETZ WISSEN AUSSTELLUNG IN BREMEN LEGO House, Foto: Kim Christensen Bundeswehr, Kraatz Wilhelm Wagenfeld vor Lindner-Leuchten in der Stuttgarter „Werkstatt Wagenfeld“ um 1964 Die bisher größte Ausstellung im Dänischen Architekturzentrum DAC kann natürlich nur einem Büro gelten: BIG. Unter dem Titel „Formgiving“ wird demnächst die Geschichte der Bjarke Ingels Group vom Urknall bis zum Leben auf dem Mars erzählt. Und weil BIG nicht umsonst BIG heißt, handelt es sich zugleich um die bisher umfangreichste Werkschau des Büros. Das mit dem Urknall ist übrigens ernst gemeint, soll doch parallel zur Bürohistorie auch die Entstehung des menschlichen Gestaltungswillens thematisiert werden. Die Ausstellung versteht sich zudem als Manifestation von BIGs neuer Designphilosophie „formgiving“, die in der Ausstellung mit Lego nachgebaut werden kann. Ab 12. Juni 2019 www.dac.dk Als Gegenüber des Ehrenmals der Bundeswehr auf dem Areal des Verteidigungsministeriums in Berlin gibt es seit 2018 den Raum der Information. Die Besucher können sich über die Geschichte der Bundeswehr informieren und erfahren mehr über die Menschen, zu deren Ehren die Gedenkstätte errichtet wurde. TRU Architekten entwarfen den Bau, dessen Betonwände U-förmig einen Hof und den deutlich größeren Ausstellungsraum umschließen. Blendfreies Tageslicht dringt durch ein leichtes Sheddach. Ein Zeitstrahl auf präzise gereihten, beleuchteten Glastafeln vermittelt die Inhalte. Die mit Baubronze belegten Metalltore bieten Einlass – oder bilden mit den Betonmauern eine Festung. www.baunetzwissen.de/glas Ein Lebenswerk von (unter anderem) fast 150 Leuchten und schon der erste Entwurf ein Hit: Wilhelm Wagenfelds 1924 zusammen mit Carl Jakob Jucker gestaltete Tischleuchte galt schon bald als die „Bauhausleuchte“. Der Bremer Wagenfeld kam 1923 als Student ans Bauhaus und gehörte nach dem Krieg zu jenen Designern, die dessen Ideen in der Bundesrepublik weiterentwickelten. Eine Ausstellung im Wagenfeld-Haus wirft nun anhand der Leuchten einen Blick auf sein frühes Werk und auch auf seine späteren, oft organischen Arbeiten. Ein Teil der Präsentation ist außerdem der Rezeptionsgeschichte der berühmten Leuchte gewidmet, die zahlreiche jüngere Designer*innen inspiriert hat. Bis 27. Oktober 2019 www.wilhelm-wagenfeld-stiftung.de Das Wichtigste passiert in der Pause. Architektur. Täglich. Der BauNetz Newsletter. 537 Inhalt Architekturwoche 5 News Dossier Bild der Woche Gira E2. Puristisches Design, langlebige Materialien. Das Schalterprogramm Gira E2 kombiniert streng reduziertes Design mit intelligenter Technik. Fünf Farben aus bruchsicherem Thermoplast und Echtmaterial Edelstahl erlauben ein durchgängiges und gleichzeitig individuelles Design. In der flachen Ausführung kann das gesamte Schalterprogramm 3,4 mm flach auf der Wand installiert werden. Weitere Informationen: www.partner.gira.de/e2 Inhalt Architekturwoche MATERA VENEDIG MAILAND Sun & Sea (Marina) in der Marina Militare, Foto: Andrej Vasilenko 6 News Dossier Bild der Woche 537 ITALIEN 19 Inhalt 7 News Dossier Matera und die Gravina-Schlucht, Foto: Luca Lancieri Architekturwoche Bild der Woche 537 MATERA JENSEITS DER HÖHLEN DER NEOREALISMO UND DIE TRANSFORMATION EINER REGION Inhalt Architekturwoche 8 News Dossier Bild der Woche 537 VON ULRICH BRINKMANN Gerade der archaische Charme von Matera lockt heute die Besucher*innen an: Seit 1993 sind die Höhlenviertel Weltkulturerbe und im laufenden Jahr wurde Matera neben dem bulgarischen Plovdiv zur europäischen Kulturhauptstadt gekürt. Keine Zeitung, die nicht längst im Reiseteil über die wiederbelebten alten Quartiere berichtet hätte. Weit weniger bekannt ist, dass die Höhlen auch im Kontext der Modernisierung des italienischen Südens gesehen werden müssen. Die nahen Sümpfe wurden trockengelegt, und moderne Dörfer entstanden, um der Armut der Region etwas entgegenzusetzen. Mit dabei waren auch die wichtigen Architekten jener Jahre, wie unsere Spurensuche zeigt. Blick vom Asceterio di Sant´Agnese über die Schlucht auf den Dom von Matera. Foto: Ulrich Brinkmann Historische Postkarte: Matera, Via Marconi, Chiesa dell´Annunziata (Architekt Salvatore Masciandaro, 1958). Edizione Cartolibreria Riccardi, Matera 537 Inhalt Architekturwoche 9 News Dossier Bild der Woche Der unterirdische Bahnhof von Matera erhält derzeit ein neues Empfangsgebäude nach den Plänen von Stefano Boeri. Die umliegende Piazza Matteotti wird im Lauf des Jahres noch vollständig umgestaltet. Foto: Ulrich Brinkmann (2019) Wer nach Matera will, sollte auf Entschleunigung eingestellt sein: Angesichts der gewaltigen Anstrengungen, die seit dem Zweiten Weltkrieg unternommen wurden, um die Lebensbedingungen im Süden des Landes, dem berüchtigten „Mezzogiorno“, dem industrialisierten Norden anzunähern, ist die Anbindung der Stadt ans Verkehrsnetz ein schlechter Scherz. Die nächste Autobahn ebenso wie der nächste größere Flughafen liegen 70 Kilometer entfernt in Bari, die Eisenbahnverbindung von dort ist eingleisig, schmalspurig und nicht elektrifiziert. Aus Richtung Neapel kommend gilt es gar, für die letzten 200 Kilometer den Bus zu nehmen – Christus mag einst nur bis Eboli gekommen sein, der Schnellzug „Frecciarossa“ der staatlichen Eisenbahn kommt heute nur bis Salerno. Dabei ist Matera nicht irgendein süditalienisches Nest, sondern eine Provinzhauptstadt von immerhin 60.000 Einwohnern – mit allem, was dazu gehört, und das schon seit 1927. Zumindest aber empfängt den Reisenden inzwischen ein neuer Bahnhof, geplant vom Mailänder Architekten Stefano Boeri, und der umliegende Stadtraum, die Piazza Matteotti, wird bis Jahresende zum zeitgenössischen Empfangssalon der Stadt umgebaut. Busbahnhof, Parkplätze und ein fußgängerfreundlicher Weg in die Altstadt mit ihren berühmten Höhlenvierteln „Sasso Barisano“ und „Sasso Caveoso“ inklusive. Den Kulturhauptstadt-Status teilt sich Matera übrigens wie üblich mit einer zweiten Stadt: Das bulgarische Plowdiw ist ebenfalls auserwählt. Trotz der langwierigen Anreise und unabhängig von den Veranstaltungen des Kulturhauptstadtjahres lohnt es sich aber sehr, hierherzukommen. Man sollte jedoch nicht nur auf die „Sassi“ in der Gravina-Schlucht fixiert sein, deretwegen Matera 1993 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. Auch der obligatorische Spaziergang durch das von barocken, historistischen und faschistischen Stadtpalästen, aber auch Kaufhäusern und Filmtheatern der Spätmoderne geprägte Geschäftsviertel auf der 537 Die Piazza Vittorio Veneto oberhalb des Höhlenviertels „Sasso Barisano“ ist der Dreh- und Angelpunkt von Matera. Das Gebäude des ehemaligen Convento dell´Annunziata beherbergt heute verschiedene kommunale Einrichtungen sowie ganz oben eine Caféterrasse, von der aus sich das Treiben auf der Piazza überblicken lässt. Foto: Velvet / CC BY-SA 4.0 / Wikimedia Inhalt Architekturwoche 10 News Dossier Bild der Woche Unten: Zwischen Piazza Vittorio Veneto und Piazza San Francesco, entlang der heutigen Via del Corso, wurden von den 30er bis in die 70er Jahre Verwaltungs- und Geschäftshäuser gebaut, die die Entwicklung der italienischen Architektur im Lauf von vier Jahrzehnten auf engstem Raum ablesbar machen. Die Postkarte aus den 70er Jahren zeigt im Vordergrund das Wohnund Geschäftshaus des Architekten Piergiorgio Corazza (Baujahr 1969), dahinter das Postamt von Vincenzo Corazza von 1932 (Postkarte: Edizione Cifarelli Giuseppe, Matera) Der 1949-56 errichtete Staudamm „Diga di Gannano“ am Fluss Agri zwischen Montalbano Jonico und Tursi auf einer 1963 verschickten Karte (Edizione Imperatrice Rocco) Ganz rechts: Die Via Passarelli führt vom Zentrum aus nach Westen. Anstelle der in den 30er Jahren geplanten Monumentalanlage eines neuen, faschistischen Matera entstanden in den Jahren 1949-52 Wohnhäuser von durchaus urbanem Charakter (Postkarte 50er Jahre: Edizione Cartolibreria Riccardi, Matera) Inhalt Architekturwoche 11 News Dossier Bild der Woche 537 Das Cinema-Teatro „Duni“ vom Architekten Ettore Stella entstand 1946-49 als ein Fanfarenstoß der Nachkriegsmoderne. Leider steht das Gebäude derzeit leer. Fotos: Alessandro Lanzetta / Courtesy: Atlante Architettura Contemporanea, Direzione Generale Arte e Architettura contemporanee e Periferie urbane, MiBAC Ebene ist nicht ausreichend. Der Besucher, zumal, wenn er Architekt oder Stadtplanerin ist, sollte sich unbedingt auch Zeit nehmen, um das moderne Matera zu erkunden und vielleicht sogar einen Ausflug in die umliegende Provinz zu unternehmen – denn beide, Provinz und Provinzhauptstadt, verdanken ihre heutige Gestalt in wesentlichen Zügen den Modernisierungsschüben der Nachkriegszeit. Zu sehen gibt es mehr als genug – viel mehr jedenfalls, als sich in diesem Beitrag ansprechen lässt. Das Hauptaugenmerk gelte daher nicht hochrangigen Einzelbauten – die es auch gibt – sondern einem Überblick über die gewaltigen strukturellen Veränderungen, die über diesen lange vergessenen Landstrich nach dem Zweiten Weltkrieg hereinbrachen. 537 ZWISCHEN SCHANDE UND AUFBRUCH Inhalt Architekturwoche 12 News Dossier Bild der Woche Der Umschlagpunkt hin zur Moderne lässt sich recht genau bestimmen. Nicht die Erhebung Materas zur Provinzhauptstadt 1927 war der entscheidende Anstoß, auch wenn dies der Stadt eine Reihe von Verwaltungseinrichtungen beschert hat, die nicht nur einige höher qualifizierte Arbeitsplätze mit sich brachten, sondern im Lauf der Jahrzehnte auch Neubauten, die durchaus eine Bereicherung der Stadt darstellen – vom Neoklassizismus der 30er Jahre, wie beim Sitz des Kreditinstituts „Banco di Napoli“ (Piazza Vittorio Veneto, Architekt Francesco Silvestri, 1933) oder dem „Palazzo dell´Economia corporativa“ (heute: Camera di Commercio, Via Minzoni, Architekt Ernesto Bruna La Padula, 1935) bis zum Sichtbeton-Brutalismus der Bauten für Gericht und Rathaus (Piazza Matteotti, beide geplant von Vincenzo Baldoni und Piergiorgio Corazza) aus den 60ern. Nein, den Schub in eine neue Ära lieferte ein Rechts und oben: Am Piazza Matteotti wurden seit der Erhebung Materas zur Provinzhauptstadt im Jahr 1927 eine ganze Reihe von repräsentativen, für die jeweilige Zeit typische Verwaltungsgebäude errichtet. Den brutalistischen „Palazzo di Giustizia“ planten Piergiorgio Corazza und Vincenzo Baldoni im Jahr 1965, ebenso das dahinter zu ahnende Rathaus (im gleichen Jahr) und den Liceo scientifico (1969) am Viale Nazioni unite (Postkarte oben, 80er Jahre: Edizione Cifarelli, Matera). Foto rechts Ulrich Brinkmann Wie schnell sich die Nachkriegsmoderne entwickelte, wird aber mehr noch an der Piazza San Francesco deutlich (s. auch vorangegangene Seite): Hier stehen sich mit dem 1950-52 errichteten Sitz der „Banca d´Italia“ und der 1960 fertig gestellten „Banca popolare del materano“ die verspätete Repräsentationsarchitektur der späten 30er Jahre und der auf Provinzhauptstadt-Maßstab eingedampfte International Style direkt gegenüber (Postkarte ca. 1968: Edizione Cartolibreria Riccardi, Matera). News Dossier Bild der Woche 537 Inhalt Architekturwoche 13 Der Palazzo Lanfranchi erhebt sich am Ende des Corso und bildet als Kunstmuseum der Stadt einen attraktiven Endpunkt des Stadtzentrums. Die Gemälde von Carlo Levi, darunter das monumentale Werk „Lucania 61“, lohnen den Besuch, ebenso wie sein 1945 erschienenes Buch „Christus kam nur bis Eboli“ Pflichtlektüre vor einem Besuch der Provinz Matera ist – auch wenn für einen Besuch von Grassano und Aliano, den beiden Orten von Levis Verbannung in den 30er Jahren, ein Tag einzuplanen ist. Foto: Berthold Werner / CC BY-SA 3.0 / Wikimedia Buch. In „Christo si è fermato a Eboli“, 1945 bei Einaudi in Turin erschienen, schilderte der Mitte der 30er Jahre als Regime-Gegner nach Lukanien verbannte Turiner Carlo Levi (1902–1975), Arzt, Schriftsteller und Maler, die anderswo im Land schon damals kaum noch vorstellbaren Lebensbedingungen in den Sassi. Das gelang ihm dermaßen eindrucksvoll, dass der langjährige Generalsekretär der Kommunistischen Partei, Palmiro Togliatti, Matera als „vergogna nazionale“, als nationale Schande brandmarkte und damit indirekt für die Umsiedlung der Sassi-Bewohner sorgte. Levis großformatiges Gemälde „Lucania 61“, gemalt zur Turiner „Jahrhundertausstellung“ 1961 und heute ausgestellt in Materas Kunstmuseum im Palazzo Lanfranchi, gibt von den damaligen Verhältnissen eine Vorstellung. Togliattis Verdikt wirkt bis heute im kollektiven Bewusstsein der Materaner nach, wie ein Blick ins Programmheft des Kulturhauptstadtjahres zeigt: Ein Projekt samt zugehöriger Diskussionsrunden im Sommer ist allein der Frage nach aktuellen Beispielen einer „Architettura della vergogna“ gewidmet, was ohne Togliattis Ausspruch sicherlich nicht denkbar wäre. Inhalt Architekturwoche 14 News Dossier Bild der Woche 537 Im Rahmen des Bauprogramms INA CASA entstanden an der Via Lucana, nur ein paar hundert Meter stadtauswärts vom Palazzo Lanfranchi, eine Reihe von acht Geschosswohnungsbauten, die seither den oberen Rand des Sasso Caveoso prägen (Postkarte 50er Jahre: Cartolibreria Fratelli Riccardi). Für das „neue Matera“ und seine Provinz war eine in ganz Italien wirkende Institution und das mit ihr verbundene Wohnungsbauprogramm von großer Bedeutung: das Nationale Versicherungsinstitut „Istituto Nazionale di Assicurazione“ und sein 1949 aufgelegtes Bauprogramm „INA CASA“. Die in diesem Zug errichteten Siedlungen sind noch heute ansehnlich, was sicher auch dem Umstand zu verdanken ist, dass prominente Architekten daran beteiligt waren: allen voran Adalberto Libera (1903– 1963), der bis 1952 zusammen mit Giuliana Genta (1922–2005) die Planung leitete. In Matera entstanden im Rahmen dieses Programms Viertel wie das Ende der 50er Jahre gebaute Quartier „Villa Longo“ am Nordrand der Stadt (Architekten: Domenico Virgili und Mario Provenzani) oder der schon ab 1949 realisierte „Rione nuovo“, wie die noch an die Zwischenkriegsmoderne erinnernde Bebauung an der Via Lucana auf einer kolorierten Postkarte aus den fünfziger Jahren lapidar benannt ist. Die bis zu fünf Geschosse aufragenden Gebäude, geplant von den Architekten Luigi Musso, Vincenzo Corazza und Carlo Pouchain, sind als oberer Abschluss des Sasso Caveoso weithin sichtbar, nahmen allerdings nicht Bewohner dieses Altstadtviertels auf, sondern überwiegend Angestellte des öffentlichen Dienstes. Inhalt Architekturwoche 15 News Dossier Bild der Woche 537 AUS DER HÖHLE IN DEN BORGO Policoro geht zurück auf die fernen Tage der Magna Graecia – die kleine Stadt, 3 Kilometer entfernt vom Ionischen Meer, wurde im 6. Jahrhundert v. Chr. von griechischen Kolonisten gegründet und hieß damals Herakleia. Zwischenzeitlich zum winzigen Siedlungspunkt geschrumpft, erblühte sie in der Nachkriegszeit im Zuge der Trockenlegung des Metapontino; die Piazza samt Kirche und Municipio stammen aus den 50er Jahren (Postkarte 50er Jahre: Alb. Ionich a cura di Giuseppe Bello, Policoro). Rechts der Staudamm „Diga S. Giuliano“, der als Teil der Trockenlegungsinfrastruktur zwischen Matera und Miglionico errichtet wurde (Postkarte 60er Jahre: Edizione Cartolibreria Riccardi, Matera). Für die Sassi-Bewohner wurden hingegen unabhängig vom INA CASA-Programm neue Wohngebiete errichtet. Dazu zählten klassische Stadterweiterungen nahe des historischen Zentrums ebenso wie „Neudörfer“ in größerer Distanz, die als kleine Satelliten an Ebenezer Howards Gartenstadt-Ideen denken lassen. Von ihnen ist vor allem der Borgo La Martella, rund acht Kilometer westlich von Matera gelegen, von Interesse. Nicht nur unter architektonischen Aspekten, sondern auch, weil sich von dort Vergleiche ziehen lassen zu den architektonischen und städtebaulichen Spuren der 1950 in der Region durchgeführten Agrar- und Bodenreform. Denn nicht nur Matera wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg, in der ganzen Provinz entstanden neue Ortschaften, und zuvor winzige Siedlungskerne verwandelten sich in veritable Kleinstädte – man fahre nur 80 Kilometer gen Süden, nach Policoro oder Scanzano am Ionischen Meer. Die mit dieser Reform verbundenen Bauprojekte, von Kolonistenhäusern und -dörfern über Maßnahmen der Wasserregulierung bis hin zum Straßenbau, wurden mit Mitteln der staatlichen „Cassa per il Mezzogiorno“, kurz Casmez finanziert – der großformatige Rechenschaftsbericht über deren ersten Fünf-Jahres-Plan, erschienen 1955, gibt darüber umfassend Auskunft.1 Inhalt Architekturwoche 16 News Dossier Bild der Woche 537 Bereits in den Zwischenkriegsjahren liefen Bemühungen zur Trockenlegung des Metapontino. Erst nach dem Krieg entstanden dann aber im Zuge einer Bodenreform zahlreiche Kolonistenhöfe, mit denen Kleinbauern angesiedelt werden sollten. Davon erhoffte man sich einen Beitrag zur Urbarmachung der Sumpflandschaft. Foto: Ulrich Brinkmann (2018) 537 Inhalt Architekturwoche 17 News Dossier Bild der Woche Links das Quartier „Serra Venerdi“ im Westen von Matera, das vom römischen Architekten Luigi Piccinato geplant wurde. „Spine Bianche“ rechts entstand nach einem Entwurf von Carlo Aymonino, an seiner Umsetzung waren unter anderem auch Michele Valori und Giancarlo De Carlo beteiligt. Es bot urbane Wohntypologien, die nicht unbedingt die Bedürfnisse der früheren Höhlenbewohner wiederspiegelten. Fotos: Ulrich Brinkmann (links 2019, rechts 2012) Innerhalb des Stadtgebiets von Matera entstanden in den fünfziger Jahren drei größere Quartiere: „Spine Bianche“ im Norden, zwischen Via Nazionale und Via Dante Alighieri, „Serra Venerdì“ im Westen, erschlossen durch den bogenförmig geführten Viale Europa, und im Süden der Rione „Lanera“. Die Urheberschaft für diese drei Stadtgebiete lag auf vielen Schultern: Den nationalen Wettbewerb hatte 1954 eine Gruppe um den jungen römischen Architekten Carlo Aymonino (1926–2010), Neffe des berühmt-berüchtigten faschistischen Architekten und Stadtplaners Marcello Piacentini, für sich entschieden. Für die städtebauliche Umsetzung wie für die architektonische Ausführung wurden aber auch andere Teilnehmer des Verfahrens gewonnen. So auch der römische Architekt und Stadtplaner Luigi Piccinato (1899–1983) für das Viertel Serra Venerdì, der 1953 bereits einen städtebaulichen Entwicklungsplan für die Gesamtstadt gezeichnet hatte. Von Piccinato stammt mit dem Borgo Venusio auch ein anderes „Neudorf“ nördlich von Matera.2 Die Verwurzelung der drei Quartiere im „Neorealismo“ wird dem heutigen Besucher sofort deutlich: Verputzte oder ziegelsichtige Fassadenflächen, hölzerne Fensterläden, flach geneigte Satteldächer, darunter ein Trockenboden, dazu kleine Balkone und etwas größere Loggien kennzeichnen die meist drei- bis viergeschossigen, vereinzelt aber auch höheren Gebäude; typische Elemente der ländlichen Architektur Italiens, wie sie im Wohnungsbau der Nachkriegsjahre immer wieder aufgerufen wurden, um dem Formenspeicher des Faschismus zu entkommen. Anders als in Deutschland war schließlich nicht nur der monumentale Neoklassizismus, sondern auch der Rationalismus der Zwischenkriegsmoderne mit der untergegangenen Diktatur konnotiert. Statt überholten Repräsentationsformeln sollte eine Hinwendung zum „Volkstümlichen“, Ländlichen, zur Region und zum Alltag neue Wege weisen. Und doch: Dass diese Stadtgebiete für Menschen geplant wurden, die zuvor in den Sassi auf engstem Raum gemeinsam mit Mauleseln und Kühen, Hühnern und Hunden gewohnt hatten, lässt sich nur schwer vorstellen. Zu anders ist die Wohntypologie, denn Serra Venerdì, Spine Bianche und Lanera sind keine Dörfer, die für ein Kleinbauernleben konzipiert wurden, sondern Wohnsiedlungen für Städter – sei es für Angestellte, sei es für Arbeiterfamilien. Inhalt Architekturwoche 18 News Dossier Bild der Woche 537 Das aufgegebene Versorgungszentrum in einem Siedlungskern der 50er Jahre, irgendwo zwischen La Martella und Tricarico, Foto : Ulrich Brinkmann (2012) 537 Inhalt Architekturwoche 19 News Dossier Bild der Woche danach realisierte Borgo Venusio im Norden der Provinzhauptstadt, steht für das Ideal eines neuen Landlebens, einer Art „innerer Kolonisation“ des Mezzogiorno. Das macht sie vergleichbar mit anderen, explizit der Bodenreform und Urbarmachung des sumpfigen Metapontino verbundenen Siedlungsprojekten. Dass Quaroni und Gorio wie auch Aymonino beim römischen Quartiere Tiburtino IV (1950–54), einem Hauptwerk des Neorealismo, mitwirkten, unterstreicht den historischen Stellenwert der Projekte. INNERER KOLONISATION Ganz anders war dies bei den neuen Borghi der Region, weshalb ein Abstecher zumindest nach La Martella, dem berühmtesten dieser „Neudörfer“, unbedingt empfehlenswert ist. Viel ist schon über diesen „Musterort“ der italienischen Nachkriegsmoderne geschrieben worden: Über seine Architektur, für die zunächst der junge, die Moderne im Nachkriegs-Matera vertretende Architekt Ettore Stella (1915–1951) und nach dessen frühem Unfalltod die römischen Architekten Ludovico Quaroni (1911– 1987) und Federico Gorio (1915–2007) verantwortlich waren; über die Einbindung der Cassa per il Mezzogiorno für die öffentlichen Einrichtungen des Borgo ebenso wie des UNRRA-CASAS, einem UN-finanzierten Obdachlosenhilfe-Komitee, für die eigentlichen Wohngebäude; über die Mitwirkung von Adriano Olivetti; über den Aufbau und die Organisation des dortigen Alltags in den ersten Jahren bis zu den Bemühungen um Pflege und Erhalt von La Martella in den letzten Jahrzehnten. Und nicht zuletzt auch über die fotografische Inszenierung des Dorfs3. La Martella, ebenso wie der kurz Oben links: Postkarte des Borgo La Martella aus der 50er Jahren, Blick von der Kirche zur Piazza (Edizione Montemurro, Matera). Die Kirche wurde von den Architekten des Borgo, Ludovico Quaroni, Michele Valori, Federico Gorio, Piero Maria Lugli und Luigi Agati, entworfen. Foto: Ulrich Brinkmann 537 Inhalt Architekturwoche 20 News Dossier Bild der Woche Mit den erfolgreichen Bemühungen des Consorzio di Bonifica – rechts das Hauptquartier in Matera – zur Trockenlegung der sumpfigen Ebene wurden auch größere industrielle Anlagen denkbar. Die Postkarte unten zeigt das Projekt für eine petrochemischen Produktionsstätte in der Nähe des Ortes Pisticci. (Postkarte, gelaufen 1964: Comm. Francesco Padula e figli, Pisticci, und rechts: Matera, Consorzio di Bonifica, Postkarte, 50er Jahre: Cartolibreria Riccardi, Matera) Noch in den dreißiger Jahren war der flache Landstreifen am Mar Jonio vor allem aufgrund der verbreiteten Malaria eine der am dünnsten besiedelten Zonen ganz Süditaliens. Seine Urbarmachung begann zwar schon in der Zwischenkriegszeit mit dem Baubeginn der Küstenstraße. Sie kam aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg zur vollen Entfaltung, in Angriff genommen mit einem umfassenden Investitionsprogramm. Basis der Urbarmachung war, neben der Bodenreform, die ebenfalls schon in den dreißiger Jahren begonnene Regulierung der Flüsse Bradano, Agri und Sinni, für die nach dem Zweiten Weltkrieg der „Consorzio della bonifica di Metaponto e Bradano“ zuständig war. So wichtig war diese Behörde, dass von ihrem architektonisch zwar nicht vollkommen anspruchslosen, aber auch nicht unbedingt zur Sehenswürdigkeit taugenden Hauptsitz in Materas Via Annunziatella sogar Postkarten produziert wurden. Angesichts der Bedeutung des Metaponto-Projekts überrascht das aber nicht: In dem vom Architekten Vincenzo Calia 1948 geplanten Gebäude wurde eines der größten Transformati- onsvorhaben im ganzen Mezzogiorno gesteuert. 54.000 Hektar umfasste das Gebiet von der Küste bis in die Täler von Bradano, Basento, Cavone, Agri und Sinni; Flüsse, die im Winter sehr viel, im Sommer aber so gut wie gar kein Wasser führten und sich damit für eine Regulierung anboten, um eine gleichmäßigere Wasserverteilung übers Jahr zu ermöglichen. Für die ab 1948 geplanten Staudämme sowie die zugehörigen Be- und Entwässerungskanäle standen Mittel aus dem European Recovery Program, also dem Marshall-Plan bereit. Mit einer Länge von 314 Meter und einer maximalen Höhe von 79 Metern ist die Diga San Giuliano bei Miglionico eines der größten Projekte des Consorzio. Bis zu einem Volumen von 107 Millionen Kubikmetern kann der Bradano mit dieser Konstruktion aufgestaut werden, eine Wassermenge, mit der sich rund 20.000 Hektar Ackerland bewässern lassen. 1958 vollendet (die Talsperren an Agri und Sinni waren bereits zwei Jahre früher fertiggestellt worden), erwuchs dieser Ingenieurskonstruktion bald auch ökologische Bedeutung: Vor allem Wasservögel entdeckten den künstlichen, 537 Bild der Woche rund tausend Hektar großen See schon kurz nach seinem Entstehen, weshalb die Gegend 1976 als Tierschutzgebiet ausgewiesen wurde. Seit 1989 wird der See vom WWF Italia betreut, seit 1991 ist er Teil des Naturparks der Murgia Materana. Längst ist er darum auch von touristischem Interesse: Ringsherum haben sich zahlreiche Agriturismi und Restaurants etabliert, um jene Erholungssuchende und Ausflügler zu versorgen, die sich aus dem Bann der Sassi von Matera wieder lösen konnten. Ulrich Brinkmann ist Redakteur der Bauwelt und war schon öfter vor Ort. Am 28. Juni 2019 erscheint die Ausgabe 222 der StadtBauwelt zum Thema „Über Tourismus“, in der Brinkmann über die Entwicklung von Matera als Reiseziel berichtet. Inhalt Architekturwoche 21 News Dossier 1 2 La cassa per il mezzogiorno. Primo cinquennio: 1950-1955. Istituto Poligrafico dello Stato P. V., Roma 1955 Lorenzo Rota: Matera. Storia di una città. Edizione Giannatelli, Matera 2011 3 Zum Beispiel: È questione di .... Borghi. Curato da Maria Rosaria Romaniello Abiusi. BMG Editrice, Matera 1989 Weitere Literaturempfehlungen: Luigi Acito: Modernità ai margini. Ettore Stella 1915–1951. Mondadori Electa, Mailand 2011, und vom selben Autor: Matera. Architetture del Novecento. La Stamperia Edizioni, Matera 2017 Die Buchhandlung „Libreria Dell´Arco“ in der Via delle Beccherie ist im Architektur- und Kunstbereich gut sortiert und lohnt einen Besuch. Der Staudamm „Diga del Pertusillo“ bei Spinoso an der Grenze der Provinzen Potenza und Matera. Foto: Ulrich Brinkmann (2018) 537 Bild der Woche Foto: Luca Lancieri Inhalt Architekturwoche 22 News Dossier Neben dem Fokus auf die historischen Stätten gehört im Kulturhauptstadtjahr auch ein Blick auf die Gegenwart zum Programm. Eine „Open Design School“ unter der Leitung des früheren Domus-Chefredakteurs Joseph Grima kümmert sich beispielsweise im Vorort Le Piane um die Ausstattung der verschiedenen Ausstellungs- und Veranstaltungsorte. Im August ist außerdem ein internationales Sommercamp zu den Themen Design und Selbstbau geplant. Und das Projekt „Architecture of Shame“ blickt – ausgehend vom widersprüchlichen Weg der Höhlen vom Schandfleck zum Welterbe – bei einer Aktionswoche im Juli auf ähnliche Umdeutungen in ganz Europa. MATERA BASILICATA 2019 Europäische Kulturhauptstädte werden seit 1985 gekürt, das Doppelformat – in diesem Jahr Matera und das bulgarische Plowdiw – gibt es seit 2001. Die Vergabe erfolgt, typisch europäisch, nach dem Rotationsprinzip, jedes EUMitgliedsland ist nach aktuellem Stand also alle 14 Jahre an der Reihe. In der inneritalienischen Konkurrenz konnte sich Matera mit seiner Jahrtausende alten Geschichte unter anderem gegen Ravenna und Siena durchsetzen. Galten seine Höhlenviertel in der Nachkriegszeit noch als Schandfleck, gründeten sich schon wenig später Unterstützergruppen, die sich für ihren Erhalt einsetzten. Das gipfelte 1993 mit ihrer Auszeichnung als UNESCO-Weltkulturerbeort. Bleibt noch anzumerken, dass Matera sich ja nicht ganz allein, sondern zusammen mit der Region beworben hat. Neben den Zeugnissen der Modernisierungsphase wie Stauseen und Aquädukte und den im Text erwähnten modernen Borghi und Kleinstadtumgestaltungen gibt es im nahen, allerdings schon zu Apulien gehörenden Taranto unter anderem Gio Pontis beeindruckende Kathedrale Gran Madre di Dio. Und wer nach so viel Stein doch mal etwas Grün braucht, dem sei mit dem Parco Nazionale del Pollino zwischen Kalabrien und Basilikata Italiens größter Nationalpark empfohlen. www.matera-basilicata2019.it www.architectureofshame.org 537 Der deutsche Beitrag „Ankersentrum“ der künstlerischen Position Natascha Süder Happelmann macht eine eher klare räumliche Setzung. Die Tiefenwirkung entfaltet sich hier erst auf der Referenzebene. Dass die Staumauer im Pavillon an den Pertusillo-Damm auf Seite 21 erinnert, ist möglicherweise kein Zufall. Der zugehörige Lago di Pietra del Pertusillo ist einer der Haupquellen für den Apulien-Aquädukt, der wiederum das Wasser für jene Tomatenfarmen liefert, die im deutschen Beitrag eine wesentliche Rolle spielen. Inhalt Architekturwoche 23 News Dossier Bild der Woche Foto: Francesco Galli, Courtesy La Biennale di Venezia IMMERSION GARANTIERT VIELE PAVILLONS AUF DER BIENNALE IN VENEDIG LASSEN DIE GRENZEN VERSCHWIMMEN – HIER UNSERE FAVORITEN VON LINDA KUHN UND NADIA PILCHOWSKI Die Biennale in Venedig ist auch eine Ausstellung übers Ausstellungsmachen, so unterschiedlich sind die Ansätze in den verschiedenen Pavillons. Zurückhaltung und Präzision finden sich dort ebenso wie Ekstase und Verausgabung. Wenig überraschend also, dass sich weder in der Hauptausstellung noch in den Pavillons eindeutige Trends ausmachen lassen. Zumindest unter den Länderbeiträgen gibt es allerdings einige aufwändige Videoinstallationen zu bestaunen, bei denen die Zuschauer*innen Teil des Geschehens werden. Aber auch ein Beitrag, der nur mit Tageslicht die Sinnes­wahrnehmung manipuliert, findet sich unter den elf Favoriten unserer Gastautorinnen Linda Kuhn und Nadia Pilchowski. 537 Leerer Raum und Tageslicht sind die beiden bestimmenden Elemente in der titellosen Ausstellung von Cathy Wilkes. In sechs Räumen hat sie Objekte, Figuren, Stoffe und gerahmte Gemälde auf spärliche Weise zueinander in Bezug gesetzt. Alltagsgegenstände stehen beiläufig im Raum, an den Wänden sind die Bilder in seltsamen Höhen gehängt, in ihrer Position zueinander entfalten sie eine eigenartig eindringlich emotionale Wirk- und Bildkraft. Das Stärkste bei Cathy Wilkes Kunst sind die Feinheiten und Schichten. Nichts ist eindeutig, nichts wird erklärt, alle Dinge bergen Möglichkeiten, keine Gewissheiten. So hart es sein kann, keine Antworten zu bekommen, umso spannender ist der Prozess des Beobachtens, das befreiende Gefühl, etwas nicht wissen zu müssen. Und man sollte sich ruhig Zeit lassen beim Schauen und beim Weg zurück zum Ausgang, denn mit dem Tageslicht wird sich auch die Atmosphäre verändert haben. np Cathy Wilkes im britischen Pavillon in den Giardini, kuratiert von Zoe Whitley. Inhalt Architekturwoche 24 News Dossier Bild der Woche GROSSBRITANNIEN Foto: Cristiano Corte © British Council. Courtesy of the Artist, The Modern Institute/Toby Webster Ltd, Glasgow and Xavier Hufkens, Brüssel 537 Inhalt Architekturwoche 25 News Dossier Bild der Woche REPUBLIK KOREA Ein herausforderndes Thema für eine von Natur aus schnelllebige Biennale: „History Has Failed Us, but No Matter“ bringt die Künstlerinnen Siren Eun Young Jung, Jane Jin Kaisen und Hwayeon Nam zusammen, um Autorenschaft und Geschichtsschreibung in Ostasien in Frage zu stellen und die Körper derjenigen in den Fokus zu stellen, die bisher vom Kanon ausgeschlossen waren. Es geht um protoqueere Opernformen, weiblichen Schamanismus und die Choreografin und Tänzerin Choi Seung-hee, die nach dem Krieg nach Nordkorea ging. Die Videoarbeiten sind entlang der stromlinienförmigen Kurven des Pavillons in einer Holzstufen-Ausstellungsarchitektur in Korrespondenz mit unterschiedlichen Raumhöhen, getönten Scheiben und Vorhangschleiern angeordnet. Klang und Rhythmen, fragmentierte Bilder und Körperbewegungen schaffen eine komplexe narrative Assemblage, die eine tranceartige Wirkung entfalten kann. np Südkorea mit „History Has Failed Us, But No Matter“ mit Siren Eun Young Jung, Jane Jin Kaisen und Hwayeon Nam im Pavillon der Republik Korea in den Giardini, kuratiert von Hyunjin Kim. Oben: „Community of Parting“ von Jane Jin Kaisen Unten: „A Performing by Flash, Afterimage, Velocity and Noise“ von Siren Eun Young Jung Fotos: Kyoungho Kim BELGIEN In was für einer Welt wir momentan leben, beantworten Jos de Gruyter und Harald Thys ziemlich souverän: in einer verfluchten Hundewelt. „Mondo Cane“ ist der Titel der Ausstellung, für die Belgien eine lobende Erwähnung erhielt. Nie hat außerdem die Architektur des Pavillons so viel Sinn ergeben: Im Mittelraum werden automatisierte Puppen gezeigt, die – ganz brave Bürger – stoisch ihre Tätigkeiten verrichten. Diese werden durch pastellfarbene Landschaftsbilder und– hinter Gittern – zombieartige, aus der guten Gesellschaft ausgestoßene Personen gerahmt. Es entsteht eine Welt zwischen Gruselkabinett und Landeskundemuseum. Letztes wird unterstrichen durch das Begleitheft mit Geschichten zu jeder Figur: schaurig schöne Unterhaltung. lk „Mondo Cane“ von Jos de Gruyter und Harald Thys im belgischen Pavillon in den Giardini, kuratiert von Anne-Claire Schmitz. Inhalt Architekturwoche 26 News Dossier Bild der Woche 537 Foto: Nick Ash Inhalt Architekturwoche 27 News Dossier Bild der Woche 537 FINNLAND Im finnischen Pavillon präsentiert das Miracle Workers Collective (MWC), zu dem unter anderem Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Giovanna Esposito Yussif, Christopher Wessels, Outi Pieski und Lorenzo Sandoval gehören, sein erstes Projekt. „A Greater Miracle of Perception“ umkreist das Wunder als poetisches Mittel zur Bewusstseinserweiterung. Eine kollektive Filmarbeit spinnt eine komplexe Erzählung über Indigenität und Migration im heutigen Europa, und eine Installation aus Birkenstäben und rot-gelben Bändern tanzt in einer leichten, dynamischen Anordnung ins Freie hinaus. Outi Pieski verkörpert damit die Transnationalität der Samen in Norwegen, Schweden, Finnland und Russland. Lorenzo Sandoval lädt außerdem im Dialog mit der Architektur der Aaltos mit Sitzmodulen zum Innehalten ein. np Miracle Workers Collective mit „A Greater Miracle of Perception: Venice Iteration” im finnländischen Pavillon in den Giardini. Fotos: Ugo Carmeni, Courtesy of the artists Bild der Woche 537 Inhalt Architekturwoche 28 News Dossier SCHWEIZ Foto: Annik Wetter Im Schweizer Pavillon wird – wie so oft – alles richtig gemacht: Es stehen spannende Themen im Fokus (Guerilla-Techniken des Widerstands, Tanz und Choreografien, queere Subkultur), interessante Dinge gezeigt (Performance, Outdoor-Bar, Zeitung), und dies geschieht noch dazu in einem kollektiven und aktivistischen Geist. Mit Blick auf den aktuellen politischen Backlash, der sich überall bemerkbar macht, postulieren Pauline Boudry und Renate Lorenz die titelgebende Strategie des „Moving Backwards“. Diese verstehen sie als Alternative zu den üblichen Formen der frontalen Opposition. Der clubartige Raum mit der Performance auf Riesenleinwand macht es den Besucher*innen dabei leicht, Gesten und Bewegungen anzunehmen, die nicht die eigenen sind. Vielleicht entstehen daraus dann tatsächlich neuartige Beziehungen und Formen der Koexistenz, wie die beiden Künstlerinnen hoffen. lk „Moving Backwards“ von Pauline Boudry und Renate Lorenz im Schweizer Pavillon in den Giardini, kuratiert von Charlotte Laubard. Inhalt Architekturwoche 29 News Dossier Bild der Woche 537 SINGAPUR Den Versuch einer Regierung, Einfluss auf Bildung, persönliche Interessen und soziales Verhalten zu nehmen, untersucht Song-Ming Ang im Pavillon von Singapur anhand von Musik. In der Ausstellung „Music For Everyone: Variations on a Theme“ bezieht sich der Künstler auf eine Serie von Konzerten, die das Kulturministerium des kleinen, ethnisch sehr diversen Landes in den 70er Jahren organisierte, um die nationale Identität zu formen. Diese Ideologisierung von Musik wird mit vielschichtigen Ansätzen untersucht. Notenblätter werden zerschnitten und gefaltet, genähte Banner zeigen grafische und sprachliche Ausrichtungen der sozialen Einflussnahme und Kinder spielen im Video „Recorder Rewrite“ eigene Kompositionen auf der Flöte. Insgesamt entsteht ein stimmiges Bild dissonanter Klänge. lk Song-Ming Ang zeigt im Sale d’Armi im Arsenale den singapurischen Beitrag „Music For Everyone: Variations on a Theme“, kuratiert von Michelle Ho. Links: „Our Songs“, Foto von Mizuki Kin, oben: „Recorder Sculptures“, Foto von Olivia Kwok FRANKREICH Laure Prouvost lässt die Besucher*innen die letzten Meter ihrer Reise, die sie zusammen mit Magiern, Performern und Musikern von Paris über Umwege nach Venedig führte, selbst zurücklegen: über einen schmalen Pfad am eingenebelten Pavillon vorbei ins Gebüsch und zum Kellereingang. Drinnen erwartet einem zunächst ein apokalyptisches Meerespanorama voller Wohlstandsmüll und rauchender Tauben. Es sind Requisiten aus dem Film, der im zentralen, mit Sandburgensesseln ausgestatteten Raum gezeigt wird. Wir sehen sonnengetränkte Bilder von Prouvosts ekstatischem Roadtrip voller Musik und Tanz. In einem Gemisch aus Sprachen geraunte Dialoge und Wortspiele schwappen hinüber in das Labyrinth der übrigen Ausstellungsräume – alles verschmilzt, alles ist gut. np „Deep See Blue Surrounding You“ von Laure Prouvost im französischen Pavillon in den Giardini, kuratiert von Martha Kirszenbaum. Inhalt Architekturwoche 30 News Dossier Bild der Woche 537 Oben: Filmstill aus „Deep See Blue Surrounding You“ Foto links: Francesco Galli, Courtesy La Biennale di Venezia Inhalt Architekturwoche 31 News Dossier Bild der Woche 537 BRASILIEN Vordergründig sieht man im brasilianischen Pavillon Bewegungen und Formationen eines Tanz-Movements aus dem Nordosten des Landes. Bárbara Wagner und Benjamin de Burca zeigen mit „Swinguerra“ aber nicht einfach nur ein aufwändig produziertes Musikvideo. Junge Menschen kombinieren – an beeindruckenden Orten in der Millionenstadt Recife – selbstbewusste Gesten mit lauten Ausrufen und sanfter Interaktion. Popkulturelle Einflüsse werden dabei mit ernsten Themen wie Suizid oder Krieg vermischt. Im Video verschwinden die üblichen Repräsentationsformen von Geschlecht und Herkunft oder Macht und Klasse, und damit wird weit mehr sichtbar, als es die körperbetonten Choreografien zunächst glauben lassen. Der Besuch des Pavillons lohnt auch, weil hier der politisch angespannten Lage des Landes etwas entgegengesetzt wird. Für ihre Vision eines engeren sozialen Zusammenhalts über die üblichen gesellschaftlichen Grenzen hinweg finden Wagner und de Burca starke Bilder. lk „Swinguerra“ von Bárbara Wagner und Benjamin de Burca im brasilianischen Pavillon in den Giardini, kuratiert von Gabriel Pérez-Barreiro. Oben: Filmstill aus „Swinguerra“ Foto links: Francesco Galli, Courtesy La Biennale di Venezia 537 Eine Opernperformance für 13 Stimmen erhielt in diesem Jahr auch die meisten Stimmen der Jury und wurde folgerichtig mit dem goldenen Löwen ausgezeichnet. Der Blick von oben auf das perfekte Strand-Tableau vivant ist bestechend: Teenager-Pärchen, alte lesende Menschen, spielende Kinder oder auch fläzende Hunde sind in gleißendem Licht arrangiert. Die filmisch wirkende Szene wird ergänzt durch den Gesang der Performer. Thematisiert werden in trauriger Seefahrermusik das Leben, die Sonne und das Meer, oder auch in witzigen Songs Gefühle der Langeweile und andere Trivialitäten. Ob Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainytė und Lina Lapelytė einfach ein perfektes Popstück gelungen ist, oder sie auch tatsächlich – wie es in der Jury-Begründung heißt – tiefgründig über das Verhältnis von Mensch und Natur nachdenken, muss wohl jeder selbst entscheiden. Der Besuch ist aber in jedem Fall ein Muss, auch wenn die Performance nur an Samstagen aufgeführt wird. lk „Sun & Sea (Marina)“ Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainytė und Lina Lapelytė im Litauischen Pavillon im Magazzino n. 42 der Marina Militare, kuratiert von Lucia Pietroiusti. Inhalt Architekturwoche 32 News Dossier Bild der Woche LITAUEN Foto: Andrea Avezzù, Courtesy La Biennale di Venezia Bild der Woche 537 Inhalt Architekturwoche 33 News Dossier TAIWAN Foto: Lin Guan-Ming Der Beitrag Taiwans, aus politischen Gründen wie immer im Kollateral-Programm, reflektiert diverse Überwachungstechniken vom Panoptikum bis hin zur Gesichtserkennung. Der Titel der Arbeit von Shu Lea Cheang – „3X3X6“ – bezieht sich auf die standardisierte Architektur industrieller Inhaftierung: eine 3 mal 3 Meter große, von 6 Kameras überwachte Zelle. In den Räumen des Palazzo delle Prigioni, dem alten Gefängnis von Venedig aus dem 16. Jahrhundert, entfaltet dies eine ganz eigene Kraft. Cheangs High-Tech-Überwachungsinstallation erfasst die Besucher*innen und manipuliert ihre geschlechtlichen oder ethnischen Charakteristika als eine Form des Widerstands gegen koloniale und rassistische Zuschreibungen. Zehn Fallstudien von Personen, die aufgrund solcher Gender- oder Sexualnormen ausgestoßen oder inhaftiert wurden, ergänzen das Setting. Die Überlagerung der Gefangenen-Bilder mit jenen der Besucher*innen lässt schließlich im Hauptraum eine kollektive Gegengeschichte entstehen. np Shu Lea Cheang mit 3X3X6 für Taiwan im Palazzo delle Prigioni, kuratiert von Paul B. Preciado. 537 Inhalt Architekturwoche 34 News Dossier Bild der Woche Fotos: Courtesy the Arsenale Institute for Politics of Representation HEY PSYCHO! Auf halber Strecke zwischen den Vaporetto-Stationen Arsenale und Giardini ist ein (vorab anzumeldender) Besuch in der Ausstellung „Hey Psycho!“ Pflicht. Mark Francis und der Philosoph und Venedig-Erforscher Wolfgang Scheppe zeigen hier eine Präsentation, die sich aus ihrem Nachdenken über Spiegel(-bilder) und der Reflexion von Gemütszuständen entfaltet. Sie versammeln Werke von Douglas Gordon und Florian Süssmayr, deren Autorenschaft fast verschmilzt, weil sie sich so gut ergänzen. Sehr lesenswert ist außerdem der begleitende Text von Scheppe, weil er frei von jeglichen Kunstplatituden eine Beziehung zum Ort herstellt. Etwas in Vergessenheit geraten ist nämlich, dass Venedig einst Zentrum der Spiegelindustrie war. Bei „Hey Psycho!“ gelingt, was in der Hauptausstellung der Biennale nur sehr selten erreicht wird: Die ausgestellte Kunst entwickelt eine besondere Kraft, weil sie miteinander in Beziehung tritt. lk „Hey Psycho!“ von Douglas Gordon und Florian Süssmayr im Arsenale Institute for Politics of Representation am Riva dei Sette Martiri in Castello, konzipiert von Wolfgang Scheppe und Mark Francis. www.arsenale.com 537 MAY YOU LIFE IN INTERESTING TIMES Mehr zur Hauptausstellung: „Schwimmen in der Ursuppe“ und den anderen Länderpavillons und Ausstellungen: „Höhlen, Strand, Meer“. www.labiennale.org Inhalt Architekturwoche 35 News Dossier Bild der Woche Die Kunstbiennale in Venedig wurde in diesem Jahr von Ralph Rugoff kuratiert und läuft noch bis zum 24. November 2019. Fotos: Andrea Avezzù (oben) und Francesco Galli, Courtesy La Biennale di Venezia Dossier DIE XXII. TRIENNALE IN MAILAND ZEIGT SICH KÄMPFERISCH Inhalt Architekturwoche 36 ZERSTÖRTE NATUR News Bild der Woche 537 VON ALEXANDER STUMM Kuratorin Paola Antonelli, Foto: Gianluca Di Ioia Mit der zweiten Triennale nach der Wiederauflage 2016 ist die traditionsreiche Veranstaltung endgültig in der Gegenwart angekommen. Wie die große Schwester in Venedig besteht sie neben einer thematischen Ausstellung aus nationalen Beiträgen. Insgesamt 21 Länder sind vertreten, darunter alle größeren Industrienationen. Platz findet alles in einem einzigen Gebäude, dem stattlichen Triennale-Bau, den Giovanni Muzio 1933 im regierungsnahen Novecento-Stil errichtet hat. Ein Besuch lohnt sich allein schon deshalb, weil die Architektur wieder in ihrer ursprünglichen Funktion zu sehen ist. Aber auch die Ausstellung ist gelungen. Inhalt Architekturwoche 37 News Dossier Bild der Woche 537 Ehrentreppe im Triennale-Bau mit der Brücke zur Hauptausstellung, Foto: Gianluca Di Ioia Der Titel macht schon mal klar, dass es in diesem Jahr bei der Triennale um die großen Themen geht: „Broken Nature: Design Takes on Human Survival“ fokussiert auf die vielfältigen Interventionen des Menschen in das ökologische Gleichgewicht und zeigt Ansätze, wie den globalen Problemen des Klimawandels, der Umweltzerstörung und den damit verbundenen sozialen Schieflagen durch Gestaltung begegnet werden kann. Sie widmet sich dafür dem Konzept des Restorative Designs, das den Umgang des Menschen mit seiner Umwelt neu denken will. Kuratorin ist Paola Antonelli, die sonst am Museum of Modern Art in New York beheimatet ist. Neben Hauptausstellung und den Länderbeiträgen ist außerdem eine Sonderausstellung mit dem Titel The Nation of Plants zu sehen, die von Stefano Mancuso kuratiert wurde. Die erste Mailand Triennale eröffnete 1923, seit 1933 residiert sie im monumentalen Ausstellungsgebäude von Giovanni Muzio, der mit der faschistischen Kunstbewegung Novecento Italiano verbunden war. Über die Jahrzehnte konnte die Triennale einige legendäre Ausstellungen feiern, bevor sie in der traditionellen Form 1996 ihr vorläufiges Aus fand. Nach 20-jähriger Unterbrechung organisierte man sie unter der Präsidentschaft des Mailänder Architekten Stefano Boeri neu und stellte 2016 erstmals wieder aus. Möglich wurde die Neuauflage der Triennale auch dank einer Mitte-Links-Regierung in Mailand, die seit 2011 den Bürgermeister stellt und ambitionierte Kulturprojekte in der Stadt fördert. Inhalt Architekturwoche 38 News Dossier Bild der Woche 537 Der deutsche Beitrag von „Carceri d’Invenzione“ von Armin Linke in Zusammenarbeit mit Giulia Bruno und Giuseppe Ielasi, Foto: Gianluca Di Ioia 537 Inhalt Architekturwoche 39 News Dossier Bild der Woche Der kubanische Beitrag thematisiert die Escuelas Nacionales de Arte in Havanna von Ricardo Porro, Roberto Gottardi und Vittorio Garatti, Fotos: Vittorio Garatti (links, aus dem Jose Mosquera Lorenzo Archiv), Lorenzo Carmellini PIRANESI IN BETON Schon architektonisch eindrucksvoll ist der deutsche Beitrag „Carceri d’Invenzione“ von Armin Linke in Zusammenarbeit mit Giulia Bruno und Giuseppe Ielasi, organisiert vom Berliner Haus der Kulturen der Welt. Als Ort für die Videoinstallation wählte Linke eine brutalistische doppelläufige Treppenanlage, die der Bildhauer Carlo Ramous mit den Architekten Carlo Bassi und Goffredo Boschetti nach PiranesiVorbild für die von Umberto Eco kuratierte Triennale 1964 errichtet hatte. Zu groß, um wieder abgerissen zu werden, war sie seither zum Lagerraum degradiert. Von Leitungen und Rohren durchzogen, führt das dunkle Treppenhaus kongenial auf das von Linke gewählte Ausstellungsthema hin. Er zeigt in seinen Arbeiten Architekturen und raumgreifende Infrastrukturprojekte im weitesten Sinne, die der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen des Planeten dienen. Das führt den Besucher von den schier grenzenlosen Palmölplantagen und ihren verheerenden Folgen für die Regenwälder von Sumatra bis hin zu Deep Sea Mining-Projekten, in denen sogar auf dem Meeresgrund wertvolle Mineralien abgebaut werden. Der kubanische Pavillon unter Leitung von Jorge Fernández Torres präsentiert die Geschichte der nach Wunsch von Fidel Castro und Che Guevara errichteten nationalen Kunstschulen in Havanna. Die insgesamt fünf Gebäudekomplexe hat der kubanische Architekt Ricardo Porro von 1961–65 zusammen mit den Italienern Roberto Gottardi und Vittorio Garatti geplant und gebaut. Sie sind bemerkenswerte Beispiele für eine organische Architektur, die sich vielfältig in die umgebende tropische Natur einfügt. Trotz ihres teilweise schlechten Erhaltungszustandes ist die Atmosphäre kreativer Freiheit bis heute spürbar. Nur 0,03 % der belebten Natur gehören dem Tierreich an (zu dem auch der Mensch zählt), 85 Prozent dagegen sind Pflanzen, die zudem den Planeten schon deutlich länger bewohnen als wir. Grund genug für den Wissenschaftler und Autor Stefano Mancuso, eine „Nation der Pflanzen“ auszurufen und für diese einen eigenen Länderpavillon zu gestalten. In dem Gedankenexperiment präsentiert Mancuso nicht nur, was wir Menschen von Pflanzen lernen können, sondern hinterfragt zugleich, ob das Konzept von Nation als scheinbar stabiles, von Grenzen klar abgestecktes territoriales Gebiet mit dem ökologischen System vereinbar ist. Inhalt Architekturwoche 40 News Dossier Bild der Woche 537 Die „Vereinten Nationen der Pflanzen“, ein Projekt von Stefano Mancuso, Foto: Gianluca Di Ioia Inhalt Architekturwoche 41 News Dossier Bild der Woche 537 Installationsansichten von „Broken Nature“, Fotos: Gianluca Di Ioia ZUR HAUPTAUSSTELLUNG Paola Antonellis „Broken Nature“-Schau fokussiert dann im Obergeschoss mit teilweise kämpferischem Grundtenor die Situation des Anthropozäns, also jenes Zeitalters, in dem der Mensch begonnen hat, sich in die Geologie der Erde einzuschreiben. Der Klimawandel wird dabei als ein koloniales Projekt verstanden, das im 18. Jahrhundert mit der Abholzung des Regenwaldes durch die Europäer begann. Bis heute basiere das kapitalistische System auf der planmäßigen Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Eine Entwicklung, die die Menschheit an den Rande ihrer eigenen Auslöschung bringe, wie die Kuratorin in ihrem Pressestatement betont. Diese Problemlagen zeigen eine Reihe von konzeptuellen Beiträgen auf. Einer davon ist die Arbeit „Three Material Stories“ der jungen Architektin und Forscherin Lindsey Wilkstrom Lee. Während Architektur meist mittels Zeichnungen, Modellen, Renderings oder den eigentlichen Bauten rezipiert wird, bleibe ein Großteil ihrer konstituierenden Faktoren unsichtbar, lautet ihre These. Wilkstrom Lee widmet sich anhand von Diagrammen, Statistiken und Zeichnungen den Arbeits- und Produktionsbedingungen sowie den Transportwegen der Baumaterialien Holz, Stahl und Beton von ihrem natürlichen Rohzustand, über die Verarbeitung bis hin zur Baustelle. Einen ganz ähnlichen Ansatz verfolgen Kate Crawford und Vladan Joler mit „Anatomy of an AI System“. Anhand eines scheinbar harmlosen Objekts, dem virtuellen Assistenten Alexa von Amazon, werden die Herstellung des Produkts mit seinen vielfältigen Werkstoffen aus allen Erdteilen aufgedröselt und die konkreten elektro- nischen Prozesse aufgezeigt, die mit einer einfachen Benutzung des Objekts – dem Stellen einer Suchanfrage im Internet oder dem Befehl, ein Licht im Wohnzimmer zu aktivieren – verbunden sind. Evident wird: Unsere gegenwärtigen Cloud-Systeme sind keineswegs ätherische Konstrukte, sondern physisch sehr reale und energieintensive Netzwerke aus gigantischen Rechenzentren, Kabelnetzen und Sendemasten. Das bürokratische Verhältnis unserer Gesellschaften zur Natur machen Baracco+Wright Architects mit „Grasslands Suspended“ zum Thema. Es ist die „Fortsetzung“ ihres Beitrags für den Australischen Pavillon auf der letztjährigen Architektur-Biennale in Venedig. Damals bestand ihre Installation aus 10.000 Exemplaren von 65 bedrohten endemischen Pflanzenarten Australiens. Die notorische Angst des australischen Zolls vor der Einfuhr jeglicher Pflanzen und Tiere verhinderte den Rückimport der Pflanzensamen, die während der Zeit der Biennale gewachsen sind. Der Grund: Sie könnten sich mit europäischen Gräsern gekreuzt haben und wären deshalb in keinem Register verzeichnet. Grasslands Suspended zeigt die kafkaeske, sich über Monate hinziehende Konversation zwischen den Architekten und den australischen Behörden. Inhalt Architekturwoche 42 News Dossier Bild der Woche 537 „Broken Nature“, Foto: Gianluca Di Ioia 537 „Broken Nature“, Foto: Gianluca Di Ioia Inhalt Architekturwoche 43 News Dossier Bild der Woche Ooze Architects (Rotterdam) haben in ihrem Case Study Projekt „Áqua Carioca“ ein Kreislaufsystem für Wasser in einer informellen Siedlung von Rio de Janeiro entwickelt. In der brasilianischen Metropole haben geschätzt 75 Prozent der Bevölkerung von 8,5 Millionen keinen Anschluss an die Kanalisation. Es geht den Architekten dabei um autarke, dezentralisierte Lösungen in kleinem Maßstab, so das Sammeln von Regenwasser sowie die Filterung und Nutzbarmachung von Abwasser für die Bewässerung. Teil des Projekts ist, die Kommune bei den Projekten miteinzubeziehen und in vermittlungsorientierten Programmen auf die Problematik aufmerksam zu machen. Ein erstes Pilotprojekt konnte 2016 in Kooperation mit und auf dem Gelände des Kunstzentrums Sítio Roberto Burle Marx verwirklicht werden. DESIGN ALS MÖGLICHKEIT Andere ausgestellte Projekte richten sich auf praktischen Nutzen sowie konkrete Anwendbarkeit und verdeutlichen den Anspruch des Restorative Designs. Die im Entwurfsstadium befindlichen Sandbänke vor den Malediven zum Beispiel, die durch ihre spezifische Form den Strömungsverhältnisse ausnutzen will, um die Erosion der Küsten zu verhindern und den Sand gleichzeitig als natürliche Barrieren vor Hochwassern zu verwenden, die mit steigendem Meeresspiegel zunehmen. Oder das Ice Stupa Projekt, das in der Region Ladakh im indischen Bundesstaat Kaschmir „künstliche Gletscher“ errichtete. Die konische Form der haushohen Eisgebilde bietet der Sonne minimale Oberfläche, wodurch das Wasser bis weit in den Frühling hinein als Eis gespeichert wird. Nötig sind die Ice Stupa für die Wasserversorgung der abgelegenen Gebiete des Hochlandes, da die wegen der Klimaerwärmung immer schneller schmelzenden Gletscher aus dem Hochgebirge dazu nicht mehr in der Lage sind. Verschiedene Beiträge der Ausstellung widmen sich außerdem experimentellen Nutzungsmöglichkeiten von Biomaterialien, wie „Algae Geographies“ von Atelier Luma mit Studio Klarenbeek & Dros, die Produkte aus Mikro- beziehungsweise Makroalgen entwerfen. Es ist diese angewandte Dimension, die der diesjährigen Triennale einen erstaunlichen positiven Grundton gibt. Die Probleme und Krisen der Gegenwart werden klar benannt, aber eine hoffnungsvolle Grundstimmung und nicht zuletzt der unbedingte Glaube an die Möglichkeiten von Gestaltung überwiegt. Vielleicht kein Wunder in der Designmetropole Mailand, die anders als Venedig auf einigermaßem festen Boden steht. Die umfangreiche Ausstellung der Triennale wird von einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm begleitet, zudem ist ein lesenswerter Katalog erschienen. Broken Nature Design Takes on Human Survivalww XXII. Triennale di Milano Bis 1. September 2019 www.triennale.org Inhalt Architekturwoche 44 News Dossier Bild der Woche 537 Prototyp einer Ice Stupa von Studenten des Educational and Cultural Movement of Ladakh, Foto: Lobzang Dadul, Courtesy SECMOL Inhalt Architekturwoche 45 News Dossier Bild der Woche 537 KINO DER MODERNE In den Jahren der Weimarer Republik wurde das Kino zum Massenmedium, das in unmittelbarer Wechselwirkung mit der Alltagskultur der Menschen stand. Die progressive Einstellung vieler Filmschaffender spiegelte sich auch in den Filmen wider, die gerade hinsichtlich von Geschlechterverhältnissen oder der Lebensweisen neue Wege gingen. Und die moderne Stadt als eigenes filmisches Sujet prägte umgekehrt auch Entwicklungen in der Architektur. In Berlin geht ab dem 20. Juni 2019 eine Ausstellung diesen vielschichtigen Beziehungen des „Kinos der Moderne“ nach. Zu sehen sind dann unter anderem auch zahlreiche Szenenbildentwürfe von Erich Kettelhut, dessen berühmtestes Werk als Artdirektor „Metropolis“ ist. Obiger Entwurf für ein „modernes Apartment“ entstand für die romantische Komödie „Quick“ von Robert Siodmak. sb // „Kino der Moderne – Film in der Weimarer Republik“ in der Deutschen Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen in Berlin, 20. Juni bis 13. Oktober 2019. Zeichnung: Szenenbildentwurf von Erich Kettelhut für „Quick“, Courtesy: Deutsche Kinemathek – Erich Kettelhut Archiv
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