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Kubanische Ruinen

Full text: Baunetzwoche Issue 464.2016 Kubanische Ruinen

Das Querformat für Architekten

464
25. August 2016

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KUBANISCHE RUINEN

HAVANNA HEUTE UND DIE GEGENWART VON GESTERN

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DIESE WOCHE

Tipp

Bild der Woche

Bauen im Bestand einmal anders: Ruinen stehen in Kuba nicht leer – sie werden bewohnt, erweitert
und umgebaut, verfallen dabei aber weiter – es sind sogenannte Wunderstrukturen ganz ohne Nostalgie.
Eine Stadt wie Havanna verdichtet sich auf diese Weise von ganz alleine und lebt dabei eine Gegenwart,
die im Gestern liegt.

Dossier

7	

Architekturwoche

2

News

	

Kubanische Ruinen
Havanna heute und die Gegenwart von gestern

3			Architekturwoche
4			News

Von Riccarda Cappeller

22

Tipp

23		

Bild der Woche

Titelbild und Foto oben: © Riccarda Cappeller

BauNetz Media GmbH
Geschäftsführer: Jürgen Paul

Inhalt

Creative Director: Stephan Burkoff
Chefredaktion: Jeanette Kunsmann
Texte: Riccarda Cappeller, Jeanette Kunsmann
Gestaltung / Artdirektion : Natascha Schuler

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Jetzt

News

Dossier

Tipp

Bild der Woche

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3

MITTWOCH

Architekturwoche

An diesen Orten haben Menschen schon immer etwas gesucht: den schnellen
Kick, ein wenig Pause vom Selbst. Als dann aber noch diejenigen dazu kamen, die
seltsame Wesen mit dem Handy fangen wollten, war der Spaß vorbei. „Anwohner
begeistert: Pokémon-Spieler verjagen Dealer in Porz“ titelte der Kölner Express letzte
Woche. Seit Juli treffen sich nämlich jeden Abend am Porzer Rathaus um die 30
Spieler, da es hier viele sogenannter Pokéstops gibt, an denen sich Monster anlocken
lassen. Damit stören sie Junkies und Dealer. Die virtuelle Welt trifft die Realität –
ein Computerspiel verändert den öffentlichen Raum. jk

Inhalt

© The Pokémon Company

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NEWS
BETON

FRIEDRICH KIESLER

CHINESISCHE MUSEEN

ARCHITEKTURTRIENNALE IN OSLO

AUSSTELLUNG IN WIEN

AUSSTELLUNG IN WIEN

AUSSTELLUNG IN BERLIN

Foto: Javad Parsa

Ausstellungsansicht, © Kunsthalle Wien

Friedrich Kiesler, Modell für ein Endless House, New
York, 1959, © 2016 Österreichische Friedrich und Lillian
Kiesler Privatstiftung, Wien; Foto: Lena Deinhardstein

Museum of Contemporary Art in Dali von Studio Zhu Pei

Bald beginnt der Architekturherbst: Ab
Anfang September findet die sechste
Ausgabe der Oslo Architekturtriennale
statt. Kuratiert von der After Belonging Agency steht sie diesmal unter der
Fragestellung von Wandel, Identität und
Eigentum. Das Programm von „After
Belonging“ will dazu Objekte, Räume
und Gebiete entwickeln, die die Voraussetzungen von Zugehörigkeit und
Heimat verändern. Die Ausstellung teilt
sich dabei in zwei Kategorien: „On Residence“, eine allgemeinere Analyse von
Wohn- und Transiträumen, und „In
Residence“, Interventionen an konkreten Orten. Mit dabei sind u.a. Andrés
Jaque, Atelier Bow-Wow, Eyal Weizman, OMA, ROTOR und Snøhetta.
8. September bis 27. November 2016
www.afterbelonging.org

Was macht der Baustoff Beton im Museum? Die Kunsthalle Wien setzt sich
in ihrer nächsten Ausstellung mit dem
Brutalismus auseinander. Für die Kuratoren Vanessa Joan Müller und Nicolaus
Schafhausen stellt er eine Form gewordene Utopie dar. Heute hingegen sind
viele der Bauten vom Abriss bedroht.
Angesichts dieser dystopisch verfärbten
Moderne arbeitet die bildende Kunst
noch einmal ihre ursprünglichen Ideen
heraus, ihre Euphorie, aber auch ihr
Scheitern – als Erinnerung daran, dass
Beton nicht nur ein Baustoff ist. Mit
Monica Bonvicini, Thomas Demand,
Cyprien Gaillard, Isa Genzken, Liam
Gillick, Isa Melsheimer, Olaf Metzel,
u.v.a. Noch bis zum 16. Oktober 2016 in
der Kunsthalle Wien
www.kunsthallewien.at

Nicht verpassen: Das Museum für
angewandte Kunst in Wien widmet
sich mit der Ausstellung „Friedrich
Kiesler. Lebenswelten“ dem Werk des
des austro-amerikanischen Künstlers,
Designers, Architekten, Bühnenbildners
und Ausstellungsmachers. Mit seinen
revolutionären Ideen fasziniert Kiesler
noch heute – „seine künstlerischen und
theoretischen Überlegungen bilden eine
vielfältige Inspiration für eine zeitgenössische Auseinandersetzung“, meint Kuratorin Bärbel Vischer. Leonor Antunes,
Céline Condorelli, Verena Dengler, Lili
Reynaud-Dewar, Apolonija Šušteršič
und Rirkrit Tiravanija haben Interventionen entwickelt, die sich mit Kieslers
Welt auseinandersetzen. Zu sehen bis
zum 2. Oktober 2016 im MAK in Wien
www.mak.at

Entgegen aller Vorurteile bringt der
Museumsboom in China nicht nur europäische Exporte und Kopien, sondern
eine ganz eigene Architektur hervor.
„Wie wird lokale und nationale Identität durch Museumsarchitektur und
-kuratierung definiert?“, fragt das Aedes
Architekturforum in Berlin und eröffnet
damit diesen Freitag die Ausstellung
„Zài Xīng Tu Mù. Sechzehn chinesische Museen, Fünfzehn chinesische
Architekten“. Gezeigt werden neben
Videointerviews mit den Architekten
die Recherchen und Analysen des Kurators Eduard Kögel, während der Maler
Yiming Liao im Auftrag Interpretationen der Gebäude in Öl gefertigt hat.
Vom 27. August bis 13. Oktober 2016 im
Aedes Architekturforum/ANCB, Berlin
www.aedes-arc.de

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Architekturwoche

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AFTER BELONGING

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HOCH OBEN AM MELCHSEE

WOHNEXPERIMENTE IN TOKIO

OBJEKT IM BAUNETZ WISSEN

RECHTECK AN PARALLELOGRAMM PRODUKT BEI DESIGNLINES

Cedar House von Go Hasegawa für Airbnb, Foto: ©
House Vision 2016 Tokyo Exhibition

Foto: © Ulrich Stockhaus

Visioni von Patricia Urquiola, Foto: © CC-Tapis

Nach „Architecture for dogs“ kommt
die Zukunft des Wohnens. Designer
und Kurator Kenya Hara setzt sein 2013
gestartetes Ausstellungsprojekt „House
Vision“ fort, das gewachsen ist: Diesmal
werden zwölf statt sieben Wohnvisionen gezeigt, darunter u.a. Projekte von
Sou Fujimoto, Kengo Kuma, Shigeru
Ban, Atelier Bow-Wow, Jun Igarashi
und Go Hasegawa. Die zweite Runde
von House Vision steht dabei unter
dem Thema „Co-Dividual – Split and
Connect/ Separate and Come Together“
und schon der erste Blick auf die zwölf
Visionen beweist: Zumindest in Japan
wird die Zukunft des Wohnens aus
Holz gebaut. Noch bis zum 28. August
2016, Aomi Station, Tokio
house-vision.jp

Wo einst die längste Gondelbahn der
Schweiz errichtet wurde, fahren bis
heute keine Autos: Das Hochplateau
„die Frutt“ auf über 1.900 Metern über
dem Meeresspiegel ist ein Luftkurort
seit 1865. Am Ufer des Melchsees,
mit einem imposanten Bergmassiv im
Rücken, bietet die Hotelanlage Frutt
Family Lodge & Melchsee Apartments
Gelegenheit, die Höhenluft und das
Panorama zu genießen. Der Zürcher
Architekt Philip Loskant entwarf das
Vier-Sterne-Gästehaus, zu dem auch ein
ausgedehnter und höhlenartig konzipierter Wellnessbereich mit Schwimmbad, Sauna, Dampfbad und mattgoldenen Armaturen gehört.
www.baunetzwissen.de/Bad

Tritt man einen Schritt zurück, erinnern
die Teppichgrafiken von Patricia Urquiola an Kippbilder. Für den Mailänder
Teppichhersteller CC-Tapis hat die Designerin eine Kollektion aus zwei Motiven gestaltet: eine Synthese aus traditionellem Handwerk und zeitgenössischer
Grafik. Der Name Visioni deutet auf
das Spiel mit den Perspektiven bereits
hin. Kräftige schwarze Linien füllen die
Zwischenräume zwischen den geometrischen Formen. In der CC-Tapis-Manufaktur in Nepal werden die Teppiche
ausschließlich von Hand geknüpft. Zur
Auswahl stehen einhundert Prozent
Himalayawolle oder eine Mischung aus
Himalayawolle und reiner Seide, die
dem Textil eine besondere Farbtiefe und
einen edlen Schein verleiht.
www.designlines.de

Inhalt

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Architekturwoche

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Bild der Woche

HOUSE VISION

*Stand: 24. August 2016

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GROHE Dialoge 2016

WOHNUNGSBAU NEU DENKEN
ZWISCHEN EXISTENZMINIMUM
UND LUXUS
Wie der Wohnungsbau neu gedacht
werden kann, erörtert der nächste
Grohe-Dialog in Köln. Mit dabei sind:
Ein Leitthema der modernen Architektur
im 21. Jahrhundert ist die Lösung der
Wohnungsfrage. Der Wohnungsbau
von heute orientiert sich mit seinen
Förderrichtlinien und Baugesetzen oft
noch zu wenig an den Bedürfnissen
und Notwendigkeiten einer veränderten
Gesellschaft. Architekten stehen vor der
zentralen Herausforderung, wie bis-

lang ausgelagerte Funktionen – Arbeit,
Versorgung, Kinder- und Altenbetreuung
– wieder in das Wohnfeld zurückgeholt
werden können. Und durch Privatinitiativen einzelner Bauherren, Baugemeinschaften und Genossenschaften gibt
es auch immer mehr Projekte, die sich
ohne nennenswerte Subventionen ihren
Bedarf selbst organisieren.

Die Moderation hat Sabine Gotthardt
(Grohe Deutschland).

Rüdiger Lainer
RLP Rüdoger Lainer + Partner, Wien

Köln
Donnerstag, 29. September 2016
Museum für Angewandte Kunst,
An der Rechtschule, 50667 Köln
Einlass 18.45 Uhr, Beginn 19.30 Uhr
Die Grohe Dialoge sind kostenlos.

Meinrad Morger
Morger Partner Architekten, Basel

Weitere Informationen und Anmeldung:
www.grohe-dialoge.de

Volker Halbach
blauraum, Hamburg

Architekturwoche

Foto: © Riccarda Cappeller

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KUBANISCHE RUINEN

HAVANNA
HEUTE
UND DIE
GEGENWART
VON
GESTERN
VON RICCARDA CAPPELLER

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Schon an den Fassaden der kolonialzeitlichen Häuser kann man ablesen, wie sie sich verändert haben. Die Zimmer sind in der
Höhe geteilt, die Wohnzimmer wurden häufig zu kleinen Straßenläden umfunktioniert. Foto: © Volker Georg Kuntzsch

Je nach Bedarf und mit einfachsten Mitteln werden barbacoas und zusätzliche
Fenster eingefügt. Die Struktur der Bauten ändert sich so, dass man den Originalzustand oft nicht mehr ausmachen kann. Fotos: Riccarda Cappeller

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1
Ponte, Antonio Jose: „El arte de hacer ruinas“, in: Strausfeld, Michi (Hrsg.):
“Cubanisimo!: Junge Erzähler aus Kuba”. Suhrkamp, Berlin 2000, S. 106-123

„Musst du dein Heim vergrößern, und es gibt keinen Hof, in dem man anbauen, keinen Garten, in den man ausweichen könnte, nicht einmal einen
Balkon... musst du erweitern und lebst du mit Familie in einer Wohnung
ohne Außenfenster, dann bleibt dir nur übrig den Blick gen Himmel zu richten und festzustellen, dass deine Decke recht hoch ist und sich gut und gerne noch eine weitere einziehen [ließe], ein Zwischengeschoss. Dir eröffnet
sich also kurz gesagt, die vertikale Großzügigkeit deines Areals, die es dir
erlaubt, deine Wohnfläche zu erweitern. (...)“ Antonio Jose Ponte1

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2
Vgl. Losego, Sarah Vanessa: “Altstadtsanierung und Tourismus in La Habana.
Vermarktung eines Stücks kulturellen Erbes”, in: Tourismus Journal (Lucius &
Lucius, Stuttgart) 7.g (2003) Heft 2, S. 255

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links: © Volker Georg Kuntzsch rechts: © Riccarda Cappeller

Ponte beschreibt in seiner Kurzgeschichte „Die Kunst, Ruinen zu bauen“ ein in
Havanna weit verbreitetes Phänomen. Kaum ist die lang ersehnte Zwischenebene fertig und theoretisch mehr Raum für die Bewohner geschaffen, zieht die Verwandtschaft
nach. Die stetige Verdichtung treibt den Erzähler in den Wahnsinn. Die Lösung des
Problems ist eine Ziege, die er zeitweise aufnimmt und deren Abwesenheit sich im
Nachhinein so positiv auswirkt, dass alles Andere erträglich wird.
In Kuba heißen die eingezogenen Zwischenebenen „barbacoas“. Sie entstehen in
vielen der Kolonialbauten des 18. Jahrhunderts, die 1982 durch die UNESCO zum
Weltkulturerbe erklärt wurden.2 Fast fünf Meter hohe, sehr großzügige Räume, die
man auch aus europäischen Herrschaftshäusern dieser Zeit kennt, werden geteilt, um
die eigentliche Wohnfläche zu duplizieren. Das Gebäude bekommt eine neue innere
Struktur, die durch zusätzliche Öffnungen in der Fassade auch im Straßenraum ablesbar ist. Es gibt nicht viele architektonische Typologien, die noch so viele Jahre nach
ihrer Erbauung und trotz ihres prekären Zustands flexibel veränderbar sind und Umnutzungen sowie strukturellen Wandel zulassen. Ohne jegliche Sanierungsprozesse
oder erhaltende Maßnahmen leben die Wände in Havanna einfach immer weiter.

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Blick zum Vedado und seinen Hochhäusern. Von links nach rechts: Havanna Libre,
Edificio Seguro Medico, Edificio Fosca, Foto: © Riccarda Cappeller

3
Dieser begriff taucht in der Kurzgeschichte „El arte de hacer ruinas“ von Jose
Antonio Ponte auf

Die Ruinen Kubas sind keine leeren Gebäudehüllen, die am Ende eines Lebenszyklus
zurückgeblieben sind, sondern sie sind Teil des alltäglich genutzten Lebensraums.
Es sind bewohnte Ruinen. Stetig werden sie umgenutzt, erweitert, verformt und
verändert, bis sie trotz ihres Rufs als „estaticas milagrosas“ 3, übersetzt Wunderstrukturen, an ihre Grenzen stoßen.
Die Geschichte zum Bau der Zwischenebenen ist nur ein erster Teil in Pontes Erzählung – die Einleitung einer Dissertation, die der Protagonist zur Verdichtung der
Stadt Havanna schreibt. Seine Recherche führt ihn zur Überformung der Architektur
und dem Lebensende derjenigen, die aus eigentlich für unbewohnbar erklärten Ruinen
einen Lebensraum machen und in direktem Kontakt mit dem stetigem Verfall stehen.
Täglich laufen die Bewohner hier Gefahr, von den herabfallenden Decken erschlagen
zu werden.

„Katastrophal“ sei der Zustand, sagen heute schockierte Besucher der Stadt,
während andere die Aussicht auf Bilder von Leerstand, Zerstörung und die Patina, die
wie eine Transparentpapierlage über der Stadt liegt, begeistert. Alles muss festgehalten werden. Ruinen sind in Mode. Auf virtuellen Plattformen wird das Hochladen
von Bildern, die den Verfall an den verschiedensten Orten dokumentieren, geradezu
zum Wettstreit visueller Produktion.
Anders als die römischen Ruinen, die Dokumente einer längst vergangenen Kultur
sind, geben die kubanischen Ruinen bei genauer Betrachtung keinen Raum zu Nostalgie. Sie sind Teil der Gegenwart und verkörpern die Stagnation eines Landes, dessen
System nach dem Ende der Sowjetunion zum Scheitern verurteilt erscheint. Ohne
dass je ein Krieg stattgefunden hat, gleichen große Teile Havannas, die neben dem
teilweise bereits sanierten Altstadtbereich liegen, einem „Trümmerfeld“.

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Der Eigenbau ist auf Kuba sehr verbreitet. Alles wird immer wieder repariert und ausgebessert. Während des Sozialismus wurden auf staatlichen Baustellen von vornherein mehr Baumaterialien bestellt, weil sich jeder an den Lieferungen
bediente. Foto: Riccarda Cappeller

Das, was als authentisches Kuba gilt, sind keine romantischen Ruinen, Liebe zu historischen Autos und die schöne Patina
auf Fotografien, sondern die Realität eines Landes. Fotos: Riccarda Cappeller

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Diese Eindrücke stammen aus eigener Erfahrung und der Situation, die Natalie
Morales in ihrem Text “Please Stop Saying You Want to Go to Cuba Before It’s
Ruined” schildert.

Für die Menschen auf Kuba bedeutet dies vor allem Notstand, der wie der Sozialismus
noch deutlich zu spüren ist. Das, was wir Touristen noch schnell vom „authentischen
Kuba“ sehen wollen, „bevor es zu spät ist“, bleibt vor Ort bitterer Alltag. Fließendes
Wasser gibt es natürlich. Dass aber die Besitzer der „casas particulares“, der Privatunterkünfte für Touristen, deren Lebensstandard den vieler Kubaner bei weitem
überschreitet, dafür um 4 Uhr morgens aufstehen und den Tank vollaufen lassen
müssen, der für mindestens drei Tage halten muss, wird einem erst später bewusst.
Auch der Mangel an Lebensmitteln und Materialien fällt erst auf, wenn man an den
staatlichen Lebensmittelausgaben vorbei geht, vor denen die Menschen mit ihren
Ausgabeheften Schlange stehen, oder man in einer Autowerkstatt Reifen flickt, statt
sie, wie hierzulande, einfach gegen einen neuen auszutauschen. Ärzte und Juristen
arbeiten als Türsteher in der Tourismusbranche, um überleben zu können. Ein staatliches Monatsgehalt entspricht 25 Euro. Und die wunderschönen Oldtimer prägen das
Bild Havannas nicht aufgrund ihres Stylefaktors, sondern weil es schlicht und einfach
nichts anderes gibt.4 Eigentlich ist es ein Wunder, dass die Technik die Strapazen des
Sozialismus so lange überlebt, ja sogar überdauert.

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Die Kubaner leben in der Öffentlichkeit. Auf den Straßen der Altstadt Havannas ist immer etwas los. Das Leben hinter den Kulissen allerdings, dort wo der Tourismus keinen Einzug erhalten hat, bleibt in den meisten Fällen verborgen.
Foto: © Riccarda Cappeller

In einem Dokumentarfilm von Florian Borchmeyer und Mathias Hentschler, der die
Kurzgeschichte Pontes als Referenz nutzt, werden fünf Kubaner in ihren ruinösen
Wohnräumen besucht. Sie erzählen von den Schwierigkeiten mit ihrer Behausung,
dem ständigen Reparieren und Ausbessern, vor allem aber der Angst, den nächsten
herabfallenden Stein nicht mehr zu überleben. Während einer die noch stehenden vier
Wände eines stillgelegten Theaters sein Eigen nennt, dort täglich die Bruchstücke beseitigt und von besseren Zeiten träumt, schlafen andere mit dem Kopfkissen über dem
Kopf und sind tagein, tagaus damit beschäftigt, das Vorhandene bewohnbar zu erhalten, Lecks zu beheben oder den Fahrstuhl ein ums andere Mal wieder in Betrieb zu
setzen. Trotz des Verfalls wird im Gebäudeinneren weiter verdichtet. Der durchdachte
Einsatz der wenigen vorhandenen Materialien und eigens entworfener Konstruktionen
sind Teil des individuellen Bauprozesses. Das sozialistische Kollektiv zerfällt an diesen
Orten in Individuen, deren Kreativität ihre Lebenschancen steigert.5 Sie haben sich
ihren Lebensraum selbst ausgesucht und kapseln sich, wie die Ruinenbauer in Pontes
Kurzgeschichte, von der restlichen Gesellschaft ab.
Kuba, begrenzt vom eigenen geografischen Territorium, und Havanna, als die
Großstadt schlechthin, wachsen nach innen. Der Ruinenbau, von Ponte Barackisierung benannt, kann als ein architektonischer Stil bezeichnet werden, der sich in die
Stadtstruktur integriert. Als additives Element existiert die Barackisierung neben noch
intakten Kolonialbauten des Zentrums, dem aus dem 19. Jahrhundert erhaltenen Art
Nouveau dazwischen und den Bauten der Moderne, wie dem Habana Libre. Dieses
Hotel wurde noch von den Amerikanern errichtet und ist über die „Rampa“, eine
zentrale Hauptachse am Ende des Malecons, zu erreichen. Hier, an der Hauptstraße
zwischen Meer und Wohnhäusern, die den Berg hinauf wachsen, beginnt das Stadtviertel Vedado.
5
Vgl. Park, Paula: Living Dangerously. Florian Borchmeyers Havana - The new
Art of Making Ruins. (2007), in: Sin Frontera, Revista Académica y Literaria 6
(May 2012)

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In der Altstadt Havannas gibt es kaum leeren Raum; Baulücken werden schnell umgenutzt. In jeder Straße wird ständig etwas
verändert. Foto diese Seite: © Volker Georg Kuntzsch, Fotos nächste Seite: Riccarda Cappeller

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Im Vedado treffen neue und alte Architekturen aufeinander. Das Edificio Fosca war bei seiner Errichtung 1956 eine der weltweit höchsten Betonkonstruktionen. Foto: Riccarda Cappeller

Der Vedado avancierte Anfang des 20. Jahrhunderts zum Wohnareal der wohlhabenden Oberschicht. Hier zeigt sich Havanna von einer anderen Seite. Zwar sind
die Gebäude von den Jahren seit der Revolution 1959 geprägt, aber selbst die
Kolonialbauten, die hier stehen, sind bei weitem nicht mit dem Zustand im historischen
Zentrum vergleichbar. Charakteristisch für den Vedado ist die klare Organisation des
Straßenraums im Schachbrettmuster und die Architektur der Moderne, die in die Höhe
ragt. Es ist ein innerstädtisches, kulturelles Zentrum und man hat das Gefühl, in einem
realen, beziehungsweise den europäischen Vorstellungen entsprechenden, städtischen Leben angekommen zu sein. Ein Großteil der Hochhäuser entstand noch vor
den Jahren der Revolution. Einige, wie beispielsweise das El Focsa, gehörten zur Zeit
ihrer Entstehung zu den weltweit höchsten Gebäuden.6 Die ersten großen Mehrfamilienhäuser im Stil des amerikanischen Art Deco entstanden zu Beginn der 1940er
Jahre. Sie versetzen den Besucher direkt in den Film Metropolis. Es gab in Havanna
einen regelrechten Hochhausboom, zur Hochphase der Moderne, die mit der Revolution Fidel Castros 1959 endete. Diese Bauten geben Havanna eine andere Dimension und zeigen die Verbindung zu globalen Entwicklungen und Techniken, die vor
der Revolution entstanden. Bei einigen Gebäuden, wie zum Beispiel dem Wohnhaus
Solimar ist der Bruch mit der Vergangenheit und die Verwendung stilistischer Grundelemente der Moderne, angepasst an lokale Bedingungen, besonders auffällig. Solche
Elemente, wie auch Referenzen zum Art Nouveau tauchen ebenso in anderen Städten
Kubas, wie beispielsweise Sancti Spíritus und Camagüey, auf.
Das Fortschreiten der Zeit, die Abnutzung und Verwahrlosung hat auch diese Architekturen gezeichnet, dennoch sind sie scheinbar noch weit von einem Stadium entfernt, bei dem die Barackisierung einsetzt. Es zeigt sich, dass die Dauerhaftigkeit der
architektonischen Bauten abnimmt. Die jüngsten Konstruktionen des Sozialismus, die
aufgrund des Wohnungsmangels und des rapiden Bevölkerungszuwachses7 in Fertigbauweise entstanden, wirken schon heute heruntergekommen. Ein Beispiel dazu sind
die Experimentalbauten. Niemals hätten sie, wie die Kolonialbauten, ein Jahrhundert
überdauert und noch dazu diesen Grad der Veränderung überstanden. Trotzdem sind
die gemeinschaftlich orientierten Ideale des Sozialismus und die daraus entstandenen

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Die Fassade des Wohnhaus Solimar (1944) zeigt den Einfluss der Moderne in Havanna. Foto: Riccarda Cappeller

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Bauen im Sozialismus: Errichten der Wohnsiedlung Miramar, ca. 1960
Fotograf unbekannt

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Rodriguez, Eduardo Luis und Duque Estrada, Roberto Santana: Architekturführer Havanna. DOM publishers, Berlin 2014, S. 142

Tipp

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Rodriguez, Eduardo Luis und Duque Estrada, Roberto Santana: Architekturführer Havanna. DOM publishers, Berlin 2014, S. 31

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Schmidt-Colinet , Lisa; Schmoeger, Alexander; Zeyfang, Florian: “Microbrigades – Variations of a Story”, Kurzfilm auf: http://www.florian-zeyfang.de/
microbrigades-variations/movie/

Bauprozesse in Bezug auf die Architektur dieser Zeit sehr spannend und bieten in
ihrem Gedankengut noch immer zukunftsweisende Ideen. So wurden zum Beispiel
die Microbrigadas8 von ihren Bewohnern, Fabrikarbeitern, selbst errichtet. Es sind
mehrgeschossige Wohnbauten, die den Plattenbauten der DDR ähneln und ebenfalls in Fertigbauweise errichtet wurden. Während ein Teil der Kollegen in der Fabrik
arbeitete, war der andere Teil mit dem Aufbau eines neuen Heims für alle beschäftigt.
Die Material- und Konstruktionskosten wurden vom Staat getragen. Der gleichnamige
Kurzfilm von Schmidt-Colinet, Schmoeger und Zeyfang stellt diese Bauweise und ihre
Entwicklung anhand von Interviews mit Architekten und Bewohnern, Zeichnungen
und historischen Filmaufnahmen dar. Besonders spannend ist ein Abschnitt zu den
1970er Jahren. Hier gab es eine Konstruktion, die in Zusammenarbeit mit der DDR in
Cienfuegos realisiert wurde. Das Thema der Microbrigadas und der Produktion sozialistischer Wohnbauten mit weiteren Bauprojekten unter Fidel Castro darzustellen und
nicht nur nach den kollektiven Formen der Bauprozesse, sondern auch den Bauten für
die breite Masse zu fragen, ist eine eigene Studie wert. Auch die ländlichen Gebiete Kubas, wie das Tabak-Anbaugebiert Viñales, wurden bisher völlig außer Betracht
gelassen.

Stattdessen ist ein Überblick zu Architekturformen und deren Nutzung im heutigen
Havanna entstanden. Die Frage, wie es auf der Insel in Zukunft weiter geht, wird
momentan vielerorts gestellt. Was die Architektur angeht, so wird es in den nächsten
Jahren sicherlich viele interessante Entwicklungen geben, die im Zusammenhang
mit der Sanierung des Bestands und der Entwicklung der Wohnsituationen vor Ort
stehen. Vor allem stellt sich aber die Frage, wie wer hier investieren darf. Das Kapitol
wird, laut eines Bauschilds, aktuell von einer deutschen Firma saniert. Auch die Altstadt wurde sicherlich mit Investitionen aus dem Ausland, unter anderem mit Geldern
der UNESCO, instand gesetzt. Wie aber sieht es für private Interessenten aus? Wer
meint, Kuba könnte von heute auf morgen aufgekauft werden, liegt falsch. Eine Immobilie zu erwerben, ist für Nicht-Kubaner derzeit verboten. Dass an dieser Stelle
ein Schwarzmarkt entsteht und Kubaner sich mit Externen zusammenschließen um
Geschäfte zu machen, versteht sich von selbst. Wie sich dieses System weiterentwickelt und ob sich Kuba nach jahrelanger Abgeschlossenheit vom Weltgeschehen
behaupten kann und will, wird sich zeigen. Heute ist die Skyline Havannas noch frei
von Werbeplakaten und Leuchtreklamen. Lange ist das bestimmt nicht mehr der Fall.
Für die Bewohner bedeutet das endlich einen Fortschritt und vor allem, eine Veränder-

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Der Experimentalbau „Giron“ (1967) steht direkt am Malecón. Das Salzwasser und die fehlende Pflege setzen dem Gebäude stark zu. Lange wird es nicht mehr bewohnbar bleiben.
Fotos diese und nächste Seite: © Riccarda Capeller

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ung zu erleben. Mit dem Zugang zum globalen Markt und dem Geldtransfer in Dollars,
der erst seit einigen Wochen möglich ist, können Baumaterialien, Technik und andere
Ressourcen wie Lebensmittel eingeführt werden, die eine Verbesserung der Lebensumstände auf Kuba bewirken. Ein bedeutender Wandel hat bereits stattgefunden. Fast
fünfzehn Jahre nach dem Internetboom in Europa ist auch auf Kuba das Internet angekommen. Auf öffentlichen Plätzen wird über privat vernetzte, temporäre Laptopstationen WLAN angeboten. Wie bei einem Flashmob sammeln sich hier die Menschen
mit ihren Smartphones und sind Teil der weltweiten Kommunikation übers Netz. Der
öffentliche Raum übernimmt dadurch wieder eine neue Aufgabe und verbindet über
seine Nutzung. Solche Entwicklungen, die automatisch ganz anders verlaufen, als in
Deutschland, wo neue Entwicklungen sehr schnell einen Einzug ins Privatleben erhalten, sind spannend zu beobachten. Sie zeigen ein anderes Verständnis im Umgang
mit dem öffentlichen Raum und der Gemeinschaft, zweifelsohne Bestandteile der
sozialistischen Theorien, die jahrelang Manifest auf Kuba waren und in den 1970ern
als Hoffnungsträger zur Realisierung eines sozialen Staates und einem System der
Gerechtigkeit galten.
„Die Insel zu verlassen, bedeutet in ein anderes Verständnis von Zeit einzutauchen
und die Irrationalität Kubas zu begreifen“, sagt Ponte. Für ihn ist Kuba eine Fiktion,
deren Alltag grausam, aber auch wunderbar sein kann - eine Tragödie und Komödie
zugleich, die nur von denjenigen wahrgenommen werden kann, die eine Möglichkeit
haben sich zwischen den Welten zu bewegen. Das gilt für Außenstehende, Reisende,
wie auch für die Kubaner selbst. Gleichzeitig ist das Leben auf Kuba aber auch sehr
real und zeigt Tendenzen, die auch in anderen Teilen der Welt aktuell Thema sind.
Gerade der Eigenverantwortung in Wohnungsfragen, der selbstständigen Produktion und Ausbesserungsmentalität, die in Kuba nicht nur in den Ruinen zu finden sind,
wird immer mehr Bedeutung beigemessen. Es zeichnen sich Modelle ab, die eine
vorgegebene Struktur durch Eigenbau ergänzen und verändern. Diese Art Wohnraum
zu schaffen wird zunehmend zu einem architektonischen Konzept. Auf der Architekturbiennale in Venedig sind Projekte wie Quinta Monroe von Elemental aus Chile, sowie
einige Bauten, die im deutschen Pavillon zum Thema Flüchtlingsunterkünfte zusammengestellt sind, zu sehen. Bei diesen Beispielprojekten werden Grundstrukturen als
Ausgangsform durch das Wohnen und Weiterformen zu eigenen architektonischen
Projekten. Es ist kein neues Gedankengut, sondern viel mehr das Bewusstmachen

einer anderen Art von Architektur: Einer, die mehr von ihren Bewohnern ausgeht –
vom Menschen, der individuell in seiner Umgebung handeln will. Etwas, das im sozialistischen Kuba eben nur begrenzt und eher im Untergrund, im Verfall, als minimaler
Protest möglich war, als Gemeinschaftsgedanke, bei dem das Individuum wieder in
den Hintergrund rückt, aber in Planungsprozesse integriert wurde.
9
Rodriguez, Nestor:„Die Kunst Ruinen zu bauen: Interview mit dem kubanischen
Schriftsteller Antonio Jose Ponte.” In: Revista Iberoamericana, Vol. LXVIII Num.
198, S. 179 - 186
10
Strausfeld, Michi (Hrsg.): “Cubanisimo!: Junge Erzähler aus Kuba”. Suhrkamp,
Berlin 2000, S. 12

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VATER UND SOHN
Das Langzeitprojekt von Tomas Koolhaas hat ein Ende gefunden: Auf den Internationalen Filmfestspielen von Venedig wird am 9. und 10. September 2016 der Dokumentarfilm „Rem“ vorgestellt – „out of competition“ natürlich. Thema ist aber nicht, wie man zunächst vermuten könnte, die Beziehung von Tomas Koolhaas zu seinem Vater Rem
Koolhaas. Der 36-jährige Filmemacher aus L.A. konzentrierte sich vielmehr auf die Ecken und Winkel der Gebäude von OMA, die sonst ausgeblendet werden und so folgt der
Trailer einem Parcours-Läufer, der durch die Casa da Musica springt. Koolhaas‘ Sohn führt damit ein Genre fort, das Nathaniel Khan mit „My Architect“ über seinen Vater
Louis Khan begonnen und dem Jim Venturi mit „Learning from Bob and Denise“ gefolgt ist (noch nicht erschienen) – also vielleicht doch eine besondere Art von Familientradition? // Foto: Tomas Koolhaas // www.remdocumentary.com
        
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