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Béton Rouge

Full text: Baunetzwoche Issue 463.2016 Béton Rouge

Das Querformat für Architekten

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18. August 2016

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BÉTON ROUGE

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DIESE WOCHE

Dossier

Béton rouge
Eine kurze Geschichte von Gigon/Guyer
bis Pedevilla Architects

	

Von Stephan Becker

Architekturwoche

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News

Tipp

Bild der Woche

Gigon/Guyer, Souto de Moura oder Valerio Olgiati: Anfangs war der Beton noch grau, aber dann
kam endlich Farbe ins Spiel. Über eine Variante in Rot.

3			Architekturwoche
4			News

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Tipp

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Bild der Woche

Titel: ESO-Hotel in der chilenischen Atacamawüste von
Auer Weber, Foto: Roland Halbe, Courtesy Lanxess
oben: Feuerwache in Vierschach von Pedevilla Architects,
Foto: Gustav Willeit

Inhalt

BauNetz Media GmbH
Geschäftsführer: Jürgen Paul
Creative Director: Stephan Burkoff
Chefredaktion: Jeanette Kunsmann
Texte: Stephan Becker, Jeanette Kunsmann
Gestaltung / Artdirektion : Natascha Schuler

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Dossier

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MONTAG

Inhalt

Foto: Oper in Sydney, 2012, © Kazuhisa Togo, CC BY 2.0

Spieglein, Spieglein... Dabei geht es nicht um das schönste Operngebäude, sondern
um die beste Akustik, wie Spiegel Online weiß. Das Opernhaus Sydney (1953–
1973), entworfen von Jørn Utzon, ist nämlich mittlerweile in die Jahre gekommen,
da drückt und zwickt zum Beispiel die baldige Eröffnung der Elbphilharmonie
im Januar 2017. Deshalb soll das Sydney Opera House nun der umfangreichsten
Erneuerung seit seiner Eröffnung vor 43 Jahren unterzogen werden, wie Troy
Grant, Vizepremier von New South Wales, am Donnerstag bekannt gab: Bei der
Sanierung gehe es vor allem um die schlechte Akustik, die immer wieder kritisiert
wurde. Dafür will der Bundesstaat in den nächsten sechs Jahren 202 Millionen
Australische Dollar (rund 139 Millionen Euro) ausgeben. Eine interessante Zahl.
Denn während die Elbphilharmonie mit inzwischen 789 Millionen Euro zehn Mal
so teuer geworden ist wie ursprünglich geplant, stiegen die Baukosten in Sydney bis
zur Eröffnung 1973 von sieben Millionen auf 121 Millionen Australische Dollar.
Da fragt man sich doch, was für eine Oper man jetzt für 202 Millionen Australische
Dollar bauen könnte – schließlich müsste man heute keine mit Lochkarten gesteuerten Computer 18 Monate lang die Dachkrümmungen berechnen lassen... jk

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NEWS
OKTOBERFEST

DAS INTROVERTIERTE HAUS

AUSSTELLUNG IN ZÜRICH

AUSSTELLUNG IN MÜNCHEN

PROJEKT BEI DESIGNLINES

Dionisio González: „Villa Harris (Vevey, 1930)“, 2013,
Courtesy the artist & KATZ CONTEMPORARY, Zürich

Foto: Rainer Viertlböck

Foto: Hiroki Kawata

Ruinen, Mythos und der Wert des Bildes. Die Zürcher Galerie Katz Contemporary verhandelt mit der Gruppenausstellung „Constructed Epiphany“ drei
künstlerische Positionen. Mit Somewhere Nowhere lässt Dionisio González
20 geplante, aber nie gebaute Projekte
von Le Corbusier aufleben, während
Jason Klimatsas die Spur der Bauruinen
verfolgt – der „geometrische Blick“ steht
dabei stets im Vordergrund. Sebastian
Stadler überlagert virtuelle Lichtphänomene mit Landschaftsbildern und
stellt damit die Frage nach dem Realitätsanspruch der Fotografie und der sich
ändernden Wahrnehmung.
Ausstellung vom 26. August bis zum 15.
Oktober 2016, Sommerparty am Donnerstag, 25. August ab 17 Uhr
katzcontemporary.com

Architektur der Achterbahn: Auf dem
Oktoberfest in München stehen die
Alpina Bahn, die Wilde Maus und der
Olympia Looping, alles Konstruktionen
des Münchner Ingenieurbüros Stengel,
das durch seine Entwicklungen im
Achterbahnbau mit fast 700 realisierten
Bahnen weltweit bekannt ist. Zum 80.
Geburtstag des Achterbahn-Ingenieurs
Werner Stengel zeigt die Architekturgalerie München nun eine Fotoausstellung
zum Oktoberfest. Rainer Viertlböck
hat die Oktoberfeste 2014 und 2015
während ihrer gesamten Dauer aus ungewöhnlichen Blickwinkeln mit Hochstativ, Kran und Drohne dokumentiert.
Das begleitende Buch dazu erscheint im
Schirmer Mosel Verlag. Vom 18. August
bis 22. September 2016
www.architekturgalerie-muenchen.de

Viele japanische Architekten planen
Häuser nicht von innen nach außen
hinaus, sondern von außen nach innen.
Dabei verlegen sie Gärten in den Innenraum oder bauen Häuser in Häusern.
Im japanischen Sennan entwarf der
Architekt Mitsutomo Matsunami ein
Minihaus, das ganz nach innen ausgerichtet ist. Sein geschickt angelegter
Grundriss schafft Zwischenräume, die
zugleich Geschlossenheit und Offenheit
suggerieren. Und anstatt den Grundriss
konventionell parallel zur Straße zu
legen, eckt der Neubau am Nachbarsgrundstück an und schafft Gartenkeile,
die den Lichteinfall begünstigen.
www.designlines.de

Inhalt

www.designlines.de

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CONSTRUCTED EPIPHANY

*Stand: 17. August 2016

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NEXT GENERATION

BAUWELT PREIS AUSGELOBT

ARC AWARD 2016

Bauwelt-Preis 2015: Neugestaltung einer Fleischerei in
Celrá von Pau Sarquella Fàbregas

„Jardin pare-feu“ von Frédéric Bouvier, Preisträger ArcAward Next Generation Gold 2015, Foto: © Frédéric
Bouvier

Das erste Haus geht in die zehnte
Runde: Der mit insgesamt 30.000 Euro
dotierte Bauwelt-Preis umfasst dabei
stets jede Form von erstem Werk: vom
Prototypen über die Ladeneinrichtung
bis zum Sozialen Wohnungsbau; von
der Neugestaltung eines öffentlichen
Raums bis zur temporären Intervention.
Eingereicht werden darf das erste Werk,
das in eigener Verantwortung realisiert
und das nach dem 30. September 2013
fertiggestellt worden ist; teilnahmeberechtigt sind Architekten und Landschaftsarchitekten aus aller Welt, als
Einzelpersonen oder in Arbeitsgemeinschaften. In der Jury sitzen in diesem
Jahr u.a. Donatella Fioretti, Kaye Geipel
und Ritz Ritzer. Einsendeschluss ist der
30. September 2016.
www.bauwelt.de

Was macht der Nachwuchs? Noch bis
zum 22. August 2016 können Architekturstudenten aus der Schweiz und
anderen Ländern ihre Projekte für
den Arc-Award in der Kategorie Next
Generation vorschlagen. Den Juryvorsitz hat Stefan Cadosch, Präsident des
SIA, außerdem werden Stephan Mäder, Professor an der ZHAW, Ludger
Hovestadt (ETH Zürich) und Christian
Zimmermann (Hochschule Luzern) die
eingereichten Arbeiten beurteilen. Der
Preis für das beste Nachwuchsprojekt
ist mit 3.500 Schweizer Franken dotiert.
Zusätzlich können Anerkennungen verliehen werden, welche mit 500 Franken
honoriert werden. Die Preisverleihung
findet am 27. Oktober 2016 in Zürich
statt.
www.arc-award.ch

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DAS ERSTE HAUS

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Lunker
Opus Caementitium
Puzzolane
Vouten
w/z-Wert
... noch Fragen?

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BETON

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BÉTON
ROUGE

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Die neue Årsta-Brücke in Stockholm verdoppelt in Ergänzung zur alten Brücke von 1929 die Kapazität des Eisenbahnverkehrs und steht auch Fußgängern und
Radfahrern offen. Der Entwurf stammt von Foster + Partners (London) und die Planung begann bereits 1995 – fertiggestellt wurde die Brücke, deren Farbigkeit an
das typisch schwedische Falunrot erinnern soll, allerdings erst 2005. Foto: Lanxess

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BÉTON ROUGE

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ÜBER EINE VARIANTE IN ROT

VON STEPHAN BECKER
Am Bahndamm, im Bergdorf oder
gar in der Wüste: Roter Beton
kommt oft dann zum Einsatz, wenn
sich die Architektur in einer besonderen Umgebung behaupten muss.
Monolithischen Formen gibt er das
gewisse Etwas, filigranen Strukturen verleiht er Präsenz und in der
heterogenen Großstadt definiert er
schon mal ein halbes Viertel. Kein
Wunder, dass roter Beton seit Mitte
der Neunzigerjahre vermehrt zum
Einsatz kommt – nicht mal Norman
Foster, Meister der Stahl-GlasKonstruktionen, kann sich seiner
archaischen Qualitäten entziehen.

Das Casa das Histórias des Pritzker-Preisträgers Eduardo
Souto de Moura (Porto) ist ein kleines Museum, das der
Malerin Paula Rego gewidmet ist. Es wurde zwischen 2005
und 2008 in der portugiesischen Kleinstadt Cascais in der
Nähe von Lissabon errichtet. Foto: Lanxess

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Annette Gigon und Mike Guyer (Zürich) gehörten zu den Ersten, die mit rotem Sichtbeton zu experimentieren begannen. Ihr
Stellwerk Vorbahnhof in Zürich geht auf einen Wettbewerbsgewinn im Jahr 1996 zurück und wurde 1999 fertiggestellt. Inspiriert ist die Farbigkeit von der Patina, die durch den Bremsstaub der Eisenbahnwagons entsteht. Foto: Tassilo Letzel

Eine neblige Landschaft voller moderner Industrieanlagen, eine Frau, die leicht orientierungslos durch die Leere stolpert, auf der Suche nach Halt – es war der Spielfilm
„Il deserto rosso“, mit dem sich der italienische Regisseur Michelangelo Antonioni
1964 die Technik des Farbfilms erschloss und der Farbe Rot kommt darin nicht nur
im Titel eine besondere Rolle zu. Rote Akzente verdeutlichen hier die innere Unruhe
der Protagonisten in einer ansonsten pastellenen, ja fast schon farblosen Welt. Trotz
seiner historischen Bedeutung – beispielsweise als Farbe der Macht – wird Rot
von Antonioni explizit mit Modernität und Fortschritt assoziiert, und zugleich, wie im
Straßenverkehr, als Signalfarbe eingesetzt. Rot ist hier ein Kontrastmittel, es formuliert
eine gewisse Distanz zur Umgebung, von der es sich leuchtend abhebt. Und das entspricht nicht zuletzt auch seiner Verwendung in der Architektur, wo noch immer gilt:
Wer diese Farbe wählt, setzt ein Ausrufezeichen – und das umso mehr für ansonsten
eher grauen Beton.
Die kontrastierende Wirkung der Farbe ist es auch, die der portugiesische Architekt
Eduardo Souto de Moura bei seiner Casa das Histórias nutzt. Die roten Pyramiden
seines Museums für die Malerin Paula Rego zeigen sich schon von weitem als starker
Gegensatz zum Grün der Parklandschaft am Ufer des Atlantiks. Erst die Verbindung
von Form, Farbe und Material erlaubt hier allerdings eine besondere poetische Intensität. Während nämlich auch normaler Beton für eine archaische Raumqualität gesorgt
hätte, wäre er mit seiner minimalistischen Ausstrahlung sicherlich das falsche Mittel
gewesen. Das Museum hätte wie ein Grabmal gewirkt, während nun der künstliche
Stein als Béton rouge für Lebendigkeit sorgt. Nicht alle Experimente mit rotem Beton
zielen jedoch auf eine antagonistische Wirkung – im Gegenteil, mit ihrem Stellwerk
Vorbahnhof in Zürich zielen die Schweizer Architekten Gigon/Guyer beispielsweise
auf eine ästhetische Entsprechung. Die rotbraune Patina, die aufgrund des Bremsstaubs der Züge entlang des Gleisbetts entsteht, sollte durch die Zugabe von Eisenoxidpartikeln auch physisch Teil der Architektur werden. Das Stellwerk, dessen Entwurf von 1996 stammt, gehört damit zu den ersten Bauten, die nach der Renaissance
des Sichtbetons seit Ende der Achtzigerjahre plötzlich in Rot daherkamen.

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An sich jedoch handelt es sich beim Färben des Betons mit Hilfe von Farbpigmenten
um eine etablierte Technik, die fast ebenso alt ist wie das Material selbst. Bereits
1915 experimentierte beispielsweise Lynn Mason Scofield in Chicago mit unterschiedlichen Mitteln der farblichen Veredelung, während innovative Architekten wie
Frank Lloyd Wright schon in den Dreißigerjahren rote Betonfußböden gießen ließen.
Das übliche Mittel für eine lichtechte und wetterstabile Durchfärbung des Betons sind
dabei Pigmente aus Eisenoxid, die von Spezialchemie-Herstellern wie der deutschen
Bayer-Ausgründung Lanxess hergestellt werden. Deren Produkte kamen unter
anderem auch bei Souto de Mouras Casa das Histórias zum Einsatz. Roten Beton
einzusetzen, ist bis heute mit erhöhtem Aufwand verbunden. Neben den zusätzlichen
Kosten ist vor allem bei der Verarbeitung des Betons eine enorme Sorgfalt nötig.
Architektur aus rotem Beton benötigt gleichermaßen finanziellen Spielraum und
hand-werkliches Können – kein Wunder also, dass es zunächst vor allem alpenländische Exzentriker waren, die mit dem Baustoff experimentierten. Neben dem Stellwerk
von Gigon/Guyer finden sich beispielsweise auch bei Peter Märklis Haus Hürzeler
von 1997 rote Betonflächen. Und Valerio Olgiatis Atelier Bardill in Scharans muss
– wenn auch fast ein Jahrzehnt später entstanden – geradezu als prototypischer
Einsatzfall für den Stein gelten. Wie bei der Casa das Histórias ist die Poesie der
Architektur gewissermaßen schon durch die künstlerische Arbeit des Bauherren
vorgegeben. Und wie an Portugals Atlantikküste darf auch im felsigen Graubünden
das Material seine monolithischen Qualitäten ausspielen. Roter Beton markiert damit
bei beiden Architekten eher die Ausnahme als die Regel. Doch Olgiati gelingt in
Scharans das Kunststück, zugleich fremd und doch vertraut zu wirken, wenn sich
seine Architektur zwischen die dunklen Holzhäuser des Dörfchens einfügt.
Man könnte also meinen, roter Beton sei vor allem etwas für jene Bauaufgaben, bei
denen ein besonderes Programm von geringem Umfang in eine idiosynkratische Form
gebracht werden soll. Doch ganz richtig ist dies nicht, denn Baumschlager Eberle
arbeiten schon 1997 bei ihrer durchaus stattlichen Wohnanlage Rohrbach 2 mit
flächigem Rot, während Riegler Riewe mit ihrem Hauptbahnhof Innsbruck von 2004
beweisen, dass Béton rouge auch für öffentliche Bauaufgaben geeignet ist. Und
Der Schweizer Architekt Valerio Olgiati (Flims) hat das Ateliertheater in Scharans für den Schweizer Liedermacher Linard
Bardill errichtet, der selbst gegenüber wohnt. Mitten im denkmalgeschützten Dorfkern ersetzt das introvertierte Gebäude von
2007 in ähnlicher Kubatur einen alten Stall. Foto: Archiv Olgiati

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Die Atacamawüste in Chile dient der Europäischen Südsternwarte als idealer Ort für die Himmelsbeobachtung – nicht
zuletzt aufgrund des trockenen, fast schon lebensfeindlichen
Klimas. Das sogenannte ESO-Hotel am Fuß des Cerro Paranal soll daher den Mitarbeitern als eine Art Oase dienen. Entworfen wurde es von Auer Weber (München), die Eröffnung
erfolgte 2002. Foto: Roland Halbe, Courtesy Lanxess

dank der Årsta-Brücke in Stockholm von Foster + Partners, deren Planung ebenfalls
bereits Mitte der Neunzigerjahre begann, wissen wir, dass sich auch Architekten aus
nördlicheren Gefilden für die warme Spielart des Betons begeistern können. Vergessen sollte man bei dieser kurzen Geschichte des roten Materials aber auch das
Münchner Büro Auer Weber nicht, die mit ihrem ESO-Hotel am Paranal-Observatorium in Chile für eine Art Invertierung von Antonionis Wüsten-Metapher sorgen. Ihr

monumentaler Wohnriegel von 2002 fügt sich zwar farblich in die karge, fast schon
lebensfeindliche Umgebung der Atacamawüste ein, doch markiert die rote Architektur
hier kein Gefühl der Entfremdung, sondern bietet den Mitarbeitern der europäischen
Südsternwarte ein schützendes Zuhause auf Zeit. Architektur als Land Art, wie es die
Architekten beschreiben, wobei das Eisenoxid im Beton wie bei Souto de Moura und
Norman Foster ebenfalls von Lanxess stammt.

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Anders als viele Gebäude aus rotem Sichtbeton zeichnet sich das Wohnhaus Schleife in Zug nicht durch
eine monolithische Formensprache, sondern durch eine
filigrane Fassade aus. Entworfen von Valerio Olgiati
(Flims) erfolgte die Umsetzung zwischen 2006 und
2012. Foto: Benjamin Arvid Jaeger

Als Verwaltungsbau einer Straf- und Arrestanstalt entstand Ende
des 19. Jahrhunderts das Kaiserliche Arbeitshaus Rummelsburg in Berlin – erst mit dem Ende der DDR wurde das spätere
Gefängnis aufgegeben. Mit dem Umbau des Gebäudes in ein
Wohnhaus durch AFF Architekten (Berlin) entstanden 2014
auch zwei Gartenpavillons, deren rötlicher Beton sich an der Farbigkeit der alten Backsteinarchitektur von Hermann Blankenstein
orientiert. Foto: Hans-Christian Schink

Kantige Volumen, die sich der Natur entgegenstellen, abweisend verschlossene
Wände – oft mit bündiger Verglasung – oder introvertierte Raumfolgen, die nur wenig
Leben nach außen dringen lassen – roter Beton scheint sich insbesondere für eine
monolithische Formensprache zu eignen, wie sie prototypisch Olgiatis Atelier Bardill
verkörpert. Valerio Olgiati selbst zeigt allerdings bei seinem Wohnhaus Schleife
in Zug, dass Béton rouge auch mit einer filigranen Fassade funktionieren kann. Die
expressiven Qualitäten des Materials brauchen, um ihre Wirkung zu entfalten, eben
nicht unbedingt eine geschlossene Oberfläche, sondern sie behaupten sich ebenso
im komplexen Licht- und Schattenspiel einer zerklüfteten Struktur.

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Das Berliner Büro Robertneun orientiert sich mit der Farbigkeit seiner Wohnbauten am ehemaligen Lokdepot in Schöneberg einerseits an den ehemaligen Bahnanlagen, andererseits soll durch das starke Signalrot aber auch ein eigenes
Stück Stadt geschaffen werden. Prägend sind vor allem die Fassadenelemente, doch erst im Zusammenspiel mit dem roten Beton entsteht ein einheitliches Gesamtbild. Foto: Werner Huthmacher

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Vorige Seite, linkes Bild: Im polnischen Torun wurde Ende 2015 das Kulturzentrum CKK Jordanki eröffnet, dessen rötliche Wände sich an der Backsteingotik der UNESCO-geschützen, mittelalterlichen Altstadt orientieren. Fernando Menis
und sein Büro Menis Arquitectos (Santa Cruz de Tenerife) färben nicht den Stein, sondern sie verwenden Ziegelbruch,
um eine Art rötliche Waschbetonoberfläche zu erzeugen. Picado nennt Menis diese Technik, die er selbst entwickelt hat.
Foto: Jakub Certowicz

Vorige Seite, rechtes Bild: Mit einem Kubus und einer Kugel erweiterten 2015 Shift architecture urbanism (Rotterdam) das Museumsquartier im niederländischen Kerkrade. Roter Beton kommt hier nicht für die Gebäude selbst zum
Einsatz, sondern er definiert ein halb gebäude-, halb platzartiges Untergeschoss, das metaphorisch als „offener Tagebau“
an die wirtschaftliche Vergangenheit der Region erinnern soll. Foto: Rene de Wit

Fast könnte man angesichts der Prominenz vieler jüngerer Bauten aus rotem Sichtbeton vergessen, dass zwar der Baustoff selbst erst vergleichsweise kurz in unseren
Städten zu entdecken ist, dass dies aber natürlich nicht für die Farbe selbst gilt. Für
erdige Akzente sorgt ja schon seit Jahrhunderten die Verwendung von Backstein,
und wenn es auch keine brutalistischen Gebäude aus farbigem Beton gibt, so doch
zahlreiche Fassaden aus rötlichen Ziegeln oder – wie bei I.M. Peis Mesa Laboratory –
Sandsteinplatten, die für einen ähnlichen Effekt sorgen.

schen Kontext zu erzeugen – man denke nur an die starken Ockertöne von Mies van
der Rohes Wohnbauten an der Afrikanischen Straße im Wedding oder an Bruno Tauts
teilweise rostrote Häuserfronten in Zehlendorf. Mit ihrem Städtebau am Lokdepot in
Berlin verfolgen Robertneun im Grunde eine ganz ähnliche Strategie, die zumindest
teilweise auf einem roten Betongerüst basiert. Nur sieben der sechzehn Wohnhäuser
hat das Büro selbst konzipiert, aber die Vorgabe einer starken Farbigkeit soll dafür
sorgen, dass trotzdem ein zusammenhängendes Stück Stadt entsteht. Interessant ist,
dass sich Robertneun – wie schon Gigon/Guyer – bei der Farbwahl unter anderem
auf die Bahnanlagen vor der Tür beziehen.

Auf welch unterschiedliche Weise sich vor diesem Hintergrund ein Bezug zur Geschichte eines Ortes herstellen lässt, zeigen AFF Architekten in Berlin, Fernando
Menis im polnischen Torun und Shift architecture urbanism im niederländischen
Kerkrade. AFF schreiben beispielsweise mit zeitgenössischen Mitteln den Bestand
fort, wenn sich die Farbigkeit ihrer neuen Gartenpavillons aus Beton an einem alten
Backsteinbau aus dem Kaiserreich orientiert. Umgekehrt arbeitet Fernando Menis
bei seinem Kulturzentrum nicht mit Farbpigmenten aus Eisenoxid, sondern er erfindet
eine Art Waschbeton aus Ziegelbruch, der sich auf die nahegelegene mittelalterliche
Altstadt bezieht. Und Shift ignorieren gar den unmittelbaren städtischen Kontext – der
ohnehin eher einem Nichtort im Gewerbegebiet gleicht –, um in ihrer Architektur regionale Traditionen ins Spiel zu bringen: Ihr halboffenes Untergeschoss, das zugleich
als Teil des Museums und als öffentlicher Platz fungiert, erinnert an die Tagebauten im
Umland mit ihren rötlich-braunen Erdschichten. Zu diesem Ansatz passt wiederum ein
Projekt von ARK Arhitektura Krušec aus Ljubljana, deren Haus in Golo in den slowenischen Alpen seine zarte Farbe durch Zuschlagstoffe aus dem Boden des Baugrundstücks erhielt – in „geologischen Schichten“ gegossen wirkt der Beton, als habe man
ihn in Form von großformatigen Blöcken direkt aus dem Gestein geschnitten.
Natürlich lässt sich eine starke Farbe nicht nur in Relation oder im Kontrast zur Umgebung denken, sie vermag unter bestimmten Bedingungen auch selbst einen städti-

Rot ist – in all seinen Variationen – die Signalfarbe schlechthin und es verwundert
nicht, dass es auch in der Architektur entsprechend häufig in diesem Sinne eingesetzt
wird. Souto de Mouras Casa das Histórias glüht geradezu zwischen den Bäumen,
während der Beton von Olgiatis Atelier Bardill mit seiner etwas dunkleren Intensität
eher einen wehrhaften Akzent setzt. Besonders interessant wird es jedoch auch
beim Béton rouge, wenn die üblichen Erwartungen unterlaufen werden – wie es zum
Beispiel Shift machen, wenn sie den Beton nicht als Ausrufezeichen verwenden,
sondern mit ihm lediglich den Grund für ihre Erweiterung bereiten. Oder Pedevilla
Architects, die mit ihrem Feuerwehrhaus in Vierschach wahrscheinlich einen der
schönsten Sichtbetonbauten der letzten Jahre abgeliefert haben. Ein rotes Feuerwehrhaus? Dazu gehört eigentlich nicht viel Fantasie, aber die beiden Brüder desaturieren die Farbe des Leichtbetons, bis das kantige Gebäude eine fast verträumte
Sanftheit bekommt – was selbst im Winter, mitten im Schnee, an das warme Licht des
Südens denken lässt.

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Mit ihrer Feuerwache in Vierschach zeigen die beiden
Architektenbrüder Alexander und Armin von Pedevilla
Architects (Bruneck), dass es bei der Verwendung von
rotem Beton nicht immer um die Signalwirkung gehen muss.
Aus Leichtbeton gegossen, sorgt die zarte Farbe der Fassade
selbst im Winter für eine gewisse südliche Leichtigkeit. Das
Gebäude konnte 2015 in Betrieb genommen werden, nachdem Pedevilla Architects 2011 den Wettbewerb gewonnen
hatten. Foto: Gustav Willeit

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Das Gestein der umliegenden slowenischen Alpen gibt dem Wohnhaus eines Sammlers in der Ortschaft Golo seine zarte Farbe – der Kontext des Gebäudes wird so auch
physisch zu einem Teil der Architektur. Fertiggestellt wurde das Gebäude im Jahr 2015, für den Entwurf verantwortlich waren ARK Arhitektura Krušec aus Ljubljana. Foto: Miran Kambi

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VON

us sequatem facest digent que cus,
nobis quas aut quiam aut prepel most
vollibust la quis cum re, sequi quunt
ipidessequos ped que consequi restotae
nus a plamet volendit expland

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Marienkirche Samstagern, Forster & Uhl Architekten, Zürich
Fotos: Michael Freisager Baar

BITTE SETZEN! STUHLFAMILIEN VON
HORGENGLARUS: KIRCHENSTÜHLE

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Oben links und rechts: Hildesheimer Dom St. Mariä Himmelfahrt, Foto: © Christian Richters, unten links: Heilig Kreuz
Kirche, Foto: © horgenglarus
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Links: Heilig Kreuz Kirche, Foto: © horgenglarus, Mitte:
Hildesheimer Dom St. Mariä Himmelfahrt, Foto: © Christian
Richters, rechts: Marienkirche Samstagern, Forster & Uhl
Architekten, Zürich, Fotos: Michael Freisager Baar

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Wer gut sitzt, sündigt nicht. Das weiß
man auch bei der Schweizer Tischund Stuhlmanufaktur horgenglarus.
Und so kommt es, dass man sich hier
nicht nur auf die gute Bestuhlung
von Schulen oder Büros, Restaurants,
Theatern und Kinos spezialisiert hat,
sondern auch zeitgemäße und bequeme
Kirchenbestuhlungen bereit hält. Die
Zeiten der harten Gebetsbänke und am
Boden fixierten Stuhlreihen sind passé,
Kirchenräume benötigen eine flexible
Möblierung, um auch in ihrem Programm beweglich werden zu können:
Neben Gottesdiensten finden in heutigen Sakralbauten mittlerweile eine Reihe

von Kulturveranstaltungen, Theatervorstellungen, Konzerten oder Lesungen
statt. Von der Stange kann so ein Stuhl
in der Regel also nicht sein: Oft sind es
Sonderanfertigungen, die den verschiedensten Anforderungen gerecht werden
müssen.

Kirchenbank, bietet dieser Stuhl eine
Gebetbuchauflage und lässt sich über ein
Kniebankmodul aneinanderreihen. Die
1.000 geforderten Exemplare wurden
bei horgenglarus gefertigt, davon 300 in
einer Sonderausstattung mit geflochtenem Sitz.

Zum Beispiel in einem jahrhundertealten Weltkulturerbe: Für den Hildesheimer Dom St. Mariä Himmelfahrt,
der von 2010–14 saniert und umgebaut
wurde, hat das Londoner Studio Meda
zu seiner Wiedereröffnung den Cathedral
Chair entworfen. In seiner Form orientiert an der Geometrie der klassischen

Ganz andere Bedingungen stellte der
ornamentlose Neubau der Marienkirche
Samstagern in Richterswil, die 2012
von dem Zürcher Büro Forster & Uhl
Architekten fertiggestellt wurde. Ebenso
kompakt, pur und zurückhaltend wie
die Architektur sollte auch die Bestuhlung sein. Dazu wählte man einen

Stuhlklassiker von horgenglarus, den der
Schweizer Designer Hannes Wettstein
Ende der Neunzigerjahre überarbeitet
und ihm seinen jetzigen Namen gegeben
hat: miro. In der Marienkirche steht ein
Redesign dieses Redesigns. Das stapelbare Stuhlmodell musste nur um eine
Kniebank und eine Verbindungsmöglichkeit ergänzt werden, um den Ansprüchen der kirchlichen Verwendung
gerecht zu werden. An die Qualität und
Verarbeitung der horgenglarus-Stühle
darf man glauben – sie haben stets mehrere Leben.
www.horgenglarus.ch

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ROTE SCHEUNE FÜR DIE RUHRTRIENNALE
Auch in diesem Jahr durfte das Atelier Van Lieshout wieder seine große Installation auf dem Vorplatz der Jahrhunderthalle Bochum errichten: ein Kunstdorf aus Gebäuden
und Skulpturen, die verstören und irritieren. Mit Waffenwerkstatt, Bar Rectum und Hagioskop; noch bis zum 26. September 2016 // Atelier Van Lieshout: The Good, the Bad
and the Ugly, Ruhrtriennale 2016, Foto: Patrick Skrypczak / Ruhrtriennale // www.ruhrtriennale.de
        
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