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Richtungswechsel: Soziales Bauen in Mexiko

Full text: Baunetzwoche Issue 459.2016 Richtungswechsel: Soziales Bauen in Mexiko

Das Querformat für Architekten

RICHTUNGSWECHSEL
SOZIALES BAUEN IN MEXIKO

459
7. Juli 2016

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Paar der Woche

DIESE WOCHE

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Soziale Bauaufgaben standen lange nicht auf der Agenda von Architekturbüros in Mexiko. Bekannte Bauprojekte aus dem Land, in dem rund 50 Prozent der Bevölkerung als arm gelten, waren oft
weit entfernt von den Großstadtrandgebieten mit ihren informellen Siedlungen. Doch langsam verabschieden sich Büros wie Tatiana Bilbao, Dellekamp Arquitectos oder Alberto Kalach vom bloßen
Bauen für die Reichen. Woher kommt der plötzliche Richtungswechsel? Wer sind die Auftraggeber
für solch soziale Projekte? Und was hat Alejandro Aravena damit zu tun?

Dossier

7	Richtungswechsel
Soziales Bauen in Mexiko

Architekturwoche

4			News

Von Luise Rellensmann und Carsten Krohn

2

News

	

3			Architekturwoche

22

Tipp

23		

Bild der Woche

Titel und oben: Das 8.000-Dollar-House von Tatiana Bilbao
in einer Siedlung in Acuña, beide Fotos: Iwan Baan

BauNetz Media GmbH

Inhalt

Geschäftsführer: Jürgen Paul
Creative Director: Stephan Burkoff
Chefredaktion: Jeanette Kunsmann
Texte: Luise Rellensmann
Gestaltung / Artdirektion : Natascha Schuler

Diese Ausgabe wurde ermöglicht durch:

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K e i n u n e t z w o c ie r e n !
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News

MONTAG

Die Fassade spielt ver-rückt! Vom 16. Juli bis zum 28.
August 2010 war das Portal der Volksbühne „versäult“:
Fünf original getreu nachgebildete Säulen komplettierten
die vorhandene Kulissenarchitektur des verlassenen
Hauses. Foto: osa – office for subversive architecture
www.volksbuehne-berlin.de

Verrammelte Türen an der Volksbühne in Berlin. Das in den Spielzeitferien 2010
vom office for subversive architecture geschlossene Portal wirkt heute so aktuell wie
nie. Mit einem offenen Brief hoffen die Mitarbeiter der Volksbühne sich vor dem
Intendantenwechsel zu schützen – Chris Dercon und seinem Team bleibt bisher
der Zutritt zum Gebäude verwehrt. Nach Monaten des Dercon-Bashings gibt es
seit letzter Woche endlich Stimmen gegen diesen „irrationalen Alarmismus“. Auf
Initiative des Münchner Haus-der-Kunst-Direktors Okwui Enwezor ergreifen gleich
eine ganze Reihe bekannter Kulturschaffender Partei für den neuen Intendanten.
Dass der an den Berliner Bürgermeister gerichtete Pro-Dercon-Brief neben HansUlrich Obrist, Konstantin Grcic, Peter Saville auch von den drei Star-Architekten
David Chipperfield, Rem Koolhaas und Jacques Herzog unterzeichnet wurde, gibt
dem Volksbühnenstreit eine erfrischende Wendung. Und im Grunde enthüllt die
Debatte, dass Revolutionäre ohne Mut zur Erneuerung auch nur Reaktionäre sind:
Gewinnen kann am Ende nur das Theater. jk

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KATHEDRALEN DER KULTUR

WENN WIR KUNST BAUTEN

ANHÖHE

WAS IHR WOLLT

DOKUMENTATION AUF ARTE

AUSSTELLUNG IN DÜSSELDORF

FOREIGN AFFAIRS IN BERLIN

SOMMERRUNDE CAMPUS MASTERS

© 2013 Alex Falk, aus Robert Redford: „Das Salk Institut“

Rene Kersting: Bunker der Herrlichkeit – Villa für eine
Person

realities:united, Haus der Berliner Festspiele, 2016

„WAS IHR WOLLT 3: Eine Interimsoper für das Staatstheater Stuttgart“ von Matthias Faul

Nach der Berliner Philharmonie, der
Russischen Nationalbibliothek und dem
Opernhaus in Oslo blickt die kommende Folge der Dokumentationsreihe
„Kathedralen der Kultur“ nach Kalifornien: La Jolla, einem Vorort von San
Diego. Die Hauptrolle spielt nämlich
diesmal das Salk Institute for Biological
Studies von Louis Kahn. Dieser erfüllte
1959 den Traum des Virologen Jonas
Salk nach einer neuen Art Forschungsinstitut, in dem sich Picasso zu Hause
fühlen würde – ein „Kloster“ an der
kalifornischen Küste. Untermalt mit
Musik von Moby zeigt Robert Redfords
Dokumentation „Kahns außergewöhnlichen Entwurf als modernes Meisterwerk“ – zu sehen noch bis zum 10. Juli
2016 in der ARTE-Mediathek.
www.arte.tv

Architektur ist Baukunst: Diese Haltung war Ausgangspunkt für Absolventen der Kunstakademie Düsseldorf,
deren Arbeiten nun in einer Ausstellung
zu sehen sind. Unter dem Titel „Wenn
wir Kunst bauten“ werden vier baukünstlerische Auseinandersetzungen,
zwölf verschiedene Orte und Raumathmosphären von Micha Jönke, Rene
Kersting, Elena Miegel und Susanne
Priebs gezeigt – theoretische und emotionale Inhalte seien dabei wichtiger als
die technisch, ökonomische Optimierung von Planungsprozessen gewesen,
heißt es in der Ankündigung. Könnte
ein spannender Dialog mit der Architektur werden. Vom 11. bis 24. Juli 2016
in der Kunstakademie Düsseldorf, KarlAnton-Straße 16, 40211 Düsseldorf
www.wennwirkunstbauten.de

Eine Rampe für Fritz Bornemann: Vor
dem Haupteingang des Hauses der
Berliner Festspiele in der Schaperstraße
steht ein Hügel aus Holz: ein acht Meter
breiter Hybrid aus Rampe und Treppe.
Installiert von realities:united, die wie
auch in den Vorjahren für die Architektur des Theater-Festvials Foreign
Affairs verantwortlich zeichnen, steht
die „Anhöhe“ für ein Spiel zwischen
Erschließung und Hindernis, Auf- und
Abstieg, Beobachtung und Erhabenheit.
Außerdem: William Kentridge bespielt
Fassade und Keller, Dries Verhoeven einen geheimen Raum, Nelisiwe Xaba das
Dach und Mary Reid Kelley operiert in
der Kassenhalle. Foreign Affairs „Uncertainty“: Noch bis 17. Juli 2016 im Haus
der Berliner Festspiele
www.berlinerfestspiele.de

Mit nachhaltigen und umweltbewussten
Projekten startet die Sommerrunde bei
den Campus Masters: Eine maritime
Station in der Arktis soll den Klimawandel gezielter erforschen, eine experimentelle Klimahülle könnte Minneapolis schützen und in Detroit wird eine
leerstehende Fabrikhalle durch baubotanische Eingriffe wieder zum Leben
erweckt. Ein Schwerpunkt ist auch das
Thema Kulturbauten: Für den Ilmpark
in Weimar werden zwei Kammermusiksäle entworfen, in Istanbul eine Brache
als Stadtbühne neu interpretiert und
in Stuttgart unter dem Titel „Was ihr
wollt“ eine Interimsoper für das Staatstheater entwickelt. Die Abstimmung
läuft bis zum 7. August 2016 – alle 20
Projekte im Wettbewerb unter:
www.baunetz.de/campus-masters

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TAUSENDGÜLDENKRAUT

SODA DESIGNERS

OBJEKT IM BAUNETZ WISSEN

INTERVIEW BEI DESIGNLINES

Foto: René C. Dürr

Nada Nasrallah und Christian Horner
Foto: Yasmina Haddad

Horizontale Bänder in Braun und Grau
– aus der Ferne weckt der Wohn- und
Geschäftskomplex Flor im schweizerischen Uster Assoziationen an Verwaltungsbauten der 60er- und 70er-Jahre.
Bei näherem Hinsehen jedoch entpuppt
sich die Fassade als fein differenzierter
Wechsel vertikaler Holzverschalungen
und punktgerasterter Metallbrüstungen, die ein Blütenmotiv ziert: Das
Tausendgüldenkraut wächst auch in der
Umgebung und ist nun charakteristisch
für das Gebäudeensemble. Geplant von
den Architekten Burckhardt + Partner
aus Zürich, ist es im Minergiestandard
errichtet. Im reizvollen Kontrast zu
Holz und Metall steht der dunkle Sockel, umhüllt von geriffelten Keramikriemchen.
www.baunetzwissen.de

Nada Nasrallah und Christian Horner sind ein starkes Team. Die beiden
Gründer von Soda Designers haben
bei Ron Arad an der Angewandten in
Wien studiert. Erste Erfahrungen haben
sie bei Sottsass Associati in Mailand
und Radi Designers in Paris gesammelt, bevor sie 2000 ihr eigenes Büro
in Wien gründeten. An der Donau
schätzen sie nicht nur die ausgeglichene
Atmosphäre. Die Stadt inspiriert sie
mit permanenten Sprüngen durch die
Zeit. Norman Kietzmann hat mit Nada
Nasrallah und Christian Horner über
hohe Decken, collagiertes Wohnen und
ihre Lieblingstipps für Wien gesprochen
– mehr im Interview bei Designlines.

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www.designlines.de

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*

*Stand: 6. Juli 2016

Verbringen Sie
mehr Zeit als Architekt.
... und überlassen Sie alles
andere einfach uns.
Damit Ihr Erfolg von sich reden macht:
Projektinformations-management von Newforma

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Erfahren Sie hier wie’s geht.

© 2016 Newforma, Inc. Newforma ist ein eingetragenes Warenzeichen der Newforma, Inc., in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern. Alle anderen Handelsmarken oder Produkte sind Warenzeichen bzw. eingetragene Warenzeichen der jeweiligen Eigentümer.

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www.newforma.de

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RICHTUNGSWECHSEL
SOZIALES BAUEN
IN MEXIKO

RICHTUNGSWECHSEL
SOZIALES BAUEN IN MEXIKO

VON LUISE RELLENSMANN UND CARSTEN KROHN
Privatrefugien an abgelegenen Stränden oder prestigeträchtige Kulturbauten gehören zu den viel publizierten Gebäudetypologien aus Mexiko, einem
Land, in dem rund 50 Prozent der Bevölkerung als arm gelten. Zwei Drittel
aller Häuser in Mexiko werden von ihren Bewohnern gebaut. Die Menschen
mit den niedrigsten Einkommen errichten ihre Unterkünfte selbst, mit den
bescheidensten Mitteln, ohne Infrastruktur, am Rande der Stadt. Nach ein
paar Jahren geht das Grundstück in ihren Besitz über. Plötzlich jedoch
bauen renommierte Architekten wie Tatiana Bilbao, Derek Dellekamp oder
Alberto Kalach nicht mehr ausschließlich für die Reichen – ihre Ambition:
Sozialwohnungen zu schaffen, die sich der Kultur und den Bedürfnissen der
Bewohner sowie dem klimatischen Kontext anpassen. Woher kommt der
Richtungswechsel?

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diese und vorherige Seite:
Alejandro Aravena, Wohnanlage Santa Catarina am Stadtrand von Monterrey, 2010, Fotos: Carsten Krohn

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am Tec de Monterrey widersprechen. Pachecos Projekte sind außerhalb des Landes
kaum bekannt. Der Hochschullehrer ist einer der wenigen mexikanischen Architekten, dessen Schwerpunkt seit jeher auf sozialen Bauaufgaben liegt. Mit seinem der
Architekturfakultät angegliedertem Programm Impulso Urbano hat er in den vergangenen 20 Jahren zahlreiche kleinmaßstäbliche Projekte wie Wohnhäuser, Gemeindezentren oder Ausbildungsstätten in einkommensschwachen Wohnvierteln realisiert.

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Wie alle Studenten in Mexiko müssen auch Architekturstudierende am Tec de Monterrey Sozialstunden ableisten: Das können sie in Pachecos Programm. In den Ateliers
entwickeln sie neue Baumodule, testen Materialien, insbesondere recycelte, die sie
später selbst verbauen – manchmal mit Unterstützung spezialisierter Handwerker und
immer unter Beteiligung zukünftiger Bewohner und Nutzer.

Eins der wenigen international beachteten Sozialwohnprojekte Mexikos ist gleichzeitig
das erste Bauwerk, das Alejandro Aravena außerhalb seines Heimatlandes Chile
realisiert hat. 2010 lud die Bauverwaltung des im Nordosten Mexikos gelegenen Bundesstaates Nuovo Léon Aravenas Büro Elemental ein, am Rande seiner Hauptstadt
Monterrey (4,1 Millionen Einwohner) 70 Wohneinheiten zu bauen. Das Projekt soll
nach dem von Elemental entwickelten Incremental-Housing-Prinzip, dem schrittweisen
Selber-Weiterbauen je nach Bedarf und Möglichkeiten der Bewohner, funktionieren.
Hat Aravena das architektonische Engagement im sozialen Bereich in Mexiko attraktiv
gemacht? Dem würde Pedro Damián Pacheco Vásquez, Architekt und Professor

Links: Wohnanlage Santa Catarina. Die Zwischenräume können von den Bewohnern selbst ausgebaut werden.
Rechts: Pedro Damián Pacheco Vásquez mit Anwohnern einer informellen Siedlung in Monterrey.
Die Treppenanlage wurde mit Studenten konzipiert und von den Anwohnern gebaut. Fotos: Carsten Krohn

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In Acuña ließ die Wohnungsbaugesellschaft IFONAVIT 20 Häuser des von Tatiana Bilbao Estudio entwickelten Prototypes an der Stelle errichten, wo zuvor rund 600 Häuser durch einen Tornado zerstört worden waren. Die Architektin,
die Rasterplanungen des mexikanischen Sozialwohnungsbaus strikt ablehnt, sieht das Projekt kritisch: Das Modell sei als Individualhaus für die ärmste Landbevölkerung geplant. Foto: Iwan Baan

„Es ist wichtig, die Anwohner von Beginn an einzubeziehen und am Bauprozess zu
beteiligen, erst dadurch entsteht eine emotionale Bindung“, so Pacheco. Die Teilhabe
am Bauprozess sieht er als Garant dafür, dass sich Be- und Anwohner und andere
Nutzer später für Pflege und Betrieb der jeweiligen Anlagen und Einrichtungen verantwortlich fühlen – ein Aspekt, der bei Aravenas Projekt fehlt, denn erst beim eigenständigen Weiterbauen besteht die Möglichkeit, Verbundenheit mit dem Eigenheim
zu entwickeln. Tatsächlich haben auch sechs Jahre nach der Fertigstellung nur sehr
wenige Bewohner ihre Haushälfte erweitert, und dies eher auf rabiate Art und Weise.
Auf den kalkweißen Wänden finden sich Tags von Graffiti-Sprayern. In gelb, blau
oder pink hingegen leuchten die individuell gestalteten Fassaden hinter den kleinen
Vorgärten der lebhaften Nachbarstraßen. Gegen das dichte und bunte Nebeneinander
dieser größtenteils eingeschossigen Bebauung wirkt die um einen Innenhof geplante
Wohnanlage Aravenas eher anonym.
„Aravenas Konzept ist nicht für Mexiko geschaffen“, meint Pedro Pacheco. „Wenn
Architekten ans Werk gehen, verschlimmern sie oft die Wohngebiete anstatt sie zu
verbessern.“ Den wenigsten gelinge es, die Gemeinschaft der bestehenden Wohngebiete zu verstehen und deren Logik weiterzuentwickeln. „Es ist wie im Handwerk:
Wenn du einen kleinen, handgefertigten Gegenstand als Massenware im größeren
Maßstab reproduzierst, geht dabei etwas verloren.“
Während sich Aravenas Projekt in einer Wohngegend der unteren Mittelschicht befindet, baut Pacheco vorwiegend in den sogenannten informellen Siedlungen. Seine
Projekte knüpfen dabei an deren vernakuläre Qualitäten an. „Die meisten der Siedlungen entstehen in einem langsamen, bis zu 30-jährigen Prozess durch Selbsthilfe.“
Pacheco lobt die Dichte, die ökonomischen Bauprinzipien sowie die Anpassungsfähigkeit der Siedlungen, die sich wie weiche Teppiche über die hügeligen Bergfüße
der von Gebirgen umgebenen Stadt legen. Diese Siedlungen sind illegal, obwohl
sie oft rücksichtsvoller mit Kontext und Topographie umgehen als die Luxusvillen der
reichen Oberschicht, die ebenfalls an den Berghängen thronen – deren Fundamente
sind oft teurer als die Häuser selbst.

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Eine in Zusammenarbeit mit Impulso Urbano 2016 fertiggestellte Treppenanlage in Monterrey.
Gebaut wurde sie von den Bewohnern einer illegalen Siedlung, Foto: Carsten Krohn

Links: Casa Rosienda, Rechts: Casa Viesca. Beide
Projekte wurden von Impulso Urbano in Monterrey
gebaut. Die aufgeständerte Bauweise ermöglicht,
dass Bewohner während der Bauarbeiten in ihrem
Zuhause auf dem Grundstück weiterleben können.
Fotos: Carsten Krohn

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Impulso Urbano sieht großes Potential in den Bauweisen der „informellen“ Siedlungen, gerade was die Wiederverwendung von Abfallprodukten angeht. Viele der
entwickelten Baumodule werden aus recyceltem Material gefertigt. So etwa die
Dämmung eines gerade fertiggestellten Hauses für eine fünfköpfige Familie, die ihre
Existenz durch das Sammeln von Abfall bestreitet. Das Casa Viesca wurde von einer
Privatperson gesponsert und von Studenten gebaut. Das in nur wenigen Monaten
entstandene Haus ist aufgeständert. Dies ermöglicht den Bewohnern, ihr Zuhause
im Erdgeschoss weiter zu bewohnen, während das Obergeschoss zunächst als eine
Brücke darüber entsteht. Dieses Konstruktionsprinzip wurde über die Jahre entwickelt
und mit jedem weiteren Bau optimiert, und dennoch stellt jedes Gebäude von Impulso
Urbano einen einzigartigen Prototypen dar.

Neben Wohnhäusern hat Impulso Urbano eine Reihe von kleinen Gemeindezentren
realisiert, wie etwa eine Ausbildungsstätte für Behindertenbetreuer oder einen Computerpool für Jugendliche. Eine Anwohnerin, die in den Bau involviert war, wurde zur
Kursleiterin ausgebildet und inzwischen von einem Unternehmen abgeworben. Geschichten wie diese beschreiben als reale Erfolge, wie Pedro Pacheco seine Profession begreift. Architektur ist für ihn ein Medium, das es vermag, die Lebensbedingungen von Menschen positiv zu beeinflussen. Auch deshalb bleibt er trotz Zweifeln an
Aravenas Monterrey-Projekt froh über den Pritzker-Preis für den Chilenen, der wie er
selbst seit Anfang seiner Karriere hauptsächlich auf sozialen Wohnungsbau setzt. „Es
ist an der Zeit, dass sich Architektur in diese Richtung bewegt“, sagt Pacheco und
verweist auf namhafte mexikanische Büros, die sich seit kurzem mit sozialen Bauaufgaben befassen.

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„Die Häuser können noch so schön sein, was am Ende zählt, ist
die Lage“, so Tatiana Bilbao. Sie plädiert dafür, Wohnen für die
ärmsten sozialen Schichten stärker an städtische Infrastrukturen
anzubinden. Fotos: Iwan Baan

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Sozialer Wohnungsbau, der nicht improvisiert aussieht: 8.000-Dollar-House in Acuña von Tatiana Bilbao, Foto: Iwan Baan

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Monotone Rasterbauweise in Monterrey – viele der Millionen neugebauten Häuser
stehen leer. Foto: Carsten Krohn

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Kein Sozialwohnungsbau: Auch wenn die staatliche Gesellschaft INFONAVIT jährlich über 700.000 Sozialwohnungen baut und finanziert, erreichen deren Programme
nicht die 50 Prozent der Bevölkerung, die als arm gilt. Der
auf der Chicago Biennale gezeigte Prototyp von Tatiana
Bilbao Estudio ist nicht als Modul für eine Siedlung gedacht, sondern als individuelles Wohnhaus für die „Basis
der Gesellschaftspyramide“, die ärmsten der Landbevölkerung, erklärt die Architektin.

Architekturwoche

Dazu zählt das heute rund 40-köpfige Büro Tatiana Bilbao Estudio in Mexiko-Stadt,
mit Mitarbeitern aus Indien, Portugal, der Schweiz und auch Deutschland. Bekannt
wurde die Anfang 40-jährige Tatiana Bilbao mit Privathäusern, wie dem Haus mit
einem runden Pool auf dem Dach, das sie für den mexikanischen Künstler Gabriel
Orozco nach dem Vorbild einer indischen Sternwarte ausführte.

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Ausstellung Chicago: Foto: Alejandro Spamer

Im Herbst 2015 präsentierte sie mit dem 8.000-Dollar-House einen anpassungsfähigen Prototyp, der in unterschiedlicher materieller Ausführung theoretisch landesweit
baubar ist. Für eine Ausstellung in Chicago aus Holz konstruiert, realisierte das Büro
eine Variante in Betonziegeln als Teil einer Wiederaufbaumaßnahme in Acuña im
Bundesstaat Coahuila nach einem verheerenden Tornado. „Das Problem mit dem

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Tlacolula im südmexikanischen Bundesstaat Oaxaca realisierten Dellekamp Arquitectos 2010 96 Wohnhäuser, deren einfache Grundstruktur aus der vernakulären Architektur der Umgebung entwickelt ist, vielfältige räumliche Situationen ermöglicht und dem Gemeinschaftssinn mexikanischer Kultur entspreche, so die Architekten. Fotos: Derek Dellekamp

Sozialwohnungsbau, den wir in Mexiko haben: Dass er nicht anpassungsfähig an
die Kultur und Bedürfnisse seiner Bewohner ist,“ erklärt Bilbao, die sich strikt gegen
die landestypischen Rasterplanungen ausspricht. Auch ihr Prototyp sei nicht dafür
gemacht, die Art der Realisierung in Acuña – als Siedlung mit 20 Häusern – eine
Ausnahme. „Das 8.000-Dollar-House ist kein Sozialwohnungsbau, sondern ein
individuelles Wohnhaus für die Ärmsten der Landbevölkerung, die in den staatlichen
Wohnungsbauprogrammen keine Berücksichtigung finden.“

Für die Entwicklung des Prototyps sprach das Büro mit 2.000 zukünftigen Nutzern:
„Nach unseren Umfragen wollen die potentiellen Bewohner kein modulares Haus, das
nicht nach einem Haus aussieht. Das ganze Land ist übersät von Häusern, aus deren
flachen Dachplatten die Bewährungseisen kragen – früher war das ein Zeichen von
Prosperität, heute symbolisieren sie ein Scheitern“, erklärt die Architektin. Oberste
Priorität sei es daher gewesen, Häuser zu bauen, die vollendet und nicht improvisiert
aussehen. Bilbao arbeitet mit einem psychologischen Trick: Trotz Satteldach bietet

die von ihr entwickelte Typologie Raum für zukünftige Erweiterungen und ist individuell
modifizierbar. Die Erweiterbarkeit des Hauses bleibt in Mexiko wichtig, da die Mexikaner ihre Häuser häufig generationsübergreifend bewohnen.
Ihr Engagement für soziale Bauthemen begann vor etwa acht Jahren, erinnert sich
Bilbao, doch damals hätte die Regierung den Architekten nicht zugehört, gesteigertes
Interesse gebe es erst seit dem Regierungswechsel 2012. Mit ihren Studenten an
der Havard, Rice und Columbia University hat die Architekturprofessorin vielfach zum

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Die von Mario Pani Anfang der 1960er Jahre errichtete Großsiedlung Tlatelolco in
Mexiko-Stadt wurde während des großen Erdbebens 1985 teilweise zerstört. Fotos:
Mario Pani Archiv, Tecnológico de Monterrey

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Sozialwohnungsbau in Mexiko gearbeitet und plant derzeit, die Studien in einer Publikation zusammenzufassen. Wer keine Lösungen anbiete, werde schließlich selbst ein
Teil des Problems, so Bilbao.
Auf der 15. Architekturbiennale in Venedig zeigt die Architektin zusammen mit Derek
Dellekamp, der ebenfalls mit seinem Büro in Mexiko-Stadt ansässig ist, einen Beitrag
im Arsenale: Ihr gemeinsamer Entwurf für eine Intervention setzt sich kritisch mit dem
Thema öffentlicher Raum vor dem Hintergrund von Gewalt, Korruption und Drogenkartellen in der Megacity auseinander. Auch Dellekamp engagiert sich seit einigen Jahren
im Sozialwohnungsbau, 2010 – im gleichen Jahr wie Aravena in Monterrey – stellte er
eine Anlage mit 96 Häusern in Oaxaca im Süden Mexikos fertig. Derzeit plant er zwei
weitere Projekte – 3.000 Wohnungen und eine weitere Anlage mit 1.500 Häusern
sollen entstehen.
Aber woher kommt das jüngste Interesse, und wer sind die Auftraggeber dieser Projekte? Dellekamp spricht von einer Krise im Sozialwohnungsbau vor rund zwei Jahren.
Die verantwortlichen Gesellschaften waren gezwungen, neue Wege einzuschlagen:
„Plötzlich zeigen sie Interesse an Architekten wie mir oder Tatiana. Endlich haben wir
die Möglichkeit, in dem Bereich aktiv zu werden.“
Aber wer hat vorher diese Häuser entworfen, Architekten? „Die Excel-Tabelle“, antwortet Dellekamp nüchtern. Im Vergleich mit dem, was an sozialem Massenwohnungsbau in den großen Gesellschaften am Reißbrett produziert werde, seien Projekte in
die tatsächlich Stadtplaner und Architekten involviert sind, noch immer selten. Organisationen wie INFONAVIT (Instituto del Fondo Nacional de la Vivienda para los Trabajadores) knüpften mit ihrer neuen Strategie an frühere Zeiten an, vermutet Dellekamp.
Seit den Vierzigern- und Fünfzigerjahren realisierte Mario Pani, einer der bekanntesten
mexikanischen Architekten, Tausende von Wohnungen, wie etwa in der gigantischen
Großsiedlung Tlatelolco in Mexiko-Stadt.
Dellekamp selbst entwickelt für INFONAVIT, die staatliche Wohnungsgesellschaft,
die auch Tatiana Bilbao mit dem Projekt in Acuña beauftragte, eine Art Pilotprojekt
in Baja California, das langfristigen Einfluss auf die Wohnungsbaupolitik haben soll.
Wohnhaus von Alberto Kalach, Foto: Jaime Navarro

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Mit seinem Projekt in Hermosillo strebt Alberto Kalach die Entwicklung einer neuartigen, ressourcensparenden Bautypologie an. Foto Jaime Navarro

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Verbesserungswürdig an der üblichen Rasterplanung nennt Dellekamp vor allem auch
stadtplanerische Komponenten, eine intelligente Orientierung, öffentliche Plätze und
vor allem Mischnutzung. Idealerweise sollte sozialer Wohnungsbau auch näher am
Stadtkern liegen anstatt in der Peripherie, um Zugang zur urbanen Infrastruktur und
dem städtischen Arbeitsmarkt zu schaffen, doch ist dies in der mexikanischen Realität
eine Vision.
Als wichtiger Beitrag zur Diskussion des Sozialen Wohnungsbaus in Mexiko nennt
er einen Wettbewerb, zu dem INFONAVIT 2014 32 Architekten des Landes geladen
hatte, neben einer Wanderausstellung mit Publikation mündete er in einer Realisierung
des Entwurfs von Alberto Kalach. Kalach, der mit seinem Büro Taller de Arquitectura X
u.a. die Vasconcelos Bibliothek (2006), die größte öffentliche Bibliothek Lateinamerikas, in Mexiko-Stadt baute, zählt zu den beweglichsten und erfolgreichsten zeitgenössischen Architekten Mexikos.
Anders als Dellekamp, der Potentiale insbesondere in der städtebaulichen Anordnung
der Häuser sieht, strebt Alberto Kalach Nachhaltigkeit durch die Entwicklung einer
neuartigen, ressourcensparenden Bautypologie an. In der von seinem Büro realisierten
Siedlung in Hermosillo wurden zunächst parallele Wandscheiben aus Betonsteinen in
einer Dimensionierung errichtet, die ein Minimum an Metall für Bewährungen verlangt.
Die Einheiten können flexibel ausgebaut werden, wobei die Querdurchlüftung wesentlicher Bestandteil der Planung ist. Jedem Haus ist eine Pergola vorgelagert, die
entweder als Garage oder als Garten genutzt werden kann. Diese Typologie erinnert
an Le Corbusiers Vorschläge einer niedrigen Bebauung mit hoher Dichte – sogar die
Tonnengewölbe wurden von ihm bereits vorgeschlagen. Die Wandscheiben sind 3,66
Meter auseinander – exakt die Dimension, die Le Corbusier für sich selbst in seinem
Cabanon realisierte.

Auch wenn die staatliche Gesellschaft INFONAVIT jährlich über 700.000 Sozialwohnungen baut und finanziert, erreichen deren Programme nicht die 50 Prozent der Bevölkerung, die als arm gelten. Diese Hälfte ist gleichzeitig Erbauer von 68 Prozent der
Wohnbauten in Mexiko. Doch auch im Bereich Selbsthilfe gibt es Handlungsbedarf für
Architekten. Eine Gruppe von Architekten aus Monterrey hat ein Buch verfasst, in dem
das Bauen mit den einfachsten Mitteln erklärt wird. (Carmen Cecilia Armenta Menchaca, José Ángel Nicolás Iracheta Almaguer, Rena Porsen Overgaard, Luis Fernando
Villarreal Ugarte, Yo Construyo – Manual de Autoconstrucción, Monterrey 2013). Mit
Comiczeichnungen werden die Arbeitsschritte illustriert, um auch jene Menschen zu
erreichen, die sonst keine Bücher lesen. Finanziert wurde die Publikation von einem
Betonunternehmen, derzeit wird sie als die jüngste Veröffentlichung dieser Art auf der
Biennale in Venedig präsentiert. Bemerkenswert war für die Autoren, dass insbesondere Frauen dieses Buch lesen, da sie meistens am Bau und vor allem der permanenten Verbesserung der Häuser arbeiten.
Das Umdenken in der mexikanischen Wohnungsbaupolitik wie bei den staatlichen
Wohnungsbaugesellschaften bietet jungen und etablierten Architekten die Gelegenheit zur Erweiterung ihres Betätigungsfeldes, und nimmt die Profession gleichzeitig in
die Pflicht. Alle hier vorgestellten Architekten sind in der Lehre tätig und sensibilisieren
die nächste Generationen von Architekten für soziale Bauaufgaben. Bislang sind es
noch vergleichsweise kleinmaßstäbliche Projekte, die den neuen sozialen Wohnungsbau des Landes in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken. Sie sind ein erster
Schritt hin zur Entwicklung einer neuen, sozial engagierten mexikanischen Baukultur.
Ob die weltweite Aufmerksamkeit hilft, in Zukunft tatsächlich auch soziale Veränderungen herbeizuführen, muss sich zeigen.

DIE MEISTEN DER SIEDLUNGEN ENTSTEHEN IN EINEM LANGSAMEN,
BIS ZU 30-JÄHRIGEN PROZESS DURCH SELBSTHILFE

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Viele illegale Siedlungen gehen rücksichtsvoller mit Topographie und Kontext um als die Luxusvillen der reichen Oberschicht. Ebenfalls an Berghängen thronend, sind deren Fundamente oft teurer als die Häuser selbst. Foto: Carsten Krohn

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linkes Bild: Felice Varini , „Triangles percés“,
rechtes Bild: Felice Varini, „Quatre droites aux trois croisements“

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OPEN-AIR IN MARSEILLE
Rot, Gelb, Beton: Die diesjährige Sommerinstallation der Unité d’ Habitation in Marseille stammt von dem Künstler
Felice Varini, der das berühmte Bauwerk auf seine Standpunkte hin untersucht hat. „À Ciel ouvert (Open-Air)“ ist seit Anfang
Juli und noch bis zum 2. Oktober 2016 zu sehen. // Fotos: André Morin, Centre d’art de la Cité Radieuse // mamo.fr
        
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