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Kique it: Die EM-Stadien in Frankreich

Full text: Baunetzwoche Issue 455.2016 Kique it: Die EM-Stadien in Frankreich

Das Querformat für Architekten

KIQUE IT!
EM-STADIEN
IN FRANKREICH

455
9. Juni 2016

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Paar der Woche

DIESE WOCHE

Tipp

Buch

Wellendach, Athena-Tempel oder Betonbrutalismus. Wenn am 10. Juni die Fußball-Europameisterschaft angepfiffen wird, dann sind nicht nur Mesut Özil, Antoine Griezmann und Cristiano
Ronaldo die Stars, sondern auch die Bauwerke rücken ins Rampenlicht, in denen diese Spieler um
den Ball kicken. Für ihre coupe d‘europe haben die Franzosen zehn Stadien in zehn Städten ausgewählt und jedes wird ein eigenes Stück Europameisterschaft erzählen.

Dossier

7	

Architekturwoche

3			Architekturwoche
4			News

Von Sophie Jung

2

News

	

Kique it!
Frankreichs Fußballstadien in der EM 2016

21

Tipp

24		

Bild der Woche

Titel: Stadion Pierre Mauroy in Lille von Atelier Ferret Architectures und Valode et Pistre Architectes, Foto: Max Lerouge
Oben: : Stadion Parc des Princes in Paris, Foto: Jiro 31600, ©
CC BY-SA 4.0

Inhalt

BauNetz Media GmbH
Geschäftsführer: Jürgen Paul
Creative Director: Stephan Burkoff
Chefredaktion: Jeanette Kunsmann
Texte: Sophie Jung, Antje Stahl, Daniel Felgendreher
Gestaltung / Artdirektion: Natascha Schuler

Diese Ausgabe wurde ermöglicht durch:

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Jetzt

Dossier

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Paar der Woche

455

Inhalt

Architekturwoche

3

News

DONNERSTAG

Courtesy of Zhangjiajie Grand Canyon Tourism Management Co., Ltd

Freiwillige gesucht. Manch einem tollkühnen Bauwerk traut der Laie einfach nicht.
Zu hohe, zu fragile, zu stark auskragende oder sogar dynamische Gebäude schüren
oft irrationale Ängste, die den zukünftigen Nutzern nicht so leicht zu nehmen sind.
Es braucht dann meist eine öffentlich inszenierte Demonstration der Sicherheit,
quasi als Versicherung der körperlichen Unversehrtheit beim Betreten. Solch eine
Vorführung hätte auch letztes Jahr in China geholfen. Im Herbst gingen die Bilder
von kreischenden Touristen auf einer beschädigten Glasbrücke um die Welt. Alles
etwas überreagiert: lediglich die oberste Glasschicht war beschädigt, die Sicherheit
der Brücke nicht gefährdet. Der israelische Architekt Haim Dotan, der im chinesischen Zhangjiajie Grand Canyon Nationalpark nun eine weitere – die höchste und
längste Glas-Fußgängerbrücke der Welt – baut, hat aus diesen Ereignissen gelernt
und veranstaltet mit dem Betreiber der Brücke einen feierlichen Härtetest. Freiwillige sollen mit Hämmern die oberste Glasschicht zerstören, darauf rumhüpfen und
schließlich sogar mit einem Auto über die zerstörten Glaselemente fahren. Das
schafft Vertrauen. df

455

ST. AGNES

50 KILOMETER KUNST

GOOD SPACE

ARCHITEKTURPREIS BERLIN

EMSCHERKUNST 2016

AUSSTELLUNG IN ESSLINGEN

Architekturpreis Berlin: St. Agnes von Brandlhuber+
Emde, Burlon und Riegler Riewe, Foto: Michael Reisch

„Gesellschaft für Amateur-Ornithologen“ von Mark Dion,
© Roman Mensing, Emscherkunst

Hito Steyerl: „HOW NOT TO BE SEEN: A Fucking Didactic Educational .Mov File“

Der Umbau der St. Agnes-Kirche von
Werner Düttmann durch Brandlhuber+
Emde, Burlon und Riegler Riewe wurde
am 3. Juni 2016 mit dem Architekturpreis Berlin ausgezeichnet. Alle drei
Jahre zeichnet der Verein Architekturpreis Berlin e.V. Architekten und ihre
Bauherren aus. Neben dem Hauptpreis
wurden zwei weitere Auszeichnungen
(an die Mittelpunktbibliothek von
Chestnutt_Niess Architekten und an
den Neubau von David Chipperfield
Architects in der Joachimstraße) und
zwei Sonderpreise sowie ein Publikumspreis vergeben. Den Publikumspreis
erhielten Martin Schmitt Architekten
mit ihrer Mensa der École Voltaire. Die
Ausstellung ist vom 20. Juni bis 17. Juli
im Tagesspiegel-Verlagsgebäude zu sehen.
www.architekturpreis-berlin.de

Mit einem 50 Kilometer langen Ausstellungsparcours erstreckt sich die
Emscherkunst zwischen Holzwickede,
Dortmund, Castrop-Rauxel, Recklinghausen und Herne – die Triennale begleitet nun zum dritten Mal die Entstehung eines lebendigen Flusses mitten im
Ruhrgebiet. Der offene Abwasserkanal
Emscher wird seit den 90er-Jahren zu
einer Flusslandschaft umgebaut, womit
sich die gezeigten Kunstwerke ebenso
auseinandersetzen wie mit der urbanen Transformation. Zu sehen sind in
diesem Jahr u.a. Werke von Ai Weiwei,
Erik van Lieshout, Tobias Zielony, atelier le balto, raumlabor, Mark Dion sowie
Janet Cardiff und George Bures Miller.
Noch bis zum 18. September

Unter dem Titel „Good Space – politische, ästhetische und urbane Räume“
präsentieren die Galerien der Stadt
Esslingen an den Standorten Villa
Merkel, Bahnwärterhaus und im Merkelpark verschiedene architektonische
und künstlerische Arbeiten, die sich mit
dem öffentlichen Raum beschäftigen.
Ob Bauten, Objekte oder Arbeiten im
digitalen Raum: Allen gemein ist der
gewissermaßen im Ausstellungstitel
implizierte Mehrwert, welchen sie im
öffentlichen Raum generieren. Neben
der Ausstellung zeitgenössischer Arbeiten wird in der Unterausstellung „Everything is Architecture: Bau Magazine
from the 60s and 70s“ ein Blick auf ihre
ästhetischen und politischen Vorbilder
geworfen. Bis 21. August 2016
goodspace.villa-merkel.de

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NEWS

www.emscherkunst.de

ZUFALL AUF DEM TELLER

VON UNTEN NACH OBEN

PRODUKT BEI DESIGNLINES

OBJEKT IM BAUNETZ WISSEN

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LET
Foto: Blue Sunday, © Anna Badur

Foto: Swen Carlin

Kobalt und Porzellan sind eine Kombination mit Tradition. Experimentelle
Kunst findet auf dem Teller eher nicht
statt. Die Berliner Gestalterin Anna Badur findet mit Blue Sunday einen ungewöhnlichen Twist, indem sie die Farbe
wie Wasserpfützen in die Teller gießt
und fließen lässt. Dort bilden sie Ringe
und kleine Seen, die je nach Farbdichte
dunkler erscheinen und sanfte Farbverläufe zu den helleren Bereichen bilden.
Das Sonntagsgeschirr entstand in
Zusammenarbeit mit dem Porzellanhersteller Kahla und wurde Mitte Mai mit
dem ersten We Love Design Award im
Berliner Stilwerk ausgezeichnet. Neben
Preisgeld und Trophäe bekommt sie die
Gelegenheit, ihre Produkte für sechs
Wochen im Stilwerk zu präsentieren.
www.designlines.de

Vielleicht sitzen sie hier in den Startlöchern, die Nachwuchsfußballer, und
brennen darauf, die Mannschaft zurück
in die erste Liga zu treten. An den
Räumlichkeiten sollte es nicht scheitern:
Mit dem Jugendleistungszentrum für
den VfB Stuttgart schufen ASP Architekten einen zeichenhaften Bau, der
geschickt mit dem Klubhaus aus den
80er-Jahren verknüpft ist. Eine unterirdische Ebene mit Umkleiden und Fußballhof verbindet Neubau und Bestand
– auf der lichten oberen Etage schwitzen
die Jungkicker in Kraft- und Sporträumen mit Ausblick auf Neckarpark
und Rotenberg. Den Passanten bleiben
sie zumeist verborgen hinter leuchtend
roten, dynamisch gewellten Lamellen.
www.baunetzwissen.de/Flachdach

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Architekturwoche

Tribüne des Stade des Lumières in Lyon, Foto: © Parc OL

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KIQUE IT!

KIQUE IT!
FRANKREICHS
FUSSBALLSTADIEN
IN DER EM 2016

VON SOPHIE JUNG
Der 28. Mai 2010 ist für Frankreich ein Schicksalsdatum. An diesem Tag trat
in der Genfer Avenue de Châtelaine das Exekutivkomitee der UEFA zusammen und beschloss mit sieben gegen sechs Stimmen, die Grande Nation
Gastgeber der Europameisterschaft 2016 werden zu lassen, zu Ungunsten
der Türkei. So neutral sich die UEFA gerne gibt und darauf beharrt, dass
Fußball doch nur Fußball sei, eine Europameisterschaft ist ein Großereignis
in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht. Viele hundert Millionen Euro
steckten seit diesem Tag Frankreichs Städte in den Ausbau ihres Verkehrsnetzes, ihres Hotelangebots und vor allem in ihre Stadienbauten. Zehn
Stadien in zehn Städten werden in diesem Sommer der internationalen
Fußballgemeinde präsentiert, vom nördlichen Lens bis ins mediterrane
Nizza. Am Freitag, dem 10. Juni, wird die Europameisterschaft im größten
aller zehn Stadien eröffnet.

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diese Seite: Tribüne des Stade de France in Saint-Denis, Foto: CpaKmoi, © CC BY-NC-ND 2.0
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SAINT-DENIS - STADE DE FRANCE
Club: keiner
Eröffnung: 1998
Kapazität: 80 000 Personen
Architekten: Michel Macary, Aymeric Zublena, Michel Regembal und Claude
Costantini

Das Stade de France von den Architekten Michel Macary, Aymeric Zublena, Michel
Regembal und Claude Costantini ist ein symbolischer Ort. Auf präsidiale Anordnung
Jacques Chiracs hin wurde das Stadion mit sagenhaften 80.000 Plätzen für die
Weltmeisterschaft 1998 errichtet, als Frankreich das letzte Mal Gastgeberland für
die UEFA war. Städtebaulich schließt das Oval mit schwebender Dachscheibe und
herausstechendem Trägerkranz das vernachlässigte Banlieue Saint-Denis an Paris
an. Der architektonische Vereinigungsversuch zwischen Zentrum und Peripherie ging
1998 auch sportlich auf: Zinédine Zidane, französischer Nationalspieler maghrebinischer Herkunft, schoss beim Endspiel im nigelnagelneuen Stadion zwei Tore und holte
für die équipe tricolore den WM-Pokal. Drei zu Null gegen Brasilien.

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Stadion Matmut Atlantique in Bordeaux, Foto: Iwan Baan

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Die Euphorie schwappte damals schnell in die Politik über.
Staatspräsident Chirac verkündete nach dem WM-Sieg:
„Frankreich hat seine Seele wiedergefunden“, und der
Schriftsteller Jean d’Ormesson verbreitete gar die Erkenntnis,
dass Fußball das konstitutive Element eines neuen Gesellschaftsvertrags sei. Solch hohe Worte mussten medial auch
mit Bildern und Orten verbunden werden. Das Stade de
France verbildlichte eine Weile diesen französischen Optimismus nach 1998. Wohl auch deswegen wählten die Attentäter vom 13. November 2015 den Bau für ihren Terrorangriff aus. Doch zum Glück ließ man sich in Frankreich nicht
von dem furchtbaren Anschlag beirren. Am Freitag, dem
10. Juni 2016, wird erneut angepfiffen im Stade de France.
Dann treten Frankreich und Rumänien als erste Mannschaften der EM 2016 gegeneinander an.

BORDEAUX - MATMUT ATLANTIQUE
Club: Girondins de Bordeaux
Eröffnung: 2015
Kapazität: 42.115 Personen
Architekten: Herzog & de Meuron, Stefan Marbach

Das Matmut Atlantique in Bordeaux scheint dem Stade
de France den Rang ablaufen zu wollen. Denn letztes Jahr
wurde in der beliebten Touristenstadt das spektakuläre Stadion von Herzog & de
Meuron und Stefan Marbach eingeweiht. Den leichten Konstruktivismus in SaintDenis lösen die Architekten mit einer strengen, rektangulären Geometrie ab. Ganz in
Weiß mit schlanken Säulengängen bezieht sich dieser Stadionbau auf die griechische
Antike. Ein stolzes Gebäude, das städtebaulich den Sport – nicht nur Fußballturniere
finden hier statt, auch das in Frankreich beliebte Rugby wird im Stadion ausgetragen – auf eine Höhe mit Kultur und Wissenschaft stellt. Die Messe von Bordeaux,
das Bordeaux Exhibition Center, liegt in unmittelbarer Nachbarschaft. Dennoch, mit
dem Stade de France kann sich das Matmut Atlantique schwer messen. Nur 42.000
Zuschauer, also gerade die Hälfte, finden hier Platz.

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Stadion Matmut Atlantique in Bordeaux, Foto: © Francis Vigouroux

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Stadion Allianz Riviera in Nizza, Foto: © Wilmotte & Associés

Ebenfalls neu und ohne Europameisterschaft 2016 gar nicht denkbar sind das Stadion Allianz Riviera in Nizza und das Stade des Lumières in Lyon. Während sich in Lyon
mit dem Schicksalstag im Mai die Opposition in der Stadtverwaltung gegen einen
schon länger geplanten Neubau plötzlich auflöste, und der Weg für das 59.000-Personen-Stadion von dem internationalen Büro Populous politisch frei wurde, kam in
Nizza erst mit der Ernennung Frankreichs als Gastgeberland der Gedanke an ein
Stadion offiziell auf: Am 11. Oktober 2010 stellte Bürgermeister Christian Estrosi
erste Pläne vor. Dann ging alles schnell: Wilmotte & Associés begannen bereits im Juli
2011 mit dem Bau der Arena, im Sommer 2013 waren dann schon die 35.000 Sitze
unter der prägnanten leicht gewellten Dachkonstruktion installiert. Eine transparente
äußere Hülle aus eckigen Paneelen bildet diese helle, schwingende Silhouette und
erlaubt zugleich tiefe Einblicke in das feingliedrige Raumtragwerk. Das Stadion produziert insgesamt mehr Strom, als es verbraucht. Hervorragende Energiebilanz und
zügige Konstruktion – leider überschatten die Gesamtkosten, die mit 243,5 Millionen
Euro doppelt so hoch ausfielen wie geplant, den sonst so perfekten Start in Nizza.
Einige der Millionen deckt nun die Allianz-Versicherung, die für neun Jahre Namensgeber des Stadions sein darf. Smart eingefädelt: Beim EM-Anpfiff am 12. Juni 2016,
wenn Polen und Nordirland unter dem gewellten Dach gegeneinander antreten, wird
auch der Namensgeber prominent erwähnt werden.

NIZZA - ALLIANZ RIVIERA
Club: Olympique Gymnaste Club Nice Cote d’Azur, OGC Nizza
Eröffnung: 2014
Kapazität: 35.624 Personen
Architekten: Wilmotte & Associés

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Stadion Allianz Riviera in Nizza, Foto: © Wilmotte & Associés

In Lille explodierten die Kosten ebenfalls. Schon lange hatte man in der nordfranzösischen Stadt darüber debattiert, das alte Stadion des örtlichen Fußballclubs Lille
OSC zu ersetzen und entschied sich schließlich 2008 für ein großes Infrastrukturprojekt mit neuem Stadion, eigener Verkehrsanbindung und Hotels außerhalb der
Stadt. Die Kosten des Mammutprogramms überstiegen mit insgesamt 324 Millionen
Euro schließlich das Achteinhalbfache von dem, was für eine Erneuerung des alten
Stadions Grimonprez-Jooris angesetzt wurde. Trotzdem wollte man in Lille die ausgebrannte Stadtkasse nicht über ein Naming des Stadions wieder auffüllen: Namensgeber Pierre Mauroy, 2013 verstorben, ist weder Stifter noch Sponsor, sondern ein
Politiker, der in den Achtzigern sozialistischer Premierminister Frankreichs war und

zeitweilig auch Bürgermeister der Stadt Lille. Die runde Stahl- und Betonkonstruktion
mit ihrer Lamellenhülle und dem verschließbaren Dach fasst 50.000 Sitzplätze und
wurde 2012 eingeweiht. Beteiligt an der Entwicklung des Stade Pierre Mauroy war
neben dem Büro Valode & Pistre auch Pierre Ferret. Er ist der (in Deutschland eher
unbekannte) Stadienarchitekt in Frankreich. Gleich drei der zehn EM-Spielstätten hat
sein Büro Atelier Ferret Architecture gebaut oder mitgestaltet: In Lille, in Lens und in
Toulouse. Während das Pierre Mauroy dem Fußballverein Lille OSC ein ganz neues
Heimstadion wird, sind Lens und Toulouse altehrwürdige Stadien, die Ferret jeweils
mit dem Büro Cardete Huet modernisierte, so etwa kam das Stadion in Toulouse für
die Weltmeisterschaft 1998 zu seinem wellenförmigen Spanndach.

Stade Pierre Mauroy in Lille von Atelier Ferret Architectures und Valode et Pistre
Architectes, Foto: Jerôme Pouille

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LILLE - STADE PIERRE MAUROY
Club: Lille OSC
Eröffnung: 2012
Kapazität: 50.000 Personen
Architekten: Valode & Pistre und Atelier Ferret
Architectures

Lens ist ein überraschender Gastgeber der Europameisterschaft. Sein Stadion, das
Stade Bollaert-Delelis, fasst mit 30 000 Sitzplätzen ebenso viele Besucher wie die
nordfranzösische Stadt Einwohner hat. Das Verhältnis im südlichen Saint-Étienne ist
nicht ganz so drastisch: Fußballspielen im Stade Geoffroy Guichard können 42.000
Personen beiwohnen, während die Stadt 170.000 Einwohner zählt. Dennoch sind
die beiden kleinen Städte eher exotisch in der Auswahl der Zehn. Dass sie, etwa im
Gegensatz zu den viel größeren Nantes oder Nancy, auf die Liste der Gastgeber für
die coupe d’europe kamen, hat mit ihrer starken Fußballtradition zu tun. Der Club
RC Lens und der Verein AS Saint-Étienne sind beide aus den Arbeitervereinen der
Minenindustrie entstanden. Mit der Internationalisierung und Professionalisierung des
Fußballs erhielten die Clubs schließlich ihre eigenen Stadien in den Dreißigerjahren
des letzten Jahrhunderts. Den Hauptfinanzier des AS Saint-Étienne kennt man vielleicht auch hierzulande: Geoffroy Guichard ist der Gründer der französischen Supermarktkette Casino, vergleichbar mit Edeka oder Spar. Noch lässt sich an beiden
Bauten ihr früher Ursprung als Fußballstadion ablesen: Die Tribünen zu vier Seiten und
nicht umlaufend wie in einem Velodrom oder wie bei der englischen Sitzplatzierung
sehr nah am Spielfeld. Im Zuge der EM 1984 und der WM 1998 in Frankreich wurden
beide modernisiert, überdacht und den Normen der FIFA angepasst. Während das
Stadion in Lens immer noch aus den offenen vier Tribünen besteht, erhielt das Stade
Geoffroy Guichard eine robuste Betonumschließung, die Chaix et Morel
Associés kürzlich für die EM 2016 neu verkleidet haben.

Stadium de Toulouse, Foto: © Patrice NIN, mairie de Toulouse

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LENS - STADE BOLLAERT-DELELIS

TOULOUSE - STADIUM DE TOULOUSE

Club: RC Lens
Eröffnung: 1934
Wichtige Umbauten: 1984, 1997, 2014
Kapazität: 38.223 Personen
Architekten: Auguste Hanicotte (1934), Cardete Huet und Atelier Ferret Architectures (2014)

Club: Toulouse FC
Eröffnung: 1938
Wichtige Umbauten: 1947 und 1997, 2014
Kapazität: 35 472 Personen
Architekten: Jean Montariol (1938), Cardete Huet und Atelier Ferret Architectures (beide 1997 und 2014)

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Stade Bollaert Delelis, nach dem Umbau von Atelier Ferret Architectures et Cardete Huet architectes, Foto: Julien Lanoo

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Stade Geoffroy-Guichard in Saint-Etiénne, Foto: © Saint-Etiénne Métropole

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Die längste Geschichte aller Stadien der Europameisterschaft 2016 aber ist im Zentrum von Paris anzufinden. Der
noble Club Saint Germain trainiert und spielt im Parc des
Princes. Von den Ursprüngen des Baus im späten 19. Jahrhundert sieht man heute nicht mehr viel. Auch zeigen keine
Spuren mehr, dass hier einst die Tour de France durchlief.
Das alte Stadion wurde abgerissen und 1972 durch einen
brutalistischen Bau mit expressiv herausstehenden Betonscheiben von Roger Taillibert und Siavash Teimouri ersetzt.
Bis zur Weltmeisterschaft 1998 und dem Bau des Stade
de France war der Parc des Princes das zentrale Stadion in
Frankreich.

SAINT ÉTIENNE - STADE GEOFFROY GUICHARD
Club: AS Saint Étienne
Eröffnung: 1931
Wichtige Umbauten: 1998, 2016
Kapazität: 42.000 Personen
Architekten: Thierry Meyer und Michael Saidoun (1930), Dominique Berger et
André Jallon (1998), Chaix et Morel Associés (2016)

Heute ist der einzige wirkliche Konkurrent zum Stade de
France in Marseille. Das Vélodrome fasst 67.000 Besucher
und ist das zweitgrößte Stadion in Frankreich. Für die Europameisterschaft 2016 erhielt das Freilichtstadion in der
sonnigen Hafenstadt erstmals ein Dach. Die Architekten von
SCAU, die teilweise auch in den Neunzigern am Bau des
Stade de France beteiligt waren, und Atelier 9 setzten dem
Bauwerk eine gewölbte Haube auf und machen damit das Vélodrome zu einer baumwoll-wattig-weichen Landmarke in der kargen Felslandschaft von Marseille, wenn
hier am 7. Juli das Halbfinale angepfiffen wird. Das Finale ist natürlich dem Stade de
France vorbehalten. Allez!

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PARIS - PARC DES PRINCES

Das Stadion Parc des Princes in Paris, Foto: Otama, CC BY 2.0

Club: Paris Saint Germain
Eröffnung: 1897
Neubau: 1972
Kapazität: 49.000 Personen
Architekten: Roger Taillibert und
Siavash Teimouri (1972)

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MARSEILLE - VÉLODROME
Das Vélodrome in Marseille, Foto: ©UEFA2016

Club: Olympique Marseille
Eröffnung: 1937
Kapazität: 67.000 Personen
Wichtige Umbauten: 1998 und 2014
Architekten: Henri Ploquin (1937),
Jean-Pierre Buffi (1998), SCAU und
Atelier 9 (2014)

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LYON - STADE DES LUMIÈRES

Tribüne des Stade des Lumières in Lyon, Foto: © Parc OL

Club: Olympique Lyonnais
Eröffnung: 2016
Kapazität: 59.186 Personen
Architekten: Populous

DER CAMPUS ERRÖTET
DAS SCHAUDEPOT VON HERZOG & DE MEURON
VON ANTJE STAHL

Das neue Vitra Schaudepot in Weil
am Rhein von Herzog & de Meuron
widmet sich ganz dem Stuhl. Ist das
viel oder wenig? Ein Besuch vor Ort
beweist: Der Stuhl macht Politik. Von
vierbeinigen Freunden, Backstein und
der Frage, wo Architektur eigentlich
anfängt.

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Foto: © Vitra Design Museum / Julien Lanoo

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„A chair is just a fucking chair“, sagt
Jacques Herzog auf dem Podium. Neben
ihm sitzen Pierre de Meuron, Mateo
Kries und Rolf Fehlbaum und schmunzeln. Fast erleichtert reagiert das Publikum, das in Zaha Hadids Feuerwehrhaus gezogen ist, um der Eröffnung des
neuen Schaudepots gleich nebenan auf
der Südseite des Vitra Campus in Weil
am Rhein beizuwohnen: A chair is just a
fucking chair.
Trotzdem wurde ihm – dem Stuhl – ein
eigenes Haus geschenkt – ein Ausstellungshaus, ein ziemlich simples Haus. Es
besteht aus einem Satteldach, vier Seiten
und einer Tür. Die rote Backsteinfassade wurde manuell angefertigt, wie
Direktor Mateo Kries bei einem Rundgang erzählt. Stein um Stein wurde in
der Mitte durchgeschlagen und wie
Pailletten auf den Zement gesetzt, so
dass der Eindruck entsteht, sie würden
nebeneinander und übereinander Wellen
schlagen, ohne sich jemals in die Quere
zu kommen. Auch das bestufte Podium,
auf dem die neue Halle wie ein bescheidener Tempel thront, besteht aus roten
Steinen.
Wenn man der Online-Zitate- und
Sprüche-Sammlung Glauben schenkt,
beginnt Architektur schließlich, „wenn
zwei Backsteine sorgfältig zusammengesetzt werden“. 1924 stellte Mies van der

Foto: © Vitra Design Museum / Julien Lanoo

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Rohe den Klinker neben dem Bürohaus
aus Beton (und dem Hochhaus aus Glas)
als geeignetes Baumaterial in einer Ausstellung vor. In Weil am Rhein gesellt er
sich fast ein Jahrhundert später passend
zum betonverwinkelten Feuerwehrhaus
von Hadid. Ob dabei ein errötetes Konkurrenzverhalten zwischen den Bauten
messbar wird, muss der Besucher selbst
entscheiden. Eine Beziehung zum sogenannten Schaulager, das in Münchenstein bei Basel steht und ebenfalls im
Büro Herzog & de Meuron konzipiert
wurde, ist jedenfalls nicht wegzudenken.
Wichtig für den Besucher sind hier aber
andere Dinge. Erstens kann er ab sofort
durch den Südeingang auf den Vitra
Campus gelangen und dort das Feuerwehrhaus, das erste realisierte Gebäude
der kürzlich verstorbenen Zaha Hadid
überhaupt, bewundern. Und zweitens
durch das einzige Loch schlüpfen, das
dieses fensterlose Schaudepot besitzt.
In der Halle wartet ein Shop, der wie
jeder andere Museumsshop Kataloge
und Kleinkunst (hier vor allem Stuhlminiaturen) im Angebot hat. Was zählt
und mit kaum einem anderen Museum
vergleichbar ist, ist natürlich der hier
gezeigte Ausschnitt aus der Vitra-StuhlSammlung. Sie wurde von Rolf Fehlbaum in den 80er Jahren gegründet.
„Warum sollte ich einen Stuhl anschau-

en“, fragt er zu Beginn der Podiumsdiskussion und greift den Blick des angenommen sehr verbreiteten und überaus
ignoranten Stuhlbenutzers vorweg.
Erinnert werden etwas nostalgisch die
großen Erzählungen der Architekturgeschichte, in der das Innen nicht vom
Außen getrennt, Fassade und Einrichtung noch aus einer Hand erdacht und
entworfen wurden. Passende Beispiele
stehen auf einem Regaletagensystem,
das zur linken und rechten Hand in der
Halle aufgebaut wurde.
Sortiert wurden die vier- (oder auch
zwei- oder einbeinigen) Gefährten nach
ihrer chronologischen Entstehungsgeschichte von 1800 bis heute. Zu den
Klassikern, die man heute und in regelmäßigen Abständen in Wohnungsfotokatalogen vertrieben etwa durch Airbnb
und Freunde von Freunde wiederfindet,
gehören natürlich Eames-Stühle und sogenannte Freischwinger. Dagegen schreien die verrückten Farb- und Formverzerrungen aus der Postmoderne an, ein Sofa
von Alessandro Mendini aus dem Jahr
1978 etwa: Schöne Le-Corbusier-Farben,
rot, blau, gelb und grün, werden hier
zur Verschönerung von Rückenlehnelementen missbraucht, die aussehen wie
Biedermeier-Blitze. Das eigentliche Farbgewitter entsteht aber auf der Sitzfläche,
die hellbraune-lila Herzstromkurven
ausströmt. „Die werden aber auch wieder

zurückkehren“, versichert Mateo Kries
während des besagten Rundgangs. Auf
die Langeweile über die Klassiker folgt
in diesem neuen Schaudepot folglich die
Angst vor den 80ern. Schließlich aber
auch das Interesse für Spezialanfertigungen.
404A ist ein Sitz für das Kampfflugzeug F-86 Saber. Er wurde von Warren
McArthur zwischen 1946 und 1948
entworfen, nach dem Zweiten Weltkrieg also. Leider gibt die neue Webseite
des Vitra Design Museums unter dem
Stichwort Sammlung Online, wie bei
den anderen Sammlungsgegenständen, keine weiteren Informationen zu
diesem Prototypen. Die Online-GoogleRecherche verweist auf das Deutsche
Museum Flugwerft Schleissheim. Nach
dem soll F-86 das erste „Strahlflugzeug
mit Pfeilflügeln“ Amerikas gewesen sein,
das im Koreakrieg und gegen MiG-15
eingesetzt wurde – ein Kampfflugzeug,
das die UdSSR und die Volksrepublik
China besaßen und der amerikanischen
Luftwaffe überlegen war. Im Schaudepot
wird damit plötzlich Geschichte ausgestellt, die sich bis heute an der Grenze
zwischen Nord- und Südkorea fortschreibt. Sie ließe sich in Weil am Rhein
wahrscheinlich unendlich weitererzählen. Von der Halle aus blickt man durch
ein Loch in der Wand in den Keller, das
eigentliche Depot, das dem Haus seinen

Namen gegeben hat. Durch Glasscheiben breiten sich weitere Regaletagensysteme aus: Über 7.000 Möbel, über 1.000
Leuchten warten hier, und irgendwo
dazwischen die Nachlässe und Archive
von sehr, sehr vielen Designern. Zu
den jüngeren gehört wahrscheinlich
Jerszy Seymour, Jahrgang 1968. Er lebt
in Berlin und fliegt seit Beginn seiner
Laufbahn zwischen Design und Kunst,
zwischen Wohn- und Ausstellungshäusern hin- und her, als handele es sich
um eine aus Liebe geschlossene Ehe. Die
grellen Farben (Pink) des im Schaudepot
ausgestellten Stuhls übertrumpfen den
postmodernen Schrei – das Material
allerdings, das Seymour für das Mobiliar
verwendet, ist ein Kunststoff, den er aus
Kartoffeln gewinnt. Living systems heißt
das Unikat aus dem Jahr 2007. A chair is
eben not just a fucking chair.

Vitra Schaudepot
Charles-Eames-Straße 2
79576 Weil am Rhein
Mo–So von 10–18 Uhr
www.vitra.com

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VENEZIANISCHE ROLLTREPPEN
Der Palazzo Fondaco dei Tedeschi wurde in seiner 500-jährigen Geschichte zweimal durch Feuer komplett zerstört und wieder aufgebaut, und seither immer wieder durch
radikale bauliche Interventionen überformt. Verfällt man hier also einem selektiven Denkmalschutz, wenn man neue Interventionen im 21. Jahrhundert negiert? Das Team von
OMA sieht in der „Geschichte der Veränderung“ des Palazzo seine eigentliche Identität und verweigert eine „nostalgische Unterwerfung unter die Vergangenheit“. Die Architekten haben den Hof für Spaziergänger geöffnet, eine große, hölzerne, öffentliche Dachterrasse hinzugefügt, und bewusst provokant einige Rolltreppen addiert. Aufgrund des
Denkmalschutzes mussten die Architekten ihre ursprüngliche Vorstellung, diese quer durch den Hof zu führen, aufgeben und sie im östlichen Teil des Gebäudes unterbringen.
Ihr polemisches Statement bleibt nichtdestotrotz lesbar. // Foto: Delfino Sisto Legnani, Marco Cappelletti © OMA
        
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