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Reporting from Venice

Full text: Baunetzwoche Issue 454.2016 Reporting from Venice

Das Querformat für Architekten

REPORTING
FROM VENICE
ARCHITEKTURBIENNALE 2016

454
2. Juni 2016

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454

Paar der Woche

DIESE WOCHE

Architekturwoche

2

News

Dossier

Tipp

Buch

Diese Architekturbiennale ist anders als die vorigen, und sie hat gerade erst begonnen.
Alejandro Aravena erinnert die Architektur mit seiner Ausstellung daran, wofür es sie
eigentlich gibt. Und wer weiß: Vielleicht kommt die Göttin der Architektur, die, wie Paolo
Baratta meint, auf irgendeine griechische Insel verbannt scheint, ja bald zu uns zurück?
Schöne Tage in Venedig!

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Reporting from Venice

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Der König der Löwen: Paolo Baratta im Interview
Sie kommen in Frieden: Aravenas Biennale-Ausstellung
Venice Outtakes. Von Nils Koenning
Happy People in den Giardini. Ein Rundgang
Pavillon-Verbot: Kanada
Architektur oder Sterben: Uruguay
Kleine Momente der Architektur: Belgien
Wo sind wir eigentlich? Venedig auf der Biennale

3			Architekturwoche
4			News

42		

Bild der Woche

Titel: Foto: Nils Koenning
oben: Alexander d`Hooghe: „Monument For An Open
Society“, Foto: jk
BauNetz Media GmbH

Inhalt

Geschäftsführer: Jürgen Paul
Creative Director: Stephan Burkoff
Chefredaktion: Jeanette Kunsmann
Texte: Stephen Becker, Stephen Burkoff, Jeanette Kunsmann
Gestaltung / Artdirektion : Natascha Schuler

Diese Ausgabe wurde ermöglicht durch:

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K e i n u n e t z w o c ie r e n !
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Jetzt

Paar der Woche

454

MAKE LOVE, NOT ARCHITECTURE

Buch

Andreas Ruby tanzt mit Regula Lüscher, Rem Koolhaas sitzt bei GRAFT
auf dem Sofa und alle sind Arno Brandlhuber.

Dossier

Tipp

Als der große Regen vorbei ist, verändert sich alles: Aus dem leisen Flirren wird ein
lautes Summen. Peter Zumthor spaziert durch die Giardini, Kazuyo Sejima sitzt im
Schatten vor dem japanischen Pavillon und David Chipperfield lässt sich durch den
deutschen Pavillon führen. Es ist Architekturbiennale in Venedig, und sie sind alle
gekommen.

Inhalt

Architekturwoche

3

News

Wie immer wird die Biennale erst wirklich lustig, wenn der Zirkus der PreviewTage beginnt. Doch selbst der Preview vor dem Preview ist, wenn auch auffallend
ruhiger, alles andere als langweilig. Eine Hochzeitsgesellschaft aus dem deutschen
Pavillon trifft sich mittags auf der Via Garibaldi auf Spritz und Prosecco. Das New
Yorker Magazin Pin Up feiert eine Party auf der Terrasse vom Hotel Bauer und
verteilt großzügig Gutscheine für Drinks. Ein nettes Fest und wer hier nicht eingeladen ist, kann ja behaupten, er sei Arno Brandlhuber – mit diesem Trick kommt
man, zumindest in Venedig, fast überall herein. Unangenehm wird es, wenn Arno
Brandlhuber schon da ist oder hinter einem steht.

Die Aravenas in Venedig: Alejandro Aravena an der Seite
seiner Frau

Die Belgier luden zum Dinner in einen venezianischen Innenhof und feierten wie
eine große Familie. Der amerikanische Pavillon empfing seine Gäste wie immer in
der Peggy Guggenheim Collection – alle waren da, nur leider keine gute Musik. Ganz
anders hingegen bei den Briten, doch hieß es im Conservatorio di Musica um kurz
nach Mitternacht: Goodbye und alle verschwanden in der Nacht. Auf der deutschen
Party hingegen gab es keinen Morgen, Regula Lüscher kam zunächst nicht hinein
und musste sich in die kilometerlange Schlange einreihen, dafür durften später
Andreas Ruby und andere mit ihr tanzen – das ist Politik. jk

454

PYRAMIDE FÜR DIE TATE

FÜNF FREUNDE

HERZOG & DE MEURON

SERPENTINE PAVILION 2016

WHAT PEOPLE DO FOR
MONEY MANIFESTA IN ZÜRICH

ZOME ALLOY

Foto: Iwan Baan

© Barkow Leibinger

Christian Jankowski, Kurator Manifesta 11
© Manifesta 11

Oscar Tuazon, Zome Alloy, © Art Basel

Herzog & de Meurons Erweiterungsbau für die Tate Modern in London
war schon berühmt, ehe er überhaupt
gebaut wurde. Die uneindeutige Form
des Neubaus – ein Hybrid aus Pyramide
und Stehle – und seine Backsteinfassade mit den horizontalen Schlitzen, die
scharf wie Skalpellschnitte gesetzt sind,
kursieren seit Jahren in den Medien.
Am 17. Juni 2016 ist es soweit: Dann
wird die Tate Modern eingeweiht. Ein
Betonkern birgt insgesamt 20.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche – teilweise
ist er massiv, teilweise als Gitter ausgebildet. In der Innenraumgestaltung
wechseln roher und verfeinerter Materialeinsatz – ein Gegensatz, der sich bis
hin zur elegant geschwungenen Treppe
durchzieht.
www.tate.org.uk

In diesem Jahr wird er nicht für sich
alleine stehen, sondern zwischen
Freunden. Mit den vier Summer Houses
bekommt der Serpentine Pavilion von
Bjarke Ingels eine feine Nachbarschaft:
Barkow Leibinger planen eine offene
Dachstruktur aus Endlosschlaufen,
Kunlé Adeyemi dreht die Elemente
eines Tempels um, Yona Friedmans Interpretation des Queen Caroline’s Temples ist nicht mehr als Nichts und bei
Asif Khan schaut der Besucher durch
Holzstäbe. Die zum Teil sehr gegensätzlichen Entwürfe könnten dabei die
vier Summer-House-Projekte zu einem
räumlich begehbaren Schlagabtausch
werden lassen. 10. Juni bis 9. Oktober
2016, Kensington Gardens, London

Noch neun Tage, dann beginnt in
Zürich die Manifesta. Mit dem Künstler Christian Jankowski als Kurator
wird die elfte Ausgabe der 100-tägigen
Kunstbiennale anders als ihre Vorgänger. Unter der Fragestellung „What
People Do For Money“ hat Jankowski
„Some Joint Ventures“ zusammengestellt und lässt Künstler mit verschiedensten Berufsgruppen kooperieren.
Michel Houellebecq ließ sich von
einem Facharzt untersuchen, Maurizio Cattelan trifft auf eine ehemalige
Paralympische Weltmeisterin. Zentrale
Plattform der Ausstellung bildet der
schwimmende „Pavillon of Reflections“
vom ETH Studio Tom Emerson, der
schon letzte Woche zu Wasser gelassen
wurde. 11. Juni bis 18. September 2016
m11.manifesta.org

Gab es im vergangenen Jahr eine offene
Küche mit angeschlossenem Urban Gardening, wird auf der 47. Ausgabe der
Art Basel wieder Architektur auf dem
Messeplatz stehen. Dort werden die
Besucher von Oscar Tuazon’s Installation „Zome Alloy“ begrüßt. Die leichte
Holzkonstruktion ist ein adaptiertes
Update des 1972 gebauten „Zome
House“ vom amerikanischen SolarIngenieur und Architekten Steve Baer
und will den Messebesuchern die Frage
stellen, was ein Haus sein kann. Während der Art Basel wird die Installation
außerdem die zweite Alloy Conference
zu Energie, Struktur, Materialien und
alternative Gebäudetechnik beherbergen. Art Basel: 16. bis 19. Juni 2016

ART BASEL 2016

Inhalt

Architekturwoche

4

News

Dossier

Tipp

Buch

Bild der Woche

NEWS

www.serpentinegalleries.org

www.artbasel.com

DIS

WERT/HALTUNG

WIEDERBESUCHT

9. BERLIN BIENNALE

ARCHITEKTURTAGE ÖSTERREICH

TRAUMHÄUSER: NEUE STAFFEL

DIS, Foto: Sabine Reitmaier, Courtesy Berlin Biennale for
Contemporary Art

Theater im Palais an der Kunstuniversität Graz von balloon
architekten ZT-OG, Foto: David Schreyer

Ein Haus mit drei Höfen, 2016, Foto: A. Hentschel

Lauren Boyle, Solomon Chase, Marco
Roso und David Toro interessieren sich
für Oberflächen, wie das New Yorker
Künstlerkollektiv DIS selbst über
sich sagt. Mit der diesjährigen Berlin
Biennale widmet sich das Quartett dem
Zeitalter der Digital Natives: Neben den
Ausstellungsorten in der Stadt, darunter
das KW, die Feuerle Collection und ein
Ausflugsschiff auf der Spree, findet die
Berlin Biennale auch auf der gleichnamigen Website statt, auf der DIS Ereignisse und Performances spiegeln – die
Ausstellung wird zur virtuellen Realität.
Vom 4. Juni bis 18. September 2016 an
verschiedenen Orten in Berlin

Architektur entstehe nicht zufällig.
Unter dem Titel „wert/haltung“ steht
diesmal die gesellschaftliche Relevanz
von Architektur im Mittelpunkt der
österreichischen Architekturtage – vom
Burgenland bis Tirol. Dabei gehe es um
die Frage, wie es heute um die Gesinnung der Gesellschaft bestellt sei, sagt
Christian Kühn, Vize-Präsident des
Vereins Architekturtage. „Was ist uns
Architektur wert? Was könnten wir uns
leisten, was glauben wir, uns leisten zu
können, und was leisten wir uns als
eines der nach wie vor reichsten Länder
der Welt tatsächlich?“ Gestaltet von
den Architekturhäusern der einzelnen
Bundesländer wird es außerdem ein
begleitendes Programm geben.
3. und 4. Juni 2016
www.architekturtage.at

Etwas kahl war es schon, das „Haus
mit drei Höfen“, als das Bayerische
Fernsehen dort für die erste Staffel der
„Traumhäuser“ zu Besuch war. Genau
zehn Jahre später haben die Redakteure
wieder an die Tür geklopft. Und siehe
da: Nun steht das von Netzwerkarchitekten entworfene Gebäude so selbstverständlich im Garten als wäre es schon
immer dort gewesen. Zum zehnjährigen
Jubiläum haben die Macher der DokuSerie „Traumhäuser“ die Häuser aus den
ersten Ausgaben noch einmal besucht,
um die damaligen Versprechen auf ihre
Langzweitwirkung zu überprüfen. Die
neue Staffel ist ab dem 5. Juni 2016
jeweils sonntags um 15.15 Uhr im Bayerischen Fernsehen zu sehen.

Inhalt
blog.berlinbiennale.de

www.br.de

*

415

Architekturwoche

5

News

Dossier

Tipp

Buch

Bild der Woche

454

*Stand: 31. Mai 2016

BRUTALES PANORAMA

IM SPATZENNEST

PROJEKT BEI DESIGNLINES

OBJEKT IM BAUNETZ WISSEN

Athens-Berlin

History is not over

Inhalt

Architekturwoche

6

News

Dossier

Tipp

Buch

Bild der Woche

454

Foto: Joe Fletcher

© Xella

Cluburlaube sind nicht jedermanns
Sache. Doch Club ist nicht gleich Club.
Im mexikanischen San José del Cabo
entstand mit dem Mar Adentro Cabos
ein Resort, das Architekturliebhaber
glücklich stimmt. Nach den Plänen von
Miguel Ángel Aragonés gruppieren sich
weiße Kuben um künstliche Wasserflächen – und schaffen die perfekte
Rahmung für Sonnenuntergänge über
dem Pazifik. „Der Horizont markiert
die Grenze unseres Blickfelds“, erklärt
der Architekt. „Eine klare, konstante Linie. Nur die Stimmung und die Farben
verändern sich, nicht jedoch die Form.“
Die weiß verputzten Betonkuben sind
an drei Seiten verschlossen und öffnen
sich nur zum Meer.

Betriebliche Kinderbetreuungsangebote
sind für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein großer Zugewinn.
Sie sind den Arbeitszeiten angepasst
und befinden sich üblicherweise in der
Nähe des Unternehmenssitzes, sodass
Eltern und Kinder den gleichen Weg
haben. Beispielhaft dafür ist die Kita
Spatzennest eines Chemiekonzerns in
Wuppertal-Katernberg: Der eingeschossige Baukörper ist schlicht winkelförmig
organisiert mit einer direkten Vorfahrt.
Alles ist hell und übersichtlich, die
Gruppenräume verfügen über einen Zugang ins Freie. Durch seine klare Ausrichtung, die abgestimmte Haustechnik
und Wände aus Porenbeton erreicht das
Gebäude Passivhausstandard.

www.designlines.de

www.baunetzwissen.de/Mauerwerk

Galerie MAIFOTO

Produzentinnengalerie Ute Langkafel Dresdener Str. 18 10999 Berlin

www.MAIFOTO.DE

hgschmitz.de

Gira G1 Das Multitalent für die Gebäudetechnik
Der neue Gira G1 ist die intelligente Bedienzentrale für die Gebäudetechnik. Über das brillante Multitouch-Display können zahlreiche Funktionen des KNX Systems komfortabel
per Fingertipp oder Geste bedient werden. In Verbindung mit einem TKS-IP-Gateway kann der Gira G1 zudem als Wohnungsstation eingesetzt werden. Das von Grund auf neu
entwickelte, intuitiv anzuwendende Gira Interface macht die Bedienung der Gebäudetechnik so leicht wie nie zuvor. Zudem ist die Installation in einer handelsüblichen
Standard-Gerätedose ganz einfach. Zum Anschluss stehen drei unterschiedliche Möglich keiten zur Verfügung: Im Neubau kann der G1 über eine Netzwerkleitung mit Powerover-Ethernet eingebunden werden. Bei Modernisierungen und Erweiterungen stehen die Anbindungen über 230 V WLAN oder 24 V WLAN zur Auswahl.
Mehr Informationen unter: www.gira.de/g1

Inhalt

Architekturwoche

7

News

Dossier

Tipp

Buch

Bild der Woche

454

Auszeichnungen Gira G1: iF Design Award 2015, German Design Award 2015,
Good Design Award Chicago 2014, ICONIC Awards 2014, Plus X Award 2014, Design Plus 2014
Auszeichnungen Gira Interface: ADC Award 2015, Red Dot Award 2014: Best of the Best
Produktdesign, Interfacedesign: schmitz Visuelle Kommunikation

Architekturwoche

Foto: Andrea Avezzù, Courtesy La Biennale di Venezia

Inhalt
8

News

Dossier

Tipp

Buch

Bild der Woche

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SIE
KOMMEN
IN FRIEDEN

DER KÖNIG DER LÖWEN
EIN INTERVIEW MIT BIENNALE-PRÄSIDENT
PAOLO BARATTA
VON STEPHAN BURKOFF, STEPHAN BECKER UND
JEANETTE KUNSMANN
Paolo Baratta ist der König aller Venedig-Biennalen. Und
gerade wurde seine Amtszeit noch einmal um vier Jahre
verlängert. Wir trafen Baratta am Rande der Previewtage
in den Giardini und sprachen mit ihm über die Götterdämmerung der Architektur, lange Reihen und die Frage,
was eine gute Architekturausstellung ausmacht.

Inhalt

Architekturwoche

9

News

Dossier

Tipp

Buch

Bild der Woche

454

Paolo Baratta
Foto: Andrea Avezzù, Courtesy La Biennale di Venezia

454

Bild der Woche

Diese und nächste Seite: Fotos: Nils Koenning

Tipp

Buch

die Göttin der Architektur wieder zu uns bringt, damit wir sie wieder fragen können. In
dem Wissen, dass wir diejenigen sind, die die Fragen stellen müssen. Architektur ist
die politischste Kunst. Wir haben uns für Aravena entschieden, weil wir meinten, es
wäre Zeit, die wirklich wichtigen Fragen zu stellen.

Inhalt

Architekturwoche

10

News

Dossier

Welche Rolle spielt die Architektur Ihrer Ansicht nach für die Gesellschaft?
Wenn Sie möchten spielt sie sogar darin eine Rolle, wie wir das Phänomen der Migration betrachten. Unsere Haltung dazu könnte davon beeinflusst sein, wir uns selber
sehen, die wir Häuser bewohnen, die wie Gefängnisse sind, ohne Dialog mit der
Umgebung, eine „Hütte“, in der man sich schützt, kein Ort um mit anderen zu leben.
Sogar der Beitrag der USA erzählt von Interventionen für Migranten. Hierfür kann die
Biennale jetzt wichtig sein.
Herr Baratta, was war das ausschlaggebende Argument für eine Zusammenarbeit mit Alejandro Aravena? Wenn Sie meine Reden kennen, dann kennen Sie
meine Meinung. Wir erleben heute und seit einiger Zeit eine zunehmende Distanz
zwischen der Architektur und der Gesellschaft. Die Architektur ist rauf auf einen Berg,
ab ins Walhalla der Architektur. Architekten sollen Stars sein und spektakuläre Bauten
liefern. Manchmal sogar nur um die Tatsache zu verschleiern, dass uns alles andere
egal ist. Und auf der anderen Seite stehen zwei Dinge: ein soziales Desaster in armen
Gegenden und ein banales Desaster in reichen Gegenden – sie sind die zwei Säulen
der Unweisheit der menschlichen Spezies in den letzten Jahrzehnten. Schauen sie die
italienischen Vororte an: alles banale Architektur. Die Göttin der Architektur scheint
auf irgendeine griechische Insel verbannt. Wir haben das Verlangen nach Architektur
verloren. Architekten werden einfach nicht mehr gefragt. Und seitdem ich die Biennale als Verlangens-Maschine verstehe – denn alles, was wir tun müssen ist, das
Verlangen zu wecken, das Verlangen nach Kunst, nach Architektur – ist mir klar: wir
brauchen eine Biennale, die zu den Leuten spricht, die von dem Verlangen erzählt und

Was ist das besondere an Aravenas Ausstellung? Sie müssen die ganze Ausstellungs-Reihe sehen. Soweit es mich betrifft, fing es an mit Aaron Betsky. Seine Antwort
war „Architecture is Beyond Building“. Der Titel bedeutet, dass wir nie mehr die Möglichkeit haben werden, uns durch Gebäude auszudrücken, wie wir es mal konnten: Ich
meine, die Städte sind da. Es ging darum, der Architektur neue Ideen hinzuzufügen.
Dann kam Sejima. Ihr Titel war „People meet in Architecture“, der ja eigentlich alles
sagt. Chipperfield war mit „Common Ground“ ein Fragezeichen. Gibt es noch eine
Architektur, oder sind wir alle Architekten? Dann kam Koolhaas, der zu den Ursprüngen ging, um nach der Wahrheit zu suchen. Heute, wo die Kluft zwischen Architektur
und Gesellschaft das Thema ist, sollten wir uns umschauen, wo es vielleicht Ideen zur
Lösung unserer Probleme gibt. Es geht heute darum, die Dinge zu verbinden. Schauen Sie, was passiert, wenn man Ziegelsteine und Computer zusammenbringt. Es ist
so, als wenn das Wissen aus der einen in die andere Welt wandert. Es ist die Biennale, bei der sich die USA nicht mit dem One-World-Center präsentiert, sondern mit
Detroit.

DIE GÖTTIN DER
ARCHITEKTUR
SCHEINT AUF
IRGENDEINE
GRIECHISCHE
INSEL VERBANNT

Inhalt

Architekturwoche

11

News

Dossier

Tipp

Buch

Bild der Woche

454

Ihre Meinung über Architekten als Kuratoren? Für sie ist es wie eine Metamorphose, ein echtes Problem. Man kann keine Architektur zeigen. Deshalb wird es ein
Puzzle. Ein Architekt kann ein guter Kurator sein, wenn er das versteht und erkennt,
was man zeigen muss, um direkt zum Besucher zu sprechen. Eine Ausstellung ist ein
Kunstwerk in sich. Es geht um Glaubwürdigkeit. Und Aravena hat es geschafft, den
verschiedenen Beiträgen die Form zu geben, mit der sie eine deutliche Stimme erhalten. Ein Architekt kann auch ein guter Kurator sein. Wenn er es schafft, einen architektonischen Gedanken in zugängliche Kommunikation zu verwandeln.
Und eignet sich diese Biennale auch für Nicht-Architekten? Die Göttin der Architektur muss zurück zu uns allen kommen – nicht nur zu den Architekten. Nur wenn sie
sich auch für Nicht-Architekten eignet, hat diese Biennale also einen Sinn. Es wäre
sicher eine gute Biennale für Politiker, zum Beispiel (lacht).

Was haben Sie von Aravena gelernt? Er hat eine sehr frische Energie. Ich mag
seinen Mut. (überlegt) Auch wenn ich noch nicht so recht verstanden habe, wie er
so schnell weltweit so erfolgreich werden konnte. Wenn man es sich genau überlegt,
dann waren es wohl seine sehr einfachen Ideen. Die Antwort liegt in den Dingen, die
wir zuvor besprochen haben. Die Zeit ist reif für diese Fragen. Alles was man muss,
ist, den Geist der Zeit zu spüren und darauf zu reagieren. Aravena ist ein Beispiel
dafür, was es bedeutet, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Von ihm persönlich
habe ich gelernt, dass man plötzlich ein internationaler Star werden und man selbst
bleiben kann. Das ist seine Stärke.
Wenn Aravena jetzt die wichtigen Fragen gestellt hat, worum kann es beim
nächsten Mal gehen? Es gibt immer eine wichtigste Frage. (lacht). Aber niemals die
letzte!

REPORTING FROM THE FRONT:
SIE KOMMEN IN FRIEDEN
ARAVENAS BIENNALE-AUSSTELLUNG
VON JEANETTE KUNSMANN UND STEPHAN BURKOFF
Rollentausch in Venedig: Aus Architekten werden Reporter, aus einer Ausstellung ein Handbuch der Ideen. Im Mittelpunkt steht dabei ungewohnt
oft der Mensch. Mit seinem Konzept „Reporting from the Front“ schafft es
Alejandro Aravena, die Architektur daran zu erinnern, wofür es sie eigentlich gibt.

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Dossier

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Buch

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Diese Seite: Modell von BeL im Arsenale, Foto: Andrea Avezzù, Courtesy La Biennale di Venezia
Nächste Seite: „Crepuscular Rays“, eine Installation von Transsolar, Foto: Nils Koenning

Inhalt

Architekturwoche

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News

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454
Auf der diesjährigen Architekturbiennale begegnet einem viel Müll. Müll, der uns
ständig umgibt, den wir aber gewohnt sind auszublenden, zu verstecken und anderen
das Problem zu überlassen. Aravena konfrontiert die Besucher seiner Ausstellung
mit etwas, das man also tendenziell eher nicht sehen will. Das ist der Preis dafür, die
Dinge zu sehen, die wirklich Bedeutung haben: ein ehrlicher Deal. Sein Thema „Reporting from the Front“ und die Aufgabe der 88 Architekten, Büros und Institutionen,
sich mit einem Problem und dessen Lösung zu befassen, hat dazu geführt, dass
eine vielschichtige, uneitle und pragmatische Ausstellung entstanden ist. Nicht eine
architektonische Nabelschau, sondern die Probleme unserer Zeit stehen im Zentrum
der Beiträge. Alejandro Aravena führt seine Ausstellung dahin, wo es weh tut – und
das fühlt sich gut an.
Alle Exponate sollen als Werkzeuge dienen – nicht nur für Architekten, auch für
Bauherren, Entwickler und Nutzer. Es wird ein großes „Learning from“: Das amerikanische RURAL Studio hat mit seinem „Teatro of the Usefull“ einen Beitrag geliefert,
der die Ausstellungsarchitektur nicht recycelt, sondern als Zwischenstation nutzt. Anstatt etwas zu bauen und dann wiederzuverwerten, wählten sie einen noch radikaleren
Ansatz: Die Architekten identifizierten den Bedarf eines venezianischen Sozialzentrums, um ihre Installation schließlich aus genau diesen Materialien zu bauen. Mit dem
Ende der Biennale werden Spinde, Bettgestelle und Holzplatten ihrer eigentlichen
Bestimmung zugeführt.
Die chilenische Architektin Cecilia Puga untersucht den Übersetzungsprozess von
Zeichnungen in die Wirklichkeit, Assemble Studio hinterfragen die Autorenschaft in
partizipatorischen Prozessen der Stadtentwicklung und Alexander d`Hooghe liefert mit
dem „Monument For An Open Society“ eine Struktur aus sechs Betonfertigteilen, aus
denen sich Markthallen zusammensetzen lassen. Und während Christ & Gantenbein
mit „More Than A Hundred Years“ die Dauerhaftigkeit von Architektur betonen – auch
eine Form von Nachhaltigkeit – stellen andere die Frage „Does Permanence matter?“.
EPM präsentieren ihre erfolgreichen Interventionen um die städtischen Wassertanks
in Medellín. Als dunkle Orte einst ein Paradies für Kriminalität, dienen die Areale um
die Tanks heute als attraktiver Stadtraum mit Spielplätzen, Parks und Wasserflächen.
„Wenn Medellín das schafft, kann man das überall schaffen“, sagt Aravena. Kopieren
ist auf dieser Biennale erwünscht.

Aus einer neuen Perspektive widmet sich Hugon Kowalski dem Thema Müll mit seiner
studentischen Abschlussarbeit „Let’s Talk About Garbage“. Bei seinen Untersuchungen in der indischen Millionenstadt Dharavi tritt zutage, dass Müll dort elementarer Teil
eines Kreislaufes ist und Arbeitsplätze schafft.

soll. Die 88 eingeladenen Reporter mussten von Anfang an beweisen, dass ihre
Vorschläge interessant und relevant sind – wie in einem mehrstufigen Aussiebungsprozess war damit sicher gestellt, dass das, was am Ende herauskam, auch wirklich
gut ist.

Auch Aravena recycelt in seinem eigenen Beitrag zur Ausstellung. Dass dies auch
durchaus ästhetische Qualitäten haben kann, zeigt der erste Raum im Arsenale. Dort,
wo in den letzten Jahren die Sponsoren ihren Auftritt hatten, sind jetzt 10.000 Quadratmeter Gipskarton zu einer zweiten Wand gestapelt, von der Decke hängen insgesamt 14 Kilometer gebogene Aluminiumprofile. Bei Aravena wird schon der erste
Raum zu einem Statement – sämtliche verbaute Materialien hat das Team Elemental
von der Ausstellungsarchitektur der Kunstbiennale 2015 übernommen – praktischerweise war ja alles schon im Arsenale.

„Reporting from the Front“: Die Anlehnung an ein journalistisches Arbeiten erweist
sich als guter Twist. Das Konzept ist effizient, differenziert und vielschichtig. Stets wird
Aravenas Grundgedanke, sein systemisches Denken sichtbar. Nichts in unserer Welt
lässt sich verändern, ohne dabei auch andere Dinge zu beeinflussen, so eines seiner
Mantras. Alejandro Aravena ist es gewohnt, partizipatorische Prozesse zu leiten und
dafür Strukturen zu bilden, die am Ende alles auf einen Nenner bringen – so funktioniert seine Architektur, ebenso auch seine Hauptausstellung als Biennale-Direktor in
Venedig. „Aravena kam zur richtigen Zeit“, meint Biennale-Präsident Paolo Baratta.
„Die Biennale brauchte jemanden, der bereit ist, die wirklich wichtigen Fragen zu stellen. Mit Alejandro Aravena haben wir ihn gefunden.“

Hier, im ersten Raum, wird auch noch einmal das Vorgehen des Chilenen erläutert:
Frage formulieren, Antwort geben, erklären wie der einzelne Beitrag inszeniert werden

15. Architekturbiennale in Venedig
28. Mai bis 27. November 2016
www.labiennale.org

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Marte.Marte Architekten sind im Asrenale auf der „Suche nach dem Unvorhergesehenen“
Fotos: Jörg Stadler/ Marte.Marte Architekten

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VENICE OUTTAKES

VON NILS KOENNING

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Buch

VON STEPHAN BECKER

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EIN RUNDGANG MIT
MENSCHEN ALS STAFFAGE

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HAPPY PEOPLE
IN DEN GIARDINI

Mit grünen Plastik-Ponchos als Tarnkappen schickte der uruguayische Pavillon seine Besucher auf Diebestour in die
Giardini. Wer nämlich den Kuratoren einen Gegenstand aus einem anderen Pavillon brachte, erhielt ein Säckchen Erde
aus einem Loch im Boden des Pavillons. Um schnöde Bereicherung ging es hier allerdings nicht – die Verantwortlichen
hoffen lediglich, ein kleines Giardini-Archiv zurück nach Montevideo bringen zu können.
Foto: Nils Koenning

Wie viele Überstunden haben Sie in der letzten Woche geleistet? Hätten Ihre Häuser
ein Fair-Trade-Siegel verdient? Alejandro Aravena hatte sich auch von den nationalen
Biennale-Beiträgen Nachrichten von der Front gewünscht und der polnische Pavillon
entdeckt mit „Fair Building“ die Konfliktzone im eigenen Büro. Sollten wir an unsere
Gebäude nicht die gleichen Ansprüche stellen wie an unsere Lebensmittel? Eine
finale Antwort gibt es nicht, doch die Architektenschaft wird hier – wie auch beim
serbischen Beitrag und dem ungarischen Pavillon – daran erinnert, dass sich keine
Profession der Verantwortung entziehen kann.
Aravena legt den Fokus auf konkrete Anliegen und alltägliche Kämpfe, auf jene Situationen also, in denen Architektur unmittelbar zur Verbesserung der Lebensbedingungen
beitragen kann. Dahinter steckt durchaus die Hoffnung, dass die Biennale selbst Teil
dieser Bemühungen wird: Als Ort des Austauschs, an dem Architekten voneinander
lernen können und an dem sich verschiedene Ansätze diskutieren lassen, an dem aber
auch Platz für neue ästhetische Positionen ist. Eingelöst wird dieses Versprechen
einer angewandten Biennale allerdings nur dann, wenn sich die Teilnehmer auf eine
präzise Fragestellung beschränken, wenn es nicht um den großen Überblick, sondern
um die entscheidenden Details geht – und das gelingt leider nur wenigen Ländern.

Inhalt

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Unfinished im Spanischen Pavillon, Foto: Francesco Galli / La Biennale di Venezia

GLÜCKLICHE MODELL-MENSCHEN
Gerade die großen Architekturnationen in den Giardini beweisen dabei keinen Mut
zur Reduktion. Dänemark, Frankreich, die Nordischen Länder oder auch das immerhin
mit einem Silbernen Löwen ausgezeichnete Japan präsentieren jeweils ausufernde
Projektschauen mit einer Vielzahl an Projekten. Wirklich interessante Ideen, die es
zweifellos gibt, gehen dabei unter in einem Häusermeer, das heutzutage besser im
Internet aufgehoben ist. Was außerdem auffällt, sind die vielen Staffage-Figuren, die
wohl den sozialen Charakter der Projekte beweisen sollen. Noch auf keiner Biennale
waren wahrscheinlich so viele glückliche Modell-Menschen zu sehen, während man
über die relevanten Aspekte der Architekturproduktion eher wenig erfährt.

Eine Vielzahl an Projekten sammeln auch Südkorea und der mit dem Goldenen Löwen
ausgezeichnete spanische Pavillon, doch hier hilft jeweils ein präziser Fokus. Südkorea spielt das FAR-Game, also das GFZ-Spiel, und erklärt, welche ökonomischen
Entwicklungen dort gerade eine ganz neue Typologie von hochverdichteten, räumlich
komplexen Stadthäusern entstehen lassen. Zu diesem Boom im dialektischen Gegensatz steht der spanische Beitrag „Unfinished“, der sich der Hinterlassenschaften
der über Jahrzehnte währenden Immobilienblase annimmt. Künstlerische Fotografien
zeigen Bauruinen als räumliches Potential, während zahllose realisierte Projekte der
Inspiration dienen sollen.

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PRÄZISE FRAGEN – PRÄZISE ANTWORTEN
Was ein präziser Fokus vermag, zeigt der Schweizer Pavillon mit „Incidental Space“
– einem Beitrag, der – wenn man sich auf ihn einlassen mag – zu den interessantesten Perspektiven der Biennale gehört. Die Front ist hier zwar ästhetischer Art, doch
gerade das kann beflügeln, weil es jenseits des Alltags Begehren schafft – Projekte
wie Antoni Gaudís Sagrada Família beweisen es mit ihrer kollektiven Baugeschichte.
Am gelungensten zeigt jedoch der belgische Pavillon, wie eng formale und soziale
Aspekte oft verknüpft sind. Bravoure nennt sich das Team aus de vylder vinck taillieu,
doorzon und Filip Dujardin, die sich unter dem Kommissar Christoph Grafe mit dem
Verhältnis von Ressourcenknappheit und handwerklichem Können beschäftigen. Auch
hier sind bereits viele Projekte bekannt, und falsch wäre es nicht, den Beitrag als typisch belgisch zu beschreiben. Trotzdem ist es inspirierend, wie sich hier 1:1-Modelle
von situativen Gebäudedetails mit den Fotografien der zugehörigen Gebäude und den
Architekturphantasien von Dujardin überlagern. Das ist amüsant und lehrreich zugleich, weil nicht nur eine produktive Ästhetik des Mangels beschrieben wird, sondern
zugleich auch ein halb realer, halb fiktiver Möglichkeitsraum entsteht.
Ebenfalls alles richtig machen wollen natürlich all jene Pavillons, die sich, wie der
deutsche Beitrag, mit der Situation der Geflüchteten auseinandersetzen. Die finnische Ausstellung sieht dabei die Transformation alter Bürogebäude gleichermaßen
als Lösung wie als Potential, verharrt aber ebenso wie der griechische Beitrag in einer
unübersichtlichen Kleinteiligkeit. Überzeugender hingegen das österreichische Projekt
von Elke Delugan-Meissl, die im Pavillon lediglich das Ergebnis einer Art Mini-IBA
präsentiert. Mit dem Budget des Pavillons wurden daheim konkrete Interventionen von
exemplarischem Charakter finanziert und man wundert sich, dass nicht auch andere
Pavillons einen solchen Ansatz verfolgen.
MIT RETRO IN DIE ZUKUNFT
Auf ästhetischer Ebene kann den Belgiern allein der britische Beitrag das Wasser
reichen. Mit „Home Economics“ gelingt eine durchaus kurzweilige Präsentation zum
Wandel unserer Wohnbedürfnisse, deren Innovationskraft allerdings eher dünn ist.
Gut ausgestattete Gemeinschaftsräume findet man längst in vielen Baugruppen, Plas-

The Pool im Australischen Pavillon, Foto: Brett Boardman

tikkugeln als persönliche Wohnumgebungen sorgen für ein müdes Sixties-Feeling,
Miniwohntürme werden im Clusterwohnen längst implementiert und die Immobilienwirtschaft arbeitet schon lange mit Wohnungsrohlingen. Auch über Wohnlandschaften muss man eigentlich nichts mehr sagen – die waren schon vor Jahrzehnten eine
ebenso schöne wie unpraktische Idee.
Retrophantasien findet man allerdings nicht nur bei den Briten, auch der amerikanische Pavillon hat diesbezüglich einiges zu bieten. Zwölf Büros sollten spekulative Architekturen für Detroit entwickeln, die vor Ort neue imaginative Impulse setzen könnten. Doch sind Megastrukturen à la Kenzo Tange wirklich ein relevantes Versprechen
für die postindustrielle Stadtlandschaft? Kurzweilig und vielfältig ist „The Architectural
Imagination“ aber allemal.

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In Therapy im Pavillon der Nordischen Länder
Foto: Francesco Galli / La Biennale di Venezia

ANALYSEN AM POOL
Insbesondere die deutschen Journalisten assoziieren laut Aravena beim Front-Begriff
Kriege und Konflikte, doch konkret wird das Thema bei den Niederländern. Deren
Pavillon setzt sich mit den architektonischen Implikationen der UN-Friedensmissionen
auseinander und bietet neben einer fundierten Analyse auch die Hoffnung, die in
manchen Regionen zahllos vorhandenen Stützpunkte zugleich für eine nachhaltige
Entwicklung vor Ort nutzen zu können. Das zeigt, dass Aravenas Reportage-Auftrag
auch dahingehend verstanden werden kann, aus einer beobachtenden Position heraus
neue Fronten zu eröffnen. Der gelungene Beitrag von Manuel Herz in Zusammenarbeit mit Iwan Baan über Flüchtlingscamps gehört ebenso in diese Kategorie wie der

australische Beitrag. Dort darf der Besucher in einem Pool planschen, wobei es um
die gesellschaftliche Bedeutung dieser durch öffentliche Sparprogramme bedrohten
Typologie geht. Einerseits dienen Pools als Orte der Zusammenkunft, andererseits
lassen sich am Beckenrand aber auch zentrale Fragen des Körpers und der Identität
verhandeln.
Beim ebenfalls researchorientierten kanadischen Beitrag von Pierre Bélanger spielt
der Mensch wiederum nur eine untergeordnete Rolle. Aufgrund seiner kritischen Haltung wurde „Extraction“ aus dem eigentlichen Pavillon verbannt, weshalb der Beitrag
über die territorialen Implikationen des Bergbaus schließlich nur dank einer unabhängigen Finanzierung im Außenraum realisiert werden konnte.

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Kanadas Beitrag lehrt uns angesichts der wieder zunehmend spürbareren Macht der
Natur Bescheidenheit – und damit eine Tugend, die trotz des von Aravena angeregten
Themenkomplexes auf der diesjährigen Biennale eher etwas zu kurz kommt. Oder liegt
dies gerade an seiner Vorgabe? Bei der Biennale 2016 darf sich die Architektur noch
einmal als Retterin der Welt präsentieren. Und irgendein im weitesten Sinne soziales
Projekt haben doch eigentlich alle Architekten in der Schublade – selbst jene, die
sonst bevorzugt am Golf bauen. Größere politische oder ökonomische Zusammenhänge lassen sich da erfolgreich ausblenden.
BEI DEN NACHBARN KLAUEN
Erfrischend darum in jeder Hinsicht Uruguay und Rumänien, die beiden vielleicht
skurrilsten Pavillons der Biennale. Uruguay kommt in seiner räumlichen Interpretation
zweier Extremsituationen gänzlich ohne Architekten aus und stiftet zugleich seine
Besucher dazu an, für das eigene Archiv bei den anderen Pavillons zu klauen – so viel
Schneid macht Spaß. Der rumänische Pavillon entwirft hingegen in mehreren Szenen
ein Puppenspiel, für das man allerdings angesichts der kunsthandwerklichen Ästhetik etwas guten Willen braucht. Der Besucher wird in verschiedene sozio-räumliche
Situationen versetzt, deren letzte ihn vor ein betont gelangweiltes Komitee führt. Dem
muss er – wahrscheinlich vergeblich – seine Ideen präsentieren.
Ein schöner Kontrast zur Spritz-seligen Selbstfeier der Architektur, die alle zwei Jahre
über Venedig kommt. Und eine sehr eigenwillige Perspektive, die besser als die meisten anderen Beiträge zeigt, wie vielfältig sich Alejandro Aravenas Motto „Reporting
from the Front“ noch hätte interpretieren lassen.
Home Economics im Britischen Pavillon, Foto: Cristiano Corte / British Council

PAVILLON-VERBOT
DER KANADISCHE BEITRAG „EXTRACTION“ KRITISIERT DIE
BERGBAUINDUSTRIE UND VERSTECKT ECHTES GOLD IN DEN
GIARDINI

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VON STEPHAN BECKER

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Dem Kurator Pierre Bélanger geht es nicht um Architektur, sondern um die
raumideologischen Grundlagen unserer Welt. Ein goldener Vermessungspunkt
mitten in den Giardini markiert eine Referenzposition, um über das zeitgenössische Kolonialreich der kanadischen Bergbauindustrie nachzudenken. Das
ungewöhnliche Outdoor-Setting mit Tierfellen und Sandsäcken des Landschaftsarchitekten ist nicht nur Show: Aufgrund von fadenscheinigen Gründen
musste der Beitrag ohne offizielle Unterstützung auskommen. Die Bergbaunation Kanada will sich ihre guten Geschäfte ganz offensichtlich nicht vermasseln
lassen, wie Bélanger im Gespräch berichtet.

Pierre Bélanger vor dem kanadischen Pavillon, Foto: Nils Koenning

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Herr Bélanger, Ihr Beitrag untersucht die Auswirkungen der Bergbauindustrie.
Warum ist das Thema in architektonischer Hinsicht relevant? Bergbau ist der
größte Wirtschaftszweig Kanadas und als solcher nicht nur das Fundament unserer
Gesellschaft, sondern auch das Leitmotiv unserer Außenpolitik. Unser Beitrag handelt
darum nicht nur vom Bergbau in Kanada, sondern von der Kolonialisierung der Welt.
Denn die kanadischen Unternehmen gehören zu den maßgeblichen Akteuren der
Branche. Die sozial-räumliche Dimension des Bergbaus ist dabei offensichtlich, denn
der Ressourcenabbau transformiert keine abstrakte Landschaften, sondern konkrete
Lebensräume.
Wir stehen hier vor dem Kanadischen Pavillon, zwischen den Pavillons von
Großbritannien, Deutschland und Frankreich. Warum? Der Grund ist einfach: Wir
bekamen von offizieller Seite keine Unterstützung, weil das Thema den Verantwortlichen letztlich zu kontrovers erschien. Und das, obwohl unser Projekt im regulären
Verfahren ausgewählt wurde. Letztlich befürchtete wohl jemand, dass sich „Extraction“
allzu deutlich gegen die Interessen des Staates richtet. Der Nominierungsprozess
wurde darum zunächst verzögert, dann zog der Architekten-Verband seine Unterstützung zurück und schließlich kippte auch noch die Finanzierung. Gerade darum wollten
wir das Projekt dann aber auf unabhängigem Wege realisieren.
War dies ohne die Zustimmung Kanadas überhaupt möglich? Ja, weil der öffentliche Raum hier in den Giardini der Stadt Venedig gehört. Dafür mussten wir allerdings
die Zustimmung der benachbarten Pavillons einholen und eng mit den italienischen
Behörden zusammenarbeiten. In diesem Sinne ist es ein kollaboratives Projekt, wofür
alle Beteiligten allerdings erst ein gewisses Verständnis entwickeln mussten.
Unabhängig bedeutet auch, dass Sie sich selbst um die Finanzierung kümmern
mussten? Richtig. Wobei wir trotzdem die Vorgabe der Biennale einhalten mussten,
dass keine Institution mehr als fünfzig Prozent eines Beitrags bestreiten darf. Sonst
hätte ein Sponsor wahrscheinlich gereicht, so brauchten wir viele. Möglich wurde dies
schließlich nur, weil wir uns hinsichtlich des Budgets radikal beschränkt haben. Sonst
wäre der organisatorische Aufwand allein für die Finanzierung einfach zu groß gewesen.

Unter den Fellen versteckt sich der Vermessungspunkt, Foto: Nils Koenning

Was ist Ihr kuratorischer Ansatz? Entscheidend war für uns die Frage nach dem
Boden, wobei die Biennale insgesamt ziemlich wenig mit Architektur zu tun hat. Zum
Beispiel der Deutsche Pavillon – da geht es letztlich um den Staat. Unser Beitrag
handelt wiederum von territorialen Festlegungen, ebenso wie der französische und der
britische Pavillon. Mit „Extraction“ wollen wir die Fundamente unserer Gesellschaft
hinterfragen. In kuratorischer Hinsicht beginnen wir mit dem einfachsten Hilfsmittel
zur Kontrolle des Landes: dem Vermessungspunkt. Ohne den gäbe es keine Grenzen
und keinen Besitz, das ist der Schnittpunkt zwischen der Karte und dem realen Raum,
der Ausgangspunkt von allem. Selbst die konkreten Pläne der Architekten kommen
schließlich ohne einen Nullpunkt nicht aus.

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Was sehen wir, wenn wir durch Ihren Vermessungspunkt blicken? Wir zeigen
einen Film, der über achthundert Jahre hinweg eine territoriale Verbindung zwischen
der Zeit der Magna Carta und der Gegenwart zieht. Wir gehen also zurück zum
Ursprungsdokument unserer freiheitlichen Grundordnung, das zugleich auch eine
wesentliche Voraussetzung für die europäische Kolonialisierung der Welt war. Um die
heutige Situation zu hinterfragen, müssen wir meiner Meinung nach nämlich zu den
ideologischen Fundamenten zurückkehren.
Ihr Vermessungspunkt ist aus Gold – warum? Gold ist eines der zentralen Elemente der Bergbauindustrie, aber auch der Kolonialgeschichte. Heute sind die meisten inländischen Vorräte erschlossen, weshalb das kanadische Bergbau-Empire längst
überall auf der Welt tätig ist. In den Säcken befindet sich darum Abraummaterial aus
einem Tagebau auf Sardinien, der von einem kanadischen Unternehmen ausgebeutet
und schließlich ohne Rücksicht auf die ökologischen Folgeschäden aufgegeben
wurde. Längst haben wir nämlich eine Grenze erreicht, bei der sich der Abbau nicht
mehr lohnt – mit tiefgreifenden Folgen für uns und die Welt.
Was möchten Sie mit Ihrem Beitrag verändern? Wir müssen nichts verändern,
denn die Revolution hat längst schon ohne uns begonnen – nur dass wir das bisher
einigermaßen ignorieren konnten. Wir stehen hier nicht mitten in den Giardini, um ein
Umlenken einzufordern. Jeder hier auf der Biennale hat tolle Vorschläge für eine bessere Welt, doch die Erde sorgt längst schon selbst für die nötigen Anpassungen. Wir
sind hier, weil es besser wäre, wenn wir endlich auf sie hören würden.
www.extraction.ca

Der Vermessungspunkt besteht aus echtem Gold, das, falls die Preise weiter steigen, auch für die Finanzierung von „Extraction“ genutzt werden wird. Blickt man durch den Punkt, sieht man einen schemenhaften Film über die territoriale Vergangenheit Kanadas. Fotos: Nils Koenning

ARCHITEKTUR ODER STERBEN
URUGUAY FINDET IM UNTERGRUND UND IN DEN BERGEN
DEN URSPRUNG DER ARCHITEKTUR
VON STEPHAN BURKOFF
Zweitkleinstes Land Südamerikas, eingeklemmt zwischen Brasilien und Argentinien: Uruguay, dessen geografische Lage ebenso wenigen Menschen geläufig
sein dürfte wie die Lage seines Pavillons in den Giardini Venedigs, macht zwei
elementare Statements – die gar nicht von professionellen Architekten stammen.

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Unter dem Pavillon geht’s weiter. Angelehnt an die Geschichte der Tupamaros, erkundet Uruguay den Untergrund.
Foto: Jeanette Kunsmann

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Der durch die Revolutionäre um Che Guevara erreichte Systemwechsel in Kuba in
den späten 60er Jahren hatte seinerzeit viele junge Menschen in ganz Lateinamerika
entflammt und dazu geführt, sich mit Guerilla-Gruppen gegen ihre Regierungen zu
stellen. Auch in Uruguay entstand mit den Tupamaros eine solche Gruppe. Einzig: Ihr
Land, flach und unbewaldet, ohne nennenswerte Erhöhungen, schien für Guerillas
gänzlich ungeeignet. Es gab keine Rückzugsorte – die Grundlage der Guerillakampfes. Die Tupamaros begannen deshalb, die Stadt mit anderen Augen zu sehen. Als
unnatürliche Natur, als Wald von Häusern. Sie nutzten die unsichtbare Infrastruktur
der Stadt (Montevideo verfügt über keine U-Bahn), Keller, Kanalisation und verborgene Hohlräume als Schutz für ihre Aktivitäten. In der Erkundung dieser unsichtbaren
Räume entdeckten sie unentwirrbare Labyrinthe und Verstecke, um die sie die BergGuerillas beneiden würden. Von hier aus führten sie bis in die 80er Jahre ihren Kampf
für ein besseres Land. Ihr Versteck: ein Außen in der Stadt – hier waren sie unsichtbar.

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Einfache Bleistiftzeichnungen illustrieren die zwei Geschichten des uruguayischen Pavillons.

Wie viele andere Länder setzt sich auch Uruguay auf dieser Architekturbiennale mit
seinem Pavillongebäude auseinander. Versteckt zwischen den Ausstellunsgebäuden
Australiens, der USA und Israels, von Bäumen umgeben und überrankt, fensterlos,
befindet sich das 1958 erbaute Werk eines namenlosen Architekten. Warum hat so
ein kleines Land überhaupt einen Pavillon in den Giardini? Warum versteckt er sich
so sehr? Und was ist der Sinn des Austauschs zwischen Uruguay und dem Rest der
kreativen Welt? Was hat Uruguay der Architekturwelt zu sagen? Die Kuratoren der
Gruppe Reboot um den Architekten und Professor der einzigen Architektur-Fakultät
Uruguays Marcelo Danza finden ihre eigene Antwort und konzentrieren sich dabei auf
zwei Lehren, die aus ihrem Beitrag „Two Lessons in Architecture“ zu ziehen seien. Den
thematischen Rahmen bilden historische Begebenheiten, die für das Land eine besondere Rolle spielen: das Aufkommen der Stadtguerilla der Tupamaros im Montevideo
der 60er Jahre und ein Flugzeugunglück der frühen 70er in den chilenischen Anden.

1972 spielte sich in den chilenischen Anden ein anderes Drama ab. Eine uruguayische Rugbymannschaft hatte sich auf den Weg zu einem Freundschaftsspiel in
Santiago de Chile gemacht. Bei schlechtem Wetter stürzte die Maschine auf 3.800
Metern bei minus 30° Celsius auf eine Schneebank. Für die Überlebenden, aus
einem Land, dessen höchster Punkt sich etwa 500 Meter über dem Meeresspiegel
befindet und in dem die Temperatur nahezu niemals unter Null Grad fällt, waren die
vorgefundenen Verhältnisse eine unvorstellbare Herausforderung. Sie begriffen, was
zu tun war, um am Leben zu bleiben: Der zerfetzte Flugzeugrumpf, an offenen Stellen
mit Koffern geflickt, wurde ihre Herberge, Dämm- und Bezug-Stoffe aus dem Wrack
wurden mit Drähten zu Schlafsäcken und Ponchos umfunktioniert, und nach dem zur
Neige gehen des ohnehin schmalen Proviants war Kannibalismus ihre einzige Chance.
Nach 72 Tagen im Eis konnten im Dezember 1972 insgesamt 16 von 45 Insassen
gerettet werden – aus ihrem Innen im Außen.
Wovon diese beiden Geschichten laut Danza erzählen, ist eine Betrachtung der Architektur bis zu ihren Ursprüngen zurück. Gänzlich ohne Architekten haben es hier junge
Menschen verstanden, das Wesen der Architektur für ihr Überleben zu nutzen. Ihre
Kreativität und die Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln, offenbart dabei zwei simple

Thesen: „Bewohnt zu sein, macht aus jedem Objekt Architektur“ und „die Stadt ist
endlos und unbekannt“. Als Metaphern für diese Lektionen stehen ein Loch im Boden
des Pavillons und ein durch Pufferfolie abgetrennter, weiß gehaltener Bereich mit
skizzenhaften Bleistiftzeichnungen an den Wänden. Mit einfachsten Mitteln erinnert
der Beitrag Uruguays daran, was der Ursprung der Architektur eigentlich ist und setzt
einen prägnanten Gegenpol zu den oftmals sehr kostspieligen und intellektuell abgehobenen Ansätzen anderer Nationen.
Die beiden Seiten des durch einen Vorhang getrennten
Pavillons symbolisieren jeweils die Geschichte der GuerillaGruppe der Tupamaros und die Geschichte des Flugzeugabsturzes einer Rugbymannschaft. Foto: Nils Koenning

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Die Uruguayer haben die Besucher
ihres Pavillons dazu ermutigt, mit
Tarnkappen versehen, Objekte aus
den anderen Pavillons zu entwenden
um sie sodann gegen einen Beutel
uruguayische Erde zu tauschen.
Mitgewirkt am uruguayischen
Pavillon haben:
Marcelo Danza (Kurator) und sein
Team: Antar Kuri, Borja Fermoselle,
Diego Cataldo, José de los Santos,
Marcelo Staricco und Miguel Fascioli (Kommissar).

„Für andere Nationen mag unser Budget lächerlich sein. Für Uruguay ist es viel Geld
und wir möchten den Menschen gern etwas mitbringen von dem, was wir hier erlebt
haben“, schließt Danza. In einem Seitenraum des Pavillons können Besucher Dinge,
die aus den Pavillons anderer Nationen stammen, gegen einen Beutel uruguayischer
Erde tauschen. Alle getauschten Objekte will Danza nach der Biennale mit nach Hause nehmen und dort in einer Ausstellung zeigen – als Frontbericht.

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KLEINE MOMENTE
DER ARCHITEKTUR

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BELGIEN SIEHT IM MANGEL EINEN
GEWINN UND ERZÄHLT IN VENEDIG
13 ARCHITEKTONISCHE KURZGESCHICHTEN

VON JEANETTE KUNSMANN
Die Photoshop-Visionen von Filip Dujardin sind bekannt. Nun hat der belgische Fotograf eine
Ausstellung mitgestaltet, die sich ausgerechnet mit dem beschäftigt, das man sonst eher übersieht. Mit Bravoure zeigt der belgische Pavillon, dass Schönheit manchmal im Verborgenen liegt.
Und vermutlich ist es das erste Mal, dass auf der Architekturbiennale in Venedig eine Regenrinne
inszeniert wird.
Eagles of Architecture: Umbau Maarschalk Gerardstraat 5 in Antwerpen
Foto: Filip Dujardin

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Wie ein Architekt Schönes mit geringen Mitteln schaffen kann, stand als Ausgangsfrage für diese Ausstellung. „Wir zeigen nur Fragmente von Gebäuden, bei den wir

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Vielleicht ist ja alles ein großes Missverständnis und ganz anders als wir immer dachten? Nicht etwa im Sinne von Mies van der Rohe, weniger sei mehr, sondern eher in
Form einer Versöhnung mit dem Schwinden von Geld, Ressourcen und Zeit. Kann
diese Art von Enthaltsamkeit, von Anti-Reichtum und auch von Kapitalismuskritik,
die aus der europäischen Perspektive irgendwie altbacken wirkt, einen Wert für die
Zukunft haben? Oder sind es hier im belgischen Pavillon nur exzellent gestaltete Bilder, die uns auf ihre Art locken, gleichzeitig aber auch täuschen – eine fragmentierte
Realität also?

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Fotos diese und nächste Seite: Filip Dujardin

dachten, dass Architekten hier einen guten Umgang mit einem Limit gefunden haben“,
erklärt Filip Dujardin und fügt nicht ohne Stolz hinzu: „Auch wenn Schönheit ein sehr
schwieriges Wort in der Architektur ist, wir benutzen es gerne.“
Worin das Besondere der zeitgenössischen belgischen Architektur seinen Ursprung
hat, kann Dujardin auch nicht beantworten. „Wir können wohl gut mit Einschränkungen umgehen, mit Limits in Bezug auf Raum und Budget“, meint der Fotograf
und Künstler. „Viele Architekten denken, solche Parameter wären ein Problem – wir
verstehen sie als Gewinn, als Pluspunkt für eine andere Art von Architektur. Man muss
also umdenken.“ Und er fügt hinzu: „Bei uns geht es um die kleinen Momente der
Architektur.“

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Dadurch, dass Dujardin, der Kunstgeschichte und Fotografie studiert hat, nicht nur
für diese fantastischen Fiktionen verantwortlich zeichnet, sondern auch die Gebäude
fotografiert hat (in seinem Archiv schlummern hunderte von Gebäuden), entsteht eine
visuelle Klammer, die der Ausstellung ihre Einheit gibt. Dabei sind die 13 Fälle durchaus verschieden. Einmal benötigt jemand einen größeren Postkasten, denn im Zeitalter
des Online-Shoppings muss dieser eben extra große Pakete fassen können, nicht nur
Briefe. Mit zwei Modellen verbildlicht der Architekt Jo Van Den Berghe dieses Gedankenspiel, übersetzt dabei aber den in einem Backsteinpfeiler eingebauten Briefkasten
als Neuinterpretation und spielt mit den Proportionen.

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37

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Und was, wenn jemand, der weiß, dass er nicht mehr lange leben wird, ein Zuhause
braucht? Und dieser jemand, der plötzlich schwer erkrankt ist und Pflege benötigt, in
diesem Zuhause auch sterben möchte? Mit einem temporären Einbau begleitet Architekt Wim Goes einen Freund, bei dem Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) diagnostiziert wurde. Die Architektur reagiert klug auf die verschiedenen Phasen der Krankheit,
bleibt dabei simpel und lässt sich wieder rückbauen. Nur zu einer Seite geöffnet, hat
die Frontfassade keine Fenster, sondern besteht aus Stroh, das durch eine Glaswand
vor Witterung geschützt ist.

Um die Ausstellung Bravoure von den Architecten de vylder vinck taillieu, den Innenarchitekten doorzon interieurarchitecten und dem Fotografen Filip Dujardin im
Ganzen zu verstehen, muss man die Geschichten hinter den 13 inszenierten Triptychen kennen. Da steht zum Beispiel mitten im Weg eine mit altrosafarbenen Paneelen
verkleidete Säule, die an eine minimalistische Skulptur erinnert, dennoch irgendwie
vergessen wirkt. Dabei ist diese Säule nicht mehr als sie ist. Genau an eben jener
Stelle mussten bei einem Umbauprojekt in Antwerpen technische Leitungen vertikal
durch das Gebäude gelegt werden – die Architekten haben sie mit einer simplen,
brandschutzsicheren Verkleidung versehen, die nicht verputzt oder versteckt wurde.
Das Altrosa des Gipskartons markiert den Feuerschutz, man kennt diese Farbe von
der Baustelle. Und um dem Dreisatz der Ausstellung zu folgen, zeigen die Kuratoren
ein Foto der Situation, ein 1:1 Modell der Säule und ein Bild mit der Weiterführung
des Themas der klassischen Säule – eine fiktive Fotomontage von Filip Dujardin, ein
Kunstwerk, das der Architektur gegenübergestellt wird.

Die Ausstellung zeigt bewusst keinen großen Maßstab, keine städtebaulichen Modelle, keine Pläne. Christophe Grafe vom Flanders Architecture Institute ging es
vornehmlich ums Handwerk, als er mit der Kommission des belgischen Pavillons
beauftragt wurde: „demonstrating, questioning and celebrating craft“ hieß es in der
Beauftragung. Die 13 architektonischen Kurzgeschichten, die das Team Bravoure
nun in Venedig erzählt, sind mehr als das. Sie verbinden Bravoure mit Handwerk und
Mangel im Sinn von Beschränkung und spannen dabei einen Bogen von der Realität
samt all ihrer Präzision in die Möglichkeitsräume einer anderen Zeit – einer Zeit, die
nicht zwingend Zukunft sein muss. Für Spannung in diesem Spiel sorgen einerseits
die drei Aggregatzustände jeder Geschichte, andererseits das kluge Zusammenspiel
des Kuratorenteams und der Architekten. Was entsteht, ist ein neuer Blick auf das
Gewohnte, das Bekannte, das Ungeliebte – und so entdeckt man eben ganz nebenbei die Schönheit einer Regenrinne.
www.vai.be
www.filipdujardin.be

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WO SIND WIR HIER EIGENTLICH?
VENEDIG SELBST WIRD AUF DER BIENNALE ZUM THEMA

Die Stadt in der Lagune ist für die
zahllosen Besucher der Biennale vor
allem eins: malerische Kulisse. In
den Pavillons erfährt man viel über
die entlegensten Orte der Welt, doch
selten etwas über die Stadt, in der
man sich gerade befindet. Über vier
Beiträge, die das ändern wollen.

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VON STEPHAN BECKER

Álvaro Siza im Vaporetto, Foto: Jordi Burch

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Der Portugiesische Pavillon auf Giudecca, Foto: Nicolò Galeazzi

Über 30 Jahre ist es her, dass Álvaro Siza auf Giudecca seine Wohnsiedlung Campo
di Marte errichten konnte – nun kehrt er zurück. Im Film sieht man ihn zunächst am
winterlichen Markusplatz stehen, den Blick auf die seltsamen Aktivitäten der Touristen
gerichtet, die selbst zu dieser Jahreszeit die Straßen füllen. Um ein guter Architekt
zu werden, müsse man eigentlich nur die Menschen beobachten, nuschelt er noch,
bevor er in das nächste Vaporetto steigt. Auf Giudecca trifft er sich schließlich mit den
Bewohnern seiner Häuser und macht vor allem eins: zuhören.
Letzte Woche war er nun schon wieder vor Ort und diesmal war der Anlass feierlicher.

Hortus Venezia möchte die privaten Gärten Venedigs zugänglich machen – dazu
gehören auch die Giardini, Foto: John Reynolds / CC BY-NC-ND 2.0

In einem seit Jahren lehrstehenden Rohbau wird der portugiesische Pavillon eröffnet
und der Titel der Schau, „Neighbourhood – Where Álvaro meets Aldo“, klingt weitaus sentimentaler als sie ist. Die Kuratoren Nuno Grande und Roberto Cremascoli
haben vielleicht eine der schlauesten Antworten auf Alejandro Aravenas ReportageAuftrag gefunden, weil sie nicht nur vier filmische Langzeitbeobachtungen präsentieren, sondern die Besucher einen Teil der „Front“ selbst erleben lassen. Schon auf dem
Weg zum Pavillon durchstreift man nämlich Sizas schmale Gassen, deren Qualität
keiner weiteren Erklärungen bedarf. Mit der Aktivierung des Rohbaus gelingt nun
außerdem doch noch die Vollendung von Sizas Masterplan – die Bauarbeiten haben

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es früher durchaus mehr Freifläche gab. Trotzdem birgt das Konzept einen gewissen
Charme: Gerade weil immer mehr Menschen aufgrund des anstrengenden Alltags die
Stadt verlassen, könnte wenigstens für die verbliebenen Bewohner die Lebensqualität
steigen.

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Für eine Auseinandersetzung mit den künftigen Potentialen der Lagunenstadt plädiert
auch die Ausstellung „Forests of Venezia“, die eines der Collateral Events der Biennale ist. Der Kurator Jan Åman kämpft zunächst für einen simplen Perspektivwechsel:
Bis heute steht Venedig auf einer Vielzahl von Baumstämmen, die über Jahrhunderte
auf dem nahen Festland gerodet wurden. Würde man die Stadt nun aus dem Wasser
heben und auf den Rücken kehren, stünde man plötzlich in einem Wald. Dieses Bild
sehen die Ideengeber des Projekts, die beiden schwedischen Büros Kjellander +
Sjöberg und Folkhem, als eine nützliche Metapher, um die Herausforderungen der
Gegenwart anzugehen. Schließlich habe Venedig gerade aufgrund seiner ökologischen Ausnahmesituation zu seiner Jahrhunderte währenden Stärke gefunden. Das
Holz allerdings gehöre heute nicht mehr in den Schlamm der Lagune, sondern soll
lieber als richtiges Baumaterial genutzt werden. Verschiedene schwedische Büros untersuchen darum im Gewächshaus, wie sich mit Holz die typischen architektonischen
Elemente der Stadt neu interpretieren lassen.

Forests for Venice interpretiert die venezianische Architektur in Holz, Foto: Adam Mørk

schon begonnen. Die Biennale hinterlässt damit eine nachhaltige Wirkung, die sich
nicht nur auf die gestiegenen Hotelpreise während der Preview-Tage beschränkt.
Eine ähnlich langfristige Perspektive erhoffen sich auch die Macher von Hortus Venezia, das im Rahmen des Biennale-Programms des Hotel Bauer vorgestellt wurde.
Initiiert von Alessandro Possati von der Projektplattform Zuecca Projects, ist die
Idee so einfach wie genial: Wegen der schrumpfenden Bevölkerungszahl Venedigs
werden zunehmend auch viele der privaten Gärten nicht mehr genutzt. Wäre es nicht
möglich, diese Gärten für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, um sie schließlich
sogar zu einem grünen Netzwerk zu verbinden? Angesichts der steinernen Masse,
die Venedig heute ist, erscheint zumindest letzteres nicht gerade realistisch – obwohl

Dass Venedig schon seit Jahrhunderten über ein ausgedehntes Hinterland verfügt,
zeigt sich allerdings nicht nur an der Herkunft der Baumstämme oder bei der Ankunft
am Flughafen. Auch die schwerindustrielle Kulisse, die man hinter den Kreuzfahrtschiffen erkennen kann, verdeutlicht das. Marghera nennt sich dieses Hafen- und Produktionszentrum, dessen Geschichte auf das frühe 19. Jahrhundert zurückgeht und
das heute mit ähnlichen Schrumpfungsprozessen zu kämpfen hat wie viele weitaus
bekanntere Regionen. Unter dem theateraffinen Titel „Up! Marghera on stage“ sucht
man darum in diesem Jahr im Padiglione Venezia nach neuen Ansätzen, wie sich die
industriellen Hinterlassenschaften umnutzen lassen. Das rückt Venedig unerwartet
in die Nähe des amerikanischen Pavillons, der sich, natürlich in einem ganz anderen
Maßstab, mit Detroit beschäftigt. Anstatt fiktionaler architektonischer Versprechen
bietet der Padiglione allerdings handfeste Analysen bunt verpackt – was einen auf
unterhaltsame Weise daran erinnert, was hinter dem engen Lagunen-Horizont noch
alles zu entdecken ist.

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Die Ausstellung „Up! Marghera on stage“ im Padiglione Venezia richtet den Blick auf die Industrielandschaft hinter dem Lagunen-Horizont, Foto: Annette Dubois CC BY-NC 2.0

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PAPAGEI ÜBER BORD
Aufregung bei BIG, denn eine Bootparty bringt doch ein paar Gefahren mit sich. Allerdings ging hier kein Mann über Bord, sondern eine Papageien-Puppe, die auf der Schulter von Kai-Uwe Bergmann saß – zum Glück konnte sie mit der Krücke unseres Fotografen gerettet werden. // Foto: Nils Koenning
        
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