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gmp in China

Full text: Baunetzwoche Issue 451.2016 gmp in China

Das Querformat für Architekten

451
28. April 2016

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GMP IN CHINA

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451

Paar der Woche

DIESE WOCHE

Tipp

Buch

„Wie lange dieses ‚Chinafieber‘, von dem wir befallen sind, anhält, wird man sehen.“ 2003 zeigte
sich Meinhard von Gerkan noch skeptisch und auch Volkwin Marg pflichtete ihm bei: „An den
Aufwendungen für China kann man sich ganz schnell ruinieren.“ Dreizehn Jahre später kann man
konstatieren, dass gmp nicht nur einen langen Atem bewiesen, sondern in China auch schier Unglaubliches geleistet hat und weiter bewirkt. Eine wahre Erfolgsgeschichte

Dossier

9	

News

14	

Architekturwoche

2

19	

gmp in China
Von Oliver G. Hamm
Im Chinafieber
Meinhard von Gerkan im Interview
Der kurze Draht
Einblick in die Arbeit von gmp

3			Architekturwoche
4			News

24

Tipp

26

Interview

30		

Bild der Woche

Titel: Wanxiang Plaza, Shanghai-Pudong
oben: Lingang New City, Fotos: Marcus Bredt

BauNetz Media GmbH

Inhalt

Geschäftsführer: Jürgen Paul
Creative Director: Stephan Burkoff
Chefredaktion: Jeanette Kunsmann
Texte: Stephan Becker, Stephan Burkoff,
Oliver G. Hamm, Jeanette Kunsmann
Gestaltung / Artdirektion : Natascha Schuler

Diese Ausgabe wurde ermöglicht durch:

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K e i n u n e t z w o c ie r e n !
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Jetzt

News

Dossier

Tipp

Buch

Paar der Woche

451

Architekturwoche

3

DONNERSTAG

Inhalt

Ryan Pfluger / TIME

Rem Koolhaas hat es 2008 geschafft und nun, wenige Jahre später, ist schon sein
deutlich jüngerer Freund und Kollege Bjarke Ingels dran: Der Däne ist seit kurzem
auf der TIME-100-Liste der einflussreichsten Persönlichkeiten vertreten.
Koolhaas in seiner Laudatio: Ingels sei der erste wichtige Architekt, der sich vollständig von den Ängsten seiner Profession befreit habe. Damit entspreche er perfekt
dem Zeitgeist, der sich am Unternehmertum des Silicon Valley orientiere. Quiche
Lorraine statt existentiellem Händeringen, so bringt es Koolhaas nach einem Besuch
in Ingels Büro auf den Punkt. Und wundert sich. Anscheinend gehe es also doch:
gute Architektur, ohne die Komfortzone zu verlassen. sb

NEWS
PETER ZIMMERMANN

MICHAEL SAILSTORFER

JOHN HEJDUK

AUSSTELLUNG IN FREIBURG

GALLERY WEEKEND BERLIN

AUSSTELLUNG IN ZÜRICH

Peter Zimmermann, Schule von Freiburg, Museum für
Neue Kunst, Foto: Bernhard Strauss, © VG Bild-Kunst,
Bonn 2016

© Michael Sailstorfer

John Hejduk, Grundriss, Diamond Museum C, 1967

Seit Mitte der Achtzigerjahre lotet Peter
Zimmermann die Möglichkeiten von
Malerei aus, nun zeigt der international
bekannte Protagonist der konzeptuellen
Malerei erstmals eine Werkschau in
seiner Heimatstadt Freiburg. Mit seiner
Ausstellung „Schule von Freiburg“
verwandelt er dabei die Museumsräume
auf radikale Weise zu einem einzigen
begehbaren Werk und spielt mit gewohnten Verhältnissen: Der Boden wird
zur Leinwand und der Ausstellungsort
zu einem gewaltigen räumlichen Gemälde, das sich in leuchtenden Farben über
mehrere Räume erstreckt. Der Besucher
darf darin umherlaufen, sitzen oder
stehen und so zu einem Teil des Werks
werden. Noch bis zum 19. Juni 2016 im
Museum für Neue Kunst Freiburg
www.freiburg.de

Der Ort ist nicht gerade zentral, aber
wer an diesem ersten Maiwochenende
einen Ausflug in Richtung Weißensee
plant, kann auf dem Rückweg noch
einen Schlenker zum Studio von Michael Sailstorfer machen. Der Künstler hat hier zum Gallery Weekend in
Zusammenarbeit mit dem Modelabel
COS die „Silver Cloud“ aufgebaut: eine
Wolke aus Stahl zwischen Schweben
und Fallen mit offensichtlichem Bezug:
„Die Malerei war nur eine Phase, die
ich jetzt hinter mir habe“, hatte Andy
Warhol 1965 angekündigt. „Nun mache
ich schwebende Skulpturen: silberne
Rechtecke, die ich aufblase und die
schweben.“ Vom 28. April bis 1. Mai
2016, 10–16 Uhr, im Studio Michael
Sailstorfer, Liebermannstrasse 24, Berlin
www.sailstorfer.de

Das gta-Institut bringt John Hejduk zurück nach Zürich – der amerikanische
Architekt würdigte die ETH Zürich
einst als seine „europäische Basis“.
Im Vorfeld seines 50. Jubiläums 2017
arbeitet das gta zusammen mit Drawing Matter und Alexander Lehnerers
Lehrstuhl für Architektur und Städtebau daran, eine Ausstellung über John
Hejduk zusammenzustellen. Die erste
Präsentation seiner Zeichnungen soll an
die drei Hejduk-Ausstellungen erinnern,
die das gta zwischen 1973 und 1983
veranstaltet hatte, darunter auch seine
legendäre Ausstellung mit Aldo Rossi
(1973). Zu sehen bis zum 20. Mai 2016,
Ort: ETH Zürich Hönggerberg

Inhalt

www.ausstellungen.gta.arch.ethz.ch

*

417

Architekturwoche

4

News

Dossier

Tipp

Interview

Paar der Woche

451

*Stand: 26. April 2016

Gira Fehlerstromschutz
Sicherheit zum Nachrüsten
Fehlerströme stellen eine ernste, unsichtbare Gefahr dar, die für Menschen und Tiere tödlich sein kann. Sie entstehen durch schadhafte Kabel, defekte Elektrogeräte oder
Feuchtigkeit. Bei Neubauten ist ein in die Installation integrierter Fehlerstromschutz vorgeschrieben. In älteren Gebäuden hingegen fehlt der Fehlerstromschutz häufig. Hier
kommen Lösungen zur Nachrüstung zum Zug – vor allem dort, wo das Risiko besonders groß ist: im Bad, im Kinderzimmer, in der Küche und im Außenbereich. Die Gira
FI-Schutzsteckdose und der Gira FI-Schutzschalter bieten eine einfache und sichere Möglichkeit der Nachrüstung. Als Funktionseinsätze im Gira System 55 können sie mit
allen entsprechenden Abdeckrahmen der Gira Schalterprogramme kombiniert werden. Mehr Informationen unter www.gira.de/neuheiten

Features
Mehr Sicherheit: Schutz von Mensch
und Tier gegen Überströme
Einfach nachrüstbar: SCHUKO-Steckdose und FI-Schalter in einem Gerät
Kostensparend: Mit Ausgang für
weitere geschützte Schuko-Steckdose
Einfach zu installieren: dank Krallen
oder Schraubbefestigung
Attraktives Design: optimal angepasst
an die Gira Einsätze

Inhalt

Architekturwoche

5

News

Dossier

Tipp

Interview

Paar der Woche

451

Abbildungen: Gira FI-Schutzsteckdose 30 mA [links], Gira FI-Schutzschalter 30 mA [rechts],
Schalterprogramm Gira E2,
Reinweiß glänzend

SUSTAINABLE BUILT ENVIRONMENT KONFERENZ IN ZÜRICH

AAC: FUTURE PRACTICE
VON HAMBURG NACH VENEDIG

Inhalt

Architekturwoche

6

News

Dossier

Tipp

Interview

Paar der Woche

451

Palazzo Rossini, Foto: Marcus Bredt

Mit einem Primärenergieverbrauch
von über 40 Prozent steht die gebaute
Umwelt im Fokus weltweiter Strategien
für eine nachhaltigere Zukunft. Jedes
System interagiert mit anderen auf
verschiedenen Ebenen – das Überschreiten dieser Grenzen eröffnet dabei neue
Möglichkeiten, stellt jedoch gleichzeitig
auch aufgrund der steigenden Komplexität neue Herausforderungen dar.
Unter dem Titel „Expanding Boundaries: Systems Thinking in the Built Environment” initiieren die Stadt Zürich,
die ETH Zürich und das Schweizer
Bundesamt für Energie vom 13. bis zum
17. Juni die SBE16 Regionalkonferenz
Zürich – Vortragende sind u.a. Peter
Edwards, Koen Steemers, Chrisna du
Plessis und Serge Salat. Infos und Anmeldung unter: www.sbe16.ethz.ch

Die Academy for Architectural Culture
(aac), eine 2008 gegründete private Ausbildungseinrichtung der gmp-Stiftung,
ist vor vier Jahren in die umgebauten
Räume der ehemaligen Seefahrtsschule
in Hamburg-Altona gezogen, 2016 wird
die internationale gmp-Akademie auch
auf der Architekturbiennale in Venedig
vertreten sein: Neben der Ausstellung
„European Cultural Centre Venice“ im
Palazzo Mora wird im Palazzo Rossini
die Geschichte der aac präsentiert. Der
Workshop zu den „Case Study Houses
für Berlin im 21. Jahrhundert“ ist ebenfalls zu Gast auf der Biennale und wird
dann im Juni in Hamburg fortgesetzt.
Mehr Informationen und Termin unter:

www.aac-hamburg.de

GUMMI-MONOLITH

VITRINE FÜR BETONSCHALEN OBJEKT BEI BAUNETZ WISSEN

DEMO:POLIS

Foto: Thomas De Bruyne

© Christoph Seelbach Fotografie, Köln für Climaplus
Securit-Partner, Stolberg

Brooklyn Bridge Park New York, Foto © Etienne Frossard

Bunker, Wirtschaftsgebäude oder gar
ein Monument? Das auf den Namen
Pibo getaufte Domizil weckt viele Assoziationen, nur an ein Wohnhaus denkt
man auf den ersten Blick nicht. Wie
eine Sprungschanze schießt es in die
Höhe und formt ein markantes Volumen inmitten der belgischen Kleinstadt
Maldegem. Die Fassade aus Gummi
und ein begrüntes Dach, das sich aus
dem Grundstück herauszufalten scheint,
komplettieren das einzigartige Erscheinungsbild des Wohnhauses, das nicht
nur gut aussieht, sondern auch hohen
ökologischen Standards entspricht. Und
die Raumaufteilung haben die Architekten OYO auf den Kopf gestellt und die
Schlafzimmer unter dem Wohnbereich
geplant.
www.designlines.de

Einen lichten Pavillon auf der grünen
Wiese dürfen Studierende der RWTH
Aachen neuerdings zum Lernen nutzen.
Was als interdisziplinäres Forschungsprojekt begann, wurde in Zusammenarbeit mehrerer Fakultäten des
Bauingenieurwesens vollendet zu einer
glasklaren, quadratischen Vitrine für
doppelt gekrümmte Schalen aus Textilbeton. Inspiriert von den Bauten Félix
Candelas oder Ulrich Müthers in den
Fünfziger- und Sechzigerjahren, sorgt
das weit gespannte, extrem schlanke
und pilzähnlich konzipierte Tragwerk
für einen Innenraum, der nahezu frei ist
von Einbauten. Die transparente Hülle
ist bruchsicher, erhält die natürliche
Wirkung des Tageslichts und schützt
doch vor Überhitzung.
www.baunetzwissen.de/Glas

„Die Ära der alten Gewissheiten, der
Selbstzufriedenheit, ist vorbei. Der
öffentliche Raum ist zum politischen
Spannungsfeld geworden, seine Nutzung und Gestaltung sind Verhandlungssache der Zukunft.“ Mit der
Ausstellung DEMO:POLIS stellen die
Kuratoren Wilfried Wang und Barbara
Hoidn die vielschichtige Bedeutung
des öffentlichen Raums vor – Modelle,
Entwürfe und Konzepte lassen die politische Dimension des Raums erkennbar
werden. Gezeigt werden unter anderem
Projekte von Hans Haacke oder Elfi
Mikesch sowie Entwürfe von Barkow
Leibinger, Foster + Partners, Lacaton &
Vassal und SADAR+VUGA. Noch bis
zum 29. Mai 2016 in der Akademie der
Künste, Hanseatenweg 10, Berlin
www.adk.de

PROJEKT BEI DESIGNLINES

AUSSTELLUNG IN BERLIN

Inhalt

Architekturwoche

7

News

Dossier

Tipp

Interview

Paar der Woche

451

NEWS
WOLFSBURG UNLIMITED

BERLIN RAUM RADAR

EINE STADT ALS WELTLABOR

ARCHITEKTURFOTOGRAFIE IM NEUE
WEST

Inhalt

Architekturwoche

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News

Dossier

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Interview

Paar der Woche

451

Blick in die Installation „Midwest” von Julian Rosefeldt,
© Julian Rosefeldt, © VG Bild-Kunst, 2016, Foto: Marek
Kruszewski

Ralph Mecke, King Size, Berlin, 2012

Wolfsburg und Volkswagen waren, sind
und bleiben unzertrennlich verbunden.
Da passt es also, dass Julian Rosefeldt,
der vor der Kunst übrigens Architektur
studiert hat, Container aus dem Braunschweiger Hafen im Wolfsburger Kunstmuseum zu einem Terminal errichtet
und gegenüber mit der Installation
„Midwest“ ein Autokino inklusive Autos
aufgebaut hat. Das Projekt ist eins von
sieben Großprojekten, welche die Stadt
im Museum spiegeln und als „Weltlabor“ erlebbar machen sollen. Direktor
Ralf Beil will mit seiner Ausstellung
„Wolfsburg Unlimited“ das gesamte
Museum zum Ausstellungsort werden
lassen und Urbanität im Format 1:1
zeigen. Noch bis zum 11. September im
Kunstmuseum Wolfsburg
www.kunstmuseum-wolfsburg.de

Das Thema ist nicht neu, der Ort schon.
30 Fotografen, darunter Menno Aden,
Iwan Baan, Tacita Dean, Andreas
Gehrke, Andreas Mühe und Friederike
von Rauch, haben sich mit dem Wandel
Berlins auseinandergesetzt – die Ausstellung dazu wird unter dem Titel „Berlin
Raum Radar“ jetzt in dem frisch sanierten und von AHM Architekten umgebauten Gründerzeitensemble in der
Potsdamer Straße Neue West gezeigt.
Ehrlicher, als die Fertigstellung mit so
einer abgelichteten Berlin-Wehmut zu
feiern, kann Immobilienarchitektur
eigentlich kaum sein. Die Vernissage ist
am Freitag, 29. April 2016, von 17–21
Uhr, die Ausstellung läuft bis zum 6. Mai
2016 im Neue West, Potsdamer Straße
91, 10785 Berlin
www.neuewest.de

Architekturwoche

Sportpark, Foshan, Foto: Julia Ackermann

Inhalt
9

News

Dossier

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Interview

Paar der Woche

451

GMP IN CHINA

Paar der Woche

VON OLIVER G. HAMM

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Architekturwoche

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News

Dossier

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GMP IN CHINA

Interview

451

„Wie lange dieses ‚Chinafieber‘, von dem wir befallen sind, anhält, wird man
sehen.“ In einem Interview von 2003 war Meinhard von Gerkan durchaus
noch skeptisch und Volkwin Marg pflichtete ihm bei: „An den Aufwendungen für China kann man sich ganz schnell ruinieren.“ Dreizehn Jahre
später kann man konstatieren, dass das Architekturbüro gmp · von Gerkan,
Marg und Partner nicht nur einen langen Atem bewiesen, sondern auch
schier Unglaubliches in China geleistet hat und weiter bewirkt. Eine wahre
Erfolgsgeschichte.
Es begann 1999 mit einem Baustellenbüro für die Deutsche Schule Peking. Doch
noch bevor in China selbst der erste Auftrag unter Dach und Fach gebracht werden
konnte (natürlich nach vorangegangenem Wettbewerbserfolg, wie es bei diesem
Architekturbüro die Regel ist), eröffnete gmp eine erste „richtige“ Dependance in
China: mit einer Handvoll deutschen und zwei chinesischen Mitarbeitern, von denen
einer, Wu Wei, seit 2004 assoziierter Partner und seit 2009 Partner für China im Büro
gmp ist. Bereits seit einigen Jahren sind nun kontinuierlich mehr als hundert Mitarbeiter in den mittlerweile drei gmp-Büros in Peking, Shanghai und Shenzhen tätig. Einige
davon bereits seit mehr als zehn Jahren, neben Wu Wei etwa die assoziierten Partner
Stephan Rewolle (Peking) und Magdalene Weiss (Shanghai), die gemeinsam mit den
langjährigen gmp-Partnern Nikolaus Goetze und Stephan Schütz die Büros in China
leiten.
Deutsche Schule von gmp in Peking, Foto: Marcus Bredt

Inhalt

Architekturwoche

11

News

Dossier

Tipp

Interview

Paar der Woche

451
Das „Reich der Mitte“ und insbesondere die großen Ballungsgebiete haben sich in
den letzten Jahrzehnten in atemberaubendem Tempo verändert. Viele chinesische
Städte haben sich gewissermaßen runderneuert, manche sind kaum wiederzukennen,
wenn man frühere Fotografien oder eigene Eindrücke mit heutigen vergleicht. Zahlreiche ausländische Architekturbüros haben an dem vermeintlich nicht enden wollenden Bauboom partizipiert. Auch einige deutsche Büros wagten den Schritt nach
China, aber kein anderes auch nur annähernd so konsequent wie gmp. Der Erfolg
in China gibt dem in Hamburg gegründeten Architekturbüro mit insgesamt dreizehn
Standorten weltweit (davon neun im Ausland) Recht.
Ein Vergleich der Fertigstellungszahlen belegt eine erstaunliche Trendwende, gewissermaßen eine Umkehrung der Verhältnisse, wie sie noch zur Jahrtausendwende herrschten: Im Jahr 2000, als gmp mit der Deutschen Schule Peking sein erstes Projekt in
China vollendete, wurden in Deutschland 16 gmp-Bauten errichtet. Fünf Jahre später
feierte gmp erstmals genauso viele chinesische wie deutsche Fertigstellungen (jeweils
sechs). Seitdem lag China – mit einer Ausnahme im Jahr 2013 – immer deutlich vor
Deutschland und dem Rest der Welt. In den Jahren 2011 und 2012 realisierte gmp
in China mit 30 Gebäuden sogar mehr als doppelt so viele wie in Deutschland und im
Rest der Welt (13), seit 2006 lautet das Verhältnis 83:65. Bis Ende 2015 kam gmp
auf insgesamt 93 Bauwerke in China,
zudem sind derzeit über fünfzig von gmp
entworfene Gebäude im „Reich der
Mitte“ im Bau und weitere über vierzig in
Planung. Vermutlich wird das Architekturbüro noch in diesem Jahr die Fertigstellung seines hundertsten Gebäudes
in China feiern können.

Links oben: Bau des Internationalen Messe- und Kongresszentrums Nanning, 2001, Foto: gmp, unten: Masterplan
Lingang New City von gmp, Foto: Heiner Leiska

Links: Shanghai Oriental Sports Center, rechts: Maritime Museum, Lingang New City
Fotos: Marcus Bredt

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Architekturwoche

12

News

Dossier

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Interview

Paar der Woche

451

Nicht nur die Anzahl der Bauten und Projekte, auch die Vielfalt der Planungs- und
Bauaufgaben von gmp in China ist beeindruckend. Neben zahlreichen Büro- und
Gewerbebauten hat gmp unter anderem eine Kirche, ein Luxus-Apartmenthaus, eine
große Sozialwohnungsbebauung, zwei Hotels, zwei Bahnhöfe, drei Messe- und Kongresszentren, drei Sportparks und zusätzlich zwei einzelne Sportbauten, vier Museen
und drei Opernhäuser errichtet (ein weiteres Opernhaus ist derzeit im Bau, ein fünftes
in Planung). Und mit dem Masterplan für Lingang New City (seit 2003 im Bau) südlich
von Shanghai hat gmp zudem die Struktur für die mit künftig 830.000 Einwohnern
größte Stadtneugründung seit Brasília und Chandigarh vorgegeben. Derzeit arbeitet
gmp unter anderem an der vertieften Masterplanung für den sogenannten Westbund in Shanghai, ein 89 Hektar großes, zehn Stadtquartiere umfassendes Gebiet
mit ehemaligen Hafen- und Industrieanlagen. Dort soll ein urbaner Schwerpunkt für

Dienstleistungen, Gesundheits- und Finanzwesen mit öffentlichen Parkanlagen und
Kulturfunktionen entstehen – mit einer Bruttogeschossfläche von unfassbaren 1,7
Millionen Quadratmetern.
Bauwerke von gmp prägen mittlerweile mehr als zwanzig chinesische Städte, oft an
besonders bedeutenden Orten: etwa das Chinesische Nationalmuseum am Platz
des Himmlischen Friedens in Peking, das vergleichsweise kleine, aber feine Bürogebäude Wanxiang Plaza in der Skyline von Shanghai-Pudong und seit kurzem auch das
Bürogebäude SOHO Bund, das den westlichen Abschluss der berühmten Uferpromenade von Shanghai bildet. In Lingang besetzen gmp-Bauten gleich mehrere
stadträumlich besonders wirkungsvolle Orte, darunter das Maritim-Museum und das
Verwaltungsgebäude des Nanhui-Distriktes.

451

Dossier

Tipp

Interview

Paar der Woche

Diese gewaltige Bauleistung ist das Ergebnis einer deutschchinesischen Zusammenarbeit auf gleich mehreren Ebenen. Die
für ausländische Architekturbüros gesetzlich vorgeschriebene
Zusammenarbeit mit einem chinesischen Partnerbüro entlastet
gmp von Teilen der Planungsleistungen (insbesondere von der
Ausführungsplanung und von der Ausschreibung) – und ist eine
der Voraussetzungen dafür, dass das Büro in China überhaupt so
viele Bauwerke planen und realisieren kann. Doch die deutschchinesische Zusammenarbeit wird bei gmp auch im eigenen
Büro gepflegt – und die Aus- und Weiterbildung chinesischer
Architekten in doppelter Hinsicht gefördert: zum einen bürointern
und zum anderen im Rahmen der von gmp gegründeten Academy
for Architectural Culture (aac) in Hamburg. Viele chinesische Architekten beginnen mittlerweile ihre berufliche Laufbahn bei gmp.
In den drei chinesischen Büros sind sie mit rund drei Vierteln der
Belegschaft schon seit Jahren klar in der Mehrzahl.

Inhalt

Architekturwoche

13

News

Das „Chinafieber“ hat nicht nur das Land selbst, sondern auch
das größte Architekturbüro mit deutschen Wurzeln verändert.
Und es ist längst noch nicht abgeklungen…

Christliche Kirche, Peking, Foto: Christian Gahl

IM CHINAFIEBER: EIN GESPRÄCH
MIT MEINHARD VON GERKAN

Inhalt

Architekturwoche

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News

Dossier

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Interview

Paar der Woche

451

VON OLIVER G. HAMM
Wenn deutsche Architekten in
China bauen, bedeutet das einen
Sprung in eine andere Kultur und
meist einen noch gewaltigeren
Sprung im Maßstab. Begonnen
hat das Chinafieber 1999 mit einer
Ausstellung in Peking, 17 Jahre
später hat das Büro fast 100 Bauten
in China errichtet und insgesamt
sogar fast 200 Projekte geplant.
Meinhard von Gerkan erinnert sich
an seine erste Zeit in Peking und
verrät, dass gmp in China mittlerweile größere Gewinne erzielt als in
Deutschland.

Chinesisches Nationalmuseum, Peking, Modellpräsentation
am 6. Dezember 2014 mit Chinas Ministerpräsident Wen
Jiabao (links), Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (Mitte)
und Meinhard von Gerkan (rechts). Foto: gmp-Archiv

Inhalt

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Interview

Paar der Woche

451
Wohnungsbau Xinzhao, Peking - 2. Bauabschnitt
Foto: Jan Siefke

Die gmp-Saga in China begann vor
18 Jahren, mit dem erfolgreichen
Wettbewerbsentwurf für die Deutsche
Schule in Peking. Waren Sie denn vor
1998 schon einmal in China? Nein,
nicht einen Fußbreit.

Peking konnten wir unser Werk ausstellen: in einem der prominentesten
Museen in Peking, das die Witwe eines
in China hoch angesehenen Malers zur
Verfügung gestellt bekommen hatte,
deren Tochter seinerzeit an der HfBK
Hamburg studierte und bei uns angefragt hatte, ob wir eine Ausstellung
organisieren könnten. Unsere Arbeit ist
von den rund 600 Eröffnungsgästen aus
den höchsten Kreisen der chinesischen
Gesellschaft sehr gut aufgenommen
worden. Dazu kam, dass ich mehrere
Fernsehinterviews gab, die dann sehr
oft gesendet wurden. Das war gewissermaßen die Geburtsstunde. Als dann
im Jahr darauf die Deutsche Schule
fertiggestellt wurde, fand auch sie viel
Anklang. Das Interesse an unserem
Werk hat uns innerhalb kürzester Zeit
Einladungen zu mehreren Wettbewerben eingebracht, von denen wir etwa
zwei Drittel gewonnen haben. Unser
Aktionsradius hat sich dann ganz schnell
über Peking hinaus ausgeweitet.

Insofern war es also eher ein Zufall,
dass Sie in China „gelandet“ sind?
Das ist richtig. Die Bundesbaudirektion
hat seinerzeit alle zwölf Wettbewerbsteilnehmer und alle Preisrichter zum
Kolloquium nach Peking eingeladen.
Die Intensität der Bauaktivität dort, von
der ich mir zuvor keine Vorstellung hatte
machen können, hat mich damals sehr
beeindruckt – und zugleich hat mich
erschüttert, wie medioker das alles war.
Die Chinesen haben sich seinerzeit viel
von den Amerikanern abgeguckt, aber
dann musste es doch irgendwie chinois sein und deshalb kam oben auf die
Gebäude oft so etwas wie ein Pagodendach drauf. Das hatte alles keinen
Charakter, und daher war für uns klar,
dass wir einen ganz neuen Weg gehen
mussten.
Wie ist es gmp dann gelungen, sich
nach der zunächst einmaligen Bauaufgabe in China zu etablieren?
Wir kamen auf den Gedanken, uns in
China zu präsentieren – denn zu dieser
Zeit kannte uns ja kein Mensch dort.
Während des UIA-Kongresses 1999 in

WIR HABEN IN CHINA SOGAR
EINEN GRÖSSEREN PROFIT
ALS IN DEUTSCHLAND.

Gab es um die Jahrtausendwende
schon viele ausländische Architekturbüros in China? Damals waren vor allem einige amerikanische Büros in China
aktiv, etwa KPF, SOM und Gensler, aber
auch ein paar französische Architekten.
Die kümmerten sich aber fast nur um

Inhalt

Architekturwoche

16

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Interview

Paar der Woche

451
Kommerzbauten, während wir unter anderem Kultur-, Sport- und auch Messebauten geplant haben, darunter allein
fünf Opernhäuser.
Was in China sofort ins Auge springt,
sind die Dimensionen der Städte und
auch einzelner Gebäude, die alles
in den Schatten stellen, was wir aus
Europa kennen. War es für Sie eine
besondere Herausforderung, Architektur und auch Stadtplanung in
ganz anderen Maßstäben realisieren
zu können – oder haben Sie das einfach aus dem Ärmel geschüttelt? Ich
hatte mir immer schon gewünscht, mal
ein richtiges Hochhaus zu bauen. Das
höchste Gebäude, das wir je in
Deutschland gebaut haben, für die Post
in Braunschweig (1990), ist ja mit 14
Geschossen noch vergleichsweise
moderat. Aber was in China auf uns
zukam, wo manche Projekte auf eine
Bruttogeschossfläche von einer halben
Million Quadratmeter kommen, ist natürlich unvorstellbar. Und die Planung einer

BEI HOCHHÄUSERN WIRD INZWISCHEN AUF DIE
DEKORATIVE KIRSCHE „ON TOP“ VERZICHTET UND
MEHR AUF DEN KLIMAHAUSHALT GEACHTET.

Inhalt

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Paar der Woche

451
ganzen Stadt wie Lingang New City wäre im heutigen Europa gar nicht mehr möglich.
Können ausländische Architekturbüros inzwischen in China ganz unabhängig
arbeiten? Nein, wir alle haben gar keine Zulassung in China – insofern sind wir auf
chinesische Partnerbüros angewiesen. Das bringt uns ökonomisch aber sogar einen
Vorteil, denn für die Kosten, für die chinesische Büros die Ausführungsplanung abwickeln, könnten wir das gar nicht machen.
Ist denn das Planen und Bauen in China unter ökonomischem Gesichtspunkt
überhaupt ertragreich? Wir haben in China sogar einen größeren Profit als in
Deutschland.
Das ist erstaunlich. Woran liegt das? Der Hauptgrund ist, dass die Art und Weise,
wie eine Planung in China abläuft, himmelweite Unterschiede zu unseren Standards
aufweist. Alles, was in Deutschland gemacht wird, hat sich schon in Normen verfestigt – anders als in China. Dazu kommt, dass es dort keine Bauordnung gibt, wie wir
sie aus Deutschland kennen. Wenn man sich in Deutschland etwas ausdenkt, was
nicht den Normen entspricht, hat man es sofort mit Bedenkenträgern zu tun – und das
kostet wahnsinnig viel Zeit. In China gibt es aber gar keine qualifizierten Behörden,
die über das entsprechende Know-how verfügen. Also haben sie sich dort Folgendes
ausgedacht, was uns zugute kommt: Hochschulprofessoren, die allerdings häufig
selbst nicht bauen, werden zu sogenannten Experten ernannt, denen man seine Planung vorstellt und erläutert. Im Gegensatz zur deutschen Besserwisser-Mentalität ist
es in China üblich, freundlich zu sein und zu sagen: „Das kriegen wir schon hin.“
In China hat gmp, zum Beispiel bei Verwaltungsbauten, oft nicht die Möglichkeit, auch die Innenräume zu planen. Wie verträgt sich das mit Ihrem Anspruch,
ganzheitlich zu planen, so wie Sie es in Deutschland gewohnt sind?
Chinesische Firmen legen Wert auf ein großes Maß an Freiheit für Veränderungen.
Außerdem ist es ein großer Unterschied, ob eine Firma für sich selbst baut oder ob
ein Investor für einen zunächst noch nicht bekannten Nutzer baut, dem dann der Innenausbau weitgehend selbst überlassen wird.

Vorhergehende Seite: Chinesisches Nationalmuseum, Peking, Foto: Christian Gahl
Diese Seite: Museum für Kunst, Kultur und Wissenschaft, Changchun, Foto: Marcus Bredt

Haben Sie den Eindruck, dass sich die Architekturqualität in China positiv entwickelt? Ja, wenn wir den Wohnungsbau mal außer Betracht lassen. Bei Hochhäusern wird inzwischen auf die dekorative Kirsche „on top“ verzichtet und mehr auf den
Klimahaushalt geachtet.

Meinhard von Gerkan ist Gründungspartner des 1965 eröffneten Büros von
Gerkan, Marg und Partner. Ab 1974 lehrte er als ordentlicher Professor an der TU
Braunschweig (Lehrstuhl A für Entwerfen) und leitete das Institut für Baugestaltung A. Seit 2007 ist er Präsident der Academy for Architectural Culture (aac) in
Hamburg. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Fritz-Schumacher-Preis,
den Großen Preis des Bundes Deutscher
Architekten und das Bundesverdienstkreuz.

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Dossier

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Interview

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451

Grand Theater, Tianjin
Foto: Christian Gahl

DER
KURZE
DRAHT
EIN
EINBLICK
IN DIE ARBEIT
VON GMP IM
„REICH DER
MITTE“
VON
NIKOLAUS GOETZE
UND STEPHAN SCHÜTZ,
AUFGEZEICHNET
VON OLIVER G. HAMM

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Architekturwoche

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News

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Interview

Paar der Woche

451

SOHO Fuxing Lu, Shanghai
Foto: Christian Gahl

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Interview

Paar der Woche

451
Seit einigen Jahren wird jedes zweite Gebäude weltweit in China gebaut. Das wird
sicher auch so weitergehen, wenngleich es im „Reich der Mitte“ derzeit eine kleine
wirtschaftliche Delle gibt. Chinesische Städte werden weiter wachsen und es werden
sicher auch noch zahlreiche Städte ganz neu entstehen – eine Studie der World Bank
Group aus dem Jahr 2014 prognostizierte den Bedarf auf rund zweihundert weitere
Millionenstädte!
Es gibt nach wie vor einen enormen Druck, vom Land in die Städte umzusiedeln.
Noch immer leben in China rund zwanzig Prozent der Bevölkerung auf dem Land

und ausschließlich von der Landwirtschaft, sie sind meist bettelarm und sehen in
der Landflucht oft den einzigen Ausweg. Die Landflucht ist eine Bedrohung für den
„Speckgürtel“ der Städte, insbesondere an der Ostküste. Um den Druck abzumildern,
bietet sich der Bau von Satellitenstädten wie etwa Lingang New City – zur Entlastung
von Shanghai – an. Wir haben 2003 einen Wettbewerb für die Planung dieser Stadt
gewonnen, die ursprünglich für 300.000 Bewohner gedacht war und inzwischen für
830.000 Einwohner veranschlagt ist und ein großes Industrie- und Logistikzentrum für
den nahegelegenen, neuen Tiefwasserhafen Yangshan beinhaltet. Ein Teil dieser Stadt
ist mittlerweile nach einem Masterplan von gmp errichtet worden, wir haben zudem in
Lingang zahlreiche Gebäude selbst entworfen und mit der Unterstützung chinesischer
Partnerbüros auch gebaut.
gmp ist ein Wettbewerbsbüro. Auch in China
erhalten wir kaum Direktaufträge, vielleicht
drei oder vier Prozent. Bei Wettbewerben
haben wir allerdings eine sehr hohe Erfolgsquote von ungefähr 1:5 – obwohl der
Konkurrenzkampf anspruchsvoller geworden
ist, denn wir konkurrieren hier mit den Büros
von Norman Foster und der kürzlich leider
verstorbenen Zaha Hadid, mit SOM, HOK,
SANAA und vielen anderen, inzwischen auch
chinesischen Büros.
Als wir unser erstes Gebäude in China
errichtet haben – die im Jahr 2000 fertiggestellte Deutsche Schule Peking, die auf
deutschem Hoheitsgebiet, mit deutscher
Bauordnung und deutschen Bauunternehmen entstanden ist –, hatten wir nur
ein Baustellenbüro mit einem Bauleiter und
ein oder zwei Planern vor Ort. Nachdem wir
Museum für Kunst, Kultur und Wissenschaft, Changchun
Foto: Marcus Bredt

uns auch in China erfolgreich an Wettbewerben beteiligt hatten – zum Beispiel schon
1999 an jenem für das Internationale Messe- und Kongresszentrum Nanning –, haben
wir zunächst lange überlegt, ob es sinnvoll wäre, ein Büro in China zu eröffnen. Es hat
sich dann erwiesen, dass man in China unbedingt vor Ort präsent sein muss, um für
den Bauherren jederzeit ansprechbar zu sein.
In China gibt es eine ganz andere Kommunikationskultur als in Deutschland. Die
Chinesen lieben es, oft und lange miteinander zu reden. Verabredungen zum Beispiel
für Besprechungen werden normalerweise nicht langfristig getroffen, vieles wird ad
hoc besprochen – und die wirklichen Probleme manchmal erst beim gemeinsamen
Abendessen. Nachdem wir 2002 ein Büro in Peking eröffnet hatten, haben wir schnell

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451

NUN KÖNNEN WIR EINE
MENGE KOMPETENZ
AUS CHINA ZURÜCK
NACH DEUTSCHLAND
BRINGEN.

festgestellt, dass die Bauherren diese Nähe schätzten – und dass uns „der kurze
Draht“ zu den Bauherren zum eigenen Vorteil gereichte. Unser Partner für China, Wu
Wei, seit dem Jahr 2000 in unserem Büro, hatte und hat bedeutenden Anteil bei der
Entwicklung und Pflege der Beziehungen zu unseren Auftraggebern in China. Der
zweite Schritt ging nach Shanghai 2004, nachdem wir den Auftrag für die Planung
von Lingang bekommen hatten. Er war notwendig, weil es dort ein ganz anderes
Kulturverständnis als in Peking gibt: Die Hauptstadt steht für das politische Zentrum,
während Shanghai eher geschmeidig und wandelbar wie eine Katze ist. 2007 haben
wir schließlich in Shenzhen, der seinerzeit am schnellsten wachsenden Stadt Chinas,
ein drittes Büro gegründet.

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451
Ursprünglich haben wir jeweils etwa zur Hälfte Deutsche und Chinesen in unseren
Büros beschäftigt. Mittlerweile hat sich das Verhältnis auf etwa ein Viertel Deutsche
und drei Viertel Chinesen eingependelt – auch um den Bauherren zu zeigen, dass wir
ein deutsch-chinesisches Büro sind.
In den Verträgen, die wir üblicherweise abschließen, steht zwar, dass gmp nur den
Entwurf und die Leitdetails übernimmt und ab der Werkplanung die Verantwortung an
ein chinesisches Partnerbüro abgibt. Aber ein Teil unseres Erfolges in China liegt si-

cher auch darin begründet, dass wir die Projekte immer von A bis Z begleiten. Wie ein
Gebäude in Erscheinung tritt, planen wir bis ins Detail durch. Dazu kommt, dass wir
– was in China und übrigens auch im angloamerikanischen Raum völlig ungewöhnlich
ist – als Architekten uns um die Bauleitung kümmern. Wir machen zwar kein Terminund kein Kostenmanagement, aber Qualitätsmanagement.
Die chinesischen Partnerbüros sind im Laufe der Zeit viel professioneller geworden.
Sie arbeiten aber immer noch anders als wir das von deutschen Ingenieurbüros
gewohnt sind, nämlich Schritt für Schritt.
Sie beginnen erst dann mit der Arbeit, wenn
sich der Architekt mit dem Bauherren auf
einen Entwurf geeinigt hat – anders als in
Deutschland, wo wir von Anfang an integriert
planen und wo schon bei der ersten Besprechung alle mit am Tisch sitzen. Das liegt
daran, dass die chinesischen Ingenieurbüros
mit manchmal 3.000 Mitarbeitern für ihre
Schnelligkeit honoriert werden: Sie bekommen ein relativ niedriges Grundhonorar,
aber dazu kommt eine Prämie, die von der
Dauer des Planungs- und Bauprozesses
abhängig ist. Daraus folgt, dass sie erst
einmal abwarten, bis der Entwurf endgültig
abgesegnet wurde, aber dann wahnsinnig
schnell planen. Ein Nachteil ist, dass dann
leider nichts mehr zu ändern ist, also kann ein
Projekt im weiteren Planungsprozess nicht
weiter optimiert werden. Es ist eben ein ganz
anderer Planungsprozess als in Deutschland.

Diese Seite: Wanxiang Plaza, Shanghai-Pudong, Foto: Marcus
Bredt, vorhergehende Seite: Wohnungsbau Xinzhao, Peking - 1.
Bauabschnitt, Foto: FuXing Studio

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Die Entscheidung der chinesischen Regierung, ausländische Büros mit chinesischen
Partnern „zwangszuverheiraten“, hatte ganz klar strategische Gründe und diente dazu,
Know-how abzuschöpfen. Das hat zur Folge, dass aus den Partnerbüros immer mehr
Konkurrenten werden, die sich verselbstständigen und inzwischen sogar „Langnasen“,
also Europäer, für sich arbeiten lassen. Dieser Know-how-Zuwachs der Chinesen hat
für uns zur Folge, dass wir uns selbst immer weiterentwickeln und verbessern müssen.
Er führt aber auch zu besseren Gebäuden: Die Architekturqualität in China ist heute
deutlich besser als vor 15 oder 20 Jahren.
Auch das Bewusstsein für die Umweltqualität ist deutlich gestiegen – vor allem in
Peking und in Shanghai. Das Thema Nachhaltigkeit wird mittlerweile ernst genommen – auch von der Regierung, die entsprechende Gesetze verabschiedet hat und
selbst versucht, mit gutem Beispiel voranzugehen: Inzwischen werden in China fast
alle öffentlichen Gebäude zertifiziert - meist nach einem eigenen chinesischen System, das eine Mischung aus LEED und DGNB ist. Problematisch ist allerdings, dass
die Einhaltung der Standards noch viel zu sehr dem Bauherren und den ausführenden
Unternehmen überlassen wird.
Wir betrachten Kultur- und Know-how-Transfer immer in zwei Richtungen. Daher
profitieren auch wir bei gmp davon, dass wir in China immer wieder etwas Neues dazulernen, das wir dann zum Beispiel für unsere Arbeit in Deutschland nutzen können,
etwa beim Wohnungsbau. Wir haben bereits 2002 und 2004 ein sehr großes Wohnungsbauprojekt in Peking realisiert – Xinzhao, mit rund 6000 sehr preiswerten Sozialwohnungen aus Fertigteilen. Wie es in China auch aus Kostengründen üblich ist,
haben wir die Wohnungen gewissermaßen im Rohbauzustand zum Ausbau durch den
späteren Nutzer übergeben. Für Xinzhao interessieren sich inzwischen sogar große
Wohnungsbaugesellschaften in Deutschland. Schließlich sind manche deutschen
Städte längst in einer ähnlichen Situation wie chinesische: So müssen allein in Berlin
über 400.000 Wohnungen bis zum Jahr 2030 gebaut werden. Und nun können wir
eine Menge Kompetenz aus China zurück nach Deutschland bringen.
Natürlich spüren auch wir die wirtschaftliche Delle in China. Die Boomjahre sind
vorbei. Aber wir sehen dort weiterhin gute Chancen. Die Weichen sind gestellt für
ein langfristiges gmp-Engagement in China. Wir müssen uns natürlich auch weiterhin
darum bemühen, besser zu sein als die Konkurrenz.

DIE HAUPTSTADT STEHT FÜR
DAS POLITISCHE ZENTRUM,
WÄHREND SHANGHAI EHER GESCHMEIDIG UND WANDELBAR
WIE EINE KATZE IST.

Nikolaus Goetze ist seit mehr als 25 Jahren Architekt und seit 1998 Partner im Büro
gmp - Architekten von Gerkan, Marg und Partner. Er leitet Büros in Hamburg, in
Shanghai und in Hanoi und ist verantwortlich u.a. für das Grand Theater Chongqing,
die Masterplanung und das Maritim-Museum für Lingang, das Hanoi Museum und
das Nationalparlament in Hanoi sowie die Kunsthalle Mannheim (im Bau).
Stephan Schütz ist seit 1994 Architekt und seit 2006 Partner im Büro gmp - Architekten von Gerkan, Marg und Partner. Er leitet Büros in Peking, in Shenzhen und
gemeinsam mit Hubert Nienhoff in Berlin und ist verantwortlich u.a. für die Weimarhalle, das Tempodrom in Berlin, das Opernhaus Qingdao sowie die Christliche
Kirche, das Bürogebäude CYTS Plaza und das Chinesische Nationalmuseum, alle in
Peking.

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diese Seite: „KIOSK“, © Architektur/Zeichnung: Marius
Westermann; nächste Seite v.l.n.r.: Ruth Berktold, Julia Erdmann, Peter Cachola Schmal und Boris Schade-Bünsow,
Fotos: Markus Eichelmann / JUNG Architekturgespräche

ARCHITEKTUR UND VERANTWORTUNG
EINE DISKUSSION IN FRANKFURT

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Politische und gesellschaftliche Veränderungen wirken sich auch auf die Gestaltung der Lebensräume der Menschen
aus und stellen Architekten vor neue
Herausforderungen. Wie Architektur
verantwortungsvoll und angemessen
auf die neuen Anforderungen reagieren
kann, wurde am 19. April auf den 11.
JUNG Architekturgesprächen in Frankfurt am Main diskutiert. Ruth Berktold
von YES ARCHITECTURE. und Julia
Erdmann von Stephen Williams Associates erläuterten ihre persönliche architektonische Haltung und die derzeitige und
zukünftige soziale Verantwortung der
Architekten. Moderiert wurde die Veranstaltung von Boris Schade-Bünsow,
Chefredakteur der Bauwelt.
Ruth Berktold orientierte ihre Präsentation an der Megatrend-Map 2.0 des zukunftsInstituts: Globalisierung, Urbanität, Silver Society und Female Shift sind
exemplarische Entwicklungskonstanten

unserer globalen Gesellschaft, auf die
Architektur einwirken kann. Als weiteren Aspekt ging sie auf die typologischen
Veränderungen des Entwurfsprozesses
durch zukunftsorientierte Softwareentwicklungen wie BIM oder der Einsatz
von Universal Design in der Architektur
ein.
„Architektur ist dann verantwortungsvoll, wenn sie Verantwortung für das
Leben übernimmt“, lautet die These von
Julia Erdmann. Die wichtigste Aufgabe eines Architekten sei es, sich in die
Menschen, die die Architektur nutzen
hineinzuversetzen, auf sie zu hören und
mit ihnen zu fühlen. Das Spannende
an Architektur ist für Julia Erdmann,
Lebensräume zu schaffen. Orte, die
Geschichten erzählen und Spaß machen.
Orte, die den Menschen nicht ausgrenzen, sondern ihn einbinden: „Inclusive
Places“. So auch der Titel eines Reiseführers der besonderen Art und die einzige

Publikation von Stephen Williams
Associates, da das Büro bewusst eine „no
PR“-Strategie verfolgt.
Dass die intensive Zusammenarbeit mit
den Nutzern eines Gebäudes ein Erfolgsrezept für gute Architektur ist, bestätigte
sich auch in der Podiumsdiskussion, die
fachlich durch Brigitte Holz, Präsidentin
der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen und Peter Cachola Schmal,
Direktor des DAM und Generalkommissar des Deutschen Beitrags „Making
Heimat. Germany, Arrival Country“ der
Architekturbiennale in Venedig ergänzt
wurde.
Eröffnet wurde der Abend von „Newcomer“ Marius Westermann, Sieger des
VFA Studentenwettbewerbs „Urban Farming“, der seinen Entwurf „Kiosk“ präsentierte. Ob Büdchen, Späti, Trinkhalle
oder Wasserhäuschen, der Kiosk gilt als
deutsches Kulturgut und ist kommu-

nikativer und gesellschaftlicher Treffpunkt. Auf Basis ländlicher Feldstrukturen entwickelte der Masterstudent der
TU Dortmund ein urbanes „Regal“, das
auf vorhandene Kioske aufgesetzt wird
und so ein Stück Land in den urbanen
Stadtraum integriert.
Das nächste JUNG Architekturgespräch
findet am 9. Juni 2016 in Stuttgart statt.
Über Kunst und Architektur diskutieren
dann Enrique Sobejano und Roger Riewe.
Weitere Informationen, Anmeldung und
alle Termine unter: www.jung.de

BETON UND PERSÖNLICHKEIT
EIN GESPRÄCH MIT JOHN PAWSON
VON JEANETTE KUNSMANN
UND STEPHAN BURKOFF

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John Pawson ist zu Besuch in Berlin
und hat äußerst gute Laune. Mit der
Feuerle Collection bringt er nun sein
erstes Projekt in der deutschen Hauptstadt zum Abschluss. Im Untergeschoss eines ehemaligen Bunkers, das
lange unter Wasser stand, traf sich
früher ein Taucherverein. Jetzt zeigt
Kunsthistoriker und Sammler Désiré
Feuerle in den Kreuzberger Betonhallen Kunst aus Südostasien. Ein
Gespräch mit dem Architekten Pawson
über große Schwestern, gute Bauherren und Instagram.

John Pawson 2016, Foto: © Lena Giovanazzi

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Diese und folgende Seiten: The Feuerle Collection, November 2015, Foto: © Gilbert McCarragher.

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Der Schlüssel war wirklich, die Dinge
möglichst so zu belassen, wie sie sind,
mit dem zu arbeiten, was wir vor Ort
vorgefunden haben und es zu verstehen.
Zunächst wurde alles gereinigt. Wir
haben dabei Stück für Stück entschieden. Sollen wir die Graffitis entfernen
oder lassen? Die Stalaktiten? Es war ein
langsamer, behutsamer Prozess. Auch die
Böden haben wir quasi so belassen, wie
sie waren. Hinzu kam die Entfeuchtung,
ein Sicherheitssystem, auch ein wenig
Heizung. Für die Ausstellung der Kunstwerke gab es eine enge Zusammenarbeit
mit Désiré – er weiß genau, was er will.
Reduktion, Ordnung und Qualität
sind vielleicht die wichtigsten Begriffe, um Ihre Architektur zu beschreiben. Welche Gedanken stecken hinter
dieser Ästhetik? Ich baue nicht so, wie
ich leben oder sein will – ich baue für
meine Kunden. Ich will nicht etwas
einfach entwerfen, um dann Menschen
darin wohnen zu lassen. Es ist wichtig
für mich, dass alles, was wir tun, einen
guten Grund hat – es soll logisch sein
und durchdacht. Ich denke, das ist eine
Lebenseinstellung.
Wie kam der Kontakt zu Désiré
Feuerle zustande? Die Mutter meines
älteren Sohnes, meine Ex-Freundin also,

ist in der Kunstwelt unterwegs und
kennt Désiré schon lange. Mein Name
war da wohl schon länger im Gespräch.
Aber es dauerte eine Weile, bis Désiré
nach London kam, um mich zu treffen.
Er blieb dann ziemlich lange in meinem
Büro und hat sich letztlich für mich entschieden. Offenbar habe ich das Richtige
gesagt. (lacht)
Für Désiré Feuerles Sammlung in dem
ehemaligen Telekommunikationsbunker in Kreuzberg haben Sie den
Bestand möglichst so belassen, wie
er war und nur minimale Veränderungen vorgenommen. Was sind die
wichtigsten Elemente ihres Eingriffs?

Also ist Architektur in dem Fall mehr
eine Art Aufräumen als Bauen? Ja,
aber ich würde das keinesfalls unterschätzen. Es war viel Arbeit, eine Menge
Zeichnungen, auf denen wir kennzeichnen mussten, was nicht berührt werden
darf. Wenn man beginnt, Einbauten
wie die weiße Wand in den Raum zu
setzen, muss man aufpassen, nicht die
Atmosphäre zu zerstören. Gerade die
Atmosphäre ist mir sehr wichtig. Ein
Großteil unserer Arbeit steckt hinter der
Wand, man kann ihn nicht sehen: all
die Technik, das Entfeuchtungssystem,
die Wandheizung. Auf den ersten Blick
sieht es einfach aus, aber die Räume sind
riesig, hier 2.000 Quadratmeter, im Un-

tergeschoss sogar 4.000 Quadratmeter.
Was ist für Sie das Besondere an dem
Objekt? Erstaunlich ist an dem ehemaligen Telekommunikationsbunker, dass
er, obwohl er aus dem Zweiten Weltkrieg
stammt und ein Ingenieurbau ist, vielleicht nicht elegant ist, aber doch sehr
bedacht wirkt. Alles aufgereiht, mit einer
bestimmten Absicht. Allein die Masse,
das Volumen. Es hat etwas mit Klarheit
zu tun: Ich liebe es, einen Raum übersichtlich und klar zu sehen. Wenn man
zum ersten Mal das Gebäude betritt – es
ist der erste Eindruck, den man auf den
Gesichtern sehen kann. Der Bunker hat
eine Menge Persönlichkeit und Charakter, aber wenn man versuchte, ihn
jemanden zu beschreiben, würde das alltäglich wirken. Ich finde ihn insgesamt
aber außergewöhnlich.
Wie hat Désiré Feuerle selbst Ihre
Arbeit für das Gebäude beeinflusst?
Nun, es gab von Beginn an eine Vision,
Désiré Feuerle hatte eine ziemlich exakte
Vorstellung davon, was er machen wollte
– deshalb hat er den ehemaligen Telekommunikationsbunker auch gekauft.
Wir wollten den Raum so klar wie
möglich lassen und haben deshalb nur
wenige Einbauten für den Eingang, die
Büros oder die Toiletten realisiert.

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Ihre Architektur dient oft explizit
als Bühne für andere Dinge: Kunst,
Religion, Kommerz. Was denken Sie
über Architektur als Skulptur? Wir
haben oft Privathäuser gebaut, die für
sich allein stehen. In gewisser Weise sind
wir uns also bewusst, dass man diese
Bauten auch als Skulptur bezeichnen
muss. Man kann um sie herumgehen, sie
sind sehr dreidimensional. Ich versuche an die Dinge immer sehr rational
heranzugehen und hoffe, das Besondere
entsteht danach.
Gibt es eigentlich ein Kriterium, wie
Sie Ihre Projekte auswählen – sie sind
zum Teil sehr unterschiedlich. Sie suchen uns aus! Wenn sie aufkommen, hat
es mehr mit der Persönlichkeit der Leute
zu tun – wir schauen immer, dass es gut
passt. Architektur ist Zusammenarbeit.
Einen Partner wie Désiré zu haben, ermöglicht etwas, wie wir es hier machen
konnten. Uns ist die Verbindung zum
Auftraggeber als Person sehr wichtig.
Und wir erwarten nicht, dass er einfach
ist. (lächelt)
Das ist vielleicht schon die Antwort
auf unsere nächste Frage: Wie charakterisieren Sie gute Architektur?
Ich denke, man braucht einen Bauherren mit Zeit, Mut und Geduld. Man
muss die richtige Atmosphäre haben.
Außerdem braucht man gute Leute um

sich herum. Es war sehr lustig, als eine
unserer Bauherrinnen einmal zu mir
ins Büro kam, ich war nicht da, traf sie
aber eine Zeit später in Schweden. Sie
meinte: „Oh, my goodness, Du hast
Deine Ästhetik auf Deine Mitarbeiter
übertragen – ich habe noch nie so viele
schöne Menschen auf einmal gesehen.“
Aber alles was ich beachte, wenn ich
jemanden einstelle, ist natürlich, ob er
ein guter Architekt ist.
Vielleicht sehen gute Architekten auch
gut aus? (Schmunzelt) Möglich. Interessant ist außerdem auch, dass mit uns
viele Frauen arbeiten.
Sie haben auch vier ältere Schwestern.
Ja. (freut sich)
Was haben Sie von Ihren Schwestern
gelernt? Es ist anders, wenn man mit
vier Frauen aufwächst. Sie waren physisch unglaublich anwesend: Ich hatte
das kleinste Zimmer, wir mussten Bad
und Schlafzimmer teilen. Übrigens sind
viele meiner Bauherren ebenfalls Frauen
– ich weiß auch nicht, warum. Meine
Schwestern sind sehr stark. Man denkt
vielleicht, als Jüngster von Fünfen müsste ich verwöhnt sein – aber der Jüngste
zu sein, bedeutete viel Kampf – zumindest, was den Abwasch anging.
Sie haben Ihr Architekturstudium

nicht beendet... Nein. (zieht die Augenbraue hoch)
...dennoch besteht kein Zweifel
daran, dass Sie einer der wichtigsten
zeitgenössischen Architekten aus
Großbritannien sind. Was denken Sie,
was ein Architekt wirklich braucht,
um gute architektonische Ideen zu
produzieren, wenn es nicht eine richtige Ausbildung ist? Ich würde immer
empfehlen, zu Ende zu studieren – es ist
durchaus von Vorteil einen Abschluss zu

haben. Meine Familie hatte ein Textilunternehmen, ich hatte früh Einblick
in die Fabrik, die Texturen, die Details.
Komisch ist, dass ich zu Beginn meines
Studiums dachte, Entwerfen ist etwas,
das ich nicht lernen kann. Dann erkannte ich, dass es doch geht. Man muss ein
Gefühl dafür entwickeln – Entwerfen ist
harte Arbeit. Es ist ein ewiges Versuchen und Ausprobieren. Wir hatten viel
Glück; die richtigen Partnerschaften,
die Hilfe großartiger Menschen. Etwas,
das ich erst später entwickelt habe, ist

die Fähigkeit zuzuhören. Ich bin mir gar
nicht so sicher, ob das gut oder schlecht
ist. Aber früher habe ich eher dazu
geneigt, andere Menschen überreden zu
wollen.
Minimum heißt ihr Buch von 1996,
das ist mittlerweile 20 Jahre her.
Welchen Titel hätte ein Buch, das Sie
heute veröffentlichen würden? Wahrscheinlich etwas Ähnliches – vielleicht
The Anatomy Of Minimum. (lacht) Ich
bin mehr an neuen Ideen interessiert –
meine eigene Arbeit sehe ich die ganze
Zeit. Heute bin ich außerdem auf Instagram: Ich muss keine Bildbände mehr
machen.
Die Feuerle Collection öffnet vom 29.
April bis zum 7. Mai 2016 schon mal für
eine erste Preview-Woche ihren Türen. Die
eigentliche Eröffnung findet am 4. Juni
2016 statt: Dann wird hier im Obergeschoss einer der Hauptausstellungsorte der
9. Berlin Biennale sein.

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thefeuerlecollection.org

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PSYCHO BARN AUF DEM DACH
Mit ihrer Installation „Transitional Object (Psycho Barn)“ bringt Cornelia Parker ein Stück Hitchcock auf das Dach des New Yorker Metropolitan Museum of Art. Mit dem
roten Holzhaus spielt die britische Künstlerin aber nicht nur auf eine der großen Ikonen der amerikanischen Filmgeschichte an, sondern stellt der Skyline New Yorks eine typische Landarchitektur auf Augenhöhe gegenüber – ein Spagat also zwischen Provokation und Disneylandkulisse. Noch bis zum 31. Oktober 2016 // Foto: Alex Fradkin, courtesy
the artist // www.metmuseum.org
        
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