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Isa Melsheimer - Spiel mit der Architekturgeschichte

Full text: Baunetzwoche Issue 445.2016 Isa Melsheimer - Spiel mit der Architekturgeschichte

Das Querformat für Architekten

445
10. März 2016

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ISA MELSHEIMER

SPIEL MIT DER ARCHITEKTURGESCHICHTE

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und

442

Paar der Woche

DIESE WOCHE

Tipp

Buch

Ein Kuhstall von Franz Kießling wird auf Gouachen wiederbelebt, der Philips-Pavillon von Iannis
Xenakis erscheint als textiler Hauch im Raum und ein Stück des Government Building von Paul
Rudolph landet en miniature auf dem Podest: Die Künstlerin Isa Melsheimer bezieht sich mit ihren
Arbeiten frei auf die Architekturgeschichte. Sie ruft Erinnerungen wach an Orte und Gebäude, die
es nicht mehr gibt. Vor allem der Brutalismus hat es er ihr angetan. Ein Gespräch

Dossier

7	

Architekturwoche
Inhalt

3			Architekturwoche
4			News

Von Sophie Jung

2

News

	

Isa Melsheimer:
Spiel mit der Architekturgeschichte

21

Tipp

25		

Paar der Woche

Titel: Isa Melsheimer. „Kontrastbedürfnis“, Ernst-BarlachHaus, Hamburg, 2015 © Isa Melsheimer, Foto: Andreas
Weiss oben: Isa Melsheimer, We Are Neoretroactive - We
Are Relative - We Are Postmodern II, Foto: Andrea Rossetti,
Courtesy: die Künstlerin und Esther Schipper, Berlin
BauNetz Media GmbH, Geschäftsführer: Jürgen Paul
Creative Director: Stephan Burkoff
Chefredaktion: Jeanette Kunsmann
Texte: Sophie Jung, Jeanette Kunsmann
Gestaltung / Artdirektion : Natascha Schuler

Diese Ausgabe wurde ermöglicht durch:

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K e i n u n e t z w o c ie r e n !
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Jetzt

News

Dossier

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Buch

Paar der Woche

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Inhalt

Architekturwoche

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MONTAG

Trio Infernale in Hongkong: Die geplanten Kissing Towers
von Weston Williamson + Partners

Architektur kann große und kleine Gesten, kann selbstbewusst oder zurückhaltend
sein, laut oder leise, aber jetzt das: „Kissing Towers“ nennt das Londoner Studio
Weston Williamson + Partners sein geplantes Hochhausensemble in Hongkong
und läutet damit die verklärte Vermenschlichung in die Höhe gestapelter Investments ein. Noch kurioser wird der gebaute Kuss am Victoria Hafen von Hongkong
dadurch, dass es sich um drei Hochhäuser handelt, die sich im unteren Bereich
küssen – ein normales Liebespaar erschien den britischen Architekten wohl zu langweilig. Oder etwa dem Bauherren? Der offizielle Projektname ist natürlich weitaus
biederer: „Arcology Skyscraper“, ein Kofferwort aus architecture und ecology. Was
nun wirklich nach Langeweile klingt. jk

445

JAMES CASEBERE

KULTURFORUM: 460 IDEEN

BETON-SANDWICH

AUSSTELLUNG IN MÜNCHEN

AUSSTELLUNG IN BERLIN

OBJEKT IM BAUNETZ WISSEN

James Casebere, Landscape with Houses (Dutchess
County, NY) #2, 2009, Courtesy MFA Financial Inc., New
York © James Casebere, 2016

Ideenwettbewerb für den Neubau am Kulturforum
© SPK/photothek.net/T. Koehler

Foto: Yohan Zerdoun

Monotone Wohnsiedlungen, überflutete Gänge luxuriöser Villen oder
kahle Innenansichten von Gefängnissen
prägen die Bilderwelten James Caseberes. Der amerikanische Fotograf arbeitet
dabei ähnlich wie Thomas Demand.
Grundlage für sein fotografisches Werk
bilden detaillierte Architekturmodelle,
in denen Casebere seine Szenografien
arrangiert, die zwischen Realismus und
Fiktion schweben. Mit über 70 Werken
präsentiert das Haus der Kunst in München nun eine 40 Jahre umspannende
Retrospektive aus Caseberes Schaffen.
Für die Ausstellung wird dieser zudem
vier ortsspezifische Werke für den
Treppenaufgang der Galerie im HdK
produzieren. Bis zum 12. Juni 2016 im
Haus der Kunst München
www.hausderkunst.de

„Genug Ideen fürs Kulturforum?“ – der
Titel für die Podiumsdiskussion, die
anlässlich der Ausstellungseröffnung mit
den 460 Beiträgen der ersten Runde zu
sehen sein wird, ist bis hin zum Fragezeichen passend gewählt. Nicht wenige
Beobachter des Wettbewerbs für ein
Museum der Moderne sind nämlich der
Meinung, dass ein wirklich zündender
Ansatz bisher noch fehlt. Auch JuryVorsitz Arno Lederer äußert sich im
Interview alles andere als enthusiastisch,
wenn auch grundsätzlich zuversichtlich.
Die Ausstellung aller 460 Wettbewerbsbeiträge ist noch bis zum 13. März
2016, Di, Mi–18 Uhr, Do 10–20 Uhr,
Sa–So 11–18 Uhr, im Foyer des Berliner
Kulturforums zu sehen.
www.wbw-m20.de
www.preussischer-kulturbesitz.de

Siebenundsiebzig Meter misst das Zölly
Wohnhochhaus von Marcel Meili,
Markus Peter Architekten auf dem
Maag-Areal Plus nordwestlich des Zürcher Stadtzentrums. Es erhebt sich über
polygonalem Grundriss und ist eines
von drei im Masterplan für das ehemalige Industriequartier vorgesehenen
Hochhäusern. Ungewöhnlich konzipiert
sind nicht nur die 2,5- bis 4,5-ZimmerWohnungen, wenn sich anderthalbgeschossige Räume mit Loggien abwechselnd nach oben oder nach unten hin
öffnen. Auch die Fassade aus strukturierten Betonfertigteilen fällt auf – die
950 Sandwichelemente sind tragend mit
einer Kerndämmung aus Schaumglas
konzipiert.

Inhalt

Architekturwoche

4

News

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Paar der Woche

NEWS

www.baunetzwissen.de/Bauphysik

HOLLÄNDISCHES ZELTLAGER PROJEKT BEI DESIGNLINES

DAS
LIGHT+BUILDING
SPECIAL
2016

LICHTBLICK
VORBERICHT ZUR LIGHT & BUILDING

Inhalt

Monadnock: Koninklijke Tichelaar
Foto: Stijn Bollaert

LED-Stehleuchte Mar von Jörg Bonner für Schätti
Leuchten mit integriertem Bewegungssensor

In eine geschichtsträchtige niederländische Fabrik ist ein modernes Büro
eingezogen. Statt die funktionsbezogenen Gemäuer zu erweitern, setzten die
beauftragten Architekten von Monadnock ganz auf Textil. Die Räume des
einige Meter über den Werkshallen
thronenden Verwaltungsbereiches sind
von einem weißen, pyramidenförmigen Textil überspannt. Fragt man die
Architekten des Rotterdamer Büros
Monadnock nach ihren Einflüssen
bei diesem Projekt für die königlichen
Keramikwerke in der niederländischen
Stadt Makkum, fällt der Name des
preußischen Baumeisters Karl Friedrich
Schinkel.

Noch vor vier Jahren sorgte auf der
Light + Building allein der Einsatz
von LEDs für Aufsehen. Von LED
über OLED bis hin zur Wiederentdeckung der längst überholt geglaubten
Glühbirne: Kaum ein anderer Bereich
birgt gegenwärtig so viel Potenzial
für Veränderung und Neuerung wie
die Lichtbranche. Es steht nicht allein
die Verbindung von zeitgenössischem
Design mit neuen Materialien und
Technologien im Vordergrund, wie die
aktuellen Entwicklungen zeigen, die
vom 13. bis 18. März auf der Light +
Building zu sehen sind. Neben konstanten Leitgedanken wie Energieeffizienz
wird neuerdings der Fokus vermehrt
auf die biologische und emotionale
Lichtwirkung gelegt. Alles zur Light &
Building lesen Sie vorab bei Designlines
www.designlines.de

www.designlines.de

Die wichtigsten Produkte,
Trends und News rundum
die weltgrößte Messe für Licht
und Gebäudetechnik
in Frankfurt

Foto: Messe Frankfurt GmbH / Jochen Günther

Architekturwoche

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News

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Paar der Woche

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www.light-building-special.de

POWERED BY

hgschmitz.de

Gira G1 Das Multitalent für die Gebäudetechnik
Der neue Gira G1 ist die intelligente Bedienzentrale für die Gebäudetechnik. Über das brillante Multitouch-Display können zahlreiche Funktionen des KNX Systems komfortabel
per Fingertipp oder Geste bedient werden. In Verbindung mit einem TKS-IP-Gateway kann der Gira G1 zudem als Wohnungsstation eingesetzt werden. Das von Grund auf neu
entwickelte, intuitiv anzuwendende Gira Interface macht die Bedienung der Gebäudetechnik so leicht wie nie zuvor. Zudem ist die Installation in einer handelsüblichen
Standard-Gerätedose ganz einfach. Zum Anschluss stehen drei unterschiedliche Möglich keiten zur Verfügung: Im Neubau kann der G1 über eine Netzwerkleitung mit Powerover-Ethernet eingebunden werden. Bei Modernisierungen und Erweiterungen stehen die Anbindungen über 230 V WLAN oder 24 V WLAN zur Auswahl.
Mehr Informationen unter: www.gira.de/g1

Inhalt

Architekturwoche

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News

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Paar der Woche

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Auszeichnungen Gira G1: iF Design Award 2015, German Design Award 2015,
Good Design Award Chicago 2014, ICONIC Awards 2014, Plus X Award 2014, Design Plus 2014
Auszeichnungen Gira Interface: ADC Award 2015, Red Dot Award 2014: Best of the Best
Produktdesign, Interfacedesign: schmitz Visuelle Kommunikation

Architekturwoche

Isa Melsheimer, Foto: Alberto Novelli, 2013

Inhalt
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News

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Paar der Woche

445

DAS
EIGENLEBEN
DES RAUMS

DAS EIGENLEBEN DES RAUMS
DIE KÜNSTLERIN ISA MELSHEIMER BEFRAGT DAS ERBE DES
BRUTALISMUS – EIN GESPRÄCH

VON SOPHIE JUNG
Isa Melsheimer zeigt ihre architektonischen Fragmente in Museen von
Paris bis Santa Monica. Aber auch in der Architektur ist die Berliner Künstlerin dank ihrer Zusammenarbeit mit Arno Brandlhuber keine Unbekannte.
Ihre Objekte und Installationen setzen sich insbesondere mit dem Erbe der
Moderne und den Betonbauten des Brutalismus auseinander. Häufig sind
es in Vergessenheit geratene Gebäude, bei denen die Künstlerin wie eine
Archäologin der vernachlässigten Architektur nachspürt. In Zeichnungen,
mit textilen Installationen, Objekten aus Beton und Keramik oder ganzen
Landschaften aus Glasscherben erschafft sie schließlich kleine architektonische Welten. Doch scheinen diese ein Eigenleben zu führen, ihre Formen entziehen sich der Gewohnheit, Tiere wie Füchse, Katzen und Vögel
bevölkern ihre Zeichnungen. Gewesenes verbindet Melsheimer mit Fiktion
und will so ein anderes Licht auf eine Architektur werfen, die heute in der
Öffentlichkeit nicht mehr beachtet wird.

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Architekturwoche

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Isa Melsheimer, Hyperboloide III, 2015, Foto: © Pauline Guyon/Louis Vuitton

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Architekturwoche

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Paar der Woche

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diese Seite: Isa Melsheimer, „Vermilion Sands and other
Stories from the Neon West“, Santa Monica Museum of Art,
2012, Foto: © Monica Orozco, Courtesy: die Künstlerin und
Esther Schipper, Berlin
nächste Seite: Isa Melsheimer, „Luckhardt 3“, 2009, und
Fadenverspannung, 2015, Foto: © Andreas Weiss

Isa Melsheimer, ich besuche Sie in Ihrem Berliner Atelier und zunächst zeigen
Sie mir ein Bild vom Philips-Pavillon, der 1958 für die Weltausstellung in Brüssel
realisiert wurde. Heute existiert er nicht mehr. Den Philips-Pavillon sollte eigentlich
Le Corbusier bauen, doch der war zu sehr mit seinem Chandigarh-Projekt beschäftigt.
Schließlich entwarf ihn Iannis Xenakis. Es ist also kein sehr typisches Corbusier-Gebäude. Vielmehr ist die Architektur wie eine Partitur von Xenakis.

Schaut man auf die Partituren von Xenakis, dann ziehen sich Strahlen entlang
einer Kurve, wie Tangenten. Hat Xenakis seine Partituren visuell entwickelt und
deswegen waren sie auch in Architektur übertragbar? Genau, sein Klang, der von
den Geraden auf der Partitur angegeben wird, tastet sich entlang einer Rundung ab.
Auf seinen Notationen gibt es immer Fläche, Zentimeter und Raum. Ähnlich entwickelte Xenakis auch seine Architektur, bei der einzelne Linien eine hyperbolische Form

Inhalt

Architekturwoche

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Paar der Woche

445
bilden. Das Erstaunliche ist, sagen viele Musiker, dass die Kompositionen tatsächlich
gut klingen, obwohl sie auf dem Papier eigentlich einen Ort definieren. Ich denke mir
dann immer: Etwas Schönes macht auch Schönes.
Welche Verbindung hat Ihre Arbeit nun mit der Architektur von Xenakis? Seit
2007 setze ich mich mit der Form von Hyperboloiden in einer Reihe von Faden-Installationen auseinander. Als ich letztes Jahr in die Fondation Louis Vuitton nach Paris
eingeladen wurde, nahm ich dann auch den Philips-Pavillon von Xenakis als konkretes
Vorbild. Ich habe den Grundriss des Pavillons an den Ausstellungsraum der Fondation angepasst und mit Nägeln auf dem Boden nachgezeichnet, an denen ich weiße
Nylonfäden befestigte und diese wiederum an die Decke spannte. Schließlich formten
die Fäden dann auch einen hyperbolischen Raum nach, einen Raum im Raum, der
aber ein Hauch ist, ganz dünn, kaum sichtbar.
Sie zitieren mit dem Pavillon das Werk eines Pariser Künstlers in Paris. In der
Galerie Esther Schipper setzten Sie sich 2012 unter anderem mit der inzwischen abgerissenen Wohnanlage von Oswald Mathias Ungers auseinander, die
unweit der Galerieräume stand. Reflektieren Sie immer auch den Ort der Ausstellung? Auf eine Art setze ich mich immer mit dem Ausstellungsraum auseinander.
Das habe ich in der Fondation Louis Vuitton getan, und das werde ich auch bei der
kommenden Ausstellung in der Galerie von Esther Schipper tun. Ich werde über die
Galerieräume hinweg ebenfalls eine hyperbolische Fadenverspannung installieren.
In einem Raum wird sie dann eine Rundung bilden. Diese Rundung zeichnet die alte
Wand eines ehemaligen Brunnenzimmers nach, das es heute nicht mehr gibt. Ich
klopfe das Gewesene ab.
Der alte, vergangene Raum soll also über Ihre filigrane Installation wieder aufgedeckt werden, oder vielmehr wiedererweckt werden? Nicht ganz. Mir geht es
eher darum, den Raum an sich zu begreifen. Man kann sich ja in den vielen Theorien,
was der Raum eigentlich ist, schier verlieren. Schon wenn man die englische Bezeichnung „Space“ und das deutsche Wort „Raum“ gegenüberstellt, tun sich ganz unterschiedliche Vorstellungen auf: Der deutsche Begriff scheint etwas Geschlossenes
zu formulieren, der englische vermittelt Offenheit und Unendlichkeit. Für mich bleibt
der Raum etwas Abgegrenztes. Mit meinen Fadenverspannungen möchte ich diesen
Raum sichtbar machen, vielleicht auch besser verstehen.

Paar der Woche
Buch

Wie nähern Sie sich nun künstlerisch diesen Bauten an? Die Gouachen sind sehr
genau, da zeichne ich wirklich die Architektur ab und sie wird erkennbar.
Und die Betonobjekte? Für die Betonobjekte wähle ich Fragmente der Bauten aus
und reproduziere sie in einem kleineren Maßstab. Ich hab da die Vorstellung, dass
diese Gebäudeteile einfach abfallen und man sie quasi aufsammeln kann. Diese
aufgelesenen Überreste zeige ich dann in meinen Betonobjekten. Das ursprüngliche
Gebäude erkennt man aber nicht mehr. Die fertigen Objekte haben schließlich etwas
Modellhaftes, gleichzeitig zeigen sie eigenständige Formen, aus denen wieder etwas
Neues entstehen kann.

Inhalt

Architekturwoche

11

News

Dossier

Sie haben gerade eine Serie von Gouachen und Betonobjekten fertiggestellt,
die brutalistische Bauten zitieren. Alle diese Gebäude sind mittlerweile zerstört.
Ja, ein Kuhstall ist dabei, das Gut Lichtenberg von Franz Kießling in Bayern, das
Orange County Gouvernment Building von Paul Rudolph, das Trinity-SquareParkhaus von Rodney Gordon beziehungsweise Owen Luder oder das Southgate
Estate von James Stirling. Vor allem aus England sind die Gebäude. Die Engländer
sind gut darin, den Brutalismus aufzubauen und dann wiederum abzureißen.

Tipp

445

Da kommt die Assoziation von antiken Ruinen auf. So wie heute nur noch
Fragmente von einstigen Tempeln vorhanden sind, eine einsame ionische Säule
zum Beispiel, die dann aber in der Rezeption ein Eigenleben entwickeln. So
eine Säule wird erforscht und abgebildet, man stellt Spekulationen darüber an,
wie der Gesamtbau des ionischen Tempels einmal ausgesehen haben mag, und
das Wissen darüber wird verbreitet. Die vergangene Architektur wird übertragen, jedoch bruchstückhaft und verzögert. Ja, auf jeden Fall spielt das Eigenleben
dieser Teile eines Gebäudes eine Rolle. Obwohl ich dabei eher an die Postmoderne
denke. Bei der Neuen Staatsgalerie in Stuttgart etwa hat James Stirling scheinbar
abgefallene Bauteile auf dem Gelände quasi abgelegt. Zudem überschneiden sich
auch Brutalismus und Postmoderne teilweise zeitlich und in einem gewissen Grad
stilistisch. In dem Moment, in dem ein Gebäudeteil wieder ein Eigenleben kriegt, liegt
auch ein wenig Hoffnung, denn es entwickelt sich, meiner Meinung nach, ein Raum
um diese Betonobjekte. Als Fragmente von Gebäuden geben sie schließlich der ursprünglichen Architektur wieder einen Raum, obwohl sie längst zerstört ist.

Isa Melsheimer, Gouache auf Papier, 2016
Bilder: Isa Melsheimer
Courtesy: die Künstlerin und Esther Schipper, Berlin

Inhalt

Architekturwoche

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Isa Melsheimer, Gouache auf Papier, 2016
Bilder: Isa Melsheimer
Courtesy: die Künstlerin und Esther Schipper, Berlin

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Isa Melsheimer, „Domestic Landscape and Affinities“, 2014
Foto: © Andrea Rossetti, Courtesy: die Künstlerin und
Esther Schipper, Berlin

Dossier

Tipp

Die Keramikobjekte zeigen noch einmal eine ganz andere Position von Ihnen.
Sie haben keine konkreten Bauten als Vorbild. Beschreiben Sie doch einmal
diese Serie. Die Keramikobjekte sind etwas Architektonisches, aber sie verlieren sich.
Sie wollen etwas Festes sein, aber ihre Formen wuchern aus, oder erscheinen unstabil oder verlassen die Statik. In der Ausstellung präsentiere ich die Objekte dann auf
Podesten, Sockel, die Coffeetable-Module von Mario Bellini von 1970 nachbilden. Auf
denen stehen die Keramiken dann irgendwie verlassen herum, ohne richtige Funktion.
Obwohl einige von ihnen auch letztendlich wieder Gebrauchsobjekte sind, eine Vase
zum Beispiel.

News
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Architekturwoche
Inhalt

Da wären wir wieder bei der Raumtheorie... Der Raum kann greifbarer werden: In
der Ausstellung sind die Betonobjekte auf Sockeln, sie sind umgeh- und handhabbar.
Ich halte mich bei dieser Reihe an ein 50-zu-50-zu-50-Zentimeter-Maß. Diese Größe
funktioniert gut, man kann gut darum herumgehen und trotzdem ziehen einen die Objekte in eine eigene Welt.
Wenn ich schließlich in der Ausstellung bei Esther Schipper die Fadenverspannung
zeige und sie dann mit den Keramikobjekten, den Gouachen und den Betonkörpern
zusammenbringe, geht es mir auch darum, welch unterschiedliche Zustände ein Raum
haben kann.

MICH INTERESSIERT, WAS
ARCHITEKTUR MIT UNS
MACHT.
SIE IST IMMER IRGENDWIE
IDEOLOGISCH UND TRIFFT
EINE AUSSAGE

Einmal gibt es in Ihrer Arbeit das Fragile, die Leichtigkeit Ihrer Fadeninstallation,
und dann gibt es die massive Schwere des Betons, entweder physisch in Form
der Objekte oder vermittelt über die Gouachen. Geht es Ihnen auch darum,
unterschiedliche Materialitäten gegenüberzustellen? Sehr oft lasse ich in meiner
Arbeit Beton und Textilien aufeinanderstoßen. Wenn es nicht die Fadeninstallation ist,
dann arbeite ich auch mit Stoff. Mit Vorhängen zum Beispiel, die ungefähr die sensibelsten Wände sein können – oder die dünnhäutigsten, worauf sich auch der Titel
der jetzt anstehenden Ausstellung bezieht. Aber um Gegensätze geht es mir nicht. Da
gibt es zwar einerseits diesen schmutzigen groben Beton, und dann andererseits nur
einen Faden, aber beide erzeugen einen Raum, auf durchlässige oder undurchlässige
Weise.
Mich interessiert, was Architektur mit uns macht. Sie ist immer irgendwie ideologisch
und trifft eine Aussage. Wir haben sie vielleicht selber nicht gebaut, aber wir lassen

445

Paar der Woche

zu, dass eine bestimmte Architektur gebaut wird. Das spiegelt ja etwas: Warum
sieht ein Gebäude so aus, wie es aussieht? Ich beschäftige mich mit Beton, da
mir die Gebäude aus Beton immer besonders gut gefallen.

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Eine handwerkliche Frage: Wie ist denn die Arbeit mit Beton? Ich könnte
Gips nehmen, aber das sieht immer so glatt aus und ist so perfekt. Beim Beton
sieht man immer alles, die Holzverschalung, Risse, vielleicht ein paar Steinchen.
Meine Betonarbeiten sind aber auch viel mehr gebastelt als industriell perfektioniert. Die eigenen Fehler werden gut sichtbar: Ich hab die Kanten der Verschalung
nicht richtig abgedichtet und der Zement tritt aus, Sand bleibt übrig und es bilden
sich poröse Stellen. Mit Beton passiert viel. Ich weiß nie, wie das Objekt wirklich
wird. Er bildet immer mehr ab als zuvor kalkuliert.

Dossier

Welchen Beton nutzen Sie? Oft einfach nur Estrichbeton mit einer sehr feinen
Körnung. Ich füge selber noch Glasfasern hinzu und manchmal Acryl, Armierungen gibt es auch, Metall- oder Glasfasermatten. Manche Objekte sind sehr dünn.
Da habe ich über jahrelange Erfahrung meine Mixtur entwickelt.

Inhalt

Architekturwoche

14

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Gibt es eigentlich Kunstsammler, die eine Kollektion hauptsächlich mit Betonobjekten angelegt haben? Gerade Ihnen müssten doch solche Sammler
schon begegnet sein? Ich weiß von Sammlern, die nur quadratische Arbeiten
sammeln, aber Betonsammler kenne ich nicht. Personen, die Architektur mögen,
mögen aber meistens auch meine Arbeit.

Isa Melsheimer, „We Are Concrete - We Are Bodies - We Have Sex - We Are Neoretroactive - We Are Relative (I - VI)“,
2014, Foto: © Andrea Rossetti, Courtesy: die Künstlerin und Esther Schipper, Berlin

Die Schwere des Betons und der leichte Faden – ich insistiere jetzt mal:
Behandeln Sie nicht doch auch die Gegensätzlichkeit der Materialien? Nein,
ich verweigere mich jetzt mal Ihrer Interpretation. Eigentlich ist alles miteinander
verbunden. Ob es die einzelnen Schritte in der Herstellung der Betonobjekte
sind, oder die Fadenstickereien oder meine Glasinstallationen, bei denen ich Scherbe
um Scherbe langsam Stadtlandschaften zusammensetze. Es ist immer dieses Vorantasten, Stück um Stück, Nagel um Nagel, Stich um Stich, bis sich dann eine fertige
Form ergibt.

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15

News

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DIE POSTMODERNE WAR ALS
BEFREIUNG AUS DER STRENGEN
MODERNE GEDACHT.
SIE WOLLTE MENSCHLICHER
SEIN, ABER AUCH IRONISCHER.
SIE GING MIT IDEALEN LOS
UND ENDETE DANN MIT
ZUCKERDÖSCHEN VON ALESSI.

Dazu fällt mir ein Beispiel ein: Goethe soll wohl arabische Kalligrafien angefertigt haben, um in der physischen Tätigkeit des Nachzeichnens von Buchstaben
die Sprache und den Sinn der Worte zu empfinden. Ich frage mich, ob es da
eine Parallele zu Ihrer Arbeitsweise gibt? Bei Ihren Glasarchitekturen setzen
Sie viele kleine Scherben aneinander und schaffen dabei utopische Stadtbilder.
Entwickeln Sie dann, wie Goethe es beabsichtigt haben soll, ein besonderes
Bewusstsein für diese Visionen urbaner Räume? Dieser Effekt tritt vor allem bei
den Gouachen ein. Ich habe dann plötzlich das Gefühl, die konkrete Architektur zu
verstehen. Oder ich begreife besser das Anliegen der Architekten. Bei dem bayerischen Kuhstall von Franz Kießling, von dem ich nur drei, vier schlechte SchwarzWeiß-Aufnahmen gefunden habe, kam plötzlich das Gefühl, den Bau wirklich gesehen
zu haben. Beim Stirling-Bau in Runcorn hatte ich immer einen ganz anderen Gedanken. Die Leute wollten darin partout nicht wohnen, deswegen wurde er abgerissen,
und während ich ihn zeichnete, fragte ich mich ständig: Warum nur? Das mussten
eigentlich sehr schöne Apartments gewesen sein, Wohnungen mit einzelnen Garteneinheiten und interessanten Grundrissen, mit Fußwegbrücken, die die ersten Etagen
miteinander verbanden.
Bei den Betonobjekten ist das anders. Da abstrahiere ich die Architektur und die
Gebäude sind schließlich nur noch gedanklich da, obwohl sich das Objekt schon
verselbstständigt hat. Ich zitiere viele Dinge in meiner Arbeit, Möbel und Gebäude,
und dann gibt es immer einen Moment, in dem ich das Zitat verlasse und das Original
besser verstehe.
Ihr Interesse an vergangener und zerstörter Architektur besteht schon länger
und ist nicht auf einen Stil beschränkt. In Paris etwa setzten Sie sich 2014
bei einer Ausstellung in der Galerie Jocelyn Wolff nicht mit dem Brutalismus,
sondern mit dem Scheitern der Postmoderne auseinander. Die Postmoderne war
als Befreiung aus der strengen Moderne gedacht. Sie wollte menschlicher sein, aber
auch ironischer. Sie ging mit Idealen los und endete dann mit Zuckerdöschen von
Alessi.

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oben links: „Casa II“, „Tower I“, „Piazza“, „Interior Landscape II“, alle 2015,
links und rechts: Isa Melsheimer, „Untitled“, beide 2016,
Fotos: © Sascha Brey, Courtesy: die Künstlerin und Esther Schipper, Berlin

Inhalt

Architekturwoche

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oben: Isa Melsheimer, „0-Houses“, 2012, Ausstellungsansicht 30 Künstler / 30 Räume, Neues Museum, Nürnberg,
2012, Foto: © Annette Kradisch,Courtesy: die Künstlerin und Esther Schipper, Berlin rechts: Isa Melsheimer,
Ausstellungsansicht Carré d’art – musée d’art contemporain, Nîmes, 2010

Betreiben Sie mit Ihrem Blick auf Vergangenes nicht auch eine gewisse Nostalgie? Meine Arbeiten haben nichts mit einem Früher-war-alles-besser zu tun. Aber
mit einem Bewusstsein. Die Architektur der Sechzigerjahre hatte zum Beispiel so
etwas Visionäres, heute geht es mehr um Investment und Spektakel. Es werden Lofts
gebaut, in denen keiner wohnen will und die sich keiner leisten kann. Das SPIEGELHochhaus von Werner Kallmorgen in Hamburg zum Beispiel war ein besonderer, ein
zukunftsweisender und durchdachter Bau, Verner Panton hatte die Inneneinrichtung
gestaltet. Und jetzt wird es zum Aparthotel umgebaut. Es gibt tatsächlich ein nostalgisches Moment, wenn ich sehe, dass so etwas verloren geht. Stattdessen könnte
man doch mal schauen, ob man es nicht besser machen und aus der Vergangenheit
lernen könnte. Ich versuche durch meine Arbeit, ein anderes Bewusstsein wachzurufen. Ich erzähle die Geschichte von Orten, Gebäuden und Dingen auf eine eigene
Weise, ich verlasse da auch oft die Realität und gehe ins Fiktive. Ich möchte, dass
man das, was uns tagtäglich umgibt, anders betrachtet.

Inhalt

Architekturwoche

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Isa Melsheimer, „0-Houses“,2012, Foto: © Annette Kradisch, Courtesy: die Künstlerin und Esther Schipper, Berlin

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Paar der Woche

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ÜBER ISA MELSHEIMER
„Konstrastbedürfnis“, „Mondes inventés, Mondes habités“ oder „Was Modelle können?“ – schon die Titel von Isa Melsheimers Ausstellungsprojekten
zeigen, wie nah sie an der Architektur arbeitet. Die 1969 in Neuss geborene
Künstlerin hat sich auch eines der wichtigsten architektonischen Materialien
zu eigen gemacht: den Beton. In ihrem Berliner Studio, einer ehemaligen
DDR-Künstlerwohnung im zwölften Stock, gießt Melsheimer ihn zu „Botanischen Kugeln“ und „Postmodernen Ruinen“. Doch es wäre viel zu einfach,
ihre Arbeit auf den Beton zu reduzieren. Zunächst aus der Malerei entwickelte die ehemalige Meisterschülerin von Georg Baselitz – sie studierte von
1991 bis 1997 an der Hochschule der Künste in Berlin – ein Interesse fürs
Material. Von der Leinwand kam sie zum Textil, vom Stoff schließlich zum
Faden – Melsheimer bedient sich verschiedener Medien, dekonstruiert sie
und schafft mit ihnen neue Räume, die konkrete Gebäude und Designs
zitieren. In den letzten Jahren zeigte sie ihre Arbeiten unter anderem in Paris,
Luxemburg, Santa Monica und Turin.

Isa Melsheimer, Foto: Alberto Novelli, 2013

Die Berliner Galerie Esther Schipper zeigt vom 12. März bis 16. April 2016 Isa
Melsheimers aktuelle Einzelausstellung „Über die Dünnhäutigkeit von Schwellen“.
Die Eröffnung findet am Freitagabend, den 11. März 2016, statt.

isamelsheimer.com
www.estherschipper.com

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Architekturwoche

20

News

Dossier

Tipp

Buch

Paar der Woche

GROHE Dialoge 2016

WOHNUNGSBAU NEU DENKEN
ZWISCHEN EXISTENZMINIMUM
UND LUXUS
Wie der Wohnungsbau neu gedacht
werden kann, erörtert der nächste Grohe-Dialog in München. Mit dabei sind:

Ein Leitthema der modernen Architektur
im 21. Jahrhundert ist die Lösung der
Wohnungsfrage. Der Wohnungsbau
von heute orientiert sich mit seinen
Förderrichtlinien und Baugesetzen oft
noch zu wenig an den Bedürfnissen
und Notwendigkeiten einer veränderten
Gesellschaft. Architekten stehen vor der
zentralen Herausforderung, wie bis-

lang ausgelagerte Funktionen – Arbeit,
Versorgung, Kinder- und Altenbetreuung
– wieder in das Wohnfeld zurückgeholt
werden können. Und durch Privatinitiativen einzelner Bauherren, Baugemeinschaften und Genossenschaften gibt
es auch immer mehr Projekte, die sich
ohne nennenswerte Subventionen ihren
Bedarf selbst organisieren.

Anne Kaestle
Duplex Architekten, Zürich
Peter Sapp
querkraft architekten, Wien
Erasmus Eller
Eller & Eller Architekten, Düsseldorf,
Berlin, Moskau

Die Moderation haben Sabine Gotthardt
(Grohe Deutschland) und der Münchner
Architekt Michael Ziller von zillerplus
Architekten.
München, Donnerstag, 7. April 2016
Isarpost, Sonnenstraße 24–26
80331 München
Einlass 18.45 Uhr, Beginn 19.30 Uhr
Die Grohe Dialoge sind kostenlos.
Weitere Informationen und Anmeldung:
www.grohe-dialoge.de

Bild der Woche

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DER RAUM IST IMMER ETWAS REALES
CHRISTOPH GANTENBEIN
ÜBER DAS KUNSTMUSEUM BASEL
Für Christ & Gantenbein ist 2016 das
Jahr der großen Eröffnungen: Gerade
wurde der Neubau des Landesmuseums Zürich fertig gestellt, Anfang
Februar der Neubau an das Kunstmuseum Basel übergeben – beide Museen
öffnen bald ihre Tore. Im Gespräch
verrät Christoph Gantenbein, warum
Architektur keine Kunst ist und wie
er von Hans Kollhoff dessen Begeisterung für die Brandwand geerbt hat.



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Architekturwoche

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VON JEANETTE KUNSMANN

Christoph Gantenbein und Emanuel Christ, Foto: Markus Jans

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Architekturwoche

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News

Dossier

Tipp

Buch

Bild der Woche

Erweiterungsbau für das Kunstmuseum Basel
von Christ & Gantenbein, Fotos: Walter Mair

Die Villa Roche von Le Corbusier war
als Ausstellungsgebäude für moderne Kunst kaum geeignet – Sie selbst
sprechen von stabilen Räumen. Was
muss ein Museumsneubau heute alles können? Christoph Gantenbein: Bei

einem Kunstmuseum ist das natürlich
die zentrale Frage und ich formuliere das
immer absichtlich etwas salopp: Wenn
die Architektur in sich glaubwürdig ist,
dann ist sie auch ein Ort, an dem man
Kunst ausstellen kann, denn der Raum
ist immer etwas Reales: Selbst wenn er

abstrakt sein will wie ein White Cube,
so tritt er doch in Beziehung mit der
Kunst. Je mehr sich der Raum zurücknehmen will, umso mehr dominieren
am Ende Notleuchten und Brandmelder.
Unsere Räume für das Kunstmuseum Basel hingegen sind physisch sehr
präsent: Es gibt einen massiven Boden,
massiv gebaute Wände und eine sehr
präsente Betondecke, die zeigt, dass sie
trägt. Die Decke hilft uns auch, die
unzähligen technischen Installationen
und Geräte zu verstecken und die Kunst

davor zu schützen. Wesentlich ist, dass
die Architektur als physisch gebauter
Raum glaubhaft ist. 


Im Neubau des Kunstmuseums Basel
werden nur Sonderausstellungen gezeigt – wie sind Sie damit umgegangen?
Das Haus muss in verschiedenen

Bespielungsarten funktionieren – ob am
Schluss eine Sammlung hineinkommt
oder Sonderausstellungen, ist insofern
irrelevant, als dass es sowieso nur eine
temporäre Entscheidung ist. Denn was

der nächste oder übernächste Direktor
plant, wissen wir nicht. Das Haus muss
als Raumabfolge in unterschiedlichen
Ausstellungsszenarien funktionieren.
Ausgangslage für die Erweiterung
war ein Palazzo-ähnliches Bestandsgebäude aus den 30er Jahren von
Paul Bonatz und Rudolf Christ, der im
Übrigen mit Emanuel Christ verwandt
ist. Was hat Sie damals gereizt, an
dem Wettbewerb teilzunehmen?

Das Kunstmuseum Basel aus den 30er

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Kunstmuseum Basel: Blick aus dem Neubau
auf die Backsteinfassade, Foto: Walter Mair

Jahren hat für uns schon immer den Status einer fast idealen Architektur gehabt.
Natürlich gibt es ein paar Ausrutscher,
gewisse Motive, die den 30er Jahren
zuzuordnen sind. Aber trotzdem ist es
eine Art zeitlose Architektur, die grundsätzliche Fragen von Raum, Körper und
Material in einer allgemein gültigen
Sprache formuliert. Das Haus ist pure
Architektur.
Würden Sie den Entwurf, mit dem Ihr
Büro 2010 den Wettbewerb für sich
entscheiden konnte, heute anders
planen – oder stehen Sie noch dahinter? Bei diesem Projekt würde ich

extrem wenig anders machen – es waren
ideale Bedingungen für uns als Architekten. Zwei, drei kleine Fehler gibt es,
aber die verrate ich nicht. Zum Thema
Materialität: Das Mauerwerk ist als
Verblendung vor die Fassade gesetzt, die
Erweiterung eigentlich ein Betonbau.
Warum haben Sie den Neubau nicht
aus Backsteinen gebaut?
Wir haben

das nie wirklich untersucht, weil die
Erweiterung auch in der inneren Raumstruktur als Betonbau gedacht ist: wie
beispielsweise die Treppen gespannt sind
oder wie die Wandkreuze als Träger die
Decke halten, die dann im Erdgeschoss

die große offene Fläche ermöglicht.
Den Backstein verstehen wir als eine
Verkleidung der Oberflächen, so wie ein
Holzboden eine Verkleidung des Bodens
ist oder Gips die Betonwand verkleidet.

In Zürich haben Sie gerade termingerecht das Schweizerische Landesmuseum erweitert, das diesen Sommer eröffnet. Die Deutschen wie die
Schweizer sind für ihre Pünktlichkeit
bekannt: Wie hält man Zeitpläne ein?

Eine Ausführung in Sichtbeton stand
also nie zur Debatte? Nein, bis auf die

Indem man sie am Anfang realistisch
plant und sich nicht etwas vornimmt,
das man nicht einhalten kann.

Decken sind alle Flächen in diesem Gebäude verkleidet. Die Decken sind das
einzige Element, das in seiner Rohstruktur sichtbar bleibt.

2013 haben Sie den Wettbewerb für
die Erweiterung des Wallraf-RichartzMuseums in Köln gewonnen, eines

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Baus von Oswald Mathias Ungers,
ebenfalls mit einer Backsteinfassade.
Dem Thema Bauen im oder neben
dem Bestand stellen Sie sich gerne
– wie kommt das? Man sucht sich ja

als Architekt auch seine Aufgaben. Ja,
aber man gewinnt auch Wettbewerbe
oder man gewinnt sie nicht (lacht). Und
Museumserweiterungen sind auch eine
zeittypische Aufgabe, selten gibt es Neugründungen – vielleicht das Museum
des 20. Jahrhunderts in Berlin, aber das
ist eine Ausnahme.
Ihre Haltung zum Bauen im Bestand
– oder entscheiden Sie von Fall zu
Fall?
Die Entscheidung, wie man es

letztlich macht, hängt von der Situation ab. Unsere Strategie ist immer die
gleiche: Wir versuchen, mit dem Kontext
zu arbeiten. Das ist aber keine denkmalpflegerische oder demütige Haltung,
sondern vielmehr eine architektonische.
Denn je stärker wir diesen Kontext wirklich adressieren und mit ihm in einen
Dialog treten, desto kräftiger wird unser
Gebäude: weil es eben nicht als isoliertes
Objekt stehenbleibt, sondern Teil des
Kontextes wird und eine völlig andere
Kraft entwickelt. Ich glaube, das ist das
Ziel von Architektur: dass sie einen Einfluss hat und die Welt verändert.

Architektur sein will und keine Kunst
ist. Man bedient sich als Architekt
natürlich der gleichen Mittel wie die
Kunst – arbeitet mit Körpern, Proportionen und mit Materialien. Aber Kunst ist
letztlich frei und unlimitiert, Architektur hingegen an die Disziplin gebunden
– an den menschlichen Körper und
seinen Maßstab, an die Stadt sowie an
einen Zweck.
Dem Treppenhaus liegt aber eine
starke skulpturelle Idee zu Grunde.

Ja, das ist richtig. Wie Künstler arbeiten
auch wir mit Raum, Licht und Material. Aber ich erzähle mit Architektur
eigentlich immer eine Geschichte über
das Haus und den Ort selbst. Mit
diesem Treppenhaus inszenieren wir die
Realität, nämlich dass da mittelalterlich
bedrängte Raumverhältnisse herrschen.
Wir mussten uns arrangieren und
haben in der Vertikalen eine Qualität
gesucht – einen Raum, der die Besucher
zur Erkundung des Hauses animieren
möchte. Insofern hat das Treppenhaus
plastische Qualitäten, aber es will keine
Kunst sein.

Ist Architektur auch Skulptur?
Wir

Sie und Emanuel Christ haben beide
Ihr Diplom an der ETH Zürich bei
Hans Kollhoff gemacht. Wie viel
Kollhoff steckt heute noch in Christ
& Gantenbein? Wir haben sogar beide

machen eine dezidierte Architektur, die

am gleichen Thema gearbeitet: einem

Radiostudio in Zürich, in der Kalkbreite. Dort, wo mittlerweile die Wohngenossenschaft von Müller Sigrist steht.
Emanuel hatte eine Art Turm zu Babel
entworfen, ich eine modernistische
Mies‘sche Architektur für ein Headquarter. Geprägt hat uns auch unsere Zeit in
Berlin: Emanuel hatte hier ein Semester
bei Krischanitz studiert, ich ein Praktikum bei Hemprich Tophof Architekten
gemacht. Berlin ist von Kollhoff nicht
zu trennen, begonnen mit der Skulpturalität der Brandwände. Wir haben von
Kollhoff unglaublich viel gelernt: das
generelle Verständnis von Architektur,
die Wertschätzung des Arbeitens mit Referenzen, aber auch die Wertschätzung
von historischen Positionen, die heute
verpönt sind. Wir haben gelernt, Dinge
anders zu lesen und kritisch zu hinterfragen – Kollhoff war ein sehr wichtiger
Lehrer. Wir haben natürlich zu einer
Zeit studiert, als die Tektonik noch
sehr konzeptuell war. Die Begeisterung
für die Brandwand von Kollhoff – das
fällt mir jetzt auf – kommt hier in den
geschlossenen Backsteinwänden wieder.
Das wäre fast eine psychoanalytische
Frage, wieweit Begeisterung von einem
Lehrer auf seine Schüler übertragen
wird. Schließlich haben wir aber einen
eigenen Weg eingeschlagen, der sich
deutlich von Hans Kollhoffs späterem
Weg unterscheidet. Eine andere Schiene,
die für uns übrigens ebenso wichtig ist,

ist das Büro Herzog & de Meuron, wo
Emanuel und ich uns während eines
Praktikums kennen gelernt haben.
Ihr Büro führen Sie nun 18, bald 20
Jahre. Was hat sich in dieser Zeit
verändert? Auf der Ebene der Verän-

derung des kulturellen Klimas würde
ich sagen: Die Welt wird komplizierter
und ängstlicher. Es ist ein Glücksfall,
in einem Umfeld zu arbeiten, das von
Persönlichkeiten wie Bernhard Mendes
Bürgi und Maja Oeri geprägt ist. Wir
hatten wirklich tolle Bedingungen für
die Realisierung des Neubaus. Gute
Architektur braucht einen großzügigen
Rahmen, den wir leider sonst oft nicht
mehr vorfinden. Diesen schwindenden
Spielraum finde ich beängstigend. Was
verändert sich sonst? Man wird älter und
hat mehr Lust, radikaler zu sein.

Am 17. und 18. April 2016 werden der
sanierte Hauptbau und der Erweiterungsbau für das Kunstmuseum Basel feierlich
eröffnet. Die erste Ausstellung im Neubau
ist „Scuplture on the Move 1946–2016“,
kuratiert von Bernhard Mendes Bürgi.
www.kunstmuseumbasel.ch

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AUTOPILOT: DIE PAAR-PRÜFUNG#05
Peugeot 304 Break. Nicht alle Paare sind glückliche Paare: Bei Peugeot muss die Frau die schweren Sättel alleine aus dem Kombi hieven, während der dazughörige Gatte mit
entnervten Geschichtsausdruck schon auf seinem Pferd sitzt und sichtbar keine Anstalten macht, ihr zu helfen (1979). // Niklas Maak interpretierte in seiner Kolumne unter dem
Titel Paar-Prüfung bei Designlines verschiedene Autoreklamen der letzten Jahrzehnte und erzählt, was noch nie erzählt wurde: die Geschichten der Paare. Seine besten Paaranalysen
zeigen wir ab jetzt jede Woche in der Baunetzwoche. Newsletter jetzt abonnieren
        
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