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Acryl auf Beton: Katharina Grosse

Full text: Baunetzwoche Issue 435.2015 Acryl auf Beton: Katharina Grosse

Das Querformat für Architekten

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10. Dezember 2015

K TE RFE PE T WE L

EIN INTERVIEW MIT KATHARINA GROSSE

ACRYL AUF BETON

ber: aulha nF Julia LDPE“ „

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DIESE WOCHE
Sie bemalt Staub, Schutt und Erdhaufen, Möbel, Holz und nackten Beton. Als einen „kontrollierten Vandalismus“ hat Ulrich Loock, Kurator und u.a. vormaliger Direktor des Museu Serralves in Porto, einmal die Arbeiten von Katharina Grosse beschrieben. Mit diesem malerischen Angriff halte Grosse den avantgardistischen Anspruch aufrecht, „aus dem ästhetischen Feld der Malerei auszubrechen und sie in eine Dimension der Architektur zu überführen“. „Acrylic on concrete“ aus Katharina Grosses Farbpistole strahlt es nun auch in der Kölner U-Bahn Station am Chlodwigplatz, die am 13. Dezember in Betrieb genommen wird. Ein Interview über Beton, Glaswände und Dioxazine Purple.

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3			Architekturwoche 4			News 8	 9	 	 Acryl auf Beton Die Möglichkeit der Formlosigkeit darf strapaziert werden Ein Gespräch mit Katharina Grosse

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Titel: Katharina Grosse, They Had Taken Things Along To Eat Together, Johann König, Berlin, 2012, Acryl auf Wand, Boden, glasfaserverstärktem Kunststoff, diversen Gegenständen, 372 x 1.360 x 1.260 cm; Foto: Nic Tenwiggenhorn; © Katharina Grosse und VG Bild-Kunst, Bonn, 2015 Oben: Katharina Grosse, Just Two Of Us, 2013, Public Art Fund, MetroTech Plaza, Brooklyn, New York, Acryl auf glasfaserverstärktem Kunststoff, ca. 441 x 2.956 x 1.058 cm; Foto: James Ewing; © Katharina Grosse und VG BildKunst Bonn, 2015; Courtesy: Johann König, Berlin BauNetz Media GmbH Geschäftsführer: Jürgen Paul Redaktion: Jeanette Kunsmann Texte: Jeanette Kunsmann, Katharina Sommer, Annika Wind Gestaltung: Toni Kny Artdirektion : Markus Hieke

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mit s sen verpa wslet ter. gabe e-Ne h e Au s K e i n u n e t z w o c ie r e n ! m Ba tzt abonn de Je

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SONNTAG
„Wir haben kein Flüchtlingsproblem, wir haben ein Wohnungsproblem“, sagt die Münchner Professorin Sophie Wolfrum. Spiegel Online hatte am Nikolaus-Tag den Artikel „Architekten zur Flüchtlingsunterbringung: Drei Wege aus der Wohnkrise“ an erste Stelle gesetzt – auch die Architekten Arno Brandlhuber und Manuel Herz kamen zu Wort. Neben der Frage nach dem Grad der Wohnstandards werden die Mischung verschiedener Nutzungen sowie der baulichen und architektonischen Qualität der Flüchtlingsunterkünfte thematisiert. Ein gutes Zeichen, dass die Diskussion nach der „Wohnungsfrage“ endlich aus den Feuilletons hinausklettert. Manuel Herz bringt es auf den Punkt: „Gott sei Dank wacht mein Berufszweig gerade ein bisschen auf.“ jk www.spiegel.de

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Geht auch: Der Entwurf von Brandlhuber+Emde, Burlon kostet 1.000 Euro pro Quadratmeter, Bild: © Brandlhuber+Emde, Burlon

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NEWS
SUPERWOOD
SYMPOSIUM IN STUTTGART

U-BAHN SCHLOSSPLATZ
KUNSTPROJEKT IN MÜNSTER

U-BAHN DÜSSELDORF
ERÖFFNUNG IM FEBRUAR

AUSLOBUNG
BESUCHERZENTRUM FÜR REICHSTAG

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Gramazio Kohler Research Lab: Dachkonstruktion des Neubaus des Arch_Tec_Lab, Foto: ETH Zürich

Foto: sozialpalast

Animation Bahnhof Benrather Straße von Thomas Stricker und netzwerkarchitekten

Foto: Geoportal Berlin (DOP20RGB)

Dossier

Superlativ Holz: Im Rahmen der DACH + HOLZ International werden auf dem Kongress SUPERWOOD im Februar 2016 sechs Vorträge wegweisende Projekte aus Europa vorstellen. Mit dabei sind Gramazio Kohler Research Lab (ETH Zürich), Andreas Krawczyk (NKBAK), Anssi Lassila (OOPEAA) und Spela Videčnik (OFIS) sowie Oliver Sterl von RLP Rüdiger Lainer + Partner, der das derzeit höchste Hochhaus aus Holz realisiert. Und Martin Antemann von Lehmann Timber Code erläutert, wie viel Schweizer Spitzentechnologie in Projekten von Herzog & de Meuron oder Shigeru Ban steckt. Am Donnerstag, 4. Februar 2016, im ICS Internationales Congresscenter Stuttgart, Messe Stuttgart. www.baunetz.de/superwood

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Das Künstlerkollektiv sozialpalast hat Münster eine U-Bahn geschenkt. Jedoch hat diese nur einen einzigen Halt und auf eine echte U-Bahn wartet man vergeblich. „Schlossplatz“ steht in weißen Lettern über einer umfunktionierten Fußgängerunterführung. Wer hinunter geht, den erwarten Großstadtgefühl und Subkultur: „Lärm, Menschen, ein Kiosk, Streetart und Musik!“ Die U-Bahn fährt als Projektion vorbei. Ganz neu ist die Idee nicht, Martin Kippenberger installierte im Rahmen seines Projekts „Metro-Net. Subway around the world“ 1997 einen U-Bahn-Luftschacht an der Kreuzschanze. Noch drei Mal in Münster: 11., 18. und 19. Dezember 2015, ab 20 Uhr, Fußgängertunnel, Schloßplatz www.sozialpalast.de

Auch Düsseldorf erhält eine neue UBahn, die ab dem 21. Februar 2016 als Wehrhahn-Linie die Innenstadt in OstWest Richtung unterqueren wird. Sechs neue U-Bahnhöfe wird es damit geben, die von verschiedenen Teams aus Architekten, Künstlern und Ingenieuren mit der Stadtverwaltung realisiert wurden. Die einzelnen Stationen wurden von Ralf Brög, Ursula Damm, Manuel Franke, Enne Haehnle, Thomas Stricker und Heike Klussmann gestaltet. Letztere zeichnet mit netzwerkarchitekten auch für die Konzeption des Tunnels verantwortlich. Bemerkenswert ist auch, dass es keine Werbeflächen geben wird. Eine Vorbesichtigung der Stationen Heinrich-Heine-Allee und Benrather Straße ist am 12. Dezember möglich.

Wer den Reichstag besichtigen will, muss zuerst in den Container. Doch dieses unschöne Provisorium soll nun durch ein neues Besucher- und Informationszentrum mit rund 6.600 Quadratmetern Bruttogeschossfläche ersetzt werden, das über einen Fußgängertunnel mit dem Reichstagsgebäude verbunden wird. Dazu lobt das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) einen offenen zweiphasigen Planungswettbewerb für Teams aus Architekten und Landschaftsarchitekten aus. Die Ausschreibungsunterlagen sind voraussichtlich ab dem 15. Dezember 2015 auf der Homepage abrufbar. www.bbr.bund.de

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WILD SITES
AUSSTELLUNG IN STUTTGART

CHEN KUEN LEE
AUSSTELLUNG IN STUTTGART

MARGHERITA SPILUTTINI
AUSSTELLUNG IN KÖLN

DER HIMMEL ÜBER BERLIN
AUSSTELLUNG IN BERLIN

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Bild: Thomas Rustemeyer, Karlsruhe

Foto: Steve Herud

Margherita Spiluttini: Helvetia Patria, St. Gallen, CH, Herzog & de Meuron, 1996; Foto: © Architekturzentrum Wien, Courtesy die Künstlerin und Christine König Galerie 2015

Bild: Helena Rafalsky und Kilian Dörfler

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Den „Wilden Orten“ in der Stadt widmet sich derzeit die Ausstellung Thomas Rustemeyer: Wild Sites, Stuttgart | Rotterdam. Im Fokus stehen dort Projekte, die nicht wie üblich von Projektentwicklern, sondern von informellen Gruppen oder den Nutzern des Ortes selbst initiiert wurden. Diese Experimente der Stadtgestaltung wurden bewusst aus zwei ganz unterschiedlichen europäischen Städten gewählt und gegenübergestellt: Rotterdam, das als Arbeiterstadt vernetzte Aktionen und zahlreiche Initiativen bietet und Stuttgart, das sich als wohlhabende Stadt im Umgang mit seinen Wild Sites eher schwer tut. Ausstellung bis 24. Januar 2016, architekturgalerie am weißenhof www.weissenhofgalerie.de

In den Bauten des 1915 in China geborenen deutschen Nachkriegsarchitekten und Schüler Hans Scharouns trifft fernöstliche Philosophie auf Konzepte der europäischen Moderne. Chen Kuen Lees außergewöhnliche Wohnhäuser werden derzeit in der Ausstellung Hauslandschaften. Organisches Bauen in Stuttgart, Berlin und Taiwan gezeigt. 20 Projekte wurden dazu ausgewählt, die von seinen Villen aus den 1950er Jahren für den süddeutschen Raum bis zum Massenwohnungsbau für das Märkische Viertel in Berlin ganz unterschiedliche Wohnungstypen zeigen. Ausstellung bis 10. Januar 2016, ifa-Galerie Stuttgart www.ifa.de

Mit ihren Arbeiten erforscht die österreichische Fotografin Architektur im Spannungsfeld von Ideal- und Gebrauchszustand. Das vom Menschen Gebaute, die Fotografie als künstlerische Interpretation dessen und das Archiv als Sammlungsort sind korrespondierende Bereiche, die in der aktuellen Werkschau Archiv der Räume in Bezug zueinander gesetzt werden. Das Thema des Archivs spielt eine wichtige Rolle in Spiluttinis Arbeiten, die sie nach Ordnungskriterien archiviert, die sich an unterschiedlichen Rezeptionsvorgängen orientieren. Die Ausstellung zeigt daher auch das gesamte Archiv der Künstlerin. Ausstellung bis 24. Januar 2016, Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur www.photographie-sk-kultur.de

Weg mit der Beschränkung auf die Traufkante, das war lange das Motto vieler Architekten in Berlin. Längst wächst und sprießt es überall, und noch mehr ist vielerorts geplant. Allein, es fehlt noch immer eine übergeordnete städtebauliche Haltung. Und wo es mal höher hinaus geht, da regiert trotzdem oft der Blockrand mit seiner monotonen Formensprache. Soweit die Analyse des BDA Berlin, der seine aktuelle Runde des Ideenwettbewerbs 40/40 dem Himmel über der Stadt widmet. Auf die Aufgabenstellung, städtische Nachverdichtung in der Höhe anstatt der Breite zu entwerfen, reagieren die Beiträge ganz unterschiedlich, teils polemisch und kritisch. Ausstellung noch bis zum 31. Dezember 2015, BDA Galerie www.bda-berlin.de
*Stand: 17. Juni 2015

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BIENNALE
DAM KURATIERT DEUTSCHEN PAVILLON

HOCH IM REIHENHAUS
PROJEKTE BEI DESIGNLINES

BOX AM GROSSGLOCKNER
OBJEKT BEI BAUNETZ WISSEN

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Oliver Elser, Peter Cachola Schmal und Anna Scheuermann, Foto: Kirsten Bucher

Foto: René de Wit

Foto: Albrecht Imanuel Schnabel

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1991 waren sie, zusammen mit dem BDA, schon mal dabei, nun geht es für das DAM wieder nach Venedig. Peter Cachola Schmal, seit 2006 Direktor des DAM, wird Generalkommissar für den deutschen Beitrag auf der 15. Architekturbiennale 2016 in Venedig. Im offenen Wettbewerbsverfahren hatte das DAM mit der Ausstellung „Making Heimat. Germany, Arrival Country“ gewonnen, die sich mit der Integration von Einwanderern und der Frage auseinandersetzen wird, welche Beiträge Architektur und Städtebau in diesem Prozess leisten können. Inhaltliche Verantwortung tragen neben Schmal außerdem der DAM-Kurator Oliver Elser und die Projektkoordinatorin Anna Scheuermann. www.labiennale.org

Wenn die Nachbarschaft stimmt, können Reihenhäuser ja durchaus ihren Charme haben. Weitläufige und lichtdurchflutete Raumwunder sind sie allerdings eher nicht. Oder etwa doch? Die Idee, ein Reihenhaus zu vergrößern, erscheint zunächst abwegig, lassen sich die kleinen Parzellen doch weder in die Breite noch in die Höhe erweitern. Umso mehr, wenn sie sich, wie in diesem Fall, in die Mitte einer sechsteiligen Reihe von Wohnbauten einfügen. Doch die Bauherren, eine vierköpfige Familie aus dem niederländischen Rijswijk, brauchten Platz, und so dehnte Ruud Visser aus Lexmond die Grundfläche im wahrsten Sinne aus, was dem Projekt seinen ungewöhnlichen Namen einbrachte: Streched House. www.designlines.de

Mörtschach ist eine der kleinsten Gemeinden in Kärnten mit den größten Gebietsanteilen am Naturpark Hohe Tauern. Als Gegenüber eines der ältesten Bauernhäuser im Dorf planten LP Architekten aus Altenmark einen mit schwarz lasiertem Holz verkleideten, kantigen Baukörper am Hang: die Kultbox Mörtschach. Herzstück ist ein vielfältig nutzbarer Veranstaltungssaal, ergänzt durch ein Foyer und eine Küche. Im Kontrast zur dunklen Hülle sind die Innenräume mit hellem Fichtenholz ausgekleidet; wenige, übergroße Fenster eröffnen fantastische Ausblicke in die Umgebung. www.baunetzwissen.de/Heizung

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*Stand: 15. Juli *Stand: 8. Dezember 2015 *Stand: 23.September 2015

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ACRYL AUF BETON
Katharina Grosse, o.T., 2015, Auftragsarbeit der Kölner Verkehrsbetriebe - Haltestelle Chlodwigplatz, Köln, 2015, Acryl auf Beton, Foto: Nic Tenwiggenhorn, Courtesy Galerie nächst St. Stephan/ Rosemarie Schwarzwälder, Wien

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DIE MÖGLICHKEIT DER FORMLOSIGKEIT DARF STRAPAZIERT WERDEN
EIN GESPRÄCH MIT KATHARINA GROSSE

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VON JEANETTE KUNSMANN Die Kunst stellt Fragen, Architektur beginnt mit einem Versprechen. Katharina Grosse ist eine Künstlerin, die ihre Malerei „in eine Dimension der Architektur überführt“ – und sie ist auch Bauherrin. 2007 haben die Architekten Augustin und Frank für Grosse in Berlin-Moabit eine „Ateliermaschine“ mit möglichst viel Raum und geringem Budget gebaut. Die Wände in ihrem Atelier mussten weich sein – „Ich muss in sie pinnen können“, sagt die 54-jährige Künstlerin. Über ihr besonderes Verhältnis zu Beton, warum es in ihrem Atelier keine Fenster, sondern Glaswände gibt, ihre Lieblingsfarbe Dioxazine Purple und die Quittenflut erzählt sie auch in dem Gespräch anlässlich ihrer aktuellen Arbeit in Köln: Einer Farbexplosion in dem neuen U-Bahnhof am Chlodwigplatz.
Katharina Grosse, 2015, Berlin, Foto: Andrea Stappert

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Als Künstlerin haben Sie einen engen Bezug zur Architektur – nicht zuletzt durch Ihren Atelierbau an der Lehrter Straße in Berlin, 2007 von Augustin und Frank Architekten gebaut. Eigentlich haben Sie sich damals eine amorphe Form gewünscht, gebaut wurde ein Betonkubus. Wie kam es dazu? Die Zusammenarbeit mit Georg Augustin und Ute Frank war besonders für mich. Wir hatten nur sehr wenige Treffen, in denen ich meine Bedürfnisse und Vorstellungen hinsichtlich Raumbedarf, Licht und Material formuliert habe. Dann habe ich sie machen lassen. Letztlich ist mein Verhältnis zur Architektur – als Malerin und in diesem Fall als Nutzerin – das der gegenseitigen Herausforderung, der Überschreibung und des ‚Grenzbewusstseins’ im positiven Sinne. Man mag unterstellen, dass hierin die Idee des Amorphen nicht verloren ging. Die Möglichkeit der ‚Formlosigkeit’ darf strapaziert werden. Es war sehr gut, ausnahmsweise einmal an einem Ort zu arbeiten, der alle Bedingungen für mich als Malerin erfüllte – und trotzdem mußte ich gleich nach dem Einzug in 2008 ein neues großes Außenatelier anmieten; denn für die Produktion der ‚Ellipsen‘ (wie ich sie immer nenne), die dann Anfang 2009 in der Temporären Kunsthalle in Berlin zu sehen waren, genügte der Platz nicht... (lacht). Ihre Meinung zu Sichtbeton? Hat sich Ihre Haltung zu Beton durch Ihr Ateliergebäude verändert? Ich lebe gern mit Sichtbeton. Sichtbeton ist das Material meiner Kindheit. Außerdem reizt mich das Relief; der Abdruck der Holzverschalung ermöglicht es, dass beides: Beton und Holz – immer gleichzeitig zugegen ist. Der Beton in der Lehrter Straße ist nicht unerheblich mit Weiß angereichert; das wird dann fast zur Holzlasur... Die Wände im Atelier müssen weich sein; ich muss in sie pinnen können. Das war eine Prämisse.

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Katharina Grosse, o.T., Quadriennale 2010, Projekt im Außenraum im Rahmen der Quadriennale Düsseldorf/Kunsthalle Düsseldorf, 2010, Acryl auf glasfaserverstärktem Kunststoff, Foto: Kunsthalle Düsseldorf gGmbH; © Katharina Grosse und VG Bild-Kunst, Bonn, 2015

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Blick in das Atelier von Katharina Grosse, Foto: Heji Shin, 2012

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Markant an diesem Gebäude sind aber auch die Fenster, die ungewöhnlich viele Ein- und Ausblicke gewähren. Wie lebt und arbeitet es sich damit? Es sind genau genommen gar keine Fenster. Die großen Glasflächen sind aufgeschnittene Wände; um die Lüftung zu gewährleisten, haben die Architekten sich für opake Luken entschieden, diese – zumeist mit Drehscharnier versehen – befinden sich immer in der Nähe der „Glaswände“. Das Licht im Haus ist in der Tat enorm vielfältig und anregend; auch wenn von außen gesehen ein anderer Eindruck erscheinen mag. Mit jeder Stunde ändert sich die Beleuchtungssituation und so der Charakter des Hauses. Und bald vergißt man, dass es innen und außen gibt. Interessant ist außerdem, dass sich die innere Struktur des Hauses über die äußere Erscheinung nur schwer nachvollziehen lässt; zumeist sind die Leute, die das erste Mal ins Haus kommen, von dessen Transparenz, Effizienz und Lichtfülle beeindruckt. Man kann einen ‚Kreislauf’ im Haus machen – immer entlang der äußeren Konturen – man braucht circa sieben Minuten dafür. Lager – Flur – Treppe hoch – durchs Atelier – Treppe runter – Küche – zurück im Lager. Schlenker sind immer möglich.

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Fotos: Heji Shin, 2012

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Für Ihr Wohnhaus haben Sie einen Supermarkt umbauen lassen. Gibt es Parallelen zum Atelierbau, oder bewusste Unterschiede? Eine Parallele ist, dass beide ohne jegliches Ornament auskommen. Der Wohnraum unterstützt andere Bewegungsmuster und offenere Nutzungsmodi. Die Außenflächen und vor allem der Garten – den ich so intensiv es geht, nutze – haben dort eine besondere Bedeutung und Qualität für mich. Mein Team wird entsprechend der Jahreszeiten gern einmal mit Obst und Gemüse nur so überhäuft. Die Quittenflut! Ihre Arbeit bindet die Malerei an die Architektur, um diese mit ein und derselben Geste aufzulösen. Warum? Beide Konzepte – die einander in gewisser Hinsicht ausschließen – koexistieren, sobald meine Malerei auf die Raumhülle trifft; die Koordinaten des architektonischen Raumes werden mit denen der Malerei multipliziert und vice versa. Mögliche Auflösungen obliegen den gedanklichen und visuellen Prioritäten des Betrachters. Der Blick entscheidet über Vorherrschaften. Was ist für Sie gute Architektur? Wie wünschen Sie sich Städte und Häuser? Fast so schön wie die Frage: Was ist gute Kunst? Wir brauchen öffentliche Orte, die gemeinsames Handeln ermöglichen. Ist Ihnen aufgefallen, dass Sitzmöglichkeiten zunehmend aus dem öffentlichen Raum verschwinden? Dass ich mir Städte und Häuser wünsche, die Gemeinschaft, Austausch und friedliche Koexistenz fördern, macht diese vielleicht trotzdem noch nicht gleich ‚gut’. Wie weit man den Bereich des Städtebaus denken möchte, und welchen – oft vernachlässigten – enormen Einfluss unsere Umgebung auf unser Selbstverständnis und unsere Verortung in der Gemeinschaft hat, wird ja derzeit durch viele wieder neu diskutiert. Das Schöne ist, dass sich das Argument, gut und nachhaltig zu bauen, wäre so teuer, nicht mehr lange wird durchsetzen können.

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Treppe in die Küche des Wohnbereichs, Foto: Heji Shin, 2012

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Die Treppe in Ihrem Atelier ist froschgrün, der Wohnbereich rosa, hellorange und grün. Wie entscheiden Sie sich für Farben?

Bild der Woche Tipp Dossier News

Nach Gefühl. Dass der Raum, in dem gelesen und gekocht wird, rosa sein muss, steht ja irgendwie außer Frage, oder? (Lacht.) Direkt klar war in jedem Fall, dass die recht außergewöhnliche Tatsache, dass man die „Glaswand“ in der Bibliothek beinah in Gänze aufschieben kann, obwohl auf ihr ja das gesamte Haus lastet, dunkel violett machen muss. Ohne zwinkerndes Auge: Ich wollte die Verwandtschaft von Material und Farbton vermeiden. Haben Sie denn eine Lieblingsfarbe – oder eine Farbe, die Sie niemals wählen würden? Jede Farbe hat ihre Zeit und letztlich ihren Ort, derzeit ist es Dioxazine Purple, das mich begeistert. In Köln haben Sie gerade die Wände in der neuen U-Bahnstation am Chlodwigplatz gestaltet. Wie kam es zu dem Projekt? Bereits 2007 hatte die Stadt Köln mit der Auslobung für diesen Wettbewerb begonnen. Meine Einreichung wurde für die Realisierung juriert. Dann kam es unter anderem durch den Einsturz des Kölner Stadtarchivs zu erheblichen Verzögerungen. Dass nun Mitte Dezember die Arbeit endlich allen U-Bahn-Reisenden ‚zur Verfügung’ stehen wird, freut mich sehr. Gab es eine Zusammenarbeit oder einen Austausch mit den Kölner Architekten Schaller/Theodor, die für den Bau der U-Bahnstation verantwortlich zeichnen? Wir hatten über all die Jahre hinweg immer wieder Austausch. Die Bauarbeiten an der Haltestelle waren beendet, als ich mit der Malerei begann. Wir schätzen einander; das hilft, ein solches Projekt zu realisieren. Die Größenverhältnisse und die Oberflächen im Chlodwigplatz sind wirklich gut gelöst. KUNST IM UNTERGRUND Acrylic on concrete: Das großflächige Wandgemälde von Katharina Grosse erstreckt sich von der Treppenanlage unterhalb des Kreisverkehrs am Chlodwigplatz entlang der kompletten Westseite der Gleisebene bis hin zu dem Treppenaufgang an der gegenüberliegenden Seite der Haltestelle, der zur Severinstorburg führt. Die Farben wurden mit einem Kompressor aufgesprüht und lassen – von der Gleisebene betrachtet – kaum mehr etwas von der darunter befindlichen Betonwand erahnen. Mit Grosses Wandgemälde findet der von den Kölner Verkehrs-Betrieben ausgelobte Kunstwettbewerb zur Gestaltung der Haltestellen der Nord-Süd-Stadtbahn Köln seinen Abschluss. Die Werke der Künstler Tue Greenfort (Breslauer Platz), Heimo Zobernig (Rathaus) und Werner Reiterer (Heumarkt) sind bereits seit den jeweiligen Inbetriebnahmen der Haltestellen zugänglich.

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Katharina Grosse, o.T., 2015, Auftragsarbeit der Kölner Verkehrsbetriebe Haltestelle Chlodwigplatz, Köln, 2015, Acryl auf Beton, Foto: Nic Tenwiggenhorn, Courtesy Galerie nächst St. Stephan/ Rosemarie Schwarzwälder, Wien

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Katharina Grosse, Das Bett, Düsseldorf, 2004, Acryl auf Wand, Boden und diversen Gegenständen, 280 x 450 x 400 cm; Foto: Nic Tenwiggenhorn; © Katharina Grosse und VG Bild-Kunst Bonn, 2015

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Was sagen Sie zu Grafittis im öffentlichen Raum? Künstlerisch spielen Sie ja mit dieser Ausdrucksform, grenzen sich aber dennoch bewusst davon ab. Graffitis sind toll, manchmal rätselhaft oder – im Gegenteil – dringlich, politisch. Sie durchmischen den öffentlichen Raum ohne darum gebeten zu werden. Aus dem Nichts heraus. Warum kein Pinsel, sondern die Spritzpistole? Ich benutze immer beide und mehr Werkzeuge, je nachdem, was ich brauche. Mit der Spraygun kann ich mit großer Reichweite, großer Geschwindigkeit und beinahe ohne Unterbrechung arbeiten. Das Bild kann leichtfüßig expandieren. Eine weitere Farbschicht bedeutet im Fall des Sprayens nicht die Zerstörung oder die Vermischung mit der darunter liegenden. Malerei dort auftreten zu lassen, wo mein Blick hinfällt, ist mit der Spraygun möglich. Das alles ist mir wichtig. In Ihrer Kunst arbeiten Sie häufig mit Flächen in vorgegebenen Räumen – oft ist der Kontext wie bei der U-Bahn-Station fast alltäglich. Was reizt Sie daran? Sind Leinwände manchmal langweilig? Malerei kann überall auftreten. Auf der Hausecke, auf dem Baum, auf der Erde, auf meinem Bett und auf Ihrer Schulter. Gibt es ein Gebäude, das Sie gerne einmal mit ein wenig Farbe besprühen würden? Das weiße Haus.

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Katharina Grosse, Inside the Speaker (Erdraum), 2014, Kunstpalast Düsseldorf, Acryl auf Stoff, Erde und glasfaserverstärktem Kunststoff, Foto: Nic Tenwiggenhorn; © Katharina Grosse und VG Bild-Kunst Bonn, 2015, Courtesy Johann König, Berlin

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Welche Chance und welche Aufgabe haben Kunst am Bau-Projekte? Wie sehen Sie dieses Genre? Es gibt mir die Möglichkeit, ein Bild in einen gesellschaftlichen Kontext und in andere Bildwelten einzuschreiben. Die Arbeit trifft auf Menschen und Konnotationen, denen sie im Museum nicht begegnen würde. In diesem wie in allen anderen Kontexten sind meine Werke Seh- und Denk-Angebote an den Betrachter. Mit noch größerer Selbstverständlichkeit sollte Kunst in unser Leben integriert werden; dort unterläuft sie die Routine – da kann viel passieren – dabei dürfen die enormen Aufgaben hinsichtlich der kuratorischen Einflußnahme, der Vermittlung und der Pflege nicht unterschätzt werden.

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Oben links: Katharina Grosse, psychylustro (The Warehouse), 2014, Auftragsarbeit für City of Philadelphia Mural Arts Program, USA, Acryl auf Wand, Boden und diversen Gegenständen, ca. 2.100 x 14.500 cm; Foto: Steve Weinik; © Katharina Grosse und VG Bild-Kunst Bonn, 2015/ Courtesy: Johann König Berlin; oben links: Katharina Grosse, The Blue Orange, Bahnhofsstation, Vara,Schweden, 2012, Acryl auf Wand und glasfaserverstärktem Kunststoff, Format variabel; Foto: Staffan Sävenfjord; ©Katharina Grosse und VG Bild-Kunst, Bonn, 2015; unten: Katharina Grosse, psychylustro (The Drama Wall), 2014, Auftragsarbeit für City of Philadelphia Mural Arts Program, USA, Acryl auf Wand, Boden und diversen Gegenständen, ca. 250 x 10.000 x 450 cm; Foto: Steve Weinik; © Katharina Grosse und VG Bild-Kunst Bonn, 2015/Courtesy: Johann König Berlin

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Als Künstlerin profitieren Sie von vielen Freiheiten. Auf welche möchten Sie nicht mehr verzichten? ÜBER KATHARINA GROSSE Ein weißer Schutzanzug mit Atemmaske, eine Spritzpistole und jede Menge knallige Farben: Wenn Katharina Grosse an ihren Farbwelten arbeitet, erinnert dieser Schaffensprozess an eine Kombination aus Labor, Spurensicherung, Malerei und Protest. 1961 in Freiburg/Breisgau geboren, ist sie in Bochum aufgewachsen und lebt seit 2008 in Berlin – für den Neubau ihres Ateliers hat sie die Berliner Architekten Georg Augustin und Ute Frank beauftragt. Zehn Jahre lang hatte Katharina Grosse eine Professur an der Kunsthochschule Berlin-Weissensee, seit 2010 lehrt sie Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf. Grosse studierte an den Kunstakademien Münster und Düsseldorf – heute hat sie einen großen Namen in der internationalen Kunstszene und blickt mittlerweile auf unzählige Ausstellungen zurück: u.a. im Pariser Palais de Tokyo, im Massachusetts Museum of Contemporary Art, im UCLA Hammer Museum in Los Angeles, in der Temporären Kunsthalle Berlin, auf der Quadriennale Düsseldorf oder auf der diesjährigen Kunstbiennale in Venedig. Katharina Grosse arbeitet seit über 25 Jahren mit ihrer Kunst aber auch im öffentlichen Raum. Zuletzt waren ihre Arbeiten unter dem Titel „Katharina Grosse: Sieben Stunden, Acht Stimmen, Drei Bäume“ im Museum Wiesbaden zu sehen. 2016 zeigt Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder in Wien eine Einzelausstellung der Künstlerin. www.katharinagrosse.com www.schwarzwaelder.at Vielleicht verstehe ich nicht recht, aber: Meine liebste Hängematte ist die freie Vorstellung, die glühende Spekulation. Katharina Grosse, warum brauchen wir Kunst? Um unsere Imagination zu erweitern. Imagination ist nötig, damit wir uns Alternativen zu Gewalt vorstellen können. Kunst ist eine Bedingung von Gesellschaft. •

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Katharina Grosse, Sieben Stunden, Acht Stimmen, Drei Bäume, 2015, Museum Wiesbaden, Foto: Nic Tenwiggenhorn; ©Katharina Grosse und VG Bild-Kunst Bonn, 2015

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Katharina Grosse, In Seven Days Time, 2011, Permanente Installation am Kunstmuseum Bonn, 2011, Acryl auf glasfaserverstärktem Kunststoff, 920 x 1.950 x 12 cm; Foto: David Ertl; © Katharina Grosse und VG Bild-Kunst, Bonn, 2015; Courtesy Galerie nächst St. Stephan/ Rosemarie Schwarzwälder, Wien.

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VON JEANETTE KUNSMANN

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Realität oder Fiktion? Wer nicht weiß, dass Julian Faulhaber als Fotograf arbeitet, könnte zunächst annehmen, seine perfekten Bilderwelten seien am Computer entstanden – als Prototypen einer besseren Gegenwart. Diese glatten und glänzenden Oberflächen, die sich in wohldurchdachten, komponierten Ausschnitten zu verfremdeten Alltagsbildern zusammensetzen, müssen doch gerendert und gephotoshopt sein. Sind sie aber nicht, was im Grunde auch wiederum ein wenig enttäuschend ist. Doch der Berliner Fotograf spielt mit seiner Serie „LDPE“, die soeben als Buch erschienen ist, auf etwas ganz anderes an als auf die wunderbaren Möglichkeiten der 3-D-Programme. Indem er nur einen Rohbau zeigt, stelle er Architektur „einen Schritt von dem eigentlichen Ideal entfernt“ dar, erklärt der 40-Jährige. „Man sieht nicht das Perfekte, sondern betrachtet das Rohe, das Davor.“

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PERFEKTE WELT: JULIAN FAULHABER

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Dass ausgerechnet das Rohe viel perfekter und sauberer aussieht als das Benutzte, stellt die Nutzung an sich in Frage. „LDPE“ steht als Abkürzung für den Kunststoff Low Density Polyethylen. Die Fotos, die von 2003 bis 2012 entstanden, zeigen in den meisten Fällen Innenräume wie Fabriken, Tankstellen, Restaurants oder eine Sporthalle, in denen der Kunststoff verbaut wurde. Es sind verlassene

Orte, die dennoch hell leuchten. Faulhabers Bildsprache erinnert dabei stark an die Modellfotografien von Thomas Demand, auf denen ebenfalls stets alle Hinweise auf Leben fehlen. Keine Menschen oder Autos, keine Schriftzüge, keine Werbung. Mit einem kurzen Text und vielen Bildern ist das Buch zur Serie „LDPE“ ein perfektes Geschenk, das man sich auch selbst schenken darf.

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Julian Faulhaber: LDPE Trademark Publishing, 2015 Hardcover, Leineneinband, 80 Seiten 38 Euro www.trademarkpublishing.de

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Fotos: © Julian Faulhaber / VG Bildkunst Bonn

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ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT
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VON ANNIKA WIND

So hat sie sich das Leben in der Zukunft wohl nicht vorgestellt. Interessant sieht es ja aus, dieses futuristisch anmutende Gebäude von Rem Koolhaas in Bordeaux mit all seinen mobilen Wänden. Aber immer wieder regne es hinein, erzählt die Putzfrau in einem Film. Und Privatsphäre gibt es auf der verglasten Wohnebene nur dann, wenn man sie mit meterlangen Gardinen verhängt – das dauert täglich mehrere Minuten. Auch das Leben in Kapselhotels oder Stadtlandschaften, wie man sie auch in dieser Ausstellung in Ludwigshafen kennenlernt, dürfte seine Tücken haben. Ist das der Preis, wenn man Zukunftsvorstellungen in die Realität umsetzt? Das Wilhelm-Hack-Museum beschäftigt sich mit solchen Fragen in einer Schau, die es schlicht „Wie leben?“ nennt. Und in der es Visionäres aus über 100 Jahren präsentiert – von der Russischen Avantgarde bis heute.

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Anlass ist das 150. Firmenjubiläum der BASF, die diesen Parcours auf drei Ebenen mit rund 300 Architekturmodellen, Filmen, Gemälden, Wohnlandschaften, Möbeln und Fotos maßgeblich finanziert hat. Dafür zeigt man schöne Zusammenhänge und Gegenüberstellungen, ist aber eines leider selbst zu wenig: visionär. Vielleicht passt dazu der Satz von Karl Valentin, dass die Zukunft früher auch mal besser war: Die Stärke der Ausstellung ist es zu zeigen, wie enorm Innovationen in Industrie und Forschung die Kunst beeinflussen. Die Begeisterung für Kunststoffe etwa hatte ja nicht nur mit technischen Neuerungen in den 1960er Jahren zu tun – sondern auch mit der damaligen Fortschrittsgläubigkeit und Begeisterung für die florierende Raumfahrt. Dazu passt, dass ein Chemieriese direkt vor der Haustür des Hack-Museums sitzt. Die BASF hat durch ihre Kunststoffe selbst ein Stück Designgeschichte mitgeschrieben: Verner Panton ließ hier seine legendären Plastikstühle produzieren oder Charles und Ray Eames ihren Schaukelstuhl „Rocking Armchair Rod“.

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Sehenswert ist die Ausstellung schon allein, weil sie wichtige Zukunftsvorstellungen aus der Vergangenheit präsentiert – und dazu einlädt, sie mit dem was war und womöglich wird abzugleichen. Verblüffend ist, dass man manchen gewagten Entwurf dann doch irgendwann realisierte. Die Wolkenbügelhäuser von El Lissitzky und Mart Stam aus den 20er Jahren ähneln heute sehr den Kranhäusern, die vor wenigen Jahren im Kölner Rheinauhafen entstanden. Wer genau hinsieht, erkennt in all den Modellen und Möglichkeiten vergangener Zeiten aktuelle Probleme wieder: In den 20er Jahren musste ähnlich dringend wie jetzt Wohnraum geschaffen werden – nur, dass es nun um den Zuzug von Flüchtlingen geht. Wären die Kapselhäuser von Wolfgang Döring oder Modulbauten wie der Nakagin Turm in Tokio nicht auch heute eine gute Alternative zu den Containern, in denen wir hastig Asylbewerber unterbringen? Interessanterweise existieren solche Entwürfe seit 40 Jahren.

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Vorherige Seite: Terreform One, BIO CITY MAP OF 11 BILLION: World Population in 2110, 2013/2014 Genetisch modifizierte E. coli, parametrisch thermogefertige Styrol-Scheiben, Stangen aus Carbonfaser, Stahlstreben, USB Mikroskope 400x, High-Speed USB Mehrfachanschlüsse, LED Leuchtbänder in Ultraviolett, MAC Mini, Foto: © Terreform One; links: Edwin Braun, Heinz Mack während Film-Aufnahmen zum Film Tele-Mack in der tunesischen Wüste, 1968, Foto: Archiv Mack; unten: Hussein Chalayan, Place to Passage, 2003 Single Screen Installation 5+1 AP, 12’10’’, Colour with sound, A Film written and directed by Hussein Chalayan, Foto: Courtesy of the artist and galerist

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Nur die Frage nach zukünftigen Lebenswelten beantwortet die Ausstellung zu wenig. Immerhin zeigt sie Vincent Callebauts Zukunftsstadt, in der Wohnungen und Gärten in die Luft wachsen wie amorphe Gebilde. Zudem versucht man mit Stühlen aus Papier oder Altkleidern heutige Tendenzen in der auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Gestaltung aufzugreifen. Aber was ist mit dem Bang-Design, für das man Bits, Atome und Gene zu nutzen versucht? Was ist mit Atommüll, ungerechter Ressourcenverteilung, Ängsten vor der Zukunft? „Wie leben?“ ist eine sehenswerte, vielfältige, aber dann auch etwas zu sehr der Vergangenheit verpflichtete Schau.

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Wie leben? Noch bis 28. Februar 2016 im WilhelmHack-Museum Ludwigshafen am Rhein, Berliner Str. 23 67059 Ludwigshafen am Rhein
Ausstellungsansicht Wie leben? - Zukunftsbilder von Malewitsch bis Fujimoto, 2015, © Wilhelm-Hack-Museum, Stadtverwaltung Ludwigshafen, Foto: Joachim Werkmeister

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Der Katalog ist im Wienand Verlag erschienen und kostet 35 Euro im Handel und 29,80 Euro im Museum. www.wilhelmhack.museum

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ARCHITEKTUR IM SCHNEE Eine Galerie kann auch ein Ort der Familie sein, passend zur Jahreszeit zeigt die Berliner Galerie Aedes die Ausstellung „Architektur in der Schneekugel“, eine Sammlung von Bené Asefa Feireiss. Dieser ist niemand anderes als der Enkelsohn der Gründerin Kristin Feireiss und mit zwölf Jahren wahrscheinlich der bislang jüngste Leihgeber. Über 100 Schneekugeln aus aller Welt, Reisegeschenke von Verwandten und Freunden der Familie, sind diesen Freitag, den 11. Dezember 2015, zu bestaunen. jk // Foto: Hans-Jürgen Commerell // www.aedes-arc.de

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