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Full text: Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen " in Familie, Kindertagestätten und Hilfen zur Erziehung

Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen –
in Familie, Kindertagestätten und Hilfen zur Erziehung

- Dokumentation -

Fachtagung am 28.06.2010 im „Centre Monbijou“ Oranienburger Straße 13-14 10718 Berlin

Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

Inhaltsverzeichnis

Dokumentation Fachtag 28.06.2010
Begrüßung – Andreas Schulz, Referat Jugendhilfe .................................................... 3 Begrüßung – Claudia Gaudszun, Referat Kindertagesstätten .................................... 5 Silke B. Gahleitner: Was Fachkräfte über Traumata wissen müssen ......................... 8 Monika Schipmann: Stationäre Unterbringung von kleinen Kindern......................... 24 Wolfgang Mohns: Vernetzte bezirkliche Angebote ................................................... 29 Katrin Hentze: Kita mit schwierigen Arbeitsaufträgen................................................34 Cornelia Piekarski: Kleine Kinder in den Hilfen zur Erziehung...................................37 World Café 1 – Bildungsnetz .................................................................................... 41 World Café 2 – Lotsenfunktion der Kita bei der Familienunterstützung .................... 45 World Café 3 – Erziehungsstelle gut – alles gut ? .................................................... 49 World Café 4 – Erziehungspartnerschaften – Wie aus hilflosen Eltern hilfreiche Eltern
werden können ......................................................................................................... 53

World Café 5 – Familienrat ....................................................................................... 62 World Café 6 – Krisenpflege in Berlin ....................................................................... 69 World Café 7 – Familienintegration........................................................................... 78 World Café 8 – Aufsuchende Elternhilfe ................................................................... 82 Hans-Ullrich Krause: Zusammenfassung der Tagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“............................................................................................................ 86

Inhaltsverzeichnis

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Flyer „Anmeldung zur Fachtagung“

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Referat Jugendhilfe

Begrüßung – Andreas Schulz, Referat Jugendhilfe
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Referentinnen und Referenten des heutigen Fachtags,

willkommen im Centre Monbijou. Wir heißen Sie vom PARITÄTISCHEN Berlin aus zwei Referaten – dem Referat Kindertagesstätten und dem Referat Jugendhilfe – herzlich willkommen. Wir begrüßen Sie auch im Namen von Herrn Dr. Krause und Frau Herr, den Sprechern der IGFH –Regionalgruppe Berlin. Wir haben uns darauf verständigt, dass der Abschluss des Fachtages der IGFH gehört.

Meine Damen und Herren, die Referate Kindertagesstätten und Jugendhilfe belegen das, was wir heute erreichen wollen: Referate, Abteilungen zusammenführen, aber auch Fach- und Führungskräfte aus den unterschiedlichen Arbeitsfeldern. Wir wollen Themen und Arbeitsweisen kennenlernen und uns austauschen über das alltäglich Erlebte im Umgang mit den Kleinsten in unserer Gesellschaft.

Wir wollen sehr ernst nehmen, was wir in dem Veranstaltungsflyer geschrieben haben: wir fangen an, ein Netz zu knüpfen. Und wir freuen uns, dass so viele dieser Einladung gefolgt sind: 120 Personen heute hier im Centre Monbijou, über 200 Interessierte an dem Fachtag. Wir begrüßen heute hier Vertreterinnen und Vertreter aus 2 Senatsverwaltungen, aus 10 Bezirken und wir konnten anhand der Anmeldeunterlagen auch feststellen, dass es gelungen ist, eine sehr gute Mischung an Fachkräften der Felder Kindertagesstätten und Hilfen zur Erziehung für den Fachtag zu bekommen.

Begrüßung – Andreas Schulz, Referat Jugendhilfe

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Wir liefern heute keine fertigen Antworten, und wenn Sie das Programm sehen, dann kann man auch kritisch anmerken: „Von allem etwas dabei…“ – ja, das ist so gewünscht. Und wir wollen genauer hinhören und schauen, wo es zukünftig darum gehen muss, Ressourcen zu bündeln, Angebote zu verstetigen, d.h. rechtlich und finanziell abzusichern, und Kooperationen auf- und auszubauen.

Lassen Sie mich abschließend aus dem Veranstaltungsprogramm 2010 unseres heutigen Kooperationspartners, der IGFH, zitieren. Dort wird für eine ExpertInnentagung mit dem Titel: „Hilfen zur Erziehung und Kindertagesbetreuung“ mit folgenden Sätzen geworben: „Es kann erwartet werden, dass sich Synergieeffekte durch das gemeinsame Lernen von HzE und Kindertagesregeleinrichtung ergeben bzw. dass sich das Schaffen gemeinsamer Arbeitsbezüge auf die fachliche Arbeit in beiden Segmenten positiv und produktiv auswirkt.“

Davon sind auch wir überzeugt – und mit dem Schaffen gemeinsamer Arbeitsbezüge und dem Aufbau von Synergieeffekten wollen wir heute hier beginnen.

Begrüßung – Andreas Schulz, Referat Jugendhilfe

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Referat Kindertagesstätten

Begrüßung – Claudia Gaudszun, Referat Kindertagesstätten
„Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen in Familie, Kitas und Hilfen zur Erziehung“
Mein Kollege Andreas Schulz fragte mich vor einigen Monaten, ob auch in den Kitas das Thema „Kinder in schwierigen Lebenssituationen“ thematisiert wird.

Das wird es in der Tat.

Kitas haben den Auftrag, Kinder zu bilden, zu fördern und zu betreuen. Das ist zuerst einmal ihre Aufgabe. Aber im SGB VIII steht auch: Fachkräfte sollen mit den Eltern zusammenarbeiten, sie sollen mit anderen kinder- und familienbezogenen Institutionen, insbesondere der Familienbildung und -beratung zusammenarbeiten.

Das Berliner Kitagesetz und das Berliner Bildungsprogramm, nach denen die Kitas arbeiten, sprechen von einer „Erziehungspartnerschaft mit den Eltern“. Erzieherinnen und Eltern sollen vertrauensvoll im Interesse der Kinder zusammenarbeiten, Eltern sollen bei Bedarf unterstützt werden und auch hier ist die Kooperation mit anderen Diensten und Einrichtungen als eine Aufgabe von Kitas benannt.

Vielleicht haben Sie in der letzten Woche auch die Vorstellung des Nationalen Bildungsberichtes 2010 gehört... Danach leben fast ein Drittel der Kinder in einer sozialen, finanziellen und/oder kulturellen Risikolage. Die Pädagogen in den Kitas haben täglich mit den Auswirkungen von schwierigen Lebenssituationen der Familien zu tun, z.B.

Begrüßung – Claudia Gaudszun, Referat Kindertagesstätten

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• • • • • • •

mit Armut, mit Sorgerechtstreitigkeiten, mit schwerer Erkrankung oder Behinderung eines Familienmitglieds, mit suchtkranken Eltern, mit psychischen Erkrankungen der Eltern, mit dem plötzlichen Tod eines Familienmitglieds, mit Gewalttätigkeiten, Vernachlässigungen und vielem mehr…

Keine Erzieherin kann davor die Augen verschließen. Und sie sind in der Mehrzahl sehr engagiert und unterstützen die Eltern. Dazu brauchen sie Kooperationen und die Zusammenarbeit mit anderen Fachstellen, mit Ämtern, mit anderen freien Trägern der Jugendhilfe, mit der Erziehungsberatung, mit Suchtberatungsstellen, Kinderschutzprojekten und anderen familienunterstützenden Angeboten. Dabei sind die Möglichkeiten durchaus vielfältig. Eine Form der Kooperation ist das Angebot anderer Fachstellen, Sprechzeiten oder Kurse in der Kita direkt anzubieten, z.B. Deutschkurse für Mütter, Elternbildungskurse, Sprechzeiten der EFBs u.s.w.

Ein solches, direkt an die Kita angegliedertes Angebot auf verbindliche Füße zu stellen, war im letzten Jahr in Berlin in der Diskussion. Es gab Überlegungen, Kitas zu Familienzentren weiterzuentwickeln. Leider hat diese Idee den Entwurf des neuen Kitagesetzes nicht überlebt. Und das obwohl sich alle Fachkräfte einig sind: Kitas sind ideale Orte der Prävention, sie sind niedrigschwellig, die Eltern sind täglich im Haus und die Zusammenarbeit mit den Erziehern ist in der Regel vertrauensvoll und gut.

Der Ansatz der interdisziplinären Zusammenarbeit und der Vernetzung von verschiedenen Stellen, die alle mit den gleichen Kindern arbeiten, muss weiter ausgebaut werden. Ein erster Schritt dazu ist die gegenseitige Kenntnis über die jeweils anderen Angebote. Daher ist es eines unserer Tagungsziele, die Vernetzung anzuregen.

Wir haben uns daher gefreut, dass die Resonanz auf unseren Fachtag so groß ist.

Begrüßung – Claudia Gaudszun, Referat Kindertagesstätten

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Wir haben doppelt so viele Anmeldungen erhalten, wie Plätze zur Verfügung standen. Von den etwas über 100 Teilnehmern haben wir etliche Anmeldungen aus den Jugendämtern, den RSDs und anderen Stellen der Bezirksämter, der Jugendhilfe und den Kitas.

Wir hoffen, dass Sie heute ins Gespräch miteinander kommen, dass Sie Kontakte knüpfen oder bestehende Kontakte vertiefen.

Begrüßung – Claudia Gaudszun, Referat Kindertagesstätten

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Silke B. Gahleitner – Was Fachkräfte über Traumata wissen müssen

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Silke B. Gahleitner – Was Fachkräfte über Traumata wissen müssen

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Silke B. Gahleitner – Was Fachkräfte über Traumata wissen müssen

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Silke B. Gahleitner – Was Fachkräfte über Traumata wissen müssen

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Silke B. Gahleitner – Was Fachkräfte über Traumata wissen müssen

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Silke B. Gahleitner – Was Fachkräfte über Traumata wissen müssen

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Silke B. Gahleitner – Was Fachkräfte über Traumata wissen müssen

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Silke B. Gahleitner – Was Fachkräfte über Traumata wissen müssen

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Silke B. Gahleitner – Was Fachkräfte über Traumata wissen müssen

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Silke B. Gahleitner – Was Fachkräfte über Traumata wissen müssen

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Silke B. Gahleitner – Was Fachkräfte über Traumata wissen müssen

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Silke B. Gahleitner – Was Fachkräfte über Traumata wissen müssen

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Silke B. Gahleitner – Was Fachkräfte über Traumata wissen müssen

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Silke B. Gahleitner – Was Fachkräfte über Traumata wissen müssen

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Silke B. Gahleitner – Was Fachkräfte über Traumata wissen müssen

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Silke B. Gahleitner – Was Fachkräfte über Traumata wissen müssen

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Monika Schipmann
Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung Referat Erziehungshilfen und Verträge

Stationäre Unterbringung von kleinen Kindern
Vorbemerkung
Das heutige Thema hat viele Facetten.

Ich begrüße es sehr, dass der PARITÄTISCHE diesen Fachtag mit dem Thema „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“ organisiert hat und sich explizit mit den besonders Schutzbedürftigen, den Hintergründen für die steigenden stationären Unterbringungen in dieser Altersgruppe und damit auch mit den Anforderungen an die Qualitätsstandards der Betreuung auseinandersetzt.

Dieser breit angelegte Fachdiskurs ist angesichts der Entwicklung überfällig und bietet m.E. die Chance, die jeweilige Wissensbasis über verschiedene Möglichkeiten zu vergrößern, fachliche Annahmen und Standards zu reflektieren und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Ich möchte an dieser Stelle aus der gesamtstädtischen Perspektive des Referats Erziehungshilfe und Verträge über die Entwicklung von Angeboten und Rahmenbedingungen für die außerfamiliäre Betreuung von kleinen Kindern in Einrichtungen/Regelgruppen auf Grundlage der §§ 34, 42 SGB VIII berichten.

Das in Berlin mittlerweile speziell für die Betreuung von kleinen Kindern außerhalb der Herkunftsfamilie entwickelte zusätzliche Betreuungssetting ‚Krisenpflege’ im Rahmen der Vollzeitpflege/Familienpflege nach § 33 SGB VIII wird Ihnen meine Kollegin Frau Ihmels später am Tisch 6 näher erläutern.

Monika Schipmann – Stationäre Unterbringung von kleinen Kindern

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Ausgangssituation
Die Leistungsbeschreibungen für die stationären HzE sahen und sehen ausdrücklich vor, dass kleine Kinder nicht in (regulären) Schichtdienstgruppen betreut werden sollen.

Das Wissen um die besondere Bedeutung von Beziehungskontinuität und von sicheren Bindungen verbietet es, kleine Kinder, die häufig gerade erst eine Trennungserfahrung hinter sich haben und/oder Misshandlungen durch Eltern und Vertrauenspersonen erleiden mussten, in Schichtdienstgruppen mit wechselnden Bezugspersonen und einem für diese besonderen Betreuungsbedarfe nicht ausgerichteten Personalschlüssel zu betreuen. Soweit der Grundsatz.

Tatsächlich erreichten uns im Vertragsbereich der Senatsverwaltung Bildung, Wissenschaft und Forschung in den vergangenen Jahren immer wieder Anfragen aus den Jugendämtern und von Trägern, die dringend einen Betreuungsplatz für ein kleines Kind oder für Geschwister in einer Regelgruppe suchten bzw. genehmigt haben wollten. Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass nicht ausreichend Pflegefamilien im Rahmen der Krisenpflege für die sofortige und vorübergehende Aufnahme von kleinen Kindern zur Verfügung stehen. Auch Plätze in familienanalogen Hilfesettings in Einrichtungen – wie z.B. im Rahmen einer Erziehungsstelle – sind ebenfalls nicht immer in ausreichendem Umfang vorhanden.

Die SenBWF hat sich daraufhin entschlossen, das Versorgungsproblem öffentlich zu machen, und der Vertragskommission (Mindest-)Standards für den Abschluss von diesbezüglichen Trägerverträgen vorgeschlagen. Schließlich sollte auch ein transparentes Verfahren im Zusammenhang mit den von den Standards der LB abweichenden Verträgen nach § 78 a ff SGB VIII hergestellt werden.

Nach eingehender Diskussion hat die Vertragskommission mit Beschluss Nr. 5/2009 „Rahmenbedingungen für die Verhandlungen von Trägerverträgen über Kurzzeitunterbringung von Säuglingen und Kleinkindern im Alter von 0 bis unter 6 Jahren in Schichtdienstgruppen nach § 34 und § 42 SGB VIII“ verabschiedet. Parallel dazu wurde gemeinsam mit den Beteiligten das mittlerweile beschlossene Konzept der

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Krisenpflege im Rahmen der Vollzeitpflege nach §§ 33, 42 SGB VIII entwickelt und implementiert.

Annahmen und Standards
Der bundesweit feststellbare Anstieg der stationären (Kurzzeit-)Unterbringung in dieser Altersgruppe infolge der Kinderschutzdebatte wurde auch in Berlin deutlich. 2008/2009 wurden etwa 80 Anträge auf Ausnahmegenehmigungen bei der Senatsverwaltung BWF gestellt. Von Jugendämtern und von Trägern wurden folgende Ursachen benannt: • Es stehen nicht ausreichend (im Einzelfall geeignete) Pflegefamilien für die sofortige und befristete Unterbringung für Kleinkinder in einer Notsituation zur Verfügung. • • • Es müssen mehrere Geschwister kurzfristig untergebracht werden. Die Eltern stimmen der Unterbringung in einer Pflegefamilie nicht zu. Die Kinder können aufgrund massiver Verhaltensauffälligkeiten nicht in einer Pflegefamilie untergebracht werden.

Die Regelgruppen in Einrichtungen sind jedoch konzeptionell (z.B. mit Blick auf die besonderen Anforderungen an die Elternarbeit) und personell (z.B. in Bezug auf die Notwendigkeit einer intensiven Begleitung und Förderung des Kindes) nicht auf diese Zielgruppe eingerichtet. Es bedarf daher im Zusammenhang mit der Unterbringung kleiner Kinder immer einer besonders gründlichen Einzelfallprüfung im Rahmen der Hilfeplanung und im Rahmen der Entwicklungsplanung in der Einrichtung vor Hilfebeginn und begleitend.

Die Vertragskommission Jugend hat klar formuliert: • Die vorgelegten Orientierungswerte für die Verhandlungen der personellen und sächlichen Ausstattung der Angebote, die vorübergehend kleine Kinder in Notsituationen in Schichtdienstgruppen betreuen, sind begründete Ausnahmen. Es sollen ausdrücklich keine Standardangebote entwickelt werden.

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•

Für diese besonderen Betreuungssettings kommen nur Träger in Betracht, die ein breites Leistungs- und Erfahrungsspektrum haben und in der Lage sind, notwendige Ergänzungsleistungen sicher zu stellen.

• •

Die Unterbringung kleiner Kinder in besonders strukturierten Schichtdienstgruppen ist auf höchstens 3 Monate zu beschränken. Die Laufzeit der Trägerverträge ist auf 2 Jahre begrenzt.

Und schließlich: • Die Vertragskommission hat ferner festgelegt, dass 2011 die angenommene Bedarfssituation und die speziellen Angebote überprüft werden.

Die Vertragskommission ist von einem Bedarf von ca. 200 Krisenunterbringungsplätzen in dieser Altersgruppe ausgegangen.

Tatsächliche Entwicklungen
Die Belegungsstatistik weist aus, dass am Stichtag 31.12.2009 302 Kinder im Alter von 0 bis unter 6 Jahre stationär auf Grundlage der §§ 34, 42 SGB VIII untergebracht waren. Davon waren auf Grundlage des § 34 SGB VIII insgesamt 268 Kinder und auf Grundlage des § 42 SGB VIII insgesamt 33 Kinder (0 bis unter 3= 23, 3 bis unter 6 Jahre 10 Kinder) untergebracht.

Differenziert nach Angebotsformen waren in

unter 3 Jahre Schichtdienstgruppen Heimgruppen besonderer Prägung oder Gruppenangeboten Intensiv Gruppen zur kurzzeitigen Unterbringung Erziehungswohngruppen Familienanalogen Gruppen7 7 7 2 27

3 bis unter 6 Jahre 16 53

7

20 27

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Angeboten, Regelleistung Familienanalogen GruppenAngeboten, Intensivleistung WAB-Gruppen Erziehungsstellen Teilstationären Projekten --14 4 78 10 11 7 190 14 46

Auf Nachfrage hat der Kindernotdienst ergänzend mitgeteilt, dass von März bis Dezember 2009 114 Kleinkinder im Alter unter 1- 3 Jahre in Obhut genommen wurden.

Spezielle Trägerverträge nach den zuvor genannten Orientierungsstandards für die Betreuung von Kindern unter 6 Jahren haben bisher nur 5 Träger abgeschlossen mit insgesamt 41 Plätzen.

Weiterentwicklungserfordernisse
Der Fachtag heute bietet eine gute Möglichkeit zu einer vertieften Reflexion. Ich wünsche mir eine Debatte, die sich mit den fachlichen Annahmen und den Hintergründen der Entscheidung über eine stationäre Unterbringung von kleinen Kindern und den fachlichen Anforderungen an diese Angebote befasst, und uns allen einen anregenden Austausch.

Vielen Dank!

Monika Schipmann – Stationäre Unterbringung von kleinen Kindern

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Wolfgang Mohns
Jugendamtsleiter Tempelhof-Schöneberg

Vernetzte bezirkliche Angebote
Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

wodurch werden kritische Lebenslagen ausgelöst?

Das breite Feld der Schwierigkeiten in Familien lässt sich leider nicht über einen Kamm scheren. Zu unterschiedlich sind die Schwierigkeiten, zu unterschiedlich die Familienzusammensetzungen und zu unterschiedlich die Lebensentwürfe. Ich will daher die psychisch ausgelösten Problemlagen nicht zum Thema machen.

Auslöser für kritische, gefährdende oder belastende Familiensituationen sind u.a.: • • • • • Häusliche Gewalt Armut Überforderung Bindungs- und Beziehungsstörungen Bildungsferne

Es gibt zwar keine Antwort, keine allgemeingültige, keine universelle Antwort, aber vielleicht einen gemeinsamen Nenner für die Frage: Was ist das verbindende Element dieser Auffälligkeiten? Ich bin überzeugt davon, allen gemein ist ein unterschiedlich stark ausgeprägtes Bildungsdefizit. Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg sieht es daher als sein zentrales jugendpolitisches Ziel an, die Bildungschancen aller Familien zu erhöhen. Bildung ermöglicht die Befähigung zu gesellschaftlicher Teilhabe und Bildung ermöglicht Selbstverwirklichung entsprechend den eigenen Bedürfnissen und Wünschen.

Was kann Jugendhilfe für eine größere Bildungsbereitschaft tun? Zwei Zielgruppen in einem Familiensystem gilt es anzusprechen.
Wolfgang Mohns – Vernetzte bezirkliche Angebote 29

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1. Die Kinder 2. Die Eltern (hier Mutter, Vater, Patchwork…)

Bildungsangebote für Kinder
Ich fange bei den Kindern an: Wir versuchen frühzeitig den Zugang zur frühkindlichen Bildung zu erreichen. Das sind die Angebote der Tagesbetreuung, also Kitas und Tagespflege. Kindertagesstätten sind der erste Zugang zu institutionalisierten Bildungsangeboten. Ich setze auf eine starke Vernetzung und Einbeziehung der vorschulischen Bildung. Wir versuchen auf regionaler Ebene im Rahmen der sozialräumlichen Betrachtung und Herangehensweise die Kindertagesstätten und die Kindertagespflegen mit in die sozialräumlichen Strukturen einzubinden. Frühkindliche, vorschulische Bildung ist die stärkste präventive „Maßnahme“ der Jugendhilfe. Ich bin dankbar, dass zumindest hier der finanzielle Rahmen definiert ist. Knapp, aber festgelegt, das wünschen wir uns für andere Bereiche der Jugendhilfe ebenso.

Bildungsangebote für Eltern
Aber ich will nicht nur über die Kindertagesbetreuung sprechen, das kommt sicher intensiver beim nächsten Input. Ich hatte als zweite Zielgruppe die Eltern benannt. Lebenslanges Lernen ist zwar gerade „en vogue“, aber für den Bereich der Familien und Eltern geradezu unverzichtbar. Eltern- und Familienbildung ist Prävention und Intervention zugleich. Familienbildung und Familienförderung ist Auftrag nach dem SGB VIII, das ist unstrittig. Dennoch gibt es hierfür keine festgelegte Finanzierungssystematik. Unser Bezirk investiert viel in Angebote nach § 16 SGB VIII. Hier werden explizit die Angebote der Familienbildung beschrieben. Auch die Leitungen der Berliner Jugendämter beschäftigen sich zurzeit mit der Beschreibung der Inhalte und auch mit Überlegungen zur Finanzierungssystematik. Der besondere Charme der Familienbildung liegt in der Möglichkeit, sowohl auf aktuelle Problemlagen eingehen zu können als auch allgemein über kindliche Entwicklung und Familienprozesse zu informieren. Daher mein eingangs formulierter Hinweis, dass in der Familienbildung sowohl vorbeugende als auch aktiv unterstützende Anteile enthalten sind.

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Die Angebote der Familienbildung können von vielfältigen Anbietern stammen und natürlich auch an unterschiedlichen Orten stattfinden. Angeboten wird Familienbildung von den Trägern der freien Jugendhilfe und von den kommunalen und freien EFB-Stellen des Bezirkes. Es sind Angebote, die in Kitas, Schulen, Familienzentren oder den Räumen der Träger durchgeführt werden.

Familienzentren
Kindertagesstätten sind das Eintrittstor zur Bildung. Hier müssen die Angebote für Familienbildung angesiedelt sein. Leider ist der erste Anlauf in dieser Stadt gescheitert. Aber ich weiß, dass viele Kitas mit großer Unterstützung der verantwortlichen Träger zusätzliche Angebote für Eltern und Familien entwickeln und vorhalten. Das ist der richtige Schritt, aber leider nicht ausfinanziert. Tempelhof-Schöneberg setzt sich auf der jugendpolitischen Ebene weiterhin für die Realisierung dieses Projektes ein. Die Erfahrungen gerade in England sind Beleg dafür, dass es unverzichtbar ist, diese Form der Familienunterstützung in den Kitas verlässlich zu etablieren.

Bildungsverbünde
Alle Regionen in unserem Bezirk arbeiten an Bildungsverbünden. Bildungsverbünde sind Zusammenschlüsse aller am Bildungsverlauf beteiligten Institutionen, Träger und Anbieter. Insbesondere Jugendhilfe, Kitas, Schulen und Jugendfreizeiteinrichtungen entwickeln gemeinsam Ideen und Strukturen zur Zusammenarbeit. Sei es der Übergang Kita/Schule, die Einbindung der Jugendfreizeiteinrichtungen in den Schulalltag oder die Gestaltung des Überganges in den Beruf, alles wird hier versucht zu verknüpfen. Ich bin sehr stolz darauf, dass die meisten Regionen sich inzwischen auf den Weg gemacht haben. Die Einbindung der Schulen ist auf regionaler Ebene sehr erfolgreich.

Stärkere Verknüpfung der Regel- und Hilfesysteme

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Natürlich kommt ein Jugendamt nicht ohne Hilfen zur Erziehung aus, natürlich gibt es Notwendigkeiten, die ein Eingreifen beim Kinderschutz erforderlich machen, und natürlich müssen auch die Familiengerichte angerufen werden. Uns geht es jedoch darum, dieses auf ein Minimum beschränken zu können oder zumindest die am wenigsten eingreifende Maßnahme zu wählen. Dazu versuchen wir die Regelsysteme (also Kitas, Schulen, Ganztagsbetreuung und Jugendfreizeiteinrichtungen) zu stärken und die Hilfesysteme (Hilfen zur Erziehung) erst dann eingreifen zu lassen, wenn klar ist, mit den Regelangeboten ist der Prozess nicht zu gestalten.

Was heißt das konkret? Wir gestalten gerade einen Schulstandort gemeinsam mit der Schule, dem Ganztagsbetreuungsträger und dem regionalen HzE-Träger so, dass zunächst einmal bei Auffälligkeiten versucht wird, zusätzliche Ressourcen über die Ganztagsbetreuung zu generieren. Entwicklungsverzögerungen kann auch mit zusätzlichen Erzieherstunden für Integration begegnet werden. Wenn das nicht genügt, können Angebote der sozialen Gruppenarbeit zusätzliche Unterstützung bringen. Durch Stärkung von Angeboten aus einer Hand (einem Träger) kann auf diesem Weg auch die personelle Beziehungskontinuität für die betroffenen Kinder gewährleistet werden. Der Übergang zur ambulanten Hilfe ist somit fließend. Ich bin überzeugt davon, dass auf diese Weise mit frühzeitigen Unterstützungen auf der Ebene der Regelsysteme andere HzE-Angebote deutlich später oder geringer eingreifen müssen. Daher werden wir diesen Weg weiter beschreiten.

Hauhaltsunterstützung
Eine weitere Möglichkeit, Angebote vor den Hilfen zur Erziehung zu entwickeln, ist die genaue Prüfung, ob tatsächlich immer pädagogische, sozialpädagogische oder psychologische Unterstützung notwendig oder hilfreich ist. Verschuldung, unorganisierte Tagesabläufe, chaotische Hauhaltsorganisation oder miserable Hauhaltplanung kann häufig auch mit anderen Mitteln begegnet werden. Eine Unterstützung bei der Haushaltsführung, bei der Gestaltung des Tagesablaufes oder bei Einkäufen sollte lebensnah und lebenspraktisch erfolgen. Hierfür gibt es Fachkräfte außerhalb der Pädagogik. Wir haben an einem Standort die Zusammenarbeit mit einer Hauswirtschaftsschule begonnen und mit zwei Trägern in einer anderen Region die Ange-

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bote der Haushaltsunterstützung abgesprochen. Ich setze sehr darauf, hier zu vorzeigbaren Ergebnissen zu kommen.

Stärkung der nachbarschaftlichen Arbeit
Die Stärkung der Familie kann auch durch die Stärken der Nachbarschaft gelingen. Ein gut funktionierendes System von nachbarschaftlichem Engagement hilft bei der Prävention und kann stärkend auf Familien wirken. Der Ausbau von nachbarschaftlichen Zentren, die wohnortnah erreichbar sind, ist zielführend. Wir haben inzwischen vier Nachbarschaftszentren über den Bezirk verteilt. Sie sind zum einen Anlaufstelle, aber zum anderen auch Kommunikationsinstrument. Wir stärken daher das Engagement der Nachbarschaftszentren. Leider sind auch hier die finanziellen Grundausstattungen desaströs.

Ehrenamtliche
Ein abschließendes Wort, weil es mir am Herzen liegt, zu den Ehrenamtlichen. Wir haben, nicht nur in Tempelhof-Schöneberg, ein Heer von Menschen, nämlich Ehrenamtliche, die über Kompetenzen und Kenntnisse verfügen, die bisweilen brachliegen und verkümmern. Ich bin dankbar für alle Bemühungen in diesem Bereich, das Interesse und die Neugier zu wecken. Aber gleichzeitig werde ich auch immer wieder die Wertschätzung für diese Art der gesellschaftlichen Arbeit zeigen. Ich bin überzeugt, dass gerade die Ehrenamtlichen unser Kleinod in der sozialpädagogischen Arbeit sind. Sie sind es, die den Weg in die Familien auf direkte, unkomplizierte und akzeptierte Art finden.

Fazit
Es muss uns in dieser Stadt gelingen, die präventiven Angebote verbindlich und sicher zu finanzieren.

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Katrin Hentze – Kita mit schwierigen Arbeitsaufträgen

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Katrin Hentze – Kita mit schwierigen Arbeitsaufträgen

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Katrin Hentze – Kita mit schwierigen Arbeitsaufträgen

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Cornelia Piekarski – Kleine Kinder in den Hilfen zur Erziehung

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Cornelia Piekarski – Kleine Kinder in den Hilfen zur Erziehung

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Cornelia Piekarski – Kleine Kinder in den Hilfen zur Erziehung

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World Café 1 – Bildungsnetzwerke

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Helmut Wittmann
Jugendwohnen im Kiez gGmbH, Regionalleiter

Beate Lubitz
Jugendamt Tempelhof Schöneberg, Regionalleitung Schöneberg Nord

World Café 1 – Bildungsnetz

Einführung World Café 1 – Bildungsnetz Schöneberg Nord Setting
a) TeilnehmerInnen: MitarbeiterInnen mit Leitungsveranwortung: 2 Grundschulen, 3 Kitas, Freier Jugendhilfeträger HZE, Nachbarschaftsheim, KJGD, Quartiersmanagement, Integrationsbeauftragte, Verband sozial-kulturelle Arbeit; Anmerkung: alle TeilnehmerInnen haben in ihren Institutionen Leitungs- und Steuerungsverantwortung; dadurch wird gewährleistet, dass Verabredungen, Beschlüsse und Informationsnotwendigkeiten auch umgesetzt werden; Institutionen müssen sich sukzessive nach innen und außen verändern. b) Federführung: Jugendamt, Regionalleitung Schöneberg Nord c) Moderation/Prozessgestaltung/Dokumentation: 2 Moderatorinnen in enger Kooperation mit Regionalleitung Jugendamt d) Sitzungsmodus: 5 Workshops im Jahr, je 8:30 bis 11:30 Uhr (8 Workshops seit Nov. 2008) e) Finanzierung: Leistungsvertrag FuA (Fallunspezifische Arbeit)

Ziele
Gemeinsam benannte Ziele eines steuernden und strategischen Bildungsnetzes: • • Entwicklung einer feinteiligen, verlässlichen, transparenten sozialräumlichen Bildungslandschaft (Sozialraum als Bildungsraum) Schaffung von anregenden Lebens-, Lern- und Erfahrungsräumen für Kinder

World Café 1 – Bildungsnetzwerke

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und Jugendliche (Lebensraum als „bunter“ Lernort) • • Sprachentwicklung gemeinsam fördern und gestalten Bildungsverläufe für Kinder abbruchfrei gestalten – Brücken bauen an den Übergängen der Institutionen; kein biografisches Scheitern aufgrund mangelnder Sprachkompetenz • • • • • • • • • Maßgeschneiderte Vernetzung der regionalen Bildungsakteure in einem lokalen Bildungsverbund Eltern für Bildungsverläufe ihrer Kinder aktivieren und begeistern Entwicklung von gemeinsamen Systemen der Frühförderung und Prävention (keine Abbrüche im Bildungsverlauf durch Sprach-/Sozialdefizite) Optimierung der Übergänge: Familie – Kita, Kita – Schule (Schule – Oberschule, OS – Beruf) Abstimmung der Sprachförderprogramme in den Bildungseinrichtungen Zweisprachigkeit als Stärke und große Chance (Imagewandel!) Planung und Abstimmung durch die Leitungsverantwortlichen Vermeidung von Parallel- und Konkurrenzangeboten Entwicklung gemeinsamer regionaler Standards

Neben dieser Vision ist ein wesentliches Ziel des Jugendamtes: Prävention vor Intervention! Wir möchten Maßnahmen der frühzeitigen Intervention entwickeln und fördern, um perspektivisch häufig zu späte Interventionen zu reduzieren. Ausführliche Dokumentation unter: www.kiezatlas.de/schoeneberg-nord/Aktuelles + Aktionen/Bildungsnetzwerk Dokumentation[MT1]

World Café 1 – Gespräche
Es wurde unter der Fragestellung „Was ist Ihre Erwartung an ein regionales Bildungsnetzwerk?“ diskutiert – folgende Aspekte wurden genannt: • • • • • Kiezbezogenheit konkrete Zusammenarbeit Kita – Grundschule! konkrete Verabredungen Aspekt von Nachhaltigkeit Verstetigung als Perspektive?
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World Café 1 – Bildungsnetzwerke

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• • • • • • • • • •

Gibt es Kooperationsverträge zwischen Schulen und Kitas?

→ hier bisher nicht Start?

→ Anregung über Erfahrungen des Jugendhilfeträgers JuWiK Teilnahme/Verbindlichkeit

→ interessengestützt/Dringlichkeit als Motiv („Der Termin ist heilig!“) Problem: Einzugsgebiete Schulen und Einzugsgebiete Kitas Warum nicht berlinweit? So viele regionale Zuschnitte

→ Sozialräume/Regionen sind verschieden! (maßgeschneiderte Entwicklung) alternatives Modell: Kooperationswerkstatt Kita + Schule (Spandau), gemeinsame Ziele verbessern „Einer muss für das Bildungsnetzwerk brennen“ – als Motor für Netzwerk kooperieren – frühzeitig handeln Schuleinzugsgebiete kein regionaler Bezug, Problem Leitungskräften sind die Termine absolut wichtig, daher kein „abbröseln

World Café 1 – Bildungsnetzwerke

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World Café 2 – Lotsenfunktion der Kita bei Familienunterstützung

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Dagmar Krämer
Sozialarbeiterin, Kinder im Kiez GmbH

Sigrid Petto
Fachberaterin, Orte für Kinder GmbH

World Café 2 – Lotsenfunktion der Kita bei der Familienunterstützung

Allgemeines Feedback
In der ersten Runde war den Teilnehmenden nicht klar, dass hier kein fertiges Konzept vorgestellt wird. Daher war die Anwärmphase gerade erst beendet, als diese Runde beendet werden musste. In der zweiten und dritten Runde konnten wir dahingehend besser anmoderieren und die Teilnehmenden kannten die Vorgehensweise schon, so dass wir schneller ins Gespräch kamen. Die Methode hätte allen Teilnehmenden im Vorfeld klarer vorgestellt werden sollen.

Tatsächlich ist diese Methode ein Weg, sehr schnell miteinander in Kontakt zu kommen und den interdisziplinären fachlichen Austausch in einer fremden Gruppe zu ermöglichen. Trotzdem wäre es gut gewesen, pro Gruppe noch 10 Minuten mehr Zeit zu haben.

Mehr (funktionierende) Flipchartstifte hätten eventuell dazu beitragen können, dass sich die Teilnehmenden aktiver an der Tischdokumentation beteiligt hätten. Sie wurde aber gerne angenommen, auch um am Schluss noch kurz Gedanken zu formulieren, die nicht mehr in die Runde kamen.

Zusammenfassend werden nachfolgend in Stichpunkten die angeschnittenen Themen skizziert:
• Einbindung und Rückkopplung bei den HZE

World Café 2 – Lotsenfunktion der Kita bei Familienunterstützung

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

•

Einbeziehung der Kita in Hilfeplanung nach §36 SGB VIII (wird in der Praxis sehr unterschiedlich, Tendenz eher selten, praktiziert) und Fallteams. Kita als „sichere Insel“ muss in den Gesprächen dabei sein.

• •

Lotse als koordinierende Stelle in der Jugendhilfe. Neue Qualitäten von Elternarbeit in der Kita sind nötig. ErzieherInnen sind weder durch Ausbildung noch durch eigene Biographie auf die Zusammenarbeit mit „schwierigem“ Klientel vorbereitet.

• • •

mehr Fortbildung für pädagogisches Fachpersonal zur Zusammenarbeit mit dem Jugendamt, Kooperation mit Jugendhilfeträgern... Kita kann nur Lotse sein, wenn gute Kenntnisse zu Hilfen da sind. Vernetzung im Sozialraum... Hierfür sind auch aktuelle Infos zu Ansprechpartnern notwendige Vorraussetzung (z.B. aktuelle Telefonlisten – wer pflegt und veröffentlicht diese?). Aufeinander zugehen.

• • • • • • • • • • • • •

Erfolgreiche Zusammenarbeit ist oft personenabhängig. mehr gegenseitige Kenntnisse voneinander zwischen den Institutionen, Einrichtungen, Bezirksämtern... Kita kann vermitteln, dass das Jugendamt nicht nur „Kinder wegnimmt“ (Wächteramt per Gesetz), sondern Unterstützung anbietet. Systematisierung der Lotsenfunktion – wer ist dabei wofür zuständig (z.B. Fachberatung...)? Es muss mehr gut/verlässlich finanzierte Familienzentren geben, in denen geeignete Personen nah an den Familien dran sein können. Stärkung der Regeleinrichtungen Klärung der Lotsenfunktion: Wo beginnt sie, wo hört sie auf? Kita muss sich Vertrauensposition erhalten. Schwieriger Spagat zwischen Beratung, Begleitung und §8a SGB VIII. Selbstverständnis eher Beratung als Lotse (hier: Verständnis vom Lotsen, der den Weg vorgibt) Dolmetscher werden an vielen Standorten gebraucht, um mit den Familien arbeiten zu können. Infothek von Anbietern in jeder Kita Vernetzung mit Selbsthilfe Dreierteams: Jugendamt, Kita, Jugendhilfeträger

World Café 2 – Lotsenfunktion der Kita bei Familienunterstützung

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

Es gab unterschiedliche Erfahrungen bei Trägervertreterinnen von Familienzentren: •

Ziel war es alle ErzieherInnen als Lotsen auszubilden. Hat nicht geklappt und sich auch nicht als sinnvoll erwiesen. Beratung im Büro zu festen Zeiten wurde nicht angenommen. Eltern sind eher zu erreichen über offene Treffpunkte und Gruppen, die auch mal Fachleute einladen. Gut funktioniert das regelmäßige Nachbarschaftscafé und dazu ein paralleles Beratungsangebot.

•

Aus der Praxis, dass die Kita sehr viel berät, entstand das Modell: Träger finanziert eine zusätzliche Springerkraft, die Erzieher vertritt, wenn sie als Vertrauenspersonen ihre Beratungsfunktion wahrnehmen. Angebote von außen werden nicht angenommen.

•

Kinder- und Jugendhilfezentren mit geregelten Kooperationsvereinbarungen mit Kitas. Hier Beratung von außen. Enge Zusammenarbeit. Auch gemeinsame Fortbildungen von Fachpersonal. Echte Zusammenarbeit führt dazu, dass die Hilfe von „außen“ auch angenommen wird.

World Café 2 – Lotsenfunktion der Kita bei Familienunterstützung

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

World Café 3 – Erziehungsstelle gut – alles gut?

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

Manfred Jannicke
(Nachbarschaft hilft Wohngemeinschaft e.V.) Geschäftsführer/pädagogischer Leiter

World Café 3 – Erziehungsstelle gut – alles gut ?
Diskussionsrunde zum Angebot Erziehungsstelle als familienanaloge Form der Hilfe zur Erziehung. Input zum Einstieg: Gegenüberstellung dieser Angebotsform mit den Pflegestellen.

Welche familienanalogen Formen der Erziehungsstellen gibt es?
1. Erziehungsstellen • • • Klassisch: 1-2 Plätze zur mittel- bis langfristigen Unterbringung (familienersetzend) Kinderschutzstellen: Krisen-/Clearingunterbringung (vorübergehender Schutz und Perspektivklärung) Erziehungsstelle mit 3-4 oder mehr Plätzen mit innewohnenden pädagogischen Fachkräften1 (Diese Angebote unterscheiden sich durch die Betreuungsintensität.)

1

Die Berliner Rahmenleistungsvereinbarung bezeichnet auch Erziehungswohngruppen mit 5-6 Plätzen mit dauerhaft oder alternierend innewohnenden päd. Fachkräften als „familienanalog“. Wir von NHW e.V. haben uns entschieden, dies mit Blick auf die speziellen Versorgungsbedürfnisse gerade der kleinen Kinder (unter 6 Jahren) nicht zu tun, weil solche Einrichtungen durch den erforderlichen Wechselschichtplan, häufige Belegungswechsel und zu viele Angehörige das Kriterium der Familiananalogie („Als-ob-Zuhause“) nach unserer Ansicht nicht erfüllen.

World Café 3 – Erziehungsstelle gut – alles gut?

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

2. Pflegestellen • • Vollzeitpflege mit + ohne erweiterten Betreuungsbedarf zur mittel- bis langfristigen Unterbringung (familienersetzend) Befristete Vollzeitpflege mit + ohne erweiterten Betreuungsbedarf, z.T. noch als bezirkliche Angebotsform (z.B. bei vorhersehbarem und vorübergehendem Ausfall der Eltern etwa durch Krankenbehandlung o.ä.) • neue Angebotsform: Krisenpflege (vorübergehender Schutz und Perspektivklärung), Ausgestaltung siehe in diesem Reader Gemeinsamkeiten2 • • • • • Privatheit und Intimität Alltagsleben als Prinzip und Lernmilieu konstante Familiengruppe zumeist langfristige Perspektive Erwartungsdruck an die Kinder, sich in das bestehende Familienleben zu integrieren

Unterschiede

Erziehungsstelle 1-2 Plätze rechtl. Grundlage: § 34 SGB VIII mit Fachkräftegebot

Pflegestelle 1 – 2 Kinder rechtl. Grundlage: § 33 SGB VIII ohne Fachkräftegebot

institutionelles Arrangement (u.a. Arbeits- Pflegeverhältnis/Pflegevertrag verhältnis mit Weisungsrecht des AG) berufliches Selbstverständnis der Erziehungsstellen-Eltern größere Distanz zum Kind geringerer Erwartungsdruck an das Kind bewußte Gestaltung eines „Erziehungsmilieus“ inkl. umfangreicher Unterstützungsmöglichkeiten für die päd. Fachpersönlich motiviertes Zusammenleben mit Kind(ern) größere Nähe zum Kind höherer Erwartungsdruck an das Kind Orientierung an Normalität des familiären Lebens

2

Nach: „Neues Manifest zur Pflegekinderhilfe“, Hrsg. Kompetenzzentrum Pflegekinder e.V. + IGfH, 2010, Seite 37

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

kräfte große Offenheit für Elternkontakte und ggf. Rückführung im Vergleich höheres Entgelt im Vergleich niedrigeres Entgelt begrenzte Offenheit für Elternkontakte, dadurch erschwerte Rückführungsoption

Die World-Café-DiskutantInnen interessierten sich für Fragen wie: Welche Personen sind für welche Formen geeignet? Für welche Kinder/Problemstellung ist welches Angebot geeignet? Welche Formen der Qualifizierung und Qualitätssicherung sind erforderlich ? Etc...

World Café 3 – Erziehungsstelle gut – alles gut?

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

World Café 4 – Erziehungspartnerschaften: Wie aus hilflosen Eltern hilfreiche Eltern werden

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

Birgit Zuther
(VJB Zehlendorf e.V., Berlin) pädagogische Koordinatorin/Familienberaterin zuther@vjb-zehlendorf.de

World Café 4 – Erziehungspartnerschaften – Wie aus hilflosen Eltern hilfreiche Eltern werden können
Familiengruppenarbeit – Anforderungen und neue Wege in der Elternarbeit (in der stationären Jugendhilfe)

Ausgangssituation und Grundannahmen
• Ein von seiner Familie getrennt lebendes Kind fühlt sich trotz der (erzwungenen) Trennung vor allem als Mitglied seiner Herkunftsfamilie. Es lebt in einem Loyalitätskonflikt zwischen dem System, in dem es de facto lebt, der Wohngruppe, in das sich einzuleben als gefährlich empfunden werden kann, weil es die Auflösung der Bindung zur Herkunftsfamilie manifestieren könnte, und dem Herkunftssystem. • Störungen der Emotionen und des Sozialverhaltens bei Kindern haben meistens ihre Ursache in intrafamiliären Konflikt- und Problemsituationen. Warum nicht innerfamiliär? • • Beziehungs- bzw. Bindungsmuster wirken über Generationen. Die Entwicklungsverläufe bei fremd platzierten Kindern verlaufen in der Regel positiv und stabiler, wenn es gelingt eine vertrauensvolle Kooperation mit den Eltern aufzubauen und diese weitestgehend in die Erziehungsverantwortung einzubeziehen. • Eltern, deren Kinder fremd untergebracht sind, erleben sich häufig hilflos und inkompetent, sie verlieren mit der Fremdunterbringung ihres Kindes in sehr kurzer Zeit (1/2 Jahr) den Alltagsbezug zu ihrem Kind, genannt Parentektomie - „verwaiste Eltern“.

World Café 4 – Erziehungspartnerschaften: Wie aus hilflosen Eltern hilfreiche Eltern werden

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

•

Die Familien sind meistens, oft auch schon über Generationen, multiplen Belastungs- und Benachteiligungsfaktoren ausgesetzt. Sie haben Zweifel an ihrer Selbstwirksamkeit und sehen für sich oft keine Veränderungsmöglichkeiten.

•

Mehrfachbelastete Eltern sind in der Regel nicht in der Lage, den Zusammenhang zwischen psychosozialen Belastungs-Faktoren (Familie/Schule usw.), eigenem Verhalten und Symptomen beim Kind zu erkennen, entsprechende Handlungsschritte alleine abzuleiten und umzusetzen.

• •

Eltern/Familien bleiben oft skeptisch gegenüber den Helfersystemen und können die regulären Hilfe- und Beratungsangebote häufig nicht annehmen. Die Übertragung von den Verhaltens- und Entwicklungsfortschritten des Kindes in die häusliche Umgebung gelingt häufig nicht (nachhaltig), wenn die Eltern-Kind-Interaktion nicht ausreichend bearbeitet werden konnte.

• •

Eltern fühlen sich häufig hilf- und machtlos (Versager) ihrem Kind gegenüber, während in der Wohngruppe scheinbar alles klappt. Eltern wünschen und benötigen eine praxisnahe und handlungsorientierte Anleitung/Begleitung in der problematischen Eltern-Kind-Interaktion.

Grenzen und Nachteile der klassischen Hilfen
• Mit der Fremdunterbringung konzentrieren sich die Hilfen zur Erziehung im Wesentlichen auf die Förderung des untergebrachten Kindes. Weitere bedarfsgerechte und geeignete Hilfen, welche die Eltern parallel zur Unterbringung befähigen (Erziehungskompetenzen) bzw. welche auf die Verbesserung der Beziehungsqualität zu ihren Kindern abzielen, werden bisher kaum angeboten und finanziert. • Die Tatsache, dass oftmals noch andere Geschwisterkinder zu Hause leben und die intrafamiliären Probleme durch eine Herausnahme des „Problemkindes“ in keiner Weise gelöst sind, findet kaum Berücksichtigung, zumal davon auszugehen ist, dass sich diese häusliche Problematik in kurzer Zeit auf andere Weise Ausdruck verschafft. • Kommt es dennoch vor, dass weitere Hilfen in der Familie installiert sind, ist die notwendige enge Vernetzung dieser Hilfen in der Regel nicht gegeben. In

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

manchen Familien werden so über die Jahre unzählige Hilfen und Helfersysteme eingesetzt, die kaum in einer gemeinsamen Hilfeplanung (Kita, Therapeut, Familienhilfe, Schule, Einzelfallhelfer, Tagesgruppe, Heim, Klinik usw.) unter der Beteiligung der Eltern überprüft und abgestimmt wurden, und wodurch eine bedarfsgerechte und ressourcenorientierte enge Verzahnung von gemeindenaher psychosozialer Versorgung, ambulanter und stationärer Hilfen nicht erfolgt. In diesen Fällen kann der Eindruck entstehen, dass die Hilfen die Familien zusätzlich hilfloser machen und die Erziehungsverantwortung zunehmend an Experten delegiert oder von diesen übernommen wurde. • Eine gezielte Elternförderung im Sinne von Befähigung und Förderung der Erziehungsverantwortung, welche auf den Bedarf und die Zugangsmöglichkeiten der Familie abgestimmt ist, ist kaum vorhanden oder ist während der Fremdunterbringung nicht vorgesehen.

Nimmt man den Wortlaut „Hilfen zur Erziehung“ als Auftrag ernst, ist ein Umdenken in der Hilfestruktur unumgänglich. Wie auch im 13. Kinder- und Jugendbericht1 gefordert, bedarf es Förderprogramme, die sich stärker an den Bedürfnissen und Handlungsmöglichkeiten von Heranwachsenden und deren Familien ausrichten und einen Lebenswelt- und Kontextbezug herstellen. Auch im Hinblick auf die zu Recht geforderte Wirkungsorientierung und den Rückführungsauftrag in den Hilfen zur Erziehung ist eine stärkere Fokussierung auf kompetenzstärkende Hilfen auch besonders für Eltern von fremd untergebrachten Kindern unerlässlich.

Folgt man dieser Erkenntnis, bedarf es bei der Entwicklung geeigneter Hilfe- und Fördermaßnahmen eines grundlegenden Umdenkens in der Struktur der Hilfen und auch im Rollenverständnis der Helfer. So lange die traditionelle Berater- und Erzieherrolle eher geprägt ist von Expertentum („Ich sage dir wie es geht, ich bin der bessere Erzieher für dein Kind.“) bzw. Betreuer sich (verständlicher Weise) eher in der Rolle der „Ersatzeltern“ (bessere Eltern) sehen, fördert diese Haltung „die Konkurrenz um das Kind“ und damit in der Folge auch die Hilflosigkeit der Eltern. Diese Haltung fördert in gewisser Weise die Auf- bzw. Abgabe der elterlichen Erziehungsverantwortung2. Folgt man jedoch dem Grundsatz, dass die Verantwortung stets bei
1 2

13. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung 2009. siehe auch: Cecchin/Conen: „Wenn Eltern aufgeben“, Carl-Auer-Verlag 2008.

World Café 4 – Erziehungspartnerschaften: Wie aus hilflosen Eltern hilfreiche Eltern werden

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

den Eltern bleibt, auch wenn die Helfer es besser wüssten, erfordert dies von uns einen entscheidenden Haltungs- und Rollenwechsel: vom Expertenberater/-erzieher zum Unterstützer der tatsächlichen Eltern. Dies ist auch schon deshalb erforderlich, da Eltern häufig – verstärkt durch die heutige allgemeine Konsumhaltung – von der Einrichtung, dem Helfer eine solche Service-Leistung erwarten oder sich wünschen. Den Eltern die Verantwortung abzunehmen bedeutet aber, mit ihnen potenziell eine Konkurrenz einzugehen, sie als Eltern zu entwerten, elterliche Resignation zu verstärken und damit möglicherweise tradierte und generationsübergreifende Beziehungs- und Erziehungsdefizite aufrecht zu erhalten.

Ein solcher Paradigmenwechsel, von einer kindzentrierten zu einer familienzentrierten Betreuung, ist aber nicht nur für uns Helfer eine Herausforderung, sondern auch deshalb schwierig, weil für Eltern die (zeitweilige) Unterbringung in einer Wohngruppe zunächst eine Entlastung und sehr eng mit dem Wunsch auf eine „Behandlung“ ihres Kindes verknüpft ist oder ihnen wenigstens eine „Super-Nanny“ zeigen soll, wie es besser geht.

Betrachtet man dann noch die Aspekte des wirkungsorientierten Lernens, d. h. wie werden Eltern tatsächlich befähigt und können diese das dann auch im Alltag umsetzen, dann muss sich unsere Arbeit stärker an Konzepten orientieren, die auf das Erleben und Erfahren am Handlungs- und Erfolgsmodell beruhen. Erkenntnisse und Ratschläge führen in der Regel nicht zwangsläufig dazu, dass Menschen auch ihr Verhalten entsprechend verändern können. Hierzu bedarf es der Hilfestellung in der konkreten Situation, des Experimentierens und des Wahrnehmens, Anerkennens von Fortschritten, Ressourcen und Erfolgen.

Wollen wir hilfreiche Konzepte entwickeln, die auf die Stärkung der Erziehungsverantwortung und –kompetenzen der Eltern ausgerichtet sind und dadurch die ElternKind-Beziehungen nachhaltig verbessern, bietet die Arbeit mit Familiengruppen hierfür einen sehr gutes Setting und einen bedarfsgerechten Lernkontext. In einer Gruppe lassen sich problematische Verhaltensweisen und Symptomatiken einer Familie differenzierter bearbeiten. Die Familiengruppenarbeit nutzt die Erkenntnis, dass Mitglieder aus anderen Familien neue und andere Perspektiven entwickeln können, vor allem, wenn sie mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Da Menschen
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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

in Konfliktsituationen eher dazu neigen, eine eingeschränkte Sichtweise zu haben, aber gleichzeitig über eine sehr hohe Sensitivität für ähnliche Probleme bei anderen verfügen, kann diese Fähigkeit für den Reflexionsprozess und die Entwicklung von neuen Perspektiven genutzt werden.

Effekte und Vorteile der Familiengruppenarbeit3
• • Förderung der Solidarität: „ Wir sitzen alle im gleichen Boot.“ Stigmatisierung und schambedingte Isolation überwinden: „Wir sind ja nicht die Einzigen.“ • Anregungen zu neuen Sichtweisen und Perspektiven: „Ich sehe sehr genau bei dem anderen Dinge, für die ich bei mir selbst blind bin.“ • • • • voneinander lernen: „ Wie die anderen das machen, find ich gut.“ sich in anderen „gespiegelt“ sehen: „Wir sind wie ihr.“ positive Nutzung des Gruppendrucks: „Ich kann hier nicht kneifen.“ gegenseitige Unterstützung und Rückmeldung: „Toll, wie ihr das macht – und wie seht ihr uns?!“ • Kompetenzen entdecken/erweitern: „Ich kann doch mehr als ich dachte, ich bin doch gar nicht so hilflos.“ • mit „Pflegefamilien“ und Surrogaten experimentieren: „Ich kann mit anderen Kindern ganz gut – und wie deine Eltern mit meinem Kind umgehen, ist klasse.“ • • • Erleben intensivieren: „Hier brodelt es, es tut sich was.“ Hoffnung wecken: „Licht am Ende des Tunnels, auch für uns.“ neue Verhaltens-/Erziehungsmuster im „Schonraum“ üben: „Ich kann hier was ausprobieren, auch wenn es mal schief geht.“ • Selbstreflexion stärken: „Ich sehe mich hier genauer und anders.“

3

Eia Asen, Michael Scholz: Praxis der Multifamilientherapie, Carl-Auer-Verlag 2009, Seite 16.

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

•

Offenheit durch „öffentlichen“ Austausch schaffen: „Niemand verteufelt mich, ich kann mich öffnen.“

Damit vereint die Familiengruppenarbeit die Vorteile einer Einzelfamilientherapie/beratung mit den Besonderheiten einer Gruppentherapie/-beratung. Die Einsatzmöglichkeiten dieses Ansatzes sind vielfältig und können als ambulante mehrstündige Programmeinheit, tageweise oder in Wochen(end)blöcken sowie (teil)stationär durchgeführt werden. Dieses Setting basiert auf Inhalten der systemischen Interaktionsarbeit und kombiniert diese mit anderen traditionellen Therapieformen und deren Methoden. Multifamilienarbeit ist eine Herausforderung, nicht nur für die Familien, sondern auch für die Mitarbeiter und erfordert sehr hohes Engagement. Die Vorteile und die positiven Effekte sind jedoch so überzeugend und der Wirkungsgrad herkömmlicher Beratungssettings oder anderer Förderprogramme so unbefriedigend, dass es an der Zeit ist, umzudenken und dieses Konzept auch in den Bereich der stationären Jugendhilfe zu übertragen. Im Mai dieses Jahres haben wir daher mit einem Familienprogramm nach dem FuN4Konzept gestartet, an dem 7 Familien freiwillig aus unterschiedlichen stationären Hilfen begeistert teilnehmen.

Familienprogramm
• • 8 Termine mit 8 Familien à 3 Zeitstunden im 14-tägigen Rhythmus verschiedene kurze angeleitete Kooperations- und Kommunikationsspielsituationen (an separaten Familientischen), welche von den Teamern direkt in der Aktionsphase gecoacht werden • • • gemeinsames Essen, welches jeweils eine Familie für die Gruppe zubereitet Elternzeit – Kinderzeit : Eltern-Austausch, während die Kinder separat betreut werden Gruppenspiele (alle) und Rituale

4

FuN Familien und Nachbarschaft: praepaed Institut für präventive Pädagogik. www.praepaed.de

World Café 4 – Erziehungspartnerschaften: Wie aus hilflosen Eltern hilfreiche Eltern werden

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

Konzept-Ziele: • Eltern werden angeleitet mit ihren Kindern aktiv und kindgerecht Zeit zu gestalten (Entfremdung durch fehlendes Alltagserleben bei Fremdunterbringung). • Elternkompetenz fördern: Eltern werden als Erziehungspersonen wertschätzend anerkannt, gefördert und gestützt. Durch die gemeinsamen Aktivitäten erleben die Familien ein positives Familienklima und eine Stärkung ihres Familienzusammenhalts. • Eltern und Kinder stärken: Die Eltern-Kind-Interaktion wird durch Spiele und Übungen angeregt – konstruktive Kommunikation und Konfliktbearbeitung werden eingeübt; Ressourcen zur Erziehung werden aktiviert. • soziale Beziehungen festigen: Der Kontakt und das Vertrauen zu den Mitarbeitern wächst, Eltern können sich untereinander (Peergroup) kennenlernen und austauschen – neue Kontakte aufbauen und Isolation überwinden. • Kooperation fördern und Erziehungspartnerschaft entwickeln: innerfamiliäre Kooperation, Lernfeld in einem positiven Grundklima, in dem unterschiedliche Bedürfnisse ausgehandelt werden können; Förderung der Zusammenarbeit zwischen Einrichtung und Eltern, Abbau von Konkurrenzgefühlen, Entwicklung einer produktiven Zusammenarbeit

Kompetenzbereiche: • Familienzusammenhalt fördern: Eltern werden gestärkt Erziehungsverantwortung zu übernehmen – klare Grenzen und Rollen; Eltern und Kinder erleben gemeinsam Spaß, Eltern nehmen sich Zeit für ihre Kinder, sie machen neue Erfahrungen miteinander. • Selbstachtung und Achtung anderer: eigene Stärken und Schwierigkeiten kennen, sich selbst wertschätzen, Unterschiedlichkeiten wahrnehmen, die anderen achten und anerkennen – besondere Bedeutung im Hinblick auf geringes Selbstwertgefühl mit häufigen Gefühlen wie Wertlosigkeit, Schuld und Scham • Selbst- und Fremdwahrnehmung: eigene Gefühle, Bedürfnisse und Interessen wahrnehmen, eigenes Verhalten einordnen und verstehen lernen, die Gedanken und Standpunkte der anderen verstehen, Gefühle der anderen wahrnehmen und respektieren

World Café 4 – Erziehungspartnerschaften: Wie aus hilflosen Eltern hilfreiche Eltern werden

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

•

Kommunikation und Kontakt: anderen zuhören und Verständnisbereitschaft mitbringen, eigene Interessen und Wünsche formulieren, auf andere zugehen und Interesse an Kontakt zeigen, einvernehmliche Lösungen finden

•

Kooperation und Vernetzung: gemeinsame Ziele formulieren und verfolgen, Formen der Selbstorganisation erproben

Die hohe Bereitschaft der Eltern, an diesem Programm mitzumachen und sich auf die Gruppensituation einzulassen, war überraschend für uns. Nach fünf Terminen sind wir sicher, dass das Programm hervorragend geeignet ist, Eltern in ihrer Erziehungsfähigkeit zu unterstützen, ihnen handlungsorientierte Interaktionshilfen und – kompetenzen zu vermitteln, sie in ihrer Elternrolle zu stärken und ihnen neue nachhaltige Erfahrungen und Perspektiven auch im Kontakt miteinander zu ermöglichen. Inzwischen wurde das Konzept in vielen Gremien vorgestellt und stößt auf großes Interesse auch bei anderen Trägern und Jugendämtern, so dass eine Kooperationsund Arbeitsgruppe demnächst ins Leben gerufen wird. Wir sind derzeit bemüht, eine Finanzierung für dieses sehr personalintensive Programm zu erreichen, und arbeiten an modifizierten Konzepten für weitere Einsatzmöglichkeiten, wie z.B. Clearing, Rückführung, ambulante Hilfen, und hoffen, damit einen wichtigen Beitrag für die dringend notwendige Erweiterung bzw. Neugestaltung der „Elternarbeit“ in den Hilfen zur Erziehung (stationärer Kontext und präventive Angebote) für Familien leisten zu können. Ein bedarfsorientiertes Hilfeprogramm entsteht, das insbesondere auf Eltern zugeschnitten ist, die in der Regel mit bildungsorientierten Programmen und klassischen Beratungssettings nicht (ausreichend) erreicht werden können. Auch wenn der Wirkungsnachweis noch nicht wissenschaftlich erbracht ist, gibt es bereits sehr viele erfolgreiche Projekte und Erfahrungen, die für den weiteren Ausbau der Familiengruppenarbeit als reguläres und finanziertes Angebot in der Jugendhilfe sprechen. Die Aussicht, durch dieses Angebot hilflosen Eltern die Möglichkeit zu verschaffen hilfreiche Eltern zu werden, dürfte auch in einer angespannten Haushaltslage ein wesentlicher Aspekt sein, da hier eine reelle Chance besteht Jugendhilfekarrieren zu beenden, zu verkürzen oder zumindest stabile und gelingende Kooperationen (Eltern-HzE) zu erzielen.

World Café 4 – Erziehungspartnerschaften: Wie aus hilflosen Eltern hilfreiche Eltern werden

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

World Café 5 – Familienrat – auch ein Weg für die Kindertagesstätte?

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

Frieder Moritz
(JaKuS gGmbH) Geschäftsführer JaKuS e.V. Bülowstr. 52, 10783 Berlin Tel: 030 217 501 68, Fax: 030 217 501 67, Mobil: 0177 333 04 62 Mail: f.moritz@jakus.org, Site: www.jakus.org

World Café 5 – Familienrat
Eingangspräsentation
„Die Menschen stärken, die Sachen klären.“

Mit diesen sechs Worten hat Hartmut von Hentig einst seine pädagogische Grundhaltung umrissen. Sie passen hervorragend für das Verfahren Familienrat, das Institutionen wie Jugendamt und Schule, aber vielleicht auch der Kita radikal neue Möglichkeiten bietet, problematische Situationen zu thematisieren und Familien eigene Lösungen finden zu lassen.

Ich möchte Sie neugierig machen und an meinen Tisch einladen, um nähere Informationen zu erhalten und Fragen an uns zu richten.“

Notizen vom World-Café-Tisch
Das Verfahren „Familienrat“ wurde jeweils sehr kurz erläutert, dann wurden Fragen gestellt und beantwortet. Als erfahrene Praktiker saßen mit am Tisch:

World Café 5 – Familienrat – auch ein Weg für die Kindertagesstätte?

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

Frau Kubischk-Piesk, Jugendamt Mitte, RSD Herr Arne Nowak, JaKuS e.V., Koordinator

Folgende Fragen/Stichworte wurden geliefert: • • • • • • • •

mehr Information gewünscht Sind Sie als Jugendamt mit den Lösungsvorschlägen der Familien einverstanden? Ist das Verfahren für Familien mit Migrationshintergrund geeignet? Spielt die Schamgrenze der Familien eine Rolle? Welche? Wie geht Familienrat in einer Kita? Personell, Themen, Voraussetzungen, Vorgehensweise, Finanzen? Welches Klientel ist geeignet, welche Themen sind geeignet? Wann soll ein Familienrat stattfinden – auch während einer Hilfe? Wie steht es mit der Wirksamkeit des Familienrats?

World Café 5 – Familienrat – auch ein Weg für die Kindertagesstätte?

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

Familienräte – Family Group Conferences in Berlin
Einführung

Familienräte werden derzeit an mehreren Orten in der Bundesrepublik erprobt und erforscht. Ursprünglich wurde die Methode in Neuseeland entwickelt und bezogen auf Europa zuerst in den Niederlanden, später auch in Nordirland und weiteren Ländern auf breiterer Ebene eingesetzt. In Deutschland werden die europäischen und innerdeutschen Erfahrungen mit Familienratsarbeit auf einem jährlichen Vernetzungstreffen zusammengetragen.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Theorie und Praxis von Verwandtschaftsräten wird in Deutschland vor allem von Früchtel/Budde/Cyprian getragen, von denen auch wesentliche Veröffentlichungen zum Thema stammen (Sozialer Raum und soziale Arbeit, Fieldbook, VS Verlag, Wiesbaden 2007.).

Im Kern handelt es sich bei Familienräten um eine radikale Form der Beteiligung der Betroffenen und ihres Umfelds. Der Bruch mit den tradierten Rollen im Jugendhilfesystem wird am deutlichsten dadurch sichtbar, dass in der zentralen „Familienphase“ die Profis außen vor bleiben. Der Bruch mit den tradierten Rollen hat in den Niederlanden zu der Einschätzung geführt, die Koordination der Familienräte in die Hände von gut qualifizierten „Laien“ mit anderen beruflichen Hintergründen zu legen.

Das Verfahren des Familienrates

Der Familienrat/Family Group Conference ist ein Verfahren, das direkt am Willen der Familie ansetzt und in ihren Ressourcen und Kompetenzen unter Einbeziehung ihres Netzwerks das zentrale Potential für die Erarbeitung von Lösungen sieht. Professionelle Helfer unterstützen die Familiengruppe durch Informationen, Moderation und bei der Umsetzung des von der Familiengruppe entwickelten Planes.

World Café 5 – Familienrat – auch ein Weg für die Kindertagesstätte?

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

Die Durchführung von Verwandtschaftsräten erfordert von allen beteiligten Fachkräften unter Umständen ein hohes Maß an Flexibilität und Zeitaufwand. Arbeitseinsätze jenseits gewohnter Arbeitszeiten, ungewohnte Besprechungskontexte werfen Fragen nach zeitlichen und finanziellen Ressourcen auf. Diese gilt es im Rahmen des Projekts aufzugreifen und die Machbarkeit in den bestehenden Strukturen zu prüfen.

Durchführung des Familienrats/Family Group Conference Vorbereitung Die fallführende Fachkraft des RSD bittet nach Zustimmung der Familie den/die KoordinatorIn den Familienrat vorzubereiten und durchzuführen. Er/sie nimmt Kontakt mit der Familie auf, • informiert sie darüber, was dem Sozialarbeiter/der Sozialarbeiterin des RSD in Bezug auf die familiäre Situation Sorge bereitet, und stimmt mit der Familie die Fragestellung ab, • • • • • informiert sie über ihre Rechte und mögliche Ausgänge der Fallbearbeitung, erklärt die Prinzipien und den Prozess des Familienrats, mobilisiert zusammen mit der Familie das Netzwerk, bespricht mit allen Beteiligten den Familienrat vor, organisiert die Zeit, den Ort und den Ablauf des Familienrats so, dass die Rahmenbedingungen die Problemlösungskultur der Familie bestmöglich unterstützen.

Eröffnung Begrüßung aller Teilnehmenden durch den Koordinator/die Koordinatorin, ggf. nach Wunsch der Familie Beginn mit einem Familienritual. Vorstellung der Verfahrensregeln und der Rollen der teilnehmenden Personen. Die Verfahrensregeln lauten: • • Konzentration auf die Zukunft der Kinder/Jugendlichen Akzeptanz unterschiedlicher Meinungen, aber keine Schuldzuweisungen und Vorwürfe
World Café 5 – Familienrat – auch ein Weg für die Kindertagesstätte? 65

Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

• •

respektvolles Zuhören aller Beteiligten alles Gesagte unterliegt der Schweigepflicht (Ausnahmen sind die klar beschriebene Verwendung des Protokolls, Drohungen gegen Anwesende und Berichte über Gefährdungen von Kindern/Jugendlichen)

Der eigentliche Familienrat gliedert sich in folgende Phasen:

1. Phase: Informationsaustausch Die fallführende Fachkraft des RSD benennt, auf welche formulierte Problemsituation der Plan der Familiengruppe Antworten geben soll. Die bezogen auf den konkreten Einzelfall eingeladenen professionellen Helfer/innen geben allgemeine Informationen über Unterstützungsangebote an die Teilnehmer/innen.

2. Phase: Exklusive Familienzeit Die Familie bespricht ohne die Professionellen die Problemsituation und überlegt einen Lösungsplan, der schriftlich festgehalten wird.

3. Phase: Kontrakt Der/die Koordinator/in und die fallführende Fachkraft kommen wieder hinzu. Die Familie stellt ihren Plan vor, der/die Sozialarbeiter/in prüft die vorgetragene Lösung auf dem Hintergrund der formulierten Sorge. Je nach Fragestellung werden die Beteiligten gebeten den Lösungsplan gegebenenfalls zu verfeinern oder zu modifizieren. Schließlich wird der Kontrakt schriftlich festgehalten, dabei wird sehr viel Wert auf größtmögliche Konkretisierung gelegt. Außerdem werden Vereinbarungen zur Evaluation und Folgetreffen festgelegt. Der/die Koordinator/in moderiert diesen Prozess.

Erfahrungen mit Theorie und Praxis von Familienräten

JaKuS wurde erstmals im Mai 2006 auf dem 3. Fachpolitischen Diskurs zur Sozialraumorientierung durch einen Vortrag von Frank Früchtel und Wolfgang Budde auf „Family Group Conference“ aufmerksam und regte in der Folge eine
World Café 5 – Familienrat – auch ein Weg für die Kindertagesstätte? 66

Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

interne Fortbildung zum Thema an.

Seit Januar 2008 nimmt JaKuS am Modellprojekt des Bezirks Mitte zur Einführung von Verwandtschaftsräten teil. Seitdem wurde die Arbeit mit viel Elan weitergetragen, fast alle Berliner Jugendämter denken inzwischen intensiv über das Thema nach, viele haben mit der Umsetzung – dem Beispiel Mitte folgend – mit der Arbeit begonnen. JaKuS hat mit vier Berliner Bezirken (Mitte, Neukölln, Friedrichshain-Kreuzberg und Marzahn-Hellersdorf) Vereinbarungen zur Durchführung abgeschlossen.

Bis heute hat JaKuS in vier Berliner Bezirken rund 70 Familienräte durchgeführt.

World Café 5 – Familienrat – auch ein Weg für die Kindertagesstätte?

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

World Café 6 – Krisenpflege – ein neues Konzept für Berlin

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

Inka-Maria Ihmels
(SenBWF) Bereich Vollzeitpflege, teilstationäre Familienpflege

World Café 6 – Krisenpflege in Berlin
Seit Jahren gilt in der Berliner Jugendhilfe die Vorgabe, kleine Kinder (möglichst) nicht in Schichtdienstgruppen unterzubringen, sondern in pädagogisch angemesseneren Angebotsformen wie Pflegefamilien oder Familiäre Bereitschaftsbetreuung, als Alternative auch in familienanalogen Angeboten wie Kinderschutzstellen und Erziehungsstellen. Es zeigte sich, dass Kleinkinder wieder verstärkt in Schichtdienstgruppen untergebracht werden, da in Krisensituationen Pflegefamilien und familienanaloge Angebote fehlen. Die Zunahme der Krisenunterbringungen von kleinen Kindern wird besonders den Veränderungen im Rahmen des § 8a SGB VIII zugerechnet. Ein größerer Bedarf an Unterbringungsmöglichkeiten in Pflegefamilien wurde von den Jugendämtern vermutet und angezeigt.

Diese Situation war der Anlass, in Berlin „Fachliche Standards zur Unterbringung von kleinen Kindern in Familienpflege – Krisenpflege“ zu entwickeln. Das Konzept zur Krisenpflege bietet die sofortige Unterbringung eines Kindes in einer Krisensituation bei einer geeigneten Pflegeperson im Sinne des § 42 SGB VIII (mit oder ohne Einverständnis der Sorgeberechtigten). Auch die im Anschluss an eine Inobhutnahme nach § 42 SGB VIII erforderliche sozialpädagogische Krisenintervention (gemäß § 27 in Verbindung mit § 33 SGB VIII) erfolgt im Rahmen dieser Angebotsform.

Die Krisenunterbringung in Folge der Inobhutnahme gemäß § 42 SGB VIII ist eine vorläufige sozialpädagogische Schutzmaßnahme (ohne vorausgegangenes Hilfeplanverfahren). Sie erfolgt durch hoheitliches Handeln des Jugendamtes. Mit der Einleitung der Inobhutnahme regelt das Jugendamt die vorläufige Ausübung von Funktionen der elterlichen Sorge und bestimmt den Aufenthalt des Kindes. Damit einhergehend prüft es in der Regel gemeinsam mit den Personensorgeberechtigten und nach Möglichkeit mit deren Einvernehmen das Gefährdungsrisiko des Kindes,

World Café 6 – Krisenpflege – ein neues Konzept für Berlin

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

das Problembewusstsein der Betroffenen und Lösungsmöglichkeiten für die Krisensituation.

Die Krisenpflege bietet einen familiären Rahmen, in dem die Pflegeperson auf die spezifischen Bedürfnisse nach Schutz, Geborgenheit und individueller emotionaler Zuwendung des Kindes angemessen und intensiv eingeht. Deshalb ist die Krisenpflege für Säuglinge und Kleinstkinder vorrangig geeignet.

Wirksame Krisenhilfe erfordert eine konstruktive und verbindliche Zusammenarbeit zwischen der Pflegeperson, dem Regionalen Sozialpädagogischen Dienst (RSD) und dem Pflegekinderdienst (PKD des Jugendamtes bzw. des beauftragten freien Trägers). Insbesondere bei kleinen Kindern muss die fachliche Klärung und Entscheidung über die weitere Hilfe so zügig wie möglich erfolgen, um den Kindern baldmöglichst wieder einen festen, dauerhaften emotionalen Bezugsrahmen zu geben.

Aus der Erkenntnis heraus, dass es schwer ist, Pflegepersonen zu finden, die einerseits den Ansprüchen der Krisenpflege genügen und die sich andererseits auf diese doch sehr anspruchsvolle Betreuung von kleinen Kindern einlassen, wurde ein Finanzierungsmodell entwickelt, welches einerseits einer Erzieherin finanziell ermöglichen soll, in die Krisenpflege einzusteigen. Andererseits haben die Kalkulationen ergeben, dass die Unterbringung in einer Krisenpflegefamilie finanziell außerordentlich günstiger ist als eine stationäre Unterbringung in Einrichtungen, abgesehen davon, dass es für viele Kinder auch die pädagogisch bessere Betreuung bietet.

Sofern eine Pflegeperson im Rahmen der Krisenpflege tätig werden möchte, ist eine spezielle Schulung zur Krisenpflege erforderlich. Dazu wurde ein Rahmenplan zum Aufbaukurs Krisenpflege entwickelt. Der Aufbaukurs Krisenpflege wird, ebenso wie die Pflegeelternschulung, vom Sozialpädagogischen Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg durchgeführt. (Siehe auch „Fachliche Standards zur Unterbringung von kleinen Kindern in Familienpflege- Krisenpflege“)

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

World Café 7 – Familienintegration

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

Birgit Schmidt, Anette Sperling, Holger Rohlfs
(Kinderhaus Berlin – Mark Brandenburg)

World Café 7 – Familienintegration
Die Idee der familienintegrativen Projekte Familienbande und Profil des Kinderhaus Berlin – Mark Brandenburg e.V. besteht darin, intensiv mit der Familie als System zu arbeiten, um sie als solche erhalten zu können. Unsere Erfahrungen in der Arbeit mit Familien zeigen, dass diese nur erfolgreich sein kann, wenn neben der Bearbeitung von Beziehungen der Familienmitglieder auch die komplexen Lebenssituationen mitbedacht werden. Daher ist es unser Anspruch, gemeinsam mit den durch uns betreuten Familien intensiv deren Problemlagen im innerfamiliären Feld zu bearbeiten und sie gleichzeitig dafür zu sensibilisieren, sich der Herausforderung zu stellen, die das Umfeld der Familie mit sich bringen kann.

Die Gruppen werden von je 5 ErzieherInnen begleitet. Eine Wirtschaftskraft umsorgt die Kinder zusätzlich an 5 Tagen in der Woche. Im Rahmen der ergänzenden Leistungen des familienintegrativen Projekts arbeitet je eine Sozialpädagogin im Team. Nach Bedarf wird ein eng mit den Projekten kooperierender Psychologe in die Fallarbeit eingebunden.

Unsere familienintegrativen Projekte richten sich in erster Linie an Familien/alleinerziehende Mütter und Väter und deren Kinder, die in ihrer aktuellen Lebenssituation nicht gesichert zusammenleben können. Wir arbeiten gemeinsam mit den Familien an der Stärkung des Systems der Familie mit dem Ziel, eine Rückkehr zu einem gemeinsamen Familienleben im eigenen Haushalt zu ermöglichen. Die Erfahrung zeigt, dass auch Eltern, die sich im Zwangskontext (beispielsweise in Kinderschutzfällen) auf unser Projekt einlassen, unser konsequentes und wertschätzendes Beziehungsangebot annehmen können und bei gleichzeitiger konfrontativer Beratung eine eigene Motivation und Zielsetzung für die Arbeit im familienintegrativen Projekt entwickeln. Die Besonderheit unseres Angebotes ist, dass die Eltern gemeinsam mit ihren Kindern in unsere Projekte einziehen dürfen. Die Eltern sind bei uns

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

Gäste und behalten daher Ansprüche auf Leistungen anderer Gesetzgebungen (z.B. ALG II).

Im Rahmen des World Café der Fachtagung stellten Frau Schmidt, Teamleiterin Profil, Herr Rohlfs, Teamleiter Familienbande und Frau Sperling, Sozialpädagogin Familienbande den interessierten Kollegen unsere familienintegrative Arbeit in den jeweiligen Projekten vor. Wir stellten fest, dass diese Form der Hilfen zur Erziehung für viele Teilnehmer recht neu ist und eine große Neugier vorhanden war, Näheres zu erfahren.

Es gab eine Vielzahl von Fragen, die auch wiederholt in den wechselnden Runden gestellt wurden, und aufgrund der zeitlichen Begrenzung sind sicher einige Fragen offen geblieben. Viele Fragen beinhalteten den finanziellen Rahmen und die personelle Ausstattung der Projekte. Häufig wurde nach Kapazität, Hilfedauer, Erfolg und Methodik gefragt. Eine häufige Frage war auch, ob es Ausschlusskriterien für die Aufnahme in unsere Projekte gäbe. Das Eingehen auf diese Fragen nahm einen großen Teil der zur Verfügung stehenden Zeit in Anspruch.

Eine Chance der familienintegrativen Arbeit, so die Teilnehmer, wäre, dass der Kontakt zwischen Eltern und Kindern intensiv gewährleistet wird und somit Bindungen erhalten und intensiviert werden oder durch die Arbeit auch entstehen können. Es würde eine Entwicklung von Eltern und Kindern am selben Ort vollzogen werden können und Familien könnten auf gemeinsame Bezüge und Erlebnisse zurückgreifen. Die Möglichkeit für Eltern und Kinder im Alltag am Modell lernen zu können wurde als förderlich hervorgehoben. Aufgrund des Schichtdienstsystems ist es in unserem Projekt möglich, von Beginn an eng mit den Familien in Kontakt zu treten und eine Beziehung zu den betreuten Personen aufbauen können, die allgemein sehr schnell eine enge Zusammenarbeit während des Hilfeprozesses ermöglicht. Das Kennenlernen der Familien untereinander im Projekt eröffnet ihnen zudem ein Lernfeld und die Möglichkeit, neue soziale Kontakte zu knüpfen und sich auszutauschen. Dass die Eltern im Projekt Gäste sind und daher weiterhin autonom für sich sorgen müssen, wird als gute Möglichkeit angesehen, sie in der Eigenverantwortung zu belassen. Dennoch werden sie bei Bedarf unterstützt, den Kontakt mit Ämtern und Behörden sicherer zu gestalten. Steht die Rückführung der Kinder in den Haushalt der
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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

Eltern an, wird ein sensibler Übergang geschaffen (z.B. längere Beurlaubungen, kennenlernen der Familienhilfe).

Für Familien, die schon viele Säulen der Jugendhilfelandschaft erlebt haben, ohne dass Erfolge erzielt werden konnten, hält eine Teilnehmerin die Familienintegration nicht für sinnvoll.

Des Weiteren brachte ein Teilnehmer die Frage ein, ob der Kinderschutz im Projekt gewährt werden kann, wenn die Eltern gemeinsam mit ihren Kindern im gleichen Zimmer wohnen würden. Wird im Hilfeverlauf deutlich, dass trotz des engen Betreuungsrahmens in unserem Projekt der Schutz des Kindes nicht gewährleistet werden kann, stoßen wir an unsere Grenzen und es wird mit Jugendamt und Familie nach anderen Perspektiven gesucht.

Konsens aller Teilnehmer war, dass Familienintegration eine geeignete Alternative zu anderen stationären Hilfeformen für kleine Kinder darstellt. Es gibt, so die Teilnehmer einvernehmlich, einen großen und steigenden Bedarf an familienintegrativen Projekten. Die Erfahrung vieler Teilnehmer (u. a. aus dem ambulanten Bereich) zeigt, dass die Kapazität dieser Angebote bisher noch viel zu gering ist.

Wir empfanden den kollegialen Austausch im Rahmen des World Café als sehr anregend und interessant. Aufgrund der zeitlichen Begrenzung konnte die Diskussion jedoch nur angeregt werden. Uns wurde deutlich, wie wichtig es ist, mit interessierten Fachkollegen in Austausch zu treten.

Mit freundlichen Grüßen

Birgit Schmidt Profil

Holger Rohlfs Familienbande

Annett Sperling Familienbande

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

World Café 8 – Aufsuchende Elternhilfe

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

Ingo Siegert
(Geschäftsführer IBEF e.V.) Kontakt Aufsuchende Elternhilfe: www.ibefev.com Kontakt IBEF e. V. www.ibefev.de

World Café 8 – Aufsuchende Elternhilfe
KundInnen der Aufsuchenden Elternhilfe (formale Aufnahmekriterien)
Erstgebärende/Ersteltern (erstes Kind) oder Mütter/Eltern, die Kinder haben, die nicht bei Ihnen leben

Grund: Mütter/Eltern, die Kinder haben, haben Anspruch auf Hilfe zur Erziehung. In den Genuss der Aufsuchenden Elternhilfe sollen aber diejenigen kommen, die keinen Anspruch auf Hilfe zur Erziehung haben. Das sind Erwachsene ohne Kinder (Schwangerschaft zählt nicht) oder mit Kindern, die nicht bei den Eltern leben und für die die Eltern kein Sorgerecht haben.

Ausnahme: Minderjährige können auch aufgenommen werden.

(Typische) KundInnen der Aufsuchenden Elternhilfe nach Risikofaktoren
• • • • • • • unerwünschte Schwangerschaft sehr junge Mütter/Teenager < 20 Jahren alleinstehende Mütter ohne familiäre und soziale Anbindung/unklare Vaterschaft Spätgebärende Familien/Mütter mit Migrationshintergrund/mit ungesichertem Aufenthalt Familien, welche die ersten Erfahrungen mit einem Kind nicht integriert haben kinderreiche Familien

World Café 8 – Aufsuchende Elternhilfe

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

• • • • • • • • • • • • • •

Mehrlingsschwangerschaften/-geburten niedriges Bildungsniveau/fehlender Schulabschluss Leben in sozialen Brennpunkten, ungünstige Wohnverhältnisse Leben in schlechter und ungesicherter wirtschaftlicher Lage/Schulden/keine Krankenversicherung werdende Eltern mit sehr konfliktreicher Paarbeziehung Verhaltensauffälligkeiten Bindungsstörungen psychische Einbrüche exogene Depression traumatisierte Mütter Mütter mit eigenen Mißhandlungserfahrungen Mütter, die bereits in Betreuung sind Mütter mit körperlicher Behinderung Delinquenz

Ziele der „Aufsuchenden Elternhilfe”
• • • • • Gesundheit für Mutter und Kind im Kontext sozialpädagogischer Hilfestellung Sicherung der materiellen Versorgung Anbindung an die Institutionen im Sozialraum soziale Vernetzung mit anderen Müttern/Vätern und Kindern Klärung, ob weitergehender Hilfebedarf nötig ist in Abstimmung mit dem Jugendamt

Umsetzung der „Aufsuchenden Elternhilfe“
• • • Die „Aufsuchende Elternhilfe“ findet hauptsächlich im Wohnumfeld der Familie statt. Die „Aufsuchende Elternhilfe“ ist freiwillig. Der Wunsch das Kind auszutragen ist Voraussetzung.

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• • • •

Die Zusammenarbeit mit allen relevanten Stellen hat einen sehr hohen Grad an Verbindlichkeit. Die Mütter/Eltern werden beraten/begleitet/vernetzt. Es werden positive und konstruktive Kontakte gefördert. Es werden konkrete und praktische Hilfestellungen angeboten.

Eingangsphase
• Klärung, ob Aufsuchende Elternhilfe die geeignete Hilfeform ist, in bis zu vier Terminen Grund: Kostenklärung (Jugendamt übernimmt die Kosten nur bei richtiger Indikation) • Einholen der Zustimmung der Schwangeren Frau/Eltern, dass Name und Adresse dem Jugendamt mitgeteilt werden, und zur grundsätzlichen Zusammenarbeit mit dem Jugendamt

Phase I – bis zur Geburt
• • • • • • Erarbeiten einer Zielvereinbarung: Was soll erreicht werden? (typische Beispiele) Sicherung der materiellen Bedingungen für Mutter und Kind Sicherstellung der Erstausstattung für das Baby Begleitung zu Ämtern und Behörden, insbesondere zum SMD (Zentren für sexuelle Aufklärung und Familienplanung) Hilfestellung bei Stress und emotionalen Problemen Klärung der Ziele, Problemlagen und der (persönlichen, sozialen, materiellen und infrastruktruturellen) Ressourcen analog der Ressourcenkarte

Phase II – ab der Geburt
• • Einfinden in die neue Mutterrolle Alltagsgestaltung mit dem Kind
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World Café 8 – Aufsuchende Elternhilfe

Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

• • • •

Ressourcenaktivierung und Entlastung Gesundheit von Mutter und Kind, U-Untersuchungen ggf. Vernetzung der Familie Kontakt zu Ämtern, Diensten und Initiativen, insbesondere zum KJGD

Phase III – die Ablösung
• • • • Mütter/Eltern/Familie kommen in die Beratung Anbindung der Familie an den Sozialraum Bekanntmachen der Mutter/Eltern mit der zuständigen Kollegin vom Jugendamt Ablösung und Schlussauswertung

Regeldauer und Umfang
• ein halbes Jahr bis zu drei Stunden pro Woche, maximal zehn Monate

Weitere Angebote von IBEF
• • • Aufbau einer Gruppe von Müttern, die entbunden haben, die beraten Treffen der ehemaligen Kundinnen zweimal im Jahr Elternschule „starke Eltern – starke Kinder“ Schwangere

World Café 8 – Aufsuchende Elternhilfe

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

Hans-Ullrich Krause

Zusammenfassung der Tagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

Es war den Veranstaltern ein besonderes Anliegen, darauf zu verweisen, dass es nicht allein die Hilfen zur Erziehung sind, die als professionelles Arbeitsfeld Verantwortung für Kinder und Familien in komplizierten Lebenssituationen tragen, sondern dass auch insbesondere die Kindertagesstätten immer wieder vor besonderen Herausforderungen stehen, wenn es darum geht, Gefahren für Kinder rechtzeitig zu bemerken, deren Bedeutung abzuschätzen und geeignete Unterstützung einzuleiten oder herzustellen. Dabei ist es ganz offenbar von besonderer Bedeutung über Kooperation, über die gezielte Zusammenarbeit im Sinne der Kinder und Familien in diesen Zusammenhängen nachzudenken, und zwar nicht nur im Hinblick auf Prävention, sondern auch mit Blick auf die gemeinsam gestalteten Hilfen, wenn es schwierig wird.

Das ist das eine. Zum anderen sollte diese Tagung auf die Situation von kleinen Kindern eingehen, welche in dramatischen Lebenssituationen waren oder sind. Dabei sind die möglichen Auswirkungen anhaltender Unterversorgung, sozialer Vereinsamung oder Ausgrenzung, unbehandelter gesundheitlicher Beeinträchtigungen, körperliche oder sexuelle Misshandlung zentral. Oder anders formuliert: Es geht darum zu erkennen, wer diese Kinder sind, die unter Misshandlung oder Vernachlässigung leiden mussten. Wie sehen sie die Welt, wie sich selbst, wie die anderen Kinder? Wie gehen sie mit Anforderungen um, die an sie gestellt werden, wie lernen sie und wie wirken sich auf sie aktuelle soziale Gegebenheit aus? Und wie können die im Kinderschutz aktiven Fachkräfte die Kinder dabei unterstützen, mögliche Traumata (wie das Frau Prof. Gahleitner in ihrem Vortrag so eindrücklich beschrieben hat) zu überwinden, um erfolgreich ihr Leben gestalten zu können?

Wir konnten feststellen, dass die nötigen Beantwortungen der genannten Fragestel-

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

lungen nur dann möglich sind, wenn die Personen, die sich als Professionelle um diese Kinder und deren Familien kümmern, über ausreichendes sachbezogenes Wissen verfügen und wenn sie eine Haltung haben, die man als zugewandt, offen und eben auch fürsorglich beschreiben könnte.

Zum anderen brauchen wir in diesen Zusammenhängen gute Orte, sinnvolle Organisationen, die sich für Kinder und Familien engagieren. Orte, die ebenfalls Haltungen ausdrücken, die Zugänge haben, die nicht verregelt oder mit Vorurteilen beschildert sind. In dieser Hinsicht hat sich in Berlin ganz offensichtlich einiges getan. Im Kern geht es um Angebote, die sich etabliert haben, die auf neue Entwicklungen reagieren und dabei erfolgreich zu sein scheinen. Diese seien hier noch einmal benannt und inhaltlich kurz umrissen:

Gute Kindertagesstätten
Denkt man diese Frage von der Bedeutung des möglichen Einschnitts in das Leben des Kindes, ist natürlich zunächst die Kindertagesstätte im Blick. Kindertagesstätten oder eben auch Tagesmütter sollten über ihre besondere Aufgabe im Hinblick auf Kinder in schwierigen Lebenslagen wissen. Sie sollten Kenntnisse darüber haben, was es für kleine Kinder bedeutet, wenn sie in ihren Familien mit Vernachlässigung konfrontiert sind, wenn ein Vater, eine Mutter oder beide Eltern zeitweilig nicht vollständig in der Lage sind, für das Kind in einer ausreichenden Weise da zu sein, für es zu sorgen. Sie sollten wissen, wie man ein solches Kind in seiner aktuellen Situation erkennt, wie man die Lage einschätzen kann, in der es sich befindet, wie man Eltern wie auch das Kind ganz direkt fördert und unterstützt.

Es kann sein, dass in solchen Situationen auch die Unterstützung des Jugendamtes hinzugezogen werden muss oder die eines Jugendhilfeträgers, einer Beratungsstelle, einer Kinderärztin. Vielleicht ist es sogar notwendig, gemeinsam mit anderen FachkollegInnen, die möglichen Gefahren für das betroffene Kind einzuschätzen und weitere Schritte zu überlegen. Aber es sollte auch in solchen Situationen davon ausgegangen werden, dass es vielleicht Wege gibt, die man gemeinsam mit der Familie gehen kann, damit das Kind nicht aus der Familie herausgenommen werden muss.

Hans-Ullrich Krause – Zusammenfassung der Tagung

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

Geeignete Pflegefamilien – Krisen- und Clearingstellen
Ist das dann aber vielleicht doch notwendig, so bleibt es oberste Priorität, für besagtes Kind eine geeignete Pflegefamilie zu suchen. Einen Ort also, an dem das Kind kurzfristig bleiben kann oder auf Dauer leben wird.

Erst wenn das aus nachvollziehbaren Gründen nicht in Frage kommt oder sich als fachlich problematisch erweist, sollten andere Formen stationärer Betreuung gesucht werden. Gründe hierfür könnten u.a. sein: Das Kind hat mehrere Geschwister und die sollen beieinander bleiben. Oder es ist das Ziel, die Familie rasch wieder zu stabilisieren, und deshalb erscheint es sinnvoller, von vornherein an der Rückkehroption zu arbeiten. Oder die Eltern stimmen der Unterbringung ihres Kindes oder ihrer Kinder in Pflegefamilien nachvollziehbar nicht zu. Oder aber es findet sich keine geeignete Pflegefamilie, das Kind muss aber sofort und unabwendbar untergebracht werden. In diesen Fällen haben sich in Berlin zwei stationäre Hilfen entwickelt, die in Frage kämen. Nämlich angemessen gestaltete Kleingruppen mit familienähnlicher Struktur und Projekte mit familienintegrativem Betreuungsansatz.

Kleine Gruppen mit kontinuierlicher Betreuung
Die besagten Kleingruppen zeichnen sich nicht nur durch eine überschaubar große Gemeinschaft von Kindern (oft Geschwisterkinder) aus, sondern auch durch wenige zuständige Erwachsene, die für diese Kinder enge Vertrauenspersonen werden können. Hervorzuheben sind hier die sogenannten innewohnenenden Projekte (Erziehungswohngruppen), bei denen eine Fachkraft direkt in der Gruppe lebt und eine weitere diese Pädagogin bei der Betreuung unterstützt. Diese Wohn- und Betreuungsform lehnt sich an die Organisation der Kinderhäuser an, welche die SOS- und Albert-Schweizer-Kinderdörfer entwickelt haben. Hier jedoch soll ein stärkerer Grad an Normalität erzeugt werden. Diese Kinder leben mit ihren Betreuerinnen und Betreuern in normalen Wohnungen, in typischer Wohnumgebung.

Auch im Hinblick auf die Erziehungswohngruppen gibt es in Berlin das Problem, dass
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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

es kompliziert ist, geeignete Personen für das Innewohnen zu finden. Nicht zuletzt deshalb haben sich die sogenannten Wohngruppen mit alternierender Betreuung entwickelt und sind inzwischen zu einem festen Bestandteil der Betreuungslandschaft auch und besonders im Hinblick auf jüngere Kinder in Krisensituationen geworden.

Die Kleingruppe betreut Kinder unterschiedlichen Alters und kann kleinere Kinder, insbesondere im Falle von Geschwistern, mit integrieren.

Dass sich diese Betreuungsform in Berlin so stark entwickelt hat und sich inzwischen als sehr erfolgreich etabliert, liegt zum einen an der simplen Problematik mangelnder Alternativen. Es fehlt einfach an geeigneten Pflegefamilien. Und Fachkräfte sind offenbar eher bereit, in einer Art Zwischenform von Privatheit und Institution für Kinder und mit Kindern zu leben. Zum anderen sagen uns betroffene Eltern, dass sie die Variante ihre Kinder in solch einer Wohnform zu sehen, der Pflegefamilie vorziehen, weil sie den Eindruck haben, dass sie den Kontakt zu den eigenen Kindern so besser, verbindlicher halten können und an der Rückkehr der Kinder in die eigene Familie besser arbeiten können. Ob dies sachlich wirklich so ist oder ob heute auch Pflegefamilien im Kontext enger fachlicher Betreuung durchaus in der Lage sind, Rückkehroptionen positiv zu unterstützen, sei hier dahingestellt.

Schwierig ist in diesen Zusammenhängen jedoch Krisen- und Kurzzeit-unterbringungen zu realisieren. Schließlich zielen diese Wohnformen tendenziell auf eher langfristige Betreuung. Gerade jüngere Kinder sollten bekanntlich nicht mit einem permanenten Wechsel in einer Gemeinschaft konfrontiert werden. Von besonderer Bedeutung ist hier also die Kontinuität der Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen. Dies muss (erinnert sei hier an Emmi Pickler) methodisch zentral bedacht werden.

Familienintegrative Wohnprojekte
Die zweite Variante stationärer Betreuung von jüngeren Kindern wird gegenwärtig häufig als „Familienintegrative Wohnform“ bezeichnet. Gemeint ist die intensive, un-

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

mittelbare Einbeziehung der leiblichen Eltern insbesondere in Fällen von Krisenunterbringungen. Eltern sollen mindestens täglich drei Stunden anwesend sein und sich an der Versorgung, Pflege und Erziehung ihrer Kinder beteiligen. Gleichzeitig werden gemeinsam Programme entwickelt, die den Familienerhalt ermöglichen sollen. In manchen Einrichtungen besteht sogar die Möglichkeit, dass Eltern direkt mit ins Projekt einziehen. Natürlich gibt es für einen solchen Schritt nötige Voraussetzungen. Zum Beispiel, dass die Eltern wirklich an einer umfassenden Zusammenarbeit interessiert sind.

Die wesentlichen Vorteile solcher Betreuungsformen liegen zum einen in der Vermeidung von dramatischen Trennungserfahrungen, zum anderen kann der Hilfeprozess sehr konzentriert und im gewissen Sinne auch effizient verlaufen, weil die Familie als Ganzes erreicht werden kann. Voraussetzung für einen möglichen Erfolg ist ein grundsätzlich partizipatorischer Ansatz. Die Eltern sollen und müssen von vornherein an der Entwicklung der Hilfeprogrammatik und dem Hilfeprozess beteiligt werden.

Ausblick
Es ist also insgesamt notwendig, diese eingeschlagenen Wege zu beschreiten und Angebote zu entwickeln, die den Anforderungen kleiner Kinder in schwierigen Lebenslagen so weit wie möglich gerecht werden. Diese Entwicklungen sollten im Dialog stattfinden. Im Dialog mit den Betroffenen, aber auch im Rahmen unterschiedlicher Teilsysteme, die im Rahmen von Kinderschutz tätig sind. Auch im Projekt „Aus Fehlern lernen – Qualitätsmanagement im Kinderschutz“ konnten wir sehr genau beobachten, wie wichtig Vernetzungen zwischen z.B. Kindertagesstätten, Gesundheit und Hilfen zur Erziehung sind und wie schwach Kinderschutz insbesondere jüngerer Kinder im Hinblick auf notwendige Vernetzung ist. Von daher glauben wir, dass wir mit dieser Tagung, die wir gemeinsam mit Kindertagesstätten und Hilfen zur Erziehung vorbereitet und gestaltet haben, richtig liegen. Wir werden den Prozess in diesem Zusammenhang fortsetzen. Und wir denken daran, am Anfang des nächsten Jahres eine ähnliche Veranstaltung – sozusagen im Dreiergespann Gesundheit, Kita und HzE – durchzuführen. Wir laden Sie schon heute ganz herzlich dazu ein.

Hans-Ullrich Krause – Zusammenfassung der Tagung

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

Artikel aus „Rundbrief PARITÄT“ – Juli 2010

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Fachtagung „Kleine Kinder in kritischen Lebenslagen“

Impressum
Herausgeber
PARITÄTISCHE Wohlfahrtsverband Landesverband Berlin e.V. Brandenburgische Straße 80 10713 Berlin Tel 030 86001-0 Fax 030 86001-110 info@paritaet-berlin.de www.paritaet-berlin.de Vorsitzende Prof. Barbara John Geschäftsführer Oswald Menninger Elke Krüger (stv.)

Textredaktion
Martin Thoma

Verantwortlich
Claudia Gaudszun Referat Kindertagesstätten Andreas Schulz Referat Jugendhilfe PARITÄTISCHER Wohlfahrtsverband Landesverband Berlin e.V. Tel: 030 860 01 162 Fax 030 860 01 220 schulz@paritaet-berlin.de

Berlin, im Herbst 2010

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