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Periodical volume

Full text: Jahresbericht Issue 2008

Jahresbericht 2008

I.

Vorwort

„Für unser Zusammenleben in der Stadt ist es von ausschlaggebender Bedeutung, dass möglichst viele Bürger sich mit ihrer menschlichen Erfahrung, ihren Kenntnissen und ihrer Wärme an den Aufgaben der Bürgerstiftung beteiligen. Hier in der Bürgerstiftung erleben wir doch, dass mit vergleichsweise geringen finanziellen Mitteln sehr wohl Großartiges geleistet werden kann.“
(Interview mit Richard von Weizäcker, Mitglied des Kuratoriums der Bürgerstiftung Berlin, März 2009)

II.

Gremienarbeit und Geschäftsführung

Stiftungsrat: Der Stiftungsrat kam im Jahr 2008 am 3. April und am 20. Oktober 2008, gemeinsam mit dem Vorstand, zusammen. In den Sitzungen wurden die Mitglieder umfassend über die Projektarbeit und die Entwicklung der Stiftung informiert. Die Sitzungen wurden durch genehmigte Protokolle ordnungsgemäß dokumentiert. Am 7. November 2008 fand zusätzlich eine Sitzung aller Gremien statt, an der Richard von Weizsäcker teilnahm und sich über Art und Stand der Projektarbeit und die finanzielle und personelle Situation berichten ließ. In der Frühjahrs-Sitzung (3.4.2008) stimmte der Stiftungsrat der Bitte um vorzeitiges Ausscheiden des Vorstandsvorsitzenden Aldo Graziani zu und setzte Karin Gräfin Dönhoff ein, um die Stiftung kommissarisch zu führen, bis ein neues Mitglied für den Vorstandsvorsitz gefunden werden konnte. Gleichzeitig wurde Frau Dagmar Fix in den Vorstand berufen. In der Herbstsitzung (20.10.2008) wurde der mit uneingeschränktem Bestätigungsvermerk versehene Jahresabschluss 2007 verabschiedet und der Wirtschaftsprüfer, Michael Wetekam, mit der Prüfung des Jahresabschlusses 2008 beauftragt. Außerdem wurde ein neues Mitglied, Herr Dr. Michael Schlößer, in den Stiftungsrat gewählt. Am 23. Dezember 2008 kam der Stiftungsrat nochmals in Sachen Personalia zusammen, um das Ausscheiden von Frau Dagmar Fix aus dem Vorstand und die Berufung von Frau Dr. Heike Maria von Joest in den Vorstand zu beschließen. Vorstand: Der Vorstand trat 2008 in 11 Sitzungen zusammen. Die Sitzungen sind ebenfalls durch genehmigte Protokolle ordnungsgemäß unterlegt. Der Stiftungsrat wurde über die Arbeit des Vorstands und sonstige Vorgänge durch Zusendung der Protokolle laufend unterrichtet.

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Geschäftsstelle: Uta Jankowsky nahm von Dezember 2007 bis Juli 2008 die Elternzeit wahr. Für sie konnte Frau Henrike Schnell auf Honorarbasis eingestellt werden. Außerdem wurden drei weitere Teilzeitstellen für eine befristete Projektarbeit (EU-Projekt) geschaffen. Die hauptamtliche Leitung der Geschäftsstelle hatte Frau Dr. Helena Stadler inne, ab 1. April in der Position der Geschäftsführerin. Dies beinhaltet u.a. die Entwicklung neuer Projekte, die Begleitung und Koordinierung bestehender Projekte, ebenso wie die Vernetzung mit Kooperationspartnern. Die Fördermittelakquise für die Projekte im Kinder- und Jugendbildungsbereich wurde 2008 erstmals auf ein EU-Projekt ausgeweitet. Die Bewerbung für ein Projekt im Rahmen des „Europäischen Jahrs des Interkulturellen Dialogs“ war erfolgreich. Das Projekt „Heimathafen Berlin“ wurde ausgewählt, um die Bundesrepublik im Europäischen Themenjahr 2008 als eines von 8 deutschen Projekten zu vertreten. Die Büroorganisation und die Koordinierung der Ehrenamtlichen oblag Henrike Schnell und ab August 2008 Uta Jankowsky, die durch Petra Köpp-Lange unterstützt wurden. Im Jahr 2008 waren über 250 Ehrenamtliche als Lesepaten tätig, die regelmäßig betreut und beraten wurden. Jeder Interessent wurde zu einem persönlichen Gespräch in die Geschäftsstelle eingeladen. Uta Jankowsky betreute auch die Weiterbildung der Lesepaten an der FU Berlin und die Kooperationen mit Kitas und Schulen. Zu dieser Kooperationsarbeit gehörte auch die Organisation von regelmäßigen Gesprächsrunden, in denen Schulleiter, Lehrer, und Lesepaten der jeweiligen Schulen oder Kita sich über Bedarf, Probleme, Optimierungen, Neuanschaffungen bzw. Neuausrichtungen der Projekte verständigten. Die Akquise, Betreuung und Koordinierung der Physikpaten (20 Personen) nahm ebenfalls viel Zeit in Anspruch, da die Zauberhafte Physik das am schnellsten wachsende Projekt war. 2008 kamen durch das Projekt Heimathafen Berlin erstmals auch 20 studentische Projektpaten dazu. Die Akquise von Studierenden der Sozialpädagogik war ein wesentlicher Bestandteil des Projekts und erwies sich als äußerst schwierig, da durch die Bachelor- und Master-Umstellung nur sehr wenig Zeit für ehrenamtliches Engagement der Studenten zur Verfügung steht. Die Buchhaltung und das Rechnungswesen wurde auf der Grundlage von Lexware Buchhalter 2008 von Frau Pagel-Ziepa bearbeitet. Sie bereitete auch in enger Zusammenarbeit mit dem Steuerberatungsbüro Blumenthal & Carstens den Jahresabschluss vor.

III.

Geschäftsbetrieb

Mittelherkunft: Das Stiftungskapital erhöhte sich im Berichtsjahr 2008 um € 12.113,39 auf € 311.636,72. Das Ergebnis der Vermögensverwaltung aus der Anlage des Stiftungsvermögens belief sich auf € 14.647,21. Weitere Erträge von € 8.080,74 resultierten aus Zinserträgen von Festgeld und Geldmarktsparen sowie aus Kursgewinnen. Der Eingang von Spenden und Förderbeträgen betrug insgesamt € 167.758,14. Dazu kamen projektgebundene Einnahmen in Höhe von € 168.815,45.

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Mittelverwendung: Im ideellen Bereich wurden die Mittel (Zinserträge und ungebundene Spenden) hauptsächlich für die Personalkosten, Raummiete, PR, Fundraising- und Fortbildungskosten verwendet. Das jährliche Dankfest für die Zeit- und Geldspender wurde 2008 wieder in der Domäne Dahlem veranstaltet. Der Fundraising-Event zur Gewinnung neuer Spender wurde am Neujahrsempfang wiederum durch die Einladung in die Villa Grisebach ermöglicht. Die Personalkosten teilten sich auf zwei Teilzeitstellen der hauptamtlichen Mitarbeiterinnen. Im Jahr 2008 wurden zusätzlich Honorarstellen bezahlt, die die Projektkoordination vor Ort übernahmen. Durch den überproportional steigenden Zuwachs an Ehrenamtlichen, neuen Projekten und neuen begünstigten Schulen für bestehende Projekte wurde eine Aufstockung des Personals, das vor Ort für die reibungslose Umsetzung der Projekte sorgt, notwendig. Da die Projekte fast ausschließlich selbst konzipiert und umgesetzt wurden, entfiel der größte Anteil der Personalkosten anteilig auf die Leitung der Projekte, die Koordination zwischen Ehrenamtlichen und Schulen bzw. Kita, die PR- und Öffentlichkeitsarbeit, die vorbereitende Buchhaltung und Projektabrechnung sowie die Berichterstattung und Evaluierung bzw. Evaluierungsvorbereitung. Da das Konzept der gesamten Projektarbeit im Bildungsbereich darin besteht, dass eine Vernetzung und Implementierung der Projekte im Schulalltag zu einer effizienteren Bildungsarbeit beitragen soll, sind die Projektgrenzen fließend, d.h. der Stundenaufwand ist nicht einfach und eindeutig einem Projekt zuzuordnen. Dieser Umstand erschwerte eine differenziertere Kostenrechnung, an der weiterhin im Kontakt mit dem Steuerberater gearbeitet wird.

IV.

Projekte der Bürgerstiftung Berlin

Satzungsgemäß nimmt sich die Bürgerstiftung Berlin aller drängenden Aufgaben des Gemeinwesens an. Zurzeit liegt der Hauptfokus in der Kinder- und Jugendförderung, im kulturell-ästhetischen und sozialen und naturwissenschaftlich-technischen Bereich. In allen Förderschwerpunkten sind das Zusammenwirken verschiedener Generationen und die Stärkung demokratischen Gemeinsinns wichtiges Ziel. Die größten Projekte, wie die LeseLust, das Zweisprachige Bilderbuchkino, aber auch die Zauberhafte Physik an Grundschulen sind wichtige Instrumente, um die Bildungschancen und dadurch die Integration von Benachteiligten in Berlin zu erhöhen. Bei der Projektentwicklung wurde immer größeres Gewicht auf Synergien und Vernetzungen von schon bestehenden Angeboten und Akteuren gelegt, um nicht nur die Innovationsleistung, sondern auch die nachhaltige Implementierung in gewachsene Strukturen zu gewährleisten. Ziel aller Aktivitäten ist die Bildung von mehr Bürgersinn und ehrenamtlichem Engagement für Berlin. Der Aufbau eines Netzwerks von engagierten Bürgern, die für ihre Stadt und ihre Mitbürger Verantwortung übernehmen, die die gesellschaftlichen Herausforderungen nicht nur annehmen, sondern aktiv angehen, wirkt durch das gemeinsame Engagement in die Gesellschaft hinein.

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Förderung meint immer die Aktivierung von eigenen Ressourcen und die Aktivierung der gemeinschaftlichen Verantwortung für mehr Chancengleichheit, mehr Partizipationsmöglichkeiten, mehr Empowerment und mehr Bürgersinn. Die Projekte der Bürgerstiftung Berlin sind so konzipiert, dass sie auf den Erfahrungen früherer Projekte und Kooperationen aufbauen. Es geht gerade im schulischen Bildungskontext darum, die Kitas, Grund- und weiterführenden Schulen so zu stärken, dass sowohl Schüler, als auch Lehrer und Eltern Unterstützung erfahren. Die Segregation, die in Brennpunktschulen mit hohem Migrationsanteil innerhalb von kürzester Zeit zu einer beunruhigenden Erosion und Ghettoisierung geführt hat, kann nur aufgehalten werden, wenn die öffentlichen Kitas und Schulen die sprachlichen und sozialen Defizite der bildungsfernen Schüler möglichst schnell aufholen können. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen die Bildungsinstitutionen von unten her gestützt werden, d.h. nicht nur mit mehr Mitteln und mehr Lehrpersonen, sondern auch mit Ehrenamtlichen, die als Lernpaten die fehlende Lobby der Eltern und die nachbarschaftliche Unterstützung ersetzen. Da viele der ehrenamtlichen Mentoren, seien es Lesepaten, Physikpaten, Hausaufgabenhelfer, ihre Unterstützung kontinuierlich und verlässlich über mehrere Jahre hin ausüben, sind inzwischen auch wichtige Tandem-Beziehungen zwischen den Lehrern und den Mentoren entstanden. Immer öfter werden Ehrenamtliche zu Schulkonferenzen und innerschulischen Besprechungen hinzugezogen. Das PatenKonzept der Bürgerstiftung Berlin sieht vor, dass nicht einzelne Ehrenamtliche an Schulen vermittelt werden, sondern dass die Schulen mit zwanzig bis dreißig Ehrenamtlichen rechnen können. Durch die größere Gruppe werden die Ehrenamtlichen sichtbarer und für die Schule zu einer verlässlichen Unterstützung einer zivilgesellschaftlichen Institution. Eine Auswahl von Projekten wird nachfolgend exemplarisch dargestellt.

a)

Die Sprach- und Leseförderprojekte der Bürgerstiftung Berlin

Das Projekt LeseLust bildete in acht Berliner Brennpunktschulen und einer Kita nach wie vor das Kernprojekt der Bürgerstiftung Berlin, das von ca. 250 Lesepaten getragen wird. Das Engagement der Lesepaten und die Vielfalt der Arbeitsansätze zeigten deutliche Fortschritte bei den betreuten Kindern. Diese Unterstützung ist für Schulen und Lehrer, die an diesem Projekt beteiligt sind, unverzichtbar geworden. Besondere Wirkung entfaltete das Projekt dort, wo, wie in der LenauGrundschule, in der Fanny-Hensel-Grundschule in Kreuzberg und in der Teltow-Grundschule in Schöneberg, die Schulbibliothek wieder aufgebaut oder mit neuen Büchern ausgestattet werden konnte. Dieser von Lesepaten belebte Ort ist in den Schulen zu einem wichtigen Zentrum im Schulalltag geworden. In der Lenau-Grundschule konnte die Bibliothek durch eine Spende der Bürgerstiftung Berlin auf einen zweiten Raum erweitert werden. Inzwischen dienen die zwei Räume auch zur Weiterbildung der Lehrer und zur Kooperation mit den umliegenden Kitas. Allen Lesepaten stehen pro Jahr ca. 140 Workshops, die vom Weiterbildungszentrum der Freien Universität angeboten werden, zur Verfügung. Die Kooperation ist inzwischen zum größten Programm angewachsen, das die FU im Gasthörer-Bereich anbietet. Die Bürgerstiftung Berlin, die 2004 durch eine Förderung der kalifornischen Levi-Strauss-Foundation den Grundstein legen konnte

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für eine hochwertige und abwechslungsreiche Weiterbildung der Lesepaten, finanziert seither die Weiterbildungskosten für die Lesepaten in den Projekten LeseLust und Zweisprachiges Bilderbuchkino. Durch die Möglichkeit der Kooperation mit der FU konnte eine kontinuierliche Qualitätssteigerung in der Projektarbeit der Leseförderung erzielt werden. Die Ehrenamtlichen nahmen durchschnittlich an 2-3 Workshops pro Jahr teil und empfanden die Fortbildungsangebote als eine wichtige Informations- und Beratungsquelle. Außerdem gilt diese kontinuierliche und systematisch weiterentwickelte Fortbildung, die sich an den Bedarfen der Lesepaten ausrichtet, als wertige Anerkennung des gemeinnützigen Engagements. Darüberhinaus besuchten die Lesepatinnen und Lesepaten inzwischen auch gemeinsam wissenschaftliche Konferenzen zum Thema Leseförderung. An Lesepatentreffen, die regelmäßig an Schulen und zusammen mit der Schulleitung und den koordinierenden Lehrern abgehalten wurden, werden der hohe Kenntnisstand und die hohe Sicherheit im Umgang mit spezifischen Fragen zur Integrations- und Leseförderung der Lesepaten jeweils deutlich. Allein die ca. 250 Lesepaten, die durchschnittlich zwei Stunden pro Woche in einer Schule oder Kita vorlesen, leisteten einen Einsatz von 200.000 Stunden, der angesichts der hohen Sachkompetenz der Ehrenamtlichen nicht nur hinsichtlich der Betreuungsleistung, sondern auch des professionalisierten Umgangs mit der Zielgruppe bemerkenswert ist und wesentlich zu einer Verbesserung der Schulqualität beiträgt.

Das 2007 preisgekrönte Integrations- und Leseförderprojekt Zweisprachiges Bilderbuchkino wurde auch 2008 vom Unternehmen BOEING gefördert. Nach der Pilotphase konnte das Projekt mittlerweile auf drei Schulen und eine Kita ausgeweitet werden. Das Projekt sieht vor, mit Hilfe von Lesepaten und bilingualen Migrantinnen das Bilderbuch als wichtiges Instrument für die Sprach- und Leseförderung nicht nur für Kinder, sondern auch für die ganze Familie zu propagieren. Einmal die Woche wurde an einer Ganztagsschule und der Kita ein Bilderbuchkino gezeigt. Dazu waren auch die Mütter zusammen mit den Kindern eingeladen. Geeignete und ausgesuchte Bilderbücher, deren Verwertungsrechte für eine beschränkte Anzahl von Bilderbuchkinos zuerst von den Verlagen angefragt wurden, werden eingescannt und über Beamer projiziert. Der deutsche Text wird von einer Muttersprachlerin (je nach Bedarf der Schule vor allem aber Türkisch und Arabisch) übersetzt. Die Anschlusskommunikation findet in Deutsch und der jeweiligen Landessprache statt. Das gemeinsame Betrachten ästhetisch interessanter (nicht verkitschter) Bilder und das gemeinsame 5

Sprechen über die Geschichte und die Figuren ermöglichten den Kindern und den Müttern, den hohen Nutzen der „stillen Bilder“ schätzen zu lernen. Da gute Bilderbücher nicht nur spannend sind, sondern immer auch einen starken ethischen und psychologischen Fokus haben, sind sie ein wichtiges Medium, das persönlichkeits- und gemeinschaftsbildend wirkt. Außerdem fördert das Anschauen der Bilder und das gemeinsame Reden darüber die Sprachfähigkeit der Kinder und sollte daher unbedingt in den Alltag der Familien hinein übertragen werden. Ziel ist es deshalb, noch mehr öffentliche Aufmerksamkeit auf das Medium Buch und die Methode des Vorlesens zu erreichen. Rund um die Leseförderprojekte entwickelten sich weitere Satelliten-Projekte, z.B. die Inszenierung einer Lesung anlässlich der Märchentage am 18.11.2008 in der Aula der Teltow-Schule. Diese von den ehrenamtlichen Lesepaten entwickelte zweisprachige Lesung eines Schweizer BilderbuchKlassikers wurde nicht nur von den Schülern der Teltow-GS, sondern, da das Programm öffentlich angekündigt war, auch von umliegenden Grundschulklassen und Kitas besucht. Ca. 300 Kinder und Erzieher besuchten die Aufführung. Ebenfalls an der Teltow-Grundschule zeichnete eine 11-köpfige Gruppe von Schülern unter Anleitung einer Lesepatin einen Fußball-Comic, der als Kalender zum Jahresende gestaltet und an Herta-BSC gesandt wurde.

Die Hausaufgabenhilfe bietet den Kindern aus sozial schwachen Familien aus der s.g. ThermometerSiedlung am südlichen Stadtrand eine kontinuierliche Bindung und Begleitung an. Täglich waren mindestens zwei der insgesamt 17 Ehrenamtlichen im Einsatz. Das Projekt profitierte durch die kontinuierliche und zuverlässige Organisation der Lernpaten, die inzwischen auch wichtige Ansprechpartner für die Lehrer und die Schulleitung geworden sind. Die Effizienz dieses Projekts ist nicht überbietbar, da die kleineren Kosten, die im Projekt anfallen, von den Ehrenamtlichen meist zusätzlich übernommen werden. Der messbare Nutzen des Projekts besteht darin, dass 100% der Schüler, die die Hausaufgabenbetreuung annehmen, nicht mehr versetzungsgefährdet sind. Wie nachhaltig der Einsatz ist, zeigt sich einerseits durch eine große Treue und Zufriedenheit der Ehrenamtlichen, andererseits durch die positiven Effekte bei den jüngeren Geschwistern der Kinder.

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Das Selbstverständnis, dass erledigte Hausaufgaben dazu verhelfen, dass der Unterricht mehr Freude macht und dass man entspannter und selbstsicherer wird, wirkte auch positiv und prägend in die Familien hinein.

a)

Die naturwissenschaftlichen Projekte der Bürgerstiftung Berlin

Mit den Projekten Zauberhafte Physik an Grundschulen und Mädchen und Technik werden Kinder für Naturwissenschaften und Technik begeistert. Kinder aus sozial schwachen Familien erleben ihre Umwelt meist nur passiv, da keiner der Erwachsenen sich Zeit nimmt oder die Kenntnisse hat, um die Alltagsphänomene zu erklären. Durch die Sprachdefizite haben es außerdem die bildungsschwachen Schüler schwer, den abstrakten Ausführungen der Lehrer und der Schulbücher zu folgen. Das Projekt Zauberhafte Physik an Grundschulen wurde von einer pensionierten Ingenieurin entwickelt und mit so großem Erfolg gestartet, dass es innerhalb eines halben Jahres an drei Schulen für die Jahrgangsstufen 2 - 4 eingeführt werden konnte. Das Team der ehrenamtlichen Physikpaten ist auf 20 Personen gestiegen, Studenten der Technischen Universität und der Technischen Fachhochschule Berlin sind seit Beginn dabei und entwickeln zusammen mit älteren Ehrenamtlichen Versuchsreihen zu Alltagsphänomenen: „Wir zaubern mit Luft“, „Wir zaubern mit Wasser“, „Wir zaubern mit Kraft“. Weitere Versuchsreihen zu den Themen Akustik und Optik werden geplant. Die Versuchsreihen werden genau beschrieben, mit Tipps aus der Praxis, dem Zeitaufwand und genauen Materiallisten und durch Zeichnungen und Fotos dokumentiert. Diese selbst hergestellten Unterrichtsmaterialien werden an Lehrer und Eltern ausgegeben. Das Projekt erfüllt einen wichtigen Bedarf an Grundschulen, da die Kinder möglichst früh an naturwissenschaftliche und technische Fragestellungen herangeführt werden müssen und sich durch die Begeisterung der Physikpaten anstecken lassen. Das Projekt wurde 2008 von

privaten Spendern und der Aktion Mensch gefördert. Außerdem erhielt es eine Förderung der Bayer Cares Foundation, u.a. da ein ehrenamtlicher

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Physikpate ehemaliger Mitarbeiter von Schering war. Dem hohen kreativen und organisatorischen Einsatz der Projektleiterin und ihres engagierten und stetig wachenden Teams ist es zu danken, dass innerhalb von kurzer Zeit eine hohe Professionalität und Effizienz des Projektes erreicht wurde, die sich durch hohe Nachfrage anderer Schulen und durch das große Interesse der Presse auszeichnete. Das Projekt Mädchen und Technik, ein Chemie-Club exklusiv für Mädchen, wurde auch im Jahr 2008 von der Deutschen BP gefördert und findet schon im dritten Jahr am Romain-Rolland-Gymnasium statt. Ziel dieses Projektes ist es, Schülerinnen zu unterstützen, sich selbständig mit naturwissenschaftlichen Aufgabenstellungen auseinanderzusetzen und auf Schülerwettbewerbe hinzuarbeiten. Aufgrund der effektiven Projektleitung und ehrenamtlicher Mitarbeiter, die ebenfalls einen naturwissenschaftlichen Background haben, konnten einige Gruppen und einzelne Mädchen aus der Gruppe viele Wettbewerbe im Bereich Chemie (Chemkids, Dechemax „Chemie – die stimmt!“ etc.) gewinnen. Erreicht werden soll, dass Mädchen sich früh für Naturwissenschaften interessieren und sie als mögliche Berufsfelder identifizieren.

Seit Dezember 2008 hat die Bürgerstiftung Berlin ihr erstes naturpädagogisches Projekt: Die UmweltDetektive. Unter der fachkundigen Anleitung von Umweltpädagogen sollen ca. 20 Grundschulkinder gemeinsam mit ehrenamtlichen Umweltpaten den städtischen Naturraum in der unmittelbaren Umgebung der Schulen erkunden. In wöchentlich stattfindenden Aktionen und Exkursionen werden die Kinder von der Schule ausgehend den sie umgebenden Naturraum entdecken und weiten Schritt für Schritt ihren Bewegungsradius aus. Höhepunkte sind dabei entsprechend dem Wechsel der Jahreszeiten u.a. eine Baum-Rally, eine schuleigene Baumpflanzung bzw. Baumfällung sowie eine herbstliche Laubsammelaktion. Ziel des Projektes ist es, den Kindern die Möglichkeit zur unmittelbar sinnlichen Naturwahrnehmung zurückzugeben. Auf diese Weise wird ein Defizit behoben, welches der zunehmenden Immobilität besonders bildungsferner Familien geschuldet ist: In dem Maße, wie Computer- und Fernsehkonsum steigen, gehen die Outdoor-Aktivitäten von Kindern zurück. Ihr Bewegungsradius wird zunehmend eingeschränkt. Schritt für Schritt sollen die Schüler und Schülerinnen wieder ein Gespür für die sie umgebende städtische Umwelt entwickeln. Denn: Nur wer Natur mit allen Sinnen erfahren hat, kann

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sie auch schützen! Auf diese Weise wird nicht nur die Basis für einen problembewussten Umgang mit der städtischen Umwelt gelegt - auch die Mobilität der Kinder wird gefördert und ihre motorischen Fähigkeiten und sozialen Kompetenzen werden gestärkt.

a) Das Hauptschulprojekt der Bürgerstiftung Berlin Mit dem Heimathafen Berlin realisierte die Bürgerstiftung Berlin erstmals ein von der EU gefördertes Projekt. Im Rahmen des Europäischen Jahres des interkulturellen Dialogs wurde der Heimathafen Berlin vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend als eines von acht weiteren Projekten ausgewählt, Deutschland im europäischen Themenjahr des interkulturellen Dialogs zu vertreten. Anfang September fand ein Open Space für 80 Berliner Hauptschüler unterschiedlicher ethnischer, kultureller und konfessioneller Herkunft aus sechs Schulen statt. Um „Anzukommen“ in einer Gesellschaft bedarf es vielfältiger „Verankerung“. Damit Integration nachhaltig gelingt, muss nicht nur der Boden für eine sprachliche, nachbarschaftliche und kulturelle Identität bereitet werden, sondern es müssen auch vielfältige Möglichkeiten der Partizipation und des selbstverantwortlichen Handelns erprobt werden. Die Schule ist ein wichtiger Ort und ein geeignetes Feld, um Toleranz und Akzeptanz zu üben und damit die Basis zu einer gerechten und demokratischen Gesellschaft zu festigen. Vor diesem Hintergrund entwickelten die Schüler an zwei Tagen ihre eigenen Projektideen zum Thema „Eure Ideen erobern Berlin“. Die Schüler formulierten ihre Vorstellungen, wie das Zusammenleben in ihrem sozialen Umfeld, in ihrem Kiez, in ihrer Schule durch ihren persönlichen Einsatz verbessert werden kann. Sie wurden dabei von einer „Bildungskette“ von Studenten, Ehrenamtlichen und Professoren dabei begleitet, ihre eigenen Projektideen zu entwickeln. Für die Bürgerstiftung Berlin lag der Fokus darauf, das Empowerment der Kinder zu stärken und ihnen ihre eigene Wirkungsmächtigkeit erfahrbar zu machen, in dem sie gemeinsam mit allen Beteiligten ihre Projektideen präsentieren und in die Realität umsetzen konnten. Insgesamt nahmen am Projekt

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100 Hauptschüler im Alter zwischen 13 und 15 Jahren teil. Die Projektförderung endete im Dezember 2008.

b) Förderprojekte der Bürgerstiftung Berlin Die Projekte Integrativer Familiensport und Heimathafen Neukölln wurden von der Bürgerstiftung Berlin mit 2.150,40 € bzw. 3.000,- € unterstützt.

Integrativer Familiensport

Heimathafen Neukölln

V.

Öffentlichkeitsarbeit, Veranstaltungen und Ereignisse

Der Newsletter erschien 2008 in drei Ausgaben unter der Leitung von Frau Marianne Jabs. Er informiert Freunde, Förderer und Interessierte über die Arbeit der Stiftung und ist ein wichtiges Element der Öffentlichkeitsarbeit. 10. Januar 2008: Neujahrsempfang in der Villa Grisebach. Begrüßung der zahlreichen Gäste durch den Hausherrn Bernd Schultz. Gastrednerin war Frau Prof. Dr. Manuela du Bois-Reymond, Erziehungswissenschaftlerin und Expertin für Kinder- und Jugendforschung in europäischvergleichender Perspektive.

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01. Februar 2008: Artikel im Wissenschaftsmagazin Kontaktum der TU München über das Projekt Zauberhafte Physik. 09. und 10. September 2008: Zweitägige Open-Space-Veranstaltung des Projektes Heimathafen Berlin mit einem interkulturellen Frühstück auf einem Jugendschiff. September 2008: Zum Auftakt des Projektes Heimathafen Berlin erschienen Presseartikel in der Berliner Woche und der Jüdischen Zeitung. 25. September 2008: Herbstfest der Bürgerstiftung Berlin für alle ehrenamtlichen Helfer. 18. und 21.Oktober 2008: Zwei Artikel im Tagesspiegel als Reaktion auf den „Offenen Brief der Lesepaten“ der Bürgerstiftung Berlin an die Kanzlerin zum Bildungsgipfel 2008. 07. November 2008: Gemeinsame Sitzung aller Gremien der Bürgerstiftung Berlin mit Herrn von Weizäcker. 14. November 2008: Präsentation des Projektes „Zauberhafte Physik“ auf dem Berliner Stiftungstag. Dazu wurde ein Betrag vom rbb in der Berliner Abendschau gezeigt.

VI.

Resümee und Ausblick

Die erfolgreiche Arbeit der Bürgerstiftung Berlin wurde auch 2008 fortgesetzt. Die Einnahmen an projektgebundenen Mitteln konnten erheblich gesteigert werden, zum einen durch das mit EUMitteln finanzierte Projekt Heimathafen Berlin, zum anderen durch den Ausbau der Zusammenarbeit mit Unternehmen wie BOEING, die die Projekte Bilderbuchkino und Umweltdetektive finanzieren. Durch das Projekt Heimathafen Berlin wurde die Zusammenarbeit mit Berliner Schulen auch auf die Hauptschulen erweitert. Die aus dem zweitägigen Open-Space hervorgegangenen Projekte zeichneten sich durch eine generationsübergreifende Zusammenarbeit aus. Die das Projekt begleitenden Ehrenamtlichen waren auf der einen Seite emeritierte Professoren, auf der anderen Seite junge Studenten der Geistes- und Erziehungswissenschaften. Diesen generationenübergreifenden Dialog versucht die Bürgerstiftung Berlin in all ihren Projekten zu implementieren. Ein weiteres sehr erfolgreiches Beispiel hierzu ist das Projekt Zauberhafte Physik, in dem ein Teil der ehrenamtlichen Paten Ingenieure und Techniker im Ruhestand sind, der andere Teil sich aus jungen Studenten der Naturwissenschaften bzw. Technik zusammensetzt. Diese erfolgreiche Mischung hat dazu geführt, dass sich das Projekt in kurzer Zeit professionell bei den beteiligten Grundschulen etablieren konnte und es von weiteren Schulen nachgefragt wird. Die Zusammenarbeit mit Schulen und Ehrenamtlichen in den Sprach- und Leseförderprojekten zeichnete sich durch eine große Kontinuität aus. Die hohe Anzahl der ehrenamtlichen Paten in den Projekten konnte auch 2008 gehalten werden. In das Programm der Weiterbildung der FU wurde auf vielfachen Wunsch der Lesepaten interkulturelle Aspekte verstärkt aufgenommen. Für die 60 ehrenamtlich tätigen Auszubildenden des OSZ Bürowirtschaft und Verwaltung wurde eine speziell zugeschnittene Weiterbildung im Bereich der Lese- und Sprachförderung organisiert und von der

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Bürgerstiftung finanziert. Die Auszubildenden in den Sprach- und Leseförderprojekten zeigen zudem, dass gerade in diesen Projekten die ehrenamtlichen Paten aus den unterschiedlichsten sozialen und beruflichen Bereichen kommen. Zunehmend engagieren sich auch Vollzeit-Berufstätige und Selbständige. Die erfolgreiche Einwerbung von Finanzmittel bei Unternehmen für gemeinsam entwickelte Projekte ist ein Bereich, den die Bürgerstiftung im kommenden Jahr weiter ausbauen wird. Auch die Akquisition von öffentlichen Fördermitteln für nicht allein durch Spenden finanzierbare Projekte wird von der Geschäftsstelle der Bürgerstiftung erweitert. Das Geschäftsjahr 2009 ist das Jahr des 10jährigen Bestehens der Bürgerstiftung Berlin. Dieses Jubiläum steht im Mittelpunkt der organisatorischen Aktivitäten. Der Vorstand hat sich einen intensiven Leitbildprozess verordnet, der zu einer Ist-Analyse der Leistungen in den ersten 10 Jahren, aber vor allem zu einer Standortbestimmung und inhaltlichen Mittelfristplanung führen soll. Bei der Bestandsaufnahme werden die bisher durchgeführten Projekte und ihre Erfolge im Spiegel der Satzung ausgewertet. Darauf aufbauend sollen weitere, die bisherigen Aktivitäten ausbauende Projekte definiert werden. Die Weiterentwicklung der Stärken in innovativer Projektentwicklung und qualitativ hochwertiger Projektdurchführung steht hierbei im Mittelpunkt. Gleichzeitig hat der Stiftungsrat den Vorstand beauftragt, trotz Finanzkrise einen Wachstumsprozess einzuleiten. Ein erster Schritt auf diesem Weg ist die kritische Beurteilung der Anlagealternativen des bestehenden Stiftungsvermögens. Hierbei sind Umschichtungen zwischen den Anlagebanken und auch die Hinzunahme neuer Banken zu erwarten. In der nun anstehenden Niedrigzinsphase ist eine sichere, weiterhin aber positive Zinsrendite (entsprechend der Satzung) zu erwirtschaften. Dabei sind die Kostenstrukturen der Geschäftsstelle zu reduzieren, da mit im Jahresvergleich zurückgehenden Zinserträgen gerechnet werden muss. Der Stiftungsrat erwartet deutliche Schritte zur Steigerung des Stiftungsvermögens. Hierzu sind die strukturellen Voraussetzungen zu schaffen und bereits im Geschäftsjahr 2009 sichtbare Erfolge zu erzielen. Dies beginnt mit der Ausweitung der öffentlichen Wahrnehmung der Bürgerstiftung Berlin. Nach Komplettierung des Vorstandes durch die Berufung eines/einer neuen Vorsitzenden wird die Führung klare Verantwortlichkeiten festlegen und Arbeitskreise für Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising zur Aufgabenstrukturierung und Aufgabendurchführung einsetzen.

Berlin, Oktober 2009

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