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Full text: Die Stärken stärken

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Die Stärken stärken

Kunst und Kultur in der sozialen Arbeit

Programm Gala 60 Jahre PARITÄTISCHER Berlin Seiten 4-8 und Rückseite
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Inhalt
Editorial Die Stärken stärken Vorhang auf zur Gala 60 Jahre PARITÄTISCHER Berlin Drum Circle 50+ Romeo Schirmer und die Samuels Crew Wir Kinder vom Kleistpark Jongliergruppe „Die Mallos mit Ruth“ Juxirkus am Trapez GangwayBeatz Berlin Rock & Wheels RambaZamba: Weiberrevue 3 4 Kunst und Kultur in der sozialen Arbeit Kunst und Kultur Kuschelecke in der sozialen Arbeit? Andrea Gärtner Claudia Gratz Kreativhaus e.V. Neue Perspektiven für Outsider Art Galerie Art Cru Martin Thoma Kunst macht verborgene Talente sichtbar Gerlinde Geffers 10

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Moderator der Gala: Harald Pignatelli

Bühne frei! 14 Theater kennt keine Grenzen Gerlinde Geffers Musik macht lebensfroh und stolz Gerlinde Geffers 16

Sich selbst tanzend erleben Barbara Leitner Kulturelle Bildung in der Manege nicht ausreichend anerkannt Barbara Leitner Die Literaturbegeisterten Martin Thoma Kunst und Selbstbewusstsein ein Besuch bei der Fotogruppe Pinel Martin Thoma Medien und soziale Arbeit Potenzial nicht ausgeschöpft Barbara Leitner Programm Gala 60 Jahre PARITÄTISCHER Berlin

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TIPI am Kanzleramt, Zelt außen Foto: Michael Haddenhorst

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Editorial

Die Stärken stärken
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitglieder, der PARITÄTISCHE Berlin wird sechzig! Ein Grund zur Freude, zur Dankbarkeit und zum Feiern. Dazu laden wir Sie ins TIPI am Kanzleramt ein zur Gala am Donnerstag, den 10. Juni 2010. Mit der Einladung zur Gala verschicken wir dieses Heft an unsere Mitglieder und Kooperationspartner, Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und gesellschaftlichen Institutionen. Was Sie in der Hand halten, ist mehr als ein Programmheft. Wenn Sie sich für Kunst und Kultur im PARITÄTISCHEN interessieren, dann werden Sie hier fündig. Im ersten Teil stimmt es sie ein auf die Gala, bei der es heißt „Vorhang auf!“ für acht künstlerische PARITÄTISCHE Projekte. Diese zeigen Kostproben ihrer Arbeit und ihres Könnens. Alle Generationen sind dabei vertreten. Auf den Seiten fünf bis acht des Heftes erfahren sie mehr darüber. Durch die Gala führt Harald Pignatelli, Moderator beim RBB Fernsehen. Aber zuerst werden vier wichtige Personen gewürdigt, die sich im und für den PARITÄTISCHEN engagiert haben. „Die Stärken stärken – das ist das Credo der Kulturpädagogik“, sagen Andrea Gärtner und Claudia Gartz vom Kreativhaus in ihrem einführenden Beitrag zum zweiten Teil des Heftes. Im Anschluss an die Aufbruchzeit der 68er Generation sind viele freie Musikund Theatergruppen entstanden: Menschen erproben sich, Selbsterfahrungsgruppen schießen aus dem Boden. Es ist die Blütezeit von Selbsthilfegruppen. Erfahrungen aus diesem Ausprobieren neuer Ausdrucksformen und Gruppenprozesse finden mit Beginn der achtziger Jahre verstärkt Eingang in die soziale Arbeit. Ein Erfolgsrezept für viele, wie zum Beispiel für das Theater der Erfahrungen. Es feiert in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen. Das Theater Thikwa begann vor 25 Jahren. Dreißig Jahre Internationales Kulturcentrum Ufa-Fabrik, der Ufa-Zirkus und das Nachbarschafts- und Stadtteilzentrum NUSZ gehören dazu. Gefeiert wurde das im vergangenen Jahr. Die achtziger Jahre sind Aufbruchjahre für Kunst und Kultur in Verbindung mit sozialer Arbeit. Pädagoginnen und Pädagogen, engagierte Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Erzieherinnen und Erzieher, nutzen verschiedene künstlerische Ausdrucksformen - Theater, Musik und Tanz, Zirkus, Bildende Kunst, Literatur, Fotografie und Medien – in ihrer Arbeit. Was dabei entstanden ist – können Sie nachlesen in diesem Heft. Wir haben Journalistinnen und Journalisten zu PARITÄTISCHEN Projekten geschickt. Sie erzählen in ihren Reportagen, was sie dort gehört und erfahren haben. Ich freue mich, Sie zu unserer Gala „60 Jahre PARITÄTISCHER Berlin“ am 10. Juni 2010 im TIPI am Kanzleramt begrüßen zu dürfen. Eine Übersicht über das gesamte Programm der Gala finden Sie auf der Rückseite des Heftes. Mit herzlichen Grüßen

Barbara John, Vorstandsvorsitzende Foto: Gisela Schuster

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Vorhang auf!
zur Gala 60 Jahre PARITÄTISCHER Berlin

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Vorhang auf für acht Projekte der Bühnenshow Drum Circle 50+
Eingefangene Stimmen „Wenn ich trommle spüre ich, dass meine Energie zunimmt. Wenn wir als Gruppe trommeln, schicken wir diese gesammelte Energie dem Publikum. Und das Publikum bringt diese Energie wieder zurück. Das ist ein Drum Circle.“ (Dorothea R.) “ „Trommeln bringt Menschen zusammen, macht Spaß, bringt Lebensfreude und gibt Impulse.“ (Elisabeth C.)

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Drum Circle 50+ im Nachbarschaftshaus am Lietzensee Richarda Raabe (Drum Circle-Facilitator) Tel. 030 - 707 11 628

Romeo Schirmer und die Samuels Crew
Foto: Drum Circle

Senioren geben den Rhythmus der Stadt wieder! Seit dem Herbst 2007 trommeln bis zu 30 Frauen und Männer ab 50 Jahren mit wachsender Begeisterung im Nachbarschaftshaus am Lietzensee. Auf unterschiedlichen Trommeln - Conga, Bongo, Djembé, Cajón, Rahmentrommel, Surd - klingen und swingen die verschiedensten Rhythmen, die in einem stecken. Gemeinsam findet die Gruppe Ihren „groove“ und erlebt gemeinsam mit dem Publikum Energie und Spaß. Rhythmus verbindet, vitalisiert, verzaubert Auch bei der Bühnenshow des PARITÄTISCHEN bezieht der Drum Circle das Publikum mit ein, motiviert zum Mittrommeln, animiert zum Mitklatschen und auf faszinierende Art und Weise ist das Publikum Teil des Ganzen! Gemeinsam entsteht „music for the moment“! Und zum Schluss gibt es wie immer den Versuch einer „SAMBA“.

RomeoSchirmer,Mitbegründer der Dance Company der Samuels Dance Hall und amtierender HipHop-Weltmeister der International Dance Organisation (IDO) arbeitet seit 1999 ehrenamtlich als Tanztrainer für den Bereich JugendFEIER des Humanistischen Verbandes Deutschland, Landesverband Berlin (HVD). Im Rahmen des JugendFEIER-Vorbereitungsprogramms bietet Romeo Schirmer seit zwölf Jahren verschiedene Tanzprojekte für 13und 14-jährige Jugendliche an und ist gemeinsam mit seiner Dance Company ein wichtiger und unverzichtbarer Kooperationspartner für das JugendFEIERTeam geworden. Mit der Möglichkeit, auch nach der JugendFEIER im Verein weiter tanzen zu können und durch seine engagierte und professionelle Arbeit legte Romeo Schirmer den Grundstein für einige JugendFEIER-Teilnehmer, ihre Leidenschaft für den Breakdance zum Nebenberuf zu machen. So geschehen bei Shizzo und Long, die bei der Bühnenshow im TIPI mitmachen. Sie sind seit fast vier Jahren in der Samuels Crew. Beide fingen Feuer für Breakdance bei ihrer Jugendfeier vor fünf Jahren. Heute sind

Foto: Samuels Crew (Clinton Show)

sie als erfolgreiche Showtänzer auf großen Bühnen Europas unterwegs und finanzieren sich ihr Studium. Dieses Team begeistert nicht nur das Publikum zu den JugendFEIER-Festveranstaltungen im Friedrichstadtpalast. Auch bei vielen anderen Höhepunkten des HVD, zuletzt bei der Dankeschönveranstaltung für Ehrenamtliche, werden die Auftritte der Dance Company von Jung und Alt gefeiert.

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HVD, LV Berlin, Carmen Malling Tel. 030 - 61 39 04-15 www.hvd-berlin.de Romeo Schirmer kontakt@samuels-world.com www.samuelsworld.com

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„Wir Kinder vom Kleistpark“
tanzt, gesprochen und geschauspielert.Die Band für den Auftritt in der PARITÄTISCHEN Gala besteht aus den Kindern, zusammen mit der Musikpädagogin und Leiterin des Ensembles Elena Marx, sowie den Musikern Jens Tröndle, Frank Lunte, Alexander Danko und Alexander von Lieven.
Foto: J. Troendle

vierzig Personen, konnte man das Ensemble auf Bühnen, in Kirchen, in Buchhandlungen, bei Stadtführungen und Festen und auch schon im Bundeskanzleramt live erleben. Entstanden ist alles aus der Kooperation der musikbetonten Kita am Kleistpark des freien Trägers Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V. mit der Leo Kestenberg Musikschule. Mittlerweile hat sich die Scharmützelseegrundschule in Schöneberg dem Projekt angeschlossen.

... ist ein singendes, tanzendes und musizierendes Ensemble aus Kitakindern, Grundschulkindern, Jugendlichen und erwachsenen Profimusikern. Die Kinder vom Kleistpark spielen und singen internationale Folklore, Klassik und Pop und haben das Ziel, gute Musik für Kinder zu machen. Auf der Bühne wird musiziert, gesungen, ge-

Die Kinder vom Kleistpark sind ein Projekt, das Nationen, Generationen und unterschiedliche Musikstile vereint. Hören kann man die Musik auf bisher zwei CDs, die dritte ist in Arbeit und erscheint in Kürze. Die Konzerte richten sich an Familien, Kinder und Erwachsene. In verschieden großen Besetzungen, von zehn bis

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www.wirkindervomkleistpark.de www.elenamarx.de

Jongliergruppe „Die Mallos mit Ruth“
„Die Mallos mit Ruth“ vom Nachbarschaftszentrum Ufa-Fabrik (NUSZ) sind eine Jongliergruppe ganz besonderer Art. Das macht der Alters-Mix von Sophie, neun Jahre, Jan, elf, Melinda, zwölf, Marie und Julius, 13, Farina und Florian, 14, Nico und Fa-Yan, 15 bis zu Ruth, 73 Jahre jung. Eine Jongliernummer, die am Strand spielt: Mädchen und Jungs treffen sich dort. Ihre Geschichten, die mit Jonglierkünsten untermalt werden, sind gekrönt von professionellen und originellen Jonglier-Choreographien. Die besondere Attraktion ist eine ältere Dame, die vorbeikommt und in der Jongliergeschichte der Kinder und Jugendlichen mitmacht und mitjongliert. Wie kam es zu diesem Mix von Jung und Alt? Jonglieren fördert die Gehirnleistung, trainiert den Gleichgewichtssinn, verbessert die Sehkraft, erleichtert Kin6 www.paritaet-berlin.de 2 | 2010

stenmacher mit über 70 Jahren, die Kunst des Jonglierens zu erlernen. Auch im nahe gelegenen neu eröffneten Seniorenprojekt „Malteser Begegnungszentrum im Wohnpark AVILA“ interessierte man sich für dieses Projekt. Im Sommer 2009 traten „die Mallos mit Ruth“ zum ersten Mal in dem Seniorenzentrum auf. Die Zuschauer waren begeistert und kurz darauf entstand auch dort ein regelmäßiger Jonglierkurs für Senioren mit Karin Berndt, der Leiterin der Mallos, sowie der tatkräftigen Unterstützung von Ruth. Alle Beteiligten sind mit großem Spaß dabei.

Foto: NUSZ

dern das Lernen und ist somit für alle Generationen geeignet. So entstand „Jonglieren von 9 – 99“, ein sozio-kulturelles Angebot des NUSZ im Tempelhofer Boseclub. Dort, in der altersgemischten Gruppe des Ufa-circus-Artisten Paul Kuhnle, begann Ruth Ki-

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www.nusz.de/nc/start/ kinder-jugendliche/

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Juxirkus am Trapez
Der Juxirkus bietet kleinen und großen Menschen Professionelles aus der Welt des Zirkus. Mit einer Trapeznummer präsentiert er sich im TIPI am Kanzleramt zur Gala. arbeitet, das seit vielen Jahren das kulturelle Leben Schönebergs bereichert. Trapezkünstlerinnen aus dem Juxirkus: Was ist so besonders am Trapez? „Es ist ein Sport, den nicht jeder macht“ (Sarah Sch.) und den auch „nicht jeder kennt.“ (Sarah F.) “ Ist das anstrengend? „Tierisch anstrengend!“ (Marie) „Manchmal denkst du, deine Arme fallen gleich ab…“ (Sarah Sch.) “ Tut das weh? „Ja!!!!“ Warum macht ihr das dann?! „Man kann auf alle runtergucken und fühlt sich frei wie ein Vogel. Und spätestens, wenn man über dem Publikum am Trapez fliegt, sind alle Schmerzen vergessen!“ (Sarah Sch.) “ Warum seid ihr überhaupt im Juxirkus? „Vom Zirkus geht etwas Magisches aus. Woche für Woche zieht mich dies wieder zum Training und zu Aufführungen. Es ist überwältigend, ein Teil dieser Magie zu sein, es prägt einen und macht glücklich.“ (Sophie) “

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www.juxirkus.de

GangwayBeatz Berlin
Foto: Juxirkus

Seit über 16 Jahren können interessierte Kinder und Jugendliche im ältesten Kinder- und Jugendzirkus Berlins ihre eigene Zirkusshow produzieren und einem begeisterten Publikum präsentieren. Der Juxirkus wurde 1988 von dem Nachbarschafts- und Familienzentrum Kiezoase e.V. und dem Pestalozzi-Fröbel-Haus gegründet. Seit 1990 steht das rotgrüne Zelt an der Hohenstaufenstraße in Schöneberg und hat sich zu einem festen Bestandteil des Kiezes entwickelt. Der Juxirkus ist eine Anlaufstelle für alle Kinder und Jugendlichen ab zehn Jahren, die dort unter der Anleitung von professionellen Artisten, Trainern und Pädagogen Zirkusdisziplinen wie Einrad, Hochseil, Jonglage und verschiedene Formen von Akrobatik lernen können. Gemeinsam wird zweimal im Jahr ein buntes Programm für alle Menschen zwischen vier und 104 Jahren er-

Gangway Beatz ist ein Projekt, das sich seit 2007 um sozial benachteiligte Jugendliche auf den Straßen Berlins kümmert. Zum einen wird die HipHop Geschichte in RapWorkshops an die Jugendlichen vermittelt und durch praktische Arbeit im Tonstudio vertieft. Durch das Schreiben und Recorden von eigenen Tracks - ohne Klischees, Frauenfeindlichkeit oder sinnlose Gewaltverherrlichung – setzen sich die Teilnehmer in enger Zusammenarbeit mit Sozialarbeitern mit ihrer eigenen Identität, ihren sozialen Umständen und Perspektiven auseinander. Darüber hinaus wurden schon mehrfach Reisen nach New York unternommen, die Geburtstätte des Hip Hop. Durch Beschäftigung mit dieser inzwischen globalen Jugendkultur an ihrem Ursprungsort und der damit verbundenen Vermittlung von Werten wie Toleranz, Kreativität und Zielstrebigkeit werden die GangwayBeatz Teilnehmer zum einen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gestärkt und zum anderen lernen sie, sich mit ihren persönlichen Schwächen auseinanderzusetzen und diese zu überwinden.

GangwayBeatz Foto: Samira Mohammadi

Die Jugendlichen freuen sich sehr, ihre eigene Bühnenshow bei der Gala des PARITÄTISCHEN präsentieren zu dürfen. Sie werden mit eigenen Songs und selbstgeschriebenen Titeln aus ihrem bewegten Alltag berichten.

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■ www.gangway.de ■ www.gangwaybeatzberlin.blog.de ■ www.myspace.com/ ■ www.youtube.com/user/ ■ www.facebook.com/people/

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Rock & Wheels
So nennt sich die Rollstuhltanzgruppe des Vereins Mit-Mensch. Sie gründete sich im Mai 2000. Seither treffen sich 15 bis 20 Frauen und Männer mit und ohne Handicap im Alter von 25 bis 70 Jahren einmal pro Woche in der Sporthalle der Carl-von-Linné-Schule für Körperbehinderte in Berlin-Lichtenberg. Sie kommen aus der ganzen Stadt. Das Training leiten ausgebildete Tänzer und Übungsleiter. Spaß und Freude an Bewegung Teilnehmer mit Handicaps, die oft über Jahre schmerzvolle und anstrengende Therapien absolvieren, fühlen sich durch die Musik und die Gruppe animiert, sich selbstständig zu bewegen und ihre körperlichen Grenzen neu auszuloten. Bei Rock & Wheels bekommen sie Taktund Rhythmusgefühl vermittelt und zeigen, dass trotz Handicap Tanzen möglich ist. Die Trainer berücksichtigen die verschiedenen Behinderungen der einzelnen Personen und gestalten die Choreographie so, dass alle mittanzen können. Niemand soll sich unter- oder überfordert fühlen. Tanzen stärkt das Selbstbewusstsein und weckt Verständnis und Interesse für einander. Öffentliche Auftritte haben enorm dazu beigetragen, aus den Mitgliedern der Gruppe eine eingeschworene Gemeinschaft zu machen. Fußgänger und Rollstuhlfahrer tanzen als Paar und finden den „gemeinsamen Dreh“. Training: Montags, 18 bis 20 Uhr Sporthalle der Carl-von-Linné-Schule für Körperbehinderte Paul-Junius-Straße 15, Berlin-Lichtenberg

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Mit-Mensch e.V., Tel. 030 - 50 10 80 12 mitmensch@aol.com www.mit-mensch.com

Foto: Rock & Wheels

RambaZamba: Weiberrevue
Auch wenn es nur ein Fünf-MinutenMedley sein wird, mit dem sich die RambaZamba-Schauspielerinnen und -Schauspieler präsentieren, so ist doch deutlich zu sehen - hier geht es um eine Revue, in der die Frauen dominieren: Schönheiten in hinreißenden Kostümen, angedeutete Tänze und ein Spiel um den Traum eines jungen Mädchens, das sich wünscht, „eine Frau zu sein“. Ein Mini-Spektakel mit Musik von Friedrich Hollaender, den Beatles, Marlene Dietrich bis zu Tamara Danz, grundiert mit Flamenco, Popund Jazzanklängen, Regie: Gisela Höhne. 1990 erfanden die Theaterleute Gisela Höhne und Klaus Erforth für ihren mit Down Syndrom geborenen Sohn Moritz die Sonnenuhr. Gemeinsam mit anderen Eltern von Menschen mit so genannter geistiger Behinderung
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gründeten sie in der Kulturbrauerei Prenzlauer Berg diese ganz besondere Kunstwerkstatt. Seitdem treffen sich hier regelmäßig mehr als 130 Teilnehmer zu kreativer Arbeit in nahezu allen künstlerischen Genres, etwa die Hälfte von ihnen in den Gruppen des Theaters RambaZamba, dem Ensemble Gisela Höhne, Kalibani, Circus Sonnenstich. Seit zwei Jahrzehnten werden hier Begabungen entdeckt, weiterentwickelt und von professionellen Künstlern assistierend begleitet. Und seit 2008 gibt es in der Werkstatt für behinderte Menschen VIA Werkstätten gGmbH Arbeitsplätze für eini-

Foto: Sibylle Bergemann

ge der Ramba-Zamba-Schauspieler und Sonnenuhr-Künstler - ein erster Schritt zur Anerkennung als professionelle Künstler.

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Kunst und Kultur in der sozialen Arbeit

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Kunst und Kultur - „Kuschelecke“ in der sozialen Arbeit?
Kreativhaus, Montag morgen, 9 Uhr. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Weiterbildung „Schwarzlichttheater im Hortalltag“, Sozialarbeiter und Erzieher, haben Notizblock und Stift parat, als sie sich plötzlich die Schuhe ausziehen sollen. Einige Zeit später formen sie im Schein des Schwarzlichts, mit Körper und Requisiten, beeindruckende Formen und Figuren in nicht enden wollender Vielfalt. Am Ende des Kurses berichten sie froh und bewegt davon, so viel Neues und Ungeahntes an sich selbst entdeckt zu haben. Suche nach neuen Wegen Während der Fokus der klassischen sozialen Arbeit zunächst auf der Problemhaftigkeit sozialer Beziehungen und sozialer Integration lag, der mit reagierenden und intervenierenden Instrumentarien begegnet wurde, beschäftigt sich die Sozialpädagogik immer schon vorrangig mit der Förderung der Fähigkeiten und Ressourcen der Einzelnen. Damit agiert sie präventiv und verfolgt die Zielsetzung, die Individuen in ihrer Partizipations- und Integrationsfähigkeit zu fördern und das soziale Gefüge der Gesellschaft zu stärken. Denn „eine gesunde Gesellschaft ist ebenso an Selbständigkeit der Individuen geknüpft wie an deren innige soziale Verbundenheit.“ (Albert Einstein) Bloße Intervention ist ein Fass ohne Boden Und so suchte die klassische soziale Arbeit spätestens seit den Achtziger Jahren nach Möglichkeiten, ihre Dauerklienten in ein eigenständigeres, selbstbestimmtes Leben zu entlassen. Die pädagogische Gruppenarbeit zur Förderung sozialer Kompetenzen hat sich als geeignete Methode bewährt. Sie regt die Selbstwahrnehmung und -erkenntnis des Einzelnen an, macht Problemlagen individuell sichtbar und leitet den ersten Schritt für die Arbeit an sich selbst ein. Die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur fördert auch die Auseinandersetzung mit sich selbst als sozialem Wesen.
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Zirkuspädagogik im AktionsRaum Foto: Kreativhaus

Vom Kopf, in den Bauch, in die Hände In der Verbindung von sozialer Gruppenarbeit mit Kunst und Kultur spielt die Kulturpädagogik mit ihrem umfangreichen Methodenrepertoire eine zentrale Rolle. Können geht über Wissen hinaus und kann durch die Kunst im weitesten Sinne vermittelt werden. Mit der Konzentration auf die sinnliche Wahrnehmung rutscht das Erfahrungswissen, Gelerntes und Gedachtes‚ ‚vom Kopf in den Bauch, in die Hände’, wird assoziativ und kreativ verarbeitet und findet einen ureigenen Ausdruck. Das Empfinden der eigenen Ausdruckskraft und der damit verbundenen Selbstwirksamkeit ist die Voraussetzung für Partizipation. Die „Stärken stärken“ ... ... das ist das Credo der Kulturpädagogik. Insbesondere die Spiel- und Theaterpädagogik ermöglicht ein „geselliges Probehandeln“ (Gerd Koch). Während unsere Gesellschaft eher das Ego trimmt und damit defizitäre Integrationsfähigkeit provoziert, kann das soziale Miteinander durch Ensemblearbeit wirksam trainiert werden. Das Theater der Erfahrungen, das Seniorinnen und Senioren und deren reiche Lebenserfahrung auf die Bühne holt, startete 1980 noch als gewagtes Experiment. Heute ist Theaterpädagogik in der Seniorenarbeit oder auch im Strafvollzug

keine Seltenheit mehr und längst eine anerkannte Form der sozialen Arbeit. Ein weiteres Beispiel für die erfolgreiche Verknüpfung von sozialer Arbeit und Kulturpädagogik ist die schulbezogene Jugend- und Sozialarbeit des Projektes AktionsRaum. Im Dialog mit der erforderlichen Sozialraumvernetzung werden Grundschüler in einem sozialen Brennpunkt im Bezirk Wedding durch spiel-, theater- und zirkuspädagogische Projektangebote gefördert. Gestärkt und selbstbewusst tragen die Kinder ihre unzensierten Beiträge in der jährlich stattfindenden alternativen Talentshow „Der AktionsRaum sucht den Superstar“ vor. Bisher nicht erkannte Neigungen, aber auch Grenzen werden sichtbar, die dann im Laufe des Jahres durch individuelle kulturpädagogische Förderung begleitet werden. Die kontinuierliche Arbeit mit den Kindern schafft Vertrauen als wesentliche Basis für das Erlernen einer Kultur der konstruktiven Kritik. Dank der Auseinandersetzung mit dem individuellen künstlerischen Ausdruck werden erste Erfahrungen sowohl mit den eigenen Stärken und Schwächen gemacht als auch mit den Grenzen ästhetischer Modelle der Gesellschaft. Neue ästhetische Formen entstehen Indem soziale Kulturarbeit die künstlerischen Ausdrucksformen ihrer Klienten ernst nimmt, ist sie in der Lage, neuen ästhetischen Formen, wie etwa Graffiti, zu künstlerischer Anerkennung zu verhelfen und den Akteuren gesellschaftliche Akzeptanz zu verschaffen. Kultur wird in der sozialen Kulturarbeit nie als etwas Abgehobenes und Elitäres verstanden, sondern als eng mit der alltäglichen Lebensweise und mit den Möglichkeitsräumen und -zeiten, die sich viele Menschen wünschen, verbunden. Kreativ sein heißt, selbst schöpferisch sein zu können, und das auf ganz verschiedene Art und Weise.
Andrea Gärtner, Claudia Gratz KREATIVHAUS e.V.

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Neue Perspektiven für Outsider Art
„Künstlerische Arbeit von Behinderten ist niedlich“, „Outsider Art ist nur Therapie“ - wer die aktuelle Ausstellung in der Galerie ART CRU im Kunsthof in der Oranienburger Straße besucht, sieht sich mit seinen eigenen Vorurteilen konfrontiert. Unter dem Titel ANDERSVIEW sind hier Rauminstallationen von psychisch beeinträchtigten Künstlern aus dem Atelier „imPerfekt“ der Berliner Werkstätten für Behinderte ausgestellt. Die zitierten Sätze haben die Künstler zu oft gehört und an die sonst leeren Wände geschrieben. Am Eingang gibt es Brillen, die dazu ermutigen, die Ausstellung mit wachem, vorurteilsfreiem Blick zu betrachten. Mit Kissen ausgestattete Podeste bilden Sitzecken und laden ein, eine leicht veränderte Perspektive einzunehmen. Periskope liegen aus, durch die man die Kunst in weiteren Facetten sieht. Erforschen, was man selber kann Alexandra von Gersdorff-Bultmann ist die Gründerin der Galerie. Die Bedeutsamkeit des Sprechens und Sich ausdrückens durch den Umgang mit Material und Farbe, erzählt sie, sei ihr während ihrer Arbeit in der Psychiatrie bewusst geworden. Die diplomierte Textildesignerin hat dort Arbeits- und Kunsttherapie angeboten und erkannt, wie wichtig es für die Menschen ist, mit ihren eigenen Händen etwas für sie Sinnstiftendes zu schaffen. „Es gibt dort ein großes kreatives Potenzial, und Kunst machen, macht Mut“, sagt sie. Kunst nur anzusehen, das könne, mit Kommentaren im Kopf wie: „Du bist nicht begabt“, auch sehr entmutigend sein. „Wenn man aber im praktischen Umgang mit Materialien erforscht und erkennt, was man selber kann, dann hat sie großen therapeutischen Wert.“ In Berlin die erste ihrer Art Seit anderthalb Jahren betreibt Gersdorff-Bultmann nun schon die Galerie Art Cru, zusammen mit dem Betriebswirt Nikolaj Bultmann, ihrem Sohn. In anderen großen Städten wie New York oder London gibt es längst ähnliche Ein-

Alexandra von Gersdorff-Bultmann und Nikolaj Bultmann in der Galerie ART CRU Foto: Martin Thoma

richtungen, doch in Berlin ist es die erste Galerie für Künstler mit PsychiatrieErfahrung. Es ist der Versuch, neben dem therapeutischen auch dem künstlerischen Wert ihrer Arbeit gerecht zu werden und die Karrieren von begabten Künstlern zu fördern. Träger der Galerie ist der gemeinnützige Verein PS-Art. In ihm sind wichtige Berliner psycho-soziale Einrichtungen, viele davon unter PARITÄTISCHEM Dach, wie die Lebenshilfe Berlin, Pinel, Albatros, VIA und andere, vertreten. Über die Beiträge seiner Mitglieder finanziert sich die Galerie. Outsider auf den Kunstmarkt Gersdorff-Bultmann leitete lange den Werkraum „Offenes Atelier“ des St. Hedwigs-Krankenhauses. Die Idee für die Galerie kam ihr aufgrund des großen Interesses an den dort entstandenen Arbeiten. Nun bietet sie ähnlichen Berliner Werkstätten die Möglichkeit, auf dem Kunstmarkt Fuß zu fassen, statt in einer Ecke zu versauern, wo ihre Kunst – klischeehaft als Aufheller für Krankenhausflure wahrgenommen – oft wenig Beachtung findet und unter Wert verscherbelt wird. Der Bedarf ist groß. Im Monat treten durchschnittlich zwei Ateliers, die gern in der Galerie ausstellen würden, mit Konzepten an sie heran. Die Galerie ART CRU präsentiert die überzeugendsten Arbeiten aus den Ateliers ihrer Mitgliedsorganisationen oder von anderen spannenden Outsider-Künstlern.

Doch Alexandra und Nikolaj Bultmann tun mehr für ihre Künstler, als nur ausstellen und verkaufen: Sie versuchen die Distanz zum etablierten Kunstbetrieb zu verringern, vermitteln an internationale Aussteller, bauen Netzwerke auf und reichen Werke bei Wettbewerben ein: zum Beispiel von Thomas Zöltsch, der erfolgreich am Eucrea Design-Wettbewerb teilnahm, und von Andrea Rausch, die zurzeit in der Endauswahl des europäischen Kunstpreises für Malerei und Grafik euward steht. Schirmparade aus dem Kunsthof Die Arbeit der Galerie ist vielfältig. Bei großen Events wie der Fête de la Musique wird man selbstverständlich dabei sein, und im August werden Künstler aus den VIA-Werkstätten den ganzen Kunsthof vor der Galerie in ein Aquarium verwandeln. Ein großer Fisch in einem anderen Zusammenhang ist der international bekannte Künstler Matt Lamb. Ende Juni wird die Bemalung der Schirme für sein Friedens- und Kinderprojekt „The Lamb Umbrellas for Peace“ im Kunsthof vor der Galerie stattfinden.
MTh

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Galerie ART CRU Berlin Im Kunsthof Oranienburger Str. 27 - 10117 Berlin Tel. 030 - 24 35 73 14 mobil: 0177 - 645 65 25 galerie@art-cru.de, www.art-cru.de 2 | 2010

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Kunst macht verbor g
In der Schlesischen27 ist jede Frage erlaubt. Die Antworten suchen die Kinder und Jugendlichen selbst. Sie wählen dafür künstlerische Mittel und lassen sich von professionellen Künstlern inspirieren. Was passiert, wenn sich Kinder künstlerisch erproben? Wenn Kinder, denen im Alltag Kunst kaum begegnet, gemeinsam mit Profikünstlern malen, tanzen, Musik machen, Filme drehen oder bildhauern? „Sie wachsen“, sagt Barbara Meyer. „Die ästhetische Bildung schult ihre Wahrnehmung. Das macht sie zu wachen, aufmerksamen Akteuren in der Gesellschaft.“ Barbara Meyer ist die Leiterin der Schlesischen 27. Das internationale JugendKunst- und Kulturzentrum liegt im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Meyer sitzt im Büro im zweiten Stock, drum herum renovieren gerade Handwerker das Haus. Normalerweise schwirren Schulklassen, Kinder und Jugendliche aus dem benachbarten Wrangelkiez, Gäste aus Frankreich, Polen oder der Türkei durch die ehemalige Schallplattenfabrik. Im Keller proben junge Musiker, daneben arbeiten Bildhauer, unterm Dach tanzen und spielen darstellende Künstler. Dazwischen sind Video- und Trickfilmateliers, ein großes Malatelier, ein Fetenraum, ein großer Bibliotheksraum. Jährlich kommen etwa 2.000 Kinder und Jugendliche. Kunst statt Schule Die meisten kommen mit ihrer ganzen Schulklasse und besetzen für eine Woche das Haus. In diesem Jahr erforschen sie das Unterirdische. Siebtklässler skizzieren, fotografieren, zeichnen Räume und Bewegungen in den U-Bahnschächten und entwickeln darauf Tanzchoreografien und U-Bahn-Führungen. Viertklässler erforschen die „interkulturelle“ Zwergenwelt im Kiez, malen Geschichten über die kleinen Wesen, bauen daraus Laternen und ziehen damit durch die Oberwelt - begleitet vom Zwergenorchester. 17 Wochen lang werden 17 Schulklassen aus 17 Blickrichtungen die Ideenwelten und Le12 www.paritaet-berlin.de 2 | 2010

bensräu me des Unterirdischen durc hst reifen und zum Abschluss alle gemeinsam das unter ird isc he Fest feiern. Das Archäologieprojekt haben sich die Künstler Beyzanur: „Wo hast du denn die Kunst gelernt? Kai Ilieff, Mein LIeblingsfach ist auch Kunst.“ Foto: Schlesische 27 Abuzer Gülichen indirekt selbst. In ihrem kleinen ler und der LandArt-Künstler und MaDesignladen kreieren sie Dingerfinler Erkan Arslan gemeinsam ausgedungen und Designprodukte, aber auch dacht. Auch Arslan war früher ein Malereien und Zeichnungen, die bei eiWrangelkiez-Kind. Vor 25 Jahren kam ner feierlichen Finissage am Jahresener zum ersten Mal in die Schlesische27. de versteigert werden. Der Erlös der Da war er 14 Jahre alt, pubertierend und Auktion ergänzt die Projektbudgets im sehr scheu. Er lebte erst seit drei Jahren Folgejahr. in Berlin und sprach kaum Deutsch. Zur Begleitung der Freunde und UnterZuhause malt er damals kleinere Bilstützer des Hauses hat die Schleder. Im großen Atelier wagt er sich an sische27 einen Kunstkalender produgroße Bilder heran. Sein Mentor, der ziert. Für den Kalender 2010 hat das Maler Abuzer Güler, ermutigt ihn. So Büro für dringende Fragen, ein improkommt er bald jeden Freitag, auch visiertes Marktforschungsbüro, das wenn er eigentlich den Eltern beim Einauch eine Blüte der Schlesischen27 ist, kauf helfen soll. Fragen gesammelt. „Sind Nektarinen Er kommt noch immer freitags, obwohl mit gebrochenem Kern unglücklich er längst ein eigenes Atelier hat. „Kunst verliebt“, fragt Maike. „Haben mich hat mir eine Identität gegeben“, sagt der meine Freunde aus der Ukraine schon Maler. In seinen Kursen findet er es bevergessen?“ will Anastasiya wissen. sonders schön, wenn Kinder, die sich „Wer singt mit?“, fragt der schwergeim Alltag wenig behaupten können, die wichtige Haus- und Hofbariton Sergej Kunst als Ausdrucksmittel finden. „Da und Oguzan fragt: „Warum soll ich imstaunen auch die Lehrer“, sagt Arslan. mer abends schlafen gehen, wenn ich doch morgens müde bin?“ Förderer sind überlebenswichtig Pro Jahr benötigt die Schlesische27 Ob Finissage, roter Flohmarkt, Feste rund 800.000 Euro. Die Basis, etwa ein oder Abschlusspräsentationen der Drittel der Ausgaben, zahlt die Stadt Schul- und Projektwochen – es gibt viele Berlin. Ein Drittel von Stiftungen und Gelegenheiten, die Ergebnisse der Institutionen wie die Europäische Unikünstlerischen Arbeit zu zeigen. Auch on. Einen unverzichtbaren Teil spenfür die Künstler und das Team der Schleden private Förderer und Unternehmen sischen27 sind das Höhepunkte: „Wenn – auch in Form von Know-how und ein junger Mensch glücklich ist, weil er Sachleistungen wie etwa Grafik, Druck gesehen wurde, dann ist das ein Erfolg oder Beratung. für uns“, sagt Geschäftsführerin BarbaEine wichtige Ergänzung des Budgets ra Meyer. erwirtschaften die Kinder und Jugend-

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r gene Talente sichtbar
Jedes Jahr mindestens zwei Ausstellungen. Die Künstlergruppe des Förderkreises für seelische Gesundheit e.V. hat es weit gebracht. In ihren Bildern finden die Künstler ihre ganz eigene Sprache. Und in der Gruppe ein bisschen Familie. Montag, 17.30 Uhr. Die ersten Künstlerinnen und Künstler trudeln ein. Der Maler und Grafiker Peter Krause ist schon da und hat für jeden, der ankommt, ein offenes Ohr. Es gibt immer etwas zu erzählen. „Es geht hier sehr familiär zu“, schwärmen alle, während sie gemütlich Kaffee trinken. Den Kuchen bringt immer Marianne Sommer mit, die sich ehrenamtlich im Förderverein engagiert. „Sie ist unsere Zweitmutti“, sagt einer und alle stimmen zu. In einem großen Zeichenschrank hat genseitiger Wertschätzung. Die Geschäftsstelle hängt voller Bilder: Linolschnitte, teils doppelt gedruckt und coloriert, bunte Pastellkompositionen, aus denen viele Wesen mit großen Augen blicken, naive Aquarelle, kubistische Stilleben. Das ist eine kleine Auswahl aus 25 Jahren Arbeit. Solange zeichnen, malen, sticheln und colorieren hier Künstler, die psychisch erkrankt waren oder sind. Die Gruppe gibt Halt Marie-Luise Spandow zeigt auf ein surrealistisches Bild: Eine gewundene Statue, zwei Wände mit Torbogen, dahinter das Meer. „Das Bild hat etwas Fröhliches, was wieder zerfließt“, sagt sie. Sie hat es „Emotion“ genannt. Im Büro hängt „Pas de deux“: Das Tanzpaar hat sie maßstabgerecht von einem SchwarzWeiß-Bild übertragen. Sie malt viel zuhause und probiert gerne Techniken aus. Für den Faltenwurf des Tanzkleides hat sie kleine Farbkleckse auf die Leinwand gesetzt und anschließend verrieben. „Die Gruppe hat mir über den Verlust meiner Erwerbstätigkeit hinweggeholfen“, sagt Marie-Luise Spandow. Sie leidet unter epileptischen Anfällen. Auch sie sagt: „Das ist hier meine Familie“. Ihr Lebenspartner malt übrigens auch in der Künstlergruppe. Sie hat ihn während einer Ausstellungseröffnung kennen gelernt. Seit der Gründung vor 25 Jahren leitet Peter Krause die Gruppe. Früher war der Maler auch in der Karl-BonhoefferNervenklinik für den Förderkreis tätig. „Wir haben kein gemeinsames künstlerisches Thema“, sagt Krause. „Jeder kann das machen, was er möchte.“ Er ermutigt alle bei der Motivsuche, zeigt ihnen Arbeitstechniken und begleitet die Künstler dabei, ihren eigenen Weg zu finden. „Er hat einen guten Humor, eine Engelsgeduld und eine unschlagbare Freundlichkeit“, sagt Marie-Luise Spandow. Ausstellungen sind Höhepunkte Beweisen muss niemand etwas in der Gruppe, aber stolz sind alle, wenn sie ihre Werke zeigen dürfen. „Ausstellungen sind ungemein wichtig“, sagt Peter Krause. Die Gruppe plant und realisiert sie in Eigenregie - vom Titel über die Preise bis zum Hängen der Bilder. Der Spendenerlös für das einzelne Werk kommt zu 80 Prozent dem Künstler zugute. Zum fünfzigsten Geburtstag des Förderkreises haben die Künstler überwiegend Linolschnitte ausgestellt. Hans Klausen* zeigt ein Regenwaldbild. Inmitten der Schlingpflanzen und Farne klettert ein Affe, singt ein Tukan, räkelt sich ein Leopard. Zwei Hände halten das Idyll, darunter brennt der Regenwald. Er hat es fein gestichelt, Alice Dobrowsky hat es coloriert. Ein Exemplar hat die Gruppe dem Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte geschenkt. Klausen ist seit sieben Jahren in der Gruppe. Er lebt im Krankenhaus des Maßregelvollzuges und arbeitet auf dem ersten Arbeitsmarkt. Von Anfang an hat er sich herzlich aufgenommen gefühlt. Ihm geht es wie den anderen: „Es ist wie in der Familie“, sagt er. Kein Zwang, kein Druck. Das genießt er. Sein Fazit: „Es macht unheimlich Spaß.“ *Name geändert. Die nächste Ausstellung der Künstlergruppe: 1. bis 30. Juni Berolinagalerie, Bezirksamt Mitte Karl-Marx-Allee 31
Gerlinde Geffers

Foto: Gerlinde Geffers

jeder sein Fach. Reiner Herfert zieht ein Landschaftsbild heraus. Blauer Himmel, grüne Wiese, idyllischer Bauernhof. Er hat alles akribisch mit Buntstiften gezeichnet. Viele Montage lang. Das Motiv hat er auf einer Wurstpackung gefunden. Er fischt sie aus seiner Schublade und hält sie neben die Zeichnung. Auf der Packung sind Menschen und Kühe abgebildet. „Die wollte ich nicht draufhaben“, sagt er. Seine Landschaften wirken sehr ordentlich und aufgeräumt. Herfert lebt im betreuten Einzelwohnen des Förderkreises für seelische Gesundheit. Seit drei Jahren zeichnet er in der Künstlergruppe. Die zehn Künstlerinnen und Künstler treffen sich beim Förderkreis für seelische Gesundheit e.V. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, psychisch kranke Menschen zu fördern und zu unterstützen – durch menschliche Verbundenheit und gemeinsames Tun bei ge-

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Schlesische27 Internationales JugendKunst- und Kulturzentrum Leitung: Barbara Meyer Schlesische Straße 27b, 10997 Berlin Tel. 030 - 617 767 3-0 www.schlesische27.de Förderkreis für seelische Gesundheit e.V. Reinickendorfer Str. 46 - 13347 Berlin Tel. 030 - 461 16 06 www.foerderkreis-gesundheit.de

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Bühne frei! Theater k
Der Geist lässt sich nicht behindern. So lautet das Motto des Theaters Thikwa und seiner Werkstatt. Menschen mit und ohne Behinderungen stehen gemeinsam auf der Bühne. Die Musik: ein spätbarockes Lied. Der Text: eine Marienklage aus dem Mittelalter. Das Stück: Eine Reflexion über Lust und Nähe, Kinderwunsch, Behindertsein, Trauer und Hoffnung. Zehn Tänzerinnen und Tänzer erzählen davon mit ihren Bewegungen. Ein sinnenfreudiges Tanztheater nennt das Theater Thikwa die Produktion „Stabat Mater“. Sie erzählen in Körperbildern: Drei Männer räkeln sich auf dem Boden, drei Frauen schmiegen ihre Wangen an Tücher, während sie auf großen Bällen brüten. Eine Frau spielt mit einem Ei. Sie wiegt es, sie tanzt mit ihm, sie lächelt es an. Als das weiße Licht die Tanzenden einfängt und der Percussionist einen unerbittlichen Rhythmus schlägt, hetzen alle verstört über die Bühne und verknäulen sich ineinander. Die Frau wirft das Ei und lässt es zerplatzen. Ein Theater, kein Behindertentheater Vier der Tänzerinnen und Tänzer wurden für dieses Stück engagiert. Sechs sind Mitglieder des Thikwa-Ensembles. Sie sind angestellt bei der TheaterWerkstatt Thikwa, einer Zweigstelle der Nordberliner Werkgemeinschaft gGmbH. „Wir sind kein BehindertenTheater“, sagt Thikwa-Mitgründerin Gerlinde Altenmüller. Das Theater sei ein normales Theater, in dem Menschen mit und ohne Behinderung miteinander tanzen und schauspielern: „Alles andere ist Ausgrenzung“. Für jede Inszenierung engagieren sie und ihr Mann Klaus Altenmüller externe Schauspielerinnen oder Tänzer, Musikerinnen, Regisseure oder Choreografinnen. Alle haben ein Ziel: Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Menschen zum Ausdruck zu bringen. In Stabat Mater zeigen die Tänzerinnen und Tänzer anfangs ganz selbst14 www.paritaet-berlin.de 2 | 2010

bewusst, wie verschieden ihre Körper sind. Einige fliegen über die Bühne, sie springen, drehen und biegen sich. Andere schwingen in kleineren Bewegungen, ein wenig kokett, ein wenig schüchtern. Im Laufe des Stücks werden die Unterschiede unbedeutend. Die Tanzenden verkörpern ihre Gefühle mit gleicher Intensität. Bundesweit erste Ausbildungsstätte Seine erste Premiere hat das ThikwaTheater 1990 erlebt, damals noch als Freizeitprojekt. Fünf Jahre später gründeten die Mitglieder des Vereins Thikwa e.V. die Theater-Werkstatt Thikwa. Von 1995 bis 1997 war sie Modellversuch, finanziert vom Bu nde sge s u nd heitsministerium. Im Rahmen einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) ist sie bis heute eine Ausbildungsstätte für Künstler, die als geistig- oder lernbehindert gelten. Die Gründerinnen und Gründer haben nie auf die Defizite geschaut. Thikwas Credo ist, den ganzen Menschen und seine Talente zu sehen. Seit 1995 arbeiten 20 Menschen in der Werkstatt. Einige benötigen Assistenz. Sie arbeiten 35 Stunden pro Woche ausschließlich künstlerisch: Schauspiel, Tanz, Performance, Musik, Handwerk, Malerei, Plastik und Grafik. Während die einen proben, malen die anderen oder arbeiten an einer Plastik. So begleitet die Kunst die theatralische Entwicklung. „Einige verarbeiten in ihren Bildern, womit sie in der Theaterarbeit konfrontiert sind“, sagt Gerlinde Altenmüller. Schwerpunkt der Ausbildung ist Schauspiel. Von Tanztheater über Sprechtheater bis zur Zwei-Mann-Komödie reicht das Repertoire. Rund 30 Produktionen

hat das Thikwa bisher inszeniert. Es war auf zahlreichen Berliner Bühnen zu Gast und auf Festivals im In- und Ausland. Seit 2005 spielt es im eigenen Theater, der Kreuzberger Spielstätte F40, die inzwischen barrierefrei ist. Alle Schauspieler sind Profis Die Stücke sind gemeinschaftlich vom Ensemble entwickelt. Alle Schauspielerinnen und Schauspieler arbeiten an Literaturvorlagen, modifizieren sie, liefern selbst Texte. Anfangs war das gar nicht so leicht. Die behinderten Schauspieler trauten sich nicht, ihr Können

Stabat mater Foto: Joachim Salva

voll auszuspielen. Die Regisseurinnen suchten nicht danach, sondern setzen externe Schauspieler zu häufig als Stichwortgeber ein. Das hat sich geändert. Heute wissen alle, was sie können. Sie sind aktiver und beherrschen Techniken und Spielabläufe, ebenso die Kunst der Improvisation. Sie sind Profis geworden. Auch die eigene Spielstätte stärkt ihren Selbstwert. Stabat Mater. Als sich die Tänzerinnen und Tänzer berühren, umarmen, streicheln, voneinander lösen und wieder finden, sind die Grenzen zwischen scheinbar normalen und anormalen Körpern verschwunden. Sie sind Menschen, die den anderen wahrnehmen und sich behutsam nähern. Gegen Ende legen sie einer Frau ein goldschimmerndes Kissen in den Arm. Sie bettet es in einen Kinderwagen.

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r kennt keine Grenzen.
Altes Eisen? Von wegen. Ältere Menschen sind talentiert, kreativ und engagiert. Das beweist das Theater der Erfahrungen seit 30 Jahren. Im April 2010 feierte es Geburtstag. Ende Februar im Pinellodrom. Die heiße Probenphase beginnt. Zum ersten Mal singen, tanzen und spielen die Seniorinnen und Senioren ein Musical. „Altes Eisen“ heißt es. Zur Geburtsfeier im April muss es fertig sein. Leiterin Eva Bittner läutet die Warmläuferrunde ein. 19 Seniorinnen und Senioren stehen im Kreis. „Ein Ton und eine Bewegung“, schlägt sie vor. „Die anderen wiederholen es.“ „Juchu“, tönt die erste und dreht sich. 18 Stimmen juchzen, 18 Körper drehen sich. „Iiiih“, kreischt die nächste und reißt die Arme hoch. „Iiiih“, echoen die anderen. Sie verbeugen sich im Gleichklang, stampfen im Gleichklang, poltern im Gleichklang. Dann stimmt der Pianist ein und singt in mehreren Tonlagen- und längen. Der Chor schmettert „laalaalaa” und „la la la, liiliilii” und „li li li.” Das sind Vorübungen für das erste Musicallied. Das Seniorenmarkt-Lied. „Das Knie, die Hand, die Hüfte, alles geht kaputt“, singen einige und fassen sich dabei schmerzerfüllt an ihre Gelenke. Daneben warten schon die künstlichen Gelenke in Menschengestalten und empfehlen sich für den Fall, dass es knirscht und knackt im Gebeine. „Hundert ist das Ziel“, tönen sie. Und die Gelenk-Verkäufer bieten für jedes Gebrechen ein Ersatzteil feil. „Hier ’ne Schraube, da ’nen Dübel und du läufst im Nu.“ Das Stück handelt von einem deutsch-türkischen Seniorenpaar. Er braucht eine neue Hüfte, alle Freunde kümmern sich um ihn. Theater hält jung Im Musical singen und tanzen Laienschauspieler aus drei Gruppen: Spätzünder, Bunte Zellen, Ostschwung. Inge Schoubyé ist schon seit 22 Jahren dabei. „Das Theater ist mein zweites Leben“, sagt sie. Sie war 58 Jahre alt, als sie ist die 69-jährige Mihrican Atesli. Sie lebt allein und genießt es, in der Gruppe mit Freundinnen zusammen zu sein. Ihr erstes Stück hieß: „Alles ganz anders, aber so verschieden auch nicht“. Sie und alle anderen haben ihre Lebensgeschichte erzählt. „Johanna hat die Geschichten wie eine Kette gefädelt“, sagt sie. So entstand ein Stück über Lebensgeschichten in unterschiedlichen Kulturen.
Probe zu „Altes Eisen“. Foto: G. Geffers

in der Zeitung einen Artikel über das Theater der Erfahrungen las. Sofort war ihr klar: Da will ich mitspielen. Schließlich hatte sie schon als junges Mädchen gern Theater gespielt und in der Familie oft Gedichte rezitiert. Heute ist die zierliche Frau mit den weißen Haaren 80 Jahre alt. „Gefühlte 60“, sagt sie und so wirkt sie auch. Das Musical ist nicht nur für Inge Schoubyé eine Herausforderung. Alle Spieler müssen Texte lernen, Lieder einstudieren und die Bewegungen üben. Kreativität ist ansteckend Angefangen hat das Theater als kleine Initiative. Eva Bittner und Johanna Kaiser suchten ältere Leute, die Lust hatten, ihre Stücke selber zu schreiben. Sie fanden sie und gründeten nach und nach drei Gruppen. Seit der europäische Sozialfond das Projekt „Werkstatt der alten Talente“ fördert, breitet sich die Kreativität der Senioren wie ein Virus in Berlin aus. Er hat bereits 8 Stadtteilzentren infiziert, 11 Gruppen und 7 interkulturelle Projektwochen sowie eine sogenannte Meisterschule für alte Talente ausgebrütet. So wirkt die Werkstatt gegen Ausgrenzung. Denn: Sie arbeitet mit unterschiedlichen Kulturen und unterschiedlichen Generationen. Früher war Inge Schoubyé bei den Grauen Zellen, heute ist sie bei den Bunten Zellen. Die Gruppe hat sich umbenannt, als 2005 türkische Mitbürgerinnen und -bürger dazukamen. Eine Sozialarbeiterin hatte sie eingeladen. 20 kamen, sechs blieben. Eine von ihnen

Ältere verändern den Kiez Auch das Musical „Altes Eisen“ hat einige türkische Textpassagen. „Das ist schwer zu lernen“, gibt Inge Schoubyé zu. Sie habe sich den Text schon unters Kopfkissen gelegt. Vier Wochen bleiben ihr noch, die Aussprache zu üben. Ein Jahr Arbeit liegt schon hinter dem Ensemble. In dieser Zeit haben die Spieler Textideen gesammelt, Songtexte geschrieben und umgeschrieben, mit dem Musiker Melodien ausprobiert. Ein „volles Kollektivprojekt“, nennt Eva Bittner das Musical. Für Bittner war die Arbeit mit Profimusikern und dem Choreografen eine neue Erfahrung. Auch nach 30 Jahren ist ihr das Theater der Erfahrungen kein bisschen langweilig geworden. Im Gegenteil: „Die Zivilgesellschaft braucht die Älteren“, sagt sie. Ihre kreative Arbeit sei mehr als persönliche Entwicklung. „Sie verändert auch das Leben in den Stadtteilen“. Nach 30 Jahren haben die talentierten Älteren überall in der Stadt ihre Stützpunkte.
GG

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Theater Thikwa Leitung: Gerlinde und Klaus Altenmüller F40, Fidicinstraße 40, 10965 BerlinKreuzberg Tel. 030 - 69 50 50 920 www.thikwa.de Theater der Erfahrungen Werkstatt der alten Talente Leitung: Eva Bittner, Johanna Kaiser Cranachstraße 7 - 12157 Berlin Tel. 030 - 855 42 06. www.theater-der-erfahrungen.de 2 | 2010

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Musik macht leb e
Text, Musik, CD, Fernsehen. Davon träumt jede Nachwuchsband. Der Musikwerkstatt bei den Mosaik-Werkstätten für Behinderte gGmbH ist es gelungen. „Mosaikstein“ heißt ihr Song. Alles begann mit einem Textwettbewerb. Das Thema: „Jeder ist ein Teil des Ganzen“, der Leitspruch der MosaikWerkstätten. Die Mitarbeiterin Katharina Becherer schrieb den besten Text. Der Musiker Harry Collin feilte noch ein bisschen daran, so dass er sich gut singen lässt. Und er komponierte die Melodie und produzierte den Song gemeinsam mit dem Chor, in dem Beschäftigte aus Mosaik-Werkstätten singen. Das Ergebnis ist ein Ohrwurm, den man nicht so schnell aus dem Kopf kriegt. Gut so, denn der Refrain lautet: „Jeder ist ein Mosaik-Stein. Jeder kann ein Teil des Ganzen sein. Jeder ist ein Teil dieser Welt, der unser Mosaik zusammenhält.“ Bis die CD im Kasten war, musste der Chor viel lernen. Die Sängerinnen und Sänger singen schon seit sechs Jahren zusammen. Wenn Feste gefeiert werden, stellen sie gemeinsam ein Programm zusammen und sorgen für gute Stimmung. Aber keiner hatte zuvor im Studio gesungen, schon gar nicht allein in ein Mikrofon. Für eine Aufnahme musste jede und jeder den Text perfekt können und ihn einzeln singen. Erst hinterher wurden die Stimmen gemischt. „Dass sie so im Fokus stehen, war völlig neu“, sagt Harry Collin: „Aber alle waren mit viel Spaß dabei.“ Auftritte stärken das Selbstbewusstsein Collin ist Musiker und Physiotherapeut. Er hat das Konzept der Musikwerkstatt entwickelt und hat inzwischen drei Musikgruppen bei Mosaik gegründet: Einen Trommelkurs für schwerst mehrfachbehinderte Menschen. Eine kleine Rockband namens Askenier-Rock und die Mosaikis, die Schlager und folkloristische Musik auf die Bühne bringen. Auf dem Weg zur CD wächst die Gruppe an ihrer Aufga16 www.paritaet-berlin.de 2 | 2010

Foto: Mosaik-Musikwerkstätten

be. Die Musikerinnen und Musiker lernen sich selbst besser einzuschätzen und aufeinander einzugehen. Sie trainieren ihr Gedächtnis und gestalten gemeinsam den Ablauf bis zur Produktion. All dass nützt ihnen auch im Alltag. Nicht zuletzt stärkt jeder Auftritt das Selbstwertgefühl enorm. Überraschendes Medienecho Mit dem Song „Mosaik-Stein“ hat der Chor einen Höhepunkt nach dem anderen erlebt. Als Harry Collin sich an

die Medien wandte, lief er offene Türen ein. Er und drei Chormitglieder sangen den Song auf der Landesgesundheitsmesse Berlin-Brandenburg in der Live-Infothek von „Radio Plus“. Die Performance und das anschließende Interview liefen auch im „Radio Plus TV“. Wenig später traten Collin und der ChorSänger Benedikt Kunze in der Sendung „Hallo Berlin“ beim Berliner TV-Sender „FAB“ auf. Es folgte ein Gespräch im Sonntagsvergnügen beim RBB auf Antenne Brandenburg. Richtig feiern konnten die Sängerinnen und Sänger ihren Erfolg dann bei einer Record-Release Party.
GG

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Mosaik-WfB gGmbH Ifflandstraße 12, 10179 Berlin, Tel. 030 - 21 99 07 - 0 info@mosaik-wfb.de www.mosaik-wfb.de

Stimmen im Kiez
Auch im Kinder- und Jugendbetreuungshaus in Zehlendorf grassiert das CD-Fieber. Jeden Mittwoch zwischen 17 und 19 Uhr taucht dort der Pädagoge und Musikproduzent Florian Wigger mit seinem mobilen Studio auf. Mit seiner Hilfe nehmen Kinder und Jugendliche Stücke auf. Das kann ein Gedicht sein, ein selbst komponiertes Lied, die Interpretation eines bekannten Liedes, ein Mini-Hörspiel und und und. Hauptsache, es ist unterhaltsam. Wigger hilft beim Songwriting, coacht beim Singen und hilft mit technischen Tricks die Stimmen aufzupeppen. Mittlerweile ist die zweite CD veröffentlicht. Für den Aufmacher hat sich die Mädchengruppe des Kinder- und Jugendbetreuungshauses (KBH) selbst eine Hymne gesungen. Mädchen, wir sind schon zu fünft und unsere Gruppe ist wichtig wie morgens die Brötchen. Wir halten zusammen, ob Trauer, ob Kummer, ob Stress oder andere Tragödchen. Wir werden immer mehr, wir werden immer lauter und mutiger, denn wir sind Mädchen. Noch Fragen?

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Contact Jugendhilfe und Bildung gGmbh Kinder- und Jugendbetreuungshaus Leiterin: Nina Jogwer Ramsteinweg 40 - 14165 Berlin Tel. 030 - 847 224 70 kbh@contactgmbh.de

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b ensfroh. Und stolz.
Sie suchte ein Mittel gegen die Einsamkeit alter Menschen. Sie fand das Singen. Vor 37 Jahren gründete Dr. Christine Roßberg eine Singgruppe für Rentnerinnen und Rentner. Daraus wurde der Chor der Volkssolidarität Berlin. Sie leitet ihn noch immer. Gerlinde Geffers im Gespräch mit Dr. Christine Roßberg.
Erinnern Sie sich an die Anfänge?

Dr. Roßberg: Ich war hier im Wohngebiet Friedrichsfelde als Ärztin tätig in einem Ambulatorium. Damals wurden hier die ersten Hochhäuser gebaut. Es zogen viele ältere Menschen ein, die zuvor in Gartenhäusern gewohnt hatten. Sie hatten nun zwar Zentralheizung, Aufzug und warmes Wasser aus der Wand, aber sie vereinsamten dort. Die kamen zu mir in die Praxis. Ich erinnere mich an eine alte Dame, die einfach nicht gesund wurde. Die sagte zur mir: Meine Krankheit ist die Einsamkeit. Da habe ich gedacht, ich gründe einfach eine Singgruppe. Das war im März 1973. Bevor ich Medizin studiert habe, habe ich die C-Prüfung für Kirchenmusiker gemacht. In Halle. Das ist die kleinste Prüfung. Da habe ich natürlich Dirigieren gelernt.
Konnten Sie denn einen Chor leiten?

Offenbar. Anfangs kamen drei Männer und acht Frauen. Unseren ersten Auftritt hatten wir bei einem Rentnernachmittag. Wir waren so stolz. Wir sind dann regelmäßig dort aufgetreten und es kamen immer mehr auf mich zu, die mitmachen wollten. So hatten wir einen richtigen schönen Chor. Er nannte sich „Chor der fröhlichen Rentner“. So heißt er bis heute, obwohl wir inzwischen ein reiner Frauenchor sind.
Wie alt sind die Frauen?

War die Singgruppe eine gute Medizin?

In meinem Chor sind sie zwischen 61 und 94 Jahren alt. Die 94jährige hat noch eine sehr gute Stimme. Bei uns bleiben die Sängerinnen so lange, wie sie mögen. Wenn sie wirklich nicht

Nach der Wende fand ich es merkwürdig, dass es im Westsängerbund gar keine Seniorenchöre gab. Ich habe dann die Bezirksämter angeschrieben und festgestellt: Na klar, in den Bezirken gibt es welche. Sie werFoto: Volkssolidarität Berlin den sogar von den mehr singen können, sage ich, sie sol- Bezirksämtern unterstützt, weil sie ja len ein bisschen leiser singen. Das ver- soziale Arbeit machen, beispielsweise stehen sie auch. Manche, die gar nicht in Heimen singen. Da habe ich mich mehr singen, kommen zur Probe und mit den Chorleitern bekannt gemacht. hören zu. Jetzt treffen sich die Berliner Seniorenchöre einmal im Jahr. Meistens singen Was singen sie? sich dort etwa 16 Chöre gegenseitig vor, Viele Volkslieder und Kunstlieder, was sie im vergangenen Jahr gelernt hameist drei- und vierstimmig, a capella. ben. So bekommen wir Anregungen. Wir singen auch gerne Kinderlieder, besonders in Seniorenheimen, in de- Hat die Wende den Chor verändert? nen vorwiegend demente alte Men- Er ist immer wichtiger geworden. Er schen leben. Das macht so viel Freude, hat ja zwei Aufgaben. Erstens das Sinweil sie viele Lieder kennen. Manche gen, da hat man etwas, woran man sitzen da ohne Mimik. Aber wenn wir Freude hat. Und es ist eine Gemeinsingen „Sah ein Knab ein Röslein ste- schaft, wie eine Familie. Ich habe schon hen“, dann singt der ganze Saal. Sie oft erlebt, dass Frauen ihre Männer vermöchten mitsingen. Von manchen Lie- loren haben. Die haben alle gesagt, lasst dern kennen sie mehr Verse als wir. mich erst mal in Ruhe. Aber ich komme. Im Chor haben sie FreunWie viele Auftritte haben Sie? dinnen. Das ist niemand allein. 20 bis 24 Auftritte. Meistens singen wir ohne Honorar. Die Heime geben uns Was passiert, wenn Sie aufhören wollen? ein bisschen Geld. Wir müssen ja auch Daran darf ich nicht denken. Es wäre die Fahrten zu den Auftritten bezahlen. ganz schwierig, eine Nachfolgerin zu Manche Sängerinnen können nicht finden. Es ist eben mehr als eine Choreinfach fünf Euro draufsetzen. probe. Ich werde oft angerufen zwischendurch. Ich bin ein bisschen die Wie sind sie zur Volkssolidarität gekommen? Mutter von’s Ganze. Ich hoffe, dass ich Ich bin 1975 in die Volkssolidarität ein- es noch lange bleibe. getreten und habe den Chor mitgenomkontakt men. Ich war lange Vorsitzende des Kreisverbandes Lichtenberg. Die VolksChor der Volkssolidarität Berlin solidarität hat bis heute eine ChorbeweLeitung: Dr. Christine Roßberg gung und veranstaltet bald das 19. Volkssolidarität Chortreffen. Da singen viele Chöre zuLandesverband Berlin e. V. Alfred-Jung-Straße 17 - 10367 Berlin sammen. Diesmal geht es nach MarienTel. 030 – 308 69 20 bad. Wir waren schon in Pesaro, in www.volkssolidaritaet-berlin.de Prag, in Wien.
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Kennen Sie andere Berliner Chöre?

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Sich selbst tanzend erleben
„Streck, beug, Arme hoch, ziehen, ziehen, wenden.“ Neun Mädchen folgen den Kommandos der Tanzpädagogin und ein Blick in die Spiegel an der Wand verrät auch ihnen, wie gelenkig und elegant sich die Achtbis Vierzehnjährigen bewegen. Immer montags und mittwochs lädt das Tanzteam Step by Step zum Training nach Berlin-Friedrichshain ein: erst die Kleinen, dann die Mittleren, ehe die 15- bis 25-Jährigen an der Reihe sind. Dazu gibt es einen Extratermin für deren Mütter. „Tanz ist mein Leben“, meint die Leiterin der Tanzteams, Evelyn Richter. „Dabei kommt es nicht nur auf den Körper an, sondern auch darauf, was drinsteckt. Es ist kulturelle Bildung mit Geist und Herz.“ Kulturelle Bildung für Körper, Geist und Herz Längst steckte sie Alexa, Laura, Malwine, Nele und Charlotte mit dieser Haltung an. Viele der Mädchen tanzen, seit sie vier sind, fünf, sechs Jahre und mehr. Was sie daran genießen? Zum einen die über 30 Auftritte im Jahr - ob im FEZ, der Friedrichshainer Feuerwache, in Altersheimen oder beim Karneval der Kulturen. Im letzten Jahr gewannen sie dabei den ersten Preis in der Gesamtwertung. „Toll sind vor allem die zwei Trainingslager, in die wir jedes Jahr fahren“, berichtet Selina. Dort muss nicht jede nach dem Training nach Hause nach Rummelsburg, Lichtenberg oder Prenzlauer Berg, sondern verbringen sie den ganzen Tag miteinander. „Ich behalte mein Tanzgefühl“, meint Nele beschwingt. Den Mädchen fällt auf, dass sie im Vergleich zu ihren Klassenkameraden einen anderen Körperausdruck und eine aufrechtere Haltung besitzen, und das nicht nur durch das
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Training Tanzteam Step by Step Foto: Barbara Leitner

klassische Training, das ihre Ausbildung ergänzt. „Wer tanzt, lernt, dass man nur im Team etwas erreichen kann“, betont Evelyn Richter. Während die Leiterin im Gespräch ist, bereiten die Mädchen eigenständig den nächsten Tanz vor: weisen sich gegenseitig den rechten Platz auf dem Tanzboden zu und sprechen miteinander die Schrittfolge ab. „Ein Auftritt kann nur erfolgreich sein, wenn jede auch Verantwortung für die andere übernimmt.“ Mit ihren Tänzen erzählen die 80 Mädchen, Frauen und wenigen Jungen von drei bis über 50 Jahren Geschichten - aus dem Alltag und über Träume von der großen Show. Zuvor verständigen sie sich miteinander, was sie zu den Themen wissen, welche Literatur es dazu gibt, auch wenn sie beispielsweise einen Tanz der Vampire vorbereiten. Für Evelyn Richter ist das gelebte kulturelle Bildung. Tanzend zu mehr Selbstbewusstsein „Ich sehe, wie das Tanzen die Entwicklung der Mädchen und jungen Frauen beeinflusst und ihr Selbstbewusstsein

stärkt.“ Die 52-Jährige studierte Dolmetscherin machte mit dem Tanzverein ihr Hobby zum Beruf. Heute investiert sie viel Zeit darin, den Mädchen und Jungen diese Freizeitgestaltung zu ermöglichen. Zwischen 20 bis 50 Euro bezahlen sie im Monat, nicht genug, um die Miete für den Proberaum, die Kostüme und Dekoration, die Trainingslager und den internationalen Austausch mit polnischen und lettischen Tänzern zu ermöglichen. Dafür wirbt die Projektleiterin unermüdlich Förderung ein. „Es muss doch möglich sein, den Kindern aus ganz normalen Familien diese sinnvolle Freizeitgestaltung zu gönnen, bevor sie auffällig werden und in den Brunnen fallen!“, ärgert sie sich, wie wenig selbstverständlich die Unterstützung für solche Arbeit ist. Die dreifache Mutter wünschte, es sei leichter zu vermitteln, wie dieses gemeinsame Proben und auf die Bühne Treten die Mädchen und Jungen in ihrem sozialen Verhalten und auch im körperlichen und ästhetischen Empfinden bereichert.

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Zwei sehr verschiedene Tanzprojekte stellen sich vor
Große Rollen erlauben behinderten Menschen, sich neu zu entdecken Bereichert fühlen sich durch ihr Tanzen auch die sieben behinderten Erwachsenen der Tanztheatergruppe vom Kaspar Hauser Therapeutikum Berlin gGmbH. „Ich freue mich immer auf den Montag“, berichtet Heidi. Ihr gefällt die Übungsstunde in der kleinen Gruppe. Zugleich ist sie stolz darauf, in einer Rolle auftreten zu können. „Wenn ich tanze bin ich glücklich“, berichtet Mareike, die schon vor Jahren den körperlichen Ausdruck als Hobby entdeckte. „Das ist ein Grund, sich auf den Arbeitstag in der Werkstatt zu freuen, zu wissen, dass es am Nachmittag diese begleitende Beschäftigung gibt. Und wenn es mir nicht so gut geht, hellt sich meine Stimmung wieder auf, wenn ich an das Tanzen denke.“ bringt. „Das ist schwierig und schön zugleich.“ Darin stimmt ihr Andreas zu. „Ich lerne durch die Tanztheatergruppe, meinen Körper bewusst zu spüren.“ Wie im Thai Chi bewegt sich der junge Mann in bedachten Schritten Meter und Meter durch den Raum und dreht sich dabei einmal um seine Achse, um sich dann den Frauen zuzuwenden. „Durch diese Übungen kräftige ich meine Muskulatur“, stellt er fest. Er spüre wieder Lebendigkeit, finde einen Sinn in seinem Tun, nickt der junge Mann, der an Depressionen leidet. ten Vorschläge, greifen auf, was ihnen gefällt und lassen, was ihnen missfällt. Dadurch entstand nach und nach die Choreographie. „Ich sehe, wie die Sieben an ihren Figuren und Bildern arbeiten“, beobachtet Melita. Gegenwärtig einmal in der Woche trifft sich die Gruppe. Das ist nicht viel. Es verlangt eine große Anstrengung für die kognitiv Beeinträchtigten, sich die Abfolge zu merken. Für einige geht es nur darum, Schritte vorwärts und rückwärts zu gehen, das Gewicht zu verlagern. Dennoch liegt gerade darin auch der Lernerfolg, wenn sie das Woche um Woche weiter ausgestalten und sich mit ihrer Figur, ihrem Tanz auseinandersetzen. „Mein Anliegen ist es, auf jeden von ihnen mit ihrem eigenen Vermögen einzugehen und doch ein Ganzes entstehen zu lassen“, erklärt Nicola Melita. Aus den zehn Minuten könnte ein Stück werden mit dem Titel „Café Gesellschaft“. Es soll über Außenseiter erzählen und auch sagen, wie wenig selbstverständlich es noch immer ist, dass die Behinderten sich einer „normalen“ Tanzgruppe anschließen. Und doch wird es zeigen, wie auch diese sieben Menschen mit ihrem Ausdruck der Gesellschaft Schönheit, Freude und Nachdenken bringen können.
Barbara Leitner

Die Choreographie entsteht gemeinsam „Gut“, ermuntert Nicola Melita die sieben Frauen und Männer in ihrem Tun. „Das gefällt mir!“ Er tanzte bis vor zehn Jahren im Ballett. Seit 2004 leitet er im Kaspar Hauser Therapeutikum den Arbeitsbereich der Malerwerkstatt und unterstützt behinderte Menschen, sich auf diesem Feld zu erproben und einer sinnvollen Beschäftigung nachzugehen. Als vor einem Jahr in einer Dienstbesprechung nach zusätzlichen Angeboten für so genannte „arbeitsbegleitende Maßnahmen“ gefragt wurde, schlug der 46-Jährige diese Tanztheatergruppe vor. Neben der Arbeit in den geschützten Werkstätten können die betreuten Mitarbeiter auch im Chor singen, malen Tanzgruppe im Kaspar Hauser Therapeutikum und plastizieren, schreiFoto: Martin Thoma ben, Capoeira lernen, sich Die psychisch kranke Mittzwanzigerin im Volkstanz beweisen. Warum nicht genießt es sichtlich, eine große Rolle in auch Elemente des klassischen Balletts dem zehn Minuten Tanzstück zu ha- üben? Nicola Melita will etwas von ben. Sie ist es, an der sich die Gruppe dem weitergeben, was er lernte. bei ihren genau gesetzten, langsamen Im zurückliegenden Trainingsjahr erBewegungen zu den sphärischen Klän- arbeitete sich das Team eine Choreogen ausrichtet und die die anderen an- graphie für zwei Musikstücke. Von führt. Sie ist es auch, die gemeinsam Nicola Melita, so sagen die Frauen, mit Andreas komplizierte Bewegungs- stammen die Ideen. „Aber nicht nur“, folgen und auch Ballettelemente ein- wirft Andreas ein. Auch sie unterbrei-

kontakt
Tanzteam Step by Step e.V. Evelyn Richter Palisadenstr. 37 d 10243 Berlin Tel. 426 37 19 _TanzTStep@aol.com http://www.tanzteamstepbystep.de Kaspar Hauser Therapeutikum Berlin gGmbH Kristina Kaufmann, Werkstattleitung Rolandstrasse 18/19 13156 Berlin Tel. 030 - 474 905-18 Fax 030 - 474 905-99 www.kht-berlin.de kristina.kaufmann@kht-berlin.de www.paritaet-berlin.de 2 | 2010 19

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Kulturelle Bildung in der Manege
„Zirkus ist besser als in der Schule.“ Frohgelaunt läuft die 13-jährige Jenny nach der Vorführung durch die Manege im shake! am Ostbahnhof. Sie erntete Beifall für ihren Auftritt mit einem Diabolo. „Jeder aus der Klasse, ob klein oder groß, dick oder dünn fand seine Nummer.“ Wenn einem ein Fehler unterlief, machte er es beim nächsten Mal besser. „Aufregend, was wir in so kurzer Zeit für viele neue Dinge lernten“, erzählt Gagandip, die mit einer Breakdancenummer und am Seil auftrat. „Die Jugendlichen loteten ihre Grenzen aus“, stimmt dem Lehrerin Karin Schneider zu. Wagen es die Mädchen freihändig am Trapez durch die Manege zu schwingen? Springen auch die kräftigeren Jungs ihre Saltos auf dem Trampolin, obwohl sie sich sonst eher vor Bewegungen drücken? „Selbst nicht so Leistungswillige konnten hier ihre starken Seiten zeigen. Zu Recht sind sie stolz auf sich.“ Die HelmholtzGesamtschule aus Neukölln ist eine der Schulen, mit denen der Zirkus eng kooperiert. Immer für den siebenten Jahrgang findet diese Projektwoche statt. „Die Lehrer merken, es schmiedet die Klassengemeinschaft zusammen“, betont Karl Köckenberger, der Leiter des shake! und Vorstandsvorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Zirkuspädagogik e.V. Eine Aufführung entsteht nur, wenn einer auf den anderen Rücksicht nimmt. Zugleich ringen die Kinder um ihren ästhetischen Selbstausdruck, wenn sie trippelnd auf einer Kugel durch die Manege rollen. „Als BAG wollen wir erreichen, dass Zirkuspädagogik als eine eigenständige Kunstform anerkannt und wegen seiner pädagogischen Mitteln auch in der Jugendhilfe gefördert wird“, betont der 54-Jährige, der sich seit 18 Jahren für Kinderzirkusarbeit engagiert. Über zehn kleine und größere Einrichtungen gibt es dafür in ganz Berlin. „Dort soll überall Qualität geboten werden. Deshalb formulieren wir Standards für die Ausbildung von Trainern, für die Sicherheit und die Gesundheit.“
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Erstmalig in Deutschland: Ausbildung von Zirkuspädagogen In der Manege im shake! am Ostbahnhof stellen sich die Siebentklässler so zueinander auf, dass das Publikum die sechs Jugendlichen als Fahrrad sieht, auf dem ein Mädchen radelt. Nie gleicht eine Aufführung der anderen, weil jede Klasse und darin alle Schüler sehr verschieden sind. Zuvor eröffnen die Trainer in der Projektwoche für die Kinder und Jugendlichen den Raum, sich selbst und ihren Körper beim Jonglieren, Balancieren, am Seil oder als Akrobaten kennen zu lernen und etwas zu finden, womit sie sich zeigen können und auf der Bühne auch wohl fühlen. Das verlangt Wissen über die Möglichkeiten der Zirkuspädagogik und Einfühlungsvermögen in die Kids. Deshalb werden nun erstmalig in Deutschland mit einem Jahrescurriculum Zirkuspädagogen ausgebildet. Die Jüngsten, die Eltern und die Alten erreichen Karl Köckenberger ist Brückenbauer von Beruf. Jetzt will er neue errichten. Er stellt sich vor, die Zirkusplätze könnten auch mit den Mehrgenerationenhäusern der Stadt und den Kitas zusammenarbeiten. Begeistert applaudieren Vier- und Fünfjährige von der Tribüne, wenn die 13- und 14-Jährigen ihre Nummern zeigen. Die Jugendlichen im Publikum lassen sich davon anstecken und legen die coole Pose ab, ein gewünschter Effekt der generationenübergreifenden Arbeit. Auch Lehrer staunen, dass Eltern oft zu den Auswertungsgesprächen nach einer Aufführung erscheinen, obwohl sie sie in der Schule nie sehen. „Diese Möglichkeiten der sozialen Arbeit wollen wir in Kooperation mit verschiedensten Institutionen weiter ausloten“, erzählt Köckenberger. Wie viel ist der Stadt diese soziale Arbeit wert? Dabei verschlechtern sich die Rahmenbedingungen dafür ständig. Bereits im Jahr 2003 glaubte der Kinder-

und Jugendzirkus Cabuwazi in Kreuzberg das Ende der Fahnenstange mit der Beschneidung der materiellen Mittel sei erreicht. Bis sich jetzt durch die Übertragung von Projekten der Kinder- und Jugendarbeit an freie Träger der Etat weiter verringerte. „Deshalb sind wir froh, dass sich auch der PARITÄTISCHE dafür einsetzt, Standards für die kulturelle Bildung zu formulieren“, betont Christine Kölbel, Platzleiterin bei Cabuwazi in Kreuzberg. „Dazu gehört auch, gegenüber der öffentlichen Hand deutlich zu machen, dass diese zirkuspädagogische Arbeit nur mit speziellen Standards ausgeübt werden kann und nicht zum Nulltarif zu haben ist.“ Um mit zehn Kindern im Zelt Akrobatik zu üben, brauchen die Trainer deutlich mehr Raum, eine andere Ausstattung und auch eine andere Befähigung, als jemand der zehn Kinder bei den Hausaufgaben betreut. „Dieser Unterschied muss gesehen und anerkannt werden“, betont die Sozialpädagogin, die sich der anderen Wirkmöglichkeiten der Zirkuspädagogik bewusst ist. Kids, die hinter der Bühne gerade noch einen Konflikt ausfochten, treten dennoch als Gruppe in die Manege und zeigen sich als Team. „Da werden soziale Kompetenzen handelnd gelernt“, meint die engagierte, leidenschaftliche Frau. Sie kritisiert, dass die Einsparungen zunehmend auf Kosten der Mitarbeiter gehen. Zu deren Ethos gehört es, zuerst an andere zu denken und über die eigenen Grenzen zu gehen. Keine gesunde Voraussetzung für Sozialarbeit. Deshalb sieht es die Leiterin als ihre Verantwortung, neue Wege zu gehen, um die Arbeit inhaltlich und finanziell zu ermöglichen „Wenn es zunehmend härter in der sozialen Arbeit zugeht, müssen wir uns auch um die Leute kümmern, die sie leisten“, ist die Sozialpädagogin überzeugt. Dabei kann sie es nicht verhindern, dass im Sommer zwei Mitarbeiter weniger auf ihrem Platz arbeiten werden.

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- noch nicht ausreichend anerkannt
ßerdem gönnen wir uns Supervision.“ Vor dem Schlussapplaus tritt Christine Kölbel mit ihrer Bitte vor das Publikum. ‚Wenn Sie als Zuschauer möchten, dass weiterhin jedes Kind diese Trainingsangebote wahrnehmen kann, ohne dass es Geld dafür bezahlen muss, können Sie uns mit einer Spende unterstützen’, nimmt die Projektleiterin unmittelbar nach der Aufführung die Stimmung im Zelt auf und stellt den Kontakt mit den Eltern her. Die folgen auch der Einladung der Zirkuspädagogen, gemeinsam mit ihren Kindern im Café noch über die Eindrücke und Erfahrungen zu reden. „Die Supervision bietet uns einen Schutzraum, unsere Arbeitsprozesse zu reflektieren.“ Im Team denken sie nach, wie sich die unsichere finanzielle Situation auf Kreativität im Alltag auswirkt und wie viel Mühe es kostet, weitere Projektanträge zu schreiben, wenn sie sich durch Kürzungen bedroht fühlen. Zugleich schauen die Mitarbeiter, ob die Aufgaben gut verteilt sind und wie sie sich anders organisieren können. Noch finden wir gegenwärtig immer wieder die Kraft, täglich unsere Angebote zu unterbreiten.“ Zum Glück für die Schulkassen, die zu den rund 25 Projektwochen im Jahr in die Manege kommen, sowie für über 140 Kinder und Jugendliche, die am Nachmittag trainieren.
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6. Festival Junger Zirkus Europa. Foto: Martin Thoma Unterm Zirkuszelt werden Sprache, Bewegung und Sozialverhalten gelernt Cabuwazi bewegt sich wie viele andere soziale Projekte innerhalb eines schwierigen Widerspruchs. Auf der einen Seite fragen immer mehr Schulen auf den Plätzen in Treptow, Marzahn, Altglienicke und Kreuzberg nach Projekten zur Ergänzung und Bereicherung ihrer pädagogischen Arbeit. Außerdem wollen immer mehr Kinder und Jugendliche in ihrer Freizeit Zirkus machen. Durch die Zirkusarbeit fördern die Trainer die sprachliche Entwicklung, die Beweglichkeit und die Konzentrationsfähigkeit der Mädchen und Jungen, weil sie an das anknüpfen, was denen Freude bereitet. Diese Unterstützung brauchen die Heranwachsenden dringender als Generationen vor ihnen: Gelingt es ihnen doch schwerer, bei einer Sache zu bleiben und sich zu konzentrieren oder ihre Bewegungen zu koordinieren. Gleichzeitig gewinnen die Kinder und Jugendlichen, wenn sie in den Werkstätten ihre Requisiten und Kostüme selbst herstellen oder die Musik für die Aufführung produzieren auch Einblicke in Berufe und finden für sich selbst eine Perspektive. Gemeinsam mit erfahrenen Trainern und Sozialpädagogen ringen sie als Einzelne und als Gruppe künstlerisch um ihren Ausdruck in der Gesellschaft. „Auf den Plätzen passiert sehr viel kulturelle Bildung.“ erlebt Christine Kölbel. „Die Frage, die sich auch eine Stadt wie Berlin stellen muss: „Können wir es uns leisten, dass diese Form von Auseinandersetzung und Ertüchtigung nicht mehr geschieht?“ Auch den PARITÄTISCHEN sieht sie dabei in der Pflicht, eine Lobby für die kulturelle Bildung in der Stadt zu schaffen. Wie sich ein Team in Krisenzeiten bewegt Dabei hat Christine Kölbel hohe Erwartungen an andere und sich selbst. Mit ihrem Team von gegenwärtig acht Mitarbeitern überlegt sie, wie sie selbst dafür sorgen können, kraftvoll und freudig bei ihrer Arbeit zu sein. Für die Platzleiterin heißt das zunächst, die Kollegen wertzuschätzen, gerade weil die finanzielle Anerkennung begrenzt ist. Also feiert das Team die Premieren nach den eigenen Produktionen der Kinder- und Jugendgruppe, von denen es vier im Jahr gibt. Jede und jeder bekommt wenigstens eine Blume. „Au-

kontakt
Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Zirkuspädagogik e.V. Vorstand: Karl Köckenberger Am Postbahnhof 1 - 10243 Berlin Tel. 030 - 29047840 info@bag-zirkus.de www@bag-zirkus.de CABUWAZI Kinder- und Jugendzirkus e.V. Thomas Brockwitz, Öffentlichkeitsarbeit Bouchéstr. 75 - 12435 Berlin Tel. 030 -53 000 429 thomas.brockwitz@cabuwazi.de www.cabuwazi.de www.paritaet-berlin.de 2 | 2010 21

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Die Litera t
Einsamkeit kommt nicht in die Tüte
Christa Suckow und Silvia-Doris Upmann kommen genau pünktlich und entschuldigen sich für die Verspätung. Sie mussten das neue Gebäude erst suchen. Denn der Zirkel der Schreibenden Jahresringe tagt zum ersten Mal in der Begegnungsstätte in der Torstraße 203. Das Haus und der Raum im Erdgeschoss sind nicht gerade repräsentativ, aber alle zeigen sich zufrieden damit. Er ist zentral gelegen, und sie hoffen, hier öffentlich stärker wahrgenommen zu werden. Früher war man in der Boxhagener Straße im Hinterhof, in der fünften Etage untergebracht. Die vielen Namen der Torstraße Seit Werner Klopsteg, der die Schreibenden Jahresringe 1991 ins Leben rief, im letzten Jahr aus gesundheitlichen Gründen aufhören musste, wird die Gruppe von Christa Block geleitet. Sie hat gleich einen passenden Text geschrieben. Berliner Orte beschreiben, gehört zu den Spezialitäten der 1936 geborenen Berlinerin, die erst spät, vor sieben Jahren, mit dem Schreiben anfing. Ihre Texte machen Lust auf eine Stadtbesichtigung und gehen weit über das Niveau von gewöhnlichen Stadtführern hinaus, in der Wahl der Orte und der mit ihnen verbundenen Geschichten, in der spannenden Art, wie Historisches mit Aktuellem in Bezug gesetzt wird, und sprachlich ohnehin. Block befasst sich auch mit den Namensänderungen der Torstraße, die schon einmal so, aber auch schon einmal Elsasser Straße, Lothringer Straße und Wilhelm-Pieck-Straße hieß. Genau das, lacht Christa Suchow, sei ihr eben auf dem Hinweg passiert: Sie habe nach der Torstraße gefragt und einen Vortrag gehalten bekommen, wie die Straße früher hieß. Der Berliner Landesverband Jahresringe e.V. wurde vor 20 Jahren in den Räumen in der Torstraße gegründet und ist jetzt im Jubiläumsjahr wieder dorthin zurückgekehrt. Ziel des als Selbst22 www.paritaet-berlin.de 2 | 2010

tenwettbewerb für Senioren belegen. Ein Mitglied, Hans-Joachim Kleinschmidt, hat Ende 2008 die Biografie seiner Mutter als „Book on Demand“ veröffentlicht. Wer weiß, ob er sie ohne die Gruppe zu Ende geschrieben hätte? Ach, Einsamkeit ... he, Einsamkeit! Ich mach dir den Garaus! Ich gehe zum Seniorentanz, geh einfach aus dem Haus; trink irgendwo nen Milchkaffee; werd einen Einkauf machen und schaue mir die Leute an ... Es wäre ja zum Lachen, wenn ich daheim mich grämen würd so des Alleinseins müde. Das tu ich nicht, das mach ich nicht, das kommt nicht in die Tüte! (Silvia – Doris Upmann, in: Für die Schublade zu schade. Gereimtes und Ungereimtes zwischen den Jahresringen erzählt. Berlin 2007.) Der Gesang vom Rollator Christa Block will bei den einzelnen Begegnungsstätten der Volkssolidarität Werbung für Lesungen machen. Alle sind sehr interessiert daran, ihre Texte vorzutragen und zu erleben, wie die Leute darauf reagieren, nicht nur in den Gruppen und Arbeitskreisen der Jahresringe. Upmann erzählt von einer Lesung, die die Schreibenden Jahresringe in einem Seniorendomizil organisiert haben was Kulturelles sei ja immer willkommen, wenn es nichts kostet. Unter anderem trug sie dort ein komisches Gedicht über ein nicht unbedingt komisches, aber in Seniorendomizilen sehr verbreitetes Gefährt vor: den Rollator. Und war erfreut und überrascht über die starken positiven Reaktionen des Publikums. Nicht nur Lyrik über Tautropfen Oft seien die Themen wichtiger, als die Form, sagt Rudi Reinsch. Man sollte

Foto: Martin Thoma

hilfeorganisation entstandenen Verbands war und ist es, Menschen die frühzeitig aus dem Arbeitsleben ausscheiden, sinnvolle Tätigkeiten und ein Leben zu bieten, in dem sie sich gebraucht fühlen. Nach dem Motto:„Wer anderen hilft, hilft sich selbst.“ Die Jahresringemitglieder sind ehrenamtlich in der Altenhilfe, im Wohlfahrtswesen, in der Jugendhilfe, der Bildung und Völkerverständigung tätig. Es gibt unterschiedlichste Gruppen: Tanz-, Sing-, Single- und Reisegruppen, einen Arbeitskreis Bildung und nicht zuletzt die Schreibenden Jahresringe. Ein schreibender Freundeskreis Wenn sie einmal im Monat, jeden dritten Montag um 10 Uhr zusammenkommen, geht es auch um das Zusammenkommen an sich. „Wir reden nicht nur übers Selbstgeschriebene, auch über Gott und die Welt. „Denn nicht jeder“, sagt Christa Block, „hat noch Familie.“ – „Schreiben ist etwas sehr Intimes“, ergänzt Upmann, „wir sind dadurch, dass wir uns mit unseren Texten mitteilen, auch Freunde geworden.“ Als Autoren weiterentwickelt haben sie sich ebenfalls, ohne Anleitung, indem sie sich kritisch mit ihren Texten auseinandersetzten. Nicht ohne Erfolg, wie Auszeichnungen bei Wettbewerben wie dem Lichtenberger Poe-

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a turbegeisterten
den vielseitig interessierten Rentner, der auch tanzt und Workshops über die Entstehung der deutschen Schriftsprache anbietet, nicht falsch verstehen: Reinsch ist jemand, der in seinen Gedichten sehr auf die Form achtet und Metrum, Versmaß, Rhythmik und Reim souverän beherrscht. Aber genauso wichtig sei es ihm, Themen anzusprechen, die seine Zuhörer bewegen, nicht nur Lyrik über Tautropfen, sondern auch über die Lebenssituation älterer Menschen. Texte haben die Schreibenden Jahresringe genügend anzubieten und regelmäßig bringen sie Broschüren mit ihnen heraus. Die nächste Veröffentlichung steht schon fest: Zur Feier des 20-jährigen Jubiläums der Jahresringe will die Leitung eine größere Textsammlung der Schreibgruppe herausgeben, inhaltliche Bezugnahme erwünscht. Letzteres gehört zu diesen Dingen, die einen freien Autor weniger begeistern. „Hm ja, muss man überlegen“, murmelt Reinsch. „Das passt schon“; sagt Christa Block, die auch Redakteurin der Verbandszeitung „Wir über uns“ ist. Das monatliche Zusammentreffen neigt sich dem Ende entgegen. Block schwärmt von ihrem Urlaubsland Schweden, wo man über drei Kilometer bis zum Briefkasten laufen muss. „Das kannste in Berlin auch bald haben“, sagt Christa Suckow.
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gut sein kann zum Verbergen einer vernachlässigten Frisur, ist auf seltsam intensive Art mir zugewandt, den Hals aus dem Schal heraus mir entgegengereckt. Ab und an blitzende Lichtreflexe; mustern mich da Augen hinter den Brillengläsern? Die Frau muss sehr kurzsichtig sein, darin weiß ich Bescheid. Dieses ständig verzweifelt beharrliche Kämpfen, Menschen und Dinge wahrzunehmen als das, was sie sind. [...]“ Das Treffen findet stilvoll zwischen Bücherregalen in der kleinen Bibliothek der Orangerie statt. Ursula Zimmermann leitet die Veranstaltung. Die emotionale und energiegeladene Ur-Berlinerin, 44er Jahrgang, wohnt schon viele Jahrzehnte in Lichtenberg. Seit Frau Montero, die Leiterin der Kiezspinne, 2003 mit der Idee für die Schreibgruppe an sie herantrat, ist Zimmermann dabei. Ihre Leitung hat sie aber erst im letzten Jahr von Professor Anneliese Löffler übernommen. Der Poesie- und Prosakreis hat seitdem ein vorrangiges Ziel: endlich die dritte Anthologie herausbringen. Doch es ist schwierig, die nötigen Fördergelder zu bekommen, um wieder ein auch äußerlich so ansprechendes Buch drucken zu können wie das von 2007, das neben Werken des Schreibkreises auch Arbeiten des Grafikkollegiums der Druckwerkstatt Kiezspinne versammelte. LektorIn gesucht! Die Literaturwissenschaftlerin Anneliese Löffler hat sich mit fachlicher Kompetenz und Kritik um die Autoren und ihre Texte gekümmert. Günter Dittrich hatte ein Manuskript in der Schublade: die wahre Geschichte eines Fluchthelfers aus der DDR, der ebenfalls Günter heißt, aber kein alter Ego seines Autors/Biografen ist. Er überarbeitete es so weit, dass der Berliner trafo-Verlag es veröffentlichte. Diesen Erfolg sieht er zu einem großen Teil als Professor Löfflers Verdienst an. So jemanden bräuchte die Gruppe wieder. „Schreiben Sie das in die Reportage“, sagt Zimmermann. Es ist ein echtes Ehrenamt ...
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kontakt
Landesverband Jahresringe Berlin e.V. Interessengemeinschaft „Schreibende Jahresringe“ Leiterin: Christa Block, Tel. 030 - 24 22 192 Treffpunkt: Begegnungsstätte „Tor 203“ Torstraße 203 - 205, 10115 Berlin

Textweben in der Kiezspinne
„Dem Text fehlt es an Spannung, und die Perspektive stimmt nicht“, urteilt Ursula Zimmermann, und Günter Dittrich sieht es ähnlich. Im Poesie- und Prosakreis der Kiezspinne Frankfurter Allee Süd hält niemand mit seiner Meinung hinter dem Berg. Die vorgetragene Katzengeschichte wird als reizvoll, aber überarbeitungsbedürftig eingeschätzt; ihre Autorin muss an diesem Nachmittag einiges an Kritik einstecken, die aber immer sachlich und freundlich bleibt. Zwei „Grundsätze gibt es“, sagt Zimmermann: „Erstens das Handwerkliche wird bewertet und gemeinsam erarbeitet, zweitens der Autor entscheidet selbst, wie er die Anregungen umsetzt; man darf nicht versuchen, einem anderen seinen Stil aufzudrängen.“ Literatur aus der Orangerie Donnerstags ab 17 Uhr trifft sich alle zwei Wochen ein überschaubarer Kreis älterer Menschen in der Orangerie der Kiezspinne in der Schulze-Boysen-Straße 38, einem knallorange gestrichenen ovalen Pavillon zwischen modernisierten Plattenbauten, den der nachbarschaftliche Interessenverbund Kiezspinne e.V. Frankfurter Allee Süd unterhält. Heute sind sie zu fünft, meistens sind sie acht. Es waren auch schon einmal mehr, doch einige, wie die 85-jährige Angelika Obermann, können aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr dabei sein; und ihr mit Abstand jüngstes Mitglied, die 26-jährige Melanie Kunze nimmt im Moment nicht mehr regelmäßig teil, weil sie sich auf ihr Studium an der Universität der Künste, kurz UDK, konzentriert. Aber der Kontakt besteht weiter. Zuwachs ist dementsprechend sehr erwünscht. In den zwei Anthologien*, die die Gruppe bislang herausgebracht hat, finden sich wunderbare Texte, zum Beispiel das „Porträt einer Frau“ von Angelika Obermann: „Dort drüben, der helle Fleck eines Gesichts, oben begrenzt von der Mütze, die

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zum Grab des Pastors und Dichters Friedrich Wilhelm August Schmidt. „Noch etwas mehr auf den Punkt bringen“, findet die Gruppe. Beyer schreibt mit leichter Hand warmherzig-humorvoll bis satirisch, und zwar täglich wenigstens zwei bis drei Seiten. Das könnte er nicht, sagt Dittrich. Bücher austauschen, sich über Bücher austauschen Jeder schreibt anders und nicht jeder drei Seiten am Tag. Hier geht es um die Freude am Schreiben und darum, die eigene Person auszudrücken – und das zunehmend besser. Und auch um das, was zum Schreiben einfach dazu gehört: ums Lesen, darum, seine Literaturbegeisterung zu teilen, Bücher auszutauschen und sich über Bücher auszutauschen. Mit Verve bewirbt Zimmermann alle zwei Wochen zu Beginn des Poesie- und Prosakreises Veranstaltungen und Bücher, von denen sie überzeugt ist, dass man sie nicht verpassen sollte. Und nicht zuletzt wollen eigene Lesungen organisiert sein. Die beste Nachricht kommt zum Schluss: Es gibt da vielleicht einen Ort, wo man wieder einmal als Gruppe vorlesen könnte.

Foto: Martin Thoma

Täglich zwei bis drei Seiten Zu einem ganz anderen Genre gehört der Roman, den Susanne Baumbach in der Schreibgruppe fertiggestellt hat: ein Fantasy-Roman mit dem Titel „Das wunderbare Land hinter dem Eis. Hanns Beyer, Jahrgang 1938, seit 1974 Synchrontextautor für die DEFA, heute Rentner, ist ein begnadeter Vorleser und darf deshalb auch öfter mal die Texte der anderen vortragen. Heute liest er aus seinem Tagebuch – „die zu persönlichen Stellen lass ich einfach mal aus“ – über einen Ausflug nach Werneuchen

„[...] Gleich an der Endstation Alexanderplatz werde ich mich beim Aussteigen neben sie stellen. Gesicht zu Gesicht, Auge in Auge, könnten wir einander erkennen. Ich werde sie ansprechen, werde nach einer Buchhandlung fragen, nach einer Ausstellung, nach dem Dom vielleicht. Wir werden Worte finden, ich bin sicher. Eine fremde Frau trifft eine fremde Frau. Zwei Menschen sind einander begegnet, warum sollte so etwas im wirklichen Leben nicht passieren können? [...]“ *  Tintenspritzer zum Kaffee. Eine Anthologie. Berlin 2006  Blattgestöber. Lyrik, Prosa, Grafik. Berlin 2007  Günter Dittrich: Akte 13/8/61 - Günter Jacobson. Eine Familiengeschichte im geteilten Berlin. Berlin 2005, trafo-Verlag.
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Kiezspinne FAS Tel. 030 - 554 896 35 www.kiezspinne.de

Kunst und Selbstbewusstsein
Ein Besuch bei der Fotogruppe Pinel
Das Atelier, in dem sich die Pinel-Fotogruppe einmal wöchentlich trifft, befindet sich im hellen Dachgeschoss eines fünfstöckigen Hauses in der Waldowstraße, der „Alten Feuerwache“. Neben einem Hotel sind hier vor allem soziale Träger untergebracht. Man erreicht es, alles andere als barrierefrei, nur über Treppenstufen. PCs zur Fotobearbeitung sind gerade frisch eingetroffen und auch die Gegenstände, die für Studiofotografie benötigt werden, sammeln sich langsam zusammen. Am 22. April 2010 ist Eröffnung, und zu diesem Anlass gibt es im Foyer des Hotels eine Ausstellung. „Jemand ist nicht in erster Linie ein seelisch kranker Klient, sondern Mensch und Künstler“, erklärt Ule Mägdefrau den Grundgedanken hinter der PinelFotogruppe in Lichtenberg. Ein Künst24 www.paritaet-berlin.de 2 | 2010

ler, der eben in organisatorischen Dingen mehr Unterstützung brauche, als jemand ohne psychische Beeinträchtigung. Pinel bemüht sich um Kooperationen psychisch kranker und gesunder Künstler, bei denen die Kunst im Vordergrund steht. Digitale Demokratisierung der Fotografie Ule Mägdefrau ist Kulturreferent der Pinel gemeinnützige Gesellschaft mbH und Fotograf. In der Fotografiegruppe ist er einer unter vielen gleichermaßen selbstbewussten Fotokünstlern. Mägdefrau ist ein Freund der digitalen Fotografie: Eine Demokratisierung der Fotografie habe stattgefunden; was heute möglich ist, sei früher schlicht zu teuer gewesen. Die Fotogruppe gäbe es nicht

ohne die digitale Fotografie, denn analog fotografieren geht nur ausnahmsweise – die Kosten für Filme sind zu hoch. Entstanden ist die Gruppe als eine Mischung aus Therapie- und Kunstgruppe für Menschen aus dem von Pinel betreuten Einzelwohnen. Einzige Teilnahmebedingung war und ist die Lust am Fotografieren. Ihre erste Ausstellung zeigte 2004 unter dem Titel „Menschen sind verschieden“ Porträts von seelisch Kranken, ihren Betreuern und Angehörigen unkommentiert nebeneinander. Dem Betrachter eröffnete sie einen bewussten Blick auf die Unterschiede zwischen Individuen jenseits ihrer Kategorisierung in bestimmte Gruppen. Der Kern der Fotogruppe, wie sie heute besteht, fand 2008 zusammen. Beim heu-

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tigen Treffen sind mit Lothar Erdmann und Marko Paul Kretschmer zwei alte Mitglieder, aber auch zwei ganz neue dabei. 80 Zeilen Öffentlichkeit raushandeln Erdmann leitet die Gruppe inzwischen ehrenamtlich, zusammen mit Mägdefrau. Er ist sehr freundlich und offen und wirkt extrovertiert. Vor 40 Jahren habe er seinen Gesellenbrief in Fotografie gemacht „und dann 30 Jahre nix damit.“ Genaueres über seinen Lebensweg möchte er nicht erzählen, er habe „im Zirkus“ gearbeitet, sprich: beim Fernsehen, und schließlich auf dem Sozialamt von der Fotogruppe erfahren. Erdmann wurde gerade für sein ehrenamtliches Engagement von der B.Z. zum „Held des Tages“ gekürt und ist mehr ungläubig als ernsthaft erbost über diesen Titel und darüber, dass es dem Redakteur gelungen ist, in einer halben Spalte zwei sachliche Fehler unterzubringen. Als Wiedergutmachung hat er für die nächste Ausgabe weitere 80 Zeilen rausgehandelt: „80 Zeilen für zwei Fehler, das ist doch effektive ehrenamtliche Öffentlichkeitsarbeit.“ Wahrgenommen und ernst genommen Die Öffentlichkeitsarbeit ist es natürlich auch, die der Fotogruppe immer genug Aufträge einbringt. Problematischer ist es, Aufträge zu bekommen, die angemessen bezahlt sind. Ule Mägdefrau hat viele Ideen und spricht dann gern von Visionen. Zum Beispiel das Pinellodrom in Schöneberg, das sich als Veranstaltungsort etabliert hat: Wenn dort Hochzeiten gefeiert werden, könnte die Fotogruppe auch ihre Dienste als Hochzeitsfotografen anbieten. Wichtig sei aber zunächst und weiterhin, vor allem überhaupt öffentlich wahr- und ernst genommen zu werden. Wie bei der „Langen Nacht der Bilder“, die der Bezirk Lichtenberg veranstaltete. Hier waren die Fotogruppe und andere Kunstgruppen von Pinel vertreten; ausgestellt wurde in Galerien, im Ringcenter und natürlich auch in den Räumen der Pinel Lichtenberg. Dort hängt zurzeit eine Fotodokumentation des Umzugs der „Blauen Karawane“ im Sommer 2009. Beeindruckend die Porträts von prominenten Gästen der Veranstaltung, darunter eines der Bildhauerin und Autorin Dorothea Buck, die die menschenverachtende Psychiatrie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts selbst erfahren und mutig zum Thema ihrer Kunst gemacht hat. Faszinierend auch die Mischung aus Installation und Fotokunst, die Barbara Anthal, die wohl bekannteste Künstlerin aus der Pinel-Fotogruppe, beigetragen hat. Die Fotos wurden - finanziert von der deutschen Klassenlotterie - auf transportfähige Aluminiumplatten gedruckt und sollen an verschiedenen Orten gezeigt werden. Vom 25. bis 27. August 2010 werden sie zum 25. Jubiläum des Wohnprojekts „Blaue Karawanserei“ in Bremen zu sehen sein. Denk mal: Die Skulptur in Vollendung Aktuell fotografiert die Gruppe Denkmäler in Lichtenberg. Dabei arbeitet sie eng mit der Malereigruppe zusammen; ihre Fotos „werden von den Malern zu vollendeten Kunstwerken vollendet“,

Foto: Barbara Anthal

spöttelt Erdmann. Darauf, wie die Gattungen Skulptur, Fotografie und Malerei in diesem Projekt zusammenfinden, darf man gespannt sein. Solche Zusammenarbeiten sind aber nicht nur in künstlerischer Hinsicht hoch interessant. Die beschränkten Ressourcen, die der sozialen Arbeit zur Verfügung stehen, lassen sich so besser bündeln, und nicht zuletzt verhilft man sich gegenseitig zu einer größeren Öffentlichkeit. Vor allem: Es entstehen neue soziale Kontakte.
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Pinel gGmbH Bezirksstelle Lichtenberg Große Legestraße 97/98 13055 Berlin Tel. 030 - 98 19 62 40 www.pinel-online.de www.paritaet-berlin.de 2 | 2010 25

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Medien und soziale Arbeit - Potenzial n
lingt es uns oft, Orientierungslosen und Jugendlichen in schwierigen Situationen eine Perspektive zu vermitteln“, erklärt Fred Britz, der Bereichsleiter. Er führt durch die sos.studios und zeigt die technisch auf dem neuesten Stand ausgerüsteten Werkstätten. Bereits 1999 erkannte man in dem Ausbildungszentrum die sich entwickelnde Faszination der jungen Leute für die neuen Medien und begann die Vermittlung von Medienkompetenz in die soziale Arbeit zu integrieren. Seitdem werden auch im Verbund mit Medienunternehmen der Stadt jährlich sechs Mediengestalter für Bild und Ton ausgebildet. Das ist attraktiv für Agnetha. Nach dem JAM-Projekt will sie den Realschulabschluss nachholen. „Und dann komme ich wieder“, ist sie spürbar motiviert. Ahmet allerdings weiß nun, dass er sich doch mehr für Mechatronik interessiert und bewarb sich in dem Bereich für eine Ausbildung. Im Medienprojekt erwarb er nicht nur technische Kompetenz dafür. Er bewies auch, dass er zuverlässig ist und durchhalten kann. Längst nicht alle der zehn jungen Frauen und Männer schaffen es, Tag für Tag wenigstens fünf Stunden an klaren Aufträgen zu arbeiten und Weisungen zu befolgen. „Und doch sind die Medien ein gutes Mittel, Ernsthaftigkeit und Selbstausdruck zusammen zu bringen“, meint der Ausbilder. Medienkenntnisse der Jugendlichen fordern Erwachsene heraus Ein unterschätztes Mittel, ist Verena Ebel von Pfefferwerk Stadtkultur gGmbH überzeugt. Für Jugendliche ist es heute selbstverständlich, sich per SMS oder Jappy zu verabreden. Jeder von ihnen hat ein Handy, die meisten auch einen Computer zu Hause und etliche besitzen im Internet eine Seite bei „schuelerVZ“ oder „Facebook“, auf der sie Neuigkeiten austauschen. „Dadurch verändert sich die Beziehung zwischen Jugendlichen und Erwachsenen“, erlebt die Sozialarbeiterin. „Es erfordert noch mehr die gleiche Au-

SOS-Ausbildungszentrum in den Osramhöfen - Medienwerkstatt Foto: Andreas Thiele

Mittwochvormittag im SOS-Berufsausbildungszentrum in den Osramhöfen im Wedding. Es ist Redaktionskonferenz von „BAM“, eines etwa alle zwei Monate erscheinenden Informationsblattes. „BAM“ steht für Berufsausbildung und Maßnahme. Dafür schreiben und fotografieren Jugendliche zwischen 16 und 25 Jahren. Vom Jobcenter und der Jugendhilfe gemeinsam wurden sie in eine aktivierende Maßnahme - JAM, Jugend aktiv in Mitte, genannt - als Alternative zu Arbeitslosigkeit und Harzt IV vermittelt. Neunzig Jugendliche sind beim SOS-Kinderdorf e.V. in fünf verschiedenen Berufsfeldern angemeldet. Agnetha entschied sich für den Bereich Medien. „Das ist nicht einfach Beschäftigungstherapie. Hier nimmt man wirklich etwas mit.“ Die 23-Jährige genießt es, sich eigenständig und kreativ mit verschiedenen künstlerischen Mitteln ausdrücken zu können, auch Plakate und T-Shirts zu entwerfen. Während der für ein Jahr anlegten
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Maßnahmen werden die etwa zehn Jugendlichen angeleitet, mit Powerpoint ihr Magazin zu gestalten und Texte dafür zu schreiben. Sie lernen zu fotografieren und die Fotos mit Photoshop zu bearbeiten, nehmen Videos auf, schneiden Filme und erstellen komplette DVDs. Immer mittwochs beraten sie im Team mit ihrem Ausbilder und den Sozialarbeitern, welche Aufgaben in der kommenden Woche zu bearbeiten sind. „Wir erfüllen richtige Aufträge“, betont Ahmet, der das Theaterprojekt eines Weddinger Vereins filmisch begleitete. „Mit einer Kamera in der Hand wird man anders wahrgenommen“, erlebt der junge Mann, der noch nach seiner beruflichen Zukunft sucht. Eine Brücke zwischen Schule und Beruf Das Projekt ist eines von vielen des SOS-Ber ufsausbildungszentr ums beim Übergang von Schule in den Beruf. „Gerade da es unmittelbar an die Erstausbildung angebunden ist, ge-

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l nicht ausgeschöpft
genhöhe, weil es die Jüngeren sind, die mit den Medien besser Bescheid wissen.“ Noch immer sei die Medienpädagogik in den Ausbildungen für Erzieher, Lehrer, Sozialpädagogen unterbelichtet, kritisiert die 43-Jährige. Dabei brauchen die Jugendlichen, so fit sie mit der Technik sind, von den Erwachsenen eine andere Kompetenz: Das Nachdenken über den Umgang mit den Medien anzuregen. Fast reflexartig werden Computerspiele als Ursache des Übels verdammt, wenn irgendwo Jugendliche aggressiv und gewalttätig werden. „Statt über Verbote sollten wir uns Gedanken machen, die neuen Medien kreativ zu nutzen und die Jugendlichen dabei zu begleiten“, lautet die Philosophie von Verena Ebel, die seit zwölf Jahren als Medienpädagogin tätig ist. Dafür bietet der Jugendmedienklub SO 69 immer dienstags bis sonnabends von 15 bis 21 Uhr eine „Experimentalbox für Neue Medien, Kunst und Ideen“. Kreative Potenziale jenseits von Spielen und Chatten Zwischen 35 bis 40 Jugendliche um die fünfzehn Jahre besuchen regelmäßig diese Jugendfreizeiteinrichtung. „Wir zeigen ihnen, wofür sie die technischen Möglichkeiten des Computers jenseits des Spielens und Chattens noch gebrauchen können“, erklärt Reiner Schäfer, der zweite Sozialarbeiter aus dem SO 69. Das braucht Zeit. In erster Linie kommen die Mädchen und Jungen in den Klub, um sich mit Gleichaltrigen zu treffen. Sie wollen nicht sofort nach der Schule einen Workshop besuchen. Manche nutzen auch den Computer im Jugendklub, um Hausaufgaben zu machen. Längst sind sie gewohnt, im Internet schnell eine Antwort auf jede Fragen finden. Diese aber zu überprüfen, zu hinterfragen und eine Antwort weiter zu entwickeln, haben sie nicht gelernt. „Deshalb verstehen wir uns als klassische Entwicklungsarbeiter“, so Reiner Schäfer weiter. „Wir geben ihnen nicht den Fisch. Wir zeigen ihnen, wie man angelt.“ Die beiden Mittvierziger helfen den Jugendlichen, Definitionen auf den Seiten von Wikipedia zu testen. Sie begleiten die Jugendlichen, wenn sie im Tonstudio ihren eigenen Rap einsingen, zur Musik den Videoclip herstellen oder eine Sendung fürs Internetradio produzieren. Zugleich sensibilisieren sie für Fragen des Urheberrechtes, wenn man kreative Produkte anderer nutzt. Oder sie regen ein Nachdenken darüber an, wie man sich selbst im Internet darstellt. Die Medien sind damit nicht mehr nur ein amüsantes Spaßinstrument. Sie werden zum verantwortungsbewusst genutzten Kommunikationsmittel. Für manche springen dadurch attraktive Bewerbungsunterlagen heraus. Ältere finden im SO 69 auch einen Praktikumsplatz oder Anregungen, welcher Beruf überhaupt zu ihnen passt. Vor allem aber lädt das Experimentallabor immer wieder dazu ein, die neuen kreativen Möglichkeiten auszuloten. „Warum sollte nicht aus einem aggressiv bewerteten Spiel wie Counter strike etwas vollkommen Neues entstehen, in dem wir die Bewegungen der Figuren nutzen, mit Musik unterlegen und eine ganz andere Geschichte erzählen?“, fragt Verena Ebel. Die Medien haben ihrer Meinung nach ein großes ungenutztes Potenzial zum Kreieren, nicht nur zum Konsumieren. „Dafür brauchen die Jugendlichen noch immer die Erfahrung von uns als erwachsenen, aufgeschlossenen und neugierigen Begleitern und mehr, als sie sie bisher erhalten.“
BL

impressum
Der PARITÄTISCHE Berlin 2-10 Stärken stärken Kunst und Kultur in der sozialen Arbeit Gala 60 Jahre PARITÄTISCHER Berlin Foto Titelseite: Ausschnitt aus der Weiberrevue Foto: RambaZamba Herausgeber: PARITÄTISCHER Wohlfahrtsverband Landesverband Berlin e.V. Brandenburgische Str. 80 10713 Berlin Telefon: 030 - 86001-0 Fax: 030 - 86001-110 info@paritaet-berlin.de www.paritaet-berlin.de Vorsitzende: Prof. Barbara John Geschäftsführer: Oswald Menninger Textredaktion: Rita Schmid Bildredaktion: Rita Schmid, Petra Engel Verantwortlich: Rita Schmid, Öffentlichkeitsarbeit Fotos S.4: o.li.Samuel Crew, darunter: Rock & Wheels, Mitte: Juxirkus, re.o. NUSZ, 2.v.u.li.: RambaZamba, Foto: Sibylle Bergemann, daneben: Drum Circle 50+, u.li.: Kita am Kleistpark, Foto: J.Troendle u.re.: GangwayBeatz, Foto: Samira Mohammadi Fotos S.9: o.li.: Cabuwazi Foto: R.Khalilov, o.mitte: SOS-Ausbildungswerkstatt Foto: A.Thiele, o.re: Chor der Volkssolidariät Mitte li.: THIKWA, Foto: Joachim Salva, mitte: Ausstellungen, Foto: PrenzlKomm re.: Schlesische 27, u.li.: Fotogruppe Pinel, Foto: U.Mägdefrau, u.mitte: Kiezspinne, Foto: M.Thoma, u.re.: KHT, Foto: M.Thoma Abkürzungen von Autorinnen und Autoren: Barbara Leitner: BL Gerlinde Geffers: GG Martin Thoma: MTh Layout: PARITÄTISCHER Gesamtverband Druck: Druckerei Henrich, Frankfurt Dieses Heft erscheint als Sonderheft zur Gala 60 Jahre PARITÄTISCHER Berlin. Diese Sonderausgabe ist kostenlos zu bestellen über das Formular Bestellfax im PARITÄTISCHEN Rundbrief sowie über das Internet (auch als Download) unter: http://www.paritaet-berlin.de/mediencenter/broschure.php?thema=0001100009 Berlin, Mai 2010

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SOS-Berufsausbildungszentrum Berlin Oudenarder Straße 16, 13347 Berlin Tel: 030 - 455 080-0 Leiter: Burkhard Schäfer Pfefferwerk Stadtkultur gGmbH Experimentalbox SO 69 Hosemannstraße 14 - 10409 Berlin Tel: 030 - 445 95 66 www.So69-jugend.de SO69@pfefferwerk.de

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Programm Gala 60 Jahre PARITÄTISCHER Berlin
Donnerstag, 10. Juni 2010 im TIPI am Kanzleramt
15.30 Uhr 16.00 Uhr Sektempfang im Garten und Foyer des TIPI im Foyer: Ausstellung Galerie ART CRU Gala Begrüßung durch die Vorstandsvorsitzende Prof. Barbara John Grußwort des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit Würdigung und Talk-Runde mit Christa-Maria Blankenburg, Georg Zinner, Prof. Dr. Hans-Jochen Brauns und Dr. Eberhard Löhnert 17.00 Uhr 17.15 Uhr Kurze Pause mit kleinen Köstlichkeiten Vorhang auf für die Kunst! Kostproben aus Theater, Tanz und Musik von PARITÄTISCHEN Projekten DrumCircle 50+ Werkstatt der alten Talente, Nachbarschafshaus am Lietzensee e.V. Breakdance-Auftritt von Romeo Schirmer und der Samuels-Crew, Humanistischer Verband Deutschlands, Landesverband Berlin e.V. „Wir Kinder vom Kleistpark“ Musik-Kita am Kleistpark des Nachbarschaftsheimes Schöneberg zusammen mit Profi-Musikern Jongliergruppe „Mallos mit Ruth“ NUSZ Nachbarschafts- und Stadtteilzentrum Ufa-Fabrik Juxirkus am Trapez Kiezoase e.V. Gangway Beatz – Rapeinlage Gangway e.V. Rock & Wheels – Rollstuhltanzgruppe Mit-Mensch e.V. RambaZamba, Ausschnitte aus Weiberrevue FINALE Moderation: Harald Pignatelli 18.30 Uhr Buffet und musikalischer Ausklang (Stand: 28.04.2010. Veränderungen vorbehalten)

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