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Full text: Kunststück Erziehung

03 | 2008

Präventive Familienangebote im PARITÄTISCHEN Berlin

Kunststück Erziehung

INHALT

impressum
Der PARITÄTISCHE Berliner Landesseiten

Zu diesem Heft
Rita Schmid

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Familienbildung im Wandel Evelyn Selinger

Vorwort

Margret Pelkhofer-Stamm 3 Gesprächsgruppen für Mütter Elisi Evi e.V. Vietnamesische Familien beraten in Köpenick abw-Dialog 5 Veli aktif - türkische Eltern gehen in die Schule Türkischer Elternverein Berlin-Brandenburg e.V. Lernangebote für Eltern im Stadtteil Verein Stadtteil VHS 18 19

Migration ist ein Familienprojekt

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Schwerpunktheft: Kunststück Erziehung Präventive Familienangebote im PARITÄTISCHEN Berlin Foto Titelseite: Illustration von Beratungsstelle Familienzelt, Selbstbestimmte Geburt und Familie e.V., Berlin

Eltern unterstützen im Erziehungsalltag
Wenn es der Mutter nicht gut geht: Selbstbestimmte Geburt und Familie e.V. Wellcome - Ehrenamtliche helfen Gefa gGmbH FAM - Familienkrisenmanagement Gefa gGmbH FuN - Familie und Nachbarschaft Deutscher Familienverband Väter sind Nummer eins für ihre Kinder Väterzentrum Berlin Starke Eltern - starke Kinder Deutscher Kinderschutzbund e.V. Elternbriefe ANE e.V.

20 Herausgeber: PARITÄTISCHER Wohlfahrtsverband Landesverband Berlin e.V. Brandenburgische Str. 80 10713 Berlin Telefon: 030 - 86001-0 Fax: 030 - 86001-110 e-mail: info@paritaet-berlin.de www.paritaet-berlin.de

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Familienbildung in Nachbarschaftshäusern und Stadtteilzentren
Arabische Väter im Aufbruch Nachbarschaftstreff Steinmetzstraße, Kiezoase Schöneberg e.V. 22

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Vorsitzende: Prof. Barbara John Geschäftsführer: Oswald Menninger

Elternarbeit im Kinder23 und Jugendzentrum VD13, Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V. Frauenkurse im Nachbarschaftsund Selbsthilfezentrum NUSZ, ufa-Fabrik e.V. 25

Elternarbeit in Kindertagesstätten
Claudia Gaudszun Mit dem Rucksackprojekt die Zweisprachigkeit fördern SOS-Kinderdorf Berlin-Moabit e.V. Erziehungspartnerschaft mit Eltern in der VAK-Kita Kitas werden zu Familienzentren Kiezoase, Pestalozzi-Fröbel-Haus

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Präventive und therapeutische Hilfeangebote der Jugendhilfe
Konrad Koschek Opstapje - Schritt für Schritt KJHV - Kinder- und Jugendhilfeverbund Einsatz vor Ort Ambulante Familienhilfe bei Kompaxx „Ich habe Legasthenie, o.k!“ Reportage von Franziska Reinisch Familientherapeutische Angebote für suchtgefährdete und abhängige Jugendliche Therapieladen e.V. Infokasten: Adressen PARITÄTISCHER Einrichtungen mit jugendtherapeutischen Angeboten

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Textredaktion: Rita Schmid Bildredaktion: Rita Schmid, Petra Engel Verantwortlich: Rita Schmid, Öffentlichkeitsarbeit Die Landesseiten Berlin von Der PARITÄTISCHE erscheinen als eingehefteter Mittelteil in der Bundeszeitschrift Der PARITÄTISCHE. Zusätzlich werden sie als Sonderhefte gedruckt. Es handelt sich um Schwerpunkthefte zu aktuellen Verbandsthemen. Diese Sonderausgaben sind kostenlos zu bestellen über das Formular Bestellfax im PARITÄTISCHEN Rundbrief sowie über das Internet (auch als Download) unter: http://www.paritaet-berlin.de/mediencenter/broschure. php?thema=0001100009 Berlin, Mai 2008

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Schulbezogene Jugendhilfe nicht ohne Eltern
Elvira Kriebel Eltern unterstützen Eltern Elterncafé der FIPP-Schulstation in Kreuzberg Interkulturelles Elterncoaching LebensWelt gGmbH

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Zu diesem Heft
Im vergangenen Jahr 2007 führte der PARITÄTISCHE Berlin über das Referat Familie, Frauen und Mädchen eine interne Umfrage zu Familienbildung und Elternarbeit durch. Angesprochen wurde eine Auswahl von Trägern, die in Kontakt mit Eltern sind oder Elternarbeit anbieten könnten: Familienbildungsstätten, Kitas, Einrichtungen der Schulsozialarbeit, der Familien- und Jugendhilfe, Migrationssozialarbeit und Stadtteilzentren. Es ging darum, ein Meinungsbild zu erhalten: Wie hoch ist der Anteil von Eltern mit besonderen Belastungen? Um welche Belastungen handelt es sich? Welche Angebote bieten die Einrichtungen den Eltern? Wie sollte niedrigschwellige Elternarbeit aussehen? Die Antworten zeigen, mit welchen Problemen viele Eltern heutzutage klar kommen müssen: Alleinerziehend zu sein, Scheidung oder Trennung vom Partner, Armut und Migration. Schul- und Leistungsprobleme sowie Schwierigkeiten im Sozialverhalten der Kinder, junge Elternschaft oder Krankheit werden ebenfalls häufig genannt. In den befragten Einrichtungen sind nach Einschätzung der Mitarbeiter von Kitas rund 40 Prozent der Eltern, bei Jugendhilfeprojekten etwa 70 Prozent durch einen oder mehrere dieser Faktoren stark belastet. Sie benötigen Hilfestellungen bei der Erziehung ihrer Kinder. Das vorliegende Heft stellt einen Ausschnitt interessanter Projekte und Einrichtungen vor, die sich in dieser Umfrage zu Wort gemeldet haben und offene Familienbildungs- und Elternarbeit leisten. Im den letzten beiden Beiträgen geht es um Unterstützung von Kindern und Jugendlichen bei spezifischen Problemen wie Lese- und Rechtschreibschwäche oder Cannabismissbrauch. PARITÄTISCHE Träger der Jugendhilfe engagieren sich auch in diesem Feld und bieten ambulante therapeutische Hilfen an. Viele der Projekte haben Modellcharakter und sind ohne langfristige finanzielle Sicherung. Angesichts der Zahlen und Schlagzeilen zu PISA, Kindesmisshandlung und Jugendgewalt, die die Medien tagtäglich verkünden, ist dies ein Skandal.

Vorwort

Familienbildung im Wandel
Eltern managen komplizierte Gebilde des Zusammenlebens mit Kindern, die sich stetig verändern. Familien sind keine sicheren, festgefügten Gemeinschaften mehr. Es stellt sich die Frage nach „modernen“ Antworten, die Familien zur Unterstützung brauchen. Die Bedeutung von Familienbildung hat vor diesem Hintergrund und der Debatte um präventive Maßnahmen im Rahmen des Kinderschutzes in den letzten Jahren stark zugenommen. Im Fokus steht eine stärkere Konzentration auf Eltern, die über die bisherigen Familienbildungsangebote kaum erreicht worden sind. Mit „niedrigschwelliger Elternarbeit“ sollen diese Eltern angesprochen werden.

Wie sieht niedrigschwellige Elternarbeit aus?
Grundprinzip einer niedrigschwelligen Elternarbeit ist es, die Eltern dort abzuholen und sich mit ihnen auf den Weg zu machen, wo sie sind. Ein Elterncafe, in dem sich Eltern treffen, Erziehungsthemen diskutieren oder aber auch konkrete Hilfestellungen bei all ihren Lebensfragen erhalten, kann in einer Schule, in einer Kita, in einem Nachbarschaftszentrum oder in einer Migrantenorganisation eingerichtet werden. Ein Elterntraining wie „Starke Eltern starke Kinder“ kann ebenfalls in all diesen Einrichtungen stattfinden. Andere Programme arbeiten mit der „Geh-Struktur“. Sie suchen die Eltern auf. So gehen bei Ostapje die Elternbegleiter zu den Familien nach Hause. Die Ausgestaltung der Angebote orientiert sich immer an den Eltern und ihren Lebenssituationen.

Evelyn Selinger Foto: A. Bußler

andere Erziehungsberechtigte und junge Menschen einen Anspruch auf Unterstützung und Förderung der Erziehung in der Familie. Die Angebote sollen dazu beitragen, dass Eltern ihre Erziehungsverantwortung besser wahrnehmen können und junge Menschen Hilfe bei der Persönlichkeitsentwicklung erhalten. Familienbildung verfolgt einen generationsübergreifenden, interkulturellen und stadtteilorientierten Ansatz.

Querdenken an Stelle von Ressortdenken
2003 beschloss die Jugendministerkonferenz, dass sich Familienbildungsangebote, an alle unterschiedlichen Familienmilieus richten sollen. Es werden enge Kooperationen zwischen Familienbildungseinrichtungen und Institutionen wie Kindertagesstätten und Schulen befürwortet. PARITÄTISCHE Mitgliedsorganisationen haben mit der Erweiterung oder Veränderung ihres Angebotsspektwww.der-paritaetische.de 3 | 2008 3

Gesetzlicher Anspruch
Gesetzliche Grundlage für die Familienbildung ist der Paragraph 16 SGB VIII. Danach haben Mütter, Väter und

Redaktion DER PARITÄTISCHE Landesseiten Berlin

Rita Schmid

Eltern als Experten ihrer Kinder ansprechen
Die professionellen Kompetenzen der Familienbildung befruchten die Entwicklung erfolgreicher Elternbildungsarbeit, gleichzeitig trägt die Öffnung aller oben genannten Institutionen für die Thematik der Elternarbeit zur Erneuerung der Familienbildung bei. Neuere Familienbildungsarbeit zeichnet sich dadurch aus, dass die jeweiligen Bedingungen und unterschiedlichen Lebenssituationen aber auch die vorhandenen Kompetenzen die Ausgangslage bilden und nicht einzig der professionelle Blick von außen auf Erziehung. Die Eltern werden in den unterschiedlichen Programmen überwiegend in ihrer Rolle als Eltern und als Experten für ihr Kind angesprochen und nicht vorrangig als Hilfebedürftige. Das öffnet Türen.
Evelyn Selinger Referentin für Familie, Frauen, Mädchen

Foto: Kotti e.V.

rums auf die neuen Erfordernisse reagiert. Träger von Familienbildungsangeboten kooperieren heute mit Kitas, Schulen und Netzwerken im Stadtteil und erreichen damit auch Eltern, die sich von einem Nachbarschaftszentrum oder einer anderen Institution nicht per se angesprochen fühlen. Nicht mehr Ressortdenken sondern Querdenken ist gefragt, wenn es darum geht, Lösungen für die Erziehungsaufgaben von morgen zu finden. Deutlich wird an den Heftbeiträgen, dass Familien mit Migrationshintergrund in hohem Maße beteiligt sind. Dies trägt auch dazu bei, die Familienbildung und die Arbeit mit Eltern interkulturell zu öffnen. Die Angebote sind überwiegend kostenfrei und gewinnen die Teilnehmer häufig über persönliche Ansprache.

Die hier dargestellte Vielfalt niedrigschwelliger Familienbildung wird so wieder zur Einfalt. Sie hinterlässt Lücken, deren Folgen in einigen Jahren an gescheiterten Bildungsbiografien abzulesen sind. Der PARITÄTISCHE fordert deshalb, die Leistungen der Familienbildung nach Paragraph 16 SGB VIII in den Bezirkshaushalten abzusichern.

Kontakt
Tel. 030-86001-176 selinger@paritaet-berlin.de

Langfristige Finanzierung sichern
Trotz der Vielzahl von Projekten wäre es falsch, von einer guten Versorgungslage mit niedrigschwelligen Angeboten an Eltern auszugehen. Die Projekte werden in der Regel über Stiftungsmittel gefördert, die nach ein und höchstens drei Jahren auslaufen. Mit dieser Drittmittelfinanzierung ist es nicht möglich, eine nachhaltige Familienbildung für diese Gruppen zu etablieren.
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Bundeskanzlerin Angela Merkel eröffnet als Schirmherrin das Wellcome-Projekt von Geburt und Familie e.V. am 7.4.2008 Foto: A. Thiele

Eltern unterstützen im Erziehungsalltag Wenn es der Mutter nicht gut geht ...
In der Diskussion um frühe Hilfen für gefährdete Kinder wurde erkannt, dass die Basis für eine gesunde körperliche, geistige und soziale Entwicklung bereits in der Schwangerschaft und in en Lebensphase – Kontakte zu anderen Eltern zu knüpfen. Wenn das Baby älter wird, können Kurse wie zum Beispiel „Erste Hilfe bei Säuglingen und Kindern“, „PEKiP und „Starke Eltern – Starke Kinder“ gebucht werden. Sie vermitteln Eltern nicht nur medizinische und pädagogische Informationen, sondern stärken auf lebendige Weise ihre elterliche Kompetenz. entlasten, zu stärken und gemeinsam mit ihnen Lösungswege zu erarbeiten. Wenn die Situation es erfordert und die Ressourcen es zulassen, bietet der Verein aufsuchende Beratung an. In manchen Fällen bedarf es einer längeren Begleitung oder es müssen weiterführende Hilfen eingeleitet werden. Meistens genügen jedoch wenige Beratungsstunden, um die Kommunikationsfähigkeit zwischen Mutter und Kind oder zwischen den Elternteilen zu verbessern.

Das Zusammenspiel von Beratung, Gruppen und Kursen
den ersten Lebensjahren gelegt wird. Grundlegende Entwicklungsaufgaben und Fähigkeiten von Kindern erfolgen in der Kommunikation bzw. Interaktion mit ihren Eltern. Ist diese gestört und können Eltern nicht angemessen auf die Bedürfnisse des Säuglings/ Kindes eingehen, drohen Entwicklungsstörungen, Auffälligkeiten im Verhalten und Erkrankungen mit Folgen für das ganze spätere Leben. Fachleute fordern die Anbindung früher präventiver Hilfen an Institutionen, die Betroffene möglichst schon in der Schwangerschaft erreichen und ihnen einen offenen Zugang ermöglichen. Frauen und Paaren muss es gutgehen, um ihrer Entwicklungsaufgabe als Mütter oder Eltern gerecht zu werden! Diesem Leitgedanken folgt das Konzept der Beratungsstelle des Vereins Selbstbestimmte Geburt und Famile. hat sich bewährt, um von Anfang an einen guten Kontakt zu den Müttern aufzubauen und ihren Zugang zu psychosozialer oder psychologischer Beratung zu ebnen. Sie suchen zum Beispiel Rat, wenn das Baby nicht schlafen will, schlecht trinkt, häufig schreit. Nicht selten stellt sich in der Beratung heraus, dass das vermeintliche Schlafoder Trinkproblem des Säuglings Aus-

Mit Hebammen zusammenarbeiten
Als besonders erfolgreich für unseren Ansatz hat sich die enge Kooperation mit Hebammen erwiesen, die in der ambulanten Betreuung tätig sind. Durch das jahrelange Engagement des Trägers für die Belange von Geburtshäusern und Hebammen hat sich eine vertrauensvolle Zusammenarbeit und gegenseitige Wertschätzung herausgebildet. Hebammen verweisen „auffällige“ Frauen an unsere Beratungsstelle, suchen unseren Rat und lassen sich von Mitarbeiterinnen zu psychosozialen und psychologischen Themen, insbesondere zu Wochenbettdepression, fortbilden. Wenn die Hebamme die Beratung empfiehlt, sind die meisten schwangeren Frauen und Mütter sehr aufgeschlossen. Zur Minderung ihrer Schwellenangst trägt die Mischung unseres Angebots bei. Schwanger zu sein oder ein Kind bekommen zu haben genügt, um willkommen zu sein.
Lucia Gacinski / Tanja Sahib

Foto: H. Rutschke

Rund-um-Angebot für die frischen Eltern
Schwangere Frauen, werdende Väter und Eltern eines Kleinkindes finden deshalb neben der Schwangerenberatung auch nach der Geburt ein gesundheitsförderndes und psychosoziales „Rund-um-Angebot“ vor, das sie auf verschiedenen Ebenen unterstützt. Im Normalfall reicht häufig schon eine offene Gruppe als verlässliche Anlaufstelle aus, um sich alltagsnahen Rat zu holen und – sehr wichtig in dieser neu-

druck einer noch nicht gelungenen Kommunikation zwischen Mutter und Kind ist. Dahinter können sich vielfältige Probleme verbergen: etwa ein unverarbeitetes traumatisches Geburtserlebnis, eine Wochenbettdepression, gravierende Probleme in der Partnerschaft oder mit der Herkunftsfamilie. Manchmal sind die Eltern erschöpft und überfordert, weil ihr Baby ganz besondere Anforderungen stellt, etwa nach einer Frühgeburt oder bei einer Behinderung des Kindes. In der Beratung geht es darum, Mütter/ Eltern zu

Kontakt
Selbstbestimmte Geburt und Familie e.V. Berlin Beratungsstelle Familienzelt Tel. 030 – 322 30 71 info@familienzelt-berlin.de

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Wellcome
Ehrenamtsprojekt für Familien
Wer keine Hilfe seitens der Familie hat ...
Gut, wenn Familie und Freunde helfen, den Baby-Stress zu bewältigen. Wer keine Hilfe hat, bekommt sie von wellcome. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin kommt ins Haus. Wie ein guter Engel wacht sie über den Schlaf des Die wellcome-Teams sind in eine schlanke Organisationsstruktur eingebunden. Diese sorgt für die professionelle Begleitung der Ehrenamtlichen und die Einhaltung von Qualitätsstandards. Gleichzeitig ermöglicht sie bei überregionalem Interesse die Vernetzung mit Partnern aus Politik, Medien und Gesellschaft. ab Juli 2008 können die ersten Familien wellcome-Unterstützung erfahren. Bis dahin gilt es, Ehrenamtliche zur Mitarbeit einzuladen, Kooperationspartner über das wellcome-Angebot zu informieren und einzubinden sowie die Familien zu erreichen, die diese Unterstützung benötigen.

Ab Juli 2008 im Familienzentrum der GEFA
Derzeit wird in Treptow-Köpenick im Familienzentrum der GEFA Gesellschaft für Familienaktivierungsmangement gGmbH ein wellcome-Team für den Bezirk aufgebaut. Spätestens

Koordination des ehrenamtlichen Einsatzes
Das wellcome-Team der GEFA wird von einer in der Krisenarbeit langjährig erfahrenen Familienarbeiterin geleitet. Diese nimmt telefonisch die Anfragen der Familien entgegen und vermittelt den Kontakt zu der ehren-

Wellcome in Berlin
Babys, während die Mutter sich ausruht, begleitet beim Gang zum Kinderarzt, spielt mit dem Geschwisterkind, macht Einkäufe und hört zu. Alle Tätigkeiten führen zu einer spürbaren Entlastung in einer familiären Übergangssituation. Damit beugt wellcome Krisen vor und unterstützt die positive emotionale Bindung zum Neugeborenen.
Derzeit arbeiten in Berlin drei Teams: In Schöneberg über den PARITÄTISCHEN Träger Nachbarschaftsheim Schöneberg, im Prenzlauer Berg und Friedrichshain mit dem Träger Stützrad e.V. Im April startet das Team in Charlottenburg. Die Eröffnungsveranstaltung findet mit Schirmherrin Angela Merkel am 7. April 2008 statt. Träger ist Geburt und Familie e.V., Mitglied im PARITÄTISCHEN. Für die Koordinatorin ist zuständig: Ingeborg Schick, Tel: 30 10 97 85. Weiter stehen dieses Jahr an: Eröffnung des Standortes Treptow-Köpenick (PARITÄTISCHER Träger GEFA gGmbH, Koordinatorin Brigitte Jährig, Tel: 53 69 82 83) sowie im Frühherbst Eröffnung des Standortes Neukölln (Träger FaNN, Koordinatorin Maria Degenhardt, Tel: 629 00 766). Darüber laufen derzeit Gespräche mit Trägern in Tempelhof, Spandau, Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg. Ziel ist es, in Kooperation mit der Jugend- und Familienstiftung Berlin in den nächsten drei Jahren wellcome berlinweit aufzubauen. Für den Aufbau und für die langfristige Sicherung und Entwicklung des Projektes sind sowohl die Landeskoordination als auch die regionalen Träger auf Spenden angewiesen. Ebenso freuen wir uns stets über Menschen, welche Lust und Zeit haben, sich ehrenamtlich für junge Familien einzusetzen. Derzeit sind berlinweit 40 Ehrenamtliche im Einsatz. Im Zeitraum seitdem das erste Team an den Start ging – im Frühjahr 2007 – konnten 41 Familien Unterstützung und Entlastung erfahren. Katja Brendel Koordination wellcome Berlin Tel. 030 – 29 49 35 83 Katja.brendel@wellcome-online.de www.wellcome-online.de

wellcome heißt Ehrenamtliche willkommen
Es ist ein attraktives Angebot des „modernen Ehrenamtes“. Ehrenamtliche erleben, dass sie unmittelbar helfen können und spüren die Dankbarkeit der Betroffenen. Darin liegt ein großer Gewinn für die Ehrenamtlichen. Auch die Rahmenbedingungen sind gut. Die Ehrenamtlichen binden sich intensiv, aber zeitlich begrenzt. Ihr Einsatz ist nach einigen Wochen beendet. Sie gehen dann in eine andere Familie oder „pausieren“ erst einmal. Sie bestimmen selbst, wie viel Zeit sie einsetzen wollen.
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amtlichen Mitarbeiterin. Sie kennt sich in der Region aus und kann daher auch zu anderen Angeboten beraten und vermitteln. Im Falle eines Bedarfes an Hilfen zur Erziehung entsprechend dem SGB VIII vermittelt sie die Familie an das zuständige Jugendamt weiter. Um in diesem sensiblen Bereich

eine von Ehrenamtlichen erbrachte Leistung qualitätvoll zu koordinieren und abzusichern, sind einige Aufwendungen an Personal und Qualifizierung notwendig. Gemessen an dem in anderen Bundesländern erreichten Ergebnis ist der Aufwand nicht hoch und sollte durch eine Regelfinanzierung

gesichert sein. Zunächst aber wird das Projekt über die Jugend- und Familienstiftung des Landes Berlin, über Eigenmittel der GEFA und Teilnehmerbeiträge der Familien finanziert. Anne Ketel GEFA gGmbH

FAM - Familienkrisenmanagement
Jede Inobhutnahme stellt für die betroffenen Kinder ein einschneidendes, mitunter traumatisierendes Ereignis dar. Sie wird häufig von deren Eltern als Beweis der eigenen Unzulänglichkeit erlebt und ist dennoch häufig die scheinbar einzige Möglichkeit, eine für Kinder gefährdende Situation zu beenden. Hier setzt FAM an, seit zehn Jahren von der Gesellschaft für Familienaktivierungsmanagement GEFA gGmbH erfolgreich praktiziert. schätzung du rc h ge führt. Dabei gehen die FAMA rbeiter sehr respektvoll und ermutigend mit den Familien um. Die Einschätzungen und Beobachtungen werden mit den Eltern besprochen. Im mittleren Teil der sechs Wochen stehen das Ausprobieren neuer Verhaltensweisen und Strategien sowie deren Reflexion im Vordergrund. In den letzten zwei Wochen werden die Netzwerkressourcen erschlossen und aktiviert. Pro Familie steht dem FAM-Arbeiter eine halbe Stelle zur Verfügung. Auch für ihn gibt es eine Rufbereitschaft seines Beraters, den er zu jeder Zeit hinzuziehen kann. Wöchentlich werden alle Fälle supervidiert. tern darin zu stärken, wieder ihrer Verantwortung gegenüber ihren Kindern angemessen gerecht zu werden. Auch der immense Kostendruck, der durch hohe Zahlen der Fremdunterbringung verursacht wurde, hat dort zum flächendeckenden Ausbau des Programms in einigen Bundesstaaten geführt. 1997 wurde dann auch in Deutschland ein Bundesmodellprogramm in einigen Regionen mit großem Erfolg durchgeführt.

Rund um die Uhr sechs Wochen lang
Quasi als letzte Möglichkeit vor einer Fremdunterbringung unterstützt ein FAM-Arbeiter sechs Wochen intensiv eine Familie. Er ist rund um die Uhr telefonisch erreichbar, um sofort in Krisensituationen eingreifen zu können und ist mitunter täglich in der Familie. Hier geht es darum, angemessene Formen des Miteinanders und Verhaltensänderungen zu probieren. Dies geschieht über verschiedene Formen der Konfliktdeeskalation, des Verhaltens- und des Kommunikationstrainings und der Vermittlung von Erziehungsstrategien.

Gemeinsam Klärung und Lösungen suchen
In Berlin wird FAM vorrangig im Bezirk Treptow-Köpenick eingesetzt. Hier werden auch die aufsuchenden FAMClearingangebote häufig genutzt: Sowohl im Rahmen einer Inobhutnahme als auch bei bestehender Unterbringung von Kindern werden die Rückkehroptionen mit allen Beteiligten und vor Ort überprüft und abgewogen. Ergebnis ist eine fundiert getroffene Einschätzung über den weiteren Verbleib der Kinder, wobei darauf geachtet wird, daran zu arbeiten, dass die Entscheidung von allen Beteiligten möglichst gut mitgetragen werden kann.

Eine hohe Erfolgsquote
Da FAM bundesweit angewandt wird, wurden aussagekräftige Daten erhoben, die von einer etwa 85prozentigen Erfolgsquote direkt nach FAM ausgehen. Häufig sind nach den sechswöchigen FAM-Einsätzen weitere Anschlussmaßnahmen notwendig. Das sind meist sozialräumliche oder ambulante Hilfen, die möglichst zeitnah einsetzen und nach einem ressourcenorientierten Ansatz arbeiten sollten.

Die einzelnen Schritte des Programms
Ein FAM-Arbeiter hat eine Zusatzqualifikation zur Familienaktivierung und arbeitet mit dem systemischen und dem lösungs- und ressourcenorientierten Ansatz. Zuerst werden Ziele mit jedem Familienmitglied erarbeitet und verschiedene Formen der sozialpädagogischen Diagnostik und Risikoein-

Kontakt
Gefa gGmbH Behringstraße 33, 12437 Berlin Tel: 030 - 536 98 283, Fax: 030 536 98 284 buero@gefa-berlin.de www.gefa-berlin.de

In den USA entwickelt
FAM –Familienaktivierungsmanagement wurde in den USA entwickelt, um gerade in Kinderschutzfällen El-

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FUN - Ein neuer Ansatz zur Stärkung und Bildung von Familien
FuN steht für Familie und Nachbarschaft Es ist ein Angebot der Familienbildung, das die Familien in den Mittelpunkt stellt. Das Programm wurde in NordrheinWestfalen entwickelt und dort mit positiven Erfahrungen umgesetzt. Eine Evaluation liegt bereits vor.

Zwei Kitas in Berlin Mitte machen mit
Der Deutsche Familienverband e.V. arbeitet im Bildungsbereich seit einiger Zeit enger mit Kitas zusammen. Der niedrigschwellige Ansatz dieses Bildungsprogramms scheint sehr geeignet, um es auch in Berliner Kitas umzusetzen und damit die Zusammenarbeit mit den Kitas noch zu verstärken. Der Verband konzipierte ein Projekt zur Umsetzung von FuN für den Bezirk Mitte. Nach langwieriger Recherche interessieren sich zwei Kitas für das Programm. Sowohl vom Familienverband als auch den beiden Kitas werden Personen benannt, die eine Fortbildung zum FuN –Trainer durchführen. Die Jugend- und Familienstiftung des Landes Berlin sagt die Finanzierung zu. So kann 2007 bereits in beiden Kitas die Programmphase von FuN durchgeführt.

FuN-Familientisch Foto: Deutscher Familienverband

Die Familien treffen sich acht Mal
Mit den Eltern, die sich für die Teilnahme bereit erklären, werden im Vorfeld Elterngespräche geführt, bei denen die Eltern Informationen über FuN und den Ablauf erhalten. In einer Kita wurde das Programm mit acht Elternteilen und 19 Kindern, in der anderen Kita mit acht Familien und 13 Kindern durchgeführt. Die Familien treffen sich acht Mal, jeweils einmal in der Woche für drei Stunden am Nachmittag. Sie haben die unterschiedlichsten familiären und nationalen Hintergründe. Jeder Nachmittag wird genau strukturiert und immer in die gleichen Phasen
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unterteilt: den gemeinsamen Begrüßungskreis, die Familientische, den Elternkreis, das gemeinsame Essen, das Spiel mit einem vom Elternteil ausgewählten Kind und schließlich den Abschlusskreis. Das Essen bereitet bei jedem Treffen eine andere Familie. Die Kinder der vorbereitenden Familie sind sehr stolz auf ihre Eltern, wenn sie das Essen für alle vorbereiten. Die Teamer beobachten und steuern die Abläufe sehr genau, geben die Regeln vor und achten auf deren Einhaltung. Dabei bestärken und loben sie stets die Eltern und unterstützen damit das Zusammenwirken und die gegenseitige Wertschätzung von Eltern und Kindern. Auch die Eltern untereinander lernen sich besser kennen und tauschen sich in der Elternrunde zu den verschiedensten Themen teils offen aus. Während des gesamtes Ablaufes gibt es zusätzlich eine Kinderbetreuung, die sich um die Kinder kümmert, die nicht direkt am Programm beteiligt sind.

verändert sich in der Zeit. Dies führt insgesamt zu einer stärkeren Offenheit zwischen Eltern und Kindern einerseits und zwischen Eltern und Kita andererseits. So kam es durch weiterführende Gespräche in der Kita auch zur Vermittlung von anderen Hilfsangeboten für die Familien und damit zu einer stärkeren Vernetzung der Kita mit anderen Einrichtungen. Auch die Kooperation zwischen dem Deutschen Familienverband und den Kitas hat sich bewährt und weitere gemeinsame Aktivitäten sind geplant. Die während der einzelnen Treffen gemachten Bastelarbeiten und Fotos werden in der Kita für alle sichtbar ausgehängt. Dadurch werden andere Eltern und Erzieher der Kita aufmerksam und neugierig, informieren sich über FuN und zeigen bereits Interesse für eine Teilnahme.

Wie geht es weiter?
Im Anschluss an die Programmphase geht FuN für ein halbes Jahr mit weiteren Treffen der Familien, einmal im Monat, weiter. Dabei organisieren die Familien die Treffen selbst und werden von den Teamern lediglich begleitet. Zwischenbilanz ist: die ersten Erfahrungen mit dem FuN Programm sind sehr gut. Aber es braucht Zeit, bis

Positive Effekte
Die teilnehmenden Familien lernen sich durch FuN besser kennen und verstehen. Die Eltern stärken die Beziehung zu ihren Kindern. Die Gesprächsbereitschaft innerhalb der Gruppe, aber auch gegenüber den Teamerinnen

dieses Bildungsprogramm in der Kita so bekannt ist, dass es leichter wird, Eltern dafür zu gewinnen. Dazu ist eine regelmäßige Durchführung und weitere finanzielle Unterstützung des Programms notwendig. Nur so erreicht werden, dass auch Eltern außerhalb der Kita durch Mundpropaganda von diesem Programm erfahren und der Nachbarschaftsgedanke von FuN zum Tragen kommt. Insgesamt ist das Programm durch seinen niedrigschwelligen Ansatz besonders für Familien

geeignet, die an anderen Bildungsveranstaltungen nicht teilnehmen würden. Weitere Informationen zu FuN erhalten sie unter www.praepaed.de
Martina Engel Koordinatorin des Projektes

Das FuN–Projekt wird gefördert von:

Kontakt
Tel. 030 - 453001-15 martin.engel@deutscher-familienverbandberlin.de

Väter sind Nummer eins für ihre Kinder
Dieses Zitat stammt von einem Vater, der mit seinem Sohn an einem Vater-KindWochenende des Väterzentrums Berlin teilgenommen hat. Was soll man dem hinzufügen? Die Gründe dafür, Väter aktiv in die Familienbildung einzubeziehen, können kaum besser formuliert werden. mer Eins. Eltern sehen Erziehung überwiegend als partnerschaftliche Aufgabe – Frauen und Männer wollen stärkere Beteiligung der Väter!

Väter in die Mitte der Elternarbeit holen
Angesichts dieser Situation muss gefragt werden, warum Väter in die Familien- und Elternbildung nicht stärker einbezogen werden. Warum lassen Einrichtungen und Verbände die Väter und die gezielte Väterförderung außen vor? Es ist ein Gebot des Gender Mainstreaming und eines partnerschaftlichen Ansatzes von Erziehungsverantwortung, auf Väter gezielt und vätergerecht zuzugehen. Auch vom Aspekt des Kindeswohls her ist es essenziell, die Väter in die Mitte der Elternarbeit zu holen anstatt sie in einer randständigen Position zu belassen: Kinder profitieren von zwei kompetenten und zugewandten Elternteilen – höchste Zeit für Väterförderung!
Dipl.-Pol. Eberhard Schäfer Leiter des Väterzentrums Berlin

Väter wollen Verant wor t ung übernehmen
Väter sehen sich mehr als je zuvor in einer verantwortlichen und zugewandten Rolle gegenüber ihren Kindern. Die große Mehrheit der Väter will heute ihre Kinder aktiv und beteiligt begleiten, erziehen und versorgen. Das weiss man aus Untersuchungen, die von der Praxis bestätigt werden. Väter wollen Verantwortung für ihre Kinder - die Rolle des Erziehungsassistenten wollen sie nicht. Sie wollen die Nummer Eins sein für ihre Kinder – nicht die einzige, aber die andere Num-

Väterzentrum Berlin e.V. Foto: E. Schäfer

„Das ganze Geschäft der Kindererziehung war einmal ein Frauengeschäft. Es war einmal! Die Zeiten haben sich wirklich geändert. Schauen Sie was wir Väter heute denken und wollen und was wir tatsächlich alles mit unseren Kindern tun. Es beeindruckt mich, hier andere Väter zu treffen und mich mit ihnen austauschen zu können.“ (Ingo, 40, ein Sohn)

Kontakt
Träger: Mannege e.V. Marienburger Str. 28 10405 Berlin - Prenzlauer Berg Tel.: (030) 28 38 98 61 E-Mail:info@mannege.de www.mannege.de

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„Starke Eltern-Starke Kinder®“
Elternkurse des Deutschen Kinderschutzbundes
Das Zusammenleben mit Kindern sowie die Erziehung und Begleitung von Kindern ist eine wunderbare, spannende Zeit. Zwischendurch ist diese auch anstrengend, weil Eltern sich verunsichert, hilflos oder auch überfordert fühlen. Der Kinderschutzbund bietet Eltern zur Unterstützung in der Erziehung den seit 1985 bewährten Elternkurs „ Starke Eltern - Starke Kinder®“ an. Inzwischen ist dies der am weitesten verbreitete Elternkurs Deutschlands. „Starke Eltern - Starke Kinder®“ vermittelt den anleitenden Erziehungsstil, der Kindern klare Orientierung gibt und sie in ihrer Selbständigkeit unterstützt.

Aufbau des Elternkurses in fünf Stufen
Die Inhalte des Elternkurses werden in fünf aufeinander aufbauenden Stufen vermittelt: 1. „Welche Werte und Erziehungsvorstellungen habe ich?“ 2. „Wie bin ich als Mutter/Vater, welche Stärken und Fähigkeiten habe ich?“ 3. „Wie kann ich mein Kind stärken?“. 4. „Wie kann ich eigene Bedürfnisse äußern, Grenzen setzen ohne verletzend zu werden?“ 5. „Wie können wir Konflikte in der Familie lösen?“ Eltern erfahren im Kurs durch Übungen, Austausch und Theorievermittlung, wie sie ihre Erziehungsverantwortung gestalten können, ohne körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und sonstige entwürdigende Erziehungsmaßnahmen anzuwenden. Jeder Kursabend wird umrahmt von einem einprägsamen Motto, wie zum Beispiel „Achte auf die positiven Seiten deines Kindes“. Er schließt mit einer Wochenaufgabe für die Eltern, die das Gelernte im Alltag erproben und festigen soll.

Berlinweit und mit spezifischen Themen
Der Elternkurs umfasst einen Zeitraum von acht bis zwölf wöchentlichen Terminen und findet sowohl abends, als auch als Vormittagskurs, mit oder ohne Kinderbetreuung statt. In Kooperation mit Schulen, Kitas, Familienbil-

dungsstätten und anderen Institutionen werden die Elternkurse berlinweit regelmäßig angeboten. Inzwischen ist das Ursprungskonzept des Elternkurses um spezifische Themen erweitert worden: es gibt den Elternkurs in türkischer Sprache, für Eltern mit Kindern in der Pubertät, für Patchworkfamilien und für Familien mit sogenanntem bildungsfernem Hintergrund.

Der Berliner Kinderschutzbund bildet in Kooperation mit der Paritätischen Akademie Berlin regelmäßig Fachkräfte zu Elternkursleiter/innen aus.
Katrin Hentze Elternkursleiterin und Trainerin

Kontakt
Tel.: 030-45802935 StarkeEltern @kinderschutzbund-berlin.de

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Elternbriefe
Rat und Hilfe für junge Eltern
„Warum weint mein Baby und wie kann ich es trösten?“ „Wann schläft es endlich durch?“ „Wie unterstütze ich mein Kind beim Sprechen lernen?“ „Was ist beim Übergang in den Kindergarten zu bedenken?“ „Wie helfe ich meinem Kind bei Problemen in der Schule?“
In 46 Elternbriefen unterstützt der Arbeitskreis Neue Erziehung e.V. junge Eltern bei der Erziehung ihres Kindes – vom ersten Lebenstag bis es acht Jahre alt ist. Weil die Briefe einzeln und passend zum Alter des Kindes mit der Post nach Hause kommen, sind sie immer genau dann zur Stelle, wenn Eltern sie brauchen. Dadurch kann oft vermieden werden, dass aus kleinen Schwierigkeiten größere Erziehungsprobleme werden.

Eltern fühlen sich entlastet
Eltern fühlen sich durch die Elternbriefe entlastet („Anderen geht es ja genauso!“) und in ihrer Erziehungskompetenz gestärkt. In einer 2000 vom Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband in Wolfenbüttel durchgeführten Befragung gaben achtzig Prozent der Eltern an, dass die Elternbriefe ihnen Sicherheit geben, 78 Prozent erhielten Anregungen zur Lösung von Problemen, 67 Prozent nahmen die Briefe zum Anlass für ein Gespräch mit dem Partner oder anderen Eltern.

60Jahre ANE: Jubiläumsfeier 2006 Foto: H. Rutschke

Auch in Türkisch
Für türkischstämmige Eltern hat der Arbeitskreis Neue Erziehung e.V. darüber hinaus 16 zweisprachige Elternbriefe entwickelt, in denen der Alltag einer jungen Einwandererfamilie im Mittelpunkt steht: Von der Geburt der kleinen Tochter Canan über die Kindergarten- und Grundschulzeit bis zum Übergang in die Oberschule werden die jungen Eltern bei allen ihren Fragen begleitet und unterstützt. Die Canan-Briefe werden durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie das Stadtju-

Bundesweit verteilt
Bundesweit werden in etwa 200 Städten und Gemeinden die Elternbriefe durch Jugendämter oder Freie Träger kostenlos verteilt. Sie werden gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie den Landesministerien von Berlin, Brandenburg, Bremen, NordrheinWestfalen, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt.

gendamt München gefördert und über ein Netzwerk von Jugendämtern und Migrantenorganisationen verteilt.
Dr. Gisela Steppke-Bruhn

Kontakt
Weitere Informationen über Elternbriefe: Arbeitskreis Neue Erziehung e.V. Boppstraße 10 10967 Berlin Tel.: 030 - 25 90 06 24, Fax: 030 - 25 90 0650 steppke-bruhn@ane.de www.ane.de

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Elternarbeit in Kindertagesstätten
Die Elternarbeit und die Elternbeteiligungsrechte in Kindertagesstätten (Kitas) sind mit den neuen rechtlichen Grundlagen, die seit Anfang 2006 gelten deutlich gestärkt worden. So heißt es im Berliner Bildungsprogramm (BBP), das die Grundlagen der pädagogischen Arbeit beschreibt: „Sie (die Eltern) sind die wichtigsten Bindungspersonen der Kinder, gegen sie kann Erziehung in Kitas kaum Erfolg haben. Die Eltern müssen für die wichtigsten Themen gewonnen werden und fast alle Eltern lassen sich auch gewinnen...“ des Kindes mit dem gegenseitigen Kennenlernen, vielen Gesprächen und dem anschließendem Entwicklungsgespräch weiter. Letzteres wird in regelmäßigen Abständen wiederholt. Auch die vielen Tür- und Angel-Gespräche und Elternabende sind in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen. scher Umsetzung in der Arbeit der Kita zu beteiligen.

Elternbeteiligung / Elternmitbestimmung
Ziel ist es, alle Eltern - insbesondere auch die Eltern nichtdeutscher Herkunft - verstärkt in den Prozess der pädagogischen Arbeit der Kita mit einzubeziehen. Dies ist möglich über verschiedene Gremien und Ämter in der Kita und im Träger. Weitergehende Mitwirkung haben Eltern in Elterninitiativ-Kitas. Hier bilden einige Eltern den Vorstand und sind somit der Träger der Einrichtung. Claudia Gaudszun Referentin Kindertagesstätten Tel.: 030-86001-179 gandszun@paritaet-berlin.de

Was gehört zur Zusammenarbeit?
Die Erzieherinnen erläutern den Eltern die Grundlagen, Ziele und Methoden ihrer pädagogischen Arbeit. Sie informieren sie regelmäßig über die Entwicklung ihrer Kinder in der Kita und ermöglichen Hospitationen. Sie ermutigen die Eltern, sich an Fragen der Konzeption und deren organisatorischer und pädagogi-

Die Zusammenarbeit mit Eltern
beginnt mit dem Erstgespräch. Sie geht in der Eingewöhnungsphase

Das „Rucksackprojekt“
Das SOS-Kinderdorf Berlin-Moabit
bietet im Rahmen der Familienbildung- und begegnung verschiedene Elternkurse zur Stärkung der Erziehungskompetenz. In angeleiteten wie selbstinitiierten Eltern-Kind-Gruppen tauschen sich Eltern über ihre Erfahrungen mit Erziehung aus. Manchmal finden sie dabei neue Zugänge zu dem Verhalten ihrer Kinder.

Förderung der Zweisprachigkeit im Elementarbereich
der zu beteiligen. Das SOS-Kinderdorf Berlin-Moabit setzt das „Rucksackprojekt“ in Zusammenarbeit mit der RAA (Regionale Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie e.V.) um. Dabei wirken Familienbildung und Kita in enger Partnerschaft zusammen. Die Elternbegleiterinnen regen die Mütter an, sich täglich zehn bis zwanzig Minuten mit ihren Kindern zu beschäftigen, mit ihnen zu basteln, zu spielen, zu singen. Die Übungen werden mit den Kindern in der jeweiligen Muttersprache durchgeführt und drehen sich um konkrete Alltagsthemen wie Kleidung, Essen, Familie. Die Kinder begegnen den gleichen Themen idealerweise auch in der Kindertagesstätte, wo sie vorwiegend Deutsch sprechen. Dies fördert die Sprachkompetenz der Kinder in doppelter Weise – in ihrer Muttersprache und in der deutschen Sprache, die sie für den Alltag benötigen. Vom dritten bis zum sechsten Lebensjahr ist das Sprachfenster der Kinder weit geöffnet. Wird die Muttersprache in dieser Zeit aktiv gefördert, kann die zweite Sprache schneller und nachhaltiger gelernt werden.

Elternbegleiterinnen tragen das Projekt
Es handelt sich dabei um Mütter mit Migrationshintergrund aus der Nachbarschaft, die sowohl die deutsche als auch die Herkunftssprache gut beherrschen und deren Kinder in der SOSKindertagesstätte betreut werden. Sie werden zu Elternbegleiterinnen ausgebildet. Jede Rucksack-Gruppe setzt sich zusammen aus etwa acht Kitamüttern und trifft sich einmal wöchentlich für zwei Stunden.

Das „Rucksackprojekt“
ist ein weiterer Beitrag zur Elternbildung und zur Förderung von Zweisprachigkeit für Drei- bis Sechsjährige in der Kita. Es zeigt, wie Eltern mit mehr oder weniger guten deutschen Sprachkenntnissen lernen können, sich aktiv am frühkindlichen Bildungsprozess und Spracherwerb ihrer Kin12 www.der-paritaetische.de 3 | 2008

mit ihnen genießen. Darüber hinaus gelingt es, diese Mütter für die Elternarbeit in der Kita zu gewinnen. Die Mütter und die Elternbegleiterinnen werden mit fortschreitendem Projektverlauf selbstbewusster und erfahren eine Stärkung ihrer Elternrolle. Ein Projektdurchgang dauert neun Monate. Für 2006/2007 war das Quartiersmanagement über das Programm „Soziale Stadt“ Geldgeber des Projektes, um die Honorare der Elternbegleiterinnen zu finanzieren. In diesem Jahr finanziert SOS-Kinderdorf e.V. das Projekt mit Eigenmitteln, da die Erfahrungen mit dem Projekt ausgesprochen positiv sind. Ein Folgeantrag wurde an „Soziale Stadt“ gestellt.
Barbara Winter Dagmar Becker Mütter im Rucksackprojekt des SOS-Kinderdorfes Berlin-Moabit Foto: SOS-Kinderdorf Berlin-Moabit

kontakt
SOS-Kinderdorf e.V. Berlin-Moabit Tel. 030 - 330 993 50 dagmar.becker @sos-kinderdorf.de

Von den Müttern sehr positiv aufgenommen
Die Mütter schätzen die konkreten Anregungen und den Erfahrungsaustausch sehr. Sie sehen die Übungen, die Anregungen und den Austausch als positive Orientierung zur Förde-

rung ihrer Kinder. Darüber hinaus sind sie dankbar über den gemeinsamen Austausch zu Erziehungsfragen, der immer wieder in die Stundengestaltung mit einfließt. Die Mütter stellen fest, dass sich ihre Kinder interessierter zeigen und die gemeinsame Beschäftigung, die gemeinsame Zeit

Erziehungspartnerschaft mit Eltern in der VAK-Kita
Wir gehen davon aus, dass alle Eltern die besten Entwicklungsmöglichkeiten für Ihre Kinder möchten. Es ist unsere Aufgabe als Pädagogen in der Kita den Eltern aufzuzeigen, wie das gelingen kann. Der erste Schritt dazu ist es, den Eltern zu verdeutlichen, dass sie die wichtigsten Menschen im Leben ihrer Kinder sind und wir in der Kita sie als Partner brauchen, damit der gemeinsame Erziehungsprozess gelingt. Die Grundlage der Erziehungspartnerschaft basiert auf gegenseitiger Achtung und auf Respekt. Wir setzen uns ernsthaft mit den Erziehungsvorstellungen der Eltern auseinander und machen gleichzeitig die Arbeit in der Kita transparent. lienangehörigen auf zu schreiben und einen „Stammbaum“ zu malen. Für diese Art der konkreten Zusammenarbeit sind die Eltern sehr offen und machen gern mit. Wir haben alle Projekte, die wir in einem Jahr mit den Vorschulkindern bearbeiten, aufgeschrieben und den Eltern erklärt was wir tun, was die Kinder lernen werden und was sie bei diesem Projekt als Eltern tun können. Natürlich bekommen die Eltern alle Hinweise und Bitten in der deutschen und der türkischen Sprache mitgeteilt.

Die Eltern sollen jederzeit wissen was wir tun und warum
Wir beziehen die Eltern in die tägliche Arbeit ein, indem wir ihnen konkret mitteilen, was sie zu einem bestimmten Projekt zu Hause mit ihren Kindern tun können. Bearbeiten wir zum Beispiel das Thema Familie, bitten wir die Eltern zu Hause gemeinsam mit ihren Kindern die Namen aller Fami-

Muttersprache der Eltern ist Türöffner
Alle Einladungen und Informationen sind zweisprachig. Alle Elternabende, Gesprächskreise, Entwicklungsgespräwww.der-paritaetische.de 3 | 2008 13

5-Jahres-Feier VAK-Kita

che werden zweisprachig oder in türkischer Sprache abgehalten. Wir fragen nicht, ob übersetzt werden muss, wir übersetzen einfach. Die Elternabende und Elterngesprächskreise sind immer gut besucht. Allerdings reicht es zur Motivation der Eltern nicht aus, sie nur schriftlich durch Briefe oder Aushänge einzuladen. Es bedarf immer der persönlichen Ansprache, erst

durch ein kurzes Gespräch mit der Erzieherin fühlen sich die Eltern tatsächlich eingeladen. Ein Aushang an der Info–Tafel ist zu anonym. Wichtig ist es, die Eltern zu fragen, welche Themen bei den Elternabenden oder im Gesprächskreis besprochen werden sollen. Die persönliche Einladung, Themen die Eltern selber bestimmen und die Gewissheit, dass der Abend

auf Türkisch läuft, sorgen dafür, dass die Eltern kommen und oft noch Nachbarn mitbringen.
Edith Giere Leiterin der VAK-Kitas

Kontakt
Tel. 030 – 618 65 74 VAK-Kitas@t-online.de

Kitas werden zu Familienzentren
von Hierarchiedenken geprägte Ichweiss-es-aber-besser-Haltung zählen, sondern gemeinsame Anstrengungen zur Förderung und zum Wohl des Kindes. Außerdem werden Angebote der Familienbildung integriert und Raum für Eigenbeteiligung geschaffen. Die intensive Zusammenarbeit zwischen Erzieher/innen und Eltern hat das Ziel, einen gleichberechtigten, aktiven und respektvollen Dialog zu etablieren. Der Inhalt basiert auf den kindlichen Lernprozessen. Die Erzieher/innen erkundigen sich auch bei den Eltern, was sie zu Hause beobachten, um diese Informationen in die pädagogische Planung einzubeziehen. Somit werden die Eltern als die Experten ihrer Kinder einbezogen und ernst genommen. Dieser Austausch findet in gemeinsamen Entwicklungsgesprächen und in der Bringe- und Abholzeit statt. Weitere Formen der Zusammenarbeit mit Eltern, die sich in die Kita-Arbeit einfügen, sind: ■ Eltern zur Hospitation einzuladen, ■ die aktive Teilnahme am täglichen Kita-Leben zu ermöglichen, ■ Eltern aktiv und praktisch zu beteiligen und Raum für Selbstverwirklichung anzubieten ■ Verschiedene Service- und Gruppenangebote für die Familien zu integrieren. Konzept wie das Berliner Bildungsprogramm umsetzen. Die jeweiligen Träger müssen sich verpflichten, eine Weiterbildung der Mitarbeiter und der Leitung zu ermöglichen und je nach Bedarf zusätzliche Mittel zur Verfügung zu stellen. Im Familienzentrum Schillerstraße und in etlichen Transfereinrichtungen hat sich der Ansatz inzwischen fest etabliert.

Familienzentrum Schillerstraße Foto: Kiezoase, Pestalozzi-Fröbel-Haus

Kinder- und Familienzentrum Schillerstrasse
Das Pestalozzi-Fröbel-Haus beschloss im Jahr 2001, ein Modellprojekt „Kinder- und Familienzentrum Schillerstraße“ in der Kita Schillerstraße zu starten. Bei dem Projekt stehen die Förderung der kindlichen Bildungsprozesse, die partnerschaftliche Einbeziehung der Eltern und die Öffnung in den Stadtteil im Mittelpunkt der Entwicklung. 2004 begann der Träger, das inzwischen erfolgreiche Konzept auf andere Kitas des Pestalozzi-FröbelHauses in Berlin zu übertragen. Als Vorbild und Orientierung für diese Neustrukturierung diente das Pen Green Centre in Corby, eines der ersten Early Excellence Centre (EEC) in England. Unterstützt wurde die Entwicklung durch die Heinz und Heide Dürrstiftung, Berlin. Den Eltern wird bei diesem Ansatz eine neue aktive und partnerschaftliche Rolle zugesprochen. Es geht darum, die spezifische Erziehungserfahrung der Eltern stärker als bisher einzubeziehen. Damit entsteht eine neue Qualität der Beziehung: Nicht der Defizitblick und eine

Ganzheitlich arbeiten
Elternpartizipation und Familienangebote sind inzwischen nicht mehr aus den Einrichtungen wegzudenken. In Gesprächen wird immer wieder geäußert, dass sich die Familien eine Kita ohne weiterführende Angebote gar nicht mehr vorstellen können. Der offene Charakter und die Vernetzungsstrukturen erfordert flexible und ganzheitliche Arbeitsweisen, die durch Fortbildung, Beratung und zusätzliche Ressourcen unterstützt werden müssen. Dann wird es möglich, Erziehungskompetenzen zu stärken, sich gemeinsam für das Wohl der Kinder einzusetzen und Übergänge von verschiedenen Familienphasen zu unterstützen.
Jutta Burdorf-Schulz Leiterin der Kiezoase – Zentrum für Nachbarschaft und Familien (PFH)

Voraussetzungen für Familienzentrum
Kitas, die zu Familienzentren werden wollen, müssen dafür die räumlichen Voraussetzungen mitbringen und ein ressourcenorientiertes pädagogisches

Kontakt
Tel. 030 – 217 302 74 burdorf-schulz@kiezoase.de www.pfh-berlin.de, www.kiezoase.de, www.pengreen.org

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Schulbezogene Jugendhilfe nicht ohne Eltern
Eltern müssen zwingend Adressaten von Angeboten schulbezogener Jugendhilfe sein. Häufig sind Eltern mit Erziehungs- und Bildungsaufgaben maßlos überfordert und selbst Ursache für viele Probleme von Schülerinnen und Schülern. Trotzdem stellt das Elternhaus in der Regel den Lebensmittelpunkt der Schüler dar. Fehlende Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus kann zur Verschärfung bestehender Problemlagen beitragen. Eltern und Lehrer, insbesondere bei Konflikten und Problemen zu unterstützen.
Foto: A. Bußler

Bildungserfolg setzt Elternaktivität voraus
Diverse Untersuchungsergebnisse belegen, dass Bildungserfolg in Deutschland eine aktive Erziehung und Unterstützung im und vom Elternhaus voraussetzt. Schulbezogene Jugendhilfe muss darauf abzielen, Eltern für Erziehungs- und Bildungsfragen zu interessieren und sie zur Zusammenarbeit mit Schulen zu gewinnen.

Verbindliche Handlungsgrundsätze zur Elternarbeit
Im Rahmen PARITÄTISCHER Qualitätsentwicklung erarbeiten Mitgliedsorganisationen in 2007 Grundsätze, die von den Trägern als verpflichtende Arbeitsgrundlage anerkannt werden. Damit beziehen sie Elternarbeit verstärkt in deren Planung und Konzepte ein. Zielsetzung dabei ist immer, zur Verbesserung der Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen beizutragen. Es geht darum, Eltern als „bereichernde“ Experten anzuerkennen und sie in die Gestaltung des „Lebensortes“ Schule einzubinden. Sie sollen gestärkt und ermutigt werden, wieder aktiver die Rolle der Erziehung, der Begleitung und Betreuung ihrer Kinder zu übernehmen und konstruktiv zu gestalten.

Schule und Eltern sprechen häu- ■ fig nicht dieselbe Sprache
Häufig beklagen Schulen allerdings, auch da wo Elternarbeit als zentrale Aufgabe verstanden wird, dass Eltern „unerreichbar“ bleiben. Gesprächsangebote werden ignoriert und es besteht ein scheinbares Desinteresse an den Bildungserfolgen ihrer Kinder. Dies betrifft meist die Kinder, die bereits durch „verhaltensoriginelle“ Aktivitäten umfassende Probleme mit Schule vorweisen. Dem jetzigen Schulsystem gelingt es häufig nicht, die hier notwendigen Kontakte zu den Eltern herzustellen.

gleitung zu andern Hilfsangeboten, Unterstützung von themenbezogenen Elternabenden Einbeziehung und Mitgestaltung, zum Beispiel Beteiligung an fachlichen Veranstaltungen, an Projekten, Aufbau von Elternnetzwerken, handwerkliche Hilfen.

Chancen und Grenzen
Akzeptanz finden diese Angebote häufig deshalb, weil Eltern freie Träger nicht mit der Institution Schule gleichsetzen. Beim Jugendhilfeträger steht nicht Leistung und Benotung des Kindes im Vordergrund. Eltern erhalten dort persönliche Unterstützung in Erziehungsfragen, wenn möglich auch in ihrer jeweiligen Muttersprache zum Beispiel durch Sprachmittler. Allerdings gelingt es auch Jugendhilfeträgern nicht, alle Eltern zu erreichen und sie kontinuierlich in eine weiterführende Zusammenarbeit einzubeziehen. Problematisch ist das immer dann, wenn Eltern kaum Zugang zur Lebenswelt ihrer Kinder haben und ihre erzieherischen Maßnahmen sehr fragwürdig sind wie körperliche Strafen. In einigen Fällen bleibt den agierenden Jugendhilfeträger dann nur, andere Behörden wie Jugendämter und Polizei kontinuierlich mit ins Boot zu holen. Elvira Kriebel Referentin Schulbezogene Jugendhilfe Tel. 030 – 86001-166 kriebel@paritaet-berlin.de

Mittlerfunktion und Angebotsvielfalt
Ohne Schule aus ihrer Verantwortung entlassen zu wollen, bieten PARITÄTISCHE Träger hier verschiedenste, auf die besonderen Belange vor Ort abgestimmte Unterstützungsangebote an. Diese sollen die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule verbessern, besonders auch in schwierigen Fällen. Beispiele hierfür sind:

Rechtlicher Auftrag
Während die schulischen Beteiligungsund Mitwirkungsrechte im Berliner Schulgesetz verankert sind, handeln die freien Träger der Jugendhilfe auf Grundlage des Kinder- und Jugendhilfegesetzes. Es sichert Eltern umfassende Unterstützungsleistungen in Erziehungsaufgaben zu. Nach den Berliner Ausführungsvorschriften sollen Jugendhilfeleistungen am Ort Schule dazu beitragen, die unterschiedlichen Lebensräume von Schule, Familie und Freizeit zu vernetzen sowie Schüler,

■ Gesprächs- und Beratungsangebote

sowie Begleitung, in Form von individueller Beratungsgespräche, Elternsprechtage, Hausbesuche, Be-

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Eltern unterstützen Eltern
Durch Umfragen die Wünsche erfahren
Vor fünf Jahren übernahm FiPP e.V.Fortbildungsinstitut für die pädagogische Praxis die Schulstation an der Fichtelgebirge Grundschule. Der Entstehung der Schulstation waren mehrere Umfragen der Eltern, Lehrerinnen und Schülerinnen im Wrangelkiez in Berlin Kreuzberg zum Thema „Bildung“ und konkret zum Thema „Miteinander an der Fichtelgebirge Grundschule“ vorausgegangen. Es kristallisierte sich schnell heraus, dass die Befragten sich einen Ort wünschten, an dem sie Hilfestellung in Form einer professionellen Beratung zu Erziehungs- und Bildungsfragen in türkischer Sprache erhalten. Aufgrund sprachlicher Barrieren war an der Fichtelgebirge Grundschule ein Informationsaustausch zwischen Lehrern und Eltern nur schwer möglich. Eltern mit Migrationshintergrund beteiligten sich nur schwach an Elternabenden und brachten sich im Schulalltag kaum ein. Bemühungen der Lehrer diese Lücke zu schließen gestalteten sich als schwierig. So schuf die FiPP-Schulstation einen Raume für Eltern - ein Elterncafé.

FiPP-Schulstation an Kreuzberger Grundschule
des Elterncafés aus. Inhalte waren unter anderem die Rolle der Eltern im Bildungsauftrag, Wertevorstellungen in Deutschland, Sprachentwicklung sowie Strategien bei Konflikten mit Kindern. In Gesprächsrunden, Einzel- und Gruppenarbeit, mit Übungen aus dem Anti-Bias-Ansatz und Unterstützung von externen Fachkräften wurden die Themenschwerpunkte vermittelt. Für eine gelungene Rückkopplung im Dialog zwischen Eltern und Lehrern war uns die Transparenz der Themeninhalte sehr wichtig. So konnten auch die Lehrer am Prozess mitwirken. ins Leben gerufen, um Eltern die Möglichkeit zu bieten sich untereinander in ihrer Sprache auszutauschen. Es erhielt im Oktober 2005 für seine aktivierende Elternarbeit den Integrationspreis. Um den Eltern zu signalisieren, dass ihr Einsatz willkommen sei, wurde von Seiten der Schulleitung die Cafeteria als feste Anlaufstelle zur Verfügung gestellt. Hier konnten Konfliktsituationen von Eltern, Schülern und Lehrern gelöst und sprachliche Barrieren abgebaut werden. So wurden Einladungen teilweise von Eltern mit den Klassenlehrern mehrsprachig vorbereitet, Eltern beteiligten sich am Pausenbrotverkauf.

Gegenseitiges Vertrauen entsteht
Die Zusammenarbeit leistet einen wichtigen Beitrag zur basisdemokratischen Struktur im Schulalltag. Wir möchten diese Form der Elternarbeit nicht mehr missen. Aufgrund des gegenseitigen Vertrauens ist es uns gelungen eine große Gruppe von Eltern zu integrieren. Kinder erleben ihre Eltern aktiv und vorbildhaft im Bildungsalltag und sehen zunehmend davon ab, sich den schulischen Verpflichtungen zu entziehen. Somit kommen wir gemeinsam einer ganzheitlichen Bildungserziehung immer näher.
Samantha-Laureen Lesniewicz

Eltern in der Schulstation Foto: FIPP e.V.

Sprachliche Barrieren abbauen
Zu dieser Zeit war ein türkisch sprachiger Pädagoge in der Schulstation tätig. Durch sein Engagement konnte er sprachliche Barrieren abbauen und das Vertrauen der Eltern gewinnen. Das Interesse der Eltern für die Schule ihrer Kinder wurde geweckt und ab dem Schuljahr 2003/2004 fand für die Eltern der ersten Klassen ein Mal im Monat ein türkisch sprachiges Elterncafé statt. Aufgrund des großen Anklangs fanden diese Gesprächsrunden ab dem Schuljahr 2004/2005 im ZweiWochen-Rhythmus statt. Die Themen richteten sich nach den Bedürfnissen und Wünschen der Eltern. Zum Teil suchten sie auch die Koordinatoren
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Eltern werden zu Multiplikatoren
Mit dem deutlich angestiegenen Elternengagement fand eine Multiplikatorschulung für dreizehn türkisch sprachige Eltern statt. Die Multiplikatoren entwickelten dadurch Kompetenzen zur Selbstorganisation, um mit ihrem erweiterten Wissen andere Eltern zu aktivieren und auszubilden. Dadurch wird ein langfristiger Erhalt der Elterninitiative gewährleistet. Die Eltern äußerten den Wunsch nach einer täglich geöffneten Anlaufstelle an der Fichtelgebirge Grundschule. Im September 2005 wurde daher das Projekt „Eltern unterstützen Eltern“ (EUE)

Kontakt
FiPP-Schulstation an der Fichtelgebirge-Grundschule Tel. 030 – 22 50 28 60 Schulstation-fichtel@fippev.de www.fippev.de

Interkulturelles Elterncoaching
Bildung eröffnet Chancen für ein selbstbestimmtes Leben. Bildungsdefizite drängen Menschen an den Rand der Gesellschaft. Dies trifft besonders bei bildungsfernen Migranten zu. Probleme in der Schule sind häufig die Folge von Problemen in der Familie. Um so wichtiger ist es, mit den Eltern problematischer Schüler in Kontakt zu kommen. Migranteneltern vermeiden jedoch den Kontakt mit den Schulen oft aufgrund eigener Ängste und negativer Erfahrungen. Sie vermeiden Situationen, in denen ihnen in bedrohlich empfundener Art und Weise gesagt wird, wie unmöglich sich ihr Kind in der Schule verhält und welche schlechten Noten es hat. Migranteneltern wissen in der Regel wenig über das deutsche Schulsystem. Sie sind oft hilflos und überfordert, allein angemessene Lösungen zu finden Hier setzt LebensWelt an, um verloren gegangene oder mangelnde Kompetenzen der Eltern zu bilden. LebensWelt verfügt über mehrsprachige MitarbeiterInnen, die ein qualifiziertes Elterncoaching auf der Programmgrundlage Starke Eltern – Starke Kinder® des Deutschen Kinderschutzbundes durchführen können. schieben. Da jedoch in der Gruppensituation nicht alle Themen angesprochen werden, ist das Einzelgespräch besonders wichtig, um am Lerndreieck Schüler, Eltern, Lehrer arbeiten zu können. Die interkulturelle Kurszusammensetzung ist trotz Übersetzungsschwierigkeiten wichtig, da der Austausch unterschiedlicher kultureller Erfahrungen bereichernd wirkt. Bei Kursbeginn verbindet Solidarität die Eltern. Zunehmend tritt das Schulschwänzen mit seiner besonderen Dynamik und Dramatik in den Vordergrund. Die besonders sensible Phase für die Schüler der sechsten Klassen in der Vorbereitung für den Übergang Grundschule-Oberschule ist zu berücksichtigen.

kurse, das Elterncoaching durchzuführen. Angesprochen werden gar nicht beziehungsweise schwer erreichbare Eltern. Der Druck auf diese Eltern ist teilweise groß, da schon Androhungen zu Schulversäumnisanzeigen vorliegen. Es gibt Auffälligkeiten wie Gewalt und Diebstahl bei den Jugendlichen. Das Team von LebensWelt or-

Fazit
Im Arbeitskontakt mit Schulen wird Elternarbeit als Wunsch an die Jugendhilfe herangetragen. Schulen allein sind mit dem Thema Schuldistanz überfordert und Hilfe wird dankbar angenommen. Wenn die Kommunikation und elterliche Schulpräsenz durch einen Mittler wieder hergestellt ist, gehen die Kinder und Jugendlichen wieder in die Schule und ihre Leistungen verbessern sich.
Hartmut Davin

Foto: G. Schuster

Ein Projektbeispiel
LebensWelt führt an der Hector Peterson Gesamtschule sechs Monate lang das Projekt „Interkulturelles Elterncoaching –Elternpräsenz“ durch. Das Team besteht aus zwei erfahrenen Fachkräften im beratenden interkulturellen Kontext. Sie sind mehrsprachig, der Einsatz von Dolmetschern ist daher nicht nötig. Ihre Aufgabe ist, Kontakt zu den Eltern aufzubauen und Eltern-

ganisiert regelmäßige Sprechstunden einmal wöchentlich. Es bietet Einzelberatung für Schüler, Eltern und Lehrer an. Zusätzlich finden zwei interkulturell zusammengesetzte Elternkurse statt. Außerdem gibt es fallbezogene Beratungstermine, Hausbesuche und häufig auch telefonische Beratung.

Elterncoaching aus der Sicht der Fachkräfte
Gesprächsoffen an Eltern, Schülerinnen und Lehrerinnen heranzugehen, ist praktikabel. Ein darüber hinausgehendes Bildungsangebot wie Elterncoaching erweist sich als geeignet, um elterliche Erziehungskompetenz zu stärken und Prozesse anzu-

Kontakt
Tel. 030 – 616 229 849 qm@lebenswelt-berlin.de www.lebenswelt-berlin.de

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Migration ist ein Familienprojekt
Zu dieser Erkenntnis kam im Jahr 2000 der sechste Familienber ic ht der Bundesregierung, der sich ausführlich mit Familien und ihren MigrationsgeMargret Pelkhofer-Stamm schichten beFoto: A. Bußler schäftigte. schließlich in einer Sprache kommunizieren? Wie macht man das mit der zweisprachigen Erziehung und wie können Eltern sich orientieren in einer Welt, in der es vielfältige Lebensentwürfe und Werte gibt? wieder neu Zutrauen in gesellschaftliche Institutionen gewinnen zu können. Elternvereine sind Mittler, Sprachrohre und Modelle für Eltern, wenn es darum geht, in Kitas und Schulen präsent zu sein, Verantwortung zu übernehmen und die Erziehung und Bildung ihrer Kinder zu unterstützen.

Elternarbeit als Schlüssel für Integration
Ohne Eltern geht es also nicht, wenn die Bildungs- und Ausbildungserfolge von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund verbessert werden sollen. Einrichtungen der Migrationssozialarbeit und Migrantenorganisationen sind im Kontakt zu den Eltern oft diejenigen, die nah am Alltag und den Lebenssituationen von Familien mit Migrationshintergrund dran sind. In ihre Einrichtungen kommen die Eltern, wenn sie Fragen haben oder Probleme auftauchen. Projekte, die von den Mitarbeitern der Migrationsdienste und –organisationen vermittelt oder angeboten werden, erreichen die Eltern, da sie diese in deren Sprachen ansprechen. Diese Einrichtungen erkennen an, dass Migrantenfamilien einem hohem Veränderungsdruck ausgesetzt sind und dass sie erst einmal so respektiert werden wollen, wie sie sind. Viele von ihnen haben Diskriminierungserfahrungen hinter sich und brauchen Mittler, um

Netzwerke knüpfen um Eltern zu stärken
Einrichtungen der Migrationssozialarbeit stoßen in der Beratung auf Sorgen und Nöte von Eltern. Sie informieren sie über Unterstützungsleistungen, vermitteln sie in entsprechende Einrichtungen oder Programme und begleiten sie durch Gruppen- und Selbsthilfeangebote. Einige führen in Kooperation mit Trägern der Jugendhilfe oder Familienbildung Elternprogramme oder -trainings durch, die sie zielgruppenspezifisch anpassen. Einiges davon wird in den folgenden Beiträgen exemplarisch dargestellt.

Erfolg ist abhängig von Bildung und Schicht
In den aktuellen Diskussionen, Programmen und Konzepten zur Integration von Minderheiten und zur Partizipation von Menschen mit Migrationshintergrund sind Eltern Schlüsselpersonen. Ohne den Kontakt zu ihnen, ohne ihre Ressourcen einzubinden und ihre Erziehungskompetenzen zu fördern, kann es keine Erfolge in der Sprachförderung oder Gewaltprävention, in den Bildungsund Ausbildungskarrieren geben. Chancen von Kindern und Jugendlichen, sich erfolgreich in dieser Gesellschaft ihren Platz zu erobern, hängen stark davon ab, wie Eltern ihre Kinder auf diesem Weg begleiten können. Erfolgreiche Migranten und ihre Familien schöpfen ihre Kompetenzen und Ressourcen ähnlich wie erfolgreiche Familien ohne Migrationshintergrund aus einer gesicherten sozio-ökonomischen Lage und einem hohen Bildungsstand. Familien, in denen die Eltern keine Zugänge zu Bildung und Arbeit haben, können ihren Kindern nicht die heute notwendigen Mittel zur Verfügung stellen. Migrantenfamilien geht es dabei nicht anders als den Nichtmigranten.

Margret Pelkhofer-Stamm Referentin für Migration Tel. 86001-177 pelkhofer@paritaet-berlin.de

Gesprächsgruppen für Mütter in arabisch und türkisch
Elisi Evi e.V. ist eine Einrichtung, die seit über zwanzig Jahren mit Migrantinnen arbeitet. Im Laufe der Zeit wurde der Bedarf für die Unterstützung der Mütter immer größer. Es entstanden kostenlose Gesprächsgruppen für Mütter in türkischer und arabischer Sprache. Die Kurse finden in den Räumen in der Wrangelstr. 22 in 10997 Berlin statt.

Unterschiedliche Traditionen und Familienbilder
Für Familien mit Migrationsgeschichten gibt es neben bildungs- und schichtspezifischen Erziehungkompetenzen oder -schwächen noch Themen, die im Zusammenhang mit unterschiedlichen Traditionen und Familienbildern stehen: Wie sollen Eltern ihre Kinder für eine Zukunft erziehen, deren Gegenwart ihnen schon fremd ist? Wie sollen Eltern sich entscheiden, wenn es um mehrere Sprachen geht, die ihr Kind lernen muss, sie selbst jedoch aus18 www.der-paritaetische.de 3 | 2008

Hauptthema Erziehung
Die Frauen können sich dort gegenseitig austauschen und werden fachgerecht zum Thema Erziehung begleitet. Dadurch sollen Entwicklung, Gesundheit und soziale Kompetenzen bei den

Kindern gefördert, sowie Problemen in emotionalen, verhaltens- und entwicklungsbezogenen Bereichen vorgebeugt werden. Ein regelmäßiges Kursangebot unterstützt die Mütter dabei, sicherer im Umgang mit ihren Kindern zu werden. Die Beziehung zu Ihrem Kind soll gestärkt und ein angemessenes Verhalten gefördert werden. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Erlernen eines positiven Umgangs mit unangemessenem Verhalten. Schwierigen Situationen soll vorgebeugt werden, was wiederum den innerfamiliären Stress verringert. Die einmal wöchentlich stattfindende Gruppe ist offen. Die Arbeitssprache ist deutsch und bei

Bedarf türkisch. Alle Kurse sind kostenlos. Interkultureller Umgang ist ein Schwerpunktthema, da die Frauen unterschiedliche kulturelle Kompetenzen mitbringen, die sie positiv in die Erziehung ihrer Kinder mit einfließen lassen können um bei den Kindern die eigene Identität und Zugehö-

rigkeit an die Gesellschaft, in der sie leben, zu stärken. Manchmal wird das Angebot von Frauen in akuten Situationen genutzt, von anderen Frauen wiederum als ein regelmäßig begleitendes Gruppenangebot.
Handan Kaymak

Kontakt
Elisi Evi e.V. Skalitzerstr. 50, 10997 Berlin Tel. 618 73 83 elisi-evi@gmx.de

Vietnamesische Migrationsberatung in Köpenick
Eine vietnamesische Weisheit lautet: „Kinder sind wie junge Bambussprossen, man soll sie vom Kleinkind an formen, damit sie zu einem geraden Bambus heranwachsen können.“ Um dieses Formen, gemeint ist die Erziehung, kümmern sich traditionell alle Familienmitglieder, also Omas, Opas, Tanten, Onkel, ältere Cousinen und Cousins. Auf die Kinder richtet sich die Aufmerksamkeit aller. Ihr Sozialverhalten und ihre Entwicklung werden stets beobachtet, geformt und begleitet. Nach konfuzianischen Grundwerten werden die Stellung jedes einzelnen Menschen und damit auch seine Pflichten gegenüber Anderen geregelt. Dabei ist der autoritäre Erziehungsstil in der vietnamesischen Gesellschaft für die Erziehung jedes Menschen von größter Bedeutung. Vietnamesische Eltern in Deutschland denken und handeln weiterhin nach diesen Prinzipien: Sie kämpfen für die finanzielle Absicherung der Familie, leisten Unterstützung für ihre Großfamilie in Vietnam und hoffen, dass ihre Kinder in diesem traditionellen Geist weiterleben. Sie erwarten von ihren Kindern bestmögliche Leistungen in der Schule, gute häusliche Pflichterfüllung und vorbildliches Verhalten in der Gesellschaft. nam fehlt. Sie neigen dazu, sich vor allem mit elektronischen Medien zu beschäftigen. Sie möchten nicht als Außenseiter der Gesellschaft gelten. Sie vergleichen ihr Leben ständig mit den bequemeren Lebensbedingungen ihrer deutschen Mitschüler und können die hohen Anforderungen ihrer Eltern nicht akzeptieren. Sie ziehen sich zurück, sind frustriert, ignorieren ihre Eltern, drohen ihnen und versuchen sogar, ihre Familien zu verlassen. Mit zunehmendem Alter nehmen diese Konflikte an Schärfe zu. Die in der Kleinkinderzeit sehr enge emotionale Verbundenheit mit den Eltern droht in der Pubertätsphase zusammenzubrechen. Sehr viele Eltern von Jugendlichen stehen auftretenden Erziehungsproblemen ratlos gegenüber. Sie sind bitter enttäuscht, weil ihre Kinder nicht das Ziel im Auge behalten, wofür sie sich eingesetzt haben. Einige Eltern neigen dazu, Gewalt anzuwenden, um sich durchzusetzen. der leben, besser kennenzulernen. Probleme, die im Zusammenhang mit der Pubertät auftreten, sollten mit einem größeren Maß an Toleranz gelöst werden. Die Eltern aber müssen auch lernen, tragFoto: U. Rust bare Regelungen zu treffen, Grenzen zu setzen und durchsetzen.

Zusammen mit anderen Institutionen vermitteln
Die enge Zusammenarbeit der Beratungsstelle mit Kindergärten, Schulen und dem Jugendamt Treptow-Köpenick gibt den Eltern mehr Sicherheit im Umgang mit solchen Einrichtungen. Gemeinsame Gespräche zwischen Sozialarbeiterinnen des Jugendamtes, der Beratungsstelle, den Eltern und Jugendlichen schaffen Voraussetzungen, um Konfliktsituationen zu lösen und Problemfällen vorzubeugen. Die Eltern wünschen sehr, dass aktive Freizeit- und Sportangebote für die ganze Familie und VietnamesischKurse für Kinder vor Ort am Wochenende möglich werden.
Vu Thi Nguyet Huong

Beratend vermitteln
In der Beratung geht es darum, mit den Eltern viel über die rechtlichen und emotionalen Unterschiede zwischen der vietnamesischen und der deutschen Gesellschaft zu sprechen. Ein Mittelweg muss gefunden werden. Das heißt, die Eltern müssen ihren autoritären Erziehungsstil ändern und dürfen nicht auf ihren hohen Anforderungen bestehen. Sie müssen darauf achten, eine größere Nähe zu ihren Kindern zu gestalten, mit den Kindern im Gespräch zu bleiben und sich in das Denken der Kinder hineinzuversetzen. Die Eltern sollten sich bemühen, das Umfeld, in welchem die Kin-

Kinder zwischen den Kulturen
Zwar erreichen vietnamesische Kinder überdurchschnittlich gute schulische Leistungen. Nach Ansicht der Eltern geben sie sich aber viel zu wenig Mühe. Die Kinder verbringen ihre Freizeit außerhalb von Kita oder Schule ziemlich allein. Die große Familie wie in Viet-

Kontakt
Vietnamesische Migrationserstberatung von abw-Dialog Tel. 535 01 74 dialog@abw-berlin.de

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Veli aktif – Türkische Eltern gehen in die Schule
„Veli aktif“ ist ein Projekt des Türkischen Elternvereins in Berlin-Brandenburg e.V. und startete im Schuljahr 2006/07 an einer Kreuzberger Grundschule. Es entstand aus der Idee „Von der Behandlung der Symptome zu Partizipation und Prävention“. Der Verein schloss mit drei Berliner Schulen Kooperationsverträge, um so die künftige Zusammenarbeit vor Ort zu besiegeln. Die hier geschilderten Beispiele und Erfahrungen beziehen sich auf die Situation an der Grundschule. sich an den Wünschen und Fragen der Eltern. Die Projektmitarbeiterin stellt sich bei den Eltern während der Zeit der Schulanmeldung vor, bei der Einschulungsfeier und dem ersten Klassenelternabend. Aus Anlass der religiösen, islamischen Feiertage wird der SchulElternarbeit im Robert-Koch-Gymnasium zum neuen Fach Ethik alltag durch ein geim Rahmen des Projektes Veli Aktif meinsames ZuckerFoto: T. Hüner festfrühstück für die Kinder der Schuleingangsphase be- punkt für türkische Mütter, steht jereichert. Auf Wunsch der Eltern wird doch auch den Vätern und allen andeTürkischunterricht für die Kinder or- ren Nationalitäten der Schule offen. ganisiert. Eine Arbeitsgruppe Erzie- Für die Väter müsste eine andere Form hungsvereinbarungen formiert sich, des Bezugs gefunden werden, da sie an der Lehrerinnen und Eltern teilneh- teilweise vom Schulalltag entfernter zu men. Sie soll in Form eines Vertrages sein scheinen als die Mütter. für alle Eltern mit Beginn des neuen Ein großes Hindernis ist der Einsatz Schuljahres verbindlich sein. von MAE-Kräften, die nur befristet anDas Projekt kooperiert mit allen Schul- wesend und zu eigenen Weiterbilakteurinnen. Es vermittelt Nachhilfe dungskursen verpflichtet sind. Ständiin Gruppen. Die Projektmitarbeiterin ger Wechsel der Personen erschwert nimmt an Schulhilfekonferenzen teil die Arbeit für alle Akteure der Schule. und vermittelt dort und bei anderen Die Gründung einer AG ErziehungsLehrer-Eltern-Gesprächen. Sie forciert vereinbarungen, die sich aus Eltern Aufbau und Pflege eines Netzwerkes und Lehrkräften zusammensetzt ist von Schule, Kiez und anderen sozialen ein weiterer spannender Beitrag zur Einrichtungen. Es entsteht ein Ange- Elternarbeit der Schule und zur Schulbotsflyer speziell für die Eltern. entwicklung.

Die Kernpunkte des Projekts
sind Präsenz vor Ort, persönliche Ansprache der Eltern, Partizipation der Eltern und Prävention. Präsenz vor Ort heisst, dass die Projektmitarbeiterin als „bekanntes Gesicht“ anwesend und ansprechbar ist. Sie kennt die Gegebenheiten der Schule und ist mit den Informations- und Kommunikationsstrukturen vertraut. Die Vernetzung im Kiez und die Kenntnis der dortigen sozialen Dienstleistungen gehören ebenso zur Präsenz vor Ort. Die persönliche Ansprache der Eltern geschieht durch mehrsprachige schriftliche und telefonische Einladungen zu Veranstaltungen in der Schule sowie durch telefonische „Erinnerungsaktionen“ ein bis zwei Tage vor einer Veranstaltung. Dazu zählt auch die Zusammenarbeit mit den Elternvertreterinnen und Mundpropaganda. Präsenz und persönliche Ansprache sind erste Schritte, um Eltern an Schule zu binden und für eine Partizipation am Schulalltag ihrer Kinder zu gewinnen.

Erfahrungen
Die aktive Einbeziehung der Eltern in den Schullalltag ist mit längerfristiger Perspektive einzuplanen und wächst mit jedem Jahrgang neu eingeschulter Kinder. Diese Form der Elternarbeit an den Schulen ist sehr zeit- und personalintensiv. Eine tägliche Anwesenheit in der Schule wäre wünschenswert. Nichtsdestotrotz kann die Einrichtung des Elterncafés als Erfolg bewertet werden. Das Café wird nach Anfangsschwierigkeiten gut angenommen. Frauenfrühstücke entwickelten sich dort. Es ist ein täglicher Treff-

So viel steht fest: Um erfolgreich zum Ziel zu gelangen bedarf es eines langen Atems, viel Geduld und Zeit und der Gelassenheit, auch Misserfolge in Kauf zu nehmen.
Dorothea Illi

Was passiert Neues an der Schule?
Ein täglich geöffnetes Elterncafé wird eingerichtet und gemeinsam mit einer Elternvertreterin geführt. Es gibt Beratungsangebote und thematische Elternabende. Die Themen orientieren

Kontakt
Türkischer Elternverein in Berlin-Brbg. e.V. Projektkoordination: Turgut Hüner Tel: 030-614 32 99 tuerkischerelternverein@t-online.de

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Verein Stadtteil VHS

Lernangebote für Eltern im Stadtteil
Im Nordosten des Berliner Bezirks Schöneberg agiert der Verein zur Förderung stadtteilnaher Volkshochschularbeit mit seinen Nachbarschaftseinrichtungen Stadtteilladen Halk Kösesi, Pallasladen, dem Kooperationsprojekt PallasT, Sprachkursen, Beschäftigungsmaßnahmen, Selbsthilfegruppen, Frauengruppen, Computerschulungen, Familienarbeit, Schülerläden und Kindertagesstätten tätig. Unterstützt von Menschen aus der internationalen Nachbarschaft und getragen von interkulturellen Teams bietet er an die Nachfrage aus dem Stadtteil angepasste Aktivitäten für Kinder, Jugendliche, Erwachsene, ältere Menschen, für Frauen, Mädchen, Jungen, Nachbarinnen und Nachbarn deutscher Herkunft und aus aller Welt. dem Alltag aufgegriffen werden. Viele Eltern nehmen zuerst an einer Einzelveranstaltung mit einem bestimmten Themenschwerpunkt teil. Gerade die Veränderungen im Leben der Kinder haben sich hier angeboten. Besonders erfolgreich sind Themen aus dem Gesundheitsbereich für Eltern sehr kleiner Kinder, zur Erziehung von Kindern im Vorschulalter und in der Pubertät und zu Fragen der Bildung. Entscheidend für den großen Erfolg dieser Angebote sind die Referentinnen und Referenten. Sie haben meist selbst einen Migrationshintergrund, sind fachlich im jeweiligen Thema Experten und finden eine gemeinsame Sprache mit den Eltern: Das ist nicht unbedingt die Herkunftssprache der Eltern - meist sind die Teilnehmer aus unterschiedlichen Herkunftsländern sondern die Fähigkeit, mit den Eltern trotz unterschiedlichem kulturellen und sozialem Hintergrund eine Ebene zu finden und eine Möglichkeit, sich mit ihren besonderen Fragen und Anliegen einzubringen und sie zu ermutigen. muss auch das Thema „fremd sein“ angesprochen werden. Es hat sich herausgestellt, dass die übergeordneten Erziehungsziele der Eltern meist sehr unabhängig von den Herkunftskulturen sind. Sie herauszuarbeiten macht selbstbewusst. Unabhängig davon, ob in den Gruppen türkisch, kurdisch, arabisch oder in den inzwischen häufig gemischten Kursen Deutsch gesprochen wird, ist es immer wieder ein Anliegen der Eltern, sicherer zu werden in Gesprächen über ihre Kinder, mit Erziehern, Lehrern oder anderen. Sie möchten Informationen haben und ihre Ansicht über ihre Kinder so einbringen können, dass das Gegenüber sie versteht. Diesem Bereich haben wir in allen Gruppen Raum gegeben.

Lernangebote für Eltern haben Tradition
in der stadtteilorientierten Bildungsund Sozialarbeit des Vereins. Sie sind grundsätzlich offen für Nachbarinnen und Nachbarn mit und ohne Migrationshintergrund und gehen besonders auf die Bedürfnisse von Menschen mit geringem Bildungshintergrund oder schwierigen Perspektiven ein. Es hat sich als erfolgreich herausgestellt, Angebote dort anzuknüpfen, wo es bereits Bezugspunkte zu Eltern und Familien und deren Anliegen und Problemen gibt: In den Kitas, der Jugendarbeit, aber auch sozialer Beratung, bei Sprachkursen, Angeboten für Arbeitslosen und Nachbarschaftsangeboten. Dort kommen wir mit den Eltern ins Gespräch und können herausfinden, an welchen Themen ein gemeinsames Interesse besteht. Auf diese Weise schaffen wir es, meist erfolgreich für die Kurse zu werben. Intensiv mit den ständigen Betreuern zusammenzuarbeiten, falls die Eltern in feste soziale Zusammenhänge eingebunden sind, hat sich als unabdingbar erwiesen. Dadurch können verschiedene Aspekte des Zusammenlebens mit Kindern aus

Teilnehmer und günstige Zeiten
An einigen Gruppen nehmen nur Mütter teil. Einige Gruppen sind gemischt, wobei nur selten Elternpaare teilnehmen. Väter sind zwar gern an besonderen Informationsabenden interessiert, jedoch nur in geringem Umfang an besonderen Kursangeboten für Väter. Die Kurszeiten richteten wir nach den Bedürfnissen der Eltern. Der Vormittag bietet sich an, weil die Kinder dort betreut sind und die Eltern Zeit haben. Wenn Eltern berufstätig sind, haben sich Kurse am Wochenende bewährt. Kinderbetreuung ist dann Bedingung. Aus den Erfahrungen der einzelnen Kurse heraus haben wir die Angebote immer wieder verändert und verbessert.
Enver Sen Annette Maurer-Kartal

Regeln gemeinsam festlegen
Die Kurse brauchen einen klaren Aufbau. Mit den Eltern müssen die Schwerpunkte für die Termine beim ersten Treffen abgesprochen werden. Regeln für die gemeinsame Arbeit gehören ebenso zu den Fragen, die beim ersten Treffen geklärt werden müssen. Arbeitsformen für die gemeinsame Arbeit wie Partnerarbeit und Kleingruppenarbeit müssen eingeführt werden und teilweise auch berücksichtigt werden, dass Mütter und Väter nicht geübt sind, sich an Diskursen zu beteiligen.

Kontakt
Verein zur Förderung stadtteilnaher Volkshochschularbeit e.V. Tel. 030 – 787 040 50 info@vereinstadtteilvhs.de www.vereinstadtteilvhs.de www.der-paritaetische.de 3 | 2008 21

Fremd sein
Eltern sind gerade, wenn sie zwischen den Kulturen Erziehungsarbeit leisten, sehr verunsichert. Immer wieder

Familienbildung in Nachbarschaftsheimen und Stadtteilzentren
In den letzten Jahren verzeichneten viele Stadtteilprojekte in Berlin eine bedeutende Entwicklung in der Arbeit mit Vätern. Es etablierten sich Vätergruppen mit Männern mit Migrationshintergrund. Die Zielsetzung ist ähnlich. Es geht um Aktivierung, Beratung und Stärkung der Erziehungskompe-

Arabische Väter im Aufbruch

Erziehungsarbeit als hochwertige Aufgabe vermitteln? Ein Großteil der Väter mit denen wir arbeiten, hat nicht die klassische Gastarbeiter-Laufbahn. Mehr als die Hälfte der Bewohner im Steinmetz-Kiez kam als Flüchtlinge aus dem Libanon, Kurdistan und der Türkei. Fundierte

Vätern und einen Vorschub an Vertrauen. Sehr schnell wurde auch deutlich, dass eine professionelle Bildungsarbeit sich intensiver mit den dort stiefmütterlich behandelten Themen wie Vater-Kind-Beziehung befassen muss.

Beratung und Gruppenaktivität
Die zwei Säulen der Väterarbeit mit Migranten sind Beratung und Gruppenaktivität. Die Einzelberatung war der Schlüssel für den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses. Das Beratungsangebot wurde von Anfang an gut angenommen. Bei der Beratung im Einzelgespräch geht es darum, Familienthemen wie Partnerschaftsprobleme, Suchtprobleme - insbesondere Spielsucht -, finanzielle und soziale Existenzängste zu thematisieren und weitere kompetente Partner im Netzwerk vorzustellen. Väterarbeit mit pädagogischer Ausrichtung bedeutet, eine Gruppenakti-

Die Neugestaltung des Spielhofes wird geplant

Foto: B. Heppner

tenz. Lediglich in der Umsetzung gibt es Unterschiede.

Die Vätergruppe entsteht
Im Januar 2005 gründete sich die Vätergruppe im Nachbarschaftstreff Steinmetzstraße im Rahmen des Projektes „Beratung und Aktivierung von Menschen mit Migrationshintergrund“. Das Projekt wird getragen von der Kiezoase Schöneberg e.V. des PestalozziFröbel-Hauses in Kooperation mit dem Quartiersmanagement und dem Jugendamt. Aktivierung der Väter mit Migrationshintergrund ist heute das formulierte Ziel für die Institutionen Jugendamt, Schule und Quartiersmanagement-Projekte. Die Fragen der ersten Stunde waren: Wie können wir die besonderen Bedürfnisse der Zielgruppe genau erfassen und die Väter sensibilisieren, sich stärker am Erziehungsprozess der Kinder zu beteiligen? Und wie können wir
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Kenntnisse über die politischen und kulturellen Hintergründe sind von großer Bedeutung in der Arbeit mit Minderheiten.

Erfahrung von Migrantenorganisationen nutzen
Für die Väter ist ein Forum für Austausch und Kommunikation das wichtigste Ziel. Väter benötigen dringend Anlaufstellen, wo sie Beratung bekommen, etwas über die sozialen Angebote im Kiez erfahren und sich mit anderen Vätern außerhalb der Männer-Cafés austauschen können. In den Migrantenorganisationen wird dies praktiziert. Dort wird neben der Pflege der Herkunftskultur über Politik, Sport und Erwerbstätigkeit gesprochen. Die genaue Beobachtung und sogar Zusammenarbeit mit solchen Vereinen und Organisationen war sehr wichtig. Der Dialog mit ihnen gab uns eine wichtige Grundlage für die Arbeit mit

Arabische Vätergruppe in der Kiezoase Foto: B. Heppner

vität zu etablieren, die Wissen zu den verschiedenen Entwicklungsphasen der Kinder, Erfahrungsaustausch mit anderen Vätern, Reflexion von eigenem Erziehungsverhalten, sowie Beteiligungsmöglichkeiten im Kiez und Gremien aufzeigen kann.

In der Arbeit wurde deutlich, dass der Ansprechpartner unbedingt ein Mann mit Migrationshintergrund sein muss und über fundierte Beratungskompetenz verfügen sollte. Die Beratungszeiten und Angebote wurden im Kiez systematisch vorgestellt. Von Anfang an wurde deutlich, dass die Ankündigung durch Flyer und Aushänge nicht ausreicht. Kommunikationsfähigkeit, vor allem Kommunikation auf Augenhöhe und Fingerspitzengefühl sind ratsam und sehr wichtige Qualitätsmerkmale.

Arabische Vätergruppe in der Kiezoase

Foto: B. Heppner

Freitagnachmittage bieten sich an
Väterbildung findet am besten im Rahmen von regelmäßigen wöchentlichen Treffen statt, um alle Themen umfassend zu behandeln und auf die speziellen Wünsche und Bedürfnisse der Teilnehmer eingehen zu können. Wir haben uns für einen festen Termin, jeden Freitag um 17 Uhr, entschlossen. Die Wochenendstimmung soll die Bereitschaft der Teilnehmer verstärken, ihre Kinder mitzubringen. Die Kinder sollen künstlerisch gefördert werden. Die Anwesenheit der Kinder regt die Männer zur Diskussion an und entlastet die Mütter. Auch soziokulturelle Aktivitäten wie Kinobesuche, Ausstellungsbesuche und Filmvorführungen zu kulturellen und erzieherischen Themen wirken sich positiv auf das Zugehörigkeitsgefühl zur Vätergruppe aus. Inzwischen beteiligen sich viele Männer an wichtigen Veranstaltungen

wie Elternkongress, Integrationstag, Deutsch-Arabische und Deutsch-Türkische Veranstaltungen. Auch in der Diskussion über Bildung und Beteiligung in der Schule ist die Bereitschaft höher.

Perspektiven der Väterarbeit
Die Menschen brauchen Zeit, um in einer Gesellschaft anzukommen. Noch mehr Zeit braucht die Entstehung von Institutionen, die sich mit spezifischen Themen auseinandersetzen. In diesem Jahr werden wir mit anderen Akteuren der Väterarbeit einen Openspace organisieren. Wir wollen uns über die unterschiedlichen Erfahrungen und Lösungsansätze austauschen. Für die Verbesserung der Lebensverhältnisse und für die Perspektiven der Familien ist die Väterarbeit ein Fundament in der Einwandererstadt Berlin.
Hamed Nasser Leiter der Vätergruppe

Engagierte Väter im Stadtteil
In der Gruppe beteiligen sich einige Anwohner im dritten Jahr. Diese Multiplikatoren oder bewegte Väter sind für die Stabilisierung und Selbstständigkeit von enormer Bedeutung für das Projekt und das gesamte Netzwerk. In der Stadtteilarbeit übernehmen sie ehrenamtliche Funktionen wie Straßenfeste, handwerkliche Tätigkeiten in Kunstprojekten und Betreuung von Nachhilfezirkeln für die Schüler. Die Vätergruppe ist in der Lage, mit unterschiedlichen Kooperationspartnern eigene Veranstaltungen zu organisieren. Ihr Beitrag zur Verbesserung des sozialen Umfelds wirkt sich nachhaltig auf die Stimmung im Stadtteil aus.

Kontakt
Nachbarschaftstreff Steinmetzstraße Kiezoase e.V. Tel. 030 – 75 60 47 92 steinmetz@kiezoase.de www.kiezoase.de

Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V.

Arbeit mit Eltern nicht deutscher Herkunft
In den Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen des Nachbarschaftsheimes Schöneberg e.V. ist die Arbeit mit Eltern nicht mehr wegzudenken. Eltern die zum Teil aufgrund eigener Integrations- und Sprachschwierigkeiten ihre Kinder kaum angemessen unterstützen können, nehmen Gesprächsangebote unserer Mitarbeiter dankbar an und suchen gemeinsam mit diesen nach Lösungen für auftretende Schul- und Erziehungsprobleme.

Das Kinder- und Jugendzentrum VD13
dessen Elternarbeit hier vorgestellt wird, liegt inmitten einer Siedlung des sozialen Wohnungsbaus. Der Anteil

von Familien mit Migrationshintergrund liegt bei 45 Prozent. Größtenteils stammen die Familien aus der Türkei. Zu den Regelangeboten des Kinderund Jugendzentrums zählen die offene Arbeit, Kurs- und Projektangebote, freiwillige Mitarbeit, Ferienprojekte, Reisen und Beratung. Darüber hinaus stellen die verschiedenen Forwww.der-paritaetische.de 3 | 2008 23

Je nach Intensität der Problemlage werden die Hilfesuchenden von den Mitarbeitern der Einrichtung beraten oder aber an weiterführende und spezialisierte Beratungsstellen vermittelt. Eine Begleitung der Eltern zu weiterführenden Hilfsangeboten oder zu einem Vermittlungsgespräch in Schulen wird ebenfalls angeboten.

Elterncafé seit einem Jahr
Da sich die Erziehungsthemen der Eltern ähneln, bietet das Kinder- und Jugendzentrum VD13 seit einem Jahr ein Elterncafé an. Hier treffen sich Eltern, die interessiert sind, von anderen Eltern zu erfahren, wie sie mit Erziehungsanforderungen umgehen, wie sie Belastungssituationen standhalten und welche Haltung sie zu Themen wie Freundschaft, Medienkonsum, Jugendkultur, Sexualität, Taschengeld und Drogen haben. Moderiert und thematisch eingeleitet wird das Elterncafé von einer Pädagogin mit türkischem Migrationshintergrund. Dies schafft besonderes Vertrauen bei den 15 türkischstämmigen Müttern, die zur Zeit das Elterncafé besuchen. Finanziert wird das Angebot der niedrigschwelligen Elternarbeit nach § 16 KJHG.

Elternarbeit im VD13, Nachbarschaftsheim Schöneberg Foto: VD13

men der Elternarbeit eine Bereicherung für die Kinder- und Jugendarbeit dieser Einrichtung dar.

Mit Schularbeitshilfe begann es
Erste Formen der Zusammenarbeit mit Eltern entstanden durch das Angebot der Schularbeitshilfe. Das Angebot besteht bereits seit 15 Jahren und wird gegenwärtig von rund sechzig Kindern und Jugendlichen genutzt. Die Finanzierung des Angebots erfolgt nach Paragraph 13.1 KJHG/ Jugendsozialarbeit. In den Schularbeits- und Integrationsgruppen des VD 13 werden die Teilnehmer gefördert eigenständig zu lernen, kommunikative und soziale Kompetenzen zu entwickeln und sich gegenseitig zu unterstützen. Die erworbenen Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen sollen dazu beitragen den zukünftigen schulischen, beruflichen und gesellschaftlichen Anforderungen besser gewachsen zu sein. Um dies zu verwirklichen, ist die Unterstützung und Mitarbeit der Eltern unerlässlich. In verbindlichen Sprechstunden erarbeiten die Mitarbeiter des Hauses gemeinsam mit den Eltern Kri24 www.der-paritaetische.de 3 | 2008

terien für lernfreundliche Bedingungen im Familienalltag. Sie entwickeln Strategien im Umgang mit schulischen Anforderungen und beschäftigen sich mit der Beziehung zwischen Lehrern und Elternhaus.

Rat bei Erziehungsfragen
Durch das entstandene Vertrauensverhältnis kam es immer häufiger vor, dass Eltern über die schulischen Belange hinaus die Mitarbeiter um Rat in allgemeinen Erziehungsfragen baten. Eine niedrigschwellige Elternberatung mit sechs Stunden wöchentlich wurde eingerichtet. Sie bietet den Eltern die Möglichkeit, Probleme, die sich im Erziehungs- und Familienalltag ergeben, anzusprechen und mit den Mitarbeitern gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Themen, die die Eltern beschäftigen, sind: Lebensphasen der Kinder – Schuleintritt, Pubertät, Berufseintritt – , Anforderungen durch mehrere Kinder und deren verschiedene Bedürfnisse, familiäre Probleme, Taschengeld und Konsumverhalten, Medien und Gewalt, Alkoholund Drogenmissbrauch, Einkommenssituation und Versorgung der Familie.

Erziehungspartnerschaft entsteht
Die Elternarbeit im Kinder- und Jugendzentrum VD13 hat den Beteiligten mehr Sensibilität für die Lebensrealität von Kindern und Jugendlichen gebracht. Sie stärkt die Erziehungsund Bildungskompetenz. Mit ihr ist eine verlässliche Erziehungspartnerschaft zwischen Eltern und Mitarbeitern der Einrichtung entstanden.
Aylâ Kiratli Leitung Schularbeitsgruppen/Elternarbeit

Kontakt
Tel. 030 – 756 060 23 VD13@nachbarschaftsheimschoeneberg.de www.nachbarschaftsheim-schoeneberg.de

Frauenkurse im Nachbarschafts- und Selbsthilfezentrum in der ufafabrik
damit ein persönlicher Austausch gewährleistet ist. Dass die Kurse (noch) voll ausfinanziert und für die Frauen kostenlos sind, ist ein entscheidender Faktor. Wir bewerben die Kurse in unserem Jahresprogramm, in Kitas und Schulen und auch über die Presse. In unseren Kursen behandeln wir über zehn Doppelstunden jeweils einen Themenkomplex. und seine Konsequenzen, Notengebung, Zeugnisse, Beurteilungen, Elternarbeit, Elternbeteiligung, außerschulische Förderung, Hilfen bei Schulproblemen.

■ Weitere Themen sind:

Frauenkurs Foto: NUSZ ufafabrik

Sprachorientierung, Gesundheit, Alltagsbewältigung und Orientierung im Stadtteil, Lebensplanung (berufliche und soziale Integration)

Bereits seit zehn Jahren
Die niedrigschwelligen Frauenkurse bietet das Nachbarschaftszentrum ufafabrik seit über zehn Jahren in Kooperation mit dem Verein für Internationale Jugendarbeit Stuttgart erfolgreich an. Die Frauenkurse zur Integration ausländischer Frauen unterscheiden sich in ihrer Zielsetzung von den Sprach- und Orientierungskursen (§§ 10 - 13 IntV) durch ihre Niederschwelligkeit. Sie orientieren sich an der Lebenswelt von Migrantinnen und berücksichtigen deren individuelle Bedürfnisse. Die Frauen werden dort abgeholt, wo sie stehen und auf Basis von Vertrauen und Offenheit dazu ermutigt, ihre Lebenssituation zu reflektieren, realistische Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln und erste Schritte aus einer häufig als unbefriedigend erlebten Situation heraus zu tun. Durch den geringen Zeitaufwand und die wohnortnahen Angebote lässt sich der Besuch der Kurse auch für Mütter kleiner Kinder realisieren.

Bis zu fünf Kurse jährlich und kostenlos
Oft nehmen die Teilnehmerinnen an mehreren Kursen mit verschiedenen Themen teil. Bis zu fünf in einem Jahr sind möglich. Unsere Kursleiterinnen sind nicht unbedingt DAF (Deutsch als Fremdsprache) –Lehrerinnen. Vielmehr ist es uns wichtig, dass sie in der Lage sind, sich auf die Situation der Frauen in den Kursen einzustellen und die Kursinhalte immer wieder individuell an die in der Gruppe vorhan-

Die wichtigsten Themenkomplexe
Rollenverständnis als Frau in Deutschland und im Herkunftsland; Was ist Deutschland für mich/meine Familie? Auseinandersetzung mit migrationsbedingten Trennungs- und Verlusterfahrungen (Familie, Freunde, Herkunftsland), deren Wirkungsweise (Trauma und Trauer in der Migration, Angst, Unsicherheit, Abkapselung)

■ Biografiearbeit

■ Sprache und Erziehung

Auch bildungsungewohnte Frauen erreichen
Um auch bildungsungewohnte Frauen zu erreichen, finden Kurse außer im Familientreffpunkt auf dem Gelände der ufafabrik auch in unseren Kitas und kooperierenden Grundschulen statt. Bei zehn Teilnehmerinnen pro Kurs sind die Gruppen klein genug,

- Sprachentwicklung und Spracherwerb (Rolle und Aufgaben der Eltern), Sprachförderung, Sprachanregung (mit Verweis auf Kindertageseinrichtungen, Kindertagespflege, sowie andere Unterstützungs- und Orientierungsangebote, wie in der Familienbildung und -hilfe und im Gesundheitswesen), - Erziehungsstile und -fragen (gewaltfreie Erziehung, Grenzen setzen, Trotzphase, Loben), Umgang mit Medien (Fernsehen, Video, PC), Jugend – Pubertät und die Rolle der Väter

denen Kenntnisse anzupassen. Sie verfügen über vielfältige Qualifikationen, wie Ethnologin, Politologin, Yogalehrerin, Referentin für Deutsch als Fremdsprache, Heilpraktikerin. Der Verein für internationale Jugendarbeit bietet einmal im Jahr Fortbildungen für die Berliner Kursleiterinnen.
Christine Kettler Projektleiterin

Kindergarten (Zweck, Lerninhalte, Auswahl), Schulsystem (verschiedene Schularten, Übergänge, Abschlüsse), Einschulung, Schulfähigkeit, Schulpflicht, Fernbleiben vom Unterricht

■ Bildungssysteme

Kontakt
NUSZ Nachbarschafts- und Selbsthilfezentrum in der ufafabrik e.V. Tel. 030 – 755 031 22 kettler@nusz.de www.nusz.de www.der-paritaetische.de 3 | 2008 25

Präventive und therapeutische Hilfeangebote der Jugendhilfe
Präventive Hilfeangebote der Jugendhilfe sollen insbesondere stationäre Unterbring u n g s a n geb ote von Kindern und Jugendlichen verhindern. Sie zeichnen sich Foto: A. Bußler dadurch aus, dass sie frühzeitig einsetzen, die Eltern, Kinder und Jugendlichen bei der Bewältigung ihrer Probleme unterstützen, nachhaltige Wirkungen erzielen und die Integration der Familien in die Gesellschaft unterstützen. Die hier zu Wort kommenden Träger der Familienhilfe und der ambulanten therapeutischen Hilfen sind ein wichtiger Bestandteil der präventiven Hilfe- und Unterstützungsangebote der ambulanten Hilfen zur Erziehung. Sie tragen dazu bei, dass Kinder und Jugendliche den allgemeinen Anforderungen in der Familie, der Schule und beim Übergang von der Schule in den Beruf entsprechen können. Insbesondere bei Drogenmissbrauch,Teilleistungsstörungen wie Legasthenie und Dyskalkulie sind die ambulanten therapeutischen Hilfen ein unverzichtbarer Bestandteil des notwendigen Hilfeangebotes nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG). Beide Störungen haben in Deutschland bisher keinen Krankheitswert und werden daher nicht von den Krankenkassen finanziert. Die Betroffenen sind somit auf die Unterstützung der Jugendämter angewiesen, da die Eltern in den meisten Fällen nicht in der Lage sind, die Kosten für solche Therapien zu tragen. grund kommt den ambulanten therapeutischen Hilfen für betroffenen Kinder und Jugendliche - nach Schätzungen immerhin fünf bis acht Prozent eines Jahrganges - eine Schlüsselstellung innerhalb der ambulanten Hilfen zu.

Kostengünstig und trotzdem gekürzt?
Die bisher erfolgten Kürzungen bei diesem Hilfeangebot der ambulanten erzieherischen Hilfen um mehr als dreißig Prozent sind nicht hinnehmbar. Schon in der Vergangenheit kamen in vielen Bezirken von Berlin die Hilfeangebote nicht bedarfsgerecht zur Anwendung. Dies ist nicht mehr zu akzeptieren, da gerade diese Hilfeangebote vergleichsweise kostengünstig sind und keine Kosten für die stationäre Unterbringung anfallen. Selbst die Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung stuft diese Leistungsangebote als „vergleichsweise kostengünstige Leistungen“ ein (vgl.: Drucksache 16/11548 des Abgeordnetenhauses Berlin v. 21.01.2008). Konrad Koschek Referent für Jugendhilfe Tel. 030-86001-167 koschek@paritaet-berlin.de

Nicht-Förderung und ihre Folgen
Ambulante therapeutische Hilfeangebote nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz, zu denen auch Familien- und Lerntherapieangebote gehören, bieten den betroffenen Kindern und Jugendlichen eine adäquate Unterstützung bei ihren Problemen. Die Folgen einer Nicht-Förderung sind kontraproduktiv und gravierend: Bereits im Kindesalter fallen die Betroffenen durch mangelndes Selbstbewusstsein, Aggression und eine Vielzahl psychischer Störungen auf. Sie erhalten häufig keinen Schulabschluss, geraten durch die nicht vorhandenen Berufschancen ins soziale Abseits und verursachen der Gesellschaft erhebliche Kosten. Nicht wenige Fälle enden in der Kriminalität. Vor diesem Hinter-

Opstapje – Schritt für Schritt
Opstapje ist ein in den Niederlanden entwickeltes präventives Förderprogramm für Kinder ab 18 Monaten und deren Eltern. Es wird in Berlin-Lichtenberg durch das Jugendamt finanziert und gehört dort zu den PAZI-Projekten, das bedeutet: Präventive Angebote zur Integration junger Menschen und ihrer Familien im Vorfeld von Hilfen zur Erziehung. Der Kinder- und Jugendhilfe-Verbund gGmbH Berlin führt das Programm durch.
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Die erste Runde für 47 Familien begann im November 2006 und endet im April 2008. Eine Weiterfinanzierung durch das Jugendamt ermöglicht es, im Jahr 2008 weitere 45 Familien in das Programm aufzunehmen.

Hausbesuche und Gruppentreffen
Opstapje dauert eineinhalb Jahre, 30 Minuten wöchentlich bzw. 45 Minuten

vierzehntägig. Es ist für die teilnehmenden Eltern kostenlos. Opstapje setzt auf Laienhelferinnen, häufig Migrantinnen, die die Familien regelmäßig zu Hause besuchen. Sie machen Eltern und Kinder in der gewohnten Umgebung mit den Möglichkeiten spielerischen Lernens vertraut. Die Hausbesucherinnen erhalten fachliche Anleitung und Begleitung durch eine pädagogisch qualifizierte Projektkoordinatorin.

Gruppentreffen bei Opstapje Foto: Kinder- und Jugendhilfe-Verbund gGmbH

Ergänzt zu den Hausbesuchen finden Gruppentreffen der Eltern im vierzehntägigen Rhythmus in Soziokulturellen Zentren statt. Dort werden familienbezogene Angebote im Stadtteil vorgestellt. Eltern können sich austauschen und mit anderen Eltern vernetzen.

anregende Spielmaterialien mit. Auf diese Weise sollen sich Spielund Lernerfahrungen der Kinder erweitern und differenzieren. Darüber hinaus lernen die Eltern oder Mütter, mit ihren Kindern fördernd, bestätigend und ermutigend zu sprechen. Ein Schwerpunkt ist die Sprache und das Lernen der Sprache.

Wie werden die Eltern erreicht?
Der Kontakt zu den teilnehmenden Familien wurde zur Hälfte über schon in das Programm aufgenommene Familien und über die Kinderärzte des Bezirkes hergestellt. Der Rest der Familien wurden über Aushänge in Einrichtungen freier Träger und über Einrichtungen des Bezirksamtes Lichtenberg akquiriert, über verteilte Flyer in den Nachbarschaftszentren, bei Kiezfesten und auf Spielplätzen.

Die Bilanz ist positiv
Mitarbeiterinnen und Familien beurteilten das Programm überwiegend positiv. Nach Einschätzung aller Beteiligten haben sich die Kinder gut entwickelt, die Eltern-Kind-Beziehung wurde gestärkt und die Eltern haben deutlich an Selbstsicherheit in ihrem Erziehungsverhalten gewonnen.
Dipl.-Päd./Psych. Angelika Ingendorf Projektkoordination

An wen richtet sich Opstapje?
Mit Opstapje gelingt es, sozial benachteiligte und bildungsferne Familien für ein Angebot der Familienbildung zu gewinnen und kontinuierlich zu begleiten. Ein Drittel der Familien, die momentan am Programm Opstapje teilnehmen, haben einen Migrationshintergrund. 49 Prozent der teilnehmenden Eltern sind allein erziehende Mütter. Vierzig Prozent haben keinen Schulabschluss. Und von den 47 teilnehmenden Familien beziehen 35 Familien ausschließlich staatliche Transferleistungen.

Eltern anregen und anleiten
Das wichtigste Ziel des Programms ist, die Mutter- bzw. Vater-Kind-Interaktion zu verbessern. Die Eltern erhalten Anregungen zum altersgemäßen Spiel mit dem Kind. Sie lernen kreative Spielmöglichkeiten kennen, die wenig oder gar nichts kosten. Die Laienhelferinnen bringen dazu altersgerechte,

Kontakt
Kinder- u. Jugendhilfe-Verbund gGmbH Siegfriedstr. 204 c, 10365 Berlin Tel. 030 – 613 90 70 a.ingendorf@kjhv.d

Miteinander in Vielfalt neue Wege gehen
Die ambulante Familienhilfe ...
... interveniert befristet und lösungsorientiert in einem familiären System, um Krisen zu überwinden und Alltagsprobleme zu bewältigen. Überforderung und Frustration erzeugen Wut und Depression, schwächen das familiäre Gefüge und steuern die Familie in die gesellschaftliche Isolation. Es bleibt kaum Zeit für das gemeinsame Erleben von Eltern und Kindern. In der krisenhaften Familiensituation

Hilfen für Migrantenfamilien
Im Hinblick auf Hilfen für Familien mit Migrationshintergrund arbeitet Kompaxx seit Jahren mit einem interkulturellen und integrativen Ansatz. Dabei stehen nicht die kulturellen Unterschiede im Vordergrund. Jede Familie lebt ihre spezifische Familienkultur. Das Alltagsleben basiert auf Glaubenssätzen, Weltbildern und Traditionen. In Sprache, Werten und Gebräuchen, sowie der Art und Weise, wie
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sind die Kinder oft alleingelassen und auf sich selbst gestellt. Der Einsatz einer ambulanten Familienhilfe erfolgt nach der Feststellung des erzieherischen Bedarfs durch den Sozialpädagogischen Dienst eines bezirklichen Jugendamts.

sind. Neben einer hohen Methodenkompetenz ist deren eigene Haltung von entscheidender Bedeutung, ebenso wie die Einbindung in das multiprofessionelle Team. Es arbeiten Fachkräfte aus neun unterschiedlichen Herkunftsländern und eine fachliche Leiterin nichtdeutscher Herkunft partnerschaftlich zusammen. Das Wissen über vielfältige kulturelle Hintergründe fließt so in die tägliche Arbeit ein. Fallreflexionen, Ressourcen- und Risikoanalysen, kollegiale Beratung, Qualitätszirkel und Supervision sind ebenso Inhalte der Zusammenarbeit, wie auch die Zusammenarbeit nichtdeutscher und deutscher Fachkräfte.

Vernetzung
Eine wirksame Intervention zugunsten der Familien setzt das Zusammenwirken mit anderen Angeboten, Diensten und Institutionen voraus. Diese Vernetzung erfordert sowohl die genaue Kenntnis der vielfältigen Angebote als auch vertrauensvolle persönliche Kontakte. Die Vermittlung der Familien insbesondere an niedrigschwellige Angebote der Familienbildung sowie die Einbindung in soziale formale und auch informelle Netzwerke, sind unverzichtbare Elemente der ambulanten Familienhilfe.

Zeichnung: Kompaxx e.V.

Familienmitglieder miteinander umgehen, manifestiert sich Kultur im Alltag.

die Erfahrung von Gestaltungskraft und Lebenskontrolle gespeichert ist.

Den Dialog suchen
Der Einsatz findet direkt vor Ort in der Lebenswelt der Menschen statt, ob sie nun einen Migrationshintergrund haben oder nicht. Wir begegnen den einzelnen Familienmitgliedern ohne Bevormundung in gegenseitigem Respekt. Wir hören zu und versuchen zu verstehen, fragen nach und vergewissern uns, ob wir deren Botschaften wirklich richtig verstanden haben. Unser Wissen entsteht auf diese Weise immer aufs neue im Dialog mit den Familien. Am Anfang steht das sensible sich Hineinfinden in die Lebenswelt der Eltern. Die Dynamik des Beziehungsgeflechts und die Problemzusammenhänge werden geklärt. Die Lebensgeschichte wird reflektiert und die Ursachen für ein oft empfundenes Ohnmachtsgefühl werden erkundet. Im Bewusstsein der Eltern wird eine Selbstwahrnehmung gefördert, in der
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Lebenspraktische Unterstützung
Ausgehend von der Motivation der Eltern bewegt sich die Suche nach Mitteln zur Problemlösung und Alltagsbewältigung vom näheren bis in das entferntere Umfeld des familiären Netzwerks. Die Eltern erhalten lebenspraktische Unterstützung bei der Ordnung von Wohnung und Haushalt, der Regulierung von Schulden und Finanzen sowie Begleitung zu Ämtern und Institutionen. Der gedankliche Vorgriff auf neue Lebenskonstrukte, die den aktuellen Bedürfnissen angemessen sind, regt die Familie zu Veränderungsprozessen und einer Verbesserung der Lebensqualität an.

Hilfe zur Selbsthilfe
Durch Unterstützung und Beziehungsarbeit, durch Einbindung, Mitwirkung und eigenverantwortliche Durchführung aktiviert die ambulante Familienhilfe lebensgeschichtlich verschüttete Potentiale zur Selbsthilfe. Bei einem günstigen Verlauf wird die Familie dahingehend befähigt, selbstständig tätig zu werden, um die aufgetretenen Probleme zu lösen. Im besten Fall werden die eigenen Lebensverhältnisse ohne weitere professionelle Hilfe bewältigt.

Fachkräfte mit Persönlichkeit und hoher Professionalität
Dieser von uns gelebte Ansatz stellt hohe Anforderungen an unsere Fachkräfte, deren Professionalität und Persönlichkeit gleichermaßen gefragt

Kontakt
Kompaxx e.V. Tel. 030- 355 046 57 gerhard.lueer@kompaxx.de www.kompaxx.de

Gerhard Lüer Geschäftsführer

Das Legasthenie-Zentrum Berlin e.V.

„Ich habe Legasthenie, o.k.!“
Reportage von Franziska Reinisch
Sebastian schaut konzentriert auf den Computerbildschirm. Immer wieder fallen neue Buchstaben von oben nach unten. Manche Buchstaben sind verdreht, andere stehen auf dem Kopf. Nachdem anfangs ein Wort kurz aufleuchtete, ist es nun Sebastians Aufgabe, die herabfallenden Buchstaben in die richtige Lage und entsprechende Position innerhalb des vorgegebenen Wortes zu bringen. Zuerst übt Sebastian das Spiel langsam. Wenn er Sicherheit in der Anordnung der einzelnen Buchstaben gewonnen hat, wird nach einiger Zeit die Geschwindigkeit erhöht. „LETRIS“ nennt sich das Spiel nach dem Computerspiel-Klassiker Tetris. Vor dem Computer sitzen Sebastian, 13 Jahre, und der Psychotherapeut Wolfgang Nutt, der ihn seit anderthalb Jahren im Legasthenie-Zentrum Schöneberg e.V. betreut. Der Therapieraum von Wolfgang Nutt wirkt ruhig und entspannend. Nur das große Regal mit den vielen übereinander gestapelten Spielen fällt auf. Auf der anderen Seite gibt es einen Computer und eine gemütliche Sitzecke. Sebastian kam hierher, nachdem bei ihm Legasthenie diagnostiziert wurde. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits in der sechsten Klasse der Grundschule. Seine schulischen Leistungen waren schlecht. Die Lehrer waren der Meinung, Sebastian sei nur zu faul zum Lernen. Mit dem nötigen Fleiß könne er es schaffen. versuchte er dann, die Wörter zu erraten, statt sie zu lesen. Beim Schreiben ließ er Buchstaben, Wörter oder Wortteile aus, fügte neue hinzu oder vertauschte sie. Er verdrehte ähnlich aussehende Zeichen wie b-d, p-q, u-n und konnte ähnliche Laute wie d-t, g-k, b-p nicht unterscheiden. Weil er viel zu langsam las, schaffte er es auch nicht, Leseaufgaben in anderen Fächern zu erfüllen. Somit fielen seine Noten nicht nur in Deutsch, sondern auch in Fächern wie Geschichte oder Geographie unterdurchschnittlich aus. Weil Sebastian merkte, dass Lernen nicht hilft, seine Leistungen zu verbessern, war er lustlos und außerdem erschöpft von der großen Anstrengung. Sebastian fühlte sich abgestempelt, als einer, der zu dumm ist. Dass Sebastian aber bereits mehr lernte als seine Mitschüler, interessierte die Lehrer nicht. Dabei ist es bereits ein deutliches Zeichen, wenn die Kinder mit Übung, Nachhilfeunterricht und anderen Fördermaßnahmen die Lernrückstände nicht überwinden können, dass eine ernsthafte Lernstörung vorliegt. Sebastians weitere schulische Laufbahn war für die Lehrer vorprogrammiert. Wolfgang Nutt erzählt, dass viele Schulabbrecher Jugendliche mit nicht diagnostizierter Legasthenie sind. Wenn den Kindern die notwendige schulische, familiäre und therapeutische Unterstützung fehlt, führt die Legasthenie zu einem geringeren Niveau bei Schulabschlüssen, Berufsausbildungen und einer erhöhten Arbeitslosigkeit.

Sebastian und Wolfang Nutt Foto: F. Reinisch

einen Intelligenztest, der eine geistige Behinderung ausschließen sollte sowie einen Lese- und einen Rechtschreibetest. Bei Sebastian wurde ein Intelligenzquotient von 124 festgestellt. Wolfgang Nutt berichtet, dass Abiturienten durchschnittlich einen Intelligenzquotienten von 111 haben. In dem Lese- und dem Rechtschreibtest fiel das Ergebnis jedoch unterdurchschnittlich aus. Auf Grund dieser Diskrepanz konnte bei Sebastian eindeutig Legasthenie festgestellt werden. Seitdem für Sebastian die Diagnose feststeht, ist ihm eine Last von den Schultern gefallen. Er weiß jetzt, er ist nicht dumm oder zu faul. Ihm ist auch klar, dass es nicht einfacher werden wird, denn Legasthenie wächst sich nicht einfach mit dem Alter aus. Legasthenie ist unheilbar. Sebastian kann in der Therapie mit Hilfe von Wolfgang Nutt lernen, Strategien zu finden, mit denen er seine Schwierigkeiten kompensieren kann.

Wie kommt es zu Legasthenie
Legasthenie ist eine komplexe Störung, der möglicherweise verschiedene Ursachen zugrundeliegen. Einig sind sich die Neurowissenschaftler darüber, dass Legasthenie in den meisten Fällen eine genetisch verursachte Gehirnfunktionsstörung ist. Bei mindestens der Hälfte aller Fälle ist auch ein Elternteil oder ein anderes Familienmitglied betroffen. Außerdem ist die Genforschung inzwischen in
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Die Lernstörung erkennen und ernst nehmen
Von Legasthenie betroffenen Menschen wie Sebastian fällt es schwer, Zeichen und Laute zu unterscheiden, sie miteinander zu verknüpfen und sich zu merken. So las Sebastian viel zu langsam, erkannte Buchstaben und Wörter nicht richtig. Oft

Mit der Diagnose fällt eine Last von seinen Schultern
Durch einen Zufall las Sebastians Mutter einen Beitrag über Legasthenie und stellte ihn daraufhin bei einem Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten vor. Dieser machte mit ihm

Schulen häufig zu wenig informiert
Den Schulen fehlen oft Informationen darüber, wie Legasthenie erkannt werden kann und wie die betroffenen Kinder unterstützt werden können. Nachdem die Lehrer an Sebastians Grundschule sein Problem ignorierten und ihn als faul und dumm abstempelten, hatte er das Glück auf eine Gesamtschule zu wechseln, in der sich die Lehrer mit Legasthenie auskennen. In seiner Klasse sind sogar insgesamt fünf Legastheniker. Sie bekommen zusätzlichen Förderunterricht. Wenn sie es einmal nicht schaffen, einen Text vollständig im Unterricht zu lesen, fassen andere Mitschüler den Inhalt für sie zusammen. Was ist Legasthenie? Legasthenie gilt offiziell in der internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) als umschriebene Entwicklungsstörung der Lese- Rechtschreib-Fertigkeiten bei einer normal entwickelten Intelligenz. Unterschieden wird zwischen der LeseRechtschreibstörung und der isolierten Rechtschreibstörung. Merkmal der Lese-Rechtschreibstörung ist eine Beeinträchtigung in der Entwicklung der Lesefertigkeiten und damit sehr häufig verbunden auch der Rechtschreibung. Die Lesefähigkeit verbessert sich zunehmend in der späteren Kindheit und im Erwachsenenalter, die Rechtschreibproblematik bleibt meist bestehen. Diagnostisches Merkmal der isolierten Rechtschreibstörung ist die Entwicklungsstörung der Rechtschreibfertigkeit ohne eine umschriebene Lesestörung.

gen und Lehrer mit einer lerntherapeutischen Zusatzqualifikation. Dadurch können für die hilfesuchenden Familien maßgeschneiderte Beratungs- und Therapieangebote zusammengestellt werden.

Wandgestaltung im Therapieraum Foto: F. Reinisch

Ganzheitliche Entwicklungsförderung
Das Legasthenie-Zentrum bietet die Integrative Lerntherapie sowie die Psychotherapie mit Übungsanteilen an. Eine Integrative Lerntherapie, kommt dann in Frage, wenn Kinder und Jugendliche eine Legasthenie oder eine Dyskalkulie, eine Entwicklungsverzögerung des mathematischen Denkens, haben, aber keine weiteren schweren psychischen Beeinträchtigungen aufweisen. Das Legasthenie-Zentrum versteht die Integrative Lerntherapie als eine ganzheitliche Entwicklungsförderung. Lernfortschritte werden immer in Verbindung mit dem psychischen und physischen Wohlbefinden des Kindes gesehen. Die Grundlage der Arbeit zwischen Therapeuten und dem Kind ist eine Beziehung, in der sich das Kind angenommen fühlt und in der sein Selbstwertgefühl gestärkt wird. Daher wird zu Beginn jeder Therapie ein individueller Förderplan für das Kind erstellt. Es wird geschaut, was das Kind kann, wo es steht und wo Unterstützungsbedarf besteht. Hier spielt es eine Rolle, ob eher die auditive oder die visuelle Wahrnehmung des Kindes betroffen ist. Sebastian leidet unter einer visuellen Wahrnehmungsstörung. So kann er zwar Laute und Silben ohne Probleme auditiv wahr nehmen, zuordnen und unterscheiden, aber nur schlecht die räumliche Lage von Buchstaben erkennen und unterscheiden.

der Lage, die Gene zu identifizieren, die an der Störung beteiligt sind. Nur in wenigen Fällen ist eine körperliche Erkrankung wie häufige Mittelohrentzündungen oder eine Frühgeburt die Ursache für Legasthenie. Durchschnittlich fünf Prozent der Bevölkerung sind von der Lese-Rechtschreibschwäche betroffen. Die Diagnose wird von den Schulpsychologischen Beratungsstellen, den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Diensten des Gesundheits- und Jugendamtes der Bezirke oder von den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Abteilungen einiger Berliner Kliniken durchgeführt.

Gesetzlicher Anspruch auf Therapie
Entsprechend der Diagnose wird dann eine Therapieform empfohlen. Die Kosten für die Therapie übernimmt allerdings nicht die Krankenkasse, da Lese- und Rechtschreibschwäche nicht als Krankheit gilt, sondern das Jugendamt. Leider erfolge die Kostenübernahme nicht in allen Bezirken problemlos, erzählt Uwe Spindler, der Geschäftsführer des Legasthenie- und Familienzentrums e.V. Oft wissen die Eltern gar nicht, dass ihr Kind laut SGB VIII §§ 27 und 35 a einen gesetzlichen Anspruch auf eine Therapie hat. Er empfiehlt daher, sich bei einem unabhängigen Träger über die Möglichkeiten und die rechtliche Grundlage einer Kostenübernahme zu informieren. Experten empfehlen eine Therapiedauer von zwei Jahren, in der sich Patient und Therapeut zweimal in der Woche treffen. Auch mit dieser Empfehlung gehen die Jugendämter unterschiedlich um.
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Das Legasthenie-Zentrum hilft
Im Legasthenie-Zentrum Berlin e.V. arbeiten an 9 Standorten circa 60 Therapeuten. Sie sind überwiegend Psychotherapeuten mit verschiedenen Zusatzqualifikation wie Lerntherapie, Gesprächstherapie, Familientherapie, Mediation, Atemtherapie oder Gestalttherapie. Außerdem arbeiten im Legasthenie-Zentrum zahlreiche Pädago-

Neugierde und Freude am Lernen wecken
Ziel der Integrativen Lerntherapie ist es zu allererst, Motivation, Neugier und Freude am Lernen wieder zu erwecken. Dies haben die Kinder durch permanentes Wiederholen des immer gleichen Lernstoffes und durch ständige Negativerlebnisse oft verloren. In die Lerntherapie fließen verschiedene päd-

Was ist Dyskalkulie? Der Begriff Dyskalkulie bezeichnet eine Lernstörung, die durch eine schwere Beeinträchtigung der Zahlenverarbeitungs- und Rechenfertigkeiten gekennzeichnet ist. Die hiervon betroffene Kinder sind weder dumm noch faul. Ihnen fehlen vielmehr erfolgreiche Strategien im Umgang mit Mengen und Zahlen agogische und psychologische Konzepte ein. Da Lernen als aktiver Prozess mit allen Sinnen und in Bewegung verstanden wird, können die Kinder Erfahrungen im Bereich der Körperwahrnehmung sammeln. Dazu gehören beispielsweise Übungen in Rhythmik, Gleichgewicht und motorische Koordination, Anspannung und Entspannung. Für die Förderung der Vorstellungsfähigkeit im kognitiv-mathematischen Bereich ist das Raum- und Richtungserleben besonders bedeutsam. Ziel der Integrativen Lerntherapie ist der Aufbau effektiver Lese- und Rechtschreibstrategien. Orientiert an den Stufen der Lese- und Rechtschreibentwicklung des Kindes bieten die Übungen eine breite Grundlagenförderung in den unterschiedlichen Bereichen Sprach- und Schriftsprachgestaltung. Bei emotionalen psychischen Belastungen, die einhergehen mit einer Lese-Rechtsschreibstörung oder Dyskalkulie, empfiehlt sich eine Psychotherapie mit Übungsanteilen. Dabei wird die Psychotherapie mit lerntherapeutisch ausgerichteten Übungseinheiten ergänzt. Sie hilft Kindern, die unter ihrer Lernstörung so stark leiden, dass sie psychische Auffälligkeiten zeigen. Oder aber Kinder durchleben aufgrund äußerer Bedingungen wie Scheidung der Eltern, Verlust eines Familienmitglieds oder anderer emotionaler Belastungen schwere seelische Krisen. Dann kann auch vorübergehend eine Lernstörung wie Legasthenie auftreten. Oft haben sich seelische Beeinträchtigungen, emotionale Reaktionen und ungünstige Verhaltensweisen bei den Kindern und

Jugendlichen bereits stark verfestigt oder die schwierige Situation zu Hause oder in der Schule belasten ein Kind zusätzlich, dann kann eine Psychotherapie entlastend, ausgleichend und entspannend wirken. Im Mittelpunkt steht die therapeutische Beziehung. Die Kinder und Jugendlichen werden darin gestärkt, eigene Bedürfnisse und Gefühle zu erkennen sowie innere Hemmnisse zu überwinden. Dadurch ist es ihnen wieder möglich, schwierige Anforderungen in der Schule, in der Familie oder mit Gleichaltrigen zu bewältigen Bei Störungen, die im Zusammenhang mit familiären Problemen stehen, bietet das Legasthenie-Zentrum auch Familientherapie an. Welche Therapieform geeignet ist, darüber können sich Betroffene in einem kostenlosen und unverbindlichen Erstgespräch beraten lassen.

Verbesserung nicht bewilligen. Das im Schulgesetz verankerte Recht auf einen Nachteilsausgleich, welches einen Katalog von verschiedenen Möglichkeiten wie Notenbefreiung oder Förderunterricht für die betroffenen Schüler anbietet, gilt nur bis zur neunten Klasse. Einen Nachteilsausgleich bekommen Betroffene erst wieder während des Studiums. Aber wie sollen sie die Hürde des Abiturs schaffen? Legastheniker haben einen ganz normalen IQ, einige von ihnen sogar einen überdurchnittlich hohen IQ. Es gibt Schriftsteller, Juristen und Professoren, die Legastheniker sind. Im späteren Berufsleben muss Legasthenie nicht zwingend ein Problem sein. Mit Unterstützung von Rechtschreibprogrammen und Sekretärinnen können Legastheniker die Störung gut kompensieren. Vor Sebastian liegt noch ein weiter Weg. Er hat noch keinen konkreten Berufswunsch. Viel wird davon abhängen, wie sich seine nächsten Schuljahre gestalten, zunächst ohne Therapie und später auch ohne Nachteilsausgleich. Aber die Diagnose Legasthenie und die Therapie haben sein Selbstbewusstsein gestärkt, sich den schulischen Schwierigkeiten zu stellen.

Mit Legasthenie lernen zu leben
Sebastian hat sich positiv entwickelt. Er erzählt, dass er jetzt manchmal, wenn er Lust hat, mit seiner Mutter Harry Potter liest. Auch für die Mutter ist es einfacher, nachdem die Ursache für Sebastians Leistungsschwäche geklärt ist. Eine weitere Kostenübernahme wird das Jugendamt auf Grund der

Therapieladen e.V. Familientherapeutische Angebote für suchtgefährdete und abhängige Jugendliche
Der Therapieladen e.V. wurde 1985 als bundesweit einzigartiges ambulantes Therapieprojekt speziell für Konsumenten von Cannabis und anderen Partydrogen gegründet. Die Einrichtung hat sich zur Aufgabe gemacht, Jugendliche und Erwachsene mit problematischem oder abhängigem Cannabis- und Partydrogenkonsum möglichst frühzeitig ambulant-therapeutisch zu unterstützen. Hierbei hat sich ein integrativer psychotherapeutischer Ansatz bewährt, der Suchtprobleme im Kontext von anderen Störungen versteht und behandelt sowie insbesondere bei Jugendlichen die Familie und andere relevante Bezugspersonen mit einbezieht. Der Therapieladen ist außerdem in der Suchtprävention tätig und beteiligt sich aktuell an dem internationalen Familientherapieforschungsprojekt INCANT.

Jugendspezifischer Therapieansatz
Die therapeutische Arbeit mit jugendlichen Drogenkonsumenten erfordert andere therapeutische Vorgehensweisen und Rahmenbedingungen als mit
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erwachsenen Süchtigen. Aus diesem Grund wurde im Therapieladen ein ambulantes psychotherapeutisches und familientherapeutisches Angebot für Kinder und Jugendliche mit Suchtproblemen auf der Basis des Kinder- und Jugendhilfegesetzes aufgebaut. Kinder und Jugendliche mit einem schädlichen Gebrauch von Cannabis und anderen Drogen und bereits Abhängige leiden in der Regel auch unter emotionalen und kognitiven Störungen, sowie unter Verhaltens- und Beziehungsproblemen. Vielfach stehen starke familiäre und schulische Probleme im Vordergrund. Ein Teil der Jugendlichen ist bereits polizeilich auffällig geworden.

Ein komplexes Therapieangebot ist nötig
Kinder und Jugendliche mit Suchtproblemen gehören zu einer Zielgruppe mit komplexem Hilfebedarf. Medizinische, familien-, psychotherapeutische sowie sozialpädagogische und erzieherische Betreuungsangebote sind nötig. Sucht- und Drogenprobleme im Kindes- und Jugendalter stehen, wenn auch unterschiedlich gewichtet, immer im Zusammenhang mit

schen Ländern - Deutschland, Frankreich, Belgien, Niederlande und der Schweiz - zur Initiierung eines Cannabisaktionsplans und zur Entwicklung einer gemeinsamen Forschungsstudie geführt. Der Therapieladen beteiligt sich seit 2006 an dem internationalen Forschungsprojekt, gefördert und finanziert vom Bundesministerium für Gesundheit. INCANT erprobt in den beteiligten Ländern erstmalig ein evidenzbasiertes Therapieprogramm für jugendliche Cannabisabhängige. Das Forschungsprojekt hat eine dreijährige Laufzeit, in der in jedem Land bis zu 120 Jugendliche und Familien behandelt werden können. Das bedeutet, dass im Berliner Therapieladen Jugendliche unter 18 Jahren und deren Familienangehörige ohne Kostenübernahme eine ambulante Therapie in diesem Rahmen absolvieren können. Voraussetzung sind diagnostizierte Cannabisstörungen mit Begleitproblemen sowie die Bereitschaft der Eltern, mitzuwirken.

Behandlungsergebnisse aus dem INCANT Projekt spielen dabei eine entscheidende Rolle.
Andreas Gantner Therapieladen e.V.

Kontakt
Tel. 030 – 23 60 779-0 info@therapieladen.de www.therapieladen.de

Therapeutische Jugendhilfe im PARITÄTISCHEN Berlin
■ Gesellschaft zur Verbesserung der
psychotherapeutischen Versorgung e. V. Sonnenallee 132 12059 Berlin Tel.: 687 20 77 sellmer@ptz-berlin.org

Hoher Therapiebedarf
Vor dem Beginn des Forschungsprojektes waren die Zuweisungen und Kostenübernahmen für ambulante Therapieangebote rückläufig: Von jährlich 30 Neuaufnahmen in 2000 bis zu 12 Neuaufnahmen in 2005. Im Rahmen des INCANT-Projektes sind in einem halben Jahr bereits über 40 Jugendliche und deren Familien in das therapeutische Programm aufgenommen worden. Dies zeigt einerseits den hohen therapeutischen Bedarf für diese Zielgruppe, andererseits auch die Schwierigkeit für betroffene Familien, über den offiziellen „Jugendhilfe-Weg“ schnell bzw. überhaupt eine angemessene Behandlung zu bekommen.Im Therapieladen können noch bis Ende 2008 Jugendliche und Familien mit Cannabisproblemen im Rahmen des INCANT Projektes behandelt werden. Es heisst, in Zukunft die relevanten Kostenträger von der Notwendigkeit und Wirksamkeit der spezialisierten jugend- und familienspezifischen Behandlung zu überzeugen. Qualitätsentwicklung und die Evaluation der

■ LEGASTHENIE-ZENTRUM
BERLIN e. V Askanierring 155/156 13585 Berlin AP: Uwe Spindler Tel.: 450 222 33 LegZentrum@aol.com

■ biopsychosozialen Reifungs- und
Entwicklungsproblemen,

■ mit familiären Erziehungsproblemen und sozialen Konflikten, tegrationsproblemen.

■ mit schulischen oder beruflichen InDie therapeutische Arbeit mit jugendlichen Konsumenten erfordert deshalb eine hohe Kooperationsbereitschaft verschiedener Berufsgruppen sowie die Bereitschaft zur Vernetzung mit Schule, Jugendhilfe, Suchthilfe und Psychiatrie.

■ Letterland - pädagogische und psychologisch-therapeutische Förderung des Sprach- und Schriftspracherwerbs e. V. Zabel-Krüger-Damm 50 13469 Berlin AP: Hella Lessmann Tel. 402 90 80 letterland-berlin@web.de

■ THERAPIELADEN:

INCANT: Internationales Familientherapie-Forschungsprojekt
Die Zunahme des Cannabismissbrauchs unter Jugendlichen in ganz Europa, sowie die steigende Behandlungsnachfrage hat in fünf europäi32 www.der-paritaetische.de 3 | 2008

Verein zur sozialen und psychotherapeutischen Betreuung Suchtmittelgefährdeter e. V. Potsdamer Straße 131 10783 Berlin Tel. 236 077 90 AP: Andreas Gantner a.gantner@therapieladen.de www.therapieladen.de
        
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