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Full text: Selbstbestimmt altern

02 | 2009

Selbstbestimmt altern
PARITÄTISCHE Projekte für und von älteren Menschen

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INHALT
Lebenslang in den eigenen vier Wänden – Begleitetes Wohnen Jutta Förster/Dr. Stefanie Schröder Miteinander Wohnen e.V.  16 Haus Abendsonne – mitten im Kiez und offen nach außen		 Thomas Böhlke Altenzentrum Erfülltes Leben gGmbH 17 Alt werden in Nachbarschaft – Kiezprojekt Mariendorf		 Christl Schwarz Freunde alter Menschen e.V.  Vom Wachsen der Herbstblumen Berlin braucht ein interkulturelles Zentrum für Seniorinnen und Senioren Rita Schmid Erste Beratungsstelle für demenziell erkrankte Migranten europaweit Interview mit Derya Wrobel vom Sozialverband VdK Johannes Ringel	 Pilot-Pflegestützpunkte in Berlin Andrea Schulz Pflegestützpunkt Köpenick Albatros e.V.

impressum
Der PARITÄTISCHE Berliner Landesseiten Schwerpunktheft: Selbstbestimmt Altern Foto Titelseite: Bei den Bunten Zellen, einem Projekt des Theaters der Erfahrungen, stehen deutsche und türkische Menschen zusammen auf der Bühne Foto: Nachbarschaftsheim Schöneberg Herausgeber: PARITÄTISCHER Wohlfahrtsverband Landesverband Berlin e.V. Brandenburgische Str. 80 10713 Berlin Tel. 030 - 86001-0 Fax 030 - 86001-110 E-Mail info@paritaet-berlin.de Internet www.paritaet-berlin.de Vorsitzende: Prof. Barbara John Geschäftsführer: Oswald Menninger Elke Krüger (Stv.) Text- und Bildredaktion: Rita Schmid, Petra Engel Verantwortlich: Rita Schmid, Pressestelle Layout: PARITÄTISCHE Verlagsgesellschaft Druck:

Vorwort		 Potenziale des Alters Oswald Menninger

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Eine Lokomotivführergewerkschaft hat mehr Druckmittel in der Hand	 		 Interview mit Rainer Lachenmayer Rita Schmid			 4 Generationsübergreifende Arbeit in Stadtteilzentren Dr. Eberhard Löhnert		 6 Werkstatt der alten Talente	 Eva Bittner/ Johanna Kaiser Theater der Erfahrungen im Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V.			 Mehrgenerationenhaus – ein Ort der Begegnung für alle Generationen Timm Lehmann Nachbarschaftsheim Mittelhof e.V. Ein Jung-Alt-Seminar in der Jugendbildungsstätte Margit Siebner, Zeugin Zeitzeugenbörse e.V. Wichtige Adressen	 Ruhestand? Nein, danke Dorothea Reinhardt Selbst-Hilfe im Vor-Ruhestand e.V. Dokumentation zur Fachtagung Lesben im Alter RuT-Rad und Tat e.V. 

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Druckerei Henrich
Die Landesseiten Berlin von Der PARITÄTISCHE erscheinen als eingehefteter Mittelteil in der Bundeszeitschrift Der PARITÄTISCHE. Zusätzlich werden sie als Sonderhefte gedruckt. Es handelt sich um Schwerpunkthefte zu aktuellen Verbandsthemen. Diese Sonderausgaben sind kostenlos zu bestellen über das Formular Bestellfax im PARITÄTISCHEN Rundbrief sowie über das Internet (auch als Download) unter: http://www.paritaet-berlin.de/mediencenter/broschure. php?thema=0001100009 Berlin, Mai 2009

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Paten von Menschen mit Demenz in Wohngemeinschaften Karin Rückemann/Anja Künzel Selbstbestimmtes Wohnen im Alter e.V.  15

Käte Tresenreuter, seit 1972 Sprecherin der PARITÄTISCHEN Fachgruppe Ältere Menschen  Foto: Thoma

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Vorwort

Potenziale des Alters
Bis zum Jahr 2030 wird jeder dritte Bundesbürger älter als sechzig Jahre sein. Der demografische Wandel ist eine große Herausforderung, auf die wir als Verband bereits in der Vergangenheit nach Antworten gesucht und vielfältige Projekte unterstützt haben. Politisch war es wichtig in der Diskussion über die Herausforderungen einer älter werdenden Gesellschaft von der einseitigen Sicht auf die Gesundheitsund Pflegeproblematik wegzukommen. Viel zulange wurde Altern in unserer Gesellschaft hauptsächlich im Sinne von Defiziten diskutiert. Heute sind viele ältere Menschen fit und gesund, reich an Erfahrungen und Kompetenzen und häufig wohlhabend und engagiert wie nie zuvor. Diese vielfältigen Potenziale bringen die älteren Menschen als Aktivposten in unsere Gesellschaft ein. In der Diskussion gilt es eine Lanze zu brechen für die große Chance, die eine alternde Gesellschaft in sich trägt. schen unter der ehrenamtlichen Leitung von Frau Käte Tresenreuter erfolgreich gekümmert. Durch die Aktivitäten der Fachgruppe sind im Verband die Wege für vielfältige Entwicklungen in der offenen Altenarbeit bereitet worden. Viele durch die Fachgruppe angeschobenen Projekte haben weit über den PARITÄTISCHEN hinaus die Praxis der offenen Altenarbeit verändert. Die Beispiele in diesem Heft zeigen, welcher gesellschaftliche Gewinn entsteht, wenn sich Selbsthilfeaktivitäten und soziales Engagement älterer Menschen entfalten. Damit hoffen wir auch, einen Beitrag für die Korrektur unseres bisherigen Altersbildes beizusteuern. Gleichzeitig sollen die vielfältigen Beispiele einen Anreiz schaffen, dass sich noch viel mehr ältere Menschen engagieren. Die Potenziale des Alters sind noch lange nicht ausgeschöpft. Sie entfalten sich jedoch nicht im Selbstlauf. Dafür braucht es eine geeignete, eine förderliche Infrastruktur, für deren Ausbau und Sicherung der Verband weiterhin einstehen wird. Dazu gehört auch, die professionellen Einrichtungen der Altenhilfe in die offene Altenarbeit einzubinden, den Blickwinkel hier zu öffnen für die vielfältigen Möglichkeiten der Kooperation zwischen ehrenamtlichen Aktivitäten und den professionellen Einrichtungen. Die in diesem Heft dargestellten Entwicklungen zeigen eindrucksvoll, dass wir der demografischen Entwicklung nicht wie einer unabänderlichen Naturgewalt ausgesetzt sind, sondern die Chance haben die Gesellschaft weiterhin für alle – Jung und Alt - lebenswert zu gestalten.
Oswald Menninger Geschäftsführer

Foto: Auriga

Mit diesem Schwerpunktheft „Ältere Menschen im Blickfeld“ wollen wir einen aktuellen Überblick über die produktiven Kräfte des Alters geben. Viele ältere Menschen entfalten in den unterschiedlichsten Projekten und Initiativen unserer Mitgliedsorganisationen ein enormes gesellschaftliches Potenzial. Um dieses Engagement hat sich im Verband seit über 35 Jahren unermüdlich die Fachgruppe Ältere Men-

Werkstatt: Interkultureller Schmelztiegel Foto: Jörg Farys
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Eine Lokomotivführergewerkschaft hat mehr Druckmittel in der Hand
Streifzug durch die Altenarbeit im PARITÄTISCHEN
Gespräch mit Rainer Lachenmayer, Referent für Altenhilfe, stationäre pflegerische Versorgung und Soziales im PARITÄTISCHEN Berlin und Geschäftsführer des Haus des Älteren Bürgers.
In diesem Jahr 2009 sind Sie dreißig Jahre als Verantwortlicher für Altenhilfe, stationäre pflegerische Versorgung und Soziales im PARITÄTISCHEN Berlin. Herzlichen Glückwunsch.

in die Hände eines Verantwortlichen zu legen. So übernahm ich beide Bereiche. Hinzu kam als dritter Bereich: meine Zuständigkeit für Soziales, da ältere Menschen häufig ein geringes Einkommen haben.
Welche entscheidenden Phasen hat die Altenhilfe in Berlin durchlaufen?

Ja danke. Ich bin meiner Zielgruppe entgegengewachsen.
Sind Sie von Anfang an für alle drei Bereiche zuständig gewesen?

Ich begann als Referent der Altenhilfe und war unter anderem zuständig für Altenheime. Pflege in Heimen war damals noch eher selten. Es ging vielmehr darum, ein soziales Infrastrukturangebot für ältere Menschen zu schaffen, die sich nicht mehr gut versorgen konnten, die zum Beispiel zu Hause Ofenheizung hatten, im vierten Stock ohne Fahrstuhl wohnten oder lieber in Gemeinschaft lebten. Dies änderte sich langsam: Mit steigender Lebenserwartung erhöhte sich auch der Bedarf an pflegerischer Versorgung. Für den Verband und die Träger der Altenhilfe bedeutete das einen gewaltigen Bruch: Kleinere Träger konnten die Rund-um-Versorgung für zu pflegende Menschen nicht mehr leisten. Dazu wäre mehr Personal nötig gewesen – sie mussten schließen. Der PARITÄTISCHE und seine Mitglieder reagierten recht schnell auf diese Veränderungen, noch weit vor Ende der 90er Jahre, als die Pflegeversicherung eingeführt wurde. Durch die enge Verknüpfung der Altenhilfe mit der pflegerischen Versorgung älterer Menschen war es naheliegend, die beiden Bereiche im Verband
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Ältere Menschen hatten bis Anfang der 60er Jahre häufiger ein geringes Einkommen; Armut im Alter war recht verbreitet. Ab Mitte der 60er Jahre ging es bergauf. Die Menschen hatten Geld und der Staat investierte in die Infrastruktur sozialer Angebote. In West-Berlin entstand in den 70er und 80er Jahren ein festes Gerüst zur Altenarbeit auf Basis eines Rahmenplans des Senats von Berlin zur Altenarbeit. Organisierte Altenarbeit im Verband hatte in dieser Zeit seine Hochphase - es gab „genügend“ Geld zu verteilen. Über die Fördertöpfe des Hilfswerks Berlin wurden Angebote der Stadtranderholung, Kultur und Therapie für ältere Menschen finanziert. Diese Fördertöpfe stehen aber schon lange nicht mehr zur Verfügung. Der 9. November 1989 brachte neue Herausforderungen, bewirkte aber auch weitere Einschnitte und Systemänderungen in der Finanzierung: Wegen der Überschuldung Berlins wurden die finanziellen Mittel in der Altenarbeit radikal gekürzt. „Aufbau Ost“ wurde mit diversen Arbeitsförder-

Rainer Lachenmayer Foto: Bußler

programme finanziert, denen es an personeller Kontinuität fehlen musste. Aktuelles Thema ist es und wird es sein, im Rentenalter mit den Spätfolgen von Hartz IV zu leben. Die Renteneinkommen werden bei vielen nicht ausreichen, ihren Grundbedarf zu sichern. Die soziale Infrastruktur wird nicht mehr gefördert. Es ist jetzt wichtig, mit neuen Impulsen mehr Optionen zu schaffen. Der Verband und die Träger der Altenhilfe sehen sich gewaltigen Herausforderungen gegenüber.
Was bedeutet das für die Altenhilfe im Verband?

Ehrenamtliche Arbeit und Selbsthilfe älterer Menschen gewinnt noch an Bedeutung. Seniorenfreizeitstätten wer-

den geschlossen, da es sich der Senat von Berlin nicht mehr leisten mag, hauptamtliche Mitarbeiter zu bezahlen, die von morgens bis abends für ältere Menschen dieses Angebot aufrechterhalten. Ältere Menschen nehmen mehr und mehr die Organisation von Angeboten in die eigene Hand. Vorreiter auf diesem Weg waren Käte und Harry Tresenreuter vom Sozialwerk Berlin e.V. Sie organisierten bereits vor 35 Jahren einen Besuchsdienst von ehrenamtlichen älteren Menschen für pflegebedürftige Menschen in Heimen in Westberlin. Später entstand unter ihrer Regie das Altenselbsthilfe- und Beratungszentrum, finanziert über Mitgliedsbeiträge und Spenden. Über 300 aktive ältere Menschen engagieren sich dort. Nach der Maueröffnung begannen sie, Organisationen beim Aufbau von Selbsthilfe im Ostteil der Stadt zu beraten und sogar über die nationalen Grenzen hinaus: Nach dem Vorbild des Sozialwerks Berlin entstand das Altenselbsthilfezentrum im estnischen Tallinn. Käte Tresenreuter ist seit Gründung der Fachgruppe Ältere Menschen im Jahre 1972 deren Sprecherin. Grundsätzlich, auch außerhalb dieses beispielhaften Wirkens: Ältere Menschen sind eine wichtige Säule des ehrenamtlichen Engagements. Zum einen haben sie Zeit, sich zu engagieren, zum anderen einen immensen Schatz an Erfahrungen.
Wie hat sich der Fall der Mauer auf die Altenhilfe in Berlin ausgewirkt?

Sozial- und Wohlfahrtsverbänden in Deutschland. Sie engagiert sich auf sozialen, sozialpolitischen und kulturellen Gebieten für ältere Menschen, chronisch Kranke, Pflegebedürftige, sozial Benachteiligte und für Kinder und Jugendliche.
Welche Erfahrungen haben Sie bei dieser neuen Aufgabe gemacht?

Mit welchen Schwerpunkten arbeitet die Altenhilfe aktuell?

Meine Aufgabe war es, Hilfeangebote für ältere Menschen aus dem Ostteil Berlins mit aufzubauen und Beratung beim Aufbau zu leisten. In einer Art Crashkurs lernte ich dadurch die bestehenden Strukturen im Ostteil der Stadt kennen. Ich erkannte, dass für ältere Menschen im Osten gut gesorgt war, zum einen über die Volkssolidarität, zum anderen über die Veteranenarbeit für ältere Menschen in Betrieben: Keiner fiel ins Nichts nach dem Aussteigen aus dem Betrieb. Zudem hatten ältere Menschen als „Beschaffer von Konsumartikeln“ und bessere Kenner des Westens eine wichtige Funktion, da sie ja in den „Westen“ reisen durften. Mit dem Fall der Mauer brach all dies weg. Insgesamt gab es bei den Umstrukturierungen wenig Konkurrenzneid zwischen Ost und West im Bereich der Altenarbeit. Viele Organisationen im Westen erklärten sich bereit, Aufbauarbeit zu leisten. Die PARITÄTISCHE Mitgliederzahl stieg durch die Aufbauarbeit im Osten rapide an.
Mit welchen Problemen sah sich der PARITÄTISCHE konfrontiert?

Vor dem 9. November 1989 machte man sich im Westen kaum Gedanken, wie Altenarbeit im Ostteil der Stadt organisiert war. Ich hatte über das Land Berlin für ein halbes Jahr die Aufgabe, die Volkssolidarität Berlin bei der Umstellung auf die neue Situation zu beraten und zu begleiten. In dieser Zeit konnte ich Vieles lernen und erfahren. Die Volkssolidarität war 1945 als Hilfeorganisation im Osten Deutschlands gegründet worden, um die Not der Menschen nach dem zweiten Weltkrieg zu lindern. Heute zählt sie mit 300.000 Mitgliedern bundesweit zu den großen

Es war ein neues riesiges Feld mit vielen Herausforderungen: Zahlreiche Menschen fanden sich durch das Abwickeln von Betrieben im Vor-Ruhestand wieder oder in Arbeitsfördermaßnahmen. Soziale Aktivitäten fanden nur als Fördermaßnahmen statt: es gab zu wenig Beschäftigungsmöglichkeiten mit professionellen Strukturen. Viele Menschen durchliefen Endlosschleifen des Wartens, einer kurzen Beschäftigung in Form einer Arbeitsfördermaßnahme, engagierten sich im Anschluss ehrenamtlich in derselben Organisation, um den Bezug nicht zu verlieren – und dann erneut eine Arbeitsfördermaßnahme.

Heutzutage gibt es in der Altenarbeit viele Organisationen mit offenen Angeboten. Dazu zählen Beratung und Kommunikation. Angebote für PCNutzung sind hinzugekommen. So hat zum Beispiel der Humanistische Verband Deutschlands, Landesverband Berlin, ein Internet-Café für ältere Menschen eingerichtet, um diese Zielgruppe behutsam an die Informationstechnik heranzuführen. Dies ermöglicht etwa älteren alleinstehenden Menschen, mit ihren Kindern im Ausland via Internet zu kommunizieren. Angebote für Bewegung und Körperertüchtigung wirken vorbeugend für die Gesundheit. Sie geben dem älteren Menschen eine Tagesstruktur, binden ihn in eine Gruppe ein. Es ist schön zu sehen, wie gern der wöchentliche Tanznachmittag im Haus des Älteren Bürgers angenommen wird, ebenso der Mittagstisch für die Nachbarschaft. Die Angebote müssen leicht erreichbar sein – in nächster Umgebung der älteren Menschen und barrierefrei. Mit der Zunahme von Menschen, die ein hohes Alter erreichen, heißt es verstärkt geeignete Wohnformen für ältere Menschen zu schaffen, damit sie in ihrem gewohnten Umfeld bleiben können. Und auch über menschenwürdige Pflege in Heimen, unterstützt durch Menschen aus der Familie, der Nachbarschaft und Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen, muss viel mehr nachgedacht werden. Derzeit geht es um die Einrichtung von Pflegestützpunkten. Der PARITÄTISCHE Berlin sieht die Koordinierungsstellen Rund ums Alter, die seit zwanzig Jahren viel Erfahrung in der Beratung gesammelt haben, prädestiniert für diese Aufgabe. (siehe dazu Beitrag auf S.28)
Welche Möglichkeiten haben ältere Menschen, sich für ihre Belange einzusetzen?

In Berlin trat im Mai 2006 – erstmalig in Deutschland – das Seniorenmitwirkungsgesetz in Kraft. Seither gibt es in der Stadt eine Landesseniorenvertretung und in jedem Bezirk eine kommunale Seniorenvertretung. Jetzt geht es darum, die geschaffenen Strukwww.der-paritaetische.de 2 | 2009 5

niorenbeirat? Worüber reden die? Was machen die? Darüber zu infor m ieren ist auch Aufgabe der Woh l fa h r t s verbände und deren Mitglieder. Ältere Menschen müssen stärker b e r ü c k s ic h tigt werden Info-Stand des PARITÄTISCHEN Seniorenbüros beim Seniorentag Foto: Ransch bei den Plänen der Polituren mit Leben zu füllen. Es muss viel tik. Es geht zum Beispiel darum, ältere bekannter werden, dass es diese Gre- Menschen in deren Mobilität zu untermien gibt. Bisher stammen die gewähl- stützen: Wie müssen Straßen beschaften Vertreter aus dem harten Kern der fen sein, wie die Bordsteine und Amorganisierten Seniorenarbeit. Um pelschaltungen? Beleuchtungen im wirklich etwas zu verändern, müssen öffentlichen Raum und Leitsysteme sie stärker in Meinungsaustausch mit bei Veranstaltungen sind zu überdenihrer Zielgruppe, den älteren Men- ken. Ein Problem dabei, Verändeschen treten. Bisher fehlt es noch an rungen zu erkämpfen, ist die Duldeiner wirklichen Rückkoppelung mit samkeit und Geduld älterer Menschen. Es ist das Naturell alter Menschen, den älteren Menschen. Die Leistung dieser Seniorenvertre- nicht alles so „verbissen“ zu sehen. Das tung muss beim Normalbürger be- nimmt aber den politischen Druck, für kannter werden, damit die Wahlbetei- diese Zielgruppe viel zu tun. Eine Loligung größer wird. Wer sitzt im Se- komotivführergewerkschaft hat mehr

Druckmittel in der Hand. Mit was können Rentner drohen – die Rente nicht mehr anzunehmen?
Was muss sich gesellschaftlich verändern, um den Belangen älterer Menschen besser gerecht zu werden?

Wir müssen erst mal die Unterschiede der altersmäßig stark auseinander driftenden Zielgruppe erkennen, um damit konstruktiver umzugehen. Es handelt sich um Menschen zwischen 60 und 90 Jahren oder älter, mit recht unterschiedlichen Bedürfnissen. Für 60Jährige sollte im Vordergrund stehen, Perspektiven zu entwickeln und geeignete Strukturen, um gesund und zufrieden älter zu werden. Hier wirkt erschwerend, dass sich die 60Jährigen nicht als alt begreifen wollen und deshalb auch nicht für ihre Belange aktiv einsetzen. Außerdem tendieren sie dazu, die eigene Situation nicht so wichtig zu nehmen. Die Kinder sind für sie wichtiger. Sie nehmen sich stärker zurück. Solange einer sich dem Etikett „älter sein“ entzieht, fällt es schwer, diesen als Zielgruppe anzusprechen und einzubinden. Alt werden hat in unserer Gesellschaft eine negative Notation. Ein radikales Umdenken steht an.
Das Gespräch führte Rita Schmid.

Generationsübergreifende Arbeit in Stadtteilzentren
Berlin hat in den letzten Jahren eine Infrastruktur von 25 Nachbarschaftshäusern und 12 Selbsthilfekontaktstellen etabliert. Finanziert sind sie alle über den Dritten Folgevertrag Stadtteilzentren, der zunehmend auch bewährte Senioreninitiativen einbezieht – derzeit 16 Projekte der Senioren- und Behindertenarbeit. Ältere Menschen als Akteure Stadtteilzentren nutzen das Erfahrungswissen älterer Menschen und motivieren sie, insbesondere Familien
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und sozial benachteiligte Gruppen zu unterstützen. Es geht darum, die Älteren als Akteure im zivilgesellschaftlichen Leben zu begreifen. Zu oft werden sie noch in der Öffentlichkeit und den Medien als Hilfebedürftige mit Defiziten und Objekte sozialer Arbeit wahrgenommen. Dabei wird häufig verkannt, über welche Ressourcen ältere Menschen verfügen und welchen Innovationsgeist sie schon in ihrer Lebensgeschichte gezeigt haben. Dies gilt ebenso für ältere Migrantinnen und

Migranten und deren notwendige und viel stärker zu entwickelnde Teilhabe. Auch die 35. Berliner Seniorenwoche wirbt mit dem diesjährigen Motto „Alt für jung und jung für alt“ für ein Miteinander der Generationen. Brückenbauer zwischen Generationen, Schichten und Kulturen Stadtteilzentren haben sich zu lebendigen Anlaufstellen für Bürgerinnen und Bürger in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld entwickelt.

Seniorinnen und Senioren bringen dort ihr Wissen und ihre Erfahrungen ein und profitieren nicht selten von den Potenzialen jüngerer Generationen. So kann etwa ein älterer Mensch Kindern mit Migrationshintergrund bei den Hausaufgaben helfen. Im Gegenzug erhält er eine Einführung in das Internet oder wird von Jüngeren beim Einkaufen unterstützt. Ein weiteres Beispiel ist das Projekt „Biffy“ (big friends for youngsters) des Nachbarschaftshauses Urbanstraße in Kreuzberg. Das Projekt gewinnt Paten für Kinder. Dabei handelt es sich häufig um ältere Menschen. Voller Begeisterung erzählt eine Mutter vom Fußballspielen, Schachspielen und anderen Aktivitäten, die ihr fünfjähriger Sohn an einem Nachmittag in der Woche gemeinsam mit dem Paten erlebt. „Ich bin alleinerziehend, der Vater meines Kindes hat überhaupt kein Interesse an meinem Sohn. Deshalb war es mir besonders wichtig, eine männliche Bezugsperson zu gewinnen. Es war das Beste, was mir und meinem Sohn passieren konnte. Er hat einen „großen Freund“, den er stolz im Kindergarten zeigen kann und ich habe die Möglichkeit, an einem Tag in der Woche auch mal länger im Büro zu bleiben, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.“ Neue Impulse breiter streuen Immer gezielter entwickeln Stadtteilzentren Modelle, in denen ausgehend von den Stärken und Fähigkeiten älterer Menschen, Impulse für eine Arbeit mit generationsübergreifendem und interkulturellem Ansatz umgesetzt werden. Neben Trägern wie dem Sozialwerk Berlin, Miteinander Wohnen und Unionhilfswerk haben inzwischen auch Organisationen wie die Volkssolidarität und der Humanistische Verband sowie eine Vielzahl kleinerer Träger und flexibler Projekte diese Ansätze in ihr Konzept aufgenommen. Zusätzliche Mittel aus europäischen Fonds ermöglichen es, berlinweit das Engagement älterer Menschen durch eine innovative Seniorenkulturarbeit zu unterstützen. Eines der geförderten Projekte ist die „Werkstatt der alten Ta-

lente“ des Nachbarschaftsheimes Schöneberg. (siehe S. 8-9)

„Engagieren, bewegen, Gemeinschaft erfahren“ Unter diesem Motto bemühen sich die Stadtteilzentren im Aktionsjahr 2009 verstärkt um die Weiterentwicklung der generationsübergreifenden Arbeit: Das Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V. bereitet den berlinweiten Seniorenkulturtag vor, von dem wichtige Impulse und Erfahrungen in diese Richtung ausgehen werden. Am Wochenende vom 4. zum 5. Juli 2009 öffnen die Stadtteilzentren erstmals in ganz Berlin ihre Tore mit anregenden Angeboten für und mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern, für jung und alt. Der Berliner Freiwilligentag am 12. September 2009 soll ebenfalls über konkrete Möglichkeiten des Engagements in Berlin informieren und zum Mitmachen einladen. Die Aktivitäten der Stadtteilzentren 2009 umrahmen vielfältige Fachveranstaltungen für haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter. Eröffnung der Ausstellung „Haß vernichtet“ von I. Mensah Dabei geht es um TheSchramm im Kieztreff Interkulturell der Volkssolidarität, men wie Schule und v.l.n.r. Mensah Schramm, Petra Pau, Vizepräsidentin des DeutNachbarschaft, Famili- schen Bundestages, Asli Peker, Kieztreff, Dr. Eberhard Löhnert enarbeit, Öffnung speFoto: Kieztreff zifischer Einrichtungen und Dienste für bürgerschaftliches Engagement sondern auch ganz praktisch voneioder Aktivitäten gegen Rechtsextre- nander profitieren, ist durch das kontimismus und Rassismus. Krönender nuierliche Zusammenwirken von Abschluss des Aktionsjahres ist am Stadtteilzentren, gesamtstädtischen 9. Oktober der Fachtag „Generationen- Projekten und Fachverbänden zum reübergreifendes Engagement - Lernen alistischen Ziel geworden. in intergenerativer Arbeit“. Dort sollen Bürgerinnen und Bürger, Projekte und die guten Beispiele und Impulse für Einrichtungen sind eingeladen, soeine zukünftige fachliche Weiterent- wohl die Inhalte als auch die konkreten wicklung vorgestellt und festgehalten Aktionen, die zu einem Miteinander werden. der Generationen bei der Gestaltung zivilgesellschaftlichen Engagements Die Stadt zum Mehrgenerationenhaus führen, mit ihren Gedanken und Ideen machen zu bereichern. Bürgernahe Nachbarschaftshäuser, „offen für alle“, sind prädestiniert, soDr. Eberhard Löhnert ziale Netzwerke zu schaffen und eine Leiter der Geschäftsstelle Bezirke Mitverantwortung für eine bessere LePARITÄTISCHER Berlin
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bensqualität in den Regionen zu übernehmen. Dies trägt auch zur Entwicklung realistischer Bilder von älteren Menschen in der öffentlichen Wahrnehmung bei. Denn immer mehr Alltagssituationen entstehen, die aufzeigen, dass es Unsinn ist, ältere Menschen aus dem gesellschaftlichen Leben auszuschließen und ihnen nichts mehr zuzutrauen. Das Gebot der Stunde ist, soziales und politisches Erfahrungswissen sowie die Gestaltungskraft von älteren Menschen erlebbar zu machen und für das Zusammenleben von Jung und Alt zu nutzen. Aus unserer Stadt sinngemäß ein großes Mehrgenerationenhaus zu machen, in dem sich die verschiedenen Lebensalter nicht nur mit Respekt begegnen,

Werkstatt der alten Talente - SozialDer demografische Wandel ist in aller Munde und diejenigen, die es angeht, die vielbeschworene Generation 50plus, ist in der Orientierungsphase. Wie möchte ich mich mit wem und für wen engagieren? Wie kann ich dabei selbst zu neuen Ufern aufbrechen und obendrein eigene Erfahrungen einbringen? Und wo finde ich in meiner Nähe Treffpunkte zum Ankoppeln? Erraten! Im besten Falle im Stadtteilzentrum um die nächste Ecke. Hier gilt von jeher der Leitgedanke, das Miteinander verschiedener Generationen, Religionen und gesellschaftlicher Strömungen zu unterstützen und zu fördern. Durch die Verbundenheit der Einrichtung mit dem Kiez und durch ihre Infrastruktur orientiert sie sich an den Bedürfnissen ihrer Besucher und nimmt demografische Veränderungen schnell wahr. Hier stehen Spielräume zur Gestaltung von Begegnungen bereit und können anregende Ideen in handfeste Angebote verwandelt werden. Aufgabenfelder gibt es zu Hauf Da, wo viele ältere Menschen wohnen, wachsen Bedürfnisse nach sinnvollen Kontakten und funktionierenden Kommunikationsmöglichkeiten. Besonders die nachwachsende Altengeneration, Menschen im Vorruhestand, ältere Langzeitarbeitslose wollen keinesfalls die Hände in den Schoß legen. Sie hätten die Zeit und die Kraft, sich mit den Problemen der Jugendlichen auseinanderzusetzen oder auf Menschen mit Migrationshintergrund zuzugehen. Sie könnten aufgrund ihrer vielfältigen Lebenserfahrungen gesellschaftspolitische Konflikte wie Gewalt, Armut und Perspektivlosigkeit auf ganz eigene Weise reflektieren. Begegnungen zwischen Alt und Jung bedeuten dann nicht nur Austausch und Kommunikation, sondern auch Beistand und Orientierung.

Es zeichnet sich deutlich ab, dass ohne die Potenziale und die Energie der Älteren in der Zivilgesellschaft nicht mehr viel geht. Schon jetzt stellen sie den größten Teil der ehrenamtlich Tätigen und die Tendenz ist steigend. Ihr bürgerschaftliches Engagement und ihre tatkräftige Unterstützung werden auf vielen Gebieten gebraucht. Besonders ins Blickfeld rückt zunehmend die Kulturarbeit in sozialen Feldern, denn sie verbindet den Wunsch nach Erweiterung der eigenen Persönlichkeit mit der Möglichkeit, gesellschaftliche Prozesse zu beeinflussen. Kreativbörse mit Ansteckungsgefahr An dieser Stelle bietet das aus Mitteln des europäischen Sozialfonds geförderte Projekt Werkstatt der alten Talente eine große Chance mit Breitenwirkung. Ausgehend von den Stärken und Fähigkeiten der jungen Alten sollen verschiedene gesellschaftlich brisante Konstellationen und Themenfelder zusammengeführt und vernetzt werden. Modelle für kreatives Engagement werden erprobt, Multiplikatoren für die praktische Arbeit geschult und ein gesamtstädtisches Netzwerk alter Talente geschaffen. So weit die hehren Ziele, in der Praxis sind die bewegten Alten schon eine gute Weile unterwegs. Sie präsentieren ihre Theaterprogramme quer durch die Stadt, sie krauchen mit Grundschülern durch verstaubte Turnhallen, werben für ihre Ideen, wo sie gehen und stehen, sie organisieren Workshops auf eigene Kappe - eine Kreativ-Börse mit Ansteckungsgefahr eben. Auf dieses Virus kommt es an, wir hegen und

pflegen es, denn es wirkt präventiv gegen jedwede Form von Ausgrenzung und verbreitet Gesundheit sowie Zufriedenheit durch aktive Mitgestaltung. Sich den Konflikten stellen Wenn sich zum Beispiel ältere Berliner verschiedener Herkunft gemeinsam den Kopf machen, was in dieser Gesellschaft die Regel und was die Ausnahme ist, wenn sich solch ein Trüppchen in die Schulen aufmacht und mit Kindern und Jugendlichen diesen Faden weiter spinnt, wenn sie gemeinsam beleuchten, was verboten und was erlaubt ist, wenn sie sich fragen, warum das so sein muss, dann ändern sich Meinungen und verabschieden sich Vorurteile. Zwar sind gesellschaftliche Konflikte damit nicht wegzupusten, aber zu beschreiben und kreativ zu bearbeiten. Für solche Arbeitsfelder Freiräume zu schaffen, ehrenamtliche Mitarbeiter zu schulen und Partner zu gewinnen, ist Aufgabe der Werkstatt der alten Talente. Unter ihrem Dach agieren das seit Jahren rührige Theater der Erfahrungen, die jungen Kreativen Potenziale des Alters, die interkulturelle und generationsübergreifende Theaterpraxis sowie die weiterbildende Meisterschule. In allen Berliner Bezirken entstehen Angebote, sich einer KreativGruppe anzuschließen, Workshops auszuprobieren, Veranstaltungen zu besuchen, sich als Multiplikator für die generationsübergreifende Arbeit ausbilden zu lassen oder sich schlicht zu informieren.

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kulturelles Engagement im Aufbruch
alen Brennpunkten Gewaltausbrüche verhindern sollen, sonst landen sie minimalversorgt im Massencontainer, dann geht das manchem Besucher doch sehr unter die Haut. Ist das noch „politisch korrekt“? Aber vielleicht ist der aktive ältere Mensch ja nicht nur hilfreich, bürgerschaftlich engagiert und gut, sondern möglicherweise auch angriffslustig, borstig und streitbar. Ob nun quertreibend oder verständnisvoll, der demografische Wandel wird vielfältig und bunt.
Eva Bittner/Johanna Kaiser
Steckbrief Werkstatt der alten Talente Bürgerschaftlich engagiert: insgesamt rund 120 Menschen Theater der Erfahrungen 3 Gruppen, derzeit 10 Eigenproduktionen, 3 Dokumentarfilme, insgesamt 45 Spieler, 70 Aufführungen, knapp 5.000 Zuschauer in Berlin, Tourneen im In- und Ausland. Kreative Potenziale des Alters 8 Gruppen in 8 Stadtteilzentren, 3 Gruppen im Aufbau, 4 Eigenproduktionen, 1 Trommelprogramm, insgesamt 80 Teilnehmer, 20 Veranstaltungen, rund 500 Zuschauer. Interkulturelle und intergenerative Praxis 7 Projektwochen, 1 Eigenproduktion, 20 Veranstaltungen, insgesamt 170 Teilnehmer, rund 500 Zuschauer Meisterschule 4 Seminare, 2 Eigenproduktionen, 3 Aufführungen, insgesamt 70 Teilnehmer, rund 500 Zuschauer. Kontakt: Werkstatt der alten Talente Eva Bittner, Johanna Kaiser Cranachstraße 7, 12157 Berlin Tel. 855 42 06, Fax 855 43 78 E-Mail theater-der-erfahrungen@nachbarschaftsheim-schoeneberg.de Internet www.theater-der-erfahrungen.de Panorama Werkstatt der alten Talente, Foto: Heidi Scherm

Interkulturelle Arbeit am Beispiel der Bunten Zellen Bunte Zellen - das ist eine Gruppe älterer Menschen unterschiedlicher Herkunft, die seit drei Jahren gemeinsam Theater machen. Als die ‚Deutschen’ und ‚Alemançıs’ 2005 das erste Mal zusammen kamen, ging es der Spielleitung nicht um die Betonung kultureller Unterschiede als vielmehr darum, nach Gemeinsamkeiten zu suchen und daraus ein Bühnengeschehen zu entwickeln. Dabei sollten spannende Reibungspunkte nicht verschwiegen sondern kreativ eingebaut werden. Und dieser interkulturelle Austausch kam an - wurde von den Spielern mit Lust betrieben. Und fand so nach wenigen Monaten seinen Ausdruck auf der Bühne mit „Allet Janz Anders - Herşey farklı“. Und das dauerhaft! Mittlerweile haben die Bunten Zellen eine zweite Produktion im Repertoire und spielen beide Stücke auf Berliner Bühnen, bundesweit und im europäischen Ausland – so 2007 in Griechenland. Auch unterstützten die Bunten Zellen im Nachbarschaftshaus Neukölln tatkräftig den Aufbau der ‚Sultaninen’, einer weiteren Gruppe mit älteren deutschen und türkischen Berlinern. Zuletzt seien noch die Workshops mit Jugendlichen und Kindern erwähnt, die die Bunten Zellen seit 2005 bestritten haben. So gab es Projektwochen mit Schülern in der Riesengebirgs-Oberschule und Spreewald-Grundschule, beide in Schöneberg, oder der WartburgGrundschule in Moabit. Sie sorgen

dort für intergeneratives und interkulturelles Erleben mit Langzeitwirkung. Am 8. Dezember 2008 überreichte ihnen der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, im Roten Rathaus den Preis „Berliner Tulpe 2008“ als Anerkennung für ihren wertvollen Beitrag zur besseren Verständigung zwischen den verschiedenen Kulturen und Generationen. Eine Billardkugel stubst die nächste an Wenn solche Impulse an allen Ecken und Enden der Stadt wirksam werden und sich gut miteinander vertäuen, entsteht ein stabiles Netz mit Knotenpunkten in den Stadtteilzentren. Hier finden die Älteren dann gut informierte Ansprechpartner, die diesen öffentlichen Gestaltungsprozess mittragen und unterstützen. So könnte sich gemeinsam mit den Nachbarschaftseinrichtungen eine weitere Tür öffnen für einen Paradigmenwechsel, den wir praktisch im Sinne einer bürgerschaftlich ausgerichteten Kultur vormachen wollen. Begegnungen zwischen Migranten und Deutschen, am sozialen Rand lebenden und gut abgesicherten Menschen, Alten und Jungen können da helfen, eine kulturelle und politische Auseinandersetzung ins Rollen zu bringen, die neben der intellektuellen Ebene auch emotionale Bereiche einbezieht - und orientieren damit die Gesellschaft auf eine aktive Rolle der Älteren. Das kann durchaus auch mal bissiger werden. Wenn die Spätzünder in ihrer Senioren-Schnäppchen-Show „Hartz IX“ alte Leute verhökern, die an sozi-

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Mehrgenerationenhaus – ein Ort der Begegnung für alle Generationen
Wir sitzen im einladenden Foyer des Mehrgenerationenhauses in Berlin Zehlendorf. An der Wand mit dem leuchtendroten, spiegelglatten Kalkputz hängen die Bilder einer gerade eröffneten Fotoausstellung. Das frische Grün im übrigen Raum stellt eine optische Verbindung nach draußen her. Die breite Fensterfront eröffnet einen Blick auf die verschneiten Bäume und den verlassenen Garten, der im Sommer mit buntem Leben erfüllt ist. schaft prägen den Umgang im Haus. Freiwilliges ehrenamtliches Engagement wird hier ganz groß geschrieben. Ehrenamtliches Engagement in der Jugendarbeit Es ist Montag Nachmittag, hinterm Tresen steht Gudrun Bartholmai. Zunächst war es ungewohnt für die Kids, dass die 65Jährige sich für sie interessiert, sich mit ihnen unterhält und nebenbei kleine Snacks und Softdrinks verkauft. Inzwischen ist ein vertrauensvolles Verhältnis entstanden, das Alexandra, die festangestellte pädagoterstützung rund um die Hausaufgaben zur Verfügung. Im Keller hat der 65jährige Herr Wunderlich zunächst einmal die Werkstatt aufgeräumt, die in den vergangenen 15 Jahren im Jugendfreizeitheim offenbar als Abstellkammer benutzt wurde, außer Schrott und Sperrmüll nichts brauchbares beherbergte. Nun kann man sich dort wieder bewegen und hat Platz zum handwerklichen experimentieren. Derzeit werden gerade Vogelhäuschen gebaut. Unter Anleitung von Herrn Wunderlich kann man den Umgang mit Werkzeug erlernen und erfährt so einiges über die Eigenschaften von unterschiedlichem Material. Seine heutigen „Kunden“ sind Niko (10 Jahre) und Frau Ihmann-Janson (77 Jahre), die im Haus auch die Märchenerzählstunde für die ganz Kleinen anbietet. Niko genießt es, dass Herr Wunderlich so richtig Zeit für ihn hat, und er nimmt die ungeteilte Aufmerksamkeit gerne an. Während im Spielzimmer und in der Töpferwerkstatt heute eher junge Familien mit ihren kleinen Kindern das Bild prägen, haben sich die größeren Jugendlichen ins provisorische Tonstudio zurückgezogen. Dort steht der Ausbau des Schallschutzes und die dringend notwendige Renovierung an. Gegenseitige Rücksichtnahme ist zwar eine Grundregel des Hauses, aber HipHop- und Rap-Gesang vertragen sich bei aller Toleranz nicht immer zeitgleich mit dem Entspannungs-Yoga im Saal. Also werden Kompromisse gesucht und gefunden – notfalls eben auch mit Hilfe baulicher Maßnahmen. Generationsübergreifender Fitness-Park Gegen Abend trifft sich die Arbeitsgruppe Fitness-Park. Heute steht der Punkt „Gibt es noch sinnvolle Ergänzungen zur bisherigen Planung?“ auf der Tagesordnung.

Im September 2008 öffnet das Mehrgenerationenhaus seine Tore Viele Menschen aus allen Generationen vergnügten sich bei Kaffee und Kuchen. Live-Musik, Torwandschiessen und Kinderschminken waren nur einige von vielen interessanten Angeboten an diesem Tag. In kleinen und großen Gruppen standen die kleinen und großen Menschen zusammen und führten angeregte Gespräche über die Möglichkeiten, die dieses Haus jetzt zu bieten hat. Alle freuten sich, dass es zu einer gelungenen Kooperation zwischen dem Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf und dem Nachbarschaftsheim Mittelhof e.V. gekommen war, um hier mit Unterstützung aus dem Programm „Mehrgenerationenhäuser“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, im ehemaligen Jugendfreizeitheim einen Ort der BeSich gegenseitig Schminken bei der Eröffnung gegnung für alle Generatides Mehrgenerationenhauses onen zu schaffen. Hier wird die Isolation der Generationen über- gische Fachkraft, sehr entlastet. Nun wunden. Man spürt im Haus, dass je- hat sie für die Jugendarbeit viel mehr der der hier aktiven Menschen Interes- Zeit, für die Kinder und Jugendlichen, sen und Potenziale hat, die er nutz- die regelmäßig das Haus besuchen. bringend für den Zusammenhalt der Auch um die Hausaufgabenbetreuung Gesellschaft einbringen will. Respekt braucht sie sich nicht zu kümmern, und Toleranz, sowie soziale Verantwor- denn Maike (18 Jahre) und Herr Arlt tung und Engagement für die Gemein- (66 Jahre) stehen für Fragen und Un10 www.der-paritaetische.de 2 | 2009

Fitnesspark im Mehrgenerationenhaus. Fotos: Wischhöfer

Bereits bei den ersten Planungen für das Mehrgenerationenhaus griff Ingrid Alberding, die Geschäftsführerin des Mittelhofs, eine Idee auf, die ihr eine Anwohnerin aus der Nachbarschaft nahegebracht hatte: das Grundstück als Spiel- und Bewegungsfläche für alle Altersgruppen zu nutzen. Die Geräte sollten öffentlich zugänglich und ohne Anleitung zu nutzen sein. Neben der Anregung zu Bewegung und Training sollte natürlich der Spaß, die Begegnung und Kommunikation von zentraler Bedeutung sein. Bald nach der Eröffnung des Mehrgenerationenhauses bildete sich die Arbeitsgruppe aus Freiwilligen und Mitarbeitenden, die ein Konzept für den Platz erstellen sollte. Heute gehören dazu ein ehemaliger Projektentwickler, eine pensionierte Physiotherapeutin, eine Produkt-Designerin und der Leiter des Mehrgenerationenhauses, Timm Lehmann. Die Arbeitsgruppe machte eine Exkursion nach Wilmersdorf zu einem der Senioren-Spielplätze in Berlin, führte Gespräche mit den dortigen Verantwortlichen und sammelte Ideen und Konzepte aus dem Ausland, unter anderem aus der Türkei, Spanien und China, wo ähnliche Plätze viel verbreiteter sind, als bei uns. Bewegungsgeräte und ihre Anbieter wurden recherchiert und sich mit einem GesamtKonzept für die Außenanlagen beschäftigt.

Solange der Mensch spielt, ist er frei Ziemlich schnell stellte sich bei der Arbeit der Gruppe heraus, dass es sinnvoll sei, nicht nur den Bereich des Fitness-Parks zu bedenken und zu planen, sondern ein Gesamtkonzept für das Grundstück und die Gartennutzung zu entwickeln. Wir wollen das Spielen nicht ganz aus den Augen verlieren. Im Spiel ist es einfacher, sich zu begegnen und in Kommunikation zu treten.Bereits Friedrich Schiller sagte „Solange der Mensch spielt, ist er frei“. Die Gruppe hat folgende Ideen zusammen getragen: einen Außenbereich zu schaffen, ein Nachbarschaftscafe, den FitnessPark, eine Boccia- Bahn und ein Außen-Großschach. Fehlen sollen auch nicht ein Basketballkorb, eine Freifläche für Fußball und für Volleyball. Ein Lehmbackofen ist geplant und als Besonderheit die Spiel- und Kommunikationsbank. Eine Bank der besonderen Art Großes Augenmerk wird auf die Begegnung und den Dialog unter den Menschen gerichtet. Daher braucht es Plätze, Orte und Gelegenheiten, bei denen die Menschen zufällig und beiläufig ins Plaudern kommen können. Die Gruppe hatte das Glück, sich das Know How der Produkt-Designerin zunutze machen zu können. Sie hat eine Spielund Kommunikationsbank entwickelt, die durch ihre interaktive Rückenlehne zum Verweilen und zum Gespräch einlädt. Es handelt sich um eine Park-

bank, bei der die Holzleisten der Rückenlehne einzeln drehbar und von allen vier Seiten mit Text beschrieben sind. Dieser Text hat Ortsbezug, er wirft Fragen auf zum Thema „Miteinander der Generationen“ oder teilweise ist er einfach Wortspiel. Er regt zu einem spielerischen Austausch an. Die Arbeitsgruppe verabredet heute, den jetzigen Stand der Beratung nun mit dem Team des Hauses zu besprechen. Dann sollen, als nächster Schritt, die Ideen und Planungen allen Nutzern des Hauses bekannt gemacht werden. Vielleicht hat ja der eine oder die andere noch weiterführende Anregungen für das gemeinsame Projekt. Bei so vielen unterschiedlichen Nutzergruppen und -interessen ist Kommunikation und Beteiligung ein großes Thema im Haus. Nun muss nur noch am Tresen bei Gudrun der Kaffee und der leckere Kuchen bezahlt werden, dann geht es für heute nach Hause.
Timm Lehmann Leiter Mehrgenerationenhaus

Kontakt
Mehrgenerationenhaus im Nachbarschaftsheim Mittelhof e.V. Teltower Damm 228, 14167 Berlin Tel. 845 092 47 E-Mail lehmann@mittelhof-ev.de

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Ein Jung-Alt-Seminar in der Jugendbildungsstätte
Von Margit Siebner, Zeitzeugin

Vom 9. bis 11. Juli 2008 trafen sich im schönen Kladow in der Jugendbildungsstätte der Evangelischen Berufsschularbeit Haus Kreisau fünf Seniorinnen und Senioren - drei davon durch die Berliner Zeitzeugenbörse vermittelt - mit 14 Jugendlichen und ihren beiden sehr engagierten Lehrerinnen. Diese waren schon zwei Tage vorher angereist zum generationsübergreifenden Seminar. Mir wurde das Tagungshaus zuerst gezeigt. Ich erfuhr, dass hier jungen Erwachsenen im Rahmen eines Bildungsurlaubs Zeit und Raum geboten wird, darüber nachzudenken, sich zu informieren und zu diskutieren, was dem Leben Sinn und Inhalt geben kann. Interessant fand ich, dass es diese Seminare schon seit 1993 zu den verschiedensten Themen gibt. Unser diesjähriges Thema hieß: „Ist das gerecht??? Ein Seminar zum Gedankenaustausch für Menschen zwischen 18 und 88 Jahren.“ Die jungen Menschen, alle mit „Mig r a t i o n s h i n t e rgrund“, waren sichtlich so gespannt auf uns wie wir auf sie. Durch die gemeinsamen Mahlzeiten und durch das sehr gut Sich gegenseitig strukturierte Provorstellen gramm gelang das Kennenlernen problemlos. - Die Schüler, die schon ihr erstes Ausbildungsjahr hinter sich hatten, bildeten Projektgruppen zu den Themen 1.) Gerechtigkeit und teilen, 2.) Gerechte Strafe, 3.) Spiele brauchen Regeln und 4.) Wie du mir - so ich dir?, die sie uns am nächsten Tag durch Rollenspiele deutlich machen sollten. Danach waren wir Älteren dran: Wir wurden in einen „blauen Sessel“ gebe12 www.der-paritaetische.de 2 | 2009

Die Seminargruppte. Fotos: Gerhard Niemczyk

ten und von zwei Teilnehmern – weiblich und männlich – zu folgenden Themen interviewt: 1.) Was ist für Sie Gerechtigkeit? 2.) Sind Sie schon einmal mit Ungerechtigkeit konfrontiert worden? 3.) Wie ist das für Sie heute? Die jungen Zuhörer waren sichtlich erschüttert darüber, was das vergangene Jahrhundert mit seinen mörderischen Kriegen und seinem Rassenwahn unserer Generation angetan hatte. Darum bot ein gemeinsamer Grillabend eine gute Gelegenheit zum entspannten Austausch. Aber wir wurden nicht nur kulinarisch verwöhnt, sondern spürten auch den gegenseitigen Respekt für die unterschiedlichen Lebensformen. Der nächste Tag diente dann der Arbeit an den Projekten, die uns teilweise recht phantasievoll dargestellt wurden. Auch für uns gab es dabei die Möglichkeit, den jungen Menschen unsere Anerkennung zu zeigen und unseren Wunsch, dass es nach der Beendigung der Ausbildung eine Perspektive für sie geben möge. Der dritte Tag brachte dann schon den Abschluss mit dem Besuch eines Neuköllner Jugendrichters, der es gut verstand, die Schüler mit ihren Fragen in

ein Rollenspiel einzubinden zu dem Thema „Notwehr“. So blieb für die Auswertungsstunde nur die Frage übrig: Welche Chancen für Gerechtigkeit gibt es überhaupt, und wie können wir - Jung und Alt - in unseren Lebensbereichen daran arbeiten? Ich bin der Berliner Zeitzeugenbörse dafür dankbar, dass sie mich auf diese interessante Möglichkeit aufmerksam gemacht hatte. Mein Dank gilt aber auch den beiden hochengagierten Leitern, Frau Heidrun Joas-Böhme und Herrn Michael Spitzer. Ihre Frage, ob ich wieder einmal an einem Seminar teilnehmen würde, konnte ich gern bejahen.
Seit 1993 nutzt der Verein Zeitzeugenbörse (ZZB) die Erfahrungen der älteren Menschen als Zeitzeugen, um die kritischen Fragen der Jüngeren zu beantworten. Der Verein vermittelt Zeitzeugen an Schulen, Medien, wissenschaftliche Institute und andere Institutionen, die den Dialog zwischen den Generationen fördern. Weitere Informationen: Ansprechperson: Eva Geffers, Tel. 440 463 78 E-Mail info@zeitzeugenboerse.de Internet www.zeitzeugenboerse.de

PARITÄTISCHE Mitgliedsorganisationen

Fachgruppe Ältere Menschen
Advent-Wohlfahrtswerk in Berlin e. V. Koblenzer Str. 3 10715 Berlin - Wilmersdorf Tel. 8579010, Fax 85790144 info@mbv.adventisten.de www.bmv.adventisten.de Altenzentrum „Erfülltes Leben“ gGmbH Volkradstr. 28 10319 Berlin - Lichtenberg Tel. 5158810, Fax 51588199 info@erfuelltesleben.de www.erfuellltesleben.de Blindenwohnstätte Kniesehaus gemeinnützige Betriebs GmbH Stindestr. 25 12167 Berlin - Steglitz Tel. 72011520, Fax 72011529 friedrich.kniesehaus@web.de Deutsche Rheuma-Liga Berlin e. V. Schützenstr. 52 12165 Berlin - Steglitz Tel. 32290290, Fax 322902939 zirp@rheuma-liga-berlin.de www.rheuma-liga-berlin.de Elsbeth-Seidel-Stiftung Wernerstr. 9-11 14193 Berlin - Grunewald Tel. 8957150, Fax 89571555 verwaltung@elsbeth-seidel-stiftung.de www.elsbeth-seidel-stiftung.de Feministisches Frauen Gesundheits Zentrum e. V. Bamberger Str. 51 10777 Berlin - Schöneberg Tel. 2139597, Fax 2141927 ffgzberlin@snafu.de www.ffgz.de Fördererverein Heerstraße Nord e. V. Obstallee 22 c 13593 Berlin - Spandau Tel. 3758980, Fax 37589811 info@foev-hn.de www.foerdererverein.de Freie Demokratische Wohlfahrt e. V. (FDW) Rubensstr. 28 12159 Berlin – Schöneberg Tel. 8519068, Fax 8592428 info@fdw-berlin.de www.fdw-berlin.de Haus des älteren Bürgers gGmbH Werbellinstraße 42 12053 Berlin - Neukölln Tel. 6818062, Fax 6818064 mail@alter-nativ.org www.alter-nativ.org Humanistischer Verband Deutschlands LV Berlin e. V. Wallstr. 61-65 10179 Berlin - Mitte Tel. 61390415, Fax 613904864 hvd-berlin@humanismus.de www.hvd-berlin.de Jahresringe e. V. Boxhagener Str. 18 10245 Berlin Tel. 29341814, Fax 29341810 landesverband-berlin@jahresringe-ev. de www.jahresringe-ev.de Klub 74 Nachbarschaftszentrum Hellersdorf e. V. Am Baltenring 74 12619 Berlin - Hellersdorf Tel. / Fax 5630993 info@klub74.de www.klub74.de KOTTI e. V. Nachbarschafts- und Gemeinwesenverein am Kottbusser Tor Dresdener Str. 10 10999 Berlin - Kreuzberg Tel. 6157991, Fax 6157992 kotti@berlin.de www.kotti-berlin.de KREATIVHAUS e. V. Fischerinsel 3 10179 Berlin - Mitte Tel. 2380913, Fax 23809150 kontakt@kreativhaus-tpz.de www.kreativhaus-tpz.de KURATORIUM WOHNEN IM ALTER gemeinnützige AG – KWA Stift im Hohenzollernpark Fritz-Wildung-Str. 22 14199 Berlin - Wilmersdorf Tel. 89734001, Fax 89734599 hohenzollernpark@kwa.de www.kwa.de Lebensabend-Bewegung Landesverband Berlin e. V. Neumeisterstr. 2 13585 Berlin - Spandau Tel. 3352419 Lebenssegen e. V. Am Schmeding 13 12685 Berlin – Köpenick Tel. 65494849, Fax 64329657 les petits frères des Pauvres Freunde Alter Menschen e. V. Hornstr. 21 10963 Berlin - Kreuzberg Tel. 6911883, Fax 6914732 fam@petits-freres.org www.freunde-alter-menschen.de Miteinander - Füreinander, Selbsthilfe-Begegnungsstätten e. V. Str. der Pariser Kommune 24 10243 Berlin - Friedrichshain Tel./Fax 4452321 herbstlaube@freenet.de www.mitundfuereinander.de Miteinander Wohnen e. V. Volkradstr. 8/02-15 10319 Berlin - Lichtenberg Tel. 5124068, Fax 5124068 kontakt@miteinanderwohnen.de www.miteinanderwohnen.de

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Sozialverband VdK Berlin-Brandenburg e. V. Berliner Str. 40 - 41 10715 Berlin - Wilmersdorf Tel. 86491013, Fax 86491020 berlin-brandenburg@vdk.de www.vdk.de/berlin-brandenburg Sozialwerk Berlin e. V. Humboldtstr. 12 14193 Berlin - Wilmersdorf Te. 8911051, Fax 8926008 altenselbsthilfe@gmx.de Sozialwerk des dfb (Dachverband) e. V. Hagenstr. 57 - 60 10365 Berlin - Lichtenberg Tel. 5779940, Fax 57799422 sozialwerkdfb@aol.com www.frauen-dfb.de Sozialwerk des Schwerhörigen-Vereins Berlin e. V. Sophie-Charlotten-Str. 23 A 14059 Berlin - Charlottenburg Tel. 32602374, Fax 32602376 charlottenburg@hoerbiz-berlin.de www.hoerbiz-berlin.de Selbstbestimmtes Leben im Alter SWA e. V. Werbellinstraße 42 12053 Berlin - Neukölln

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Verein Gemeinschaftshilfe u. Altersheim Berlin e. V. Eyke-von-Repkow-Platz 2 10555 Berlin - Mitte Tel. 39903495, Fax 39903497 Haus.Christophorus@gmx.de Volkssolidarität LV Berlin e. V. Alfred-Jung-Str. 17 10367 Berlin - Lichtenberg Tel. 3086920, Fax 2792469 berlin@volkssolidaritaet.de www.volkssolidaritaet-berlin.de Werner-Bockelmann-Haus gGmbH Bundesallee 48b-50 10715 Berlin - Wilmersdorf Tel. 8610851, Fax 8738286 info@werner-bockelmann.de http://www.werner-bockelmann.de/default2.asp Zeitzeugenbörse e. V. Ackerstr. 13 10115 Berlin – Mitte Tel. 44046378, Fax 44046379 info@zeitzeugenboerse.de www.zeitzeugenboerse.de

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Berliner Koordinierungsstellen „Rund ums Alter“
Charlottenburg-Wilmersdorf Bundesallee 158 10715 Berlin Tel. 8931231, Fax 85728337 rund-ums-alter@unionhilfswerk.de www.unionhilfswerk.de Träger: Unionhilfswerk LV Berlin e. V. Friedrichshain-Kreuzberg Wilhelmstraße 115 10963 Berlin Tel. 25700673, Fax 25700802 koordinierung@dw-stadtmitte.de www.dw-stadtmitte.de Träger: Diakonisches Werk Berlin-Stadtmitte e. V. Lichtenberg Weißenseer Weg 6 10367 Berlin Tel. 97609359, Fax 97609946 kst-lichtenberg@volkssolidaritaet.de www.volkssolidaritaet.de Träger: Volkssolidarität Landesverband Berlin e. V. Marzahn-Hellersdorf Mehrower Allee 50 12687 Berlin Tel. 5143093, Fax 5143061 kstmarzahn-hellersdorf@albatrosev.de www.rundumsalter.org Träger: Albatros e. V. Mitte Reinickendorfer Straße 61 13347 Berlin Tel. 45941101, Fax 45941105 kst.mitte@web.de Träger: Ev.Geriatriezentrum Berlin gGmbH - EGZB – Neukölln Werbellinstraße 42 12053 Berlin Tel. 689770-0, Fax 689770-20 rund-ums-alter@hvd-berlin.de www.rund-ums-alter.de Träger: Humanistischer Verband Deutschlands LV Berlin e. V. Pankow Mühlenstraße 48 13187 Berlin Tel. 47531719, Fax 47531892 kst.pankow@albatrosev.de www.rundumsalter.org Träger: Albatros e. V. Reinickendorf Wilhelmsruher Damm 116 13439 Berlin Tel. 49872404, Fax 49872394 kst.reinickendorf@albatrosev.de www.rundumsalter.org Träger: Albatros e. V. Spandau Carl-Schurz-Straße 2-6 - im Rathaus Spandau 13578 Berlin Tel. 902792026, Fax 902797560 kst.spandau@evangelisches-johannesstift.de www.evangelisches-johannesstift.de Träger: Evangelisches Johannesstift, Altenhilfe gGmbH Steglitz-Zehlendorf Johanna-Stegen-Straße 8 12167 Berlin Tel. 76902600, Fax 76902601 Koordinierungsstelle@dwstz.de www.dwstz.de Träger: Diakonisches Werk Steglitz und Teltow-Zehlendorf e.V. Tempelhof-Schöneberg Reinhardtstraße 7 12103 Berlin Tel. 7550703, Fax 75507050 Koordinierungsstelle.berlin@vdk.de www.vdk.de/berlin-brandenburg Träger: Sozialverband VdK Berlin-Brandenburg e.V. Treptow-Köpenick Spreestrasse 6 12439 Berlin Tel. 39063825, Fax 39063826 kst.treptow-koepenick@albatrosev.de www.rundumsalter.org Träger: Albatros e. V. Koordinierungsstelle „Rund ums Alter“ der Jüdischen Gemeinde zu Berlin Joachimstaler Straße 13 10719 Berlin Tel. 88028142 Träger: Jüdische Gemeinde zu Berlin

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Ein Projekt des Humanistischen Verbands Deutschlands Gefördert durch die Liga der freien Wohlfahrtsverbände Berlins

Geschäftsstelle: Fehrbelliner Straße 92 · 10119 Berlin Telefon (030) 2 79 63 93 · Fax (030) 44 02 49 97 http://www.berliner-seniorentelefon.de E-Mail: info@berliner-seniorentelefon.de

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Ruhestand? Nein, danke
Sie sind zwischen 50 und 70 Jahre jung, leben im selben Kiez, rund um den Gesundbrunnen, und sind Mitglieder der 33. Stadtteilgruppe des Vereins Selbst-Hilfe im Vor-Ruhestand. Auf dem Arbeitsmarkt werden sie nicht mehr gebraucht, man nennt sie Vorruheständler, Langzeitarbeitslose, Erwerbsunfähige, doch sie fühlen sich noch nicht alt und suchen gemeinsam nach neuen Perspektiven. Wie alle Gruppen, die der Verein in den vergangenen 17 Jahren in fünf Berliner Bezirken gründete, treffen sie sich 14-tägig und tauschen sich über ihre Interessen, Erfahrungen und Fähigkeiten aus, erarbeiten gemeinsame Ziele und entwickeln daraus Aktivitäten. In den ersten beiden Jahren des Bestehens der Gruppe werden sie durch einen erfahrenen Moderator unterstützt. Dabei wird der Bereich Bildung groß geschrieben. Neben dem Besuch kultureller und politischer Veranstaltungen führt der Verein in Zusammenarbeit mit verschiedenen Bildungsträgern regelmäßig Seminare und Vorträge zu gesellsc haf t lic hen Themen durch. In den Begegnungsstätten des Vereins gibt es darüber hinaus Sprachkurse, Mal- und Zeichenzirkel, Gedächtnistraining und Computerkurse. Eine neue Welt entdecken Wichtig ist für viele ältere Menschen, den Kontakt zu den jüngeren Generationen nicht zu verlieren. Obwohl sie über einen reichen Erfahrungsschatz und fachliches Können verfügen, fühlen sich viele oft nutzlos. Dank der Kooperation mit Weddinger Schulen und Jugendeinrichtungen ist es den Mitarbeitern des Vereins gelungen, Kontakte und Austausch zwischen Jugendlichen und älteren Menschen aufzubauen. Für viele ältere Menschen hat sich über das Medium deutlich sprechen, vieles wiederholen und erklären. Nur im Ausnahmefall war es dem Jugendlichen erlaubt einzugreifen, d.h. die „Maus“ selbst zu

Junge Menschen helfen den Älteren, die Welt des Computers kennenzulernen Foto: Selbst-Hilfe im Vor-Ruhestand e.V.

Computer und Internet eine völlig neue Welt erschlossen, die ihnen im Alltag praktische Unterstützung gibt, z.B. bei der Suche von Bahnverbindungen, Informationen über Medikamente und bei der persönlichen Korrespondenz. Dabei steht das Lernen voneinander und miteinander im Vordergrund. Auch für die Jugendlichen, die meisten mit sogenanntem „Migrationshintergrund“, war die gezielte Anleitung von Erwachsenen eine völlig neue Erfahrung. Sie mussten sich nicht nur auf das Lerntempo, die Bedürfnisse und Interessen der älteren Menschen einstellen, sondern auch

betätigen. Die meisten Jugendlichen bewältigten diese Aufgabe gut bis sehr gut und erhielten dafür von den Senioren positives Feedback und Selbstbestätigung. Die Jugendlichen erlebten sich erstmals als Lehrende, konnten ihre Fähigkeiten sinnvoll weitergeben und entwickelten von gegenseitigem Respekt getragene Beziehungen zu älteren Menschen. Gefördert werden diese „Generationsübergreifenden Projekte“ über das Quartiersmanagement Pankstraße. Dadurch ist die notwendige Computereinrichtung und die Moderation des
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Projektes durch eine Fachkraft gesichert. Mit Jugendlichen das Tanzbein schwingen Da die Senioren auch direkt für die Jugendlichen etwas Sinnvolles anbieten wollten, entwickelten sie die Idee, Kurse zum Erlernen von Gesellschaftstänzen für Schüler der Oberschulen aufzubauen. Der erste Kurs begann im Mai 2007 als Vorbereitung auf die Schulabschlussfeste und –bälle und fand Interesse bei Jugendlichen aus verschiedenen Kulturkreisen. Keiner der Jugendlichen würde eine Tanzschule besuchen, doch in der lockeren Atmosphäre der Begegnungsstätte öffneten sich die jungen Leute und hatten viel Spaß miteinander. Andere Kulturen kennenlernen Der Verein Selbst-Hilfe im Vor-Ruhestand hat sich auf seine Fahne geschrieben, Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen zu aktivieren, um sich gegenseitig kennen zu lernen und besser zu verstehen. Er betreibt drei Begegnungsstätten in Berlin-Mitte, Ortsteil Wedding. Seit einem Jahr besteht das internationale Frauenfrühstück, an dem sich Frauen mit unterschiedlicher Nationalität einmal im Monat treffen, miteinander sprechen und sich mit speziellen Themen beschäftigen wie gesunde Ernährung oder Gewalt in der Familie. Großer Beliebtheit erfreute sich die Veranstaltungsreihe „Essen International“. In diesem Rahmen stellten Weddinger Migranten ihre Herkunftsländer mit deren spezifischer Küche vor. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten, die durch kulturelle Beiträge und landestypische Musik untermalt wurden, kamen Menschen mit verschiedenen kulturellen und religiösem Hintergrund zwanglos miteinander ins Gespräch. Man unterhält sich über Familie, Kinder und Enkel und es tauchen auch Fragen auf wie „Glaubst du an einen Gott?“ Obwohl die Verständigung teilweise schwierig ist, lernen Menschen von einander, die nie miteinander in Kontakt gekommen wären. Um dies zu ermöglichen, werden auch in 2009 in der Be14 www.der-paritaetische.de 2 | 2009

gegnungsstätte Schulstraße regelmäßig „Internationale Kulturtage“ stattfinden. Hilfenetzwerk für ältere Menschen im Stadtteil Über diese Aktivitäten hinaus engagieren sich viele ältere Menschen freiwillig für Kinder, kranke und alte Menschen. Im Rahmen des Projektes „Hilfenetzwerke für ältere Menschen“ werden Kontakte zwischen Hochbetagten und Menschen im Vorruhestandsalter im Stadtteil aufgebaut. Es geht darum, Vereinsamung zu vermeiden und den Senioren das selbständige Leben durch Hilfen im Alltag zu erleichtern. Die Freiwilligen erhalten eine intensive Vorbereitung auf diese Arbeit. Diese beinhaltet eine theoretische und praktische Qualifizierung rund um die Themen Alter, Hilfsmittel, Pflege und Demenz. Mit fachlicher Begleitung werden die Freiwilligen in die Lage versetzt, Veranstaltungen und Hilfen selbständig zu organisieren. Neben gemeinsamen Spaziergängen, Ausflugsfahrten und Festen wurden Besuchsdienste eingerichtet, eine Telefonkette aufgebaut und Unterstützung beim Einkauf geleistet. Innerhalb der vier Jahre des Bestehens des Projektes wurden über zwanzig Senioren zwischen 82 und 95 Jahren von zehn Freiwilligen betreut, einige bis an ihr Lebensende. Viele der alten, seh- oder gehbehinderten Menschen haben wieder neuen Lebensmut entwickelt. In einigen Fällen konnte die Umsiedlung ins Heim hinausgeschoben oder vermieden werden. Die Freiwilligen haben viel Freude und Bestätigung durch diese sinnvolle Tätigkeit erhalten. Gedanken an das eigene Altern begegnen sie mit weniger Furcht.
Doris Reinhardt Geschäftsführerin

Dokumentation zur vierten bundesweiten Tagung „Lesben und Alter“ erschienen
Mit Förderung des PARITÄTISCHEN Berlin ist die Dokumentation zur Tagung „Lesben im Alter“ erschienen. Die Tagung fand vom 30. November bis 2. Dezember 2007 in Berlin statt und wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert, Veranstalterin war RuT-Rad und Tat e.V. Ein Tabuthema in der Seniorinnenarbeit Lesbische Frauen im Alter sind eine Zielgruppe, die häufig in besonderer Weise von Diskriminierung betroffen ist. Lesben und Alter ist ein Tabu-Thema in der Seniorinnenund Seniorenarbeit. Wesentliche Ziele der Tagung waren Aufklärung und Abbau von Diskriminierung sowie die Verbesserung der Lebenssituation älterer Lesben. Die Vernetzung der Projekte im Bundesgebiet untereinander und die Entwicklung der Projekte in den einzelnen Bundesländern wurden unterstützt. Ziel war es auch, die zuständigen Behörden und die Politik zu bewegen, die Interessen lesbischer Frauen zu benennen und zu berücksichtigen.

Die Dokumentation ist erhältlich bei RuT-Rad und Tat e.V. Schillerpromenade 1 12049 Berlin Tel. 62 14 753 E-Mail radundtatberlin@arcor.de Internet www.lesbischeinitiativerut.de www.rut-radundtat.de www.rut-infopool.de

Kontakt
Selbst-Hilfe im Vor-Ruhestand e. V. Stettiner Str. 63, 13357 Berlin - Wedding Tel./ Fax 4933677 d.reinhardt@sh-vor-ruhestand.de www.sh-vor-ruhestand.de

Paten von Menschen mit Demenz in Wohngemeinschaften
Der Verein Selbstbestimmtes Wohnen im Alter e.V. gründete sich 2001. Er ist Mitglied im PARITÄTISCHEN Berlin und setzt sich für die Interessen demenziell Betroffener in ambulant betreuten Wohngemeinschaften ein. Im April 2008 initiierte er das Patenmodell zur Unterstützung von Menschen mit Demenz in Wohngemeinschaften. Verantwortung auf mehreren Schultern verteilt Immer mehr etablieren sich die ambulant betreuten Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz in Berlin. Zur Zeit gibt es schätzungsweise zwischen 250 und 300 davon in der Stadt. In einer Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz herrscht der Grundsatz der geteilten Verantwortung. Das bedeutet, dass die Wohngemeinschaftsmitglieder, ihre Angehörigen oder rechtlichen Betreuer und der Pflegedienst den Ablauf des alltäglichen Lebens gemeinsam organisieren. Dazu gehören auch Entscheidungen über gemeinsame Anschaffungen, der Wohnungsausstattung, der einzukaufenden Lebensmittel etc. Ein Pflegedienst, der rund um die Uhr für Betreuung und Pflege der Wohngemeinschaftsmitglieder sorgt, ist 24 Stunden präsent. Jedes Wohngemeinschaftsmitglied kann sich entsprechend seiner Fähigkeiten, Kompetenzen und Besonderheiten in das (Alltags-)Leben der Wohngemeinschaft (WG) einbringen. Charakteristisch für Demenz ist der progrediente, das bedeutet zunehmend fortschreitende schwere Verlauf der Krankheit. Um so wichtiger ist die regelmäßige Unterstützung durch eine Bezugsperson. Pate gesucht Falls der WG-Bewohner über keine aktive Bezugsperson verfügt oder seinem rechtlichen Betreuer nur wenig Zeit zur Verfügung steht, kommt ein Pate des Patenprojekts als Unterstützer in Frage. Das Patenprojekt des Vereins Selbstbestimmtes Wohnen im Alter (SWA) möchte mit seinem Modellprojekt genau für diese Gruppe der Betroffenen motivierte Menschen gewinnen. Menschen, die eine Patenschaft übernehmen, sollten Lust haben, einen Bewohner regelmäßig zu besuchen, sich mit ihm zu beschäftigen und gemeinsam Zeit zu verbringen und ihn in seiner Selbstbestimmung im Alltag zu unterstützen. Falls es von den rechtlichen Vertretern gewünscht und vereinbart wird, können die Paten stellvertretend die Angehörigengremien besuchen und bei der einen oder anderen Entscheidungsfindung die Interessen ihres Schützlings vertreten. Traurige und fröhliche Momente erleben Die Übernahme einer Patenschaft ist eine spannende und herausfordernde Aufgabe mit vielen Fassetten und sowohl traurigen als auch fröhlichen Momenten. Es kann ziemlich aufregend sein, zum ersten Mal eine Wohngemeinschaft für Demenz zu besuchen und sich in einer ganzen Gruppe von Demenzbetroffenen zu Recht zu finden. Im Mittelpunkt der Beziehung steht oft die ehrliche Empfindung der Menschen. So ist die Atmosphäre meist geprägt von einer Dynamik, die die Gefühle der Beteiligten positiv beeinflusst. Es kann sehr viel Spaß machen und neue persönliche Erfahrungen bringen, sich auf den Kontakt einzulassen. Ungeahnte Fähigkeiten wecken Ist erstmal ein guter Zugang gefunden, kommen manchmal ungeahnte Fähigkeiten der Betroffenen zu Tage, die sehr viel Freude machen. So sprach ein WG-Bewohner mit einer fortgeschrittenen Demenz das erste Mal seit Monaten wieder ein Wort, um sich bei der Patin für ihre Zuneigung zu bedanken. Eine andere Patin ist mit ihrer WG-Bewohnerin ins Kabarett gegangen. Es muss ein wunderschöner Abend gewesen sein, der nach einhelliger Meinung unbedingt wiederholt werden sollte. Die alte Dame, die im Rollstuhl sitzt, übte enthusiastisch durch lautstarkes Mitsingen die AltBerliner Chansontexte aus der früheren Zeit. Beide Seiten gewinnen dazu Eine Patenschaft bedeutet nicht nur für den Bewohner der Wohngemeinschaft eine willkommene Abwechslung. Auch für den Menschen, der sich bereit erklärt eine Patenschaft zu übernehmen, bedeutet es sozialen Kontakt und neue Erfahrungen. Der Verein unterstützt seine ehrenamtlichen Paten durch regelmäßige gezielte Schulungen und beratende Begleitung bei deren Einsätzen. Weitere Paten willkommen Das Patenschaftsprojekt des SWA sucht weitere Paten, denn es liegen bereits neue Anfragen von Wohngemeinschaftsbewohnern mit Patenbedarf vor.

Kontakt
Patenprojekt des SWA e.V. Haus des älteren Bürgers Werbellinstraße 42 in Berlin-Neukölln U-B. Rathaus Neukölln oder Boddinstraße Tel. 50 17 76-53/-54, Fax 50 17 76-55 E-Mail swa-patenprojekt@web.de Internet swa-berlin.de Bürosprechzeiten: Die 12 bis 18 Uhr/ Mi und Do 9 bis 13 Uhr oder nach Vereinbarung Ansprechpersonen: Karin Rückemann (Dipl.-Soz.päd) Projektkoordinatorin/-leiterin Anja Künzel (Dipl.-Soz.päd) Fortbildungskoordinatorin

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Lebenslang in den eigenen vier Wänden - Begleitetes Wohnen
Wenn man älter wird und merkt, dass es allein zu Hause nicht mehr so gut geht, dann denkt man meist nur ungern an einen Umzug in eine Senioreneinrichtung. Man möchte nicht weg aus seinem Kiez, von seinen Nachbarn, Bekannten und Freunden. Und man möchte auch weiter am Leben teilnehmen. Den Jahren Leben geben Die Mitglieder des 1991 gegründeten Vereins Miteinander Wohnen suchten nach Möglichkeiten, etwas gegen die drohende Vereinsamung der älteren Bewohnerinnen und Bewohner des Friedrichsfelder Kiezes im Nordosten Berlins zu tun. So entstanden verschiedene Unterstützungs- und Freizeitangebote, getreu dem Motto des Vereins „Den Jahren Leben geben“. Zu einem großen Teil werden diese von ehrenamtlichen Mitarbeitern getragen. Der Verein zählt über 400 Mitglieder, von denen sich nahezu 100 im Ehrenamt engagieren und mithelfen, das nachbarschaftliche Hilfenetz im Wohnumfeld enger zu knüpfen, sei es der Kaffeedienst an den Wochenenden und Feiertagen, die Hilfe beim Besuchsdienst oder der kreative Beitrag in der vielfältigen Veranstaltungstätigkeit. Grundgedanke des Vereins war von Beginn an, die gesamte „geriatrische Versorgungskette“ anzubieten. Nicht zu warten, bis Senioren hilfsbedürftig sind, sondern präventiv durch Bewegung für Kopf, Körper und Kontakte dafür zu sorgen, dass sie lange „fit“ bleiben. Ein Rundum-Hilfspaket für Ältere Das Projekt „Begleitetes Wohnen in eingestreuten Seniorenwohnungen“ begann im Mai 2006. Es handelt sich dabei um ein Rundum-Hilfspaket für Ältere, die ihren Lebensabend in der eigenen Wohnung und in der vertrauten Umgebung verbringen wollen.
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und Ausflugs-angebote usw. Die Senioren können diese Leistungen nach ihren Bedürfnissen und Wünschen zu kostengünstigen Preisen in Anspruch nehmen. Erbracht werden diese Leistungen vom Verein sowie gewerblichen und professionellen sozialen Dienstleistern aus der Region. Der Verein tritt als Vermittler und Anbieter dieser Dienstleistungen auf. Startphase vom Deutschen Hilfswerk bezuschusst Für den konzeptionellen Aufbau und die Pilotphase des Projektes vom Mai 2006 bis April 2008 bekam der Verein einen finanziellen Zuschuss vom Deutschen HilfsGemeinsam einkaufen ist leichter werk. Zwei feste Mitarbeiter wurFoto: Miteinander Wohnen e.V. den eingestellt, um das Projekt Angestrebt wird, durch geeignete umzusetzen. Seit Mai 2008 kostet das wohnbegleitende Dienstleistungen da- „Begleitete Wohnen“ 25 Euro pro Mofür zu sorgen, dass die Älteren auch bei nat. Noch trägt es sich nicht selbst, Hilfe- und Pflegebedürftigkeit mög- weil viele Ältere zögern, die angebotelichst von stationärer Hilfe unabhän- nen Leistungen, die vertraglich genau gig bleiben. fixiert sind, anzunehmen. Zwar sind Jeder Teilnehmer am „Begleiteten es nach der Pilotphase erst 15 TeilnehWohnen“ bekommt einen Ansprech- mer – diese fühlen sich jedoch gut bepartner, der erreichbar ist, vorbei- raten und betreut. Alle zwei Monate kommt und die notwendige Hilfe orga- treffen sie sich zu einem Plauderstündnisiert. chen, um ihre Sorgen und Probleme anzubringen und Vorschläge zu unterGrund- und Wahlservice im Angebot breiten. Sich einfach alles von der SeeDer Verein bietet seine wohnbegleiten- le reden zu können, das schafft selbst den Dienstleistungen, einen Teil davon bei oftmals wechselndem Personal übrigens bereits seit seiner Gründung, Vertrauen. im Rahmen der offenen Altenarbeit, als Grund- und Wahlservice an. Das Jutta Förster, Vereinsvorsitzende Grundserviceangebot umfasst den BeDr. Stefanie Schröder ratungs- und Betreuungsservice, den ehrenamtlichen Besuchsdienst und Kontakt den ehrenamtlichen Telefonbereitschaftsdienst. Zum WahlserviceangeMiteinander Wohnen e.V. bot gehören Hol-, Bringe- und BegleitTel./Fax 512 40 68 dienst, hauswirtschaftliche Hilfen, E-Mail kontakt@miteinanderwohnen.de pflegerische Hilfen, Fahrdienst, MahlInternet www.miteinanderwohnen.de zeitendienst, Wäsche- und Nähservice, handwerkliche Hilfen, Veranstaltungs-

Haus Abendsonne - mitten im Kiez und offen nach außen
Das Haus Abendsonne liegt im Ostberliner Hans-Loch-Viertel, einem Plattenbaugebiet aus den Sechziger Jahren in Lichtenberg. Träger dieses Pflegeheims ist die Altenzentrum „Erfülltes Leben“ gemeinnützige GmbH. Die ehemals jungen Bewohner des Wohngebietes sind in die Jahre gekommen und möchten ihren Lebensabend in ihrem gewohnten Kiez verleben. Da liegt es nahe, in das Pflegeheim zu ziehen, welches man schon seit vielen Jahren kennt. Denn der Vorläufer der „Abendsonne“, ein kommunales Pflegeheim, wurde bereits im Jahr 1966 eröffnet, nur wenige Meter vom heutigen Standort der neuerbauten „Abendsonne“ entfernt. Öffnung in den Sozialraum - und nicht erst heute Schon seit seiner Gründung ist das Heim mit seinen Angeboten offen für Menschen aus dem sozialen Umfeld. Mit seiner Umwandlung in eine gemeinnützige GmbH unter der Trägerschaft des PARITÄTISCHEN Berlin, der Volkssolidarität und des Vereins Miteinander Wohnen im Jahr 1995 wurde dieser Ansatz noch ausgebaut. Es existieren zahlreiche Beziehungen zu den verschiedenen Gruppen im Sozialraum. Der Verein Miteinander Wohnen führt die Senioren seiner Wohneinrichtung, aber auch Senioren aus dem Wohngebiet mit den Bewohnern der „Abendsonne“ bei vielfältigen Veranstaltungen zusammen. Die Ortsgruppen der Volkssolidarität halten den Kontakt zum Heim und führen ihre Treffen in seinen Räumlichkeiten durch. Zwölf ehrenamtliche Mitarbeiter des Heimes stammen zum größten Teil aus der näheren Umgebung und bringen sich mit viel Engagement in die Betreuung der Senioren ein. Kinder und Ältere inspirieren sich gegenseitig Es existieren seit vielen Jahren Kooperationsverträge mit zwei Kindertagesstätten des Wohngebietes. Zur großen Freude der Senioren treten die Kinder jeden Monat mit Gesang und Spiel auf und werden dafür mit kleinen Spenden, zum Beispiel Bastelbedarf, vom Heim unterstützt. Die Kinder nehmen am alljährlichen Sportfest des Heimes teil. Auf Wunsch haben auch schon Einschulungsfeiern mit den Eltern und den Bewohnern stattgefunden. Überhaupt werden die Räumlichkeiten der „Abendsonne“ gern von Anwohnern zur Ausrichtung von Familienfesten aber auch für verschiedenste Vereinsveranstaltungen genutzt. Dazu gehört auch die wöchentliche Probe des „Chores der fröhlichen Rentner“ unter der Leitung von Frau Dr. Roßberg, Vorsitzende der Volkssolidarität Berlin. Jetzt noch mehr Raum Der im Jahr 2005 bezogene Neubau des Heimes, nur wenige Meter vom Altbau entfernt, wurde im Jahr 2008 durch einen Anbau am Saal im Erdgeschoss erweitert. Bis auf die Außenanlagen erfolgte die Fertigstellung im Dezember 2008 und ist bereits nutzbar. Im hinzugewonnenen Raum finden Veranstaltungen der Bewohner statt, der tägliche Mittagstisch und der Cafetería-Betrieb. Selbstverständlich steht auch diese Räumlichkeit der Öffentlichkeit zur Verfügung. Verankert im Kiez Zum engen Kontakt mit dem Umfeld gehört auch die regelmäßige Zusammenarbeit mit den Kontaktbereichsbeamten der Polizei, der Apotheke sowie dem Einkaufszentrum in der Nachbarschaft. All diese jahrelangen vielfältigen Beziehungen haben dazu geführt, dass das Heim einen hohen Bekanntheitsgrad im Kiez aber auch berlinweit hat und die Senioren mancher Familien nun schon in zweiter Generation ihren Lebensabend in der „Abendsonne“ verbringen. Alle Aktivitäten der Einrichtung, wie der „Tag der offenen Tür“, der „Pfingstfrühschoppen“ oder die Wohltätigkeitsveranstaltung zu Weihnachten für Senioren, die unterhalb der Grundsicherung im Alter leben, sind darauf ausgerichtet, das „Haus Abendsonne“ mit seinen Bewohnern und Mitarbeitern auch zukünftig fest in die Strukturen des Sozialraumes einzubringen und somit einen Beitrag zu einem funktionie-

Sportfest des Haus Abendsonne mit der Paten-Kita. Foto: Matthias Meister

renden seniorenfreundlichen „Lebensraum Großstadt“ zu leisten. In diesem Sinne wird das bisher Erreichte kritisch hinterfragt und nach neuen Ideen Ausschau gehalten. Die Einrichtung lebt und zeigt das auch nach außen.
Thomas Böhlke Geschäftsführer/Heimleiter

Kontakt
Altenzentrum „Erfülltes Leben“ gGmbH Haus Abendsonne Volkradstraße 28, 10319 Berlin Tel. 51 58 810, Fax 51 58 81 99 E-Mail info@erfuelltesleben.de Internet www.erfuelltesleben.de

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Alt werden in Nachbarschaft -Kiezprojekt Mariendorf
Beim Kiezprojekt Mariendorf des FAM e.V. erhalten ältere Menschen, ihre Nachbarn und Angehörigen Beratung und Unterstützung rund um diese Thematik. Dazu gehören auch regelmäßige Veranstaltungen im Treffpunkt des Projekts. Regelmäßig und gern besucht Jeden ersten, dritten und fünften Montag im Monat findet Sitzyoga statt. Dieses Angebot gibt auch Menschen mit physiologischen Einschränkungen eine angepasste Bewegungsmöglichkeit und dient gleichzeitig als Möglichkeit zum Austausch. Jeden zweiten und vierten Montag im Monat steht das Erzählcafé auf dem Plan. Hier entstehen bei Kaffee und Kuchen nicht selten rege Gespräch zu anstehenden Themen, Austausch von Informationen und Anregungen. Es finden Vorträge zu verschiedenen Themen wie gesunde Ernährung, Pflegehilfsmittel, Beantragung von Sozialleistungen statt. Jeden Dienstag kommt eine kleine Gruppe zum Spielenachmittag zusammen. Und jeden Mittwoch trifft sich die Kochgruppe zum gemeinsamen Experimentieren und anschließendem Essen. Die vertraute Umgebung - ein Anker im Labyrinth des Vergessens Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit besteht in der Begleitung von Menschen mit Demenz oder anderen psychischen Erkrankungen nach dem Pflegeleistungsergänzungsgesetz. Es sind dauerhafte Besuchspartnerschaften entstanden, die den Betroffenen Selbstwertgefühl geben und die pflegenden Angehörigen entlasten. Frau G. lebt seit über fünfzig Jahren in einer genossenschaftlichen Wohnung im Kiez. Inzwischen ist sie weit über neunzig und seit einigen Jahren an Demenz erkrankt. Sie hat den größten Teil ihres Lebens hier verbracht, eine Familie gegründet und ist hier alt geworden. Jeder Winkel ihrer Wohnung ist vertraut, Abläufe und Gewohnheiten sind eingespielt, geliebte Möbel, Gegenstände und Andenken stehen an ihrem angestammten Platz – all das hält Erinnerungen und Bilder aufrecht, ein Anker im Labyrinth des Vergessens, und gibt Frau G. Orientierung und Sicherheit. Eine Freiwillige des Besuchsteams geht einmal in der Woche für drei Stunden zu ihr. Diese vergehen wie im Flug – sie trinken zusammen Kaffee, Frau G. erzählt aus ihrer Vergangenheit, Erinnerungen werden wieder lebendig und manchmal sitzen sie einfach nur beieinander, ganz vertraut und zugewandt. Wohnungsbaugenossenschaften übernehmen soziale Verantwortung Der innovative Charakter des Mariendorfer Kiezprojektes liegt nicht allein darin, dass hier ein sozialer Raum für ältere Menschen mit den eingangs beschriebenen Zielen entwickelt wird, sondern auch, dass Wohnungsbaugenossenschaften gemeinsam mit einem sozialen Träger Verantwortung für ihre Mieter und Kiezbewohner übernommen haben. Dieses Konzept bezieht auch sozial-medizinische Dienstleistungen, kommerzielle Services und die Nachbarschaft mit ein und bezieht seine Wirksamkeit aus der Vernetzung aller Ressourcen.
Christl Schwarz Projektkoordinatorin

Kiezprojekt Alt-Mariendorf Foto: Freunde alter Menschen e.V.

Die Freunde alter Menschen (FAM) e.V. sind eine internationale Organisation, die in vielen Ländern tätig ist. Ihr Ziel ist, die Lebensfreude „unserer alten Freunde“ zu erhalten und sich gegen Vereinsamung und Armut im Alter einzusetzen. Seit 2006 engagiert sich der Verein in Mariendorf. In der Berliner Baugenossenschaft und der Mariendorf - Lichtenrader Baugenossenschaft hat er Partner gefunden, die seine Arbeit im Kiez aktiv unterstützen. Das Mariendorfer Kiezprojekt von FAM e.V. erhielt für sein Engagement den Deutschen Altenhilfepreis 2009. Den Nachbarschaftsgedanken neu beleben Immer mehr Menschen werden immer älter und so lange man gesund, mobil und sozial eingebunden älter wird, ist das kein Problem. Aber Lebenssituationen können sich verändern. Dem Rechnung tragend hat das Projekt gemeinsam mit den Wohnungsbaugenossenschaften als Partner im Kiez ein Unterstützungsangebot etabliert, das die Lebenssituation älterer Menschen in diesem Gebiet entscheidend verbessert. Die Idee ist, Menschen zu helfen, lebenslang in der eigenen Wohnung zu bleiben – sofern sie das möchten, die Selbstbestimmung älterer Menschen zu stärken, der Vereinsamung entgegenzuwirken und den Nachbarschaftsgedanken neu zu beleben.
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Kontakt
Freunde alter Menschen e.V. Treffpunkt auf dem grünen Hinterhof Kurfürstenstraße 46 12105 Berlin-Mariendorf Tel. (030) 32 59 19 80 E-Mail cschwarz@freunde-alter-menschen.de Internet www.freunde-alter-menschen.de

Vom Wachsen der Herbstblumen
Eine Reportage von Rita Schmid

Berlin braucht ein interkulturelles Zentrum für Seniorinnen und Senioren
Nur wenige Minuten entfernt vom UBahnhof Oranienburger Tor, am Ende der Linienstraße, dort wo sich diese mit der beliebten Ausgehmeile im Herzen Berlins, der Oranienburger Straße kreuzt, suche ich nach S.U.S.I., dem interkulturellen Frauenzentrum. Nach dem geschäftigen Treiben der Oranienburger Straße, bekannt für seine kuriose Mischung von Restaurants, Cafés und Kneipen, Straßenstrich, jüdischer Synagoge und dem anarchisch anmutenden Künstlerzentrum Tacheles, ist dieser Teil der Linienstraße fast menschenleer. Nur ein kleines Klingelschild in der Nummer 138 weist darauf hin, dass ich richtig bin. – Solidarisch, Unabhängig, Sozial, International – das steckt also hinter dem Namen S.U.S.I. Der automatische Türöffner gestattet mir, ins Haus einzutreten. Es erwarten mich zwei Treppen in den ersten Stock – nicht eben seniorinnenfreundlich. Das Haus ist ein einfaches Wohnhaus aus der Gründerzeit. Drei Mitstreiterinnen treten in Szene Jetzt am Vormittag ist es noch recht ruhig hier bei S.U.S.I. Sonja Solarte erwartet mich hinter ihrem großen Schreibtisch. Später im Gespräch erfahre ich, dass sie Kolumbianerin ist, 49 Jahre alt, seit der Eröffnung des Interkulturellen Frauenzentrums S.U.S.I. im März 1992 als Programmkoordinatorin und Psychologin in der Beratung im Projekt tätig. In ihrem privaten Leben ist sie Mutter von zwei Töchtern, schreibt Gedichte, die auch schon veröffentlicht wurden und singt in der Salsa-Frauenband „Burundanga“. Frau Solarte führt mich in ein großes Zimmer - eine Mischung zwischen Café und Bibliothek - und verschwindet wieder. Langsam entwickelt sich die Szene: Nicht lange, und es tritt eine quirlige, altersmäßig schwer zu schätzende Frau mit kurzem Haarschnitt ein: Larissa Makeeva Mich kurz begrüßend, hastet sie ins Nebenzimmer. Bald erscheint sie wieder mit einer Papierbahn, auf der Fotos aufgeklebt sind. Es stellt sich heraus, das diese Teil einer Ausstellung der „Herbstblumen“ war. Was hinter den Herbstblumen steckt, erfahre ich kurze Zeit später. Die Dritte im Bunde tritt ein: Voller Energie mit einem strahlenden Lächeln setzt sie ihre Pelzmütze ab und entledigt sich ihres Mantels. Diese eleSuche nach neuen Räumen kam Ninel Ziegler 2002 zu S.U.S.I., fand dort eine herzliche Aufnahme und Unterstützung bei den diversen Aktivitäten der Gruppe. Die Frauen von „Nesabudka“ , zwischen 60 und 82 Jahre alt – eine Frau war sogar 86, erinnert sie sich akzeptierten das neue Zuhause, nahmen sogar die Treppen in Kauf und treffen sich seither dort einmal im Monat. Dann kamen die Herbstblumen Es entwickelte sich eine fruchtbare Zusammenarbeit mit S.U.S.I.. Aus „Nesabudka“ wuchs der Wunsch, sich mit älteren Frauen aus Deutschland und anderen Nationen auszutauschen. Bei S.U.S.I. gab es bereits eine iranische, polnische und lateinamerikanische Frauengruppe und eine Mitarbeiterin, Karine Wisbar, die die Aktivitäten für die Seniorinnen organisierte. Die Frauen von „Nesabudka“ nahmen mit ihnen Kontakt auf und es entstand die Idee eines interkulturellen Treffpunktes für Seniorinnen: „Herbstblumen“. Larissa Makeeva, neben Ninel Ziegler eine der aktiven Frauen bei „Nesabudka“, erhielt eine SAM-Stelle für dreieinhalb Jahre bei S.U.S.I. und war für die „Herbstblumen“ verantwortlich. Frau Makeeva, ursprünglich aus Moskau, kam 1991 nach Deutschland. Sie hatte über zwanzig Jahre als Journalistin bei einer großen russischen Zeitung gearbeitet. In Berlin organisierte sie acht Jahre lang als Kulturreferentin beim Club Dialog Veranstaltungen, Lesungen und Ausstellungen. Mit ihren Erfahrungen war sie genau die Richtige, um das Projekt Herbstblumen zu begleiten. Larissa Makeeva erinnert sich: „Zuerst entwarfen wir einen Fragebogen in iranischer, polnischer, russischer, und spanischer Sprache. Wir wollten erfahren: Was wünschen sich die älteren Frauen? Worin können wir sie unterwww.der-paritaetische.de 2 | 2009 19

Malworkshop der Herbstblumen Foto: S.U.S.I. e.V.

gante ältere blonde Frau stellt sich mir als Ninel Ziegler vor. Sonia Solarte tritt ein mit dem Kaffee – die Szene ist komplett. Es kann losgehen. Zuerst waren die Vergissmeinnicht Ninel Ziegler ist Russin und lebt seit 1966 in Berlin. Von Beruf Bauingenieurin, mit einem Deutschen verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern, erlebte sie - wie so viele andere auch - nach dem Mauerfall die Abwicklung des Betriebes in dem sie arbeitete. Es folgten verschiedene Fortbildungen. Ihr wurde eine Arbeitsfördermaßnahme angeboten bei einem Frauenprojekt. Sie nahm an, lernte, das weibliche „-in“ an die männlich ausgerichteten Bezeichnungen anzuhängen und begann, sich verstärkt für die Anliegen von Frauen einzusetzen. Beim Club Dialog gründete sie 1989 die russische Frauengruppe „Nesabudka“, übersetzt „Vergissmeinnicht“. Auf der

stützen? Wir luden viele Frauen zum Eröffnungsfest ein und verteilten dort die Fragebögen.“ Sonia Solarte wertete die Antworten aus. Als Ergebnis entstanden folgende Angebote: Bewegungstraining, ein literarischer Kreis – der allerdings wegen der verschiedenen Sprachen kompliziert in der Durchführung war. In Verbindung mit dem Feministischen Frauen- und Gesundheitszentrum, besser bekannt als FFGZ, fanden mehrere Vorträge zum Thema Gesundheit und eine Patientinnenschulung statt. Rechtsfragen werden erörtert und soziale Themen diskutiert. Die Frauen kochen zusammen, machen Ausflüge. Sehr gut wird der Kurs Deutsch für Seniorinnen angenommen. Bei S.U.S.I. existierte bereits ein Deutschkurs. Die älteren Frauen hatten jedoch ein Problem mit der Schnelligkeit, die durch die jungen Frauen dort vorherrschte. Jetzt lernen Sie in einem Tempo, das ihnen gerechter wird. Etikett „Ältere“ oder „Seniorin“ kommt nicht bei allen gut an Es war nicht einfach, ältere lateinamerikanische Frauen für die Angebote der Herbstblumen zu gewinnen. „Insbesondere die Latinas wehrten sich gegen das Etikett ‚Seniorinnen’ oder ‚ältere Frauen’“, erzählt Sonia Solarte. Ein maltherapeutischer Workshop mit dem Untertitel „Wer wir sind und wie wir leben wollen“ verschaffte „Herbstblumen“ auch bei ihnen den Durchbruch. Noch immer spricht Ninel Ziegler voller Begeisterung von dem Kurs: „Es war eine kleine Gruppe – darunter eine Italienerin, Russinnen, und zwei Chileninnen. Erst haben wir von uns erzählt. Jede hatte anfangs von sich behauptet, sie könne nicht malen. Dann setzten wir uns an den Tisch und malten mit geschlossenen Augen unser Gesicht.“ Jede malte aus ihrem Leben. „Die Bilder waren so strahlend“, schwärmt Ninel Ziegler. „Aber es gab auch düstere, wie bei einer der Chileninnen. Ihre Bilder spiegelten ihr hartes Leben wieder, die Zeit von Allende und General Pinochet, der viele Chilenen - auch sie - ins Exil gedrängt hatte.“ Seit diesem Malkurs haben einige Frauen ihre Schwellenangst abge20 www.der-paritaetische.de 2 | 2009

legt und sind mit ganzem Herzen mit von der Partie bei den Angeboten der Herbstblumen. Vision eines interkulturellen Zentrums für Seniorinnen und Senioren Inzwischen haben sich die drei Frauen warm geredet. Es stellt sich heraus, dass sich aus den Erfahrungen mit den „Herbstblumen“ eine Vision entwickelt hat. Ninel Ziegler rückt heraus mit der Sprache: „Wir wollen ein Haus der Begegnung für ältere Migrantinnen und Migranten und haben dazu ein Projekt entworfen. Derzeit sind wir auf der Suche nach Räumen und finanzieller Unterstützung für eine Personalstelle. Bei S.U.S.I. sind wir an bestimmte Grenzen gestoßen: Ältere Frauen, die noch einen Partner haben, wollen ihren Partner gern mitnehmen. Dies ist bei S.U.S.I. als Frauenprojekt nicht möglich. Unser Zentrum soll auch offen sein für Behinderte. Dazu muss der Ort der Begegnung barrierefrei sein. Das verhindern hier bereits die Treppen in den ersten Stock. Bisher findet nur einmal wöchentlich eine Veranstaltung der Seniorinnen statt. Das ist uns zu wenig – wir wollen einen Ort, wo jeden Tag etwas geboten ist. Unsere Idee ist, dass die Seniorinnen und Senioren bei der Planung und Durchführung der Aktivitäten mitwirken und sie großenteils selbst organisieren.“ Sonia Solarte ergänzt: „Wir stellen uns vor, dass in dem Zentrum mit der Zeit ein Austausch zwischen jung und alt stattfindet sowie zwischen Menschen aus all den Herkunftsländern, die sich in Berlin tummeln.“ Lobby für ältere Migranten fehlt Die drei Frauen haben die Beschreibung des Projekts bereits auf Papier gebracht. Die aufgeführten Zahlen sprechen eine klare Sprache: Etwa 470.000 ausländische Bürgerinnen und Bürger aus 184 Staaten leben zur Zeit in Berlin. Im Bezirk Mitte sind von insgesamt 316.408 Einwohnern über 85.430 Einwanderer aus 166 Nationen und einzelnen Bevölkerungsgruppen. Davon wiederum sind rund 10.000 Personen älter als 65 Jahre. Ältere Migranten und Migrantinnen haben noch größere Schwierigkeiten,

sich hier zu integrieren als andere Altersgruppen. Sie werden oft bei der Entwicklung von Konzepten und Projekten zur Integration von Migranten wenig berücksichtigt, etwa beim Erlernen der deutschen Sprache. Sie sind in ihrer Kultur und ihren Traditionen noch stärker verankert als jüngere Migranten. Die Regeln der neuen Umgebung sind manchmal für sie weniger verständlich. Obwohl einige die Unterstützung ihrer Familie bei Gesundheitsproblemen und anderen Angelegenheiten des Alltags bekommen, gibt es auch immer mehr, die sich allein mit ihren Bedürfnissen und Problemen zurecht finden müssen. Herbstblumen mit klaren Konturen Das Konzept des geplanten interkulturellen Seniorinnen- und Senioren-Zentrums basiert auf mehr als vier Jahren Erfahrung mit den Herbstblumen bei S.U.S.I. sowie zahlreichen Gesprächen mit Migrantinnen und Migranten. Eine breite Palette von Angeboten schwebt den Initiatorinnen vor: Sie beginnt beim Deutschunterricht für die älteren Migranten. Es sollen Informationen vermittelt werden zu gesundheitlichen und rechtlichen Fragen. Themen wie Verbraucherschutz, Rente und Steuern, Versicherungsfragen, patientenrechtliche und mietrechtliche Fragen werden behandelt. Auch eine Begleitung zu den Ämtern ist vorgesehen. Es wird ein breites Angebot im kulturellen und im Freizeitbereich geben. Dabei steht im Vordergrund, die geistige und körperliche Beweglichkeit zu erhalten und zu fördern, die Traditionen verschiedener Kulturkreise kennen zu lernen zum Beispiel in Liederund Tanzgruppen, gemeinsam zu kochen und vieles mehr. Die drei Frauen sind sich einig: Das Projekt ist wichtig: In ganz Berlin gibt es bisher kein interkulturelles Seniorenzentrum. Jetzt heißt es Geld aufzutreiben und geeignete, gut zu erreichende Räume zu finden.

Kontakt
Sonia Solarte, S.U.S.I., Tel. (030) 28 26 62 70 E-Mail susifrz@aol.com

Erste Beratungsstelle für demenziell erkrankte Migranten in Europa
Interview mit Derya Wrobel

Derya Wrobel, in der Türkei in Edremit geboren, ist Mutter von zwei Kindern und kam wegen ihres Studiums nach Deutschland. Sie studierte Theater, Theaterpädagogik sowie Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Seit 2001 arbeitet sie beim Sozialverband VdK, seit Mai 2003 ist sie dort Leiterin des Projekts IdeM (Informationszentrum für demenziell, psychisch und geistig behindert erkrankte Migranten). Das IdeM bietet Beratung in deutscher, türkischer, polnischer, arabischer, und serbokroatischer Sprache an. Neben Frau Wrobel als hauptamtlicher Sozialpädagogin arbeiten noch sechs ehrenamtliche Sprachmittler. Pro Jahr werden ungefähr 250 Klienten beraten. 2008 erhielt IdeM den ersten Sonderpreis für Selbsthilfegruppen von der RAHMS-AG und dem MEDICA e.V. anlässlich der Medica, der weltweit größten Medizinmesse in Düsseldorf.
Frau Wrobel, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für das Interview genommen haben.

Können Sie uns etwas zur Entstehungsgeschichte des IdeM erzählen? Ich habe 2002 in einer Beratungsstelle des Sozialverband VdK für türkischsprachige Migranten gearbeitet. Dort kamen immer wieder Migranten, die von Demenz betroffen waren. Ich merkte, dass diese zum Teil ganz andere Probleme hatten als demenziell erkrankte Deutsche und dass es für sie keine adäquate Hilfe und Beratung gab. Daraufhin hat unser Projektkoordinator Georg Steinoff das Konzept für IdeM geschrieben. Der PARITÄTISCHE Berlin unterstützte uns damals und half uns, Mittel vom Deutschen Hilfswerk zu erhalten.
Gehen andere Kulturen anders mit Krankheiten wie Demenz um?

len sie sich allein gelassen und immer mehr von der Situation belastet.
Sie bieten auch eine Beratung in der Moschee an. Wie ist es dazu gekommen?

Während unserer Beratungszeiten haben wir gemerkt, dass Demenz oft ein Tabu-Thema ist. In vielen Kulturen schämen sich die Leute, wenn sie oder ihre Angehörigen dement werden. Oft gelten von Demenz Betroffene als verrückt oder dumm oder gar vom Teufel besessen. Gerade in islamischen Kulturen sieht man das als eine Art Gottesstrafe, die durch böse Taten oder Sünden selbst verschuldet ist. Viele Angehörige schämen sich so sehr, dass sie sich immer mehr zurückziehen. Sie sprechen nicht über die Krankheit. Das führt oft dazu, dass sie Ansprüche, die ihnen rechtlich zustehen, nicht geltend machen. Oft füh-

Wir gingen davon aus, dass solche Tabus am besten da zu brechen sind, wo man ein großes Publikum erreichen kann. Wir sind an die Ditib Moschee herangetreten, die einen gemäßigten Islam vertritt. Ich habe dort 2007 die „Frauengruppe gegen Vorurteile - Demenz und Alzheimer“ gegründet. Wir sprechen dort über Demenz, aber auch über Depressionen und über die Belastung pflegender Angehöriger. Das Schöne an dieser Gruppe ist, dass dort Frauen, die Angehörige pflegen, mit nicht betroffenen Frauen in Kontakt kommen können. Die Frauen wirken dann als Multiplikator und geben ihr Wissen an die türkische Gemeinschaft weiter. Dadurch ist es uns möglich, eine ganze Menge Leute zu erreichen.
Wie viele Frauen kommen zu dieser Frauengruppe?

Derya Wrobel, Leiterin von IdeM Fotos: IdeM, Sozialverband VdK e.V.

Mit diesem Konzept haben wir den Preis der RAHMS-AG und des MEDICA e.V. gewonnen.
Welche Besonderheiten gibt es bei demenziell erkrankten Migranten?

Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal sind es dreißig, aber manchmal auch vierzig oder fünfzig, manchmal aber auch Hunderte, zum Beispiel während des Fastenmonats Ramadan.

Bei demenzieller Erkrankung ist es in der Regel so, dass die frischesten Erinnerungen verloren gehen, aber weit zurückliegende Erfahrungen sehr präsent sind. So können sich oft die Leute ganz genau an das Verlassen ihres Heimatlandes erinnern, wann sie damals in den Zug eingestiegen sind, wie viele Koffer sie hatten und wann sie in Deutschland angekommen sind. Aber wenn ich sie frage, wo sie wohnen, nennen sie mir eine Straße in ihrem alten Heimatort in der Türkei. Viele denken, sie leben in der Türkei und das ist für die Menschen extrem verwirrend. Das Heimatland, das sie in der Erinnerung haben, sieht ganz anders
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Wichtig ist auch, dass wir an die Orte gehen, wo sich die Menschen befinden. Einmal habe ich am Wochenende einen Stand bei einem türkischen Supermarkt aufgemacht. Da habe ich sehr viele Beratungen gemacht. Was nicht funktioniert ist, ein paar Hochglanz-Flyer zu drucken und zu verteilen und dann zu warten, dass die Leute in dein Büro kommen. Das klappt nicht.
Sind Sie auf Widerstände gestoßen, als Sie die Arbeit begonnen haben?

Preisverleihung auf der Medizinmesse Medika in Düsseldorf 2008

aus als hier. Dadurch spüren viele oft eine unheimliche Verwirrung und Trauer. Die Deutschen, die von Alzheimer betroffen sind, leben wenigstens in vertrauter Umgebung.
Wie wirkt sich Demenz in Hinblick auf Sprache aus?

noch so stark, dass die alten Menschen weniger Altenhilfe und professionelle Pflege brauchen.

Es treten viele Probleme auf. Die später erlernte Sprache geht verloren. Die Menschen können einfach nicht mehr deutsch sprechen. Man kann nicht einmal die Muttersprache richtig sprechen, man findet einfach die Wörter nicht. Da gibt es in Deutschland und in Europa kein Bewusstsein dafür. Die Leute sagen, die leben seit vierzig Jahren hier und sprechen noch nicht einmal die Sprache. In diesem Bereich muss noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden, um die Menschen zu sensibilisieren.
Ist es richtig, dass bei türkischstämmigen Migranten der ersten Generation Alterserscheinungen im Durchschnitt früher einsetzen?

Man geht immer noch vom Klischee der starken intakten Großfamilie aus, bei der vom Enkel bis zum Großvater alle unter einem Dach leben und Pflegebedürftige von ihren Angehörigen versorgt werden. Aber wir machen die Erfahrung, dass das nichts mit der Realität zu tun hat. Viele Familien sind kaputt und durch die Migration und die verschiedenen Erfahrungen, die unterschiedliche Generationen gemacht haben, auseinandergebrochen. Ich habe viele Leute zu beraten, die ganz allein sind. Wir haben in unserer Dokumentation eine Rubrik Angehörige. Wissen Sie, wie oft mir ältere Menschen keinen einzigen Angehörigen nennen können? Die haben einfach niemanden...
Wie können Sie diese Menschen erreichen? Wie erfahren Ihre Klienten von Ihrer Beratung?

Sehr starke Widerstände gab und gibt es im Bereich der Patientenverfügungen. Da sind wir sehr schnell an unsere Grenzen gestoßen. Man redet in islamischen Kulturen nicht offen über den Tod. Das ist ein Tabu-Thema. Viele sagen: Gott soll entscheiden, wann man sterben oder leben soll. Darüber redet man nicht, da blocken viele einfach von vornherein ab.
Wie sieht ein Erfolg in Ihrer Arbeit aus?

Wir haben schon viel erreicht, wenn die Leute aufhören, Demenzerkrankungen zu dramatisieren. Häufig sehen Menschen, die zum ersten Mal zu uns kommen, die Demenzerkrankung ihrer Angehörigen als eine Art Katastrophe. Viele denken, das ist das Schlimmste, was ihnen passieren konnte. Aber durch unsere Beratung und durch Gespräche mit anderen Angehörigen lernen sie, Demenz als eine ganz normale Krankheit zu sehen, mit der man lernen kann umzugehen. Ich freue mich, wenn ich sehe, dass sie auch mal wieder lachen können.
Das Interview führte Johannes Ringel.

Ja, das kann ich nur bestätigen. Man muss bedenken, dass diese Menschen, bevor sie emigrierten, meistens schon einige Jahre in ihrer Heimat gearbeitet haben. Und danach haben sie in Deutschland oft körperlich sehr anspruchsvolle Arbeiten übernommen. Man sieht viele 60Jährige, die Krankheitsbilder haben wie 80jährige oder 85jährige Deutsche.
Viele Menschen gehen davon aus, die türkischen oder arabischen Großfamilien seien 22 www.der-paritaetische.de 2 | 2009

Ich arbeite gerne mit der fremdsprachlichen Presse zusammen. Zum Beispiel mit Hürriyet, einer türkischsprachigen Zeitung, die eine Redaktion in Berlin hat, oder auch mit dem türkischsprachigen Lokalfernsehen. Es gibt zum Beispiel auch ein polnisches Magazin, das in Berlin herausgegeben wird. Außerdem sind wir bei vielen Ärzten und Psychologen bekannt. Die kontaktieren uns, wenn sie unsere Hilfe benötigen.

Kontakt
Derya Wrobel IdeM, Sozialverband VdK e.V. Rubensstraße 84, 12157 Berlin Tel. 856 296 57 E-Mail derya.wrobel@vdk.de

Pilot-Pflegestützpunkte im Land Berlin
Umfassende Pflegeberatung und Unterstützung von Menschen mit Hilfeund Pflegebedarf sind zentrale Punkte der Reform der sozialen Pflegeversicherung. Das neue Sozialgesetzbuch (SGB) XI verankert gesetzlich den Anspruch auf Beratung für Versicherte mit Hilfe- und Pflegebedarf jeden Alters. Pflegestützpunkte sollen eingerichtet werden und eine flächendeckende Beratungs- und Versorgungsstruktur für hilfs- und pflegebedürftige Menschen jeden Alters gewährleisten. Seit 2008 werden im Modellprojekt „Werkstatt Pflegestützpunkt und Pflegeberatung“ in allen Bundesländern Beratungsstrukturen erprobt, die zukunftsweisend für die Beratung und Begleitung dieser Zielgruppe sein sollen. Dort, wo bereits Strukturen vorhanden waren, werden diese in die Modellphase mit einbezogen bzw. dienen als Basis für die Pilot-Pflegestützpunkte. Zwei Koordinierungsstellen Rund ums Alter mit dabei in der Pilotphase Im Land Berlin beteiligt sich der Beratungsverbund der Koordinierungsstellen Rund ums Alter am Modellprojekt „Werkstatt Pflegestützpunkt und Pflegeberatung“. Die Koordinierungsstellen Rund ums Alter Treptow-Köpenick und Friedrichshain-Kreuzberg haben sich als Vertreter des Beratungsverbundes für das Modellprojekt beworben und sind seit April 2008 mit von der Partie in der Pilotphase. Die herkömmliche Arbeit entsprechend dem Zuwendungsbescheid wird weiterhin wie gewohnt gewährleistet. Die Vernetzung und Zielgruppenerweiterung ist als Schwerpunkt der Modellprojekte während der Laufzeit bis Ende 2010 zu sehen. Für das Jahr 2008 wurden pro Standort 15.000 Euro für das Modellprojekt bewilligt. Etwa die Hälfte des Geldes wurde für Personalkosten verwendet, der Rest floss in den infrastrukturellen Aufbau und in die Öffentlichkeitsarbeit. Die Berliner Koordinierungsstellen Rund ums Alter bieten mit ihrem Leistungsprofil eine optimale Ausgangsposition, um zukünftige Pflegestützpunkte im Land Berlin zu implementieren: Mindestens sieben Gründe sprechen dafür 1. Berliner Koordinierungsstellen können auf 20 Jahre Erfahrung in der psychosozialen Beratung, im Fallmanagement, sowie über fundierte sozialrechtliche Kenntnisse zur leistungserschließenden Beratung zurückgreifen. 2. Sie sind als Anlaufstellen für Fragen im Alter und bei Pflegebedürftigkeit in der Öffentlichkeit und in den Versorgungssystemen implementiert und etabliert. 3. In den Koordinierungsstellen Rund ums Alter arbeiten Sozialarbeiter und Sozialpädagogen mit langjähriger Erfahrung in der Anwendung der Methode Case Management. Das Case Management ist im Rahmen der Arbeit der Koordinierungsstellen Rund ums Alter sowohl auf Klienten- als auch auf Systemebene vollständig implementiert. 4. Die Arbeit der Berliner Koordinierungsstellen Rund ums Alter basiert auf einer einheitlichen Leistungsbeschreibung und einem standardisierten Dokumentationssystem. 5. Die Koordinierungsstellen Rund ums Alter arbeiten federführend und aktiv in den bezirklichen geriatrischgerontopsychiatrischen Verbünden und Netzwerken mit und tragen zur Verbesserung und Pflege von Kooperations- und Koordinationsstrukturen im lokalen gesundheitlichen und sozialen Versorgungsgefüge bei. 6. Mit der Datenbank Hilfelotse (www. hilfelotse-berlin.de) haben die Koordinierungsstellen Rund ums Alter ein berlinweites Beratungs- und Informationsinstrument geschaffen, durch das Hilfe suchende Menschen eigenständig die für sie notwendigen Hilfen recherchieren können. 7. Die Berliner Koordinierungsstellen Rund ums Alter unterstützen aktiv bürgerschaftliches Engagement und beziehen Bürger, die sich freiwillig für die Belange der Verbraucher sozialer und gesundheitlicher Dienstleistungen in ihrem Gemeinwesen einsetzen, in ihre Arbeit mit ein. Ambulant vor stationär Das zentrale Ziel der Arbeit in den Koordinierungsstellen Rund ums Alter ist es, den Verbleib älterer Menschen in der eigenen Häuslichkeit oder die Rückkehr dorthin zu ermöglichen. Im Bedarfsfall beraten sie bei der Suche einer alternativen Wohnform oder eines Pflegeheimes. Sie unterstützen ältere Menschen bei der Realisierung eines möglichst selbstbestimmten und selbstständigen Lebens auch bei Krankheit, Behinderung und Pflegebedürftigkeit. Ziel der Beratung und Unterstützung ist die Befähigung zur selbstständigen Umsetzung der erforderlichen Schritte und die Integration in das Hilfesystem sowie die Realisierung gesetzlicher Ansprüche. Die leistungserschließende Beratung spielt hierbei eine zentrale Rolle. Was kommt neu hinzu? In Kreuzberg ist der Pflegestützpunkt integriert in die Koordinierungsstelle Rund ums Alter eines sozialen diakonischen Zentrums. Der Pflegestützpunkt Köpenick ist eingegliedert in das regionale Netzwerk Leben im Kiez, welches bürgerschaftliches Engagement im Quartier fördert. In den Pilot-Pflegestützpunkten wird die Zielgruppenerweiterung erprobt. Hinzu kommen neben älteren und hilfebedürftigen Menschen die Beratung und Unterstützung pflegebedürftiger Kinder und Jugendlicher, psychisch
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bisherigen Koordinierungsstellen Rund ums Alter hervor. Hiermit wird die Chance ergriffen, Strukturen zu bündeln und wohnortnahe Beratungsangebote zu schaffen. Die konkrete Ausgestaltung und Schnittstellengestaltung in Bezug auf die Pflegeberatung und die Aufgabenbereiche der Pflegestützpunkte sind noch auszuhandeln und Qualitätsstandards zu entwickeln. Es bleibt zu hoffen, dass hierbei an die Grundlagen des anwaltschaftlichen Case Managements im Sinne der Wünsche und Bedürfnisse der Betroffenen angeknüpft werden kann.
Andrea Schulz Projektleiterin Pflegestützpunkt Köpenick

Gemeinsam auf der Suche nach der besten Lösung Foto: Koordinierungsstelle rund ums Alter Reinickendorf

Erkrankter und geistig behinderter Menschen. Neue Kooperationsstrukturen, insbesondere in der Versorgung jüngerer Pflegebedürftiger, werden aufgebaut. Gleichzeitig heißt es, neben der bezirklichen Zuordnung der Koordinierungsstellen Rund ums Alter quartiersbezogene Knotenpunkte in Form der Pflegestützpunkte für Information, Beratung und Fallmanagement (Case Management) zu schaffen. Neben der verschiedenen Altersgruppen ist verstärkt auf die Bedürfnisse von Menschen anderer Herkunftsländer einzugehen. Zwischenbilanz In Hinblick auf den Aufbau von Kooperationsbeziehungen in der Modellphase sind bislang vielfältige Informationsgespräche geführt worden, die als erster initiativer Schritt zu sehen sind. So gab es neben mehreren fachlichen Erfahrungsaustauschen mit den Landesverbänden der Pflegekasse bereits Abstimmungen auf bezirklicher und überbezirklicher Ebene mit Vertretern der Kommunen bzw. des Landes Berlin. Viele Informationsgespräche und Präsentationen für Pflegedienste, in sozialpädiatrischen Zentren, Krankenhäusern etc. haben stattgefunden. Neben Fachvorträgen auf Tagungen hat der Bereich der Information der (Fach-)
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Öffentlichkeit zum Thema Case- und Care Management über Medien einen breiten Raum eingenommen. Pflegezentrierte Beratung reicht nicht aus Die Information und Beratung in einem Pflegestützpunkt und die Pflegeberatung nach § 7a SGB XI selbst muss aus der bisherigen Arbeitserfahrung heraus weit über das Thema Pflege hinausreichen, darf also nicht ausschließlich pflegezentriert bleiben. Es muss gewährleistet werden, dass alle anderen Fragenkomplexe zu Wohnen, Wohnungsanpassung, Rehabilitation, Hilfsmittelausstattung, rechtliche Belange im Sozial- und Gesundheitswesen sowie soziale Integration bei Bedarf Berücksichtigung, ggf. in einem multiprofessionellen Team, finden können. Wie geht es weiter Die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales des Landes Berlin hat sich entschlossen, den Aufbau von Pflegestützpunkten in Anbindung an die vorhandene Struktur der Berliner Koordinierungsstellen Rund ums Alter zu unterstützen. In diesem Jahr werden insgesamt 24 Pflegestützpunkte im Land Berlin eingerichtet. Zwölft davon gehen aus den

Kontakt
Weiterführende Informationen unter: www.koordinierungsstellen-rundumsalter.de.

Pflegestützpunkt Kreuzberg Diakonisches Werk Berlin Stadtmitte e.V. (Koordinierungsstelle Rund ums Alter Friedrichshain-Kreuzberg) Gisela Seidel Wilhelmstraße 115, 10963 Berlin Tel. (030) 257 00 673 E-Mail koordinierung@dw-stadtmitte.de

Pflegestützpunkt Köpenick Albatros e.V. (Koordinierungsstelle Rund ums Alter Treptow-Köpenick) Andrea Schulz Salvador-Allende-Straße 91, 12559 Berlin Tel. (030) 31 98 90 26 E-Mail pflegestuetzpunkt.koepenick@ albatrosev.de
        
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