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Full text: Im Auftrag der Gesellschaft - die ethische Dimension der Ausstellungsgestaltung / Vogt, Michael

Im Auftrag der Gesellschaft – die ethische Dimension der Ausstellungsgestaltung

Erlebnisland Mathematik Dresden, Aufbau der Zwischenpräsentation F2, Foto: Vogt, Dresden, 2009

08.04.2014

Dr. Michael Vogt (ZLB Berlin)

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Unmoralische Ausstellungen?
Vielzitierte Bemerkung zur ethischen Verantwortung des Künstlers.

„There is no such thing as a moral or an immoral book. Books are well written or badly written. That is all.”
(Oscar Wilde, The Picture of Dorian Gray, preface)

Ausstellungen überzeugend gestaltet wenig überzeugend gestaltet ästhetische Dimension ethische Dimension

moralisch (gut) unmoralisch (schlecht/ verwerflich/böse)

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Ausstellung in Diskussion

Plakat zur Ausstellung „Körperwelten“, Dresden, 2014

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Ausstellung in Diskussion

Cover der Begleitbroschüre zur Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“

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Gesellschaftliche Bedeutung der Ausstellung „In einer von Wissen geprägten Welt können Bürger ihre demokratischen Rechte und Pflichten nur wahrnehmen, wenn sie an diesem Wissen teilhaben, wenn sie über neue wissenschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungen und deren Gewordensein informiert sind und diese beurteilen können. Die Partizipation der Massen an Wissen verleiht dem Museum [mutas mutandi: der Ausstellung] seine gesellschaftliche Bedeutung. Denn das Museum [bzw. die Ausstellung] ist einer der bedeutendsten außerschulischen Bildungsorte, an dem Besucher informell lebenslang lernen.“
(Aumann und Duerr, Ausstellungen machen, München 2013, S. 92, Ergänzungen []: MV) 08.04.2014 Dr. Michael Vogt (ZLB Berlin) 5

Ausgangspunkt: Ausstellungen genießen oft hohes öffentliches Interesse. Frage: Erwächst aus der Rolle von Ausstellungen in der Gesellschaft eine besondere ethische Verantwortung der Ausstellungsmacher?

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Ausstellung nicht-kommerziell kommerziell
Messen Freizeitparks Kunstgalerien

im öffentlichen Interesse

nicht im öffentlichen Interesse
Lobby-Ausstellungen Spartenausstellungen

objektzentriert
Sammlungspräsentation Science Center, Zoos etc. Kunstausstellung

ideenzentriert
Themenausstellung Historische Ausstellung Wissenschaftsausstellungen

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Was ist eine Ausstellung? Eine Ausstellung ist ein „Wissensmedium.“ …
(Aumann und Duerr, Ausstellungen machen, München 2013, S. 18.)

Begriff „Medium“ zu unspezifisch Internet, digitale Medien Printmedien Radio und Fernsehen … Denn sie „vermittelt Wissen mittels der Exponate [...]“
(Aumann und Duerr, Ausstellungen machen, München 2013, S. 18.)

Hinweis auf „Exponat“ hilft nur wenig. Verschiebt Erklärungslast allein auf die Exponate.
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Was ist Wissen? Wandlungen im Begriff des Wissen. „postindustriellen Gesellschaft ist Wissensgesellschaft“ Was heißt das? a) Streben nach (klassischer) Bildung? b) Wissen wichtigster Rohstoff, eine Ware.
(Lyotard: Das postmoderne Wissen, 1979)

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Wo findet sich Wissen?

Der amerikanische Präsident John F. Kennedy spricht vor dem Rathaus Schöneberg Photographie: Pressebild-Verlag Schirner Berlin, 26. Juni 1963 © DHM, Berlin Schirn81745/34

Modell von Aurelia aurita (Ohrenqualle) [Blaschka] http://www.universitaetssammlungen.de/modell/500

Albert Einstein auf dem Weg zur Vorlesung Photographie Berlin, 1920 DHM, Berlin F 86/272

http://www.office-netshop.at/cat/Alben.jpg

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Wissen und Information („Wissen“)?
Wissende Experten, Handwerker und Künstler Wissen+Wissende Fähigkeiten „Wissen“ in Büchern, auf der Festplatte oder in der Cloud „Wissen“ als abtrennbarer Bestand

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Können und Wissen?
Wissende Experten, Handwerker und Künstler Wissen+Wissende Fähigkeiten „Wissen“ in Büchern, auf der Festplatte oder in der Cloud „Wissen“ als abtrennbarer Bestand

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Wissen als Bestand
Wissende Experten, Handwerker und Künstler Wissen+Wissende Fähigkeiten „Wissen“ in Büchern, auf der Festplatte oder in der Cloud „Wissen“ als abtrennbarer Bestand

Wissen ändert seinen Status mit Durchsetzung der Informationstechnologien. Für die Steuerung, Bereitstellung und den Transport kommen nur Formen des Wissens in Frage, die sich vom Subjekt lösen lassen und als freier Bestand fluktuieren können.

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Wissen als verfügbarer Bestand

Zugang neu geregelt

Zugang zu Wissen entscheidet über Teilhabe an der Gesellschaft.
(Priesterkaste, Bibliotheken, Universitäten, Internet, Smartphone)

Diese Wandlungen beeinflussen auch die Wissensvermittlung in Ausstellung.

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Vermittlung Pädagogik
Was ist für ein gutes Leben erforderlich und wert, vermittelt zu werden? Kant: Der Mensch ist von Natur aus moralisch indifferent, weder gut noch böse. Annahme: Erziehung macht den Menschen erst zu einem wirklichen Menschen

Didaktik
Welche sind die geeigneten Methoden der Vermittlung? (Nürnberger Trichter) Frontalunterricht (konstruktivistische Lerntheorie) Lernen ein selbstgesteuerter selbstreferentieller Prozess – Lehrperson als Moderator
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(http://de.wikipedia.org/wiki/Nürnberger _Trichter; Stand: 2.04.2013, 15:00 Uhr)

(http://www.vielfalt-lernen.de/wp-content/uploads/2011/02/selbstlernen.gif; Stand: 2.04.2013, 15:00 Uhr)

„Learning by doing“; „Das Rad zum zweitenmal erfinden“ (Wagenschein) -> Kopernikanische Wende der Didaktik
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Wirkungsvolle Ausstellungs-Didaktik

zielgruppengemäß themenadäquat zeitgemäß (Erlebnis, Unterhaltung, Zerstreuung) Verbindung zwischen Vermittlung und Unterhaltung

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Beobachtung: Die Ausstellungsdidaktik richtet sich nach rhetorischen Prinzipien. Vermutung: Ausstellung ist eine Gattung der Rhetorik.

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Was ist Rhetorik? Rhetorik ist die Kunst Meinungen/Wissen überzeugend darzustellen und damit zu lenken und Orientierung zu geben (Sinnstiftung). Aufgaben klassischer Rhetorik (Aristoteles): Überzeugung und Plausibilität durch Rede (Sprache) herstellen

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„Rhetorik ist zweckgerichtet. [Sie soll] - bei Gegnern: Meinung verändern - bei Gleichgesinnten: Meinung bestätigen/festigen - bei Unentschlossenen/Desinteressierten: Meinung bilden“
(http://www.literaturwissenschaft-online.de; Stand: 2.4.2014, 16:00 Uhr)

Vgl.: Ausstellung zu Klimaveränderung durch Treibhausgase (Verkehrshaus Zürich)

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Gattungen der Rhetorik 1. Gerichtsrede 2. Beratungs- oder Überlegungsrede 3. Festrede 4. Predigt/Verkündigung (seit der Spätantike) 5. Brief (seit der frühen Neuzeit) (nach http://www.literaturwissenschaft-online.de;
Stand: 2.4.2014, 16:00 Uhr)

6. Ausstellung (seit der postindustriellen Phase)?

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Vorurteil gegenüber der Rhetorik „Rhetorik ist Überredung, Manipulation.“

„gute“ Rhetorik soll Wissenschaft der Seelenlenkung sein

„Gesunder Menschenverstand“, Stimmigkeit, Angemessenheit, Konsensfähigkeit

Werbung für bestimmte Sicht durch rhetorische Mittel

Platon

Aristoteles

Sophisten

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Ausstellungsgestaltung verfolgt Ziele der Rhetorik, erweitert aber deren Mittel der „Rede“ mit den Mitteln der Architektur (Szenografie) und des Films (Dramaturgie).

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Ausstellungspraxis ist weit mehr als Gestaltung im Sinne äußerer Formgebung. Äußere Form, Farbe und Oberfläche sind vielmehr Resultat aller konzeptionellen Überlegungen auf der Grundlage von rhetorischen, architektonischen und dramaturgischen Prinzipien.

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Ort der Ethik innerhalb der Ausstellungsgestaltung Aus der gewachsenen Bedeutung der Ausstellung in der Gesellschaft folgt eine gewachsene ethische Verantwortung. Allgemeine ethische Werte können als Richtmaß gelten. Diese beziehen sich auf die Prinzipien der Rhetorik und den Umgang mit Wissen. Beides gehört zusammen.

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Formulierung eines verbindlichen Kodexes für gute Ausstellungsgestaltung Weshalb? Drei Gründe: Wahrung eines Berufsethos, Verantwortung des Ausstellungsgestalters für die Gesellschaft Qualitätskriterien machen Vergabeprozesse für beide Seiten transparenter Einhaltung eines Kodexes kann Wettbewerbsvorteile sichern und bietet Auftragsgebern Sicherheit
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Bestandteile eines Kodexes für gute Ausstellungsgestaltung

Tauglichkeit der Mittel der Rhetorik der Architektur der Dramaturgie

Moralisch gut, ethischer Wert Wahl des Themas (Ausrichtung) Wissenszugang (Gerechtigkeit) „guter“ Umgang mit Mensch, Natur und Kultur, gegenwärtig, global und gegenüber künftigen Generationen
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Werte der Ausstellungsgestaltung? drei Beispiele Teilhabe an Wissen Glaubwürdigkeit Transparenz

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Teilhabe an Wissen Der Zugang zu Wissen hat immer auch etwas mit Macht zu tun. Im Interesse einer demokratischen Gesellschaft sollte der freie Zugang zum Wissen ein Gut (ein Wert) sein. Es geht um die Möglichkeit, Wissen zu erwerben, das Grundlage für eine fundierte Meinungsbildung ist.

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Glaubwürdigkeit Gefragt ist eine Rhetorik der Überzeugung und Aufklärung. Nicht eine Rhetorik der Überredung und Blendung, die tendenziöse Darstellung eines Sachverhaltes, das Weglassen vermeintlich ablenkender Information. Performative Widersprüche vermeiden: Ausstellung „Nachhaltigkeit durch Energiesparen“ wird mit Glühlampen beleuchtet.

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Transparenz als Mittel zur Glaubwürdigkeit Das vermittelte Wissen soll nach Herkunft und Gültigkeit transparent erfahren werden. Naturwissenschaftliches Wissen ist nicht die Wirklichkeit selbst. Die Natur des Wissens ist in die Vermittlung mit einzubeziehen.

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Hinweis

http://nameaam.org/uploads/downloadables/NAME%20Documents/2012%20Standards%20for%20Museu m%20%20Exhibitions%20and%20Indicators%20of%20Excellence.pdf 08.04.2014 Dr. Michael Vogt (ZLB Berlin) 32

Schlusswort
Ausstellungen sind per se weder moralisch noch unmoralisch, sondern rhetorisch, architektonisch und dramaturgisch überzeugend oder misslungen gestaltet. Eine Ausstellung im Auftrag der Gesellschaft ist in ihrer Zielsetzung dennoch moralisch oder unmoralisch. Es kommt darauf an, für welche Zwecke die ausstellungsgestalterischen Mittel eingesetzt werden. Die Verantwortung für die Zwecke und Ziele einer Ausstellung übernehmen Auftraggeber wie Ausstellungsgestalter gemeinsam.

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