Publication:
2019
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15364753
Path:
ecke

nr. 1 – märz /april 2019

köpenicker

Zeitung für das Sanierungsgebiet Nördliche Luisenstadt Erscheint sechsmal im Jahr kostenlos.

Ch. Eckelt

Herausgeber: Bezirksamt Mitte von Berlin, Stadtentwicklungsamt, Fachbereich Stadtplanung

2 —— E CKE KÖP ENIC KER

E CKE KÖPE NI CKE R—— 3

KIEZMOMENT
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—————————————————— I N H A LT
Seite 3 In eigener Sache
Seite 4 Reisebusse in der Köpenicker Straße
Seite 5 Was wird aus dem »Runden Tisch
­Köpenicker«?
Seite 6 Stadtteilladen und weitere Nachrichten
Seite 7 Neue Ampel für die Köpenicker gefordert
Seite 8 / 9 Ein neuer Typ Schule – auch an der
Adalbertstraße
Seite 10 Kolumne: Historisches, von Falko Hennig
Ch. Eckelt

Seite 11 Sozialbericht für den Bezirk Mitte
Seiten 12 / 13 Interview mit Bezirksbürgermeister

Stephan von Dassel
Seite 14 Stadtfotografie – ohne Menschen?

Die »Ecken« sind neu!
Wie schnell die Zeit vergeht … Ende letzten Jahres war es
wieder so weit, dass der Vertrag für die Stadtteilzeitungen
Ecke Müllerstraße, Ecke Turmstraße und Ecke Köpenicker
von der Verwaltung neu ausgeschrieben und vergeben werden musste. Die Bewerbung von Frau Steglich und ihrer
Redaktion war so überzeugend, dass die »alte Redaktion«
auch die »neue« ist.
Wir freuen uns, die Zusammenarbeit in der bisher guten
Art und Weise, aber auch mit neuen Akzenten fortsetzen
zu können und wünschen der Crew für den Neustart alles
Gute und jede Menge interessierte Leserinnen und Leser.
Natürlich hoffen wir dabei auch, dass Sie als Bewoh­
ner*innen oder an den Entwicklungen interessierte
Bürger*innnen gut informiert werden und den Stadterneuerungsprozess in den Gebieten aktiv begleiten können.
Reinhard Hinz, Sanierungsverwaltungsstelle
(Bezirksamt Mitte)

Seite 15 Gebietsplan und Adressen
Seite 16 Eckensteher

Vom Bilderrätsel zum
»Kiezmoment«

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—————————————— I N E I G E N E R S A C H E
Die nächste Ausgabe

der Ecke Köpenicker erscheint Ende April.
Redaktionsschluss: 22. April

Alles bleibt anders
Liebe Leserinnen und Leser,

Nun fanden wir, dass man im Zuge der Neugestaltung der Zeitung
auch hier mal etwas Neues ausprobieren könnte. Wir drehen die
­Sache einfach um: Künftig werden nicht mehr wir die Kiezecke fotografieren – sondern Sie! Egal, ob Gelegenheits-, Hobby- oder ProfiFotograf: Senden Sie uns Ihr besonderes Foto aus Ihrem Kiez rund
um die Köpenicker Straße! Das Motiv kann alles Mögliche sein: ein
Lieblingsort, ein besonderer Moment, Skurriles, Komisches, Beschau­
liches, Verwirrendes, gern auch Historisches aus den letzten Jahrzehnten … Ihrem Blickwinkel sind keine Grenzen gesetzt! Perfektion
ist kein Kriterium. Das aus unserer Sicht interessanteste Bild wird
dann an dieser Stelle unter der Rubrik »Kiezmoment« veröffentlicht.
Sichten Sie also Ihre Bestände, ziehen Sie los mit der Kamera und
schicken Sie uns die Aufnahmen, am besten per E-Mail im jpg-Format
an: ecke.koepenicker@gmx.net
Wir sind gespannt auf Ihre Bilder!

Ecken im Web

Sämtliche Ausgaben der »Ecke Köpenicker«
sind als PDF archiviert und abrufbar unter:
www.luisenstadt-mitte.de sowie auf der
Website des Bürgervereins Luisenstadt:
www.buergerverein-luisenstadt.de

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—————————————————— I M P R E S S U M

dass wir mit den »Ecken« auch weiterhin die Stadtentwick­
lung in einigen Gebieten von Mitte begleiten dürfen, freut
uns ganz besonders, weil uns in der Arbeit der vergangenen Jahre diese Quartiere und ihre Bewohner sehr ans
Herz gewachsen sind.
Auch künftig wird der Verbund der »Ecken« mit drei Lokalausgaben erscheinen: Die »Ecke Müllerstraße« (Wedding), die »Ecke Turmstraße« (Moabit) sowie die »Ecke
Köpenicker« (Nördliche Luisenstadt). Mit der Neuausschreibung waren jedoch auch einige Veränderungen ver-

Die »Ecke«-Redaktion

Herausgeber: Bezirksamt Mitte von Berlin,

Stadtentwicklungsamt
Redaktion: Christof Schaffelder,

Ulrike Steglich

Autoren gesucht!

Redaktionsadresse: »Ecke Köpenicker«,

Sie schreiben gern? Und interessieren sich für Stadtentwicklung, Lokalgeschichte, Themen wie Verkehr oder Soziales, Gewerbe oder engagierte Menschen und Projekte?
Sie leben in Mitte oder anderweitig vertraut mit dem Bezirk? Sie arbeiten gern eigenständig, aber nicht einsam
und brauchen auch den Austausch in einer Redaktion?
Vielleicht haben Sie Lust, bei uns an den »Ecken« mitzuarbeiten. Dann melden Sie sich bei uns! Wir freuen uns über
neue Autorinnen und Autoren mit frischem Blick und
Neugier. Unsere Kontaktdaten finden Sie im Impressum
auf S. 2.

c /o Ulrike Steglich, Elisabethkirchstraße 21,
10115 Berlin, Tel (030) 283 31 27,
ecke.koepenicker@gmx.net
Fotoredaktion:

Christoph Eckelt, eckelt@bildmitte.de
Entwurf und Gestaltung:

capa, Anke Fesel, www.capadesign.de
Druck: BVZ Berliner Zeitungsdruck GmbH,
www.berliner-zeitungsdruck.de
V.i.S.d.P.: Ulrike Steglich
Für den Inhalt der Zeitung zeichnet nicht der
Herausgeber, sondern die Redaktion verantwortlich.

Ch. Eckelt

Viele unserer Leserinnen und Leser mochten das Bilderrätsel »Welche Ecke?«, das etliche Jahre auf der Seite 2 dieser Zeitung erschien.
Und viele beteiligten sich rege an der Lösung des Rätsels – die Zuschriften, die wir im Laufe der Jahre erhielten, würden inzwischen
mehrere dicke Aktenordner füllen. An dieser Stelle sei auch das letzte
Bilderrätsel aufgelöst: Unser Foto zeigte ein Schild vor den Häusern
der Spreefeld-Genossenschaft (Wilhelmine-Gemberg-Weg). Gewonnen hat Mila Pshenitsa. Herzlichen Glückwunsch! Der Kinogutschein
wird Ihnen per Post zugeschickt.

bunden: So werden die Zeitungen nicht mehr wie bisher
mit acht, sondern mit sechs Ausgaben im Jahr erscheinen
– also ca. alle zwei Monate. Im Gegenzug wird dafür jede
Ausgabe 16 Seiten haben statt bisher zwölf. Die neue Erscheinungsweise hat einerseits zur Folge, dass wir zwar
weniger aktuell berichten können als bisher – dafür bietet
sie uns mehr Raum für die lokale Berichterstattung, für
vielfältigere Themen und journalistische Formen; Raum
auch für größere Fotos und eine großzügigere Gestaltung.
Die neue Erscheinungsweise war für uns ein guter Anlass,
der Zeitung eine Auffrischung zu gönnen. Wir haben einiges verändert, ohne Bewährtes über den Haufen zu werfen.
Die »Ecken« werden für Sie auch weiterhin erkennbar
bleiben!
Die wohl wichtigste Änderung betrifft die inhaltliche Seitenstruktur. Von Anfang an gab es in den »Ecken« – so war
es auch in jeder Ausschreibung vorgegeben – neben den
Lokalseiten je vier Seiten für gebietsübergreifende Themen, die den gesamten Bezirk Mitte betreffen, ein »Blick
über den Tellerrand« des eigenen Kiezes also. Diese Bezirksseiten sind in allen Lokalausgaben identisch. Bei manchen Lesern sorgte das mitunter für Verwirrung.
Um solche Irritationen künftig zu vermeiden, haben wir zur
besseren Orientierung am oberen Seitenrand eine Kenn­
zeichnung eingeführt. Künftig werden Sie den Bezirksteil
auf den Seiten 11–14 finden. Zudem sollen Rubrikentitel
(wie der »Eckensteher« für Glossen und Kommentare oder
die »Leser-Ecke«)für eine klarere Struktur sorgen.
Auf der Seite 2 bietet jetzt ein Inhaltsverzeichnis einen
schnellen Überblick über die Themen im Heft. Und anstelle des bisherigen Bilderrätsels sind nun in der neuen Rubrik »Kiezmoment« Ihre Fotos gefragt! Die »Bild-Ecke« als
eigenständige Fotorubrik gibt es nun auf der letzten Seite.
Die Gebietskarte, wichtige Kontakte, Sprechstunden und
Ansprechpartner finden Sie dafür jetzt auf der vorletzten
Seite.
Nun sind wir gespannt, wie der neue »Look« bei Ihnen ankommt. Schreiben Sie uns, per Mail oder per Post, wir
freuen uns immer über Ihre Resonanz!

4 —— EC K E KÖP ENIC KER

E CKE KÖPE NI CKE R—— 5

Ch. Eckelt

Am Spreefeld weisen selbstgemalte Schilder auf das Ruhebedürfnis der Anwohner hin, an der Köpenicker Straße und an
der Brückenstraße wären aufwändigere Maßnahmen notwendig. Am Runden Tisch Köpenicker wurden zuletzt konkrete
Vorschläge entwickelt – aber der scheint nicht mehr stattzufinden …

Drei Busse passen vor das ­Hostel
Neuer Vorschlag zum Umgang mit Reisebussen
in der Köpenicker Straße
Einen Vorschlag zum Problem mit den Reisebussen am
A&O-Hostel in der Köpenicker Straße hat das Koordinations­
büro für Stadtentwicklung und Projektmanagement (KoSP)
entwickelt. Der Sanierungsbeauftragte für die Nördliche
Luisenstadt hat eine Planskizze angefertigt, nach der unmittelbar vor dem Eingangsbereich des Hostels drei Reisebusse gleichzeitig halten könnten, um ihre Fahrgäste einbzw. aussteigen zu lassen sowie deren Gepäck abzufertigen.
Das A&O-Hostel bietet Berlinbesuchern insgesamt 1600
preisgünstige Übernachtungsmöglichkeiten in Zimmern
mit bis zu acht Betten. Es wird daher häufig von Reisegruppen wie beispielsweise Schulklassen in Anspruch genommen, die mit Bussen an- und abreisen bzw. diese für Tagesausflüge nutzen.
Bus-Chaos nach dem Frühstück

Das führt in der Köpenicker Straße und ihren Nebenstraßen regelmäßig zu chaotischen Zuständen. Denn die Ladezeiten der Busse verteilen sich ja nicht regelmäßig über
den Tag: Die Busse nehmen ihre Gäste bevorzugt morgens
nach dem Frühstück auf. Dann bilden sich auf der Fahrbahn der Köpenicker Straße regelrechte Schlangen von
Bussen, die die Fahrbahn blockieren. Das führt zu Staus,
die nicht selten von Hupkonzerten begleitet werden. Oftmals blockieren zudem wartende Busse über lange Zeit­
räume Nebenstraßen wie die Adalbert- oder die Melchiorstraße. Denn reguläre Busparkplätze werden in der Berliner Innenstadt immer knapper, auch die zehn Plätze am
nahegelegenen Ostbahnhof und die zehn Busparkplätze an
der East Side Gallery sind in der Hauptsaison immer häufiger belegt.
Letzteres wäre durch die vorgeschlagenen drei Halteplätze
vor dem Hostel natürlich nicht gelöst. Die sollen vielmehr
die Situation bei der direkten An- und Abreise entspannen.
Allerdings müsste das Hostel dazu zumindest die morgendliche Abreise gezielt managen – wozu zusätzliche Busparkplätze in der Umgebung erforderlich wären, auf denen die
Busse so lange warten, bis sie an die Reihe kommen. Solch
ein Management wird von Anwohnern u.a. am »Runden
Tisch Tourismus« des Bezirks immer wieder gefordert.

Radstreifen müsste verschwenkt werden

Für den Haltebereich müsste zudem der Radstreifen der
Köpenicker Straße vor dem Hostel ein Stück weit auf die
Fahrbahn verschwenkt werden, die sich dabei in diesem
Bereich auf eine Breite von sieben Metern für beide Fahrtrichtungen verengen würde. Denn weil beim Be- und Entladen der Busse auch die Gepäckfächer auf der linken Seite
der Busse geöffnet werden (die Fahrer schieben von dort
die Gepäckstücke auf die linke Seite, wo sie von den Fahrgästen in Empfang genommen werden), wird ein Sicherheitsabstand zwischen Haltestelle und Radstreifen von 85
Zentimetern vorgeschlagen. Die Breite des Radstreifens
beträgt – wie bisher – 1,70 Meter plus jeweils 25 Zentimetern auf beiden Seiten für die Markierung. Das übertrifft
sogar die Anforderungen, die Berlin nach den »Ausführungsvorschriften Geh- und Radwege« an Radfahrstreifen
stellt (»1,85 Meter Breite einschließlich der Radfahrstreifenbegrenzung«), allerdings fehlt der in den Vorschriften
vorgegebene Sicherheitsabstand zur Fahrbahn von 50 Zentimetern. Die Köpenicker Straße gehört nicht zu den Verkehrswegen, die im »Übergeordneten Fahrradroutennetz«
Berlins aufgeführt sind, wie etwa die Annenstraße bzw. der
Engeldamm südlich der Köpenicker oder die Holzmarktstraße auf der gegenüberliegenden Seite der Spree.
1600 Betten sind eigentlich zu viel

Grundsätzlich kritisieren Anwohner, dass für das Be- und
Entladen der Busse überhaupt öffentliches Straßenland in
Anspruch genommen wird. Denn eigentlich gehört die Anund Abreise der Gäste ja zum Betrieb einer Beherbergungsstätte dazu und sollte deshalb auf dem Gelände derselben
stattfinden können, ohne den Verkehr auf der Straße zu
stören. Manch einer fragt sich auch, wie es überhaupt möglich sein konnte, dass in einem Mischgebiet ein Hostel mit
1600 Betten genehmigt werden konnte – das sind nur etwas weniger, als die rund 2000 Betten, die das Park Inn
Hotel am Alexanderplatz im mit 125 Metern zweithöchsten
Gebäude Berlins bietet. Dort allerdings gibt es an der Alexanderstraße eine große Auffahrt, auf der die Busse halten
können. Offenbar spielte aber die Anzahl der Übernachtungsplätze bei der Genehmigung des Vorhabens keine
Rolle. Wegen der fehlenden Verträglichkeit für das Gebiet
könnte diese heute wohl sanierungsrechtlich versagt werden, der Ausbau des Hostels auf seinen gegenwärtigen
Stand wurde jedoch schon vor der Festsetzung des Sanierungsgebietes im Jahr 2011 genehmigt. 
cs

»Leider nicht zu
­leisten«
Wird der Runde Tisch Köpenicker
leise eingestellt? Ein Plädoyer.
»Für Januar war eine Sitzung des Runden Tisch Köpenicker
Straße vorgesehen«, schrieb Anfang des Jahres der Präventionsrat des Bezirks Mitte in einer Rundmail. »Diese Sitzung muss leider ausfallen. Aufgrund der aktuell hohen
Arbeitsbelastung (…) ist die Durchführung des Runden
­Tisches leider nicht zu leisten. Es tut mir leid, Ihnen aktuell keinen Termin für eine Sitzung benennen zu können.«
Auch Mitte Februar war noch kein neues Treffen angesetzt.
Ist der Runde Tisch Köpenicker Straße ein Auslaufmodell?
Das wäre schade, denn die Probleme, denen sich diese
zweimonatliche öffentliche Veranstaltung vorrangig widmet, ist keinesfalls gelöst. Im Gegenteil: Die Schattenseiten des Berlin-Tourismus treten auch an anderen Stellen
der Stadt immer deutlicher zu Tage. Auch der Senat hat
inzwischen erkannt, dass da ein Handlungsbedarf besteht.
Wenn Berlin nicht wie Barcelona, Amsterdam oder Venedig einen Dauerkonflikt zwischen der Bevölkerung in den
besonders betroffenen Teilen der Stadt und dem Tourismus-Gewerbe heraufbeschwören will, sollte die Stadt kooperative Ansätze wie in der Köpenicker Straße eigentlich
besonders intensiv fördern.
Arbeitsüberlastung …

Zumal sich hier in den letzten Monaten durchaus Wege andeuteten, wie man die Situation für die Anwohner erträglicher machen könnte: Indem man beispielsweise in den
Nächten, in denen die Clubs auf Hochbetrieb fahren, auf
öffentlichem Straßenland sozial besonders trainierte Security-Kräfte einsetzt. Ähnliches geschieht am Weddinger
Leopoldplatz schon seit längerem – übrigens initiiert vom
Präventionsrat des Bezirks Mitte. Die Mitarbeiter dieses

Dienstes haben sich am Runden Tisch bereits vorgestellt
und könnten sich so eine Arbeit auch in der Köpenicker
Straße gut vorstellen.
Warum legt der Bezirk so ein Modellprojekt nicht auf? An
mangelnden Finanzen würde das heutzutage nicht scheitern: Es geht ja nicht um Millionen, sondern um wenige
zehntausend Euro im Jahr für einen kleinen Trupp von
zwei bis drei Leuten, die sich in zwei bis drei Nächten pro
Woche um die Zustände an der Köpenicker Straße kümmern und ansonsten in ihrer Firma auch noch andere Aufgaben erfüllen können. Das Problem liegt auch nur zum
Teil in der Arbeitsbelastung des Präventionsrates. Denn der
Bezirk hat in letzter Zeit ausreichend Stellen mit der Aufgabenstellung »Bürgerbeteiligung« geschaffen, im Straßenund Grünflächenamt beispielsweise, bei der »Sozialraum­
orientierten Planungskommission« oder auch in der Wirtschaftsförderung, die inzwischen zusammen mit dem
Präventionsrat sogar einen eigenen »Runden Tisch Tourismus« veranstaltet. Aber die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf diesen Stellen werkeln weitgehend isoliert vor
sich hin. So veröffentlicht beispielsweise das »Büro für
Bürgerbeteiligung« in der »Sozialraumorientierten Planungskommission« inzwischen eine »Vorhabenliste«, die
säuberlich all die Projekte auflistet, die vor allem in den
Gebieten der Stadterneuerung in Planung sind. Seitdem
der Sekretär des Präventionsrates vor kurzem in den Ruhestand wechselte, ist andererseits keiner mehr da, der die
Protokolle der Runden Tische verfasst und verschickt.
… oder Abwehrhaltung der Verwaltung?

Runde Tische, die sich mit lokal konzentrierten Problem­
lagen beschäftigen, finden jetzt kaum noch im Bezirk statt
– neben dem in der Köpenicker Straße auch für den Leopoldplatz im Wedding und für den Hansaplatz im Hansaviertel. Wo ressortübergreifendes Denken und Handeln
gefordert ist, scheint sich der Bezirk den Luxus regelmäßiger öffentlicher Konsultationsrunden nicht mehr leisten
zu wollen. Denn natürlich werden die Dinge komplizierter, wenn man sie von außerhalb der Ressortgrenzen aus
dem Blickwinkel der Bürger betrachtet. Und wenn für
neue Lösungsansätze neue organisatorische Wege beschritten werden müssten, tut sich die Verwaltung schwer, dafür
die Verantwortung zu übernehmen. Tatsächlich herrscht
in vielen Ämtern eine regelrechte Abwehrhaltung gegen
neue Aufgabenstellungen.
Genau deshalb bräuchten wir eher mehr Runde ­Tische, an
denen Anwohner ein ressortübergreifendes Denken und
Handeln einfordern. Und eine Bezirkspolitik, die diese
auch tatkräftig unterstützt. Denn die realen Probleme entwickeln sich ja auch nicht entlang der Kompetenzbereiche
unserer hochgradig verästelten Bezirksbürokratie. 
cs

6 —— E CKE KÖP ENIC KER

E CKE KÖPE NI CKE R—— 7

Vor-Ort-Begehung Rungestraße / Am Köllnischen
Park am 2. April

Am Dienstag, dem 2. April findet zwischen 17 und 19 Uhr
eine öffentliche Begehung des Straßenraums Rungestraße
und Am Köllnischen Park statt. Die Rungestraße soll in ihrem Abschnitt zwischen Am Köllnischen Park und Heizkraftwerk erneuert werden, die Straße Am Köllnischen
Park zwischen der Rungestraße und der Köpenicker Straße. Dazu stehen Mittel aus dem Programm Städtebaulicher
Denkmalschutz bereit. Das bezirkliche Straßen- und Grünflächenamt erstellt die Planungsunterlagen und hat einen
Vorentwurf bereits ausgearbeitet. Der soll während des
Rundgangs und direkt anschließend im Stadtteilladen in
der Köpenicker Straße 101 vorgestellt werden. Jeder Interessierte kann teilnehmen, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Neue Stadträtin für Jugend, Familie und
­Bürgerdienste

Seit Anfang des Jahres ist die neue Bezirksstadträtin für
­Jugend, Familie und Bürgerdienste Ramona Reiser im Amt.
Die 33-jährige wurde von den Linken für das Amt nominiert und im Dezember von der BVV Mitte gewählt. Sie
kommt aus Villingen im Schwarzwald und hat in Berlin
Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft studiert. Nach
jahrelangem ehrenamtlichen Engagement in der Bahnhofsmission arbeitete sie dort zuletzt hauptamtlich in der
Geschäftsführung. In Moabit West engagierte sie sich seit
2016 auch als Quartiersrätin. Ihre Vorgängerin Sandra
Obermeyer wechselte zur Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen.

An der Adalbertstraße müsste der
­Schulweg gesichert werden

Ch. Eckelt

Der Umbau des Stadtteilladens Dialog 101 in der Köpe­
nicker Straße 101 nähert sich seiner Vollendung. Bis Ende
Februar 2018 befand sich in den ehemaligen Räumen der
Heinrich-Heine-Bibliothek das Vor-Ort-Büro des Sanierungsgebiets Nördliche Luisenstadt. Hier traf sich u.a. die
Betroffenenvertretung des Gebiets, fanden die Sprechstunden des Gebiets­beauftragten KoSP statt, ebenso wie zahlreiche Veranstaltungen der Bürgerbeteiligung, Ausstellungen, Diskussionen etc.
So traf sich auch der »Runde Tisch Köpenicker Straße« im
Stadtteilladen und die WBM stellte hier die Wettbewerbs­
ergebnisse ihrer Vorhaben in der Umgebung aus.
Im letzten Jahr wurde der Block mit der Köpenicker 101
­saniert. Nach dem bevorstehenden Abschluss der Sanierungsarbeiten soll ein Teil des großflächigen Ladenlokals
wieder als Stadtteilladen genutzt werden. Wer dort Aktivitäten durchführen will, kann sich an die Betroffenenvertretung wenden oder gleich an das Büro KoSP, das im Auftrag des Bezirks Mitte die Schlüsselgewalt über das VorOrt-Büro hat. Die Kontaktdaten finden Sie auf Seite 15.

Neue Ampel über die
Köpenicker gefordert

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—————————————————— D E B AT T E

»Stadtraum statt
­Verkehrsschneisen«
Der Bürgerverein Luisenstadt e.V. hat mit fünf weiteren Bürgervereinen (Forum Stadtbild Berlin, Gesellschaft His­torisches Berlin, Berliner
Historische Mitte, Förderverein ev. Gymnasium zum Grauen Kloster)
einen offenen Verbund gegründet, der Stellung zu Themen der Stadtentwicklung im historischen Zentrums Berlins nehmen will. Am 16.
Januar veröffentlichte dieser Verbund eine erste Presseerklärung anlässlich des Umbaubeginns in der Grunerstraße:
» (…) Das Prinzip der Europäischen Stadt ist das erfolgreichste
Stadtgestaltungsprinzip aller Zeiten und wurde in den ersten Nachkriegsjahrzehnten sträflich missachtet. Warum orientiert sich Berlin
nicht an diesem, in der ›Leipzig Charta‹ von 2007 europaweit festgeschrieben Prinzip?«
Die Forderungen der Kooperation der Bürgervereine lauten:
– Der Verkehr hat der Stadt zu dienen, nicht die Stadt dem Verkehr
– Umgehende Umsetzung der beiden Bürgerleitlinien
(»Rück­­bau der breiten Verkehrsschneisen« und »­ Geschichte
­sichtbar machen«, Anm. der Red)
– Geschichte nicht im Sinne der Senatsbaudirektorin ­allein durch
archäologische Fenster, sondern durch v­ erkehrstechnische Maßnahmen und Architektur ­sichtbar machen
– Rückbau, Neubau mit reduzierter Breite und Wieder­errichtung
von Bauten auf der Mühlendammbrücke
– Gestaltung des Molkenmarktes als lebendiger Stadtplatz
– Rückbau nicht nur der Grunerstraße, sondern auch der Spandauer
Straße, der Gertraudenstraße (Führung des Verkehrs über die
noch vorhandene alte Gertraudenbrücke) und der Karl-Liebknecht-Straße auf ein menschliches und menschenwürdiges Maß
– Modernisierung und Ausbau des ÖPNV, insbesondere U-Bahn,
S-Bahn und Straßenbahn
– Führung der Straßenbahngleise im Stadtkern ohne ­eigenes Gleisbett«

An der Einmündung der Adalbertstraße in die Köpenicker
Straße müsste in den kommenden Jahren eine Ampel eingerichtet werden. Darauf machten die Sprecher der Betroffenenvertretung Nördliche Luisenstadt im Sanierungsbeirat des Gebiets aufmerksam. Denn wenn die neue Grundschule in der Adalbertstraße tatsächlich schon im Jahr
2022 in Betrieb gehen sollte (siehe auch Seiten 8/9), müsste der Schulweg an dieser Stelle gesichert werden.
Zwar war in der Adalbertstraße 53 bis zum Jahr 2008 bereits eine Grundschule untergebracht – damals war der
»Holzuferblock« auf der nördlichen Seite der Köpenicker
Straße aber fast unbewohnt, so dass die Verkehrsplanungen früherer Jahre hier die Ampelanlagen an den Kreuzungen Michaelkirchstraße und Engeldamm offensichtlich als
ausreichend erachtet hatten. Inzwischen sind mehre Wohn­
häuser im Holzuferblock entstanden, etwa die der Genossenschaft Spreefeld oder in der ehemaligen Seifen­fabrik
am Ufer der Spree. Dort wohnen aktuell auch viele KitaKinder, die wahrscheinlich künftig in der Adalbertstraße
zur Schule gehen werden. Zudem sind größere Wohn­
bauvorhaben in Planung: auf der Brachfläche Köpenicker
Straße 36–38 zum Beispiel oder auf den Grundstücken
Michaelkirchstraße 20/21 sowie 22/23. Auch von dort aus
wird der direkte Schulweg wohl nicht über die Ampel­
anlage an der Michaelkirchstraße führen, sondern über
den geplanten Spreeuferweg und den neu geschaffenen

Wilhemine-Gemberg-Weg. Für die meisten Kinder aus dem
Bereich wäre somit ein Umweg von mehr als 200 Metern
erforderlich, um bereits bestehende Ampelanlagen zu nutzen. Da die Köpenicker Straße eine Hauptverkehrsstraße
ist, ist für die Anordnung einer neuen Lichtsignalanlage
nicht der Bezirk Mitte, sondern die Verkehrslenkung Berlin
(VLB) zuständig, die erfahrungsgemäß bei solchen Anliegen eher schwerfällig agiert.
Eigentlich wäre schon heute nach Ansicht einiger Anwohner eine Ampel an dieser Stelle notwendig. Denn schon
allein durch das »A&O-Hostel« mit seinen 1600 Betten
(siehe Seite 4) herrsche an dieser Stelle ein reger Betrieb
auf dem öffentlichen Straßenland. Einen rechtlichen Weg,
eine Ampel zur Schulwegsicherung zu erstreiten, besteht
in Berlin derzeit nicht, seine Einführung ist nach Auskunft
des Fußgängerverbandes FUSS e.V. im Zusammenhang mit
dem neuen Berliner Mobilitätsgesetz aber in der Diskus­
sion. Bis auf weiteres bleibe also nur der öffentliche Druck,
etwa über die Bezirksverordnetenversammlung. Der FUSS
e.V. ist gerade dabei, eine Bezirksgruppe für Mitte aufzubauen. Wer sich hier engagieren möchte, kann sich per
Mail an roland.stimpel@fuss-ev.de wenden.
cs

Rundgang mit Stadtrat Gothe

Zu einem etwa zweistündigen Rundgang mit dem für Stadtentwicklung und Soziales zuständigen Bezirksstadtrat
Ephraim Gothe lädt die Stadtteilkoordination Alexanderplatz und Regierungsviertel am Mittwoch, dem 27. März
ein. ­Treffpunkt ist um 14.30 Uhr vor dem Kreativhaus
(Fischer­insel 3). Wer noch Vorschläge für Orte und Einrichtungen hat, die bei dieser Gelegenheit besucht werden
sollen, ist einge­laden, am Planungstreffen der Stadtteil­
koordination teilzunehmen. Es findet am Dienstag, dem 5.
März um 16.30 Uhr im Kreativhaus statt.
Runder Tisch Seniorenarbeit

Seit Juni 2017 trifft sich im Altbezirk Mitte alle zwei Monate
der »Runde Tisch Seniorenarbeit« unter der Leitung der
Stadtteilkoordinatorin Dr. Sylvia Euler, um aktuelle Themen zu besprechen. Ziel ist es, die Lebenssituation von Senioren und Seniorinnen im Stadtteil aktiv mitzugestalten
und zu verbessern. An dem Netzwerk beteiligen sich Vertreter sozialer Verbände und von Wohnungsbaugesellschaften sowie Senioren, Bürger und im Seniorenbereich Tätige.
Der Runde Tisch Seniorenarbeit trifft sich das nächste Mal
am Mittwoch, 13. März um 10 Uhr im Kreativhaus (Fischer­
insel 3).
Frühlingsfest auf der Fischerinsel

Ch. Eckelt

Stadtteiladen bald
­wieder geöffnet

Das Stadtteilzentrum Fischerinsel plant für Mittwoch, den
17. April, also kurz vor Ostern, ein Stadtteilfest bei »Rat
und Tat« (Fischerinsel 6). Das Fest soll um 15 Uhr beginnen. Wer sich beteiligen will, möge sich an Frau Euler wenden, E-Mail: stk-alexanderplatz@berlin.de

8 —— E CKE KÖP ENIC KER: TH EMA

E CKE KÖPE NI CKE R—— 9

werbebau. Und da in den letzten Jahrzehnten kaum irgendwo neue Schulen gebaut wurden, sind die Bezirke auf solche Aufgaben schlicht nicht vorbereitet.
Neues Raumkonzept: die »Lernhäuser«

Bruno Fioretti Marquez Architekten

Dennoch müssen die Schulen nicht völlig gleichförmig
sein. Der Sieger des Wettbewerbs schlägt vor, das Material
und die Farbe der Brüstungselemente an die jeweilige Umgebung der Schulen anzupassen. Und das in zwei Varianten: einmal mit fünfgeschossigem Basisbaukörper für hoch­
verdichtete Quartiere wie Mitte oder Wedding und einmal
in einer viergeschossigen Variante, die aber um einen zweigeschossigen Anbau erweitert ist, für die äußeren Stadtgebiete. Ähnlich ist Berlin übrigens auch in der Gründerzeit
vorgegangen: Die meisten Altbauschulen vom Ende des 19.
und vom Beginn des 20. Jahrhunderts könnte man auch als
Typenbauten bezeichnen, die im Büro des damaligen Stadtbaurates Ludwig Hoffmann sozusagen am Fließband entwickelt worden waren.

Ein neuer Typ
­Grundschule
Schulbetrieb an der Adalbert­straße schon ab 2022?­
Sehr zügig will der Senat in den kommenden Jahren den
Neubau von elf zusätzlichen Grundschulen vorantreiben –
darunter auch an der Adalbertstraße. Schon im Jahr 2022
könnten dort erste Schülerinnen und Schüler eingeschult
werden – wenn alles glatt geht. Die vierzügige Grundschule
soll mit einem völlig neuen Raumkonzept als »Typenbau«
entstehen, das Ergebnis des Realisierungswettbewerbs wurde jetzt vorgestellt.
Die Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen Katrin
Lompscher (Linke) zeigte sich auf der Pressekonferenz am
30. Januar sehr zufrieden mit der Qualität der vorgelegten
Entwürfe. Insgesamt 15 Büros waren aufgefordert worden,
Vorschläge für einen drei- und für einen vierzügigen
Grundschultyp zu entwickeln. Dreizügige Grundschulen
sollen zunächst an fünf verschiedenen Standorten in Berlin
errichtet werden, vierzügige an sechs. Zu letzteren gehören auch zwei im Bezirk Mitte: neben der Adalbertstraße
auch die Reinickendorfer Straße im Wedding. Möglicherweise erweitert sich der Auftrag um noch einmal genauso

viele Schulneubauten für die gegenwärtig Standorte gesucht werden. Die Gebäude sollen von Generalunternehmern errichtet werden, die dann für mehrere Baustellen
gleichzeitig zuständig sein sollen.
Impulse für die Bauwirtschaft

Dieses Vorgehen verteidigte Senatorin Lompscher gegen
die im Vorfeld geäußerte Kritik: »Wir vergeben ja auch
­viele Aufträge an kleinere Bauunternehmen, etwa für die
Sanierung. Aber hier geht es um große Aufträge, um die
sich auch internationale Firmen bewerben sollen. Das hat
in der Vergangenheit schon dazu geführt, dass sie sich in
der Region niederlassen und damit die Leistungsfähigkeit
der Bauindustrie in Berlin und Brandenburg stärken.« Da
sich die Typenbauten in »modularer Bauweise« so weit wie
möglich industriell vorgefertigter Teile bedienen, machen
solche Aufträge die Region attraktiv für die Hersteller
­dieser Bauelemente – zumal man durchaus davon ausgehen kann, dass auch der kommunale und genossenschaft­
liche Wohnungsbau in Berlin und Brandenburg immer
»modularer« wird.
Dabei erhofft sich der Senat auch preisliche Vorteile vom
Typenbau, vor allem aber eine deutlich schnellere Umsetzung als bei konventioneller Bauweise. Denn schon allein
die Genehmigungsphase verkürzt sich: Angesichts des
Fach­kräftemangels wären die Bezirksverwaltungen auch
überfordert mit der Aufgabe, gleich für mehrere Schulneubauten die Bauherrenschaft auszuüben und sie gleichzeitig
zu genehmigen. Denn für Schulbauten gelten kompliziertere Vorschriften als für den üblichen Wohnungs- und Ge-

Von ihnen und von den Plattenbauschulen der DDR unterscheiden sich die im Wettbewerb vorgelegten Entwürfe jedoch erheblich. Nicht nur, weil variable Raumhöhen gefordert waren, damit in den großen Mehrzweckräumen im
Erdgeschoss, in denen u.a. die Mensa untergebracht ist,
keine Bunkeratmosphäre entsteht. Sondern vor allem, weil
ihnen ein völlig neues Raumkonzept zugrunde liegt. Die
Aufgabenstellung für die Architekturbüros bezog sich auf
das neue Berliner Musterraumprogramm für Grundschulen, das die Klassen- und Teilungsräume in sogenannten
»Compartments« zusammenfasst: Die Schulen unterteilen
sich in drei bzw. vier »Team- und Lernhäuser«, deren Lernräume sich um jeweils zwei »Foren« herum gruppieren,
die für verschiedenste Aktivitäten nutzbar sind. Damit erleichtern die neuen Schulbauten positive gruppendynamische Prozesse in den altersgemischten Lernhäusern. Wer
»Harry Potter« gelesen hat mag sich an das Zauberer-Internat Hogwarts erinnern: »Fünf Punkte für Gryffindor!«
Radikal klares und einfaches Konstruktionsprinzip

Aber auch die klassische Anordnung der Klassenräume entlang langer Fluren ist passé – und damit stellen sich natür­
lich ganz neue Anforderungen an die Architektur der Schul­
gebäude. Der für die Adalbertstraße maßgebliche Sieger­
entwurf des Kreuzberger Büros »Bruno Fioretti Marquez
Architekten« überzeugte unter anderem, weil bei ihm alle
Räume einschließlich der »Foren« ausreichend mit Tageslicht versorgt sind. Gefallen hat der Jury auch die Verbindung von Schule und Doppel-Sporthalle die räumlich voneinander separiert sind, aber gestalterisch aufeinander Bezug nehmen und sich um einen gemeinsamen Vorplatz
anordnen, der die Verbindung mit dem Quartier herstellt.
»So vielschichtig die gestalterische und städtebauliche
Wirkungsweise des Baukörpers an dem jeweiligen Ort ist,
so radikal klar, einfach und völlig gleich ist das Konstruk­
tionsprinzip bei allen Schulen. Schlanke, immer gleich
große (aber statisch optimierte) Stahl/Beton-Verbundstützen im Raster von 8,25 m aufgestellt, tragen HalbfertigteilFlachdeckenelemente. Durch diese einfache und in allen

Belangen den Erfordernissen des Brandschutzes genügende Konstruktion ist es möglich, einen konsequenten, formal hochwertigen und preiswerten Innenausbau modular
möglich zu machen. Alle vorgeschlagenen Materialien wirken stimmig, bescheiden und angenehm,« so begründet
die Jury ihr einstimmig gefälltes Urteil. Ob diese Entwürfe
dann tatsächlich auch gebaut werden, steht jedoch erst
fest, wenn die Verhandlungen mit allen Preisträgern der
beiden Wettbewerbe geführt worden sind.
»Der Verbleib der Tennisplätze wird im Anschluss ­
geprüft«

Ob der Neubau am Standort Adalbertstraße tatsächlich
schon im Jahr 2022 fertig wird, ist freilich nicht sicher. Bei
der Pressekonferenz hatte Katrin Lompscher bereits darauf
hingewiesen, dass sich noch allerlei Schwierigkeiten auftun könnten. Und an der Adalbertstraße haben die Voruntersuchungen schon Probleme mit dem Baugrund identifiziert. So wurden »massive Bauschuttlagen aus Ziegel, Mörtel und Beton« gefunden. Bei einer Probebohrung wurde
»in einer Tiefe von 1,4 m unter Gelände ein massives Beton­
hindernis erbohrt«, so heißt es in den Wettbewerbsunterlagen. Zudem wurde bei der Auswertung historischer Luftbilder ein Erdloch als Anhaltspunkt für das mögliche Vorhandensein von Kampfmitteln entdeckt. Falls eine weitere
Untersuchung eine Kampfmittelräumung erforderlich werden lässt, würde das den Neubau natürlich verzögern.
Das würde dem Tennisclub Berlin-Mitte möglicherweise
die Zeit verschaffen, die notwendig ist, um doch noch eine
Lösung für ihn zu finden. Denn dessen Tennisplätze befinden sich auf bezirkseigenem Gelände, das als Schulhof bzw.
als Sportplatz für die neue Grundschule vorgesehen ist.
Darauf wird in der Auslobung des Wettbewerbs hingewiesen: »Die Tennisplätze werden im Rahmen des Verfahrens
überplant um den gesetzlich notwendigen Anforderungen
der Flächenbedarfe für die Schule gerecht werden zu können. Der Verbleib der Tennisplätze soll im Anschluss an
das Verfahren geprüft werden.« Der TC Berlin Mitte, der
sich auch im Kinder- und Jugendbereich stark engagiert,
würde ohne diese Freiluft-Plätze nur noch über drei Spielfelder in seiner Halle verfügen: Zu wenig für einen normalen Spielbetrieb. Ob es möglich ist, die Sportanlagen der
Schule nach Unterrichtsschluss als Tennisplätze zu nutzen,
muss sich erst noch erweisen. 
cs

Der Preisträger: Bruno Fioretti Marquez

Die ersten Preisträger des Wettbewerbs »Vierzügige modulare Grundschule und Sporthalle«, die Architekten Prof. Piero Bruno, Prof. Donatella
Fioretti und Prof. José Guttierez Marquez, sind stark der klassischen
Moderne des Bauhauses verpflichtet. Nach den Entwürfen des Kreuz­
berger Büros wurden zum Beispiel die preisgekrönten »Neuen Meisterhäuser Bauhaus Dessau« errichtet, beim Wettbewerb für das »BauhausArchiv Museum für Gestaltung« hatte es den zweiten Preis erreicht.
Das Büro hat zudem für die »Berliner Bau- und Wohnungsbaugenossenschaft von 1892« die 2015 bezogenen Neubauten im Unesco-Welterbe
der Bruno-Taut-Siedlung am Weddinger Schillerpark entwickelt und für
die sowohl preisgünstige als auch qualitätsvolle Architektur u.a. den
»Deutschen Ziegelpreis 2017« erhalten.

Wasserkarte aus der Luisenstadt
Ein Zufallsfund aus der Melchiorstraße
Zu den erfreulichsten Tätigkeiten für mich gehört der Besuch im Verlag, um das Erscheinen des nächsten Buches zu
besprechen. Dort, bei meinem Verleger und dem gutmütigen Verlagshund Otto, fiel mein Blick auf eine Ansichts­
karte an der Wand, die mich sofort an ein ähnliches Bild
der Arbeiter in der Fabrik von Otto Lilienthal erinnerte, die
samt Chef in der ersten Flugzeugfabrik der Welt in der
­Köpenicker Straße posierten.
Da ich ein exzessiver Postkartenschreiber bin und mein
Postkartenfreund historische Photographien so schätzt wie
ich, erbat ich ein Exemplar, das mir der Verleger prompt
schenkte. Häufig ist es eine Wissenschaft für sich, Ort und
Zeitpunkt alter Lichtbilder zu ermitteln, aber nicht bei dieser Ansicht, denn dankenswerterweise haben der Photograph oder die Arbeiter auf einer Tafel in Schönschrift
noch heute deutlich lesbar vermerkt:
»Werkstatt der Städt.-Wasserwerke
Berlin, SO Melchiorstr. 22
den 23. Februar 1904«
Auf diese überraschende Art wurde ich aufmerksam auf
diesen wichtigen kommunalen Standort in der Luisenstadt
und auf das Buch »Berliner Wasser« aus dem Verlag, der
eigentlich ein kleines Verlagsimperium von drei Verlagen
ist – nämlich dem Hundeverlag »Fred & Otto«, dem
»Omnino Verlag«, in dem auch meine Romane erscheinen,
und dem »Vergangenheitsverlag«. In letzterem ist das Buch
mit dem Untertitel »Die Geschichte einer Lebensnotwendigkeit« erschienen, und so kam es, dass ich hier ein Buch
von 2014 empfehle, auf das ich sonst wohl gar nicht aufmerksam geworden wäre.
Nicht nur dieses reizvolle Bild, sondern die wirklich sehr
große Menge von erstmals veröffentlichten Abbildungen
und natürlich das Thema machen »Berliner Wasser« zu einer keinesfalls trockenen Lektüre. Man erfährt darin die
Story des Stoffes, aus dem wir zu mindestens 80 Prozent
bestehen, oder in Litern: Jeder erwachsene Berliner besteht aus über 40 Litern Wasser.

AUS DE M BE ZI R K MI T TE —— 11

Proletarischer Stolz: Wann haben wir das letzte Mal einen
Gedanken an die Wasserwerker verschwendet, die bis heute
dafür sorgen, dass wir nicht auf dem Trockenen sitzen?

Erschreckende
Altersarmut

Eine Fülle von spannenden Details ist zu erfahren von den
Anfängen, die weit vor der Zeit liegen, in der es Berlin
überhaupt gab. Denn die ältesten Brunnen auf dem heutigen Stadtgebiet datieren zurück bis ins 7. Jahrhundert, als
sich slawische Urberliner daran laben konnten.
Gerade das Bild der Arbeiter ist ein sehr besonderes Dokument, denn sie sind nicht nur in ihrer Arbeitskleidung zu
sehen, sondern präsentieren auch Beispiele ihrer Tätigkeit:
Werkzeuge, Rohre, Schieber, Ventile, man erkennt sogar
die Handschwengelpumpen, die bis heute zum Ergötzen
von Kindern und Hundebesitzern in Berlin als Stadtmöbel
die Straßen verschönern. Übrigens ist das Betätigen der
Schwengel sehr erwünscht, denn ohne regelmäßiges Wasserpumpen würden die Quellen versanden.
Faszinierend für mich als Kolumnist der Luisenstadt ist dabei, wie der Standort in der Melchiorstraße nicht nur mit
der Wasserversorgung Berlins, sondern auch mit der deutschen Geschichte verbunden ist. So im Zweiten Weltkrieg,
als in der Melchiorstraße die Ingenieure nach den Bomben­
angriffen die Entstörungstrupps in drei Schichten koordinierten. Die bestanden, wenn es um gefährliche Arbeiten
noch während der Bombardierung ging, aus Zwangsarbeitern. Das Berliner Wasserwerk hatte für die »Ostarbeiter«,
also russische Gefangene, in einer Kleingartenanlage an
der Landsberger Allee sogar ein eigenes Lager.
Diese Russen waren es, die 1944 bei einem Bombenangriff
am Potsdamer Platz rund 400 Kindern das Leben retteten.
Die wären in einem Notlazarett im Weinkeller des Hotels
Esplanade ertrunken, hätten die Sowjetsoldaten nicht den
Wassereinbruch gestoppt.

Jeder achte Rentner in Mitte
­bezieht Grundsicherung

Nach Kriegsende spiegelte sich in der Melchiorstraße auch
die Teilung der Stadt und des Wassernetzes wieder. Nicht
wenige Sozialdemokraten der Belegschaft wurden von den
Kommunisten gefeuert. In Westberlin musste eine Kasse
für die Bezahlung der Wassergebühren in D-Mark eingerichtet werden, weil die Einfuhr von West-Mark nach Ostberlin verboten war. Als Ostberlin 1949 die Direktoren wegen »politischer Unzuverlässigkeit« feuerte, versammelte
sich am 26. März die gesamte Belegschaft auf dem Hof des
Werksgeländes in der Melchiorstraße und alle Wasserwerker mussten sich zwischen Ost und West entscheiden. Wegen der Wohnungsnot fiel in den allermeisten Fällen die
Wahl eher nach der Adresse als nach der politischen Überzeugung.
Das Buch gibt also einen unterhaltsamen Überblick zum
Berliner Wasser. Von der Werkstatt in der Melchiorstraße
und ihrer Geschichte im Detail werde ich ein andermal erzählen.
Falko Hennig
Der Autor lädt täglich zu Fahrten oder Spaziergängen
»Engel, Flieger & Genossen« durch die Luisenstadt und den
schmalsten Park Berlins ein, 2 Stunden /12,– Euro,
­mindestens fünf Teilnehmer, Anmeldung erforderlich:
Tel 0176 - 20 21 53 39

Bereits jeder achte Rentner im Bezirk Mitte ist auf Leistungen aus der Altersgrundsicherung angewiesen. Dabei konzentriert sich die Altersarmut vor allem auf die Stadtteile
mit hohem Migrantenanteil. Und die Zahl der Empfän­
gerinnen und Empfänger dieser Sozialleistung wird sich
weiter erhöhen.

Tiergarten, lediglich im »Parkviertel« nördlich der Seestraße liegt er mit 9 % zwar unter dem Durchschnitt von
Mitte (12,5 %) aber immer noch deutlich höher als der Berliner Mittelwert (6,2 %). Weit weniger Rentner erhalten
dagegen im ehemaligen Ostteil von Mitte Grundsicherung:
in der »Südlichen Brunnenstraße« (also den Altbauquartieren rund um den Rosenthaler Platz) sind es 5,6 %, in der
Region »Alexanderplatz«, die sich von der Charité bis zur
Köpenicker Straße hinzieht, sogar nur 3,4%. Auch in den
Plattenbauquartieren rund um die Karl-Marx-Allee und die
Heinrich-Heine-Straße, wo im Unterschied zur Rosenthaler oder Spandauer Vorstadt sehr viele ältere Menschen
wohnen, liegt er durchweg unter 5 %. Die alteingesessenen
Bewohner dieser Quartiere haben früher fast ausnahmslos
in Ostberlin gearbeitet und dabei kontinuierlich in die Ren­
tenversicherung eingezahlt.
Je jünger, desto prekärer

Im Dezember 2018 veröffentlichte das Bezirksamt Mitte
den Bericht »Basisdaten zur Bevölkerung und sozialen
Lage im Bezirk Berlin-Mitte«, worin auch aktuelle Daten
zur Altersgrundsicherung aufgeführt sind. Die Altersgrundsicherung ist vergleichbar mit dem Arbeitslosengeld
2 (»Hartz IV«), wobei die Empfänger aber nicht nachweisen müssen, dass sie sich aktiv um Arbeit bemühen. Der
Regelsatz beträgt zur Zeit für Alleinstehende 424 Euro pro
Monat zuzüglich »angemessener« Miet- und Heizkosten
und eventuellen Mehrbedarfen zum Beispiel aufgrund einer Behinderung. Die Grundsicherung kann man beim Sozialamt beantragen, die Kosten trägt seit 2014 in vollem
Umfang der Bund.
Starkes West-Ost-Gefälle

Die meisten Rentner sind in der Bezirksregion WeddingZentrum betroffen. Fast jeder fünfte (18,8 %) in der Altersgruppe über 65 Jahre ist dort auf sie angewiesen. Überdurchschnittlich hoch ist der Anteil allerdings fast überall
in den beiden ehemaligen Westbezirken Wedding und

Im Westteil der Stadt war das oft anders. Brüche in der Erwerbsbiografie gab es auch vor der Wende schon häufig,
zudem lange Phasen der Selbständigkeit, in der nicht in
die Rentenversicherung eingezahlt wurde. Besonders betroffen sind jedoch die Zuwanderer, die einst als Gastarbeiter nach Berlin kamen, deren Arbeitsplätze jedoch im Laufe
der Jahre wegfielen. Der Spezialbericht weist das nicht gesondert nach, es fällt aber auf, dass die Regionen mit den
höchsten Anteilen an Grundsicherungsempfängern zugleich auch die mit dem höchsten Ausländeranteil sind.
Weiterhin weisen die Daten darauf hin, dass sich in Zukunft die Anzahl der Grundsicherungsempfänger weiter
erhöht. Denn in der Altersgruppe zwischen 65 und 75 Jahren ist bezirksweit schon fast jeder Sechste (16,4 %) auf die
Sozialleistung angewiesen ist, bei den Über 85-Jährigen
dagegen noch nicht einmal jeder Fünfzigste (1,9 %). Wer in
den goldenen 1950er Jahren ins Arbeitsleben einstieg, ist
heute in Mitte fast zehnmal seltener von akuter Alters­
armut bedroht (oder auch nicht dazu bereit, beim Sozialamt Leistungen zu beantragen), als jemand, der – wie die
meisten »Gastarbeiter« – erst in den 1970er Jahren mit der
Arbeit in Deutschland begann.
Die Deindustriealisierung der 1990er

Ch. Eckelt

Archiv F. Hennig

10 —— KI E ZG ESC HIC HTE

Besonders zu Buche dürften zudem die 1990er und 2000er
Jahre schlagen. Denn nach der Wende brachen ja nicht nur
im Ostteil der Stadt die Arbeitsplätze weg – auch Westberlin wurde in kurzer Zeit deindustrialisiert, weil die Subventionen für die Industriearbeitsplätze der Inselstadt eingestellt wurden. An den stillgelegten Fließbändern waren
zuvor aber vor allem Migranten beschäftigt, die für diese
Jobs aus ihren Heimatländern geholt worden waren. Deren
Chancen auf eine reguläre Beschäftigung waren nach der
Wende nur sehr gering – die Konkurrenz aus dem Osten
war meist wesentlich besser ausgebildet und hatte zudem
noch sprachlich einen klaren Vorteil. Viele arbeiteten
­deshalb in prekären Verhältnissen, beispielsweise in Familienbetrieben, und zahlten dabei nicht in die Rentenversicherung ein. Oder sie waren arbeitslos und sammelten in
dieser Zeit nicht genug »Rentenpunkte« um jetzt den Anspruch auf eine auskömmliche Rente zu haben. 
cs

12 —— AU S DEM BEZIRK MIT TE

AUS DE M BE ZI R K MI T TE —— 13

Ch. Eckelt

zungsweise zwei Drittel. Einen befristeten Unterbringungsanspruch hat erst einmal jeder Mensch ohne Obdach
– egal woher er kommt, und falls die Hilfeeinrichtungen
voll sind, erfolgt die Unterbringung zur Not auch im Hotel.
Außerdem bieten wir nach dem Sozialgesetzbuch zumindest eine zeitlich befristete Überbrückungshilfe von einem
bis zu drei Monaten: mit Krankenversicherung, Unterkunft
und Geld für den Lebensunterhalt. Aber obwohl wir umfassend helfen könnten, stellt leider kaum jemand solche
Anträge, da man dadurch natürlich im System erfasst wird
und nicht nur dauerhafte Sozialhilfeansprüche geprüft
werden, sondern bei fehlender Arbeitsperspektive unter
Umständen auch, ob für die Person noch die EU-Freizügigkeit besteht. Grundsätzlich muss in Mitte niemand elend
auf der Straße leben und hungern.

»Berlin braucht endlich eine einheitliche
­Regelung«
Es gibt aber – auch in diesem Januar – Kritik bei den Räumungen von wilden Camps …

»Nicht über j­ edes
­Investoren-Stöckchen
­springen«
Ein Gespräch mit Bezirksbürgermeister
Stephan von Dassel

 s mangelt wahrhaftig nicht an brennenden Themen im BeE
zirk Mitte: Mietenexplosion, soziale Kluften, Armutsmigration, Obdachlosigkeit, Baugeschehen, die hohe Zahl von Touristen, Hotels und Ferienwohnungen, Personalnotstand im
Bezirksamt usf. Doch womit geriet Bezirksbürgermeister
Stephan von Dassel Ende letzten Jahres in die Schlagzeilen?
Mit der beiläufigen Bemerkung, er fände den Schlossnachbau
ziemlich »grauslig« (womit er sicher nicht wenigen aus dem
Herzen sprach). Also, Herr Bezirksbürgermeister …
…vorab: Gibt es ein Thema, über das Sie unbedingt reden
möchten?

Ja. Das Schloss! (lacht).
Reden wir lieber über Armutsmigration – auch bei den Obdach­
losen wächst die Zahl osteuropäischer Zuwanderer deutlich,
besonders in Mitte ist das unübersehbar.

Generell nimmt die Zahl der Obdachlosen zu. Das erste
Problem: Wir wissen nicht, wie viele Obdachlose tatsächlich unterwegs sind. Die seit Jahren überfällige Erhebung
soll ja dieses Jahr endlich erfolgen. Das zweite Problem besteht darin, dass der Senat keine Position zu Obdachlosen
ohne Leistungsansprüche hat. Das sind in Mitte schät-

Vor große Probleme stellen uns Menschen, die kein norma­
les Sozialverhalten zeigen, insbesondere suchtkranke Men­
schen aus osteuropäischen Ländern. Gewaltkonflikte oder
auch extreme hygienische Zustände in einigen wilden
Camps können wir nicht einfach hinnehmen. Wir gehen
zwar mit Augenmaß vor, aber bei unzumutbaren Zuständen
müssen wir auch eingreifen. Immer steht das Ordnungsamt vor der schwierigen Frage: Eingreifen oder nicht.
Mit dem Senat ist jetzt vereinbart, dass Ordnungs- und Sozialstadträte gemeinsam überlegen, wie wir den Menschen
helfen können und wann wir ordnungsrechtlich eingreifen
müssen. Einig sind wir uns, dass wir spezifische psychiatrische Hilfen für obdachlose Menschen brauchen und die
Zusammenarbeit mit den zahlreichen Trägern der Straßensozialarbeit besser werden muss. Aktuell aber werden
wir – trotz teilweise bestehender Kooperationsverein­
barungen – weder von Trägern über Feststellungen zum
Thema Obdachlosigkeit im öffentlichen Raum informiert,
noch hat das Bezirksamt bei den Trägern konkrete Ansprechpartner, an die es sich bei konkreten Problemlagen
wenden kann. Oft habe ich den Eindruck, dass die Mitarbeitenden des Ordnungsamtes diejenigen sind, die regelmäßig Kontakt zu den obdachlosen Menschen haben und
auf die Hilfeangebote verweisen.
Nicht wenige soziale Einrichtungen u.a. der Kälte- und Wohnungslosenhilfe stehen aber auch selbst vor existentiellen
Problemen, z.B. der Kündigung der angemieteten Räume
durch den Eigentümer, weil sie lukrativer vermietet werden
sollen.

Das ist in der Tat ein echtes Problem, das inzwischen Größenordnungen erreicht hat. Allein in Mitte haben wir dadurch 300 Plätze verloren. Wir brauchen dringend einen
Schutz für Gewerbeimmobilien. Nicht nur soziale Einrichtungen, auch viele Selbstständige und kleine Gewerbebetriebe stehen Mieterhöhungen und Kündigungen machtlos
gegenüber. Sie sind aber für eine gesunde Stadtstruktur
unerlässlich.

»Wir sind kein weltweites Anlagegebiet«
Was uns zum generellen Thema Mieten führt. Gerade in Mitte
– wie auch in Friedrichshain-Kreuzberg – geht es ja immer öfter auch um Hausankäufe und die Ausübung des Vorkaufsrechts in Milieuschutzgebieten.

Im letzten Jahr haben wir das Vorkaufsrecht in Milieuschutzgebieten inzwischen dreimal zugunsten städtischer
Wohnungsbaugesellschaften ausgeübt und 16 sogenannte
Abwendungsvereinbarungen mit dem Eigentümer abgeschlossen, durch die Mieterinnen und Mieter umfassend
vor hohen Mieterhöhungen und Luxusmodernisierung geschützt sind. Wir können aber nicht über jedes InvestorenStöckchen springen, das uns hingehalten wird, etwa wenn
das Doppelte des Verkehrswertes verlangt wird.
Wir müssen aber auch bedenken, dass Milieuschutzgebiete
räumlich und zeitlich begrenzt sind. Wir brauchen also
länger tragfähige Ideen für die Sicherung bezahlbaren
Wohnraums. Ich persönlich wäre ja sehr für ein Verbot von
Verkäufen an Immobilienfonds und /oder an ausländische
Kapitalanleger. Mit solchen Eigentümern ist es auch für
uns oft unmöglich, überhaupt ins Gespräch zu kommen –
geschweige denn Dinge zu vereinbaren, die der Nachbarschaft gut tun und die Bewohnerschaft vor Verdrängung
schützen. Andere Länder sind in dieser Frage ja durchaus
rigoroser. Wir müssen nicht Anlagegebiet Nr. 1 für Immobilien sein.
Ferienwohnungen sind immer noch ein Problem, weil sie
Wohnraum dem Mietmarkt entziehen. Auch andere Metro­
polen haben damit zu kämpfen: So will die Pariser Bürgermeis­
terin jetzt juristisch gegen Websites vorgehen, die dafür verantwortlich sind, dass durch illegale Touristenunterkünfte die
ohnehin hohen Pariser Mieten weiter hochgetrieben und Bewohner belästigt werden. AirBnB etwa wurde auf eine Strafe
von 12,5 Millionen Euro verklagt. Wie ist der aktuelle Stand in
Berlin und im Bezirk Mitte?

Leider ist die Berliner Rechtslage eine andere als die französische, deswegen ist das Pariser Vorgehen nicht so leicht
auf Berlin zu übertragen. Aber mich ärgert richtig, dass
sich AirBnB beispielsweise der Verpflichtung zu Registriernummern entzieht. Hier müsste der Senat dringend handeln und durchsetzen, dass solche Angebote von der Plattform verschwinden. Und als ersten Schritt ermitteln, wie
viele solcher illegalen Angebote eigentlich im Netz sind.
Der Druck auf AirBnB und ähnliche Unternehmen muss
hoch gehalten werden, auch wenn unsere eigentlichen
Verwaltungsverfahren gegen die illegale Vermietung dann
leider oft alle juristischen Instanzen durchlaufen.

»Wir benötigen mehr Auszubildende und
­Mitarbeiter mit Migrationshintergrund«
Und wie sieht es derzeit mit dem Personalmangel im Bezirk
aus – ist Besserung in Sicht?

Insgesamt hat das Bezirksamt Mitte derzeit mehr als 2800
Mitarbeitende. Im letzten Jahr haben wir 300 neue Leute
eingestellt, dagegen haben uns 200 Mitarbeiter verlassen,
inklusive jener, die in Rente gehen. Es gibt nach wie vor
noch viele freie Stellen, die zu besetzen sind.

Unser großes Problem ist, dass die Verweildauer der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf der jeweiligen Stelle deutlich kürzer geworden ist, denn der Senat, das Land Brandenburg und erst Recht der Bund bezahlen besser. Da
­müssen sich auch die Gehaltsstrukturen in den Bezirken
ändern, schließlich sind es die Mitarbeiter in den Bezirken, die den direkten Bürgerkontakt haben, auch in sehr
existentiellen Fragen, und die damit eine große Verantwortung für unseren Staat schultern.
Wir investieren daher sehr stark in verbesserte Arbeitsbedingungen und wollen vor allem für junge Menschen noch
attraktiver werden, schließlich soll sich die Buntheit in unserem Bezirk auch schrittweise in unserer Verwaltung abbilden. Wir bieten inzwischen flächendeckend Plätze für
Schülerpraktika an und wollen zudem längerfristige Qualifizierungspraktika anbieten, damit sich auch junge Menschen aus bildungsfernen Haushalten erfolgreich auf Ausbildungsplätze bewerben. Unter jeder Ausschreibung steht
zwar, Bewerbungen von Menschen mit Migrationshintergrund sind ausdrücklich erwünscht, aber leider mangelt es
uns noch an Menschen mit unterschiedlichen kulturellen
Hintergründen. Aber der Wandel der Verwaltung hat ganz
schön Fahrt aufgenommen und ich bin sehr zuversichtlich,
dass sich in ein paar Jahren viel zum Positiven verändert
hat.
Interview: Christof Schaffelder, Ulrike Steglich

—————————
—————— G E G E N D A R S T E L L U N G
In der Ausgabe Nr. 8 Dezember 2018 / Januar 2019 der Zeitung »ecke müllerstraße« behaupten sie in einem Artikel
mit der Überschrift »Wenn unser Haus verkauft wird …«
auf S. 7, dass das Haus Triftstraße 54 in Wedding von der
schwedischen Investmentfirma »Akelius« aufgekauft wurde oder aufgekauft werden solle. Dies ist falsch. Ich habe
das Haus Triftstraße 54 nicht an die schwedische Investmentfirma »Akelius« verkauft und einen solchen Verkauf
auch nie geplant.
Berlin, den 22. 1. 2019
Dr. Reimar-Christian Rothe
Anmerkung der Redaktion:
Herr Dr. Rothe hat Recht. Tatsächlich war in dem benannten Beitrag vielmehr das Haus Triftstraße 56 gemeint, das
von einem möglichen Verkauf betroffen war. Es handelte
sich also hier um einen versehentlichen Tippfehler bei den
Ziffern, der leider auch bei der abschließenden Korrektur
nicht entdeckt wurde.
Wir stellen dies hiermit richtig und bedauern aufrichtig
diesen Flüchtigkeitsfehler und etwaige dadurch entstandene Irritationen.
Für die Redaktion
Ulrike Steglich

Ch. Eckelt

14 —— AU S DEM BEZIRK MIT TE

Stadt ohne Menschen?
Was macht eine Stadt aus? Ihre Sehenswürdigkeiten, ihre
Geschichte? Ihre Bausubstanz? Ihre Kulturorte, Theater,
Museen, Parks? Ihre Clubs, Shoppingmeilen?
Im schottischen Glasgow, einer klassischen Arbeiterstadt,
habe ich den bislang schönsten Slogan einer Stadt gesehen:
Er hieß schlicht »People are Glasgow« – die Menschen sind
Glasgow.
Was Stadt wirklich ausmacht, sind immer die Menschen,
die in ihr leben. Menschen unterschiedlichen Alters und
Geschlechts, unterschiedlicher Herkunft, Sprache und
Haut­farbe, unterschiedlicher Professionen, Einkommen
und Bildung. Menschen, die morgens Kinder zur Kita bringen, Alte, die sich auf der Parkbank unterhalten, Menschen, die nach der Arbeit müde im Bus sitzen, die sich in
Parks sonnen, Pakete oder Essen ausfahren, die die Stadt
sauber halten oder sich auf Straßenfesten amüsieren, die
ohne Wohnsitz oder ohne Arbeit und die ohne Sorgen …
Eine Stadt wird erst durch die vielen Individuen zum
­lebendigen, pulsierenden Organismus.
Wir machen seit vielen Jahren Stadtzeitungen – Zeitungen
für Stadtteile und für die Menschen, die in diesen Kiezen
leben. Für uns sind sie das Wesentliche und das Interessanteste an unserer Arbeit. Zu einer guten Stadtzeitung gehören auch Fotos. Fotografien, die den Stadtteil in seiner
­Lebendigkeit und Vielfalt spiegeln, den Alltag und das
­Besondere, Überraschende. Stadtfotografie ist auch eine
Fotografie des Augenblicks. Stadtfotografie ohne Menschen
ist keine Stadtfotografie, sondern Architekturfotografie,
oder Landschaftsfotografie.
Immer mal wieder blättere ich einem Bildband: »Photographie des 20. Jahrhunderts«. Einige meiner Lieblings­
fotos sind darin. Der kleine Pariser Junge, der stolz zwei
Flaschen Wein in seinen Armen nach Hause trägt – 1958
fotografiert von Cartier-Bresson. Oder »V-Day«, 1945 aufgenommen vom Berliner Fotografen Alfred Eisenstaedt,
ein Schnappschuss: ein Marinesoldat küsst während der
Siegesparade am Times Square überschwänglich eine junge Frau. Könnte man solche Bilder heute noch spontan und
unbefangen machen?

E CKE KÖPE NI CKE R—— 15

Der Beginn des 20. Jahrhunderts war auch die Geburtsstunde der Stadtfotografie. Und Berlin war für Fotografen
ein Eldorado. Noch in den 1990er Jahren war es unkompliziert, auf Straßen und Plätzen oder bei öffentlichen Anlässen zu fotografieren.
Mit dem Einzug des Internets als Massenmedium hat sich
vieles verändert – auch die Bedingungen für die Fotografie.
Der Einzug des Internet in den Alltagsgebrauch begann vor
gerade mal zwanzig Jahren und veränderte die Welt ähnlich revolutionär wie die Gutenbergsche Erfindung des Bücherdrucks. Und wie jede Revolution bringt sie ganz neue
Unsicherheiten und Fragen mit sich. Und viele Extreme.
Die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit verschwimmen immer mehr. Während einerseits Milliarden
privater Fotos unbekümmert per Instagram und Facebook
veröffentlicht werden, viele bedenkenlos persönliche Daten ins Netz einspeisen und auch die voyeuristische Gafferfotografie, etwa bei Unfällen, dank Smartphone zum Massenphänomen wird, wächst andererseits das Misstrauen
gegenüber den »Datenkraken« und die Angst vor Datenmissbrauch.
Das bekommen auch unsere Zeitungen zu spüren, in allererster Linie unsere Fotografen. Das diffuse Misstrauen, die
Verunsicherung unterscheidet nicht zwischen seriöser
Stadt­fotografie und unseriösen Methoden und Zwecken.
Etliche unserer Fotografen ziehen ihre Konsequenzen. Sie
weigern sich inzwischen, auf Spielplätzen zu fotografieren,
weil sie keine Lust haben, sofort unter KinderschänderGeneralverdacht zu geraten. Sie fotografieren Menschen
im öffentlichen Raum nur noch von hinten oder mit großer Unschärfe, damit man deren Gesichter nicht erkennt.
Oder sie konzentrieren sich stärker auf Gegenständliches,
Unpersönliches: Baustellen, Fassaden, Busse, Parks.
Die Fotografen sehen sich dazu schon aus Selbstschutz gezwungen – um sich nicht langen fruchtlosen Debatten,
misstrauischen Verhören oder gar juristischen Klagen der
Fotografierten auszusetzen. Diesen Einschnitt für den Foto­
journalismus merkt man eben auch den Zeitungen an.
Die Gesetzgebung kann mit dem rasanten Tempo der digitalen Revolution nicht Schritt halten. Und die notwendigen Versuche, neue Regeln für den digitalen Umgang zu
finden und Privatsphären zu schützen, gehen wegen mangelnder Differenzierung teilweise auch an Realitäten und
den eigentlichen Zielen vorbei. Früher galten klare presserechtliche Regeln: Bei mehr als fünf Personen auf einem
Foto muss man nicht mehr jeden um sein Einverständnis
bitten. Das Fotografieren bei öffentlichen Veranstaltungen
war weitgehend ohne Einschränkungen möglich.
Spätestens mit der neuen Datenschutzverordnung hat sich
all das gravierend verändert. Grundsätzlich ist sie gut gemeint. Doch für die Stadtfotografie ist sie eher verheerend.
Schnappschüsse, spontane Momentaufnahmen auf offener
Straße sind so kaum noch möglich, schon wegen des allgemeinen Misstrauens.
Eine Stadtzeitung ohne wirkliche Stadtfotografie ist ein
Widerspruch in sich. Und wer von uns will wirklich, wenn
er in eine Zeitung schaut, Fotos ohne Menschen, ohne den
Blick in Gesichter – oder Gesichter, die nur noch eine Pixel­
masse sind?
Ulrike Steglich

Sanierungsgebiet
­Nördliche
Luisenstadt
Märkisches Museum
Köllnischer
Park

Erhaltungsgebiete

Gebäude der
Senatsverwaltung

Heizkraftwerk
Mitte

Stadtteilladen
»dialog 101«

ehemalige
Eisfabrik
Deutsches
Architekturzentrum (DAZ)

Michaelkirchplatz

HeinrichHeine-Platz

ehemaliges
Postfuhramt

St. MichaelKirche

Engelbecken

Adressen
Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung,
Soziales und Gesundheit: Ephraim Gothe

Müllerstraße 146/147, 13353 Berlin
(030) 90 18-446 00
ephraim.gothe@ba-mitte.berlin.de
Bezirksamt Mitte von Berlin,
Stadtentwicklungsamt,
Fachbereich Stadtplanung

Müllerstraße 146, 13353 Berlin
Fachbereichsleitung: Kristina Laduch,
Tel 901 84 58 45
kristina.laduch@ba-mitte.berlin.de

Senatsverwaltung für Stadtentwicklung
und Wohnen

Referat IV C – Stadterneuerung
Württembergische Straße 6, 10707 Berlin
Joachim Hafen (Gebietsbetreuung
Luisenstadt), Tel 901 39 49 19
joachim.hafen@senstadtum.berlin.de

Treffen jeden dritten Dienstag im Monat
um 18.30 Uhr, Ort bitte erfragen
Ansprechpartner: Volker Hobrack,
Tel 275 47 69, volker.hobrack@gmail.com
bzw: bv.luisenord@gmail.com
www.luise-nord.de

Gebietsbetreuung Luisenstadt (Mitte)

Bürgerverein Luisenstadt

Koordinationsbüro für Stadtentwicklung
und Projektmanagement – KoSP GmbH
Schwedter Straße 34 A, 10435 Berlin
Andreas Bachmann, Tel 33 00 28 39,
­bachmann@kosp-berlin.de
Urte Schwedler, Tel 33 00 28 44, ­
schwedler@kosp-berlin.de
www.luisenstadt-mitte.de

Michaelkirchstraße 2, 9. Etage,
10179 Berlin, Tel/ AB 279 54 08
buero@buergerverein-luisenstadt.de
www.buergerverein-luisenstadt.de
Bürozeiten: mittwochs 14–16 Uhr

Sanierungsverwaltungsstelle

Reinhard Hinz (Gruppenleitung)
Tel 901 84 58 53
reinhard.hinz@ba-mitte.berlin.de
Anke Ackermann, Tel 901 84 57 57
anke.ackermann@ba-mitte.berlin.de
Wolf-Dieter Blankenburg, Tel 901 84 57 21
wolf-dieter.blankenburg@ba-mitte.berlin.de

Betroffenenvertretung Nördliche Luisenstadt

Betreuung Programm Städtebaulicher
Denkmalschutz beim Bezirksamt

Birgit Nikoleit, Tel 901 84 57 79
birgit.nikoleit@ba-mitte.berlin.de

Mieterberatung für Mieter im Sanierungs­
gebiet und in den Erhaltungsgebieten

Montag, 15–18 Uhr (jeder 1. und 3. Montag
mit Rechtsanwältin)
Pfarrsaal der St. Michael Kirche,
Michaelkirchplatz 16
Kontakt: Mieterberatung Prenzlauer Berg,
Tel 443 38 10
www.mieterberatungpb.de

16 —— EC KE KÖP ENIC KER

Ch. Eckelt

BILDECKE

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————
—
— ECKENSTEHER

Investoren-Mantra
Ein Gespenst geht um in Berlin, und es heißt nicht Kommunismus. Sondern, zum Beispiel, »Deutsche Wohnen« –
ein Schreckensname für zahllose Mieter.
Der Berliner Wohnungsmarkt ist seit einigen Jahren out of
control und ein wahres Heuschrecken-Eldorado. Doch das
Desaster war zu einem guten Teil auch hausgemacht. Im
großen Stil hatte das Land Berlin vor allem in den 90ern
kommunale Wohnungsbestände privatisiert – und damit
(anders als etwa Wien) leichtfertig ein wichtiges Steuerungsinstrument aus der Hand gegeben.
Doch im Kessel wächst der Druck, wenn immer mehr Anwohner mit schmalen Einkommen aus ihren Quartieren
verdrängt werden und auch andernorts kaum noch Bezahlbares finden. Was, wenn Postboten, Pfleger, Erzieher, Polizisten, Busfahrer sich die Stadt, die ja existentiell auf ihre
tägliche Arbeit angewiesen ist, nicht mehr leisten können
und das Wutpotential steigt?
Angesichts der Mammutaufgabe, halbwegs wieder Herr der
Lage zu werden, ist die Doppelstrategie der rot-rot-grünen
Koalition durchaus sinnvoll: Kommunaler Neubau einerseits, andererseits Bestandssicherung und Mieterschutz,
z.B. durch Ausübung des Vorkaufsrechts in Milieuschutzgebieten oder Rück- bzw. Ankäufe. Das geschieht noch
eher punktuell – von »Enteignung« der großen Player, wie
es ein Volksbegehren fordert, ist das weit entfernt.
Doch schon die paar Wohnungen, die dem Spekulationsmarkt entzogen werden, erzeugen bei der Investorenlobby
Schnappatmung. Das Geld solle man besser in Neubau in-

vestieren, so das Mantra, durch Ankäufe entstünde keine
einzige der dringend benötigten neuen Wohnungen.
Mal abgesehen, dass das auch keiner behauptet hatte – für
wie doof hält man eigentlich die Leute, um ihnen ein so
hirnrissiges Argument anzudrehen? Der Witz an der Sache
ist ja, dass für jeden Mieter, der aus seiner Wohnung nicht
ausziehen muss, eben keine neue Wohnung notwendig ist.
Und wohin sollten denn auch all die Busfahrer, Erzieherinnen etc.pp. ziehen? Für wen ist es ökonomisch sinnvoll,
Mieter A zum Auszug aus seiner (bezahlbaren) Wohnung 1
zu zwingen, der dann in die viel teurere Wohnung 2 ziehen
muss, damit Nutzer B in die inzwischen ebenfalls verteuerte Wohnung 1 ziehen kann? Sie ahnen es …?
Insbesondere die Neuvermietungen treiben die »ortsüblichen Vergleichsmieten« hoch. Jeder Umzug würde auch
mehr Miete verschlingen. Das wiederum ist – zweitens –
stadtökonomisch wichtig: Schützt man Mieter vor exorbitanten Mieten, wandert ein Teil der Einkommen eben nicht
mehr in den Schlund anonymer Kapitalgesellschaften, sondern kann in Lebensunterhalt, Daseinsvorsorge oder lokale
Ökonomie investiert werden.
Drittens hat Neubau räumliche Grenzen. Schon weil der
Boden als Ressource nicht reproduzierbar ist, muss der
­Bestand gesichert und sinnvoll genutzt werden, statt immer mehr flächenfressende monotone Eigenheimsiedlungen hinzupflanzen.
Und viertens geht es um nicht weniger als Gesellschafts­
politik. Wer zulässt, das sich die Stadt spaltet in betuchte
Eigentümer großzügiger Innenstadtlofts und hochverdichtete »Banlieues« an den Rändern, stellt den Konsens der
zivilen Stadtgesellschaft zur Disposition und spielt mit
dem Feuer. Eine Stadt gehört aber nicht nur denen, die sie
sich kaufen und »leisten« können, sondern vor allem jenen, die das Leben der Stadt erst möglich machen. 
us
                            
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