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Periodical volume

Full text: Ecke Issue 2016,5

ecke

nr. 5 – aug /sep 2016

köpenicker

Ch. Eckelt

Seite 3: Ein Rückblick aufs Sommerfest Seite 4: Bezirk kontra WBM – Neubau auf der Fischerinsel
Seite 8: 10. und 11. September – Tag des offenen Denkmals Seite 10: Neues vom Runden Tisch

Zeitung für das Sanierungsgebiet Nördliche Luisenstadt. Erscheint achtmal im Jahr kostenlos.
Herausgeber: Bezirksamt Mitte von Berlin, Stadtentwicklungsamt, Fachbereich Stadtplanung

Ch. Eckelt

Betroffenenvertretung (BV)
­Nördliche Luisenstadt

Die BV trifft sich an jedem dritten Dienstag im
Monat (außer im August) um 18.30 Uhr im
Stadtteilladen »dialog 101«, Köpenicker Straße 101. Als Interessenvertretung der Bürger ist
sie ein wichtiges Gremium im Sanierungsgebiet. Die Sitzungen sind öffentlich. Die BV
freut sich über neue Mitstreiter!

Ch. Eckelt

Bürgersprechstunde im
­Stadtteilladen

Welche Ecke?
Sicher kennen Sie sich in Ihrem Kiez gut aus und wissen, wo dieses Foto aufgenommen wurde!
Wer weiß, wo sich dieser Ort befindet, schicke die Lösung bitte mit genauer Absenderadresse an
die Redaktion: »Ecke Köpenicker«, c/o Ulrike Steglich, Elisabethkirchstraße 21, 10115 Berlin,
oder per Mail an ecke.koepenicker@gmx.net. Unter den Beteiligten verlosen wir einen 20-EuroBüchergutschein der Buchhandlung im »Aufbau-Haus« am Moritzplatz. Einsendeschluss ist
Montag, der 19. September. Unser letztes Bilderrätsel zeigte eine Toreinfahrt in der Rungestraße
10, neben der ehemaligen Botschaft der Türkei. Gewinner ist Monika Garrecht – herzlichen
Glückwunsch! Der Preis wird Ihnen per Post zugesandt.
Modellprojekt: Stadtteilkoordination in Mitte
Im Bezirk Mitte gibt es seit Kurzem für jede
Bezirksregion eine intermediäre Stadtteilkoordination, die als Anlaufstelle für alle Bürgerinnen und Bürger dient. Die Mitarbeiter stehen
als Ansprechpartner bei allen aktuellen Themen, Problemen und Anliegen der Bevölkerung zur Verfügung und fungieren als Brücke
zur Verwaltung und in das Bezirksamt Mitte.
Damit soll vor allem auch das Engagement
von Bürgern und Initiativen stärker unterstützt werden, die ihr Umfeld in vielerlei Hinsicht besser gestalten möchten. Die Stadtteil­
koordinatorInnen helfen bei der Vernetzung
und unterstützen nachhaltige Projekte für die
Nachbarschaft. Dafür gibt es auch einen kleinen Fördertopf: Aus der »Handkasse« können
Sachmittel bezuschusst werden, etwa zur
Unterstützung der Öffentlichkeitsarbeit von
Projekten, Künstlergagen oder Raummieten
bei Veranstaltungen oder Kiezfesten oder auch
Material für Pflanzaktionen. Entsprechende
Anträge sind direkt bei der jeweiligen Stadtteilkoordination zu stellen.
Die Stadtteilkoordination ist am Bezirksamt
Mitte angedockt, die Mitarbeiter sind jedoch

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beim jeweiligen Träger fest angestellt. In der
Nördlichen Luisenstadt ist es der Verein
KREATIVHAUS, Ansprechpartnerin ist Sylvia
Euler. Sie hält auch jeden Mittwoch im Stadtteilladen eine offene Sprechstunde ab (s.u.).
Kontakt: Sylvia Euler, KREATIVHAUS e.V.,
Fischerinsel 3, 10179 Berlin, Telefon 238 09 13,
Mobil 0176-21 88 35 54, E-Mail: stadtteilkoordination@kreativhaus-tpz.de
Offene Sprechstunde: mittwochs 15–18 Uhr
im Stadtteilladen »dialog 101«, Köpenicker
Straße 101
Nachtrag
In unserer letzten Ausgabe ist uns bedauer­
licherweise ein Versäumnis unterlaufen. In
unserem Bericht über das diesjährige Moabiter Kunstfestival »Ortstermin« (Seite 8) berichteten wir über eine Installation im öffentlichen Raum mit dem Titel »Stadt ohne Grenzen I die zerronnene Stadt«, das die syrische
Stadt Aleppo thematisiert. Leider vergaßen
wir den Namen der Künstlerin zu erwähnen,
was hiermit nachgeholt sei: Urte Beyer ist die
Urheberin des Kunstwerks. Wir bitten vielmals
um ­Entschuldigung!

Jeden Montag von 14 bis 18 Uhr steht das
Koordinationsbüro KoSP als Gebietsbetreuer
des Sanierungsgebiets bei einer Bürger- und
Akteurssprechstunde zur Verfügung, um Fragen rund um das Sanierungsgeschehen zu
beantworten. Zudem bearbeitet das Koordinationsbüro sämtliche Nutzungsanfragen für den
Stadtteilladen. Informationen erhalten Sie auf
der Website www.luisenstadt-mitte.de

Runder Tisch Köpenicker

Nächster Termin: Dienstag, 13. September,
11–13 Uhr, Stadtteilladen ­»dialog 101«
Die nächste »Ecke Köpenicker«
erscheint nach der Sommerpause Ende
­September. Redak­tionsschluss ist Freitag, der
16. September.
Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern
einen schönen Sommer!
Alle bisher erschienenen Ausgaben sind als
PDF abrufbar auf der ­Website www.luisenstadt-mitte.de sowie auf der Website des Bürgervereins Luisenstadt: www.buergervereinluisenstadt.de

Impressum
Herausgeber: Bezirksamt Mitte von Berlin,
Stadtentwicklungsamt
Redaktion: Christof Schaffelder,
Ulrike Steglich
Redaktionsadresse: »Ecke Köpenicker«,
c /o Ulrike Steglich, Elisabethkirchstraße 21,
10115 Berlin, Tel (030) 283 31 27,
ecke.koepenicker@gmx.net
Fotoredaktion:
Christoph Eckelt, eckelt@bildmitte.de
Entwurf und Gestaltung:
capa, Anke Fesel, www.capadesign.de
Druck: BVZ Berliner Zeitungsdruck GmbH,
www.berliner-zeitungsdruck.de
V.i.S.d.P.: Ulrike Steglich
Für den Inhalt der Zeitung zeichnet nicht
der Herausgeber, sondern die Redaktion
verantwortlich.

Bezirkspolitik und
Kirschkernspucken
Beim diesjährigen Sommerfest des Bürgervereins Luisenstadt

Heiß war’s: Am Freitag, dem 24. Juni, kletterte das Außenthermometer auf bis zu 36 Grad. Und schön war’s auch: das diesjährige Sommerfest des Bürgervereins Luisenstadt, das wie jedes Jahr auf dem
Michaelkirchplatz stattfand. Auch wenn – wegen der großen Hitze
– wohl doch einige das Schwimmbad, den Badesee oder die eigenen
vier Wände vorzogen, waren dennoch viele gekommen, um sich das
Bühnenprogramm anzuschauen, sich an zahlreichen Ständen oder
bei Gesprächen mit Bezirkspolitikern zu informieren oder einfach
bei Kaffee und Kuchen, kalten Getränken und Bratwurst zusammenzusitzen und zu plaudern.
Der Fotograf Klaus Bädicker, der seit vielen Jahren die baulichen Veränderungen in Mitte dokumentiert, zeigte eine kleine Fotoausstellung an der Wäscheleine, Kinder und Erwachsene amüsierten sich
beim Kirschkernweitspuckwettbewerb. Beim Bilderrätsel »Kennen
Sie die Luisenstadt?« konnte man sein Kiezwissen testen und tolle
Bücher gewinnen, die alevitische Gemeinde, die Musikschule des Bezirks Mitte und Jugendliche des Betreuten Wohnens bei der Caritas
steuerten musikalische Darbietungen bei, Polizisten vom Abschnitt
32 gaben Tipps zur Prävention u.a. von Fahrraddiebstählen. Das Koordinationsbüro KoSP als Gebietsbetreuer und die Betroffenenvertretung informierten über Planungen und aktuelle Themen im Sanierungsgebiet Nördliche Luisenstadt, die Stelltafeln zogen viele interessierte Bürgern an, die auch das Gespräch suchten. Ein Pony war zu
Besuch und holte sich jede Menge Streicheleinheiten und kindliche
Bewunderung ab. Architekturinteressierte waren zu Führungen
durch die Annenkirche und das Tauthaus eingeladen.
Das Fest wurde vom Bürgerverein Luisenstadt zusammen mit der
örtlichen CaritasWohnen, dem Pflegewerk Senioren Centrum (Slogan auf einem Werbeflyer: »Lernen Sie uns kennen, bevor Sie uns
brauchen!«) und dem Tauthaus am Engeldamm organisiert. Und
auch in diesem Jahr bot das Fest nicht nur Unterhaltung, Spiele und

Ch. Eckelt

Termine

Bilderrätsel: Gewinner gesucht!

Kulinarisches, sondern hat durchaus auch einen politischen Anspruch und bietet deshalb den Bürgern Gelegenheit, Raum und Anlass für viele bezirkspolitische Gespräche – nicht nur, weil die Berliner Wahlen bevorstehen und mehrere Parteien mit eigenen InfoStänden vertreten waren.
Volker Hobrack, sowohl Mitglied des Bürgervereins als auch der Betroffenenvertretung, nutzte die Gelegenheit, um auf dem Podium
Bezirkspolitiker zu aktuellen Themen zu befragen, die die Bürgerinnen und Bürger im Gebiet beschäftigen. So gab Mittes Stadtrat für
Soziales und Bürgerdienste, Stephan von Dassel, Auskunft zum Vorgehen gegen illegale Ferienwohnungen. Bezirksbürgermeister Christian Hanke äußerte sich zum Bevölkerungswachstum des Bezirks
und wie man darauf auch planerisch reagiert. So wird es notwendig
sein, die Infrastruktur dem gestiegenen Bedarf anzupassen. Darum
drehten sich auch etliche Gespräche am Rande: Schulstadträtin Sabine Smentek, die das Fest ebenfalls besuchte, musste viele Fragen zu
den Plänen für den Schulstandort Adalbertstraße beantworten. Auch
das erst kürzlich bekannt gewordene Blockkonzept zur möglichen
Verdichtung des Heinrich-Heine-Viertels wurde von Bürgern aufmerksam studiert und heiß diskutiert (siehe auch S. 4).
Gewünscht hätte man sich schon, dass sich noch mehr der zahlreichen Akteure im Gebiet am Fest beteiligen. Man vermisste beispielsweise Initiativen wie den Spreeacker e.V., die Spreefeld eG, die Berolina-Genossenschaft oder die WBM als wesentliche Eigentümer im
Gebiet, auch Vertreter des Märkischen Museums mit seinen interessanten Vorhaben und Aktivitäten wären hier gewiss vielen Neugierigen begegnet.
Dennoch: die Mischung war bunt. Junge und Alte, Familien mit Kindern, Menschen mit und ohne Handicaps, Luisenstädter von Kreuzberger und von Mitte-Seite waren gekommen. Und auch die Club­
szene war vertreten: Dimitri Hegemann, Betreiber des Technoclubs
»Tresor« im Heizkraftwerk an der Köpenicker war da, hielt sich lange
am Stand des KoSP und der Betroffenenvertretung auf und legte am
Ende noch prima Musik vom Band auf. Neben dem bejubelten Auftritt von Toni, der mit dem Charisma eines Rockstars seine Songs
schmetterte (siehe Foto), gehörte es zu den schönsten Szenen des
Festes, wie die Kids vom CaritasWohnen selig zu Songs von Billy Idol
und Iggy Pop tanzten und Hegemann vergnügt die Regler bediente.
Tolles Fest.
us

Neue Nachbarschaftsbörse
Die Luisenstadt verfügt seit einiger Zeit über eine Internet-Nachbarschaftsplattform. Ziel ist es, Kontakte in der Nachbarschaft zu fördern
und besser zu vernetzen. Die Plattform dient dabei als Informations-,
Tausch-, Sharing- und Unterstützungsbörse.
Unter www.nebenan.de kann man sich anmelden und dabei auch persönliche Interessengebiete angeben. Gefragt wird beispielsweise auch,
ob man bestimmte Dinge mit der Nachbarschaft teilen würde (z.B.
Fahrrad, Bücher, Leiter, Gerätschaften, WLAN) oder bestimmte Dienste
anbieten würde (Blumengießen, Babysitten, Tierbetreuung im Urlaub
o.ä. Umgekehrt kann man hier auch schnell und unkompliziert Hilfe
suchen. Solche und ähnliche Kiezbörsen werden erfolgreich auch in
anderen Berliner Quartieren gepflegt. www.nebenan.de ist nichtkommerziell und wird von Anwohnern betrieben, die den Wunsch hatten,
zur besseren Vernetzung der Nachbarschaft beizutragen.
us

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Bezirk lehnt WBM-Hochhausprojekt F­ ischerinsel ab
Die Bäume auf dem Grundstück sind längst gefällt, demnächst beginnen archäologische Grabungen, bevor anschließend der Neubau beginnen soll. Doch überraschend hat der Bezirk Mitte nun das WBMVorhaben, ein zusätzliches Wohnhochhaus auf der Fischerinsel zu
errichten, ablehnend beschieden. Das geplante 19-geschossige Hochhaus am Mühlendamm entspreche nicht der vorhandenen Struktur
auf der Fischerinsel mit sechs einzeln stehenden 21-geschossigen
Hochhäusern und passe sich nicht in das Gebiet ein, zudem sei das
Gebäude mit 16,5 Metern zu tief.
Erstaunlich ist der negative Bauvorbescheid des Bezirks deshalb, weil
die WBM-Planung das Ergebnis eines Wettbewerbs ist, bei dem auch
der Bezirk in der Jury mitstimmte. Diese hatte sich im September
2015 für den Entwurf des Architekturbüros DMSW entschieden, das
nun realisiert werden sollte. Es sieht einen U-förmigen Komplex mit
achtgeschossigen Wohnhäusern vor, aus dem der 59 Meter hohe
Wohnturm aufragt. Insgesamt sollen 200 Wohnungen auf dem landeseigenen Grundstück entstehen.
Gegen das Projekt hatten etliche Anwohner protestiert, sie befürchten die Verschattung bestehender Wohnungen durch das Hochhaus,
zudem fallen zahlreiche Parkplätze weg.
Die WBM hat nun bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung
und Umwelt als zuständiger übergeordneter Behörde Widerspruch
gegen den Bezirksbescheid eingelegt. Der Senat lässt keinen Zweifel
daran, dass er das Bauvorhaben will, kündigte aber an, mit den Anwohnern in den Dialog treten und in den nächsten Monaten diskutieren zu wollen. Auch die WBM begrüßt den Bürgerdialog.
us

Bürgerversammlung am 27.9.
Blockkonzept für Heinrich-Heine-Viertel sorgt für
­Diskussionen
Das erst kürzlich öffentlich bekannt gewordene Blockkonzept für das
Heinrich-Heine-Viertel ruft bei Anwohnern auch Kritik hervor. Wie
berichtet, hat das Bezirksamt das Blockkonzept im Frühjahr beschlossen, um mehr planerischen Einfluss und Steuerungsmöglichkeiten bei künftigen Bauprojekten zu haben. Mit dem Konzept sollen
Einzelvorhaben unterschiedlicher Grundstückseigentümer besser
abgestimmt und mit Blick auf die öffentlichen Belange gesteuert
werden. Geprüft wurden deshalb auch Nachverdichtungspotenziale
im Block. So sieht das Konzept u.a. die Möglichkeit einer Neubebau-

4

Bürgerversammlung am 27.9., 18.30 Uhr, voraussichtlich im Stadtteil­
laden »dialog 101«

Suppe und Demokratie
Der Verein »Detroit-Berlin-Connection« ruft das
­Nachbarschaftsprojekt »Berlin Soup« ins Leben
Aus Detroit, wo der »Tresor«-Betreiber Dimitri Hegemann etwas
vom Berliner Erfolg des Techno zurückgeben will, hat er gleich eine
neue Projektidee mitgebracht. Dort hatte Amy Kaherl die »Detroit
Soup« gegründet, um einen kommunikativen Ort für die Nachbarschaft zu schaffen und kreative Projekte zu fördern. Diesem Beispiel
folgt nun die »Berlin Soup«, ein Vorhaben, das vom Verein »DetroitBerlin-Connection« (Viola Glock) organisiert wird.
Die Idee ist so einfach wie einleuchtend: Alle zwei Monate wird zum
öffentlichen Treffen im Kraftwerk eingeladen. Die Besucher zahlen
fünf Euro und bekommen dafür eine Suppe, Salat und Brot sowie
eine Stimme, die sie am Ende für eines von vier präsentierten Projekten abgeben können. Denn während der Veranstaltung können jeweils vier Akteure ihre Projektidee (z.B. aus den Gebieten Kunst, soziale Gerechtigkeit, urbane Landwirtschaft, Erziehung, Technologie)
vorstellen, sie haben dafür je vier Minuten Zeit und können vier Publikumsfragen beantworten. Beim Essen können sich die Besucher
darüber austauschen, welches Projekt aus ihrer Sicht am meisten der
Nachbarschaft und der Stadt zugute kommt. Am Ende werden die
Stimmzettel abgegeben, der Gewinner erhält die Einnahmen des
Abends als Unterstützungskapital zur Realisierung des Projekts, auf
einem künftigen Berlin Soup Dinner berichten die Gewinner dann
über den Fortschritt ihrer Vorhaben.
Die »Berlin Soup« ist also eine nicht kommerzielle, soziale Plattform
und gleichzeitig ein demokratisches Experiment und eine Art
»Crowd-Funding unplugged« sowie eine Chance, kreative Menschen
und die Nachbarschaft kennenzulernen und zu unterstützen. Die
Treffen sind offen für alle.
Ein erstes Treffen findet am Sonntag, dem 25.9. ab 17 Uhr im Kraftwerk Mitte, Köpenicker Straße 70 statt. 
us
Infos unter: http://detroitsoup.com, www.detroitberlin.de,
www.happylocals.org
Kontakt: viola.glock@gmail.com

Kommentar

Wählen gehen!
Schafft es die AfD ins Bezirksamt von Mitte?
Zwei Wochen nach dem Ende der Sommerferien wählt Berlin. Am
18. September wird nicht nur über die neue Zusammensetzung des
Berliner Abgeordnetenhauses entschieden – auch die Bezirksparlamente werden neu zusammengesetzt. Das Abgeordnetenhaus wählt
anschließend die neue Landesregierung, und die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) entscheidet über die Zusammensetzung des
Bezirksamtes, dem politischen Leitungsgremium aus Bezirksbürgermeister und vier Bezirksstadträten.
Welche Partei Anspruch auf wie viele Posten im Bezirksamt hat,
richtet sich nach den errungenen Mandaten in der BVV. Bei der letzten Wahl bekamen die SPD in Mitte 18 Mandate, die Grünen 15, die
CDU 10, die Linken und die Piraten jeweils 6. Von den fünf Sitzen
im Bezirksamt gingen jeweils zwei an die SPD und die Grünen, die
CDU bekam einen, die anderen beiden Parteien gingen leer aus. Mit
acht Mandaten in der BVV hätten die Piraten oder die Linken den
Grünen den zweiten Stadtratsposten noch abjagen können.
Dieses Mal gibt es eine große Unbekannte: die AfD. Den Rechtspopulisten wird zugetraut, in vielen Bezirken das Anrecht auf einen
Stadtratsposten zu erwerben und somit die Leitung über eine ganze

Abteilung der Bezirksverwaltung zu übernehmen. Dabei haben die
verschiedenen Meinungsforschungsinstitute große Differenzen in
ihren Umfrageergebnissen. So sieht Forsa die AfD im ganz Berlin bei
acht Prozent, Infratest dimap und INSA aber zwischen 13% und 15%.
Das ist ziemlich genau der Unterschied zwischen einem Platz im
Bezirksamt und keinem.
Acht Prozent reichen ziemlich sicher nicht, bei 12 bis 13 Prozent
aber steigt die Wahrscheinlichkeit für einen Sitz im Bezirksamt
deutlich. Bei der Wahl 2006 reichten dafür der Linken in Mitte 12,4
Prozent oder sieben Mandate in der BVV. Nur wenn die Linke bei
der Wahl im September mehr Stimmen als die AfD bekommt (das
letzte Mal lag sie in der BVV-Wahl bei 10,6%, die Prognosen sagen
jedoch berlinweit einen deutlichen Zuwachs voraus) und zusätzlich
entweder die SPD oder die Grünen im Bezirk mehr als doppelt so
stark wie die AfD wird, blieben die Rechtspopulisten im obersten
Bezirksgremium außen vor. Nach Forsa hätte wohl die SPD die größeren Chancen, stärkste Partei in Mitte zu werden, nach Infratest
dimap und INSA die Grünen. Bei diesen liegen CDU, SPD und Grüne
berlinweit ungefähr gleichauf um die 20-Prozent-Marke herum,
Mitte wählt traditionell grüner als ganz Berlin, etwa durchschnittlich SPD und klar weniger CDU.
Bis zur Wahl am 18. September wird natürlich noch einiges passieren, was das Wahlergebnis beeinflussen wird. Doch angesichts des
kurzen Wahlkampfes, der wohl nur in den zwei Wochen nach den
Schulferien so richtig Fahrt aufnehmen wird, steht eine schwache
Wahlbeteiligung zu befürchten. Bei der letzten Bezirkswahl lag sie
in Mitte nur knapp über 50%. Das nützt den Rechtspopulisten, denn
Protestwähler lassen sich einfacher mobilisieren als solche, die eigentlich gar nicht so unzufrieden sind. 
cs

Bildecke

Ch. Eckelt

Ch. Eckelt

Senat plant Bürgerdialog

ung vor der bereits bestehenden Hochhauszeile entlang der Heinrich-Heine-Straße, Nachverdichtung an der Annenstraße und zweier
Hochhäuser am Michaelkirchplatz vor. Zu den bislang 1200 Bestandswohnungen könnten so ca. 800 hinzukommen – was natürlich
auch Konsequenzen für die Infrastruktur hätte. Insbesondere solche
Nachverdichtungen werden sehr kritisch gesehen, zumal das Blockkonzept auch das Sanierungsgebiet berührt: Bei einer Realisierung
wäre nämlich auch das Sanierungsziel eines Grünzugs entlang der
Michaelkirchstraße in Frage gestellt.
Die Betroffenenvertretung des Sanierungsgebiets Nördliche Luisenstadt hat das Konzept u.a. auf dem Sommerfest des Bürgervereins
öffentlich gemacht und zur Diskussion gestellt. Sie kritisiert insbesondere, dass das Blockkonzept vom Bezirksamt ohne vorherige Information der Bürger beschlossen wurde, und fordert nun die Erarbeitung eines B-Plans mit umfassender Akteurs- und Bürgerbeteiligung. Zudem organisiert sie eine Bürgerversammlung zum Thema,
zu der auch der zuständige Stadtrat für Stadtentwicklung eingeladen
ist. 
us

5

Der professionelle Drogenhandel und die damit verbundene Kriminalität dagegen sind eine ganz andere Sache und keine Angelegenheit für Sozialarbeiter. Die Polizei macht sich aber auch keine Illusionen darüber, dass sie mit ihren Einsätzen allein das Problem nicht
lösen, sondern bestenfalls verschieben kann, und dass es viel Ausdauer braucht, um dicke Bretter zu bohren.

Die Drogendealerszene verunsichert
Bürger – wie geht man dagegen vor?

Für den jungen Mann ist der Tag bereits um 13 Uhr gelaufen. Er sitzt
im Polizeibus, neben ihm auf dem Tischchen liegt aufgereiht das, was
in seinen Taschen gefunden wurde: Drogentütchen, Geldscheine.
Seine Papiere werden gerade überprüft – bei der Polizei gibt es Spezialisten, die Dokumente unterschiedlichster Herkunft und Machart
identifizieren können.

Ch. Eckelt

Der Bus steht am Rand des Kleinen Tiergartens in Moabit, etwa 20
Polizisten des örtlichen Abschnitts 33 sind heute im Einsatz, um Drogendealer zu stellen. Im Herbst letzten Jahres hatte die Drogenkriminalität im Kleinen Tiergarten wieder deutlich zugenommen, weshalb
Karl Bösel, Präventionsbeauftragter des Polizeiabschnitts, und seine
Kollegen verstärkt Einsätze und Kontrollen im Park machen. Es ist
ein mühsames Geschäft: weil die Justiz hohe Anforderungen für einen Haftbefehl stellt; weil die Dealer immer professioneller agieren;
weil man ihnen die Tat rechtssicher nachweisen muss und man Zeugen braucht (meist die Drogenkäufer); vor allem aber, weil es wie ein
Kampf mit einer Hydra ist, wie Bösel sagt: Die Zahl der Dealer ist –
anders als die der Polizeibeamten – unüberschaubar und es gibt immer neuen Nachwuchs, die Aussicht auf das schnelle Geld ist zu verlockend. Die Straßendealer sind fast ausnahmslos junge Männer,
viele von ihnen nordafrikanischer Herkunft und noch nicht lange im
Land, weiß Bösel. Mit den syrischen, afghanischen oder irakischen
Flüchtlingen, die im nahegelegenen LaGeSo Hilfe suchen, haben sie
ebenso wenig zu tun wie mit den »Szenegruppen«, die sich im Park
treffen. Im Umgang mit letzteren setzt sich in Berlin immer mehr ein
Integrationsmodell wie am Weddinger Leopoldplatz durch, auch im
Kleinen Tiergarten wird es praktiziert: Die Gruppen – meist Menschen aus dem Kiez mit vielfältigen sozialen Problemen – sollen
nicht verdrängt werden, sondern auch ihren Platz haben, für den sie
wiederum ein Stück Verantwortung übernehmen. Streetworker
kümmern sich vor Ort – auch darum, dass ein paar Grundregeln des
Verhaltens im Park eingehalten werden.

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Die Prozedur im Bus dauert. Hier entscheiden die Beamten, ob der
ertappte Dealer, den zwei junge Polizisten in Zivil festnehmen konnten, nach der Personenüberprüfung und der Anzeige in U-Haft
kommt oder einstweilen – bis zur Gerichtsverhandlung – wieder auf
freien Fuß gesetzt werden muss. Die juristischen Hürden sind, wie
gesagt, hoch, und die Polizei hat oft ihre liebe Mühe, den Bürgern zu
erklären, warum man nicht umgehend alle Dealer »wegsperren«
kann.
Der Kleine Tiergarten ist nicht der einzige Ort in Mitte, an dem der
Drogenhandel zum Problem wird. Er wabert wellenförmig durch die
Innenstadt, auch entlang der U-Bahnlinien U6, U8, U9. An der Köpenicker Straße blüht er vor den zahlreichen Clubs, auch am Leopoldplatz ploppt er immer mal wieder auf. Werden am Kotti verstärkt
Einsätze gefahren, nimmt der Handel an anderen U-Bahn-Stationen
merklich zu. Vor ein paar Jahren grassierte er im Weinbergspark.
Letzterer wird auch immer wieder als Beispiel genannt, wenn es darum geht, wie man öffentliche Orte wieder zurückgewinnt. Hier gelang es, Bürger, Bezirksverwaltung, Ordnungsamt, Polizei, BVG, BSR,
eine benachbarte Schule, die Betreiber eines Cafés und andere Akteure an einem Runden Tisch zu versammeln und – unterstützt von
einer umfassenden Erneuerung des Parks – den Drogenhandel deutlich einzudämmen.
So ähnlich will man nun auch im Kleinen Tiergarten dem Problem
begegnen. Hier gab es eine erste Informationsveranstaltung für Bürger, die sich durch das offensive bis aggressive Auftreten der Dealer
und die Kriminalität bedroht und verunsichert fühlten. U.a. berichtete die Polizei hier über erste Ergebnisse ihrer verstärkten Einsätze.
Natürlich trägt die Polizeipräsenz zur durchaus messbaren Entspannung der Situation bei. Doch letztlich geht es um ein Gesamtpaket,
an dem die Ordnungsbehörden, der Bezirk (über den Präventionsrat
Thorsten Haas), die BVG, das Geschäftsstraßenmanagement und auch
die Bürger beteiligt sind. Neben konkreten Maßnahmen (verstärkte
Kontrollen, Arbeit am Beleuchtungskonzept u.a.) geht es vor allem
darum, mit vielfältigen Aktivitäten präsent zu sein, soziale Kontrolle
auszuüben und den Dealern nicht den Park zu überlassen. Denn problematisch wird es, wenn die Dealer das Gefühl haben, die Regeln
bestimmen zu können. »Dann hätten wir eine Situation wie am
RAW-Gelände oder im Görli«, warnt ein Anwohner. Wichtig sind daher nicht nur Zeugenaussagen betroffener Bürger oder das Verständigen der Polizei bei Straftaten, sondern auch die schlichte Anwesenheit – ob man sich dort mit Freunden oder der Familie trifft, Picknick
macht, vielleicht auch kleine Veranstaltungen organisiert.
Der Dealer aus dem Bus wird jetzt zur Wache verbracht. Der Einsatz
am Kleinen Tiergarten ist für heute beendet. Karl Bösel, der Präventionsbeauftragte, eilt gleich weiter zum nächsten Treffen mit dem
Präventionsrat des Bezirks und anderen. Es geht, natürlich, um Drogen im Park. Bösels Kollegen basteln derweil weiter am altersschwachen Bus herum, die Batterie hat schlappgemacht und muss nun von
einem anderen Polizeiwagen aufgeladen werden. Die Polizisten klagen nicht nur über ständige Sondereinsätze (Fanmeile usw.), die
manchmal Personal binden, das man eigentlich vor Ort braucht, sondern auch über die unbefriedigende technische Ausstattung. »Schreiben Sie das mal«, sagt einer. 
us

Gewerberaum
­wieder knapp

Ch. Eckelt

Präsenz zeigen

Senator Andreas Geisel:
»Der Wettbewerb um Flächen
wird größer«

Auch Gewerberaum wird wieder knapp in
Berlin. Das jedenfalls verkündete der Senator für Stadtentwicklung Andreas Geisel auf
dem letzten Stadtforum am 20. Juni: »Die
Diskussionen über den großen Büroflächenleerstand in Berlin gehören der Vergangenheit an.« Denn nicht nur die Bevölkerung
der Stadt wachse stärker als angenommen,
auch beim Zuwachs an Arbeitsplätzen führe
Berlin die Bundesländer inzwischen an – die
Folge: »Der Wettbewerb um Flächen wird
größer.«
Dabei gelte es, Handwerk und Industrie,
Kunst und Kreativwirtschaft zu schützen,
die teilweise bereits unter starkem Verdrängungsdruck leiden. Allen Versuchen, bestehende Gewerbegebiete zugunsten des Wohnungsbaus umzuwidmen, widersprach der
Senator deshalb entschieden. »Bei dem derzeitigen Flächenverbrauch für Industrie und
Gewerbe reichen die Reserven der Stadt nur
noch bis 2020.« Nicht nur deshalb will der
Senat auch bei der Entwicklung neuer Wohn­
quartiere wie beispielsweise dem Kurt-Schumacher-Quartier auf dem jetzigen Flughafen
Tegel eine Mischung von Wohnen und Arbeiten ermöglichen: »Wir brauchen gemischte Quartiere und keine Schlafstädte!«

Neue »Urbane Mischgebiete«
Bis zum Ende des Jahres möchte zudem die
Bundesregierung auf Anregung großer Städte wie Berlin eine neue planungsrechtliche
Kategorie schaffen, das »Urbane Mischgebiet«. Hier sollen leicht verminderte Lärmschutzbestimmungen die Ansiedlung von
Gewerbe erleichtern, insgesamt wäre eine
dichtere Bebauung zulässig als in normalen
Mischgebieten. In einem Urbanen Mischgebiet soll zudem der Bau von Wohnungen
etwa in der Nähe von Sportplätzen, Schulen
oder bestehenden Gewerbegebieten möglich sein, was in den bestehenden Gebietskategorien vor allem auf lärmschutzrechtliche
Hindernisse stößt.
So könnte die Ausweisung Urbaner Mischgebiete auch die Nachverdichtung von bestehenden »Discounter-Brachen« erleich-

tern. Die sieht man überall in der Berliner
Innenstadt: große, meist wenig genutzte
Parkplätze mit angeschlossenem Aldi-, Lidl-,
Norma-, Netto- oder Pennymarkt, wie sie
genauso auch im ländlichen Raum zu finden
sind. Solche Discounter könnte man aber
genauso gut in den Erdgeschossen mehrstöckiger Gebäude unterbringen, in denen
dann auch noch zahlreiche Wohnungen und
Büros Platz fänden – kein geringes Potenzial
also für Wohnungsbau und Büroflächen!
Problematisch ist an solchen Standorten
aber, dass solche Supermärkte in sehr frühen Morgenstunden mit Frischeprodukten
wie Milch oder Obst beliefert werden müssen, was bei direkt anliegenden Wohnungen
nächtliche Ruhestörung verursachen kann.
Eine konkrete Bauvoranfrage für die Verdichtung einer solchen Brachfläche in einem Sanierungsgebiet von Mitte belegt,
dass in der Branche derzeit intensiv über
eine effektive Nutzung solcher Flächen
nachgedacht wird.

Bezirk Mitte unter Druck
Doch zurück zum Stadtforum: Für Berlin
prognostizierte Andreas Geisel künftig eine
verstärkte Ansiedlung international orientierter Unternehmen im südöstlichen Stadtraum: »Die suchen vor allem die Nähe des
Flughafens und wissenschaftlicher Einrichtungen. Ich weiß zum Beispiel aus Gesprächen mit Siemens in Spandau, dass die Verlagerung des Flughafens dort echte Pro­
bleme verursacht.« Angesichts der guten
Aus­stattung des Bezirks Mitte mit Universitäten und Hochschulen sowie den schnellen
Verkehrsverbindungen zum künftigen Flughafen BER dürfte die Nachfrage nach Büroflächen hier deshalb eher noch steigen.

Spekuliert wird in der Presse zum Beispiel
über die Übersiedlung von Unternehmen
aus der »Fin-Tech«-Branche: Nach dem
Brexit wollten etliche Betriebe dieser auf Finanzprodukte spezialisierten IT-Unternehmen ihren bisherigen Sitz London verlassen,
die Mitarbeiter drängten dabei vor allem
nach Berlin. Im Bezirk Mitte wird man diese
Entwicklungen zu spüren bekommen.

Senat setzt falsches Signal
Einen extremen Drang der Immobilienbranche zu neuen Büroflächen im Zentrum der
Stadt gab es schon einmal Anfang der 1990er
Jahre. Nach dem Beschluss zur Verlegung
des Regierungssitzes von Bonn nach Berlin
wollten Investoren überall Büros errichten
– wäre es nach ihnen gegangen, so bestünde
heute die Spandauer Vorstadt in Mitte zum
Großteil aus Büro- und Gewerberäumen,
und in der Friedrichstadt würde schon gar
keiner wohnen. Doch damals intervenierte
die Politik, indem sie Sanierungsgebiete einrichtete. Auch unter dem Druck des Bezirks
wurde zudem ein Mindestanteil von 20%
Wohnungsbau bei Neubauprojekten etwa an
der Friedrichstraße oder am Potsdamer Platz
festgeschrieben. Diese Regel stellte der Senat jedoch jüngst wieder in Frage, als er einem Widerspruch eines Investors am Leipziger Platz stattgab, dessen Bauantrag vom
Bezirk abgewiesen worden war, weil er gar
keinen Wohnungsbau vorsah. Jetzt darf hier
also ein reines Bürohaus errichtet werden.
Angesichts der zunehmenden Flächenkonkurrenz, die einige Quartiere in Mitte betrifft, ist das das falsche Signal.
cs

7

Zum Tag des Offenen Denkmals am 10. /11. September
Am zweiten Septemberwochenende gibt es wieder – wie jedes Jahr
zum bundesweiten »Tag des offenen Denkmals« – die Gelegenheit,
Baudenkmäler in der ganzen Stadt zu besichtigen, auch solche, die
sonst der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Das Thema lautet in
diesem Jahr »Gemeinsam Denkmale erhalten« und zielt auf die Verantwortung der Kommunen und der Gemeinschaft.
Baudenkmale zu erhalten, ist gerade in Berlin ein hartes Ringen. Wie
die letzten drei Jahrzehnte zu oft zeigten, verhindert auch die amtliche Eintragung als Baudenkmal nicht zwingend dessen Abriss oder
die Beschädigung. Sei es, weil der Verwertungsdruck immens ist und
denkmalpflegerische Belange dabei eher als störender Kostenfaktor
betrachtet werden; sei es, weil Gebäude aus spekulativen Gründen
dem Verfall anheimgegeben sind (das legendäre Kaufhaus Jandorf in
Mitte beispielsweise steht seit fast 25 Jahren leer), sei es, weil Denkmale mit subjektiv-geschmäcklerischen Urteilen diskreditiert und
ideell zum Abriss freigegeben werden, was in den letzten 20 Jahren
in Berlin insbesondere die Ost- und Westberliner Moderne der 60er
und 70er Jahre erfahren musste. Die zwanzig bis fünfzig Jahre, die
eine Epoche erfahrungsgemäß braucht, um mit dem notwendigen
Abstand reflektiert und ohne ideologischen Schaum vorm Mund bewertet zu werden, haben etliche Gebäude dieser Stadt nicht überlebt
– beispielsweise das Ahornblatt auf der Fischerinsel.
Insofern ist man schon sehr glücklich, dass sechs Berliner Wohnsiedlungen der klassischen Moderne inzwischen als Weltkulturerbe geschützt sind – und auch darüber, dass eine neue, junge Generation

8

Ausstellung zur Eisfabrik: im »dialog 101«, U8 Heinrich-Heine-Straße,
bis Ende August, mo 14–18 Uhr, mi 15–18 Uhr
Das vollständige Programm für den Tag des offenen Denkmals wird
ab Mitte August auf folgender Website veröffentlicht:
www.stadtentwicklung.berlin.de /denkmal /denkmaltag

Ch. Eckelt

Ch. Eckelt

Schützt die Denkmale!

von Architekten und Nutzern die Architektur der 1960er und 70er
Jahre für sich entdeckt und sie verteidigt. Jenseits von Geschmacksdebatten stellen sie damit auch sehr zeitgemäße Fragen nach dem
Umgang mit Ressourcen und Werten: Ist es sinnvoll, Gebäude abzureißen, die momentan vielleicht nicht dem Mainstream-Zeitgeist
entsprechen, in denen aber jede Menge ökonomische Werte gespeichert sind (Arbeitskraft und -zeit, Material, Energie etc.) und die
ohne weiteres noch mehrere Jahrzehnte halten würden? Auch in der
Architektur ist – Denkmal oder nicht – ein Ende der Wegwerfkultur
dringend geboten, aber sie scheint hier gerade erst so richtig zu beginnen: Es häufen sich Fälle, in denen Abrisse von nicht mal 20 oder
30 Jahre alten Gebäuden beantragt werden – einfach, um angesichts
des fiebernden Immobilienmarkts schnell etwas Lukrativeres und
Teureres hinzubauen.
Zurück zu den Denkmalen: Schwer haben es derzeit auch die bau­
lichen Zeugnisse der Industriegeschichte. So wie die ehemalige Eisfabrik zwischen Spreeufer und Köpenicker Straße in Mitte – ein
­Paradebeispiel für das Motto der diesjährigen Denkmal-Tage. Die Eisfabrik steht im Sanierungs- und Erhaltungsgebiet »Nördliche Luisenstadt«, mithin einem Quartier, das aufgrund seiner historischen Substanz insgesamt unter Schutz steht und in das Investitionsmittel aus
dem Förderprogramm »Städtebaulicher Denkmalschutz« fließen.
Doch auch das ist keine Garantie, dass die einzelnen Gebäude gerettet werden.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hatte die von Carl Bolle gründete
Norddeutsche Eiswerke AG in den Backsteingebäuden künstliches
Stangeneis für Privathaushalte, Läden und Gewerbebetriebe hergestellt, noch bis 1991 wurde hier produziert. Dann wurde der Betrieb
stillgelegt, die Immobilie geriet zum Verkaufsobjekt der – inzwischen
selbst privatisierten – Treuhandliegenschaftsgesellschaft (TLG), ein
trauriges Kapitel jüngerer (Bau)Geschichte, das noch gründlicher
Aufarbeitung bedarf. Seither wird um das Areal gepokert, der Bezirk
will das Denkmal erhalten, hat aber wegen der Eigentumsverhält­
nisse nur begrenzten Einfluss.
Die Eisfabrik ist ein »exemple par excellence« für das diesjährige
Motto der Denkmaltage. Denn ohne das uneigennützige, hartnäckige
Engagement von Anwohnern wie Peter Schwoch und Initiativen wie
dem Bürgerverein Luisenstadt und der Betroffenenvertretung Nördliche Luisenstadt gäbe es dieses Industriedenkmal vielleicht schon
gar nicht mehr. Mit seinem markanten Schornstein, den allmählich
verfallenden Backsteinbauten, die zwischendurch mal von Künstlern
belebt werden durften, mit dem Phantomschmerz der trotz aller Proteste abgerissenen Kühlhäuser erinnert es daran, dass Denkmalschutz allein keine Garantie bietet und Denkmale verteidigt und gerettet werden müssen. Darin haben der Bezirk Mitte und seine Bewohner eigentlich eine gute Tradition: Ohne couragiertes Engagement gegen Abrisse und die Entscheidung, die Spandauer Vorstadt
als Flächendenkmal unter Schutz zu stellen, gäbe es dort heute wohl
vor allem Investorenkühlschränke im Stil der 1990er.
Peter Schwoch wohnt seit vielen Jahren in einem Altbau an der Eisfabrik, er hat akribisch ihre Geschichte recherchiert, eine Ausstellung
zur Eisfabrik erarbeitet, die derzeit im Stadtteilladen »dialog 101« an
der Heinrich-Heine-Straße zu sehen ist, er hält Vorträge, engagiert
sich in der Betroffenenvertretung. All das macht Schwoch, der auf
dem Bau arbeitet, in seiner Freizeit. Auch an den Tagen des offenen
Denkmals wird er wieder zur Eisfabrik informieren.
us

Politikerbefragung
im ­Stadtteilladen
Betroffenenvertretung konfrontiert
­Direktkandidaten

Nicht in jedem Wahlkreis stehen am 18. September so einflussreiche
Politiker zur Wahl wie im Wahlkreis 2 von Mitte. In den Gegenden
um den Alexanderplatz und die Leipziger Straße sowie in der Nördlichen Luisenstadt kandidieren um das Direktmandat für das
Abgeordneten­haus unter anderem:
– die ehemalige Arbeitssenatorin und amtierende Inhaberin des
­Direktmandates Carola Bluhm (die Linke);
– der ehemalige Parteivorsitzende der Berliner SPD, Jan Stöß;
– die umweltpolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus,
Silke Gebel,
– der stadtentwicklungspolitische Sprecher der Fraktion der Piraten
im Abgeordnetenhaus, Wolfram Prieß
– und die ehemalige Kriminalpolizistin und Gründerin der Anti-Stalking-Initiative »SOS-Stalking« Sandra Cegla (CDU).
Die Betroffenenvertretung der Nördlichen Luisenstadt wollte sich
die Chance nicht entgehen lassen und lud, unterstützt vom Bürgerverein Luisenstadt, die Kandidaten zu einer Diskussionsveranstaltung am 19. Juli in den Stadtteilladen »dialog 101«. Denn wann sonst
als im Wahlkampf hat man schon die Möglichkeit, mit aktiven Politikerinnen und Politikern unterschiedlicher Parteien über die Entwicklung seines Quartiers zu debattieren? Und auf diese Weise auch
Kontakte zu pflegen, ohne die Demokratie nicht funktionieren kann.
Marie-Luise Beck und Erik Natter von der Betroffenenvertretung
moderierten die Veranstaltung sehr offensiv aus Sicht der Kiezbewohner. Sie konfrontierten die Politiker mit den Problemen vor Ort
und legten die Finger dabei in die Wunden: Warum wird im Sanierungsgebiet Luisenstadt kein bezahlbarer Wohnraum neu gebaut
(das WBM-Projekt in der Köpenicker liegt knapp außerhalb)? Wieso
entstehen hier nur Eigentumswohnungen mit Kaufpreisen bis weit
über 5000 Euro pro Quadratmeter oder Studenten-Kleinstwohnun-

Das Podium (Ausschnitt), von links: Erik Natter und Marie-Luise Beck
(Betroffenenvertretung), Carola Bluhm (Die Linke), Jan Stöß (SPD).

gen mit 700 Euro für 20 qm im Monat? Gibt es keine Möglichkeiten,
auch private Investoren zur Schaffung bezahlbaren Wohnraums zu
zwingen?
Oder: Muss die Schule in der Adalbertstraße tatsächlich vierzügig
ausgebaut werden? Immerhin hieß es noch vor zwei Jahren, sie werde gar nicht gebraucht, weil Mitte die vielen Grundschüler aus
Kreuzberg gar nicht unterrichten müsse. Jetzt soll sie auf einmal fast
doppelt so viele Schüler aufnehmen wie vor ihrer Schließung. Wieso
finden die Planspiele ohne Bürgerbeteiligung statt?
Und was passiert eigentlich mit der Eisfabrik? Sie zerfällt immer weiter, obwohl sich Politiker aller Couleur bereits für sie eingesetzt haben, von Klaus Wowereit bis Monika Grütters. Der Eigentümer TLG
hat bislang aber nur Aktionismus veranstaltet und kommt bei der
Entwicklung des Grundstücks seit vielen Jahren keinen Schritt weiter. Müsste da nicht das Land einspringen, wie könnte das gehen?
Natürlich wussten darauf die Politiker auch keine einfachen Antworten – und zwar parteiübergreifend. Auf Politik auf Stammtischniveau
fiel zum Glück keiner zurück. Carola Bluhm (Die Linke) forderte die
schnellere Aufstellung von mehr Bebauungsplänen, die zum Beispiel
auch die Schaffung von Infrastruktur wie Schulen oder Kitas berücksichtigen. Allerdings musste sie zugeben, dass das dafür qualifizierte
Personal in den Bezirken nicht da ist und auch vom Arbeitsmarkt
nicht zur Verfügung gestellt werden könne. Jan Stöß (SPD), als Verwaltungsrichter mit dem Sanierungsrecht vertraut, hob die Gestaltungsmöglichkeiten in Sanierungsgebieten hervor. Dabei wusste
aber auch er nicht, wie man die Eisfabrik retten könnte.
Silke Gebel (Grüne) leitete geschickt zu ihrem Spezialthema über,
der Umweltpolitik: Ja zu Tempo 30 in der Köpenicker, aber auch weitergehende Maßnahmen zur Reduzierung des Feinstaubs und der
Stickoxide. Irgendwann müsse man die Schummel-Diesel aus der Innenstadt aussperren, der Gesundheit der Bevölkerung zuliebe. Wolfram Prieß, der sich als Pirat sozusagen auf Abschiedstournee befindet, blieb dagegen vergleichsweise blass, Sandra Cegla, die wahrscheinlich in die BVV Mitte einziehen wird, wirkte sehr lernbegierig,
ihr war der Schwerpunkt Stadtentwicklung offenbar noch nicht so
vertraut.
Doch irgendwie bekam man den Eindruck, dass die eigentlichen
Fronten in Berlin gar nicht zwischen den politischen Parteien verlaufen. In vielem waren sich Linke, SPD, Grüne und Piraten eigentlich
einig, auch die CDU ging nicht auf Widerspruch. Viel größer scheinen
die Differenzen zwischen Politik und Verwaltung zu sein: zwischen
den Vorstellungen, wie das Gemeinwesen eigentlich funktionieren
müsste und der oft sehr resignierten Haltung vieler damit befassten
Mitarbeiter. Deren aus jahrzehntelangen Spar- und Kürzungswellen
aufgestaute Frustration abzubauen wäre das eigentliche Projekt der
nächsten Landesregierung – ganz gleich, aus welchen Parteien sie
sich zusammensetzt.
cs



9

Alle zwei Monate tagt der Runde Tisch Köpenicker, um aktuelle Probleme und Themen im Gebiet zu besprechen. Moderiert wird er vom
Präventionsrat des Bezirks, Thorsten Haas. Das Juli-Treffen war überaus gut besucht: Anwohner, Vertreter der Bezirksverwaltung, des
KoSP, der Betroffenenvertretung, der Polizei, des A&O-Hostels und
etliche andere saßen am Tisch. Die Liste der angesprochenen Themen war diesmal lang, manche sind Dauerbrenner: die zahlreichen
Reisebusse vorm Hostel, die immer wieder sogar im Halteverbot stehen und deren Fahrer sich auch von den Hostelbetreibern nicht beeindrucken lassen (hier waren bislang nur Abschleppaktionen der
Polizei wirkungsvoll); der Versuch, Tempo 30 auf der hochbelasteten
Köpenicker zu erreichen; der Lärm, der in den Nachtstunden durch
Clubs, Lokale und den Publikumsverkehr verursacht wird (hier gibt
es inzwischen auf der Website der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt ein Online-Formular, bei dem man Lärmbeschwerden melden kann).
Beunruhigend war die Schilderung einer Anwohnerin, die nachts
entlang der Köpenicker vor dem »Tresor« große, extrem laute Menschenansammlungen erlebte, dazu eine Phalanx sehr offen und aggressiv auftretender Dealer, die teils auch Passantinnen beschimpften und verfolgten: »Wird das hier ein Miniatur-RAW-Gelände, das
sich hier breitmacht?« Der massive Drogenhandel ist neben Lärm,
Verkehrsbelastung und Müll die größte Belastung für die Anwohner.
Die Polizei merkte an, dass sie bereits ihre Dienstzeiten verlagert
habe, um besser gegen den nächtlichen Drogenhandel insbesondere
an den Wochenenden vor den Clubs und in den Morgenstunden in
der U-Bahn vorgehen zu können. Außerdem soll es demnächst ein
Treffen mit den Tresor-Betreibern, der Polizei und dem Präventionsrat geben, um über mögliche zusätzliche Maßnahmen zu beraten.
Außerdem stellte sich die neue Stadtteilkoordinatorin Sylvia Euler
vor und beschrieb ihr Arbeitsfeld (siehe S. 2), Volker Hobrack von
der Betroffenenvertretung berichtete vom letzten Stand zum Schulstandort Adalbertstraße und zum Blockkonzept Heinrich-HeineStraße (siehe Seite 4).
us
Nächster Runder Tisch Köpenicker: Dienstag, 13.9., 11–13 Uhr, Stadtteilladen »dialog 101«. Dort sind an diesem Tag auch die drogen­
politischen Sprecher aller Abgeordnetenhausfraktionen eingeladen,
um ihnen die Probleme im Gebiet zu schildern. Der Runde Tisch steht
allen Interessierten offen!

10

In der Luisenstadt mit ihren zahlreichen Baudenkmalen wird es auch
in diesem Jahr wieder zahlreiche Führungen, Veranstaltungen und Vorträge zum Tag des offenen Denkmals geben. Ein Schwerpunkt ist sicherlich die Eisfabrik (siehe auch S. 8) Genauere Veranstaltungshinweise
finden Sie im Laufe des August auf der Website http://tag-des-offenendenkmals.de /laender/ber bzw. auf der Website des Bürgervereins
­Luisenstadt: www.buergerverein-luisenstadt.de

Ausstellung zur Nördlichen Luisenstadt

Wer die Ausstellung des Büros KoSP zum Sanierungs- und Erhaltungs­
gebiet »Nördliche Luisenstadt« verpasst hat, die im Mai /Juni im Stadtteilladen »dialog 101« zu sehen war, hat jetzt noch einmal Gelegenheit
dazu: Noch bis Ende Juli ist sie im Rathaus Müllerstraße 146 (Wedding)
zu sehen, vom 10. September bis 10. Oktober dann wieder im Gebiet:
»Erhalten – Erneuern – Entwickeln in der Luisenstadt Mitte«
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Am Köllnischen Park 3,
Montag bis Samstag 10–18 Uhr.

Wohngebietsfest

Am 17. September feiert die Wohnungsbaugenossenschaft Berolina ein
Wohngebietsfest im Heinrich-Heine-Viertel. Genaueres wird noch über
Aushänge im Kiez bekanntgegeben.

Mieterprotest in der Runge 20
Die Mieter der Rungestraße 20 gehen an die Öffentlichkeit und machen
mit Transparenten auf die gravierenden Schäden aufmerksam, die
durch den benachbarten Neubau entstehen. Hier errichtet die Project
Immobilien Wohnen AG 123 Eigentumswohnungen. Durch die Groß­
baustelle sind im Nachbargebäude, das der Genossenschaft Runge 20
eG gehört, in 16 von 24 Wohnungen und etlichen Ateliers tiefe Risse an
Wänden und Decken entstanden, durch die nun auch Feuchtigkeit
­eindringt. Die Genossenschaft beziffert die Schäden inzwischen auf ca.
180.000 Euro. Der Investor bestreitet die Schadenshöhe und bietet
­bestenfalls eine wesentlich niedrigere Pauschale an, mit der dann auch
alle künftigen Schäden abgegolten sein sollen. Die Genossenschaft lehnt
das ab und macht mit großen Plakaten nun auch potenzielle Käufer
der Eigentumswohnungen auf die zu erwartenden Rechtsstreitigkeiten
aufmerksam.
us

Die Vorlage für viele Briefmarkengestalter: Otto Lilienthal fliegt mit
dem Normalsegelapparat, den er Flugzeug nennt.

Archiv Falko Hennig

Die schöne Nachricht vom Runden Tisch zuerst, sie kam diesmal
vom Vertreter von Vattenfall: Das Unternehmen will den Vorplatz
der Köpenicker Straße 60 – dort, wo die große Metallskulptur steht
– zu einem urbanen Garten für Anwohner umgestalten, der schon im
nächsten Jahr eröffnen soll. Hier können große und kleine Anwohner
künftig selber gärtnern und ernten. Das Vorhaben ist eines von fünf
Gemeinschaftsgärten, die Vattenfall in Kooperation mit der GemüseAkademie der gemeinnützigen Organisation Ackerdemia plant. Ein
erster in der Neuen Grünstraße 13 ist bereits in Betrieb und kann von
Interessierten besichtigt werden. Mehr Informationen bietet die
Website pfanz-was.vattenfall.de

Tag des Offenen Denkmals 10. /11. September

Ch. Eckelt

Neues vom Runden
Tisch Köpenicker

Aus der Luisenstadt
in die Welt
Briefmarken mit Otto Lilienthals Gleiter
gibt es fast überall
Welches Erzeugnis aus der Luisenstadt ist am bekanntesten und das
sogar auf der ganzen Welt? Es ist das Segelflugzeug von Otto Lilien­
thal, das er in seiner Maschinenfabrik in der Köpenicker Straße
110 /113 in Serie produzierte. Der erste Pilot der Welt und seine Flugapparate wurden besonders nach seinem tödlichen Absturz 1896 populär. Durch dieses Unglück wurde Lilienthal zum preußischen Ikarus und zum Märtyrer der Luftfahrt.
In der letzte Ausgabe der »Ecke Köpenicker« berichtete ich über einen Vortrag von Peter Schwoch, in dem dieser Briefmarken mit Otto
Lilienthal oder seinem Flugzeug präsentierte. Wie eine Fügung mutet an, dass seit Anfang Juli diesen Jahres bei der Deutschen Post AG
eine neue Sondermarke zum ersten Flugzeug der Weltgeschichte zu
kaufen ist.
Und man kann sagen, es ist eine der schönsten und wahrscheinlich
die humorvollste bisher. Gewürdigt wird der erste Gleitflug des Berliner Ingenieurs im Jahr 1891 mit seinem »Normalsegelapparat«. Auf
der Marke sieht man neben Lilienthal als ersten Piloten noch seinen
Monteuer Paul Beylich, den viel zu häufig vergessenen ständigen
Mitarbeiter, zu erkennen am Windsack, Otto Lilienthals Frau Agnes
sowie den Fotografen, dem wir die Vorlage für die Marke und den
Beweis dieser Flüge verdanken. Bis zu seinem Tod gelangen Otto viele weitere Flüge bis zu 250 Metern.
Verantwortlich für die Marke zeichnet der Grafiker und Comiczeichner Henning Wagenbreth, der Freunden anspruchsvoller Plakate,
­Comics und Briefmarken schon seit Jahrzehnten ein Begriff ist. Sein
Kinderbuch »Mond und Morgenstern« wurde von der Stiftung Buchkunst als schönstes Buch der Welt ausgezeichnet, und sogar die Werke von Charles Bukowski hat er illustriert! Den deutschen LuftfahrtPionieren ist er als Briefmarkengestalter schon seit dem Jahr 2008
verbunden, als eine Sondermarke von ihm »100 Jahre Motorflug in
Deutschland – Hans Grade« würdigte.
Dank der Briefmarkenleidenschaft von Peter Schwoch kann man
­Wagenbreths Lilienthal-Marke ins Verhältnis zu anderen philatelis­
tischen Meisterwerken setzen. Die einzige der vielen Lilienthal-Marken, die seinem Werk in komischer Hinsicht nahe kommt, ist die aus

der sozialistischen Volksrepublik Libyen. Allerdings ist der heitere
Effekt wohl etwas unfreiwillig und entsteht in unseren Köpfen, wenn
wir sehen, wie Frauen und Männer, gewandet in arabische Kopf­
tücher sowie Turban, Fez und Kaftan, Lilienthals Flug bewundern.
Lawrence von Arabien meets Lilienthal, so kommt es mir vor.
In der internationalen Briefmarkenwelt und insbesondere auf dem
Gebiet der Lilienthal-Marken gibt es schließlich noch eine dritte
Marke mit dem fast gleichen Motiv, das wiederum den beiden anderen an Farbenpracht überlegen ist, sich ansonsten aber auf dieselbe
Szene bezieht, die 1894 hier in Berlin am Fliegeberg in Steglitz abgelichtet wurde. Kaum zu glauben, dass dieser Teufelskerl Otto Lilien­
thal sich bei seinem Haus in Lichterfelde einfach einen Berg aufschütten ließ, damit er so oft wie möglich fliegen konnte!
Briefmarken mit Lilienthal und seinem Gleiter gibt es aus folgenden
Ländern: DDR, Jugoslawien, Sultanat Qu’aiti (heute Teil von Jemen),
Ungarn, Albanien, Rumänien, Liechtenstein, die Vereinigten Arabischen Emirate, USA, Uruguay, der Antillenstaat Antigua und Barbuda,
Uganda, Obervolta, Guinea-Bissau, Äquatorialguinea, die Komoren,
der Inselstaat Mikronesien. Diese Auflistung erhebt keinen Anspruch
auf Vollständigkeit.
Jede dieser Marken ist ein weiterer Grund und Ansporn, am Fabrikationsort der berühmtesten Flugzeuge der Welt bei den geplanten
Neubauten ein angemessenes Denkmal zu errichten. Wollen Sie es
unterstützen? Dann schicken Sie eine Mail an radiohochsee@gmail.
com!
Treffender als Dr. Bernd Lukasch, Leiter des Otto-Lilienthal-Museums in Anklam, kann man den Grund für die Sondermarke und für
ein solches Denkmal nicht formulieren:
»Mit dem Normalsegelapparat, für den Otto Lilienthal bereits den
Begriff Flugzeug verwendete, wurde in seiner Maschinenfabrik in
Berlin erstmals in der Geschichte ein Flugzeug in Serie produziert
und in mehrere Länder verkauft. Lilienthal nannte seine Erfindung
ein Kulturelement, mit dem er die Vision des weltumspannenden
Luftverkehrs ebenso verband wie die Möglichkeit zur Erlangung des
ewigen Friedens.«
Falko Hennig
Der Autor lädt ein zum Stadtspaziergang »Lilienthal & Co.« an jedem
ersten Sonntag des Monats (Start 15 Uhr, U-Bahnhof HeinrichHeine-Straße Ecke Köpenicker), 2h, € 10,–, Anmeldung erforderlich,
Telefon (0176) 20 21 53 39.
http://falko-hennig.blogspot.de

Die neue Sondermarke der Deutschen
Post, gestaltet von
Professor Henning
Wagenbreth.

Eine ältere Sondermarke aus der
s­ozialistischen Volksrepublik Libyen.



Eine buntere
­Sondermarke aus
Paraguay.

11

Sanierungsgebiet
­Nördliche
Luisenstadt
Märkisches Museum
Köllnischer
Park

Erhaltungsgebiete

Gebäude der
Senatsverwaltung

Heizkraftwerk
Mitte

Stadtteilladen
»dialog 101«

ehemalige
Eisfabrik
Deutsches
Architekturzentrum (DAZ)

Michaelkirchplatz

HeinrichHeine-Platz

ehemaliges
Postfuhramt

St. MichaelKirche

Engelbecken

Ansprechpartner und
­Adressen für das Gebiet
Nördliche Luisenstadt
Bezirksamt Mitte von Berlin,
Stadtentwicklungsamt,
Fachbereich Stadtplanung
Müllerstraße 146, 13353 Berlin
Fachbereichsleitung: Kristina Laduch,
Tel 901 84 58 45
kristina.laduch@ba-mitte.berlin.de
Sanierungsverwaltungsstelle
Reinhard Hinz (Gruppenleitung)
Tel 901 84 58 53
reinhard.hinz@ba-mitte.berlin.de
Anke Ackermann, Tel 901 84 57 57
anke.ackermann@ba-mitte.berlin.de
Wolf-Dieter Blankenburg, Tel 901 84 57 21
wolf-dieter.blankenburg@ba-mitte.berlin.de

Senatsverwaltung für Stadtentwicklung
und Umwelt
Referat IV C – Stadterneuerung
Württembergische Straße 6, 10707 Berlin
Joachim Hafen (Gebietsbetreuung
Luisenstadt), Tel 901 39 49 19
joachim.hafen@senstadtum.berlin.de
Gebietsbetreuung Luisenstadt (Mitte)
Koordinationsbüro für Stadtentwicklung
und Projektmanagement – KoSP GmbH
Schwedter Straße 34 A, 10435 Berlin
www.kosp-berlin.de
Andreas Bachmann, Tel 33 00 28 39,
­bachmann@kosp-berlin.de
Urte Schwedler, Tel 33 00 28 44, ­
schwedler@kosp-berlin.de
www.luisenstadt-mitte.de
Bürgersprechstunde: Montag 14–18 Uhr
im Stadtteilladen dialog 101,
Köpenicker Straße 101

Betreuung Programm Städtebaulicher
Denkmalschutz beim Bezirksamt
Birgit Nikoleit, Tel 901 84 57 79
birgit.nikoleit@ba-mitte.berlin.de
Betroffenenvertretung Nördliche Luisenstadt
Treffen jeden dritten Dienstag im Monat
um 18.30 Uhr, Stadtteilladen dialog 101,
Köpenicker Straße 101,
Ansprechpartner: Volker Hobrack,
Tel 275 47 69, mail: vhobrack@gmx.de
bzw: bv.luisenord@gmail.com
www.luise-nord.de
Bürgerverein Luisenstadt
Michaelkirchstraße 2, 9. Etage,
10179 Berlin, Tel/ AB 279 54 08
buero@buergerverein-luisenstadt.de
www.buergerverein-luisenstadt.de
Bürozeiten: mittwochs 14–16 Uhr
        
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