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Periodical volume

Full text: Ecke Issue 2016,3

ecke

nr. 3 – mai 2016

köpenicker

Ch. Eckelt

Seite 3: 21. Mai – Tag der Städtebauförderung Seite 5/6/7: Berlins dritte Gründerzeit
Seite 9: Café am Engelbecken Seite 10: 25 Jahre Bürgerverein Luisenstadt

Zeitung für das Sanierungsgebiet Nördliche Luisenstadt. Erscheint achtmal im Jahr kostenlos.
Herausgeber: Bezirksamt Mitte von Berlin, Stadtentwicklungsamt, Fachbereich Stadtplanung

Ch. Eckelt

Betroffenenvertretung (BV)
­Nördliche Luisenstadt

Die BV trifft sich an jedem dritten Dienstag im
Monat um 18.30 Uhr im Stadtteilladen »dialog
101«, Köpenicker Straße 101, demnächst also
am 17. Mai mit den Schwerpunktthemen Bevölkerungsentwicklung und Infrastruktur. Die
BV ist als Interessenvertretung der Bürger ein
wichtiges Gremium im Sanierungsgebiet. Die
Sitzungen sind öffentlich, jeder, der dreimal
teilgenommen hat, wird stimmberechtigtes
Mitglied. Die BV freut sich immer über neue
engagierte Mitstreiter!

Ch. Eckelt

Bürgersprechstunde im
­Sanierungsgebiet

Welche Ecke?
Sicher kennen Sie sich in Ihrem Kiez gut aus und wissen, wo dieses Foto aufgenommen wurde!
Wer weiß, wo sich dieser Ort befindet, schicke die Lösung bitte mit genauer Absenderadresse an
die Redaktion: »Ecke Köpenicker«, c/o Ulrike Steglich, Elisabethkirchstraße 21, 10115 Berlin,
oder per Mail an ecke.koepenicker@gmx.net. Unter den Beteiligten verlosen wir einen 20-EuroBüchergutschein der Buchhandlung im »Aufbau-Haus« am Moritzplatz. Einsendeschluss ist
Montag, der 30. Mai. Unser letztes Bilderrätsel zeigte ein Fassadendetail des ersten Gewerkschaftshauses Deutschlands am Engeldamm 62-64, das heute ein Baudenkmal ist. Gewinner ist
Konstantin Aydenberg – herzlichen Glückwunsch! Der Preis wird Ihnen per Post zugesandt.

Illegale Ferienwohnungen online melden
Seit 2014 gilt in Berlin das Zweckentfremdungsverbot. Das Gesetz soll die unkontrollierte Umnutzung des knappen Wohnraums
u.a. zu gewerblich genutzten Ferienwohnungen verhindern. Leerstand, Abriss und
die Nutzung der kompletten Wohnung als
Ferienwohnung sind jetzt nur noch mit Ausnahmegenehmigung möglich. Bei Verstößen
gegen das Gesetz drohen Bußgelder von bis
zu 100.000 Euro. Für die Kontrolle sowie die
Genehmigungsverfahren sind die Bezirke
zuständig.
Nach einer Übergangszeit von zwei Jahren
endete nun zum 1. Mai auch die Duldungsfrist für noch nicht gemeldete Ferienwohnungen. Prompt gab es eine Woche vor dem
Stichtag einen regelrechten Ansturm auf
Aus­nahmegenehmigungen, berichtete Stephan von Dassel, der als Sozialstadtrat in
Mitte für die Umsetzung des Gesetzes zuständig ist. Er hatte schon lange mit diesem
Effekt gerechnet. Bislang hatten nur wenige
Betreiber und Eigentümer von Ferienwoh-

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nungen diese auch angemeldet. In Berlin
gibt es ca. 24.000 Ferienwohnungen, doch
nur ein Viertel ist offiziell angemeldet. Allein
in Mitte werden noch ca. 5000 Wohnungen
als Ferienwohnungen vermietet – davon
schätzungsweise 3500 illegal. Bislang hat
der Bezirk über 900 Verfahren eingeleitet.
Um die Bearbeitungskapazitäten in den Bezirksämtern zu verstärken, hat die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung 30 zusätzliche Stellen ausgeschrieben.
Bürger können Verstöße gegen das Ferienwohnungsverbot in der Nachbarschaft jetzt
auch online melden. Ein entsprechendes
Formular hat die Senatsverwaltung für
Stadtentwicklung auf ihrer Internetseite
eingerichtet, um die Bezirke bei der Kontrolle zu unterstützen.
Das Meldeformular findet man unter der Internetadresse www.stadtentwicklung.berlin.
de/wohnen/zweckentfremdung_wohnraum

us

Jeden Montag von 14 bis 18 Uhr steht das
Koordinationsbüro KoSP als Gebietsbetreuer
des Sanierungsgebiets bei einer Bürger- und
Akteurssprechstunde zur Verfügung, um Fragen rund um das Sanierungsgeschehen zu
beantworten. Ort: Stadtteilladen »dialog 101«,
Köpenicker Straße 101. Zudem bearbeitet das
Koordinationsbüro sämtliche Nutzungsanfragen für den Stadtteilladen ›dialog 101‹. Dieser
steht für Aktivitäten und Veranstaltungen mit
Quartiersbezug unentgeltlich zur Verfügung.
Informationen zum Stadtteilladen (inkl. Belegungskalender und Antragsformular) erhalten
Sie auf der Website www.luisenstadt-mitte.de
Die nächste »Ecke Köpenicker«
erscheint Anfang Juni 2016. Redaktionsschluss ist Freitag, der 27. Mai 2016.
Alle bisher erschienenen Ausgaben sind
als PDF im Web abrufbar unter
www.luisenstadt-mitte.de sowie
www.buergerverein-luisenstadt.de

Impressum
Herausgeber: Bezirksamt Mitte von Berlin,
Stadtentwicklungsamt
Redaktion: Christof Schaffelder,
Ulrike Steglich
Redaktionsadresse: »Ecke Köpenicker«,
c /o Ulrike Steglich, Elisabethkirchstraße 21,
10115 Berlin, Tel (030) 283 31 27,
ecke.koepenicker@gmx.net
Fotoredaktion:
Christoph Eckelt, eckelt@bildmitte.de
Entwurf und Gestaltung:
capa, Anke Fesel, www.capadesign.de
Druck: BVZ Berliner Zeitungsdruck GmbH,
www.berliner-zeitungsdruck.de
V.i.S.d.P.: Ulrike Steglich
Für den Inhalt der Zeitung zeichnet nicht
der Herausgeber, sondern die Redaktion
verantwortlich.

Ausstellung zum Fördergebiet
­Luisenstadt Mitte
Bundesweiter Tag der Städtebauförderung am 21. Mai
Am 21. Mai wird bundesweit der »Tag der Städtebauförderung« mit
zahlreichen Veranstaltungen begangen. Aus diesem Anlass wird an
diesem Tag im Stadtteilladen dialog 101 eine Ausstellung zum Fördergebiet »Luisenstadt Mitte«eröffnet.
Ohne Städtebaufördermittel ginge in vielen Kommunen, auch in den
Berliner Bezirken, angesichts der knappen Etats eigentlich nur noch
das Allernotwendigste: gesetzliche Pflichtaufgaben wie etwa Wohngeld oder die Erhaltung kommunalen Schulbetriebs. Hätten Bund,
Länder und EU nicht diverse Förderprogramme für Städte und Gemeinden aufgelegt (z.B. »Aktive Zentren«, »Soziale Stadt«, »Stadtumbau« oder »Städtebaulicher Denkmalschutz«), blieben viele Investitionen zur Verbesserung der öffentlichen Infrastruktur nur Träume.
Um Bürger öffentlich zu informieren, welche konkreten Projekte mit
Fördermitteln realisiert werden, findet seit 2015 jährlich bundesweit
der »Tag der Städtebauförderung« statt. Der Aktionstag ist eine gemeinsame Initiative von Bund, Ländern, Deutschem Städtetag sowie
Deutschem Städte- und Gemeindebund.

Ausstellung im Stadtteilladen
Die Nördliche Luisenstadt zwischen Jannowitzbrücke und Engel­
becken ist ein städtebauliches Erhaltungsgebiet und seit 2011 zu Teilen auch Sanierungsgebiet. Hier stehen insbesondere Fördermittel
aus dem Programm »Städtebaulicher Denkmalschutz« für Maßnahmen im öffentlichen Raum zur Verfügung. Mit einer Ausstellung will
das Büro KoSP als Gebietsbeauftragter für das Fördergebiet zeigen,
was bislang an Projekten realisiert wurde und welche Vorhaben noch
anstehen. Auf insgesamt 11 Tafeln wird das Quartier samt seiner interessanten historischen Entwicklung vorgestellt, werden Projekte
und kommunale Vorhaben im Rückblick auf die letzten zehn Jahre
und im Ausblick präsentiert. Dazu gehören natürlich große, lang­
fristige Vorhaben wie die Erschließung des Spreeufers, die Reaktivierung des Schulstandortes Adalbertstraße oder Verkehrsberuhigungsmaßnahmen. Ein besonderes Augenmerk gilt zudem schützenswerten historischen Arealen wie der Eisfabrik oder dem ehemaligen
Postfuhramt.

Dargestellt wird, welche Herausforderungen die Entwicklung dieses
zentral gelegenen Gebiets begleiten: So ist der Entwicklungsdruck
angesichts des angespannten Berliner Wohnungs- und Grundstücksmarkts immens. Die Bevölkerungszahlen werden in den nächsten
Jahren deutlich steigen, was auch bei der Planung öffentlicher Infrastruktur (Schulen, Kitas, Grün u.ä.) zu berücksichtigen ist.
Wesentlicher Bestandteil der Entwicklungsprozesse im Fördergebiet
ist die Information und Beteiligung der Bürger, hier ist die Betroffenenvertretung (BV) das wichtigste Gremium, das die Interessen von
Anwohnern aufnimmt und vertritt. Auch die BV Nördliche Luisenstadt beteiligt sich mit eigenen Beiträgen an der Ausstellung. Zudem
werden dort zahlreiche Informationsmaterialien und Konzepte ausliegen. Am Eröffnungstag (Samstag, 21. Mai, 14 Uhr) werden außerdem zwei Führungen durch das Gebiet angeboten: Um 11 Uhr lädt
der Histo­riker Eberhard Elfert zu einem Spreeufer-Rundgang ein, um
15 Uhr führt ein weiterer Rundgang mit dem Gebietsbetreuer KoSP
GmbH zu Straßen, Plätzen und wichtigen Gebäuden im Gebiet. us
Ausstellungseröffnung am 21. Mai um 14 Uhr im Stadtteilladen
»dialog 101«, Köpenicker Straße 101 (u-Bhf. Heinrich-Heine-Straße),
geöffnet von ca. 13.30–18 Uhr
Die Ausstellung wird noch bis Mitte Juni zu sehen sein.

Experimentdays 16: Austausch zu innovativen
­Wohnprojekten
Von 26. Mai bis 3. Juni finden bereits zum vierzehnten Mal die EXPERIMENTDAYS statt. Die Netzwerkveranstaltung legt in diesem Jahr den
Schwerpunkt auf integrative Wohnprojekte.
Berlin zieht viele Menschen aus unterschiedlichen Kontexten und Kulturen an. Vor diesem Hintergrund müssen dringend die Voraussetzungen geschaffen werden, um kostengünstiges und sozial nachhaltiges
Bauen und Wohnen zu ermöglichen. Der Fokus der EXPERIMENTDAYS
16 liegt auf selbstorganisiertem, gemeinschaftlichem und experimentellem Wohnungsbau mit all seinen Qualitäten. Solche Wohnprojekte
­können der wachsenden Stadt helfen, die große Nachfrage zu bewältigen und weiterhin eine bedarfsorientierte und nachhaltige Wohnraumversorgung zu gewährleisten.
Unterschiedliche Akteure wie Genossenschaften, Baugruppen und -gemeinschaften, Initiativen, Planer, Architekten, Stiftungen etc. haben
während der Projekttage die Möglichkeit, innovative Projekte zu präsentieren, miteinander in Erfahrungsaustausch zu treten, sich zu vernetzen und voneinander zu lernen. In Kooperation mit der Berliner
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, der Netzwerk­
agentur GenerationenWohnen und der Friedrich-Ebert-Stiftung Berlin
bieten die EXPERIMENTDAYS auch in diesem Jahr unterschiedliche
Veranstaltungen wie die WohnProjekteBörse, Info-Runden, Workshops,
Stadttouren sowie Exkursionen an. Insbesondere beim WohnProjekteTag am 28. Mai können sich Teilnehmer und Interessenten informieren
und austauschen.
Koordiniert werden die EXPERIMENTDAYS von »id22: Institut für
­kreative Nachhaltigkeit«.
us
EXPERIMENTDAYS 16, 26. Mai bis 3. Juni, Ort: Friedrich-Ebert-­

Stiftung, Hiroshimaweg 17 (Tiergarten), Haus 1, und andere Orte
Programm und weitere Informationen unter www.experimentdays.de
Ch. Eckelt

Termine

Bilderrätsel: Gewinner gesucht!

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Kommentar

Spekulationsraum Stadtspree
Wenig Neues zur Eisfabrik und zur Otek
Ende März konstituierte sich das »Forum StadtSpree« aufs Neue. Im
Jahr 2013 hatte es große Aktivitäten entfaltet und, unterstützt u.a.
vom damaligen Stadtentwicklungssenator Michael Müller, drei große
Veranstaltungen zur Zukunft des Stadtraums zwischen Jannowitzund Schillingbrücke durchgeführt. Dabei sollten Grundstückseigen­
tümer, Clubs, kulturelle Nutzer und Anwohner in einen Dialog treten
und für die »Stadtgesellschaft« Perspektiven entwickeln, wie sich
Kultur und Wohnen am Ort verträglich entwickeln können.
Zweieinhalb Jahre später muss man sich fragen, ob dieser Dialog tatsächlich so erfolgreich war, wie damals die Initiatoren behaupteten.
Denn wesentliche Ziele wie die Entwicklung eines tragfähigen Konzepts für einen Kunstort auf dem Areal der ehemaligen Eisfabrik in
der Köpenicker Straße 40 /41 wurden nicht erreicht. Das liegt freilich
nicht am mangelnden Engagement der Beteiligten, sondern an der
geradezu explosionsartigen Entwicklung der Bodenpreise in der Berliner Innenstadt, die sich allein in den Jahren 2014 und 2015 verdoppelten. Im Sanierungsgebiet Nördliche Luisenstadt haben sie sich
sogar mehr als verdoppelt.
In dieser Situation helfen auch die Sonderregeln in Sanierungsgebieten wenig. Eine Versagung von Grundstücksverkäufen bei überschrittenem Verkehrswert funktioniert eben nicht, wenn der Verkehrswert
pro Jahr um 50% in die Höhe schießt. Dann wartet der Verkaufswillige lieber ab, im Falle der Eisfabrik die »TLG Immobilien«, die schon
lange nicht mehr zur Treuhandanstalt des Bundes gehört, sondern
inzwischen eine an der Börse notierte Aktiengesellschaft ist und sich
überwiegend im Streubesitz befindet. Größter Einzelaktionär ist mit
13,33 % die Investmentgesellschaft des Staates Singapur.
Die »Stadtgesellschaft« hatte zwischenzeitlich zwar durchaus Versuche unternommen, das Grundstück zu erwerben, die TLG hatte 2014
sogar ein explizites Bieterverfahren eingeleitet. Daran beteiligten
sich auch Gruppen um kulturell ambitionierte Berliner Investoren.
Gegen die globalisierte Finanzwelt half das allerdings nichts. Wenn
Abwarten und Nichtstun mehr Rendite verspricht als Investieren
oder Veräußern, dann wartet diese Welt eben ab.

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Blockiert werden Entwicklungen aber auch aus anderen Gründen.
Einer hat eine konkrete Adresse: In der Köpenicker Straße 147 veredelt die Firma Otek metallische Oberflächen mit galvanotechnischen Verfahren. Dabei hantiert sie zwangsweise auch mit Giften,
was sie zum »Störfallbetrieb« nach den »Seveso-Richtlinien« der EU
macht. Im Umkreis dürfen deshalb keine Wohnbauten, Schulen oder
Kitas errichtet werden. Auch nicht auf dem BEHALA-Gelände hinter
der Schillingbrücke in Kreuzberg, dem letzten größeren Gelände in
kommunalem Eigentum an der Stadtspree. Zwar bemühen sich Bezirk und Senat um die Umsiedlung des Betriebes, der auch in der
Oranienstraße 189 produziert und auch dort die Entwicklung der
Umgebung behindert. Das würde aber erhebliche Summen erfordern
– gerüchteweise 12 bis 14 Millionen Euro. Zwar würden auch andere
Grundstückseigentümer wie etwa die Investmentgesellschaft, der
das ehemalige Postfuhramt in der Köpenicker Straße 132 gehört, von
so einer Umsiedlung profitieren. Davon dass sie sich an den Kosten
beteiligen würden, wurde jedoch noch nichts bekannt, jedenfalls
nicht beim »Forum StadtSpree«.
Dort stellte Mittes Bezirksstadtrat Carsten Spallek den aktuellen Verfahrensstand beim Spreeuferweg in der Nördlichen Luisenstadt vor.
Sein Kollege Hans Panhoff aus Friedrichshain-Kreuzberg berichtete
von zwei schon vor längerer Zeit durchgeführten Veranstaltungen
zum Thema Lärm. Immerhin erfuhr man von einer Zusage der Deutschen Bahn gegenüber den Betreibern des Holzmarkts, weitere Maßnahmen zur Lärmvermeidung durchzuführen.
Das Forum StadtSpree soll künftig öfter stattfinden, das nächste Mal
im Herbst, nach der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus. Im Stadtteilladen »dialog 101« findet es angemessene Räumlichkeiten, in der
»Stiftung ZukunftBerlin« hat es einen unabhängigen Träger und Organisator. Interessant ist es auch deshalb, weil hier ein bezirksübergreifender öffentlicher Dialog geführt werden kann. Themen gäbe es
zuhauf: die Parkraumbewirtschaftung zum Beispiel, die im Verkehrskonzept für die Nördliche Luisenstadt gefordert wird, aber sicher
auch Auswirkungen auf den Kreuzberger Teil der Luisenstadt hätte;
der Tourismus und seinen Auswirkungen auf die Nachbarschaften,
wozu sich bezirksübergreifend bereits mehrere Initiativen gebildet
haben; oder auch die Frage nach Maßnahmen zur Stärkung des subjektiven Sicherheitsgefühls, das insbesondere durch die zunehmende
Präsenz von Drogenhändlern beeinträchtigt wird. 
cs

Es gibt derzeit zwei Ängste, die – rational gesehen – konträr sind und
dennoch oft in kurioser Personalunion daherkommen: einerseits die
Angst vor Verdrängung angesichts eines überspannten Wohnungsmarkts, der die Mieten hochtreibt. Die Nachfrage übersteigt seit Jahren das Angebot. Andererseits wird zugleich vehemente Abwehr gegen Wohnungsbauvorhaben laut, die doch eigentlich den Wohnungsmarkt entlasten könnten. Und weil man sich gegen Privatinvestoren
schlecht wehren kann und Politikbashing im Zweifelsfall immer chic
ist, richtet sich der Protest vorzugsweise gegen kommunale Projekte.
Interessanterweise findet man die Personalunion beider Ängste und
den heftigen Protest meist in der deutschen Mittelschicht und oft bei
jenen, die selbst vor nicht allzu langer Zeit zugewandert sind. Auch
sie haben die Stadt mitverändert: ob als Hausbesetzer oder -besitzer,
Mieter, Eigentumswohnungskäufer, Baugrüppler. Einerseits ist man
stolz auf das großstädtische Berlin, deshalb ist man ja selbst gekommen. Andererseits soll nun alles möglichst so bleiben, wie man es
vorgefunden und sich eingerichtet hat: den Status quo wahren. Echte
Großstädte wie Berlin kennen aber keinen Status quo – schon deshalb eben, weil ständig neue Leute ankommen. Und man kann ja
schlecht eine neue Mauer bauen.
Dabei hört man in öffentlichen Debatten eher selten jene, die wirklich verzweifelt eine bezahlbare Wohnung suchen – Familien mit
Nachwuchs, Geringverdiener, Migranten, auf Sozialhilfe Angewie­
sene. Man hört auch nicht jene, die sich mit mehreren Personen 70
Quadratmeter teilen müssen (während andere allein 100 qm ihr eigen nennen). Stattdessen dominieren die Stimmen des Mittelstands,
der seine Ängste, Bedenken und Einwände formuliert, gern mit ökologischen Argumenten. Da geht es um Stadtbäume, Nistplätze für

Bildecke

Ch. Eckelt

Ch. Eckelt

Berliner Baupanik

Spatzen, Kleingärten, Spielplätze oder Kaltluftschneisen. Es klingt,
als solle demnächst die ganze Stadt zubetoniert werden. Gewarnt
wird vor zu hoher Verdichtung in der Innenstadt, vor Hochhäusern,
vor Banlieues, vor Umlandzersiedelung. – Aber Großsiedlungen
müssen keine Banlieues sein: Es kommt auf die Belegung an, auf
städtebauliche Qualität, Anbindung und Infrastruktur. Hochhäuser
(wir reden hier nicht von Wolkenkratzern) sind nicht per se Horte
der Verwahrlosung, sondern können Erschließungskosten sparen
und den Flächenverbrauch schonen – mehr als zahllose Reihenhaussiedlungen in grünen Randgebieten. Und serielle Bauweise ist nicht
automatisch monotoner Plattenbau, sondern erstmal eine Technologie, um kostengünstig und effizient Wohnraum für viele zu schaffen.
Nicht jeder Parkplatz ist eine wertvolle Kaltluftschneise, nicht jede
Brachfläche ein hoch genutzter Freiraum. Und es gibt noch viele Ressourcen: nicht genutzte Gewerberäume und Gewerbeflächen beispielsweise, oder unerschlossene Flächen am Rand zu Brandenburg.
Nicht zu vergessen das enorme Potenzial, das Berlin als traditionell
polyzentrale Stadt bietet: Es gibt auch Leben außerhalb des S-Bahnrings. Und es gibt viele ältere Menschen, die gern ihre zu groß gewordene Wohnung für junge Familien freimachen würden, wenn sie
denn eine bezahlbare kleinere Wohnung fänden.
Dass Berlin wächst, ist kein neues Phänomen, nur weil die Stadt ein
paar Jahrzehnte stagnierte. Berlin erzählt an jeder Ecke von seiner
Tradition als Zuwandererstadt und auch davon, wie man damit umgehen kann. Lustig ist es, dass etliche der heutigen Bedenkenträger
bevorzugt in Gründerzeitbauten wohnen, die heute beliebt und teuer
sind und damals eine Reaktion auf die Bevölkerungsexplosion während der industriellen Revolution waren.
Berlin hat schon viele Krisenzeiten bewältigt. Die letzte ist gerade
mal 20 Jahre her, als die Stadt die Folgen der Wiedervereinigung
schultern und die Teilung überwinden musste bei gleichzeitiger Deindustrialisierung, grassierender Arbeitslosigkeit, einem immensen
Schuldenberg. Kaputtgegangen ist der Laden trotzdem nicht. Auch
dank der Gelassenheit und des unaufgeregten Pragmatismus der Berliner. (Siehe Seite 6/7)
us

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»Alle wollen wohnen«: Auf dem letzten Stadtforum ging
es um neuen Wohnraum in der wachsenden Stadt

Etwa 500 Interessierte waren gekommen, die kleine Arena des Tempodrom überfüllt – was die Brisanz des Themas nochmals verdeutlichte. »Alle wollen wohnen« war das Motto des jüngsten Stadtforums
Anfang April. Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel zeigte sich
auch hier als Freund klarer Worte – in seinem Einführungsvortrag
benannte er prägnant die dringlichsten Probleme, mit denen sich Berlin
als rasant wachsende Stadt konfrontiert sieht und für die in der Stadtentwicklung schnell tragfähige Lösungen gefunden werden müssen.
In den letzten fünf Jahren ist Berlin unterm Strich um 220.000 Einwohner gewachsen – so viele, wie beispielsweise in Erfurt leben. Bis
2020 werden nochmals ca. 145.000 hinzukommen, so die Prognose.
Berlin steuert also zügig die 4-Millionen-Marke an, binnen 10 Jahren
wäre es bis 2020 insgesamt um eine Stadt von der Größenordnung
Bochums gewachsen. Es sei dabei wenig hilfreich, so Geisel, den Zuzug zu problematisieren nach dem Motto »Muss das denn sein« –
vielmehr entspricht das einer globalen Entwicklung: Weltweit drängen die Menschen in die Ballungszentren. In Berlin sind dies keineswegs nur Flüchtlinge: Die Neuberliner kommen zu großen Teilen
aus anderen deutschen Regionen oder dem europäischen Ausland.
Dabei stehen weniger die Sozialsysteme unter Druck (die Erwerbs­
tätigenquote steigt stärker als die Einwohnerzahl), wohl aber der
Wohnungsmarkt, denn: »Alle wollen wohnen«.

Die Spekulationsblase bremsen
Doch der Markt hält mit dem Wachstum nicht Schritt, die Nachfrage
übersteigt das Angebot, die Mieten und Grundstückspreise explodieren. Berlin braucht also schnell neuen und vor allem preiswerten
Wohnraum – ca. 100.000 Wohnungen in den nächsten fünf Jahren,
prognostiziert die Senatsverwaltung. Im Jahr 2015, so Geisel, wurden
für 22.500 Wohnungen Neubau­genehmigungen erteilt, davon wurden bislang 12.500 fertiggestellt. Notwendig wären aber ca. 20.000
realisierte neue Wohnungen pro Jahr, und das mehrere Jahre in Folge. Deshalb sei auch die Wohnungsbauförderung wieder eingeführt
worden. Dringend benötigt werden Sozialwohnungen, in diesem und

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dem nächsten Jahr werden insgesamt 5.500 gefördert, doch das
reicht noch nicht, ab 2018 müssten es jährlich 5000 sein, sagte Geisel. Laut Berliner Mieterverein hätten 55 % der Berliner Anspruch
auf einen Wohnberechtigungsschein. Hinter den Zahlen stehen mehrere Probleme, auch dies führte der Senator aus: Erstens: Es dauert
zwei bis drei Jahre, bis ein Bau realisiert ist. Zweitens bedeutet eine
Baugenehmigung noch nicht, dass ein Privatinvestor auch wirklich
baut: 40 % der erteilten Genehmigungen werden nicht umgesetzt,
aus spekulativen Gründen. Denn ein Grundstück mit Baugenehmigung verkauft sich noch lukrativer – und von Jahr zu Jahr immer teurer: Die Grundstückspreise stiegen allein 2014 um 30 %, 2015 nochmals um satte 50 %. Für Grundstücks­eigentümer verdoppelt sich
binnen zwei Jahren also das Vermögen schon, ohne dass sie auch nur
eine Hand rühren müssten. »Wir müssen etwas bei der Grunderwerbssteuer tun, um diese Spekulationsblase zu bremsen«, sagte Geisel, »sonst brauchen wir über preiswertes Wohnen gar nicht reden.«

Wo kann gebaut werden?
Doch auf welchen Flächen soll und kann gebaut werden? Die Senatsverwaltung hat stadtweit ein Potenzial von 1300 Standorten für insgesamt 150.000 Wohnungen ermittelt, dazu 10 weitere Standorte für
50.000 Wohnungen. Soweit die Theorie. In der Praxis sind Änderungen des Flächennutzungsplanes notwendig, müssen mehr Bebauungspläne bearbeitet werden, wofür jetzt eine »Task Force« mit 50
zusätzlichen Stellen aufgestellt wird. Angesichts des Engpasses an
preisgünstigen Flächen wird auch darüber nachgedacht, mehr Sanierungsgebiete auszuweisen, in denen das Land die Preisentwicklung
noch etwas kontrollieren kann. Doch auch Kaufpreisüberprüfungen
nutzen nicht viel, wenn die Bodenrichtwerte und Immobilienpreise
insgesamt explodieren.
Das macht es auch für Genossenschaften schwer, die gern mehr
preiswerten Wohnraum errichten würden, um zur Lageentspannung
beizutragen. Doch wo, wenn innerstädtische Grundstücke langsam
unerschwinglich werden?
Natürlich rächt sich jetzt die jahrelange Privatisierungspolitik des Senats bei Grundstücken und landeseigenen Wohnungsbeständen seit
den 90ern. Viel hängt nun davon ab, wie Berlin künftig seine Grundstückspolitik und dem Umgang mit landeseigenen Flächen gestaltet,
auch Gewerbeflächen müssen auf ihre Potenziale geprüft werden.
Sicher ist, dass sozialer Wohnungsbau und preiswerte Wohnungen in
Größenordnungen nur durch die öffentliche Hand, sprich: städtische
Wohnungsbaugesellschaften oder aber durch Genossenschaften entstehen wird. (Zum Vergleich: In Wien, das vergleichbare Zuwachs­
raten verzeichnet, leben 60 % der Bevölkerung in städtischen Sozialwohnungen. Städtische Bauvorhaben dominieren.)
Die Praxis zeigt aber auch, dass dort, wo das Land Berlin selbst bauen
könnte, sich oft Widerstand von Anwohnern formiert. Hier wird Geisel deutlich: Wenn die Nachfrage deutlich das Angebot übersteigt,
könne man nicht einerseits die Mietpreisdämmung fordern und andererseits städtischen Neubau in der Innenstadt blockieren. Wenn
man Verhältnisse wie in London und Paris vermeiden wolle, wo das
Wohnen in der Innenstadt zum Luxus geworden ist und Ärmere an
die Peripherie gedrängt werden, und wenn man die Berliner soziale
Mischung erhalten will, müsse man jetzt gegensteuern – mit preiswertem Neubau und Nachverdichtungen auch in der Innenstadt.

Sorgsamer Flächenumgang, höher und effizienter bauen
Immerhin stattliche 44% Berlins sind Grün- und Freiflächen – fast
die Hälfte der Stadt. Das ist einerseits ein großer Reichtum, auf den
andere Großstädte eher staunend blicken. Andererseits gibt es dabei
auch (immer noch bedingt durch die frühere Teilung) sehr viel
Brachraum, der für Bebauungen in Frage käme. In diesem Zusammenhang verwies Geisel auf das Landschaftsprogramm, dessen Aktualisierung der Senat im April beschlossen hat. Es weist wichtige
Grünzüge und Flächen aus, die geschützt bzw. weiterentwickelt und
ausgebaut werden.
Damit wollte Geisel wohl auch jenen Kritikern antworten, die gern
ökologische Argumente gegen Neubebauungen ins Feld führen. Dabei ist die Grünbilanz der Stadt alles andere als bedenklich – man
darf bei der Gelegenheit auch daran erinnern, dass in den letzten Jahren erhebliche (Förder)Mittel in die Erneuerung, Erweiterung bzw.
Neuanlage zahlreicher innerstädtischer Grünflächen und Parks geflossen sind.
Um wichtige Grünressourcen weiter schonen zu können, so Geisel,
ist – und das ist der nächste wichtige Punkt – ein sorgsamer Umgang
mit dem Flächenverbrauch nötig. Das bedeute auch, teilweise dichter und höher zu bauen als bisher. Zum anderen müsse man Vorurteilen gegen den seriellen Wohnungsbau (»Platte 2.0«) begegnen: Dieser sei notwendig, um effektiv und zügig zu bauen – entscheidend
seien die Qualität und die städtebauliche Gestaltung. Dabei verwies
Geisel auch auf Berliner Siedlungsbauten der 20er Jahre, die heute
zum Weltkulturerbe gehören: überzeugende Beispiele, wie man auf
eine Gründerzeit mit nachhaltigem und qualitätsvollen sozialen
Wohnungsbau reagieren kann. Heute geht es außerdem darum, auch
auf veränderte Anforderungen an Infrastruktur und Mobilität, Wohnund Arbeitsformen und auf die demografische Entwicklung mit immer mehr älteren Bewohnern zu reagieren. Mit anderen Worten:
Über die Qualität einer sozialen Wohnsiedlung entscheidet nicht per
se die schiere Bewohnerzahl oder die Lage, sondern eine kluge stadtplanerische Gestaltung, vielfältige und flexible Wohnungsschnitte
für unterschiedliche Nutzer von Singles über Familien bis zu Senioren, die Mischung von Wohn- und Arbeitsräumen, die infrastrukturelle Ausstattung mit Kitas, Schulen, Einzelhandel, Freiflächen und
eine gute Erschließung mit dem ÖPNV.

Zum anderen spalte sich die bisherige Mittelschicht in eine obere,
der es immer besser gehe (Beispiel: das Paar mit gutbezahlten Jobs
und mit Kindern, das sich eine 900.000 Euro teure, große Eigentumswohnung in Kreuzberg leisten kann), und eine zunehmend
­prekäre, verunsicherte »untere« Mittelschicht (Beispiel: der Architekt mit 1000-Euro-Mietwohnung in Kreuzberg) – mithin die erste
»Gentrifizierer«-Generation, die sich nun vor Verdrängung fürchtet.
Man könnte hinzufügen, dass sich die Mittelschicht auch in einer
weiteren Hinsicht spaltet: in jene mit nennenswerten Erbschaften
(meist West) und jene ohne (in der Regel Ost). – Hinzu kommt, dass
auch hochgebildeten Haushalten Altersarmut droht.
Bude sieht die Angst auch als Thema für den Städtebau – die Frage
sei, wie man mit diesen neuen Spaltungen umgehe. Zugleich aber
zeigte er Zuversicht: »Berlin kann diese Probleme lösen, weil es ein
politisch-soziales Bewusstsein gibt.«
us
Mehr dazu im Internet unter
www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/stadtforum
Hier sind auch die Diskussionsbeiträge zum begleitenden Blog
­nachzulesen. Die Vorträge von Andreas Geisel und Heinz Bude
sind als Video abrufbar.
Das nächste Stadtforum findet am 20. Juni statt.
Ein Eintrag aus dem Internet-Diskussionsforum:
»Berlin ist eine wachsende Stadt – das ist auch gut so! Es zeigt, dass
Berlin eine Zukunft hat und es auch wieder wirtschaftlich aufwärts
geht. Bis auf die Jahrzehnte nach dem Krieg und der Teilung ist Berlin
immer gewachsen, sonst wäre Berlin heute noch ein unbedeutendes
Dorf. Man muss sich erst wieder an den Zustand des Wachsens gewöhnen. Im Vergleich zu anderen Metropolen in der Welt ist das Wachstum
aber bescheiden, trotzdem erzeugt es Konflikte. Wir brauchen neue
Wohnungen in der Innenstadt und am Stadtrand- es wird zwangsläufig
enger werden! Na und? Halt echte Großstadt! Die Infrastruktur muss
mitwachsen. Man wird nicht jede Frei- und Grünfläche erhalten können. Ich bin kein Politiker, aber das Gemaule vieler Ansässiger kann ich
nicht nachvollziehen. (…) Leider entstehen zu viele Eigentumswohnungen – dies liegt aber daran, dass die meisten Grundstücke im Privat­
besitz sind.«

Die neue Klassenfrage – Dienstleistungsproletariat und
Spaltung der Mittelschicht
Berlin, darin waren sich viele Diskussionsteilnehmer einig, erlebt
nun eine dritte Gründerzeit, hat aber eben auch schon eine erste und
zweite bewältigt. Die gesellschaftliche Herausforderung für Berlin
beschrieb der renommierte Soziologe Heinz Bude (der in seinem
neuen Buch »Das Gefühl der Welt« die Entstehung und Auswirkungen kollektiver Stimmungen analysiert). In seinem Vortrag attestierte er Berlin eine »Baupanik« – mithin die Beunruhigung angesichts
der neuen Zuwanderung.
Der Soziologe sieht für die nächsten 30 Jahre einen neuen »Trend«:
Während die Ungleichheit zwischen unterschiedlichen Gesellschaften abnimmt, wächst sie gleichzeitig innerhalb einer Gesellschaft.
Bude spricht hier von einer »neuen Klassenfrage«. In den letzten 20
Jahren seien in Deutschland zwei neue Spaltungen zu beobachten.
Zum einen entstehe ein neues Proletariat – das der Dienstleister,
etwa in der Pflege oder im Transport. Sie arbeiten zwar in »nichtprekären« Jobs (also Vollzeit, unbefristet und sozialversichert) – aber
ihr Nettoeinkommen ist niedrig, im Schnitt um die 1000 Euro, und
sie haben keine Aufstiegsmöglichkeiten.

Ch. Eckelt

Ch. Eckelt

Die dritte Gründerzeit

Neubau der Wohnungsbaugenossenschaft Berolina in der Luisenstadt

Wohnsiedlung Carl-Legien, Prenzlauer Berg, Bruno Taut, 1928–1930

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Der BUND Berlin hat andere Vorstellungen
als der »Volksentscheid Fahrrad«
Im Mai beginnt die erste Phase des »Volksentscheid Fahrrad«. Rund
20.000 gültige Unterschriften müssen für ihren Erfolg gesammelt
werden. Kaum einer zweifelt daran, dass das weit schneller als in der
vorgegebenen Frist von sechs Monaten gelingen wird. Denn viele Organisation unterstützen das Anliegen: z.B. der ADFC Berlin, Greenpeace, der Fachverband Fußverkehr FUSS e.V. oder der Fahrgastverband Pro Bahn.

Ch. Eckelt

Der Radverkehr in Berlin hat in den letzten Jahren stark zugenommen – vor allem in der Innenstadt. Wer Amsterdam, Kopenhagen
oder Stockholm besucht, merkt jedoch deutlich, dass wir hier noch
weit von einer fahrradfreundlichen Stadt entfernt sind. Es besteht
politischer Handlungsbedarf, der sich jetzt im Volksentscheid manifestiert.
Das sieht auch Tilo Schütz so, der Radverkehrsexperte des Bund Umwelt und Naturschutz (BUND) Berlin. Allerdings hält er den Gesetzesvorschlag des Volksentscheides für wenig hilfreich. »Rein quantitative Vorgaben zu Radschnellwegen oder Fahrradstraßen helfen bei
der Durchsetzung vor Ort nicht weiter.« Tilo Schütz ist in vielen
»FahrRäten« aktiv, Beratungs­gremien, in denen sich Politik, Verwaltung und Fachöffentlichkeit regelmäßig über die aktuelle Radverkehrsprojekte austauschen, er wirkt unter anderem im FahrRat der
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt und im FahrRat
des Bezirks Mitte mit. »In der Praxis scheitern viele Projekte nicht
am mangelnden Wohlwollen der Politik, sondern an den lauten Protesten von Anwohnern, sobald irgendwo ein Parkplatz entfallen
soll«, erzählt er. Deshalb befürchtet er, dass ein Volksentscheid nur
weiter polarisieren wird. »Es wäre sinnvoller gewesen, ein breites
Bündnis des Umweltverbundes, also mit Fußgängern und Fahrgästen
gemeinsam, herzustellen. So tritt der Radfahrer wieder als Einzelkämpfer auf.«
Der Volksentscheid fordert unter anderem Radverkehrsanlagen an
allen Hauptstraßen, »Grüne Wellen« für Radfahrer sowie den Bau
von acht bis zehn kraftfahrzeug- und (möglichst) ampelfreien »Rad­

8

schnellwegen« von mindestens fünf Kilometern Länge. Tilo Schütz,
der für den BUND auch einen Fahrradstadtplan ausarbeitet, kennt
jeden Winkel der Stadt aus der Radfahrerperspektive. »Solche Rad­
schnellwege lassen sich vielleicht in den Außenbereichen Berlins anlegen. Aber in der hochverdichteten Innenstadt, wo der meiste Radverkehr herrscht, gibt es kaum Trassen dafür.« Deshalb schlägt er im
Einklang mit dem BUND »Berliner Rad-Vorrangrouten« vor, die vor
allem über Nebenstraßen verlaufen. Wo es geht, sollen diese zu
»Radstraßen« gewidmet werden, in denen KFZ höchstens für den
Anliegerverkehr unterwegs sein dürfen. Eine Musterroute führt von
Tegel über das künftige Kurt-Schumacher-Quartier, die Beuth-Hochschule, den Nordbahnhof, den Schlossplatz, Kreuzberg und Neukölln
bis zur Wissenschaftsstadt Adlershof und hat Abzweige zum künftigen Forschungspark TXL und in die Gropiusstadt. »Diese Route führt
also mittenmang durch Gebiete, in denen viele Berliner wohnen,
­arbeiten oder studieren.«
Die Reisegeschwindigkeit der Radfahrer soll auf der Vorrangroute erhöht werden, indem man die Wartezeit an Kreuzungen reduziert.
Auf bis zu drei Kreuzungen hintereinander dürfe auf Nebenstraßen
Rechts vor Links aufgehoben und Vortritt gewährt werden, ohne dass
die Straße Vorfahrtsstraße werden muss. Das reicht in der Regel bis
zur nächsten Kreuzung mit einer Hauptstraße. »Natürlich macht der
Vorrang dann die Radstraße auch für Autofahrer attraktiv, aber nur
dann, wenn sie hier nicht ständig Pulks von Radfahrern hinterherfahren müssen«, erklärt Tilo Schütz.
An Kreuzungen mit Hauptstraßen könnten etliche Ampeln durch
Kreisverkehre ersetzt werden, anderswo schlägt Tilo Schütz den Bau
von breiten Mittelinseln vor, auf denen Radfahrer halten und warten
können: »Dann können sie ohne Lichtsignalanlage die beiden Richtungsfahrbahnen der Hauptstraße nacheinander überqueren und
müssen nicht warten, bis die gesamte Fahrbahn frei ist.« Auf der
rund 17,5 Kilometer langen Kernstrecke zwischen Kurt-SchuhmacherDamm und Britz käme die Rad-Vorrangroute mit lediglich 16 Ampelanlagen aus, bei elf Kreisverkehren und 5 Mittelinseln. Rund die
Hälfte dieser Strecke verläuft über Fahrradstraßen, ein knappes Viertel sogar auf eigenen Radbahnen, wo motorisierter Verkehr generell
nicht zulässig ist. Nur gut ein Viertel wäre auf Radstreifen am Fahrbahnrand angesiedelt, z.B., weil man Nebenstraßen mit BVG-Busverkehr nicht in Radstraßen umwidmen kann.
Ähnliche Routen kann sich Tilo Schütz auch andernorts vorstellen:
zum Beispiel eine aus Charlottenburg über die Turmstraße, den
Sportpark Poststadion, die künftige »Europa-City« und eine bereits
geplante neue Brücke über den Kanal bis zum Kreisverkehr unter der
Liesenbrücke, wo sie auf die schon ausgearbeitete Nord-Süd-Route
träfe. Natürlich würde die konkrete Umsetzung längere Zeit in Anspruch nehmen, vor allem auch, weil die zweistufige Verwaltung in
Berlin solche Projekte nicht gerade erleichtert: Für die Nebenstraßen
sind die Bezirke zuständig, die Übergänge an den Hauptstraßen jedoch unterstehen der Verkehrslenkung Berlin.
Immerhin hat Senator Andreas Geisel inzwischen die Einrichtung
eines landeseigenen Betriebes für den Bau und Betrieb von Radwegen angekündigt – ähnlich der Grün Berlin GmbH, die zahlreiche
Parks in Berlin betreut. Die Planung und Einrichtung von Rad-Vorrangrouten wäre doch eine nette Aufgabe für diese neue Institution!

cs
Die Broschüre »mittenmang Radschnellverbindungen und Berliner
Rad-Vorrangroute« kann man auf der Website des BUND Berlin
­herunterladen:
www.bund-berlin.de, Presse, Pressemitteilungen, 12. April 2016

Kreuzberg
oder Mitte?

Ch. Eckelt

Rad-Vorrangrouten
auf ­Nebenstraßen?

Das Café am Engelbecken
ist auch bei Regenwetter
ein Erlebnis

Viele halten es für eine Goldgrube. Das »Café am Engelbecken« liege
so spektakulär, dass man dort auch ohne große Anstrengungen reich
werden könne, heißt es. »An manchen Tagen stimmt das sogar«, gibt
Akin Aydogan zu. »Wenn am Wochenende die Sonne scheint und fast
alle 300 Plätze besetzt sind, drängt sich natürlich der Eindruck auf,«
erklärt der Mitinhaber des Cafés. Dann zieht es nicht nur die Luisenstädter, egal ob aus Kreuzberg oder Mitte, ans Engelbecken, wo man
windgeschützt draußen sitzen und vor allem den Blick über die Wasserfläche genießen kann. Der hat etwas ungeheuer Entspannendes,
was wohl daran liegt, dass wir im Grunde genommen in Höhlen und
Schluchten gefangene Steppenaffen sind, die ab und zu einen solchen Blick einfach brauchen. Den hat man am Engelbecken übrigens
auch bei Regenwetter. Wenn das Wasser von Regentropfen gekräuselt
wird und das Schilf hin und her wogt, entfaltet sich hier eine ganz
besondere »Haus-am-See-Stimmung« – man fühlt sich fast wie draußen in Brandenburg.
»Schreib das!«, sagt Akin. »Denn bei Regen herrscht hier oft wenig
Betrieb.« Dann wird die »Beckenlage« zum Nachteil. Denn von der
Straße aus nimmt man das Café nur wahr, wenn man sich über die
Brüstung des Engelbeckens lehnt. Und dann muss man noch treppab
und im Regen über Pfützen hinweg: Das Café am Engelbecken ist ein
typischer Schönwetter-Betrieb. Das stellt Anforderungen an das Management, denn man braucht flexibles Personal. »Im Sommer arbeiten hier etwa 25 bis 30 Leute, die teilweise auch auf Abruf kommen,
wenn es sehr voll ist. Im Winter sind wir nur zu sechst. Dennoch
zahlen wir im Winter drauf – ohne die Überschüsse des Sommers
würden wir nicht über die Runden kommen.« Im Sommer kann Akin
sich auf ein Kernteam von 12 bis 14 Mitarbeitern verlassen, die jedes
Mal zum Saisonbeginn wiederkommen. »Das ist schon ein richtiger
Freundeskreis.« Dazu kommen noch andere, die vom Team eingearbeitet werden. »Die Arbeit ist nicht einfach«, sagt Akin Aydogan:
»Der Job kann ziemlich anstrengend sein, wenn es voll ist. Von der
Bar aus sind es 60 Meter bis zum weitest entfernten Tisch, da tun
einem die Füße schon mal weh. Ich habe vorher selbst jahrelang in
der Gastronomie als Angestellter gearbeitet und weiß, wie das ist,
wenn Stress herrscht, etwas schiefgeht und der Chef dich dann auch
noch anblökt. Hier lasse ich es das Team unter sich selbst regeln.«
Das scheint im Café am Engelbecken gut zu funktionieren. Dabei
hilft die gemeinsame Trinkgeldkasse, die nach der Schicht gleichmäßig unter den Mitarbeitern vor und hinter dem Tresen aufgeteilt

wird. Auch der Barmann und die Küchencrew bekommen ihren Anteil. »Die Berliner geben oft gutes Trinkgeld, bei den Touristen
kommt es darauf an, wo sie herkommen«, erzählt Akin. »Italiener,
Spanier und Franzosen geben oft gar nichts, weil sie daran gewohnt
sind, dass der Service schon in die Rechnung eingepreist ist. Amerikaner sind dagegen meist sehr großzügig.«
Touristen entdecken das Café meist auf einer Wanderung entlang des
ehemaligen Mauerstreifens, ihre Anzahl hat stark zugenommen: Seit
der Eröffnung des Cafés im Jahr 2005 haben sich die Übernachtungszahlen in Berlin mehr als verdoppelt. Das merkt man natürlich auch
am Engelbecken. Wenn man an einem schönen Tag die Terrasse entlang spaziert, hört man viele Sprachen. Und oft hört man Türkisch:
Hier kommt eine sehr bunte Mischung aus Jüngeren und Älteren,
Berlinern aus Ost und West sowie aus Gästen der Stadt zusammen.
Das Café befindet sich in einer geschützten Grünanlage auf öffentlichem Grund. Nur im begründeten Ausnahmefall, wenn »öffentliches
Interesse« vorliegt, genehmigt der Bezirk eine solche Einrichtung.
Am Engelbecken wurde eine Ausnahme gemacht, weil durch den gastronomischen Betrieb die soziale Kontrolle in dem von außen
schwer einsehbaren Becken gewährleistet wird. Deshalb muss es ja
auch im Winter täglich öffnen, obwohl sich das wirtschaftlich eigentlich nicht rechnet.
Liegt das Café gefühlt eher in Mitte oder in Kreuzberg? Akin Aydogan
zögert, bevor er die Frage beantwortet: »Für mich ist das mehr Mitte.
Ich bin ja in Kreuzberg aufgewachsen, in der Muskauer Straße,
Kreuzberg ist für mich der Heinrichplatz, das hier ist schon etwas
anderes.« Aus Mitte heraus kann man das aber auch anders sehen.
Wie am Hackeschen Markt geht es am Engelbecken jedenfalls nicht
zu. Man kann sich darauf einigen: eine Zwischenwelt zwischen
Kreuzberg und Mitte, wie es das Engelbecken eigentlich immer war
– ob als Wendebecken des Luisenstädtischen Kanals, als Schmuckgarten oder später als Teil des Todesstreifens. Nur dass es hier jetzt
natürlich viel schöner ist.
cs
Café am Engelbecken, Michaelkirchplatz /Engelbecken
Telefon (0157) 75 43 17 95
Mo–So 10–24 Uhr, oft auch länger
Ende Oktober bis Ende Februar: Mo–So 10–20 Uhr,
dann kann das Café auch für Veranstaltungen gemietet werden.



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Ch. Eckelt

»Ärgern Sie uns ein bisschen!«
Seit 25 Jahren engagiert sich der Bürger­
verein Luisenstadt für das Gebiet
25 Jahre – ein beachtliches Alter für einen aktiven Bürgerverein. Und
so war die Jubiläumsfeier des Bürgervereins Luisenstadt, die am 15.
April im Café am Engelbecken begangen wurde, auch überaus gut
besucht. Nicht nur Vereinsmitglieder und Freunde waren gekommen, auch die lokale Politprominenz gratulierte. Die Bezirksbürgermeister von Kreuzberg und Mitte, Monika Herrmann und Christian
Hanke, würdigten die Arbeit des Vereins, ebenso die Stadtentwicklungsstadträte beider Bezirke, Hans Panhoff und Carsten Spallek.
Denn der Verein wirkt an einem historisch besonderen Ort, an der
unmittelbaren Schnittstelle von Mitte und Kreuzberg. »Zwei Verwaltungsbezirke, aber ein Sozialraum«, beschrieb Mittes Bürgermeister
Hanke die besondere lokale Situation. Die historische Luisenstadt
war durch die Berliner Teilung zerschnitten worden, der nördliche
Teil gehörte nun zum Ostberliner Bezirk Mitte, der südliche zum
Westberliner Bezirk Kreuzberg. Die Mauer samt Postenweg und
Wachturm verlief diagonal über das Engelbecken, eine Kirche, die
den Krieg mit Schäden überstanden hatte, wurde gesprengt.
Nach dem Mauerfall 1989 fanden sich schon bald engagierte Bürger,
die an diesem konkreten Ort die 40-jährige Teilung und ihre Spuren
überwinden wollten. Am 6. März 1991 gründeten Mitglieder der Bürgerinitiative Luisenstadt (Ost) und Bürger aus SO 36 (West), dazu
Vertreter der Büchereien und der Kirchengemeinden, den Bürgerverein Luisenstadt e.V. Dessen Anliegen war, historische Spuren freizulegen und fast Vergessenes wieder sichtbar zu machen, zum anderen aber auch, Gegenwart und Zukunft aktiv mitzugestalten – mit
der Stärkung von Nachbarschaften und der Ent­wick­lung gemeinsamer Ziele für die soziale und städtebauliche Entwicklung.
Volker Hobrack, von Anfang an im Verein aktiv und Vorstandsmitglied, ließ bei der Feier noch einmal die ersten Jahre Revue passieren,
als sich der Verein zunächst in Büchereien oder Räumen der Kirchgemeinden traf. Eine Weile hatte er dann sogar einen kleinen Stadtteilladen, der jedoch wegen Mieterhöhung wieder aufgegeben werden musste. Dann stellte die Wohnungsbaugenossenschaft Berolina
Räume zur Verfügung, in denen der Verein noch heute arbeitet.
Zu den ersten großen Projekten gehörten die Wiederherstellung des
Luisenstädtischen Kanals und des Engelbeckens als Grün- und Erholungsräume. Mit der Rekonstruktion dieser historischen Orte wurde
zugleich die Brache des einstigen Todesstreifens wieder belebt und
die Lücke zwischen beiden Stadträumen geschlossen. Für die Kreuzberger Bürgermeisterin Hermann ist das Engelbecken »ein Highlight

10

Mehr Infos und Veranstaltungshinweise unter
www.buergerverein-­luisenstadt.de
Donnerstag, 9. Juni: Ein Denkmal für Otto Lilienthal
Die Betroffenenvertretung und der Bürgerverein Luisenstadt laden zu
einer Veranstaltung zum Flugpionier Otto Lilienthal ein, der in einem
Fabrikgebäude in der Köpenicker Straße er seine Flugmodelle entwickelt hatte. Doch nur eine unscheinbare Stele erinnert bislang an ihn.
Hans Ullrich Fluß vom Technik Museum Berlin hält einen Vortrag zur
Biografie Lilienthals, der Autor Falko Hennig stellt Beispiele von Lilien­
thal-Denkmälern an anderen Orten vor, Peter Schwoch zeigt, wie
­Lilienthal international geehrt wird. Anschließend kann diskutiert
­werden, wie das Erinnern an Otto Lilienthal in der Luisenstadt aus­
sehen könnte.
9. Juni, 18 Uhr, Stadtteilladen »dialog 101«, Köpenicker Straße 101
Samstag, 21. Mai, 11 Uhr, Köpenicker Straße 8
Werkstattbesuch beim Gitarrenbauer Lutz Heidlindemann mit an­
schließendem Rundgang über das Grundstück und Besuch des
­Zweiradmuseums mit dem Architekten Stefan Klinkenberg
Treffpunkt: Eingang Köpenicker Straße 8

Facebook & Co

Archiv Falko Hennig

des Zusammenwachsens«, wobei dankenswerterweise die Mauermarkierungen sichtbar blieben – »gegen das Vergessen«.
Die Aktivitäten des Vereins mit inzwischen ca. hundert Mitgliedern
waren und sind vielfältig: thematische Führungen durchs Gebiet, die
Organisation des jährlichen beliebten Kiezfestes, Veranstaltungen
zum »Tag des offenen Denkmals«, Beratung und Nachbarschafts­
hilfe, Arbeit mit Zeitzeugen, die Begleitung des »Stolpersteine«-Projekts – erst Ende April wurden in der Nördlichen Luisenstadt wieder
neue Stolpersteine verlegt, die an jüdische deportierte Bürger erinnern. All das wird weitgehend ehrenamtlich geleistet.
Seit seiner Gründung beteiligt sich der Verein auch aktiv an aktuellen Debatten, die das Quartier betreffen – dazu gehören beispielsweise Grünflächengestaltung wie der Spreeuferweg, die Verkehrsplanung, die Infrastruktur. Damit ist er dem Bezirk ein nicht immer bequemer, aber konstruktiv-kritischer Partner. Bezirksstadtrat Spallek
würdigte das: »Ärgern Sie uns ein bisschen, machen Sie weiter so!«
Und Kreuzberger Bezirkspolitiker erhoffen sich wohl etwas beispielhaften Beistand – denn wenn es dort um Neugestaltungsdebatten
geht, beispielsweise am Fraenkelufer, formiert sich gern auch die wenig konstruktive Konservierungsfront.
Mittes Bürgermeister Hanke sprach auch über neue Herausforderungen – wie die Gesamtstadt erlebt der Bezirk derzeit ein deutliches
Wachstum durch eine steigende Geburtenrate, aber auch durch neu
Hinzuziehende. Dabei, so Hanke, dominiere der innerdeutsche Zuzug (am stärksten aus Hamburg) sowie aus dem europäischen Ausland, hier vor allem aus Spanien. Auch in Mitte werde es neuen
Wohnraum und Nachverdichtungen im Bestand brauchen. In der
Nördlichen Luisenstadt bauen neben Privatinvestoren u.a. bereits die
Genossenschaft Berolina und die WBM, die weitere Vorhaben plant.
Ein wichtiges Anliegen des Bürgervereins ist die Pflege des Grüns
und öffentlichen Raums. Ein wunder Punkt, der Bezirk hat seit Jahren kaum noch Geld für die Unterhaltung und Pflege von Grünflächen. Mit zahlreichen Arbeitseinsätzen und Subbotniks kämpft der
Verein immer wieder gegen Müll, Schmierereien und Vandalismus
wie am Engelbecken, wo wiederholt auch das Schwanenhäuschen
repariert werden musste.
Auch das meinte Kreuzbergs Baustadtrat Panhoff, als er anmerkte:
»Ich fürchte, Sie werden hier noch 25 Jahre so weitermachen müssen.«
us

Die Berufsschule Rudi Arndt in der
­Michaelkirchstraße (Teil II)
Die Geschichte der BS Rudi Arndt zu schreiben, ist deutlich schwieriger als erwartet. Denn während im Internet die absonderlichsten
Spezialgebiete mit Fakten, Seiten, Fotos und Zeitzeugen präsentiert
werden, findet man keinerlei zuverlässige Angaben zur »Berufssschule Rudi Arndt, Bildungsstätte der Druckerei Neues Deutschland«,
meistens kurz BS Rudi Arndt genannt, in der Michaelkirchstraße 17.
Es gibt eine Facebook-Seite unter diesem Namen, und da ich auch
eifriger Facebooker bin, war ich mir sicher, sehr leicht an zuverlässige
Angaben zu der Ausbildungsstätte zu kommen (an der auch ich gelernt hatte). Doch meine Anfrage an den Betreiber des Kontos blieb
unbeantwortet – vielleicht hatte sich derjenige, der 2011 diesen
­Account eingerichtet hatte, inzwischen von Facebook abgewandt.
Schon damals hatte jemand den anonymen Herrn gefragt:
»Sag, BS Rudi Arndt, magst Du Dich uns nicht namentlich vorstellen? Bin gespannt, ob ich weiß, wer Du bist … wenn wir zusammen
gelernt hatten??« Der Adressat enthüllte jedoch seinen Namen nicht,
verriet aber immerhin, dass er die Ausbildung zum Offsetdrucker
1990 begonnen hatte und auch einige Wochen Buchdruck absolvierte.
Als hilfreicher erwies sich Martin Z. Schröder, der nicht nur Schriftsetzer an der BS gelernt hat, sondern dieses Handwerk bis heute in
seinem Offizin ausübt. Er ist damit einer der ganz wenigen, die heute
noch mit Bleisatz arbeiten, also mit Setzkästen, Winkelhaken und
Kolumnenschnur umgehen und sogar mit Buchdruckmaschinen.
Seine Werkstatt in Weißensee lohnt einen Besuch und Besucher, die
sich telefonisch anmelden, sind willkommen (030-47 00 43 12).
Während sich meine Lehre zum Schriftsetzer heute bei mir nur noch
darin manifestiert, dass ich eine bescheidene Zeitung layoute, ist
Schröder ein »Schweizerdegen« – so der Fachbegriff für die Personal­
union von Buchdrucker und Setzer.
Bei Schröder setzte die Begeisterung für den Schriftsatz schon früh
ein. Als Junge war er in der Arbeitsgemeinschaft »Junge Schriftsetzer« im Pionierpalast gewesen, seine Lehre an der BS schloss er 1985
ab. So konnte ich ihn damals nicht kennen lernen, weil ich erst im
Jahr darauf begann, die schwarze Kunst zu lernen. Während meine
Spezialisierungsrichtung Zeitungsumbruch war, ausgerechnet in der
Militärdruckerei, waren es bei Schröder Akzidenzen – so nennt man
Gelegenheitsdrucksachen von Briefpapier bis zu Einladungen und
Broschüren.
Ein wenig bedaure ich, dass mich die Leidenschaft für die Schrift
nicht in den Setzereien heimisch werden ließ, sondern eher in
­Bibliotheken, in Redaktionen und an den Schreibtisch führte, wo ich
nun sitze und versuche, mich an die Jahre meiner Lehre zu erinnern.
Ich war leider kein guter Lehrling und bin kein guter Schriftsetzer
geworden. Ganz schlecht war ich aber auch nicht. Und mir ist eine
Begeisterung für Druckereien, für Setzereien, für schön gesetzte Bücher, Zeitungen und Plakate geblieben und ich bin froh, wenn ich sie
mit meinen Texten verbinden kann.

schen Zeitung erhielt er 2012 den »European Design Award« und im
vergangenen Jahr den »German Design Award«, wozu hier herzlich
gratuliert sei.
Dass er außerdem einen spannenden, lesenswerten Blog zu speziellen typografischen Themen schreibt, sei hier nur am Rande erwähnt.
Schröder jedenfalls verdanke ich den Kontakt zu Herrn Warmbier
per klassischer E-Mail.
An den Namen des Lehrmeisters und Fachlehrers Warmbier kann ich
mich noch deutlicher erinnern als an ihn selber. Und Herr Warmbier
antwortete prompt. So ist zwar noch nicht klar, wann die Schule gegründet wurde, aber als Warmbier 1961 dort lernte, hieß sie schon
»Rudi Arndt«. Davor war der Name der Schule für das Druckgewerbe
»Zentrale Lehrwerkstatt«. Als sich die DDR in Wohlgefallen auflöste,
traf ihr Untergang auch die BS, sie wurde 1991 in »Grafisches Ausbildungszentrum« umgetauft und 1993/94 endgültig aufgelöst.
Also haben wir zumindest einen Nachweis für die Existenz der Schule
1961. Aber etwas konnte ich dem anonymen Facebook-Account der
BS Rudi Arndt doch entnehmen – es scheint sie deutlich länger
­gegeben zu haben, als Herr Warmbier vermutete. Denn eine Facebookerin fragte für ihre Mutter nach Lehrlingskollegen, die schon
1956 ausgebildet wurden. Wann die Zentrale Lehrwerkstatt zur BS
Rudi Arndt wurde, werden hoffentlich meine weiteren Recherchen
klären.
Falko Hennig
Der Autor lädt täglich zum Stadtspaziergang »Lilienthal & Genossen«
(2h, € 10,–) durch die Luisenstadt und den schmalsten Park Berlins ein,
Treffpunkt: 11 & 14 Uhr, U-Bahnhof Heinrich-Heine-Straße Ecke Köpenicker, Anmeldung erforderlich (0176) 20 21 53 39.

Schröders typografische Karriere setzte sich in der Druckerei Rapputan fort, wo er »Erster Akzidenzer« wurde. Seit 1994 betreibt er seine
eigene Werkstatt, als Gestalter einer Wochenendbeilage der Süddeut

11

Sanierungsgebiet
­Nördliche
Luisenstadt
Märkisches Museum
Köllnischer
Park

Erhaltungsgebiete

Gebäude der
Senatsverwaltung

Heizkraftwerk
Mitte

Stadtteilladen
»dialog 101«

ehemalige
Eisfabrik
Deutsches
Architekturzentrum (DAZ)

Michaelkirchplatz

HeinrichHeine-Platz

ehemaliges
Postfuhramt

St. MichaelKirche

Engelbecken

Ansprechpartner und
­Adressen für das Gebiet
Nördliche Luisenstadt
Bezirksamt Mitte von Berlin,
Stadtentwicklungsamt,
Fachbereich Stadtplanung
Müllerstraße 146, 13353 Berlin
Amtsleitung: Kristina Laduch,
Tel 901 84 58 45
kristina.laduch@ba-mitte.berlin.de
Sanierungsverwaltungsstelle
Reinhard Hinz (Gruppenleitung)
Tel 901 84 58 53
reinhard.hinz@ba-mitte.berlin.de
Anke Ackermann, Tel 901 84 57 57
anke.ackermann@ba-mitte.berlin.de
Wolf-Dieter Blankenburg, Tel 901 84 57 21
wolf-dieter.blankenburg@ba-mitte.berlin.de

Senatsverwaltung für Stadtentwicklung
und Umwelt
Referat IV C – Stadterneuerung
Württembergische Straße 6, 10707 Berlin
Joachim Hafen (Gebietsbetreuung
Luisenstadt), Tel 901 39 49 19
joachim.hafen@senstadtum.berlin.de
Gebietsbetreuung Luisenstadt (Mitte)
Koordinationsbüro für Stadtentwicklung
und Projektmanagement – KoSP GmbH
Schwedter Straße 34 A, 10435 Berlin
www.kosp-berlin.de
Andreas Bachmann, Tel 33 00 28 39,
­bachmann@kosp-berlin.de
Urte Schwedler, Tel 33 00 28 44, ­
schwedler@kosp-berlin.de
Bürgersprechstunde: Montag 14–18 Uhr
im Stadtteilladen dialog 101,
Köpenicker Straße 101

Betreuung Programm Städtebaulicher
Denkmalschutz beim Bezirksamt
Birgit Nikoleit, Tel 901 84 57 79
birgit.nikoleit@ba-mitte.berlin.de
Betroffenenvertretung Nördliche Luisenstadt
Treffen jeden dritten Dienstag im Monat
um 18.30 Uhr, Stadtteilladen dialog 101,
Köpenicker Straße 101,
Ansprechpartner: Volker Hobrack,
Tel 275 47 69, mail: vhobrack@gmx.de
bzw: bv.luisenord@gmail.com
www.luise-nord.de
Bürgerverein Luisenstadt
Michaelkirchstraße 2, 9. Etage,
10179 Berlin, Tel/ AB 279 54 08
buero@buergerverein-luisenstadt.de
www.buergerverein-luisenstadt.de
Bürozeiten: mittwochs 14–16 Uhr
        
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