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Periodical volume

Full text: Ecke Issue 2016,2

ecke

nr. 2 – märz /april 2016

köpenicker

Ch. Eckelt

Seite 3: Wohnhochhaus Fischerinsel Seite 4: Drogenhandel – Mieterversammlung mit Polizei
Seite 6/7: Wohnungen für Flüchtlinge – ein Interview Seite 11: Betriebsschule Rudi Arndt

Zeitung für das Sanierungsgebiet Nördliche Luisenstadt. Erscheint achtmal im Jahr kostenlos.
Herausgeber: Bezirksamt Mitte von Berlin, Stadtentwicklungsamt, Fachbereich Stadtplanung

Ch. Eckelt

Betroffenenvertretung (BV)
­Nördliche Luisenstadt

Die BV trifft sich an jedem dritten Dienstag im
Monat um 18.30 Uhr im Stadtteilladen »dialog
101«, Köpenicker Straße 101, demnächst also
am 19. April. Die Sitzungen der BV sind öffentlich, hier kann sich jeder interessierte Anwohner engagieren. Jeder, der dreimal teilgenommen hat, wird stimmberechtigtes Mitglied. Die
Betroffenenvertretung ist ein wichtiges Gremium und die Interessenvertretung der Bürger
im Sanierungsgebiet. Die BV freut sich immer
über neue Mitstreiter!

Ch. Eckelt

»Runder Tisch Köpenicker Straße«

Welche Ecke?
Sicher kennen Sie sich in Ihrem Kiez gut aus und wissen, wo dieses Foto aufgenommen wurde!
Wer weiß, wo sich dieser Ort befindet, schicke die Lösung bitte mit genauer Absenderadresse an
die Redaktion: »Ecke Köpenicker«, c/o Ulrike Steglich, Elisabethkirchstraße 21, 10115 Berlin,
oder per Mail an ecke.koepenicker@gmx.net. Unter den Beteiligten verlosen wir einen 20-EuroBüchergutschein der Buchhandlung im »Aufbau-Haus« am Moritzplatz. Einsendeschluss ist
Montag, der 25 April. Unser letztes Bilderrätsel zeigte die Uhr- und Temperaturanzeige auf dem
Dach des Jannowitz-Centers. Gewinnerin ist Ursula Schenker – herzlichen Glückwunsch! Der
Preis wird Ihnen per Post zugesandt.
Förderung von Nachbarschaftsprojekten
Die »Conrad-Stiftung Bürger* für Mitte« ruft
dazu auf, Ideen für Projekte zum Motto
»Nachbarschaft neu erleben – Miteinander in
der wachsenden Stadt« einzureichen. Mit dem
Aufruf verfolgt die Stiftung das Ziel, durch
Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements
ein spannendes und lebenswertes Miteinander
in der Nachbarschaft im Bezirk zu fördern.
Jede Idee ist willkommen, ob es sich um eine
besondere Veranstaltung, eine Aktion zur
Verbesserung des Wohnumfeldes oder auch
um ein anderes – auch ungewöhnliches – Format handelt. Die Umsetzung der Projekte
können mit einem Betrag in Höhe von bis zu
5.000,– € gefördert werden.
Besonders erwünscht sind Projekte, die an
Bestehendes anknüpfen, an denen mehrere
Kooperationspartner beteiligt sind oder die
eine Eigenleistung einbringen. Die Anträge
sind formlos mit einer konzeptionellen Beschreibung bis spätestens 30. 4. 2016 bei der
Geschäftsstelle der Stiftung einzureichen:
Bezirksamt Mitte von Berlin, Geschäftsstelle
Conrad-Stiftung Bürger* für Mitte, 13341
­Berlin (Postanschrift), Telefon 901 83 26 34.

2

Bürgersprechstunde
Jeden Montag steht das Koordinationsbüro
(KoSP GmbH, Betreuer des Sanierungsgebiets)
vor Ort zur Verfügung, um Fragen rund um
das Sanierungsgeschehen zu beantworten. Die
Bürger- und Akteurssprechstunde findet montags zwischen 14 und 18 Uhr im Stadtteilladen
»dialog 101«, Köpenicker Straße 101 (U-Bhf.
Heinrich-Heine-Straße) statt.
Zudem bearbeitet das Koordinationsbüro
sämtliche Nutzungsanfragen für den Stadtteilladen »dialog 101«. Dieser steht für Aktivitäten und Veranstaltungen mit Quartiersbezug
unentgeltlich zur Verfügung. Denkbar sind
beispielsweise Ausstellungen, Tagungen,
Workshops oder Arbeitsgruppentreffen. Weitere Informationen zum Stadtteilladen (inkl.
Belegungskalender und Antragsformular)
erhalten Sie auf der Website www.luisenstadtmitte.de

Der Runde Tisch berät über Lösungsmöglichkeiten für Probleme im Gebiet, insbesondere
Drogen, Lärm, Müll und Verkehrsströme, die
durch die starke touristische Belastung und
die Clubszene entstehen. Eigentümer, Mietervertreter, Club- und Hostelbetreiber, Polizei,
Ordnungsamt tagen zusammen mit dem
­Präventionsbeauftragten des Bezirks als Moderator. Die Runde findet alle zwei Monate
statt und ist öffentlich. Nächster Termin:
3. Mai 2016, 11–13 Uhr, Stadtteilladen »dialog
101«, Köpenicker Straße 101.
Die nächste »Ecke Köpenicker«
Die nächste »Ecke Köpenicker« erscheint
Anfang Mai 2016. Redaktionsschluss ist
­Freitag, der 22. April 2016.
Alle bisher erschienenen Ausgaben sind
als PDF abrufbar auf der Website
www.luisenstadt-mitte.de sowie auf der
­Website des Bürgervereins Luisenstadt:
www.buergerverein-luisenstadt.de

Impressum
Herausgeber: Bezirksamt Mitte von Berlin,
Stadtentwicklungsamt
Redaktion: Christof Schaffelder,
Ulrike Steglich
Redaktionsadresse: »Ecke Köpenicker«,
c /o Ulrike Steglich, Elisabethkirchstraße 21,
10115 Berlin, Tel (030) 283 31 27,
ecke.koepenicker@gmx.net
Fotoredaktion:
Christoph Eckelt, eckelt@bildmitte.de
Entwurf und Gestaltung:
capa, Anke Fesel, www.capadesign.de
Druck: BVZ Berliner Zeitungsdruck GmbH,
www.berliner-zeitungsdruck.de
V.i.S.d.P.: Ulrike Steglich
Für den Inhalt der Zeitung zeichnet nicht
der Herausgeber, sondern die Redaktion
verantwortlich.

Grünanlage
gerodet
Neues Wohnhochhaus auf
der Fischerinsel geplant
Die kleine Grünanlage ist bereits gerodet:
Viele Monate, bevor die WBM auf der
Fischer­insel mit der Errichtung eines neuen
Wohnhochhauses beginnt, wurden schon
mal rund 80 Bäume gefällt. Auf dem historischen Flecken am Mühlendamm befand sich
früher der Cöllnische Fischmarkt – ein Siedlungskern der Stadt. Deshalb soll den Archäologen ausreichend Zeit gegeben werden, um das Gelände gründlich zu untersuchen.
Anschließend wird hier das siebte Hochhaus
der Fischerinsel entstehen – zum Missfallen
namhafter Stadtplaner wie Dieter Hoffmann-­
Axthelm oder Architekten wie Bruno Flierl,
die zu den Erstunterzeichnern einer Protestresolution zählen. Hoffmann-Axthelm
war einer der Protagonisten des »Planwerks
Innenstadt«, das in den späten 1990er Jahren äußerst kontrovers diskutiert wurde,
Bruno Flierl war einer seiner schärfsten Kritiker. Wollte Hoffmann-Axthelm die historischen Strukturen im Stadtbild wieder sichtbar werden lassen, so ging es Flierl darum,
die DDR-Moderne behutsam weiter zu entwickeln: Was jetzt herauskommt, scheint
beiden nicht zu gefallen.
Auch vielen Anwohnern nicht. »Das neue
Hochhaus steht viel zu dicht an dem Be-

stand«, meint der Sprecher der FischerinselInitiative, Eckhard Frenzel: »25 bis 30 Meter
Abstand sind klar zu wenig!« Das neue
Wohnhochhaus wird mit einer Höhe von 58
Metern nur geringfügig kleiner sein als die
bestehenden und soll direkt westlich des
Hochhauses Fischerinsel 1 entstehen, der
Blick auf den Sonnenuntergang wird den
meisten Bewohnern also verbaut. Dabei
spricht sich Frenzel nicht grundsätzlich gegen Hochhäuser und eine weitere Verdichtung des Wohngebiets aus. »Es ist schon
klar, dass wir kommunalen Wohnungsbau in
der Innenstadt brauchen, obwohl es hier
jetzt schon viel dichter ist als zum Beispiel
im Märkischen Viertel.« Es hätte aber auch
alternative Standorte gegeben, etwa an der
Stelle des Kreativhauses, das man in den
Neubau hätte integrieren können, oder eines Parkplatzes auf dem Gelände. »Aber die
Grünanlage zu bebauen, obwohl die an dieser Stelle auch eine wichtige Funktion für
die Reinhaltung der Luft hat, ist sträflich.«
Wenige hundert Meter weiter, an der Leipziger Straße 32 werden die schlechtesten Luftmesswerte der Stadt registriert: Im Jahr
2014 wurden an der dortigen Messstelle im
Mittel 69 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft
des giftigen Stickstoffdioxid gemessen, zulässig sind durchschnittlich maximal 40 Mikrogramm.
Frenzel kritisiert auch das Vorgehen der
WBM: »Die Mieter wurden erstmals im letzten September durch einen Aushang im
Schaukasten informiert.« Da hatte das Preisgericht aber schon getagt, den Siegerentwurf eines bereits im Mai ausgeschriebenen,
europaweiten Wettbewerbs gekürt und zur
Realisierung empfohlen. Obwohl auf der Fischerinsel Mietervertretungen existierten,
Ch. Eckelt

Termine

Bilderrätsel: Gewinner gesucht!

seien Mieterbeiräte nicht in die Entscheidungsfindung eingebunden worden. Erst
nachträglich wurden sie bei einer Veranstaltung über den Siegerentwurf informiert.
Freilich waren die Pläne für ein Bauvorhaben, für das neben der Grünanlage auch ein
großer Parkplatz entfällt, auch kein Geheimnis gewesen. Die u-förmige Blockrandschließung entlang der Straße Fischerinsel und
dem Mühlendamm ist bereits im »Planwerk
Innere Stadt« eingetragen, der im Jahr 2010
vom Senat beschlossenen Weiterentwicklung des oben genannten »Planwerks Innenstadt« von 1999. 
cs

Adalbertschule
künftig vierzügig?
Die Bevölkerung wächst schneller
als angenommen
Das Blockkonzept »Westlicher Melchiorblock« wird vorerst nicht weiterentwickelt.
Zuerst soll geprüft werden, ob und unter
welchen Bedingungen der Schulstandort
Adalbertstraße 53 nicht auch zu einer vierzügigen Grundschule ausgebaut werden
kann.
Vor wenigen Jahren noch stand die komplette Aufgabe des Schulstandorts im Raum, der
seit 2008 leer steht. Bis 2006 befand sich
hier die City-Grundschule, vor der Wende
eine polytechnische Oberschule. Gegen die
Aufgabe hatte unter anderem die Betroffenenvertretung des Sanierungsgebiets Nördliche Luisenstadt protestiert. Die Sanierungsverwaltung des Bezirks gab 2014 eine
detaillierte Infrastrukturanalyse in Auftrag.
Wegen des großen Wohnungsbaupotentials
in der Umgebung und einer zu erwartenden
Verjüngung der Bewohnerschaft bereits bestehender Wohnanlagen kam diese zu dem
Ergebnis, dass bis 2027 ein Mehrbedarf für
eine neue Grundschule von 2,5 bis 4 Zügen
entsteht.
Das Blockkonzept, in dem die Realisierungsmöglichkeit auf dem Gelände konkret überprüft wurde, schlug eine 2,5-zügige Schule
vor. Die erscheint angesichts der aktuellen
Entwicklungen allerdings als zu klein: Die
Bevölkerung wächst schneller als angenommen, verstärkt durch den Zuzug von Flüchtlingen. Eine vierzügige Grundschule braucht
jedoch nicht nur ein deutlich größeres
Schulgebäude, sondern auch größere Hof­
flächen und Sportanlagen. 
cs

3

Entlang der U8 blüht der Drogenhandel, Schwerpunkte sind beispielsweise der Kotti, der Weinbergspark und auch der U-Bahnhof
Heinrich-Heine-Straße, in dessen Umfeld sich zahlreiche Clubs befinden. Die Auswirkungen bekommen auch die Mieter der umliegenden Wohnhochhäuser an der Köpenicker und Heinrich-Heine-Straße
deutlich zu spüren: die Geschäfte der Dealer spielen sich im U-Bahnhof, aber auch dem Umfeld ab, u.a. auf einem Kinderspielplatz; Vorgärten und öffentliche Grünanlagen werden als Drogenverstecke genutzt, Drogennutzer verschaffen sich Zutritt zu den Wohnhäusern,
um ungestört zu konsumieren, die Bewohner sind mit unangenehmen Hinterlassenschaften konfrontiert: Drogenutensilien, leere
­Flaschen, Müll, Urin. Viele sind verunsichert, wie sie auf konkrete
Situationen reagieren können oder sollen.
All diese Probleme kamen am regelmäßig stattfindenden »Runden
Tisch Köpenicker« zur Sprache, in der Folge wurde im November
2015 ein Kiezspaziergang organisiert, bei dem Anwohner, Polizei, der
Präventionsrat des Bezirks Mitte, Vertreter der WBM und andere die
neuralgischen Orte besuchten und über Lösungsmöglichkeiten diskutierten. Dabei gab Ingrid Hermannsdörfer, beim Landeskriminalamt zuständig für städtebauliche Prävention, wertvolle praktische
Hinweise, wie man mit baulichen Veränderungen im öffentlichen
Raum und in den Gebäuden die Situation für die Anwohner verbessern kann (siehe Ausgabe 8/2015).
Vereinbart wurde zudem, mit der Polizei eine Mieterversammlung
zur Beratung durchzuführen. Die fand Anfang März im Stadtteil­
laden »dialog 101« statt, mehrere Beamte des zuständigen Polizei­
abschnitts 32 informierten und beantworteten die Fragen der Mieter,
ebenso wie die zuständige Mitarbeiterin der WBM und Ralf Köhnlein
vom Verein Fixpunkt e.V. – die Streetworker von Fixpunkt leisten u.a.
in Mitte an mehreren Brennpunkten mobile Sozialarbeit.
Unaufgeregt, erfreulich sachlich, konstruktiv und konkret ging es auf
der Veranstaltung zu. Die Polizei berichtete über ihre unmittelbaren
Maßnahmen (verstärkte Einsätze und Kontrollen auf dem U-Bahnhof, Zivilermittler, Einsatz von Streifenwagen). Seit Dezember sei
ein leichter Rückgang von Drogendelikten zu verzeichnen. Dennoch
sei die Arbeit auch aufgrund juristischer Bedingungen und der immer organisierteren Strukturen der Dealerszene schwierig. Allen war
bewusst, dass der Drogenhandel ein gesellschaftliches Problem ist,
das mit polizeilichen Maßnahmen nicht gelöst, sondern bestenfalls
eingedämmt werden kann und sich letztlich von Ort zu Ort verschiebt – z.B. entlang der U8. Bei den präventiven Maßnahmen geht
es vor allem darum, Rückzugsorte und Drogenverstecke zu verhindern. So ist die Polizei bereits im Gespräch mit dem bezirklichen
Straßen- und Grünflächenamt, um die Freifläche vor der Köpenicker
Str. 101 mit den Hochbeeten zu verändern, die bislang ein ideales
Versteck für Drogen bieten. Auch die dichte Bepflanzung vor der
­Köpenicker 103 müsse deshalb dringend ausgelichtet werden, merkten Mieter an.

4

Der Zugang zu den Häusern soll für ungebetene Besucher erschwert
werden – dazu gehören bauliche Maßnahmen wie die Anbringung
der Briefkästen außen und Türsicherungen, aber vor allem die soziale Kontrolle durch die Mieter: nicht einfach den Türöffner drücken,
wenn jemand klingelt, sondern immer nachfragen, wer ins Haus will,
fremde Personen im Haus freundlich ansprechen, in Notfällen die
Polizei rufen (»lieber einmal zuviel als einmal zuwenig«), – das sind
einige Verhaltensregeln. Trifft man jemanden an, der gerade Drogen
konsumiert, sollte man ihn besser nicht ansprechen, weil Süchtige
dann besonders unter Suchtdruck und Stress stehen. Bei hilflosen
Personen muss die Rettungshilfe geholt werden, insgesamt »geht
Selbstschutz vor«, sagt Ralf Köhnlein, der auch Flyer mit praktischen
Verhaltenstipps für Anwohner mitgebracht hatte. Herumliegende
Spritzbestecke sollten nur mit speziellen langen Greifern entfernt
und in sicheren Behältern entsorgt werden – die WBM-Hausmeister
wurden im Umgang damit geschult.
Die Polizei und auch Fixpunkt brauchen aber auch die Hinweise und
Mithilfe der Anwohner. Dabei ist die Polizei vor allem an Angaben zu
Dealern (Beobachtungen, Personen- und Situationsbeschreibungen,
Drogenverstecke etc.) interessiert, Fixpunkt wiederum an der Erreichbarkeit der Konsumenten (Aufenthaltsorte und –Zeiten).
Generell, so ein Anwohner, »müssen wir als Mieter aufmerksamer
und achtsamer sein – sonst haben wir schon verloren«. Auch der
»Runde Tisch Köpenicker« wird sich weiter um die aktuellen Entwicklungen kümmern.
us
Kontakt Polizeiabschnitt 32: Telefon 466 43 32-100 /-110 /-111 (zu Bürozeiten; in Notfällen die 110), Mail: dir3a321.dgr@polizei.berlin.de
Fixpunkt e.V.: Telefon 616 75 58 80, Mail: r.koehnlein@fixpunkt.org
Nächster Runder Tisch Köpenicker: Di, 3. Mai, 11–13 Uhr

Woher neues
­Bauland nehmen?
Bodenpreise binnen zweier Jahre
verdoppelt

Im vergangenen Jahr sind die Grundstückswerte in Berlin wieder extrem gestiegen – in
den Wohngebieten der Innenstadt um rund
50%. Auch im Jahr zuvor war der Anstieg
schon erheblich: In den letzten beiden Jahren zusammen haben sich die Bodenpreise
der Innenstadt rundweg verdoppelt. Das ist
eine alarmierende Entwicklung, denn unter
anderem wird Wohnungsneubau dadurch
eher verhindert. Die Senatsverwaltung für
Stadtentwicklung und Umwelt will jetzt
handeln und mehr Bauland ausweisen. Doch
wo?
Ende Februar jeden Jahres veröffentlicht der
»Gutachterausschuss für Grundstückswerte
in Berlin« eine aktuelle Karte mit den Boden­
richtwerten der Stadt. Darin sind die aktuellen Werte der Grundstücke (ohne die der
darauf befindlichen Gebäude) eingetragen,
die auf der Grundlage der Verkäufe des Vorjahres ermittelt wurden.
In den Wohngebieten um die Müllerstraße
zum Beispiel stiegen die Werte von 370
Euro/qm am 1. Januar 2014 auf 750 Euro/qm
am 1. Januar 2016, in Moabit nördlich der
Turmstraße von 510 auf 1000 Euro /qm, in
der Nördlichen Luisenstadt von 1000 auf

2000 Euro /qm. Im dortigen Sanierungsgebiet, das als Mischgebiet mit einem »aus­
gewogenen Verhältnis zwischen Dienstleis­
tungs- und Wohnnutzung« charakterisiert
ist, kletterte der Bodenrichtwert in den zwei
Jahren von 700 auf 1600 Euro /qm und hat
sich damit sogar mehr als verdoppelt.
Dort gibt es mehrere größere, noch unbebaute Grundstücke, für die alle auch schon
Bauvorbescheide oder gar Baugenehmigungen erteilt wurden – im Sanierungsgebiet
wird darüber regelmäßig der Betroffenenvertretung berichtet. Tatsächlich gebaut
wurde aber kaum. Fragt man nach den Ursachen, so zucken die Experten mit den Achseln: Wenn unbebaute Grundstücke so rapide im Wert steigen wie jetzt, dann warten
etliche Eigentümer lieber ab. Warum das
Risiko einer Investition auf sich nehmen,
wenn der nächste »Investor« schon bereit
steht und einem den ursprünglichen Einsatz
verdoppelt oder verdreifacht?
»Wohnen muss bezahlbar bleiben, deshalb
müssen wir die Bodenspekulation verhindern,« sagt der für Wohnen zuständige
Staatssekretär Engelbert Lütke Daldrup:
»Berlin muss schnell mehr Bauland ausweisen.« Eine »Planungs-Task-Force« mit 50
zusätzlichen Stellen, 20 davon in den Bezirken, werde aufgebaut, damit mehr Bebauungspläne in kürzerer Zeit bearbeitet wer­
den könnten. Ob das ausreicht, sei dahingestellt. Denn die große Frage ist: Auf welchen
Flächen soll dieses neue Bauland denn so
massenweise entstehen? Wo hat die Stadt
noch wesentliche Reserven, die für diesen
Zweck eingesetzt werden könnten?

Deutlich schwächer stiegen dagegen die Bodenwerte in Gewerbegebieten. So hat sich
zum Beispiel der Grundstückswert des
­Geländes von Bayer HealthCare (ehemals
Schering) im Wedding in den beiden Jahren
nur von 400 auf 500 Euro /qm erhöht, der
des Gasturbinenwerkes von Siemens und
der des Großmarkts in Moabit von 90 auf
110 Euro /qm. Natürlich kann man nicht
einfach diese Gebiete zu Bauland für Wohnungen umwandeln, aber man könnte
durchaus die Gewerbegebiete der Stadt nach
geeigneten Flächen durchsuchen. Beispielsweise werden bald viele Betriebe das Umfeld
des Flughafens Tegel verlassen, die jetzt
noch für den Flughafen arbeiten.
Eine solche Strategie wird jedoch auf Widerstand in der Senatsverwaltung für Wirtschaft und der Berliner Industrie- und Handelskammer stoßen. Die Lobby derer, die von
einer neuerlichen Industrialisierung Berlins
träumen, ist stark und Flächen, die für Gewerbeansiedlungen zur Verfügung stehen,
werden von ihr eisern verteidigt. Zusätzliche Jobs entstanden dort in den vergangenen Jahren aber nicht gerade. Auch Büroflächen sind trotz Jobwachstums nicht knapp
geworden und werden oft sogar in Wohnungen umgewandelt. Immer mehr Menschen
arbeiten im »home office« in der eigenen
Wohnung: Auch darauf sollte sich die Stadt
einstellen und ihre Flächennutzungsplanung entsprechend korrigieren.
cs
Die Karte mit den Berliner Bodenrichtwerten
der vergangenen Jahre findet man im Internet
unter http://fbinter.stadt-berlin.de /boris

Bildecke

Bauruine an der Köpi
Seit Jahren liegt dieser Rohbau in der Köpenicker Straße 139 /140 –
gleich neben dem alternativen Wohn- und Kulturprojekt Köpi 137 –
brach. 2006 begann ein Investor hier den Bau eines Seniorenheims,
ein Jahr später meldete er Insolvenz an, das Grundstück wurde an einen
Bauträger verkauft. Passiert ist seither – nichts.

Ch. Eckelt

Eine Anwohnerversammlung zur
­Drogen­problematik an der Köpenicker

Zusätzliche bzw. spezielle Beleuchtung in Hausfluren und Durchgängen, die Sicherung von Zugängen z.B. zu Kellern, die Anbringung
von Spiegelflächen an schwer einsehbaren Winkeln in Häusern können zu mehr Einsehbarkeit und sozialer Kontrolle beitragen. Wie die
WBM-Mitarbeiterin berichtet, wurden bereits diverse Maßnahmen
an Hauseingängen und in den Häusern vorgenommen, andere sind
in Arbeit oder werden geprüft.

Ch. Eckelt

Polizei im Dialog
mit Mietern

5

Ch. Eckelt

»Ohne die Aufnahmebereitschaft der Berliner wird
es nicht gehen«

Besteht nicht die Gefahr, dass sich damit soziale Brennpunkte bilden?
Wir bemühen uns sehr darum, die Standorte möglichst über die
­ganze Stadt zu verteilen, und nutzen dazu landeseigene Grundstücke
oder solche landeseigener Unternehmen. Auch der evangelische
Friedhofsverband stellt Standorte auf Wirtschaftsflächen, die nicht
mehr benötigt werden, zur Verfügung. Die einzelnen Standorte sollen jeweils rund 500 Bewohner aufnehmen können und sind etwa so
groß wie ein bis zwei Fußballfelder. Es ist aber auch klar, dass es
schwieriger ist, in der dicht bebauten Innenstadt solche Grundstücke
zu finden.

Ephraim Gothe über Flüchtlings­unterkünfte in Berlin­

Ephraim Gothe war bis 2011 Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung in
Mitte und danach bis 2014 Berliner Staatssekretär für Wohnen. Inzwischen ist er im »Landesweiten Koordinierungsstab Flüchtlingsmanagement« für die künftige Unterbringung der Flüchtlinge zuständig.
Herr Gothe, es heißt, im vergangenen Jahr seien ca. 80.000 Flüchtlinge
in Berlin angekommen. Berlin ist aber nur dazu verpflichtet, etwa
5 % der Flüchtlinge unterzubringen, die insgesamt nach Deutschland
kommen. Bei insgesamt 1,1 Millionen wären das nur 55.000. Wie ­erklärt
sich der Unterschied?
Addiert man die einzelnen Tagesankünfte, so kommt man tatsächlich
auf eine Summe von rund 80.000. In den verschiedenen Einrichtungen wurden jedoch nur etwa 52.000 untergebracht. Denn viele, die
zum Beispiel in Sonderzügen aus Bayern hergeschickt wurden, zogen
anschließend sofort weiter – zu Verwandten in anderen deutschen
Städten zum Beispiel oder in Nachbarländer wie Schweden oder Holland.
Mit wie vielen Flüchtlingen rechnen Sie in diesem Jahr? Der Bund will
ja dafür sorgen, dass sich die Zahl deutlich reduziert ...
Keiner kann das seriös abschätzen. Der Senat geht aber für Berlin
von weiteren 50.000 in diesem und nochmals so vielen im nächsten
Jahr aus. Das ist jedenfalls die Zahl, auf die wir uns einrichten. Denn
es werden außer neuen Flüchtlingen auch noch nachziehende Familienangehörige jener, die bereits hier sind, dazu kommen. Und mit
einer Aufenthaltserlaubnis wird vielen Flüchtlingen ja auch die Freizügigkeit innerhalb Deutschlands gewährt. Etliche werden dann in
die Ballungsräume, also auch nach Berlin ziehen.

nutzt werden können, etwa als Studentenwohnheime oder auch als
normale Wohnungen. Es wird sehr flexible Varianten geben, wir sind
da sehr gespannt.

Werden auch im Bezirk Mitte solche modularen Unterkünfte e­ ntstehen?

Aber Berlin will ja auch bauen. Kurzfristig zum Beispiel neue Con­
tainerdörfer – dabei hieß es noch vor einigen Monaten, der Markt
für solche Container sei in Deutschland absolut leergefegt.
Das hat der Weltmarkt inzwischen reguliert: Bei uns gehen genügend
Angebote aus allen Teilen der Erde ein, zuletzt zum Beispiel über 500
Wohncontainer, die ursprünglich für die Erdölexploration in Sibirien
gefertigt wurden, wegen des Ölpreisverfalls jetzt aber nicht eingesetzt
werden. Wir wollen in diesem Jahr rund 12.000 bis 15.000 Plätze in
solchen Wohncontainern einrichten und verhandeln mit den Bezirken über die Standorte. Dazu kommen dann noch weitere ungenutzte Bürogebäude wie etwa das Rathaus Friedenau.
Am ehemaligen Flughafen Tempelhof werden rund 4.000 zusätz­
liche Plätze in Hallen eingerichtet. Hier entsteht dann der zentrale
Ort des Ankommens, an dem auch die Behörden vertreten sein werden: das LaGeSo, die Ausländerbehörde und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, aber auch das Jobcenter. Wir müssen so
schnell wie möglich von den Sporthallen wegkommen. Das ist die
schlechteste aller Varianten – für die Berliner, für die Flüchtlinge
selbst, aber auch für die Finanzen der Stadt: Nichts ist so teuer wie
die Notunterbringung in Sporthallen, weil man hier besonders viel
Personal benötigt.

Klar ist noch nichts. Bisher ist nur ein einziger Standort im Gespräch:
auf dem Gelände der Wiesenburg in der Weddinger Wiesenstraße.
Dabei will die DEGEWO zusammen mit dem Verein Wiesenburg e.V.
an die historische Nutzung als Obdachlosenasyl anknüpfen. Es gibt
auch schon spannende Vorschläge, bei denen etwa auch Werkstätten
in die Unterkünfte integriert werden.
In Mitte könnten aber auch zwei andere Standorte für Container zumindest temporär genutzt werden: zum einen der Parkplatz am Haus
der Statistik in der Nähe des Alexanderplatzes (Otto-Braun-Straße)
und zum anderen ein Gelände unweit des Flughafens Tegel: beim
Zentralen Festplatz, der wie viele gar nicht wissen, ja auch zum Bezirk Mitte gehört.
Sie waren in letzter Zeit viel auf Reisen und haben sich angeschaut, wie
andere Städte in Deutschland mit dem Problem umgehen. Was können
wir in Berlin noch lernen?
Große Städte wie München, Hamburg, Köln oder Frankfurt wissen ja
schon viel länger als Berlin, dass sie eine Wachstumsperspektive haben. Dort geht man dementsprechend auch mit Liegenschaften ganz
anders um. Zwar hat sich auch in Berlin die Liegenschaftspolitik in
den letzten Jahren grundsätzlich verändert – man verkauft nicht

mehr einfach kommunale Grundstücke an den Meistbietenden, sondern achtet darauf, was mit den Grundstücken später passiert. In vielen anderen Städten betreibt die Kommune aber darüber hinaus eine
aktive Liegenschaftspolitik: Sie kauft also strategisch auch Grundstücke auf, die in Zukunft gebraucht werden können. Dazu müssten
wir in Berlin auch kommen.

Interview: Christof Schaffelder

Stadtforum am 4. April
Das nächste Berliner Stadtforum steht unter dem Motto: »Berlins
neue Gründerzeit: Alle wollen wohnen.« Die Wohnungspolitik ist
derzeit eines der dringlichsten Themen der Stadt.
Der Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, Andreas Geisel, lädt
ein, über das Thema gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern
aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft sowie der Berliner
Stadtgesellschaft zu debattieren.
Wie kann das Leben und Wohnen im wachsenden Berlin gestaltet
werden? Was bedeutet die neue, dritte Gründerzeit für Berlin? Was
bedeuten das städtische Wachstum und das schnelle Bauen für die
Quartiere und das Zusammenleben? Welche Architektur, welcher
Städtebau, welche sozialräumlichen Konzepte sind erforderlich, um
lebenswerte und nachhaltige Quartiere zu schaffen, die zu einer gelingenden Integration der Neu-Berlinerinnen und Neu-Berliner beitragen? Wie und wo werden Transformation und neue Quartiere organisiert?
Über die Frage »Alle wollen wohnen: Wie kann Berlin das schnell
und gut schaffen?« kann außerdem online schon jetzt diskutiert werden: seit Ende Februar 2016 ist die aktualisierte Seite www.berlin.de/
stadtforum als Forum freigeschaltet, bereits jetzt finden sich dort viele
Beiträge. Dort ist auch das Programm des Abends einsehbar.
Stadtforum Berlin, 4. April, 18.00–20.30 Uhr, Ort: Tempodrom,
­Möckernstraße 10, 10962 Berlin
Die Teilnahme ist kostenfrei, eine Anmeldung nicht erforderlich.
www.berlin.de /stadtforum

Und wo sollen sie untergebracht werden?

6

Was ist mit den »MUFs«, den »Modularen Unterkünften für Flüchtlinge« von denen so oft die Rede ist?
Wir rechnen damit, dass bis Jahresende die ersten 3.000 bis 4.000
Plätze fertig sind, der größte Teil wird aber erst 2017 folgen. Diese
industriell vorgefertigten Systeme lassen sich deutlich schneller bauen als konventioneller Wohnraum, darin liegt der große Vorteil. Die
Kosten dagegen sind meist nicht niedriger – obwohl es bei Holzkonstruktionen mit bis zu drei Geschossen sehr interessante Angebote
gibt.
Diese »MUFs« dienen dann als Gemeinschaftsunterkünfte für Familien oder Wohngemeinschaften von Flüchtlingen. In der Standardversion der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung haben sie Gemeinschaftsküchen. Der Großteil dieser modularen Bauten wird allerdings von den sechs landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften
und der ebenfalls landeseigenen Immobiliengesellschaft Berlinovo
errichtet, wobei diese sich nicht an die Standardversion halten müssen. Da die Gebäude ja dauerhaft stehen bleiben sollen, werden sie so
geplant, dass sie ohne großen Aufwand auch für andere Zwecke ge-

»Wir müssen so schnell wie möglich
von den Sporthallen wegkommen.
Das ist die schlechteste aller Vari­
anten – für die Berliner, für die
Flüchtlinge selbst, aber auch für
die Finanzen der Stadt.«

Ch. Eckelt

Um es gleich zu sagen: Ohne die Bereitschaft der Berlinerinnen und
Berliner, Flüchtlinge bei sich aufzunehmen, wird es nicht gehen. Wir
haben das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk EJF damit beauftragt, Flüchtlinge aus Gemeinschaftsunterkünften in Wohnungen zu
vermitteln. Mehr als 2000mal ist das im vergangenen Jahr auch
schon gelungen. In diesem Jahr sollte die Zahl fünfstellig werden. Es
haben sich auch schon rund ein Dutzend Initiativen in diesem Bereich gebildet, wie zum Beispiel »Flüchtlinge Willkommen«, die Zim­
mer in Wohngemeinschaften vermittelt. Auch die Bezirke bauen jetzt
solche Vermittlungsplattformen auf, in Mitte ist Stadtrat Stephan
von Dassel da sehr aktiv. Viele Berlinerinnen und Berliner wohnen in
großen Wohnungen und hätten durchaus die Möglichkeit, noch
­jemanden aufzunehmen. Die Kosten werden dann bis zu den am
Mietspiegel ausgerichteten Obergrenzen der »Ausführungsvorschrift
Wohnen« übernommen, die auch für Hartz-IV-Empfänger gelten.
Dabei können sie sogar bis zu 10 % darüber liegen, weil die Flüchtlinge akut von Obdachlosigkeit bedroht sind. Über all dies berät auch
das EJF in seiner Beratungsstelle am LaGeSo.

7

»Runder Tisch Tourismus« und
der Erfahrungsaustausch »Stadtverträglicher Tourismus« diskutieren
Handlungsoptionen

Ch. Eckelt

Im vergangenen Jahr wurden in Berlin erstmals mehr als 30 Millionen touristische
Übernachtungen gezählt – mehr als dreimal
soviel wie 1999. Touristen bringen viel Geld
in die Stadt: visitBerlin, die offizielle Tourismusorganisation der Stadt, schätzt den Umsatz der Branche auf über 10 Milliarden
Euro im Jahr, vor allem im Gastronomiegewerbe, im Einzelhandel und bei den Dienstleistungen. Ein Großteil davon wird im Bezirk Mitte erwirtschaftet.
Dort wird das allerdings nicht von allen als
Segen empfunden. Rund 30 % der Bewohner
des Altbezirks Mitte fühlen sich vom Tourismus eher gestört, so ergab eine Umfrage im
vergangenen Jahr im Auftrag von visitBerlin.
In ganz Berlin antworteten nur 15 % so – unter anderem, weil sie die illegale Vermietung
von Wohnungen als Ferienwohnungen als
bedrohlich empfinden. In Alt-Mitte jedoch
spüren viele die Auswirkungen ganz konkret: Wenn manche Straßen ständig von
­Reisebussen verstopft sind, wenn sich Menschenmengen auf Bürgersteigen stauen oder
sich der Einzelhandel im Gebiet nur noch an
den Bedürfnissen der Touristen orientiert,
nicht mehr an denen der Anwohner. Andererseits empfinden viele ein belebtes Wohnumfeld auch ausdrücklich als positiv. Problematisch wird es jedoch vor allem, wenn die-

8

se Belebung in der Nacht stattfindet und
sich das Umfeld zur Partyzone entwickelt.
Zum zweiten Mal traf sich am 29. Februar
der »Runde Tisch Tourismus« im Rathaus
Mitte, einberufen von der Wirtschaftsförderung des Bezirks. Die Teilnehmer bestanden
zum Großteil aus Profis: Gewerbetreibende
aus der Branche, Polizisten, etliche Mitarbeiter der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bezirksverordnete sowie der auch
für Wirtschaft zuständige Bezirksstadtrat
Carsten Spallek. Konkret betroffene Anwohner waren jedoch eindeutig die Minderheit.
Das ausgegebene Ziel, »einen Beitrag zur
weiteren Unterstützung der touristischen
Entwicklung des Bezirks sowie zur Erhöhung der Akzeptanzhaltung der Bevölkerung in Hinblick auf negative Auswirkungen
des Tourismus« zu leisten, schien die Bevölkerung nicht besonders anzusprechen.
Die organisiert sich unterdessen andernorts:
Wenige Tage zuvor hatten sich mehrere Initiativen, vornehmlich aus FriedrichshainKreuzberg, im Roten Rathaus zum berlinweiten Erfahrungsaustausch »Stadtverträglicher Tourismus« getroffen und einen umfangreichen Maßnahmenkatalog verabschiedet: Darin enthalten sind Vorschläge für
striktere Regelungen der Baunutzungsverordnung und der Lärmschutzverordnung,
Forderungen wie die Einführung einer »PipiSteuer« für Getränkeverkäufer zur Finanzierung öffentlicher Toiletten und eines Pfandsystems für Wegwerfverpackungen oder die
Etablierung von »Tourismusbeauftragten«
auf Landes- und Bezirksebene.
So konkrete Vorschläge lieferte der »Runde
Tisch Tourismus« noch nicht. Immerhin
konnte man erfahren, dass es Überlegungen
gibt, eine Art »Regionalmanagement« rund
um den Alex anzustoßen. Ein solches exi-

stiert bereits in der City West: Dort kümmert sich ein von der Senatsverwaltung
Wirtschaft, Forschung und Technologie finanzierter Regional­manager um die Standortpflege, allerdings in Zusammenarbeit mit
dem »Aktiven Zentrum City West«, das auch
Zugriff auf Städtebaufördermittel gewährleistet. Die stünden einem »Regionalmanagement Mitte« nicht zur Verfügung, so dass
noch ziemlich unklar blieb, mit welchen
Mitteln sich das Management um was genau
kümmern soll. Nach dem vorliegenden
­Organigramm lägen die Schwerpunkte in
den Bereichen Kultur, soziales Platzmanagement und Wirtschaft (»City-Management«).
Noch nicht klar sind zudem die lokalen Gebietsgrenzen: »Wir gehen bisher von der Bezirksregion Alexanderplatz aus«, erklärte
Beate Brüning von der Wirtschaftsförderung
Mitte, »werden das aber noch einmal überprüfen.« Die Bezirksregion erstreckt sich
von der Charité über die Spandauer Vorstadt
bis zur Karl-Marx-Allee und die Nördliche
Luisenstadt, spart aber die Friedrichstadt
aus (Bezirksregion »Regierungsviertel«)
und damit auch wichtige touristischen Hotspots.
Einen starken Praxisbezug erreichte der
Runde Tisch jedoch über die Beiträge des
Präventionsbeauftragten des lokalen Polizeiabschnitts und der anwesenden Mitarbeiterin des Landeskriminalamtes. Denn natürlich sind die Touristengebiete auch Operationsfelder organisierter Kriminalität. Derzeit
sind etwa am Alex verstärkt falsche Spendensammler unterwegs. Das Perfide dabei:
Die Trickbetrüger stecken sich nicht nur die
Bargeld-Spenden in die eigene Tasche, sondern arbeiten mit Taschendieben zusammen, die genau darauf achten, wo die Geldbörse verstaut wird, um sie anschließend zu
stehlen.
An diesem Punkt zumindest blitzte eine
Idee davon auf, wie sich ein funktionierendes lokales Netzwerk aus Gastronomen, Einzelhändlern und Dienstleistern positiv auswirken könnte – wenn die ihre Kunden entsprechend informierten und an gezielten
mehrsprachigen
Aufklärungskampagnen
teil­­nähmen. Ob Ähnliches auch zur »Erhöhung der Akzeptanzhaltung der Bevölkerung« denkbar wäre? Dazu müsste man aber
auch anerkennen, dass es auch negative Auswirkungen des Tourismus gibt und dass
langfristig alle davon profitieren würden,
wenn es gelänge, diese in gewissen Grenzen
zu halten.
cs
Die Maßnahmenvorschläge zum stadtverträglichen Tourismus findet man unter anderem
auf der Website www.lokal-leben.org (Aktuelles, 2. Berlinweiter Erfahrungsaustausch).

Teepeeland –
jetzt mit
­gemeinnützigem Verein

Seit einigen Jahren gibt es nun schon das Teepeeland am Spreeufer,
direkt neben dem brachliegenden Areal der ehemaligen Eisfabrik.
Viele Anwohner, Besucher und Spaziergänger kennen das kleine
Dorf in der Stadt mit seinen Tipis, Jurten und kleinen Hütten, zwischen denen angelegte Beete gepflegt werden – auch einen gemeinsamen Versammlungs- und Lagerfeuerplatz gibt es. Auch im Winter
leben hier Menschen, die diese alternative Lebensform bewusst wählen. Derzeit sind es ca. 20.
Dabei betrachten die Bewohner das Teepeeland aber nicht als abgeschottete Enklave – vielmehr ist ihnen der Kiez und die Nachbarschaft sehr wichtig, zu der sie gute Kontakte pflegen, beispielsweise
zur Spreefeld-Genossenschaft, die gleich nebenan gebaut hat, oder
zum Verein Spreeacker e.V.
Sie engagieren sich für ihr Umfeld, deshalb beteiligen sie sich auch
an den öffentlichen Diskussionen zur künftigen Gestaltung des
Spreeufers als öffentlicher Ort und bringen ihre Ideen auf Workshops
und anderen Veranstaltungen ein. Beliebt sind auch die zahlreichen
Kulturveranstaltungen, die das Teepeeland organisiert, von Filmabenden über Musik bis zu Performances.
Nun hat das Teepeeland auch einen offiziellen Trägerverein. »Das
Teepeeland ist als multikulturelles, ökologisch ausgerichtetes und basisdemokratisches Projekt mittlerweile weit über Berlin hinaus bekannt«, sagt Niko Rollmann. Er wohnt nicht selbst im Teepeeland,
gehört aber seit langem zu den Freunden und Unterstützern. »Die
Frage war immer, wie man verhindern kann, dass das Teepeeland irgendwann einfach verschwindet. Es war langsam an der Zeit, auch
eine Rechtsform für das Projekt zu finden.« Seit 2013 habe man gemeinsam darüber diskutiert, die Meinungen waren geteilt, bis sich
schließlich die Einsicht durchsetzte, dass ein gemeinnütziger Trägerverein nicht nur einen rechtssicheren Rahmen schafft, sondern auch
das Projekt nach außen repräsentieren kann. Es dauerte eine Weile,
bis sämtliche Formalitäten (Vereinsgründung, Satzung, Notar, Anerkennung vom Finanzamt etc.) erfüllt waren. Nun ist die Gemeinnützigkeit anerkannt und der Verein ins Vereinsregister eingetragen –
als »Teepeeland Nachbarschafts- und Kulturprojekt e.V.« Mitglieder
sind sowohl Bewohner als auch Unterstützer und Freunde.
Der Verein will sich neben »repräsentativen Aktivitäten« wie z.B.
kulturellen Veranstaltungen auch um die Pflege des örtlichen Uferbereichs kümmern und sich weiter beim Neugestaltungsprozess des

Ch. Eckelt

Die zwei Seiten
des Tourismus

Ufers engagieren, so ist es auch in der Vereinssatzung festgehalten.
Außerdem gehören auch Pflege und Dokumentation der denkmalgeschützten historischen Spuren wie die noch erhaltenen Reste der
DDR-Grenzanlagen zu den Vereinszielen.
us

Tempo 30 wegen Diesel?
An vielen Hauptverkehrsstraßen Berlins müsste ganztägig eine Tempo30-Begrenzung eingeführt werden. Das zumindest wäre die Konsequenz
eines Verwaltungsgerichtsurteils vom 4. Januar 2016, das einem Anwohner der Berliner Allee in Weißensee Recht gab.
Dort befindet sich ein Standort des Berliner Luftgüte-Messnetzes. An 28
von insgesamt 29 Messstationen an Berliner Hauptverkehrsstraßen war
im Jahresmittel 2014 eine Überschreitung des zulässigen Grenzwertes
für Stickstoffdioxid registriert worden. Der beträgt 40 Mikrogramm pro
Kubikmeter Luft, an der Berliner Allee wurden im Mittel 50 Mikrogramm gemessen.
Der vom Senat beschlossene Berliner Luftreinhalteplan sieht in solchen
Fällen diverse Maßnahmen vor, u.a. die Reduzierung der Geschwindigkeit. Das Verwaltungsgericht gab der Klage auf ganztägige Tempo
30-Anordnung statt und ließ auch keine Berufung zu. Gegen diese
Nichtzulassung der Berufung klagt jetzt der Senat vor dem Oberverwaltungsgericht.
Stickstoffdioxid ist hochgiftig und entsteht vor allem durch Dieselmotoren. Zwar sollte die Belastung durch die Einführung strengerer Normen
für die Automobilindustrie zurückgehen. Wie inzwischen allgemein
bekannt ist, wurde von der Industrie die tatsächliche Reduzierung aber
in der Praxis trickreich umgangen. Die größte Belastung wurde in Berlin
an der Station Leipziger Straße 32 mit 69 Mikrogramm Stickstoffdioxid
gemessen, in der Friedrichstraße 72 wurde der Grenzwert mit 42 Mikrogramm dagegen nur knapp überschritten, genauso wie in der Frankfurter Allee 86b.
Die Klage wurde vom Bund Umwelt und Naturschutz (BUND) Berlin
unterstützt. Der fordert vom Senat, auch an anderen Standorten mit
Grenzwertüberschreitung Tempo 30 anzuordnen: »Falls nicht, stehen
die nächsten Anwohner, die klagen möchten, schon bereit.« 
cs



9

Jubiläumsfeier am 15. April im Café am Engelbecken

Ch. Eckelt

Kaum zu glauben, aber im April feiert der Bürgerverein Luisenstadt
sein bereits 25-jähriges Bestehen: ein Vierteljahrhundert erfolgreicher Arbeit für das historische Gebiet.
1991, der Mauerfall war gerade zwei Jahre her fanden sich Anwohner
von beiden Seiten der ehemaligen Staats- und Systemgrenze zusammen und gründeten den gemeinnützigen Bürgerverein Luisenstadt
e.V. Sie wollten sich kennenlernen und sich gemeinsam um das Geschehen im Kiez kümmern. Vor allem sollte auf dem ehemaligen
Grenzgebiet mit Mauer und Todesstreifen wieder ein Grünzug entstehen und das historische Engelbecken wieder hergestellt werden.
Die historische Luisenstadt wird seit 1920 teils vom Bezirk Mitte,
teils von Kreuzberg verwaltet, war zusätzlich 40 Jahre lang in Ost und
West geteilt, 27 Jahre lang zerschnitt die Mauer das Gebiet. Diese
Trennung wollte der Bürgerverein überwinden und »verbinden, was
zusammengehört«. Ein erstes großes Arbeitsfeld und ein großer Erfolg war die Wiederherstellung des zerstörten Gartendenkmals und
des Luisenstädtischen Kanals sowie des Engelbeckens, das heute wieder ein beliebter Aufenthaltsort ist – auch dank des großen ehrenamtlichen Einsatzes des Vereins, der bis heute immer wieder leider
auch mit Vandalismus am Engelbecken zu kämpfen hat und unermüdlich dessen Spuren beseitigt.
In den letzten Jahren hat der Entwicklungsdruck auf das Gebiet stark
zugenommen. Deshalb wurden Teile der Luisenstadt als Sanierungsgebiet ausgewiesen, damit die Kommune das Geschehen besser steuern kann. Zugleich werden Fördermittel aus dem Denkmalschutzprogramm insbesondere in die öffentliche Infrastruktur investiert, zu
den großen Vorhaben gehört die durchgehende Gestaltung des
Spreeufers als öffentlicher Ort für alle.
Der Bürgerverein arbeitet dabei auch aktiv in der Betroffenenvertretung im Sanierungsgebiet Nördliche Luisenstadt mit. Er versteht sich
dabei als »Stimme der Luisenstadt, als kompetenter erfahrener Ansprechpartner, als Kritiker und Vermittler, als gemeinsame Handlungsplattform und Forum der lokalen Zivilgesellschaft«, wie der
Verein selbst schreibt: »Die Stadtentwicklung und die soziale Entwicklung zwischen Spree, Alter Jakobstraße und Landwehrkanal erfordern Transparenz, Öffentlichkeit und Einmischung. Bürgerschaftliches Engagement wird bei leeren öffentlichen Haushaltskassen unverzichtbar, um Fehlentwicklungen zu vermeiden.«
Der Verein beteiligt sich aber nicht nur aktiv an aktuellen Debatten
im Gebiet, sondern sorgt mit zahlreichen Veranstaltungen auch für

kulturelle Belebung: Er organisiert Kiezführungen und Vorträge zu
historischen Themen, Besuche bei Handwerksbetrieben, Angebote
zum jährlichen »Tag des offenen Denkmals« und – last not least – das
beliebte nichtkommerzielle, jährliche Stadtteilfest. Zudem gibt es
eine sehr informative und überaus gut gepflegte Website des Vereins,
die über Aktuelles im Gebiet informiert.
Am Freitag, dem 15. April, will der Bürgerverein zusammen mit den
Luisenstädtern und anderen Interessierten sein 25-jähriges Jubiläum
feiern und lädt ab 15.30 Uhr ins Café am Engelbecken ein! Auch neue
Mitglieder, die sich für ihren Stadtteil engagieren wollen, sind im
gemeinnützigen Verein stets herzlich willkommen – ebenso wie
Spenden.
us

Generationen von Druckern,
Schriftsetzern und Reprofotografen
wurden in der Michaelkirchstraße
17 ausgebildet

Bürgerverein Luisenstadt e.V., Büro: Michaelkirchstraße 2, 10179 Berlin,
Telefon 279 54 08, E-Mail: buero@buergerverein-luisenstadt.de
Website: www.buergerverein-luisenstadt.de
Auf der Website findet man auch einen virtuellen Rundgang zu
­empfohlenen interessanten Orten in der Luisenstadt und zu Erinnerungszeichen, die auf die lange Geschichte des Stadtteils verweisen.
Veranstaltungen des Bürgervereins Luisenstadt April bis Juni 2016
Sa, 9. April, 11.00–12.30 Uhr > Verkehrswege der Luisenstadt, Teil III
Stadtrundgang mit dem Historiker Andreas Splanemann
Die dritte Führung zu den Verkehrswegen in der Luisenstadt beginnt am
U-Bhf. Heinrich-Heine-Straße. Die heutige U-Bahnlinie U8 wird mit
ihrer sehr wechselhaften Bau- und Entstehungsgeschichte auf dem
Rundgang mehrfach eine Rolle spielen. Vorbei am Köllnischen Park geht
es zum Museumshafen. Dort unterquert die U2 die Spree. Über die
­Fischerinsel führt der Rundgang dann zur Schleuse am Mühlendamm.
Anschließend geht es zum U-Bahnhof Klosterstraße mit seinen baulichen Besonderheiten und zum Rest der Altberliner Stadtmauer, es geht
um einen (fiktiven) kriminalfall, besichtigt werden die spuren eines
unbekannten U-Bahnhofs.
Treffpunkt: Heinrich-Heine-Denkmal, Heinrich-Heine-Straße 101
(am U-Bhf.)
Samstag, 5. Mai, 11 Uhr > Köpenicker Straße 8: wiederhergestellte
Mischung von Wohnen und Arbeiten
Werkstattbesuch beim Gitarrenbauer Lutz Heidlindemann mit
anschließendem Rundgang über das Grundstück und Besuch des
Zweiradmuseums mit dem Architekten Stefan Klinkenberg
Seit Mitte der 80er Jahre wird die traditionelle Mischung von Wohnen
und Arbeiten in der Luisenstadt wieder neu belebt.
Seit 2001 hat der Gitarrenbauer Lutz Heidlindemann seine Werkstattund Geschäftsräume in der Köpenicker Straße, direkt am Spreeufer.
Er betreute das Equipment bekannter Bands, repariert, restauriert und
baut Instrumente nach Kundenwünschen. Zu den Kunden gehören
Berufsmusiker wie Die Ärzte, Al Di Meola, Element of Crime und viele
andere.
Stefan Klinkenberg lebt seit 1985 in der Köpenicker Straße 8 mit Familie, Architekturbüro und Zweiradmuseum. Mit seinem ArchitektenPartner Kampmann sanierte und entwickelte er von 1985 bis 1993 die
Köpenicker Straße 8 als Selbsthilfeprojekt. Beide sind tätig in den
Bereichen Stadtentwicklung, Denkmalschutz, Ökologie und Soziales.
Treffpunkt: Eingang Köpenicker Straße 8
Die Teilnahme an allen Veranstaltungen ist kostenlos.
Mehr Informationen finden Sie im Internet unter
www.buergerverein-luisenstadt.de

10

Erinnerungen an
die Berufsschule
Rudi Arndt (1)

Archiv Falko Hennig

25 Jahre Bürgerverein
­Luisenstadt

Der Regisseur Leander Haußmann, der Karikaturist Ol, die Moderatorin Marion Brasch, die Schriftstellerin Katja Lange-Müller sind nur
einige der späteren Prominenten, die in der Berufsschule »Rudi
Arndt« zu Druckern oder Setzern für die DDR ausgebildet wurden.
Auch ich lernte hier von 1986 bis 1988 Schriftsetzer, kann mich aber
nicht einmal als Semi-Prominenten bezeichnen. Doch auch in meinem alten Ausweis für Arbeit und Sozialversicherung ist ein Stempel
der »Betriebsschule Rudi Arndt, Bildungsstätte der Druckerei Neues
Deutschland« in der Michaelkirchstraße 17.
Seit 1990 ist Ahne mein Hausbesetzer-Nachbar und seit 1995 Reform­
bühnen-Kollege und, was es noch reizvoller macht, mich mit ihm auf
einen Kaffee zu verabreden: auch er hat an der BS Rudi Arndt gelernt,
allerdings vor meiner Zeit, von 1984 bis 1986 und zwar Drucker und
nicht Schriftsetzer.
Wir schwelgen in meiner Küche in Erinnerungen, manche Namen
von Lehrern fallen uns nicht mehr ein, andere würden wir hier sowieso anonymisieren. Ahne erinnert sich an die Begrüßungsfeier im
Kino International, wo in einem Film alle Drucker weiße Kittel mit
einen Kugelschreiber in der Tasche anhatten. In der Schule im Keller
stank das alte Öl in den Maschinen: keine weißen Kittel, sondern
verschmierte Blaumänner. Als Hänfling musste er als erstes schwere
Walzen oder Farbwannen auswechseln, die ganze Wanne lief aus, ordentlich Gelächter, gute Laune von Anfang an.
Mir fällt das Fach »Polygrafische Kulturpolitik« bei Frau Kinzorra
ein, die prompt von uns »Kinderzorro« genannt wurde. In Ahnes
Klasse war es ähnlich, gleich, nachdem sie ihren Namen gesagt hatte,
fragte jemand: »Dürfen wir Sie auch Zorro nennen?« Und sie hatte
nicht einmal etwas dagegen. Sie war nett, zu jeder Ausstellung sagte
sie: »Muss man unbedingt gesehen haben!« Und zu jedem Buch:
»Muss man unbedingt gelesen haben!«
Bei mir war es das »Berliner Wappen« am Michaelkirchplatz, wo ich
mit anderen Lehrlingen meinen Jugendalkoholismus auslebte, bei
Ahne begann die Sauferei dagegen in der »Esse« an der Jannowitzbrücke. Bei manchen seiner Lehrfacharbeiter sei der Jugendalkoholismus nahtlos in den normalen übergegangen. Ein Herr V. ist ihm da
besonders im Gedächtnis. Freitag sei Jugendtag, habe der erfunden,
da könnten die Lehrlinge die Maschinen allein bedienen. Er konnte
dann häufig nicht mehr allein hinausgehen.
Im Metzer Eck gab es einen Stammtisch der »schwarzen Künstler«,
und das »Hühnergustl« in der Grünberger Straße hatten sogar ein
Zimmer für die 
Drucker reserviert: »Was die Sachertorte in Wien, ist
das Hühnergustl in Berlin.« In Ahnes Klasse gingen viele Punks und
Skinheads, sogar ein Graffiti-Maler war dabei, der seiner Leiden-

schaft mit Autolack nachging und während des Unterrichts nur an
seinen Vorlagen arbeitete. Auch ein Nazi gehörte dazu, der später die
Weitlingstraße mit besetzte, und einer hielt sich für einen Außerirdischen und hatte zwei selbst gebastelte Antennen auf dem Kopf.
Angenehme Erinnerungen hat Ahne an den schon etwas älteren
Herrn Nikolaus, der fünf Minuten vor der Pause die »Vorbereitung
auf die Pause« eingeführt hatte. Außerdem konnte man seinen Unterricht durch Fragen nach seinem Trabant oder nach Rock’n’Roll
beliebig unterbrechen, das waren seine Steckenpferde, über die er
dann lange Ausführungen von sich gab. Durchaus nicht uninteressant, da er von den illegalen Rock’n’Roll-Kneipen in der DDR in den
50er Jahren erzählte.
Mich erinnert das an unseren Lehrer für Betriebsökonomie, was BÖ
abgekürzt wurde. Der kam oft in die Klasse, blickte sich um und sagte: »Ihr wisst alle, was Ihr zu tun habt?« und saß dann die ganze
Stunde da und las ein Buch, wenn er besonders lustige Stellen fand,
las er sie laut vor. Schöne Lehrzeit!
Es sind doch noch viele lustige und spannende Geschichten, die für
die heutige Kolumne den Rahmen sprengen. Deshalb werde ich versuchen, hier an dieser Stelle gelegentlich noch einige zu erzählen.
Leider konnte ich bisher nicht herausfinden, wann die Bildungsstätte
gegründet wurde und wann geschlossen. Nur so viel: 1967 hat es sie
schon gegeben und mindestens bis 1990 hat sie existiert.
Heute erinnert an der Michaelkirchstraße 17/18 nichts mehr an den
alten Gewerbebau. Büros und ein Altersheim befinden sich in einem
schlichten Neubau von 1997 auf der früheren Brache vor der Schule.
Aber die Gebäude der BS Rudi Arndt dahinter stehen noch.

Falko Hennig
Der Autor lädt täglich zum Stadtspaziergang »Lilienthal & Genossen«
(2h, € 10,–) durch die Luisenstadt und den schmalsten Park Berlins ein,
Treffpunkt: 11 & 14 Uhr, U-Bahnhof Heinrich-Heine-Straße Ecke
­Köpenicker, Anmeldung erforderlich: (0176) 20 21 53 39.
Foto: Die Gebäude der BS Rudi Arndt um 1993.



11

Sanierungsgebiet
­Nördliche
Luisenstadt
Märkisches Museum
Köllnischer
Park

Erhaltungsgebiete

Gebäude der
Senatsverwaltung

Heizkraftwerk
Mitte

Stadtteilladen
»dialog 101«

ehemalige
Eisfabrik
Deutsches
Architekturzentrum (DAZ)

Michaelkirchplatz

HeinrichHeine-Platz

ehemaliges
Postfuhramt

St. MichaelKirche

Engelbecken

Ansprechpartner und
­Adressen für das Gebiet
Nördliche Luisenstadt
Bezirksamt Mitte von Berlin,
Stadtentwicklungsamt,
Fachbereich Stadtplanung
Müllerstraße 146, 13353 Berlin
Amtsleitung: Kristina Laduch,
Tel 901 84 58 45
kristina.laduch@ba-mitte.berlin.de
Sanierungsverwaltungsstelle
Reinhard Hinz (Gruppenleitung)
Tel 901 84 58 53
reinhard.hinz@ba-mitte.berlin.de
Anke Ackermann, Tel 901 84 57 57
anke.ackermann@ba-mitte.berlin.de
Wolf-Dieter Blankenburg, Tel 901 84 57 21
wolf-dieter.blankenburg@ba-mitte.berlin.de

Senatsverwaltung für Stadtentwicklung
und Umwelt
Referat IV C – Stadterneuerung
Württembergische Straße 6, 10707 Berlin
Joachim Hafen (Gebietsbetreuung
Luisenstadt), Tel 901 39 49 19
joachim.hafen@senstadtum.berlin.de
Gebietsbetreuung Luisenstadt (Mitte)
Koordinationsbüro für Stadtentwicklung
und Projektmanagement – KoSP GmbH
Schwedter Straße 34 A, 10435 Berlin
www.kosp-berlin.de
Andreas Bachmann, Tel 33 00 28 39,
­bachmann@kosp-berlin.de
Urte Schwedler, Tel 33 00 28 44, ­
schwedler@kosp-berlin.de
Bürgersprechstunde: Montag 14–18 Uhr
im Stadtteilladen dialog 101,
Köpenicker Straße 101

Betreuung Programm Städtebaulicher
Denkmalschutz beim Bezirksamt
Birgit Nikoleit, Tel 901 84 57 79
birgit.nikoleit@ba-mitte.berlin.de
Betroffenenvertretung Nördliche Luisenstadt
Treffen jeden dritten Dienstag im Monat
um 18.30 Uhr, Stadtteilladen dialog 101,
Köpenicker Straße 101,
Ansprechpartner: Volker Hobrack,
Tel 275 47 69, mail: vhobrack@gmx.de
bzw: bv.luisenord@gmail.com
www.luise-nord.de
Bürgerverein Luisenstadt
Michaelkirchstraße 2, 9. Etage,
10179 Berlin, Tel/ AB 279 54 08
buero@buergerverein-luisenstadt.de
www.buergerverein-luisenstadt.de
Bürozeiten: mittwochs 14–16 Uhr
        
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