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Periodical volume

Full text: Dein Kiezbote Issue 6.2016

März 2016 | Ausgabe 6

1

Editorial

Dein Kiezbote

Nachbarschaft

Da fehlt doch noch was!

Liebe Leserinnen und Leser,

Was Senioren sich für den SprengelKiez wünschen

in den letzten Monaten haben wir uns viel darüber gestritten, was nach dem Quartiersmanagement hier im
Kiez passieren soll. Inzwischen hat nun der Aktivismus
unter unseren politischen Vertretern begonnen. Die
Zeit vor den Wahlen ist die Periode des verstärkten
Interesses der Politiker am Leben der Bevölkerung auf
lokaler Ebene. Natürlich, wir sind das Volk – zumindest
sind unsere Stimmen unser Kapital.
Unsere Zeitung kann mit ihren vielfältigen Themen
deshalb eine Quelle der Inspiration für aktuelle und
zukünftige Volksvertreter sein. Der Kiezbote ist ein
Sprachrohr für alle positiven Aktivitäten in unserem
Kiez, aber auch für die Herausforderungen vor denen
wir stehen. Schon auf Seite 3 schildern uns Evelyn Kreß
und Josefine Roth, was die Senioren sich für den SprengelKiez wünschen. Sie begrüßen die positive Entwicklung des Viertels und stellen parallel einige Ideen vor,
die das Leben der Senioren einfacher machen könnten.
„Kunst im Kontext – die künstlerische Werkstatt zur
Geschichte des Weddings im SprengelHaus“ hat sich
für die Geschichte eines ehemaligen Arbeiterviertels
interessiert. Ihr habt es schon erraten – es geht hier tatsächlich um unseren Kiez. Auf den Seiten 4, 5, 6 und
11 gewähren uns die Studierenden Einblicke in ihre
Arbeit.
Auch in dieser Ausgabe porträtieren wir ein Geschäft,
das hier seinen Sitz hat. „Blumen Goldbeck“ in der Tegeler Straße ist relativ neu im Kiez, hat aber das Potential, eine Institution zu werden. Nach seinen beliebten
Spartipps widmet sich Oliver Herde diesmal dem Thema, welche gesellschaftliche Folgen die Darstellung der
Wirklichkeit in den Medien hat. Wir können behaupten, in einer modernen und vernetzten Gesellschaft zu
leben. Jeder will Teil der globalisierten Welt sein. Aber
haben wir die Fähigkeit, kritisch und differenziert mit
dem umzugehen, was täglich auf unseren Bildschirmen
flimmert? Auf den Seiten 8 und 9 begleitet uns Oliver
auf der Suche nach Antworten.

In den letzten Jahren hat sich so einiges im SprengelKiez getan. Durch diverse Maßnahmen hat sich die Lebensqualität verbessert, beispielsweise durch den 2007
eröffneten Sprengelpark. Doch es ist noch nicht genug:
Es gibt viele Anregungen aus dem Kiez, was noch geändert werden könnte.
Auf Seite 10 stellt Ewald mein Buch „Der Weg – Zwei
afrikanische Einwanderer blicken zurück“ vor. Durch
die drängende Flüchtlingssituation hat es an Aktualität
gewonnen. Madou und Kokoumbo hatten nach dem
schwierigen Weg nach Deutschland alles erwartet, bloß
nicht die Realität … Außerdem teilt Ewald auch dieses
Mal wieder seine kulinarischen Erfahrungen mit uns.
Es geht auf Seite 12 um gebratene und gedämpfte Auberginen aus Südchina. Bon Appetit!
Oder auf Chinesisch:

Für Kinder gibt es viele Angebote, allerdings dürfen
die Einwohner über 65 Jahre nicht vergessen werden.
Sie machen immerhin 13 % aller Weddinger aus. Um
herauszufinden, was sich ältere Bürger wünschen und
wie ihr „Traum-Kiez“ aussieht, hat Eveline Kreß auf der
Straße nachgefragt. Sie hat alle möglichen Antworten
von „Ich bin zufrieden“ bis „Wünsche äußern bringt
doch nichts, die Politiker kümmern sich eh' nicht um
die kleinen Leute.“ bekommen.
Hier nun einige Vorschläge der Kiezbewohner:

Und schließlich stellt uns der KINDERHILFE e. V.
auf Seite 14 seine Aktivitäten vor. Der Verein schenkt
durch seinen Einsatz kranken Kindern Hoffnung. Die
Botschaft ist klar: Morgen wird immer ein besserer Tag
sein, solange wir uns dafür einsetzen. Alle diese Ideen
und Aktionen können eine politische Agenda füllen.
Wir wünschen uns jedenfalls, dass, unabhängig ob vor
oder nach einer Wahl, unsere Volksvertreter in engem
Kontakt mit uns bleiben.

Ein wichtiger Punkt ist, dass der 142er-Bus am Wochenende nicht fährt. Dadurch können insbesondere
ältere Leute den Kiez kaum verlassen, da die nächste
U-Bahn-Station zu weit entfernt ist. Auch fühlen sie
sich durch den Verkehr eingeschränkt: Wenn man die
Fahrbahn an der Ecke Sprengelstraße/Tegeler Straße
überqueren möchte, gibt es keine Ampel und keinen
Zebrastreifen. Vor allem Anwohner mit Gehhilfen haben daher Probleme, die Straßenseite zu wechseln.

Also: Die Wahl kann kommen.
Bis dahin, bleibt gesund!
Herzlichst, Euer

Auch die Aspekte Betreuung und Aktivitäten für Senio­
ren werden genannt. So wünschen sich einige, dass
eine Art „Hilfe-und-Betreuungs-Netz“ aufgebaut wird.
Oft sind es nur Kleinigkeiten, die Schwierigkeiten bereiten. Eine Gesellschaft mit verschiedenen Generationen kann solche Probleme aber leicht bewältigen:
Gelegentliche Einkäufe oder sich mal nett unterhalten
– das kann jeder junge Mensch ohne großen Aufwand
leisten. Ein weiteres Anliegen ist, dass es im SprengelKiez wenige Bänke gibt, auf die man sich auch setzen
möchte. Neue Bänke und eine „Bank-Putz-Aktion“ wären eine gute Idee – eigentlich in allen Bezirken Berlins.

Narcisse Djakam
www.integritude.org

Impressum
Titelfoto: Ewald Schürmann, Motiv: Kiezredakteure beim Kiezbotenfrühstück · Redaktion: Narcisse Djakam, Johannes Hayner,
Oliver H. Herde, Josefine Roth, Maja Schudi, Ewald Schürmann, Annette Wolter · Satz und Gestaltung: georg+georg, Gerichtstraße 23,
13347 Berlin · Redaktionsbüro: iNTEGRiTUDE e. V. , Sprengelstraße 15, 13353 Berlin · Kontakt zur Redaktion: redaktion@kiezbote.org
Herausgeber: Narcisse Djakam, Johannes Hayner, Volker Kuntzsch · www.kiezbote.org

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Aktuell

Nun zu zwei weiteren berlinweiten Problemen: Dreck
und Sperrmüll auf den Straßen und das Sicherheitsdefi-

zit. Dies sind Probleme, die kein Kiez allein lösen kann.
Aber, so Eveline Kreß, wäre es nicht eine Idee, Hundekot-Tüten-Spender an den Mülleimern anzubringen,
damit zumindest die Zahl der „Tretminen“ verringert
wird?! Auch zum Thema Sicherheit im SprengelKiez
hat Frau Kreß eine Meinung: Sie wünscht sich wieder
Polizisten, die laufen, anstatt mit dem Auto herumzufahren. Die Polizisten nähmen zu Fuß ihre Umgebung
besser wahr und könnten im Notfall schneller eingreifen. Auch die sichtbare Polizeipräsenz könnte helfen.
Außerdem schlägt Frau Kreß eine kleine Aufwandsentschädigung für die Ehrenamtlichen vor, deren Arbeit
den Kiez erst zu dem macht, was er ist. Des Weiteren
gibt es noch Ideen für eine Erweiterung des SprengelHaus-Spektrums: So wird angeregt, dass ein Englischkurs, eine Standardtanz- und eine Literaturgruppe angeboten werden. Ein weiterer Vorschlag ist die Bildung
einer Frauengruppe – ein regelmäßiges Treffen von
und für Frauen, um sich auszutauschen.
Eine 35-jährige wandte bei der Befragung ein, dass es
schon viele Angebote für Ältere und Kinder gäbe, kaum
jedoch für die mittlere Altersgruppe. Sie wünscht sich
beispielsweise eine Turn- oder Schwimmgruppe.
Du wolltest schon immer eine Literaturgruppe gründen? Oder bist du ein Englischlehrer auf der Suche
nach Schülern mit Lebenserfahrung?
Wir hätten da eine Idee für dich …
Text: Josefine Roth und Eveline Kreß, Foto: Josefine Roth

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Meinung

Von Angesicht zu Angesicht

Von Angesicht zu Angesicht

Meinung

Während die Geschichte der Arbeiterbewegung im Wedding im Laufe der 1970er
Jahre gründlich aufgearbeitet wurde und in der Öffentlichkeit sehr präsent war,
verschwindet sie heute langsam aus der öffentlichen Wahrnehmung.
Uns hat interessiert, ob die Geschichte der sozialen und politischen Bewegungen
eines ehemaligen Arbeiterviertels für seine Bewohner und Bewohnerinnen eine
Bedeutung hat.

Illustration: Sören Tang Bertelsen

Der rote Wedding

Interview und Foto: Caroline Böttcher

Interview: Sabine Faller, Foto: Caroline Böttcher

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Interview und Foto: Eunbi Kwon

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Meinung

Von Angesicht zu Angesicht

Portrait

Unser Kiez

Inhaber Christian und die Floristinnen Lilli und Lisa

„Was so viel Freude schenkt wie eine Blume,
darf nicht mit Pestiziden behaftet sein.“
Blumen Goldbeck in der Tegeler Straße
Seit August letzten Jahres gibt es wieder einen Blumenladen im SprengelKiez – Blumen Goldbeck. Vor dem
Laden stehen diverse Pflanzen, das
Schaufenster ist ansprechend dekoriert und lädt zu einem Abstecher
ein. Das Geschäft ist eine Mischung
aus dem Bauernhof, auf dem man
seine Sommerferien verbracht hat
und Tante Emmas Krämerladen,
den es schon lange nicht mehr gibt.

Interview und Foto: Gregor Kasper

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Dies war auch das Konzept, wie Inhaber Christian erzählt: „Wir wollten keine neuen Elemente im Laden,
auch das ist Nachhaltigkeit. Wir haben hier kein Plastik, die Möbel sind
alle von Freunden und befreundeten
Requisiteuren.“ Denn Christian ist
kein Florist, sondern Szenenbildner
beim Film. Im Interview erzählte er,
warum mit dem eigenen Blumenladen ein kleiner Lebenstraum in Erfüllung ging: „Durch meine Arbeit
bin ich viel gereist. Wenn es zu stressig war, bin ich in den nächsten Blumenladen gegangen und habe mich

dort einfach eine Stunde hingesetzt, schöner, wenn sich dadurch immer
egal ob in Bukarest oder Israel. Blu- wieder alles verändert.
menläden haben mir immer Ruhe
gegeben.“
Neben dem Ladengeschäft gibt es
auch Abokunden wie Cafés und
Als sich die Gelegenheit bot, den Arztpraxen. Außerdem beliefert
Laden zu mieten, lernte Christian Blumen Goldbeck Events und Verüber Kollegen die Floristin Lilli anstaltungen wie die Berlinale, Filmkennen. Zusammen mit den Mit- drehs und Hochzeiten. Auch für anarbeitern Lisa und Salva betreiben dere Anlässe wie Beerdigungen gibt
sie den Laden. Nachhaltigkeit, Bio- es immer das Richtige.
Landwirtschaft und faire Löhne
stehen bei Christian und Lilli immer Schon länger überlegen Christian
im Vordergrund. Ihre Blumen be- und Lilli Workshops in ihr Reperziehen sie von Mai bis Oktober aus toire aufzunehmen. Danach gibt es
der Region von Biobauernhöfen, im eine große Nachfrage. Zu WeihnachWinter achten sie darauf, dass die ten könnte man AdventskranzbinPflanzen vom Großhändler aus um- den anbieten und im Sommer Tipps
liegenden Ländern sind. Ihnen ist zur professionellen Verschönerung
sehr wichtig, dass die Blumen nicht von Balkonen.
pestizidbelastet sind. „Wir haben ja
nur eine Erde und etwas, das so viel
Freude wie eine Blume schenkt, darf
nicht mit Pestiziden behaftet sein“,
sagt die Geschäftsleiterin Lilli. Blumen Goldbeck bieten ihre Pflanzen
möglichst saisonal an. Sie finden es
Text und Foto: Josefine Roth

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Kommentar

Zur aktuellen Lage

Zur aktuellen Lage

TERROR, TRUG UND
TAGESSCHAU

Das Geschäft mit der Angst

worfen. Radio- und Fernsehnachrichten vermögen bestenfalls sehr
oberflächlich über Hintergründe zu
informieren. Von der Politik ist dies
auch so gewollt.
Dauerthemen wie Flüchtlinge oder
Terrorismus sollen von den wirklichen Problemen ablenken. Sie sollen verhindern, dass über komplexe
Fragen und Vorgänge offen diskutiert wird, welche uns alle betreffen,
wie zum Beispiel staatliche Geheimverträge. Diese Nachrichten sollen
staatliche Überwachung, ausufernde Polizeipräsenz und einschränkende Vorschriften rechtfertigen.
Hier kann der Politiker zeigen, wie
wichtig es ist, ihn statt der anderen
zu wählen. Ganz nebenbei wird auch
unsere Aufmerksamkeit für jene
klein erscheinenden alltäglichen
Dinge gemindert, die wir tatsächlich
beeinflussen könnten.

Schaltet man die Nachrichten ein,
möchte man fast meinen, wir lebten
in unsicheren Zeiten. Ferne Kriege
und gefühlt nahe Terroranschläge
wechseln sich mit bedrohlichen
Krankheitserregern und wirtschaftlichen Krisen ab. So schrecklich und
traurig solche Dinge sind, hilft man
doch niemandem, indem man für
ein paar Tage sein Profilbild in den
sozialen Netzwerken des Internets
ändert. Schließt man sich hingegen
gar der Welle der Furcht und Hysterie an, vergrößert man den Schaden nur oder schafft gar neuen. Mit
ihrer Art und Menge der Berichterstattung verschlimmern die Medien, allen voran die öffentlich-(un)
rechtlichen Nachrichtensendungen,
den Effekt terroristischer Aktionen,
denen es ja in erster Linie um Angst
geht. So schaffen sie ein Klima unangemessener Panik.
8

Als Historiker sehe ich die Sache
entspannt: Verglichen mit den letzten 2000 Jahren leben wir in einer
ausgesprochen friedlichen Zeit. Jeder von uns ist unermesslich reich
im Vergleich zu seinen Vorfahren.
Wir haben Heizung, fließend Wasser, Elektrizität und eine ärztliche
Versorgung, die sich auch Kaiser
und Könige gewünscht hätten.
Woher also dieses Gejammer? Aus
den Medien. Die sensationsgierige
Masse hastet von einem Schrecken
zum nächsten: BSE, Ebola, Grippewelle, Afghanistan, Ukraine, Syrien,
Hungersnot, Flüchtlinge, Vergewaltigung, Kindermord und als Abrundung des Programms schlechtes
Wetter. Spätestens nach ein paar
Wochen ist alles wieder vergessen,
da neue Meldungen die alten ablösen. Nicht, weil letztere nicht mehr
aktuell wären, sondern weil sich das

Publikum nicht langweilen möchte.
Da darf man sich dann schon einmal
die Frage stellen, inwiefern einen
die Vorgänge denn über die eigene
Gefühlswelt hinaus wirklich und
faktisch persönlich betroffen haben.
Warum schauen sich die Menschen
dennoch diese Nachrichten an?
Zum einen, weil sie sich solche Fragen meist gar nicht stellen. Sie sind
Konsumenten, die sehen wollen,
dass es anderen noch schlechter geht
als ihnen. Viele suchen auch die Aufregung wie in einem Abenteuerfilm.
Zugleich glauben die Leute, mit
Nachrichten besser informiert zu
sein. Doch wie kann solches gelingen, wenn sie vorsortierte Meldungen bekommen? Denn genau dies
und schlechte Recherchen werden
den staatsnahen Sendeanstalten von
ARD und ZDF zunehmend vorge-

Es wird beklagt, den Flüchtlingen
müsse zu viel auf ehrenamtlichem
Wege geholfen werden, und gefordert, der Staat solle mehr tun. Doch
realistisch betrachtet, funktioniert
der Staat ja nur durch unser aller Beiträge, nur dass dort noch eine teure
und behindernde Verwaltungsebene
zwischen Helfer und Bedürftige gesetzt ist.
Dann doch lieber direkt, freiwillig
und ohne Staat! Das würde auch den
kritischen Stimmen den Boden entziehen und der Bevölkerung zumindest diesen Teil ihrer finanziellen
Ängste nehmen. Es würde die Allgemeinheit steuerlich entlasten. Leider
behindert der Staat noch auf eine
andere Weise den reibungslosen
Ablauf: Asylanten wird es durch Arbeitsverbot und andere Einschränkungen unmöglich gemacht für sich

selbst aufzukommen. Sie geraten in
einen Strudel der Bürokratie.
Auch vor Überfremdung muss sich
niemand fürchten. Zum einen kommen die Menschen aus den verschiedensten Ländern und Kulturen,
sprechen die verschiedensten Sprachen und müssen sich schon allein
deshalb auf das einigen, was bereits
im Lande vorhanden ist. Sie bleiben
trotz ihrer großen Zahl eine Minderheit. Als dereinst die Hugenotten
nach Brandenburg kamen, sonderten sich viele ab, blieben unter sich
und sprachen weiterhin französisch.
Doch schon die nächste Generation
hatte sich ganz ihrer neuen Heimat
angepasst.
Neben freier Entfaltung ist die wichtigste Grundlage erst einmal die
deutsche Sprache, um sich zurechtzufinden und einbringen zu können.
Mich verwundert es daher immer,
wenn die Flüchtlinge auf Englisch
willkommen geheißen werden. Für
mich klingt dies halbherzig, als wolle man ihnen die hiesige Sprache
gar nicht näherbringen, sondern sie
gleich zu den Britischen Inseln weiterverweisen. Das wäre manchem
fast so lieb, wie sie gar nicht erst hereinzulassen. Dabei ist eine Grenzschließung völlig unrealistisch: Die
Flüchtlinge kämen dann versteckt
über die Grüne Grenze. Mit solchen Mitteln erreicht man nur eine
unnötige Kriminalisierung der Notleidenden, von dem Verwaltungsaufwand und damit einhergehender
neuer Steuerverschwendung mal
noch ganz abgesehen.
Durch die ständigen Nachrichten
und Diskussionssendungen über
Flüchtlingsströme erscheinen jene
umfangreicher als sie in Wirklichkeit
sind. Obgleich ich mich nicht nur im

Kommentar

Kiez sozial breit engagiere, hatte ich
noch fast gar keinen direkten Kontakt mit Flüchtlingen. Eigentlich erkennt man sie doch gar nicht gleich.
Und wo außer in den Nachrichten
sieht man etwas von Terror? Für
meine Wahrnehmung erschöpft sich
der Terrorismus in gewöhnlichem
Vandalismus Einfältiger und im
Müll auf den Straßen. Mit einer Ausnahme: den Nachrichten selbst, die
Terror erst richtig verbreiten.
Im Internet kann man sich bei Bedarf zu allem umfangreich informieren, Fakten zusammentragen und
die verschiedensten Meinungen und
Behauptungen vergleichen. Ähnliches gilt mit höherem Aufwand für
die Welt der Zeitungen, wenn man
denn wirklich genügend verschiedene liest. Das Fernsehen dagegen
kann und will solches nicht bieten.
Zudem bleibt die Frage, was wirklich wichtig ist - was einen selbst
wirklich so beeinflusst wie Steuern,
Kontrollen oder Lauschangriffe. Fallen wir nicht auf das alltägliche politische Kaspertheater herein! Lassen
wir uns nicht verunsichern! Nichts
wird allein dadurch wahr, dass es
im Fernsehen oder sonstwo immer
wieder behauptet wird. Die Zeiten
sind nicht schlechter als früher; wir
werden nur mehr mit Nachrichten überflutet. Wir brauchen keine
Grenzschließungen und keine neuen Überwachungsmethoden. Wir
brauchen Bildung, Bürokratieabbau
und Freizügigkeit. Schon Benjamin
Franklin wusste: „Wer seine Freiheit
aufgibt, um Sicherheit zu erreichen,
wird beides verlieren.“

Text: Oliver H. Herde, Illustration: Sören Tang Bertelsen

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Kultur

Buchvorstellung

Geschichte des Wedding

Kunst im
Kontext

Afrikanisch-deutsche Identitätswechsel
Über Narcisse Djakams Roman „Der Weg“
Ein Roman, in dem sich zwei afrikanische Einwanderer das erworbene Know-how in dem Hochtechnologiestreiten: Ist das eine Handlung, erzeugt das Spannung, land nutzen, um für seine afrikanische Heimat Lösungibt es einen Anfang und ein Ende, findet da überhaupt gen durch einen Erfahrungs- und Technologietransfer
Entwicklung statt? Ja, es ist ein Roman und handelt von gewinnen zu können.
einem älteren, in Deutschland etablierten Kameruner,
und einem jüngeren, in Deutschland noch nicht so Die Episoden, die sich beide als persönliche Erfahrunrichtig angekommenen und mit der Integration in diese gen über das Leben von Einwanderern in Deutschland
Gesellschaft extrem kritisch umgehenden Kameruner, erzählen, zeigen das ganz Spektrum der Probleme bei
die beide ständig diskutieren, streiten,
der Integration in die fremde Gesellschaft auf: Einersich von einander distanzieren und wieseits das permanente Gefühl und die
der annähern. Also zwei Migranten, die
konkrete Erfahrung von Dises sich mit ihrer afrikanischen und dem
kriminierung, die vielen Hinpersönlichen Projekt einer neuen deutdernisse für Asylbewerber
schen Identität sehr schwer machen.
durch endlose VerwaltungsDas ist keine Bettlektüre zum Entgänge bis zur Bestätigung einer
spannen. Aber auch kein Buch, das
Arbeits- oder Studienerlaubakademisch-pedantisch mit Unternis, die Zerrissenheit zwischen
streichungen studiert werden sollte.
Heimweh und andererseits Kritik an der einengenden patriarVielmehr provoziert dieser Roman
chalischen Gesellschaftsstruktur
in immer neuen Wellen grundsätzAfrikas. Andererseits die Zersplitliche Fragen von Auswanderung,
terung der afrikanischen ComVerlust von Heimat und den sozimunity in viele Vereine mit ihrer
alen Bindungen nach Afrika, die
geringen Bereitschaft zur KooperaVerantwortung, sein in Europa
tion, die fragwürdige Solidarität für
erworbenes Wissen für die EntInfos un
Afrika durch Spendenaktionen und
wicklung in Afrika einzusetzen
d Beste
llung: w
w w.dja
Hilfsorganisationen durch die deutoder ob es nicht ein Recht auf den
kam.de
Bruch mit seiner Herkunft gibt, um die Chance zu
sche Gesellschaft. Und immer wienutzen, eine neue deutsche Identität aufzubauen.
der die
Grundzweifel: Sind wir Afrikaner nicht
Die Diskussionen zwischen den beiden Romanfiguren an unser Land gebunden und müssen nicht alles tun,
– dem 35jährigen Madou und dem 23jährigen Kok- um dort die Entwicklung zu fördern? Oder sind wir
oumbo - sind von Zweifeln bis zermürbenden inneren frei und können uns ein neues, komfortables Leben in
Kämpfen und mühsam entwickelten Einstellungen Deutschland aufbauen, ohne als egoistisch von unseren
und Haltungen geprägt. Madou und Kokoumbo er- Landsleuten kritisiert zu werden?
zählen sich gegenseitig Episoden aus den Erlebnissen Narcisse Djakam hat es sich und den Lesern mit diesem
der Einwanderung: Madou kam zum Studium nach Buch nicht leicht gemacht. Ein erlösendes Happy End
Deutschland, fand eine gute Arbeit, machte sich selb- ist nicht in Sicht. Ob sich Migranten in die Gesellschaft
ständig, gründete eine Familie mit einer Kamerunerin integrieren, hängt von ihnen selbst ab. Deshalb gibt der
und hat einen Sohn. Kokoumbo wartet auf das Ergeb- Autor über seine Romanfigur Madou am Schluss den
nis seines Asylverfahrens und auf die Möglichkeit, ein Rat: "Niemand wird uns Respekt schenken. wir müsStudium aufzunehmen. Er hat eine deutsche Freundin. sen ihn uns durch unsere Taten und unser Auftreten
Während Madou sich in dem neuen Land etabliert und verdienen." Das Buch ist ein starkes Statement in der
sich von Afrika gelöst hat, kritisiert Kokoumbo das rei- aktuellen Debatte über Zuwanderung, gesellschaftliche Deutschland, will aber die gute Ausbildung und ches Engagement und Integration.
10

Text: Ewald Schürmann

Projekt

von l. nach r.: Caroline Böttcher, Sabine Feller, Kristina Leko,
Gregor Kasper, Eunbi Kwon

Am Beginn der greifbaren Geschichte des Weddings standen Frauen:
Benediktiner-Nonnen bewirtschafteten im Mittelalter die Mühle auf
dem Wedding sowie das Besitztum
Jungfernheide. Markgräfinnen, Kurfürstinnen, Kolonistinnen, Arbeiterinnen und nachfolgende FrauenGenerationen folgten ihrem Beispiel. Im SprengelHaus entsteht
gerade ein Audio-Spaziergang, der
sich mit den Frauengeschichten des
Weddings auseinander setzt. Darin
werden Geschichten sowohl unbekannter als auch historischer Frauen
gesammelt, um sie darzustellen und
lebendig zu machen.
Die Autorin des Spazierganges ist
Sabine Faller. Gemeinsam mit ihr
treffen sich jede Woche im SprengelHaus weitere Künstler_innen zur
offenen Werkstatt des Instituts für
Kunst im Kontext an der Universität der Künste. Auf der Suche nach
anderen, lebendigen Aspekten der
Geschichte dieses Stadtteils erforschen sie versteckte, verschwundene
und verdrängte Orte, Personen und
Ereignisse aus der Arbeiter_innenund Migrationsgeschichte.
„Es gibt hier eine starke Verschränkung von lokaler und nationaler Geschichte – im Wedding haben für die
deutsche Arbeiter_innengeschichte
sehr wichtige Ereignisse stattgefun-

Künstlerische Werkstatt zur Geschichte
des Weddings im SprengelHaus

den. Unter den aktiven Arbeiter_innen gab es viele Migrant_innen,
Rosa Luxemburg etwa, die die sozialen Errungenschaften der früheren
Arbeiter_innenbewegung, von denen wir immer noch profitieren, mit
erkämpft haben. Das ist für unsere
heutige Zeit mit den vielen Ängsten
und Einwänden gegenüber asylsuchenden Menschen sehr inspirierend und sollte mehr ins öffentliche
Gedächtnis gerückt werden.“ Aus
diesen Überlegungen heraus entwickelt Gregor Kasper sein Projekt,
welches im öffentlichen Raum vermittelt und präsentiert werden soll.
Caroline Böttcher möchte wissen,
wie das Leben und Arbeiten im Industriebezirk war. Was hat sich verändert? Was prägt den Bezirk heute?
Ohne seine industrielle Geschichte
wäre der Wedding nicht das, was er
heute ist. Vom 18. Jahrhundert bis
Anfang des 19. Jahrhunderts expandierte der Bezirk zu einem wichtigen Industriestandort. Damit einher
gingen ein starker Bevölkerungszuwachs, umfangreiche Bebauungen
des Gebietes und die Ansiedlung
von Kleinbetrieben in den Wohnhäusern. Wussten Sie, dass eine
Fabrik im heutigen SprengelHaus
Bonbons und eine andere Flugzeuge auf dem Areal des Sprengelparks
herstellte? Für ihre Recherche sucht
Caroline Böttcher Anwohner_innen,

Text: Caroline Böttcher, Sabine Faller, Gregor Kasper, Eunbi Kwon, Redaktion: Kristina Leko

die Familiengeschichten oder eigene
Erinnerungen über ehemalige Großund Kleinbetriebe erzählen können.
Aus der Arbeiter_innenschaft heraus, die in den großen Industriebetrieben arbeiteten, im Wedding
lebten und sich hier politisch organisierten, entwickelte sich der sogenannte „Rote Wedding“. Diese Geschichte ist für die Koreanerin Eunbi
Kwon hoch interessant, da sie aus
dem aktuell einzigen geteilten Land
stammt, in dem der Kalte Krieg
bis heute andauert. Die Menschen
in Südkorea leben unter der sogenannten „Roten Angst“: Angst und
Abscheu vor Kommunismus bzw.
Sozialismus. Deshalb erforscht die
Künstlerin den „Roten Wedding“
der Arbeiter_innen - und Sozialgeschichte, mit Fokus auf die Spuren
der Ideologien in individuellen Lebensgeschichten. Dafür sucht sie
Personen, die sich selbst als Kommunist_innen oder Sozialist_innen
bezeichnen oder bezeichnet haben.

11

Kochen mit Ewald

Rezept

n

Gebratene und gedämpfte Aubergine aus Südchina
Auberginen werden in unseren Gemüseläden – ob türkisch, arabisch
oder asiatisch – das ganze Jahr über in großen Mengen angeboten. Vom
Mittelmeer kommen die dicken ovalen schwarzglänzenden und aus Asien
die schlanken gebogenen lila Sorten. In Thailand verbreitet gibt es diese
„Eierfrüchte“ auch in kleiner Kugelform. Beim Braten und Garen saugt die
Aubergine das heiße Öl stark auf. Deshalb zwischendurch mit Küchenpapier entfetten! Danach Wasser zugeben, auch dieses wird stark absorbiert.
Das macht aber nichts, ruhig weiter Wasser nachgießen, bis alles verkocht
ist. Der Geschmack der Aubergine wird dadurch sehr intensiv.
Xincheng Lu ist Köchin und Li Zha ist Fotografin. Li wohnt im SprengelKiez, ihre Tochter geht in die KiTa der Osterkirche.
Die beiden Freundinnen kommen aus Südchina und stellen ein landestypisches Auberginenrezept vor. Typisch für chinesische Zubereitungsarten ist das doppelte Garen durch Braten und Dämpfen. In der chinesischen Küche sind Auberginen
seit dem 7. Jahrhundert n. Chr. bekannt und China ist weltweit der größte Produzent von Auberginen.

Die Zutaten (5 Portionen)
· 3 Auberginen,
· 1 Knolle Knoblauch,
· 1 daumengroßes Stück Ingwer
· 200 g Hackfleisch
· 1 Teelöffel Paprika rosenscharf
· 1 Teelöffel Knoblauchpulver
· 1 Esslöffel Bohnensauce in Chiliöl
	 (aus dem Asialaden)
· Salz
· Rapsöl

Knoblauch und Ingwer putzen, in
Stifte schneiden und mit 1 Esslöffel
Bohnensauce in Chiliöl bei großer
Hitze eine Minute lang anbraten.
Die Auberginenstreifen dazugeben
und weiter auf großer Hitze braten, bis die Auberginen weich sind.
Nun das Hackfleisch dazugeben
und zusammen kurz weiterbraten.
Den Pfanneninhalt in eine Schüssel
geben und im Dampftopf ca. 20 Minuten fertigkochen. Zusammen mit
Reis und Gemüse servieren.

Die Zubereitung
Die Auberginen waschen, halbieren
und die Außenseiten mit rautenförmiger Verzierung versehen, wozu
die Schnitte etwa halb in die Aubergine hineingehen. Die Aubergine
in 5 cm breite Streifen schneiden
und in kaltes Wasser legen, damit
ihr Fleisch nicht schwarz wird. 5 cl
Rapsöl in der Pfanne leicht erwärmen (ca. 50°C). Das Hackfleisch
kurz anbraten, bis es blass geworden
ist. Das angebratene Hackfleisch
mit je einem Teelöffel Paprika- und Erster Kochgang: Braten der Aubergine
Knoblauchpulver, etwas Salz würzen und durchmischen.
Text: Xincheng Lu, Li Zha,
12

Ewald Schürmann
Fotos: Li Zha, Ewald Schürmann

re
uto

a

st
Ga

Milieuschutzgebiete:

Der Wedding

Alle haben es längst gewusst: bevor der Wedding
kommt, wird er einfach verdrängt. Aufgehübscht, totsaniert und am Ende kommt die Ferienwohnung. Diese
angstvolle Verheißung wurde ein Jahr nach der ersten
Grobanalyse nun durch eine bezirksweite Analyse des
Stadtraumes noch einmal bestätigt. Jetzt soll durch drei
Erhaltungsgebiete die „typische Berliner Mischung“
auch bei uns im Wedding erhalten werden. Während
andere noch über die Wirkung solcher Maßnahmen
diskutieren, bleibt man in der Genter Straße 33 bis 45
scheinbar ganz entspannt.
MILIEUSCHUTZ MAL DREI

Zweiter Kochgang:
Dämpfen des Auberginengerichts

Dazu noch Reis und Gemüse servieren
Weitere Koch-Tipps und Rezepte gibt es
auch im Foodblog www.herdgold.de von
Ewald Schürmann und Benedikt Wohlleben.

Weddingweiser

Der Wedding wird im sogenannten „Stadtraum 2:
Wedding Zentrum“ in diesem Jahr gleich um drei Erhaltungsgebiete reicher. Gemäß ihrer Lage werden die
unter anderem auch „Milieuschutzgebiete“ genannten
Bereiche auf die Namen „Seestraße“, „Leopoldplatz“
sowie „Sparrplatz“ getauft. In diesen Bereichen seien
zirka drei Viertel aller Wohnungen neben enormem
Aufwertungs- auch einem besonderen Verdrängungspotential ausgesetzt. Alle Wohnhäuser in den im zweiten Jahresquartal zu schaffenden Erhaltungsgebieten
sollen in Zukunft vor diesen Prozessen also geschützt
werden. Das bedeutet, die Umwandlung in Eigentumswohnungen soll unter Genehmigungsvorbehalt gestellt, Grundrissänderung sowie Zusammenlegung von
Wohnungen grundsätzlich ausgeschlossen werden und
auch die Nutzungsänderung von Wohnungen in Gewerberäume soll nicht mehr möglich sein. All das soll
gemeinsam mit Einführung eines gebietsspezifischen
Mietspiegels helfen, die „typische Berliner Mischung“
zu erhalten, so heißt es bei Baustadtrat Spallek (CDU).
Die Wirkkraft solcher Maßnahmen darf durchaus diskutiert werden.
EINE AUSNAHME IN DER GENTER STRASSE

Umfassen die Erhaltungsgebiete aber wirklich alle in
ihnen befindlichen Wohnhäuser? Nun ja, nicht ganz.

soll erhalten bleiben

Zwischen dem Erhaltungsgebiet „Sparrplatz“ und dem
Erhaltungsgebiet „Seestraße“ prangt auf der Karte ein
auffallend weißer Fleck, dessen Adresse: Genter Straße
33 bis 45. Genau hier, an der Genter Straße Kreuzung
Ostender Straße verläuft die zukünftige Erhaltungsgrenze. Auf der Seite eine saubere Fassade; die auf der
anderen scheint schon in die Jahre gekommen. Dass
ausgerechnet hier eine Erhaltungsgrenze verlaufen
soll, erschließt sich nicht sofort. Der Grund ist weniger offenkundig, aber dennoch schnell gefunden: Die
Wohnanlage zwischen Zeppelinplatz, Genter Straße,
Ostender Straße und Limburger Straße gehört der
EVM Berlin eG – ehemals „Erbbauverein Moabit“. Die
Genossenschaft wurde 1904 unter anderem von Adolf
Damaschke gegründet und zählt heute zirka 11.000
Mitglieder in mehr als 5.100 Wohnungen in ganz Berlin. Im Wedding zählen zirka fünf Prozent der Wohnhäuser zu den genossenschaftlichen Bauten. Aufgrund
ihrer besonderen Organisationsstruktur sind sie von
den Erhaltungsgebieten nicht nur im Wedding, sondern generell ausgeschlossen. Eine Baugenossenschaft
verfolgt unter anderem das Ziel, besonders günstigen
Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Ist man einmal
eingetreten und die Wohnung bezogen, muss man zum
Beispiel nicht automatisch weitergehende Modernisierungsmaßnahmen akzeptieren. Auch Mieterhöhungen
sind nur in dem Rahmen dessen zu erdulden, wie es
auch die Nachbarn tun.
GENOSSENSCHAFT ALS AUSWEG?

Es ist gut vorstellbar, dass der Wedding trotz zaghaften
Milieuschutzes auch in Zukunft rasante Preissteigerungen erleben wird. Der Eintritt in eine Genossenschaft
als Maßnahme, um sich gegen drastische Preissteigerungen auch langfristig abzusichern, erscheint so gesehen durchaus attraktiv.
Text: Tobias Weber, weddingweiserredaktion

13

Unser Kiez

Kinderhilfe e. V.

Ängste abbauen, Freude

Hatha Yoga in kleinen Gruppen

schenken,

Mut machen

Bootsausflug mit dem Solarboot

Das Büro der KINDERHILFE –
Hilfe für krebs- und schwerkranke
Kinder e. V. liegt in der Triftstraße
42, nur einen Katzensprung vom
Charité Campus Virchow-Klinikum
entfernt. Das ist bewusst so gewählt,
denn dort gibt es eine der besten
kinderonkologischen Abteilungen,
nachgefragt von jungen Patienten
aus aller Welt. Kindern, deren Behandlung in London oder Paris abgebrochen wurde, konnte in Berlin
geholfen werden.

Wenn die Diagnose „Krebs“ fällt,
wird das Leben
der Familien völlig auf den Kopf
gestellt. Nun sind
Beratung, praktische Hinweise
und ein offenes
Ohr sehr wichtig.
Anja Gumprecht,
betroffene Mutter, sagt über ihren ersten Kontakt mit dem
KINDERHILFE e. V.: „Diese Frau
war einfach da und ich wusste, ich
kann da hin und den ganzen Mist erzählen.“ Meistens sind die Eltern zunächst total überfordert. Man muss
fast rund um die Uhr beim Kind sein,
schwierigste Entscheidungen treffen. Da ist es Gold wert, wenn einem
Experten und betroffene Eltern zur
Seite stehen – und nicht nur Ärzte.
Oft zieht sich auch noch der Freundeskreis zurück, da sie nicht wissen,
wie man mit der Situation umgehen
soll. Der KINDERHILFE e. V. bietet deswegen im SprengelKiez sowie
in Potsdam und Frankfurt/Oder
Kontakt- und Beratungsstellen an,
die von ehemals Betroffenen geführt
werden. Diese Mitarbeiter gehen
auch auf die onkologischen Stationen im Virchow-Klinikum und dem
HELIOS Klinikum Berlin-Buch, um
für die Eltern vor Ort ein offenes
Ohr zu haben.

Wenn eine Familie nach Berlin
kommt, um bei dem z. B. an Leukämie erkrankten Kind zu sein, benötigen sie eine Unterkunft. Ein Hotel
ist meistens viel zu teuer. Mindestens ein Elternteil hört in der Regel
auf zu arbeiten, um in der Nähe des
erkrankten Kindes zu sein. Dann
springt der KINDERHILFE e. V.
in die Bresche. Wir finanzieren drei
Elternwohnungen in direkter Nähe
des Virchow-Klinikums. Für die be- Nach der hoffentlich erfolgreichen
troffenen Eltern ist das eine große Behandlung dauert es noch lange
bis das normale Leben weitergehen
Erleichterung.
14

Text: Birgit Wetzig-Zalkind, Foto: KINDERHILFE e. V.

kann. Oft sind die Finanzen so stra­
pa­ziert, dass keine Extras möglich
sind. Wir bieten z. B. Nachsorgereisen zur Fraueninsel oder in den
Hunsrück an, um den Familien Abstand und Erholung zu ermöglichen.
Oder springen ein, wenn die Krankenkasse eine Behandlung nicht
übernimmt oder die Kinder aus einer Prothese herauswachsen und die
neue von der Krankenkasse nicht
finanziert wird. Eine Survivorgruppe trifft sich regelmäßig, um sich
auszutauschen oder einfach Spaß
im Kino, bei einer Bootsfahrt oder
im Schwimmbad zu haben. Gerade
wird ein Geschwisterprojekt aufgebaut. Geschwisterkinder müssen in
dieser Extremsituation in den Familien funktionieren, für ihre Ängste
und Bedürfnisse gibt es kaum noch
Raum. Bei uns werden sie in den
Mittelpunkt gestellt.

eingehend auf Ihre ganz persönlichen
Bedürfnisse.
Kontakt:
Sibylle Soyka
Fehmarner Str. 11, 13353 Berlin
kontakt@yoga-zimmer-berlin.de
www.yoga-zimmer-berlin.de

Alina Riedel
Friseurmeisterin

Tegeler Straße 32. 13353 Berlin
0151. 649 649 88
alina@wareschoenheit.de
www.wareschoenheit.de
facebook.com/WareSchoenheit

Wir sind da, um Familien mit einem
krebs- oder anders schwer erkrankten Kind umfassend und nachhaltig
zu helfen, Ängste abzubauen, Mut
zu machen und Freude zu schenken. Der KINDERHILFE e. V. finanziert sich ausschließlich durch
Spenden und ist Träger des DZISpendensiegels.

TRANSFERMARKT: Spenden für diese Anzeigen gehen an
KINDERHILFE – Hilfe für krebs- und schwerkranke Kinder e. V.

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Seit einem guten Jahr gibt es einen neuen Anlaufpunkt
für all jene, die mitreden und mitgestalten wollen: den
Runden Tisch SprengelKiez. Einige Neuigkeiten.
FÖRDERN: Am 24. Februar wurde eine Vergabejury
für den Sprengelkiezfonds gewählt. 2016 stehen dem
Fonds 10.000 Euro für kiezdienliche Projekte zur Verfügung. Die Vergabejury bestimmt, welche Projektideen gefördert werden. Die Sitzungstermine der Jury
werden öffentlich bekannt gegeben. Alle, die 2016 ein
Projekt für den Kiez umsetzen möchten, können für
ihre Ideen Gelder beantragen.
Informationen bitte direkt erfragen bei: Holger Scheibig, scheibig@conceptfabrik.de oder 0173 – 86 78 003
VERNETZEN: Dem Begleitteam ist es wichtig, die Mitglieder des Runden Tisches beim Aufbau regelmäßiger
Kontakte zu anderen Trägern, Gremien und Akteuren
zu unterstützen. Das Kiezplenum Sparrplatz und Vertreter der Stadtteilvertretung Müllerstraße signalisierten bereits ihr Interesse, andere werden folgen. Für die
Kulturtreibenden wird gerade ein Kulturstammtisch
aufgebaut. Auch Gewerbetreibende wünschen sich,
stärker einbezogen zu werden.
PERSPEKTIVEN: Der SprengelKiez hat eine aktive,
engagierte Bürgerschaft. Bewohner und Gäste schätzen
ihn für seine Vielfalt, die besondere Atmosphäre und
seine offene, engagierte Nachbarschaft. Zum aktiven
Kiezleben tragen funktionierende Strukturen wie z. B.
das Gemeinwesenzentrum SprengelHaus oder der
„Runde Tisch SprengelKiez“ wesentlich bei. Diese bedürfen einer ausreichenden finanziellen Basis. Durch

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Die neue Vergabejury v. l. n. r.: Barbara Charade, Siemen Dallmann,
Ekkehard Dehmel, Silka Riedel, Oliver H. Herde, Klaus Wolfermann,
Gerhard Hagemeier. Nicht im Bild: Maja Lasic.

den Weggang des QM Sparrplatz zum Jahresende und
der damit endenden finanziellen Förderung aus dem
Programm „Soziale Stadt“ müssen neue Lösungen her.
Besonders der lokalen Wirtschaft bieten sich Möglichkeiten, sich vor Ort zu engagieren und den Kiez zum
beiderseitigen Nutzen weiterzuentwickeln.

Text: Silka Riedel, Foto: Anna Lindner, Illustration: Sören Tang Bertelsen

Neues vom Runden Tisch SprengelKiez
        
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