Path:
Volume Januar

Full text: Berliner Omnibus (Public Domain) Issue2.1848 (Public Domain)

rere Jahre in einer Pensions-Anstalt erziehen 
ließ, hatte er nun zu sich genommen; sic sollte 
seine Wirthschaft führen. Er liebte sie zärtlich 
und schmiedete bereits ehrgeizige Pläne für ihre 
Zukunft, die ihn überaus glücklich machten. 
Julie war in der That ein höchst liebens 
würdiges Mädchen, voll Geist, und gut unter 
richtet; nur hatte ihr Karakter viel von jener 
Weiblichkeit verloren, die nur in gebildeten häus 
lichen Kreisen, und besonders unter Leitung 
einer zärtlich liebenden Mutter erzielt werden 
kann, in öffentlichen Erziehungsanstalten aber 
meist verloren geht, weil die Mädchen weniger 
durch die Erzieherinnen, als sich selbst über 
lassen,''auch nur durch sich erzogen werden. 
In der Pensionsanstalt der Madame Bon- 
sens wurden die Zöglinge, wie sich das von 
selbst versieht, auch im Turnen und Tanzen un 
terrichtet, und hatten Gelegenheiten auf Bällen 
Bekanntschaften anzuknüpfen. So lernte Julie 
einen jungen Kaufmann, Namens Wilhelm Fürst, 
kennen, der eine ernste Neigung für sie empfand, 
und die sie mit demselben Ernst erwiederte. 
Nicht nur seine ganze äußere Erscheinung, son 
dern alles, was sie auf sorgfältige Erkundigungen 
ihn vernommen, sprachen zu seinem Lobe 
so Vortheilhaft, und ganz besonders die Stimme 
ihres Herzens, die zu seinen Gunsten am lau 
testen sprach, daß sie diese Bekanntschaft fest zu 
halten, und zu verdienen stets bemüht war. , Es 
hätte aber dieser Mühe nicht einmal bedurft. 
Die beiden Liebenden verstanden sich bald, und 
wüßten sich öfter, trotz der Argus-Augen der 
Bonsens, -zu sehen und zu sprechen. Seit vier 
Wochen hatten, sie sich nicht gesehen. Fürst 
mußte verreisen, und könnte sonach nicht wissen, 
daß seine Geliebte jetzt einen Beschützer gefun 
den, der erst genommen werden muß. 
Zu dem Inventarium der Großmannschen 
Familje, gehört noch em Bedienter, der in die 
ser Erzählung eine Rolle spielt, und uns daher 
MaS näher angeht. Karl Hübsch, ein gebo 
rener Berliner, war ungefähr mit seinem Herrn 
von gleichem Alter,' und phlegmatischer Natur. 
Bei .dem Neferendarius ständ e er bereits zehn 
Jahre in Diensten, dem, er übrigens auch schon 
stuher im Felde als Bursche gedient und. ge 
noß dessen ganzes Vertrauen. Sein Dienst war 
leicht, nur höchst langweilig, weil er wenig Be 
schäftigung und gar keine Abwechselung und 
Aussicht auf eine solide Zukunft bot; doch 
wußte ihn sein Herr durch Gehaltszulage, Ver 
sprechungen und lachende Aussichten für die Zu 
kunft an sich zu fesseln. 
— Ich möchte nur wissen, warum mein 
Herr heute so früh ausgegangen ist? sagt Karl 
in einer mäßigen Morgenstunde zu sich selbst, 
und waS er überhaupt vorhat? Sonst pflegte 
er mir Alles und Jedes zu sagen, und auch 
um Rath zu fragen, allein seitdem er in Ber 
lin ist, hat er lauter Geheimnisse. DaS muß 
wohl jetzt hier so Mode sein. Gut! So soll 
er auch von mir nichts Neues mehr erfahren. 
Ich will auch meine Berliner Geheimnisse ha 
ben. ES schlägt schon zehn Uhr, und mein 
Herr ist noch nicht zurück, und hat doch seinen 
Kaffe auf acht Uhr bestellt? Wahrscheinlich wird 
er jetzt bei seinen Gönnern anlischambriren —; 
die viel versprechen und doch nicht Wort hal 
ten. Seit fünfzehn Jahren ist er schon Re- 
ferendarius, und wartet auf eine Anstellung, 
und ich, seit zehn Jahren auf die Seinige. Er 
kann das freilich mit ansehen; Er ist reich, 
sehr reich, wie die Leute sagen; allein ich? Er 
ist zwar jetzt Wittwer, war aber doch einmal 
verheirathet — allein ich? Bin noch immer Be 
dienter, und was das traurigste ist — noch 
immer ledig. So lange man jung ist, denkt 
man nicht ans Heirathen, weist man die besten 
Parthien zurück, und bleibt hagestolzj bis man 
alt und hagedemüthig wird. Nein, wenn die 
gewünschte Anstellung nicht bald kommt, ver 
lasse ich meinen Herrn, und fange eine Wirth 
schaft an. Mein Herr läßt sich gern täuschen, 
aber er täuscht sich gewaltig, wenn r glaubt, 
daß ich mich länger von ihm täuschen lasse! 
Ein leises Pochen an die Thür unterbrach 
hier dieses Selbstgespräch, und ohne das ' „Her 
ein," abzuwarten, trat eine Makrone mit den 
Worten: „So haben mich meine Augen doch 
nicht getäuscht," ins Zimmer. 
Die Frau mochte ungefähr vierzig Jahre 
zählen, war wohlbeleibt und angethan, wie 
die wohlhabenden Berliner Höckerinneii, wenn 
sie spazieren, oder zum Besuche gehen. Ihr 
Gesicht war ganz gewöhnlich, verrieth Spürest 
vormaliger Schönheit, die bei dieser. Klasse 
Menschen, wie ihre Stimme, sehr ftüh rauh 
wird. ~ ,, V:! ' v V * t , 
- — Spricht die auch von Täuschung^ 
dachtet Karl bei sich, und-redete alsvann pje 
Frau, etwas unhöflich an„Madam! Ich 
habe noch Niemanden tchlschey prosten." 
suhTT Koch- Karl:;', entgegnen die. Fran be-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.