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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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Die Prinzessin also rüstete ei» großes Schiff aus, und forderte 
alle Phönizier, die Lust hätten, auf, mit ihr zu fahren u»d eine 
neue Colonie anzulegen. ES war in TyrnS nichts Seltenes, daß 
vornehme und reiche Männer oder Frauen dergleichen thaten, und 
so fand sich bald eine große Anzahl von Leuten zusammen, die ihr 
Glück versuchen wollten, und Mannschaft, das Schiff zu rudern 
und zu steuern, war gleichfalls vorhanden. So bestieg den» Dido 
mit den Auswanderern und ihren Schätzen das Schiff und sagte 
ihrem Vatcrlande Lebewohl. 
Sie war aber eine kluge Frau und hatte daher also gedacht: 
DieseSchätze, welche ich zwar glücklich auf meinSchiff bringe, haben 
dieHabsucht meines Bruders also erregt, daß er meinen unschuldigen 
Gemahl deßhalb ermordet hat; wie viel leichter könnten meine Rei 
segefährten verlockt werden, mir nach dem Leben zu trachten, und 
mir mein Eigenthum zu rauben, zumal auf dem Meere, wo kein 
Richter es sieht, der die That bestrafen könnte. Darum hatte sie 
ihr Gold in unansehnliche Krüge versteckt, die sie mitnahm, als 
wäre Ocl darin oder andre Vorräthe zum Lebensunterhalt; außer 
dem aber hatte sie kostbare Kiste» auf das Schiff bringen lassen, 
heimlich vor den Spähern ihres Bruders am Lande, aber vor den 
Genossen ihrer Fahrt harte sie dieselben nicht verborgen. So waren 
denn auch die Sinne der Reisenden fortwährend ans diese schönen 
Behälter gerichtet, aber es war nichts darin des Wunsches werth, 
sondern mir Steine und Sand hatte Dido hineingethan. 
Da erhob sich zu ihrem Glücke ein großes Ungewitter auf dem 
Meere, das Schiff zog Wasser und begann zu sinken, und alle 
Leute auf demselben fürchteten den nahen Untergang. In solchen 
Augenblicken achtet der Mensch der Güter des Lebens nicht, wenn 
er dieses damit erkaufen kann, und so halfen die Gefährten der Dido 
selbst die kostbaren schweren Kisten samt anderem belastenden Ge« 
räth über Bord werfen, »m das Schiff über den Welle» zu crhal- 
ten. Ihnen gelang ihre Anstrengung und der Dido ihre List. Sie 
erhielten ihr Leben und die kluge Frau ihre Schätze dazu. 
Mit diesen und ihrer Mannschaft landete sie an dem Punkte 
der Afrikanischen Küste, wo bald Carthago sich erheben sollte, und 
begab sich in den Schutz des dortigen Königs. 
Diesen bat sie um ein Stück seines unbebauten Landes, darauf 
wolle sie eilte kleine Stadt gründe», um mit den Ihrigen frei und 
unabhängig darin zu wohne». Der König aber hätte sie samt allen 
den Ankömmlingen gern zu seinen Unterthanen gehabt, und schlug 
ihr die Bitte ab. Da forderte sie von ihm nur so viel Land, als 
sie mit einer Kuhhaut umspannen könne, sie wolle es ihm reichlich 
bezahlen. Das konnte der König nicht verweigern, sahe sich aber 
bald in seinem gegebenen Worte gefangen. Denn Dido zerschnitt 
eine Kuhhaut in eine Menge dünner Riemen, band sie zusammen, 
und umspannte mit diesem Faden eine nicht unbedcuteudc Fläche, aufwel- 
cher nun die mit ihr gekommenen Colonistcn Hütten zu bauen anfingen.
        
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