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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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ist, daß sie eben für ihr ganzer Leben nur einen mechanischen Hand, 
griff lernen, ihr Geist ungebildet, und für die Schule weder Zeit 
»och Kraft genug übrig bleibt. Fast jede Verbesserung der Ma 
schinen macht die schwerere und theurere Arbeit erwachsener Per 
sonen entbehrlicher, und vermehrt die Nachfrage nach Kindern. So 
entsteht für diese (Gottlob nicht in ganz England, sondern nur io 
den Fabrikbezirken) eine Beschäftigung, ja eine Sclaverei, wie sie 
in der ganzen Weltgeschichte noch nicht vorgekommen ist. 
Al« ein Fabrikherr mir sagte, die Kinder wären alle zufrieden, 
schüttelte ein Junge mit dem Kopse. Weil alle gleich nachher zum 
MittagSeffe» weggingen, redete ich ihn auf der Straße an und 
fragte: warum er mit dem Kopfe geschüttelt habe. Ich schüttelte 
(gab er zur Antwort) für mich, nicht für die Anderen. Dann fuhr 
er, von mir aufgefordert, fort: Ich bi» auf dem Lande geboren 
und ward, als ich zehn Jahre alt war, gezwungen die Schweine 
zu hüten. Dies mißfiel mir aus mancherlei Gründen, und weil ich 
gar viel von den Vorzügen der Städte gehört hatte, lief ich davon 
Und fand auch sogleich Beschäftigung iu dieser Fabrik. Anfangs 
war ich voll Freude, Erstaune» und Bewunderung; aber, lieber 
Herr, wie sehne ich mich wieder nach meine» Schweinen. Ich konnte 
doch mit jedem in meiner Weise reden, und jeder gab eine beson 
dere Antwort. Sprechen, rufen, pfeifen, zur Rechten oder Linken 
drauf loS schlagen, austreibe», eintreiben, langsam gehen oder lau 
fen, welche Abwechselung! Hier dagegen den ganzen Tag ein und 
derselbe Griff, rufen und pfeifen hilft nicht, ungeduldig darauf loS 
schlagen ist ganz verboten, und mit den andern Arbeitern sprechen, 
vor Lärm der Maschine unmöglich. Da» Quicken der Schweine 
mißfiel mir nicht selten; was gäbe ich aber jetzt darum, wen» eine 
Spinnmaschiene so vielerlei ausdrucksvolle Töne von sich gebe» wollte 
wie ein Schwein. Und dann hörte ich doch auch Vögel, sah die Sonne 
aufgehen und untergehen, guckte nach den Wolkenzügen, freute mich 
wenn alles grünte und blühte, und hatte Aussicht, von den Schwei 
nen zu de» Kühen und Pferde» überzugehen, zu reiten, zu fahren, 
zu säen, zu erndten, und waS sonst nicht! Hier muß ich zeitlebens 
Fäden aneinander binden, und Baumwollenzotteln ablesen. Glau 
ben Sie mir, lieber Herr, ich bin jetzt dummer als meine Schweine, 
und wäre vielleicht nicht mehr im Stande sie zu hüten, wie es sich 
gebührt." 
In eben solchen Worten hat nun wohl der Fabrikjunge nicht 
gesprochen, sondern Herr v. Raumer hat, die jener sagte, in'ö Hoch 
deutsche übersetzt; aber die Sache ist auf diese Weise schön und 
lebhaft dargestellt, und verdient Euer Nachdenken, meine Leser. 
A. M. 
Gedruckt bei I. ®. Brüschcke, Breite Straße No. 9.
        
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