Path:

Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

70 
mit den sausten traurigen Zügen und den unruhigen Blicken, war 
Lady Glorvina Omüvil, diese leichtsinnige und dabei so zärtliche 
Mutter, welche die Welt um ihr Kind und ihr Kind um die Welt 
vergaß. 
Heute war ihr Gesicht bleich, ihre Augen glänzte» nicht in ih 
rem gewöhnlichen Feuer, und ihr bewegtes zerstreutes Wesen kün 
digte eine» tiefen.Kummer au; sie dachte an ihren Sohn, an ihren 
Edward, und suchte sich umsonst den Sinn der Worte zu enträth- 
seln, die ihr ei» Diener des Hauses beim Wegfahren zugeflüstert: 
^Milady, wenn sie heute Abend früh zurückkehren, so werden Sie 
die Ursach des Todes ihrer Kinder erfahren!" — Erschreckt durch 
diese Nachricht, begab sie sich nur mit Widerwillen nach dem Con 
cert, wo sic sich der Gesellschaft zeigte, und schon vor 11 Uhr wie 
der in ihrem Wage» durch die Straßen von Dublin dahin rollte. 
In ihrer Wohnung angelangt, stürzte Lady Onisvil nach dem Zim 
mer ihres Kindes; sie öffnete leise die Thür, in der Furcht es zu 
erwecken, doch Schrecken bemächtigte sich ihrer Seele beim Anblick 
des leeren Zimmers, das nur durch de» bleichen Schein einer 
Lampe erhellt wurde, welche schwankende fantastische Schatten auf 
die Vorhänge der Fenster warf. 
Sie reißt die Gardine, welche zur Hälfte das Bett ihres Soh 
ne? bedeckt, zurück —_cr schläft nicht, seine Augen sind stier, sein 
Gesicht mit Todtendlässc bedeckt, und ei» kalter Schweiß rollt von 
seiner Stirn. Sic spricht mit ihm, ohne daß er eS hört, sie legt 
die Hand auf fein Herz, es scheint nicht mehr zu schlagen; sie 
nimmt ihn in ihre Arme, küßt seine Händchen und seine kalten 
starren Füße, doch er macht keine Bewegung, giebt nicht den klein 
ste» Laut von sich, und verharret in seinem Stumpfsinn. Die arme 
Mutter ringt in Verzweiflung die Hände; sie will rufen, aber die 
Worte erstarren auf ihren Lippen; sie will gehen, doch ihre Füße 
scheinen am Boden gefesselt. Endlich folgt sie der Richtung der 
Augen ihres KiudcS, die immer auf dieselbe Stelle geheftet bleiben, 
und am Fußende des Bettes gewahrt sie ei» schreckliches Fratzenbild 
in Gestalt eines Ungeheuers, mit Flügeln einer Fledermaus, mit 
Hörnern und flammenden Augen, welches sich mit seinen spitzen 
Krallen auf das Kind stürze» zu wollen scheint. 
In demselben Augenblick öffnet sich die Thür, und eine Frau 
mit herabhängenden Haaren stürzt zu den Füßen der Lady Glorvina: 
„O! Verzeihung Verzeihung! — ruft sie — ich will AlleS gestehen 
— ich bin Schuld an dem Tode ihrer Kinder, ich habe ihre Le 
benskräfte langsam untergraben; ich habe, um sie zum Schweigen 
zu bringen, dieses Fratzenbild hingestellt, ich habe ihnen gesagt: 
wenn ihr schreiet, nimmt das Gespenst euch mit, wenn ihr von ihm 
erzählt, wird es euch verschlingen I Ich that dies, um während Ih 
rer Abwesenheit die Stunden ruhig außer dem Hause zubringe» zu 
können. Ach, Anfangs ahnte ich nicht, weiches Unglück ich ange 
richtet, doch einmal in ein lustiges leichtsinniges Leben verstrickt, war
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.