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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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wen» wir höre», daß der Herrscher mit allen seine» Minister» und 
Hofbedienteii, und deren war eine ungeheure Zahl, in demselben 
unermeßlichen Gebäude wohnte. Gewöhnlich waren alle zu Einer 
großen festliche» Mahlzeit vereinigt, daß wohl 15000 Menschen zu 
gleich speisten. Da waren große, weite Hallen mit Menschen er 
füllt, unzählige Tafeln standen unter den gewaltige» Säulcngängen, 
und die Musik von 1000 schallenden Jnstruinenten erweckte die 
Speisenden zur Fröhlichkeit, die auch durch köstlichen und reichlichen 
Trunk gefördert wurde. Alle Staatsbeamten des Königs aßen von 
seiner Tafel, und das ganze Land mußte zum Theil iu natura die 
Menge von Speise« als Abgabe an den königliche» Hofstaat liefern, 
die hier täglich verzehrt wurden. 
Das Volk ward im Allgemeinen angesehen wie des Königs 
Sclaven. Er hatte niehrcre Hunderte von Frauen, von denen denn 
eine, die vorzüglich in seiner Gunst stand, die Königin hieß. Wen» 
der Herrscher reiste, so gingen Tausende von Arbeitern vor ihm her, 
die damals noch nicht sehr brauchbaren Wege zu ebene». Da wur 
den im eigentliche» Sinne Thäler erhöht und Berge erniedrigt, daß 
der König in Ehren auf dem gebesserten Pfade bequem cinherzichcn 
konnte. 
Natürlich konnten diese Reiche nicht lange bestehen: denn wo 
der Unterthan so wenig gilt und Recht hat, da ist ihm jeder König 
gleich, und der Eroberer, welcher die Hauptstadt einnahm, war so 
gleich auch Herr des ganzen Landes. Mehr hievon bei den Meder» 
und Persern. 
- ■” A. Merzet. 
Das Schreckbild *). 
An einem heitern kalte» Wintermorgen, wo die matten Strah 
len der Sonne sich in den dick gefrorenen Eiszacken an den Dächern 
spiegelten, war schon längst reges Lebe» in den Straßen von Dublin, 
als "eine junge Frau sich erst von ihrem Lager erhob, und mit einem 
feinen Negligee von gesticktem Batist bekleidet, die seidenen Vorhänge 
der reich drappirten Gardine» zurückzog. 
Nachdem eine Kammerfrau ihre schönen Haare in lange glän 
zende Flechten gelegt, sehte sie sich auf ein Svpha und nahm eine 
Tapisserie-Arbeit zur Hand. Die Seide wandte sich durch ihre zarten 
weißen Finger und ließ auf dem CanevaS Blumen in bunten Far- 
ben-Mischungen entstehen. Indem die junge Frau so Tausendschön 
chen und Rosen erschuf, durchlebte sie in ihren Gedanken noch ein- 
«ral den Ball deS vorigen Tages. Sie schien »och die Menge hell 
strahlender Kerzen, die sich in jedem Spiegel zu vervielfältigen schie- 
')Dicse Begebenheit, mit Veränderung der Namen, hat sich vor ei 
nigen Jahren wirklich in Irland zugeiragen.
        
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