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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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Von ihre» Gebräuchen nennt Herodot den weisesten diesen: 
Wann die Mädchen herangewachsen waren, so mußten sie an jedem 
bewohnte» Orte einmal alle Jahr zusammengebracht werden. Rings 
umher stand die Schaar der Männer, an diese wurden sie auf eigne 
Weise verauctionirt. 
Ein Ausrufer hieß eine nach der andern aufstehen; zuerst die 
schönste, dann die andern, je nach ihrer Wohlgestalt, und sie wurden 
dem Meistbietenden hingegeben, aber alle mit dem Beding, daß sie 
geehclicht würden. Was nun die Reichen unter den Babyloniern 
waren, die da hciratheu wollten, die überboten einander, um die 
Schönste zu bekommen; was aber gemeine Leute waren, denen eS 
nicht um Schönheit zu thun war, die bekamen die häßlichen Mäd 
chen und noch Geld dazu. Diese gingen denn fort an denMindest- 
fordernden. 
Wenn wir's nun dem Herodot nicht zugeben wollen, daß dies 
ein weiser Gebrauch war, so müssen wir sagen: hernach seien die 
Babylonier vernünftiger geworden, da sie es mit ihren Töchtern 
machten wie unsere Väter und Mütter. Wie eS die aber machen? 
— Ein jeder, wie er'ö für das Beste hält. 
Aerzte soll es bei den Babyloniern nicht gegeben haben, und 
die Leser mögen wiederum urtheilen, ob sie diesem Mangel durch ei 
nen löblichen Gebrauch abhalfen. Nämlich sie brachten ihre Kran 
ken auf den Markt, und nun trat ein jeder zu dem Kranken und 
gab ihm guten Rath, falls er selber das Uebel gehabt, daran der 
Kranke litt, oder auch wußte, daß ein anderer daran gelitten. Dar 
über besprach er sich mit dem Kranken und rieth ihm die Mittel 
an, die ihm selber von einer ähnlichen Krankheit geholfen hatten, 
oder einem andern von seiner Bekanntschaft. Stillschweigend aber 
durste keiner bei dem Kranken vorübergehen, sondern er mußte erst 
fragen, was ihm fehlte. 
Das war von den Sitten der Babylonier.. 
Wie Babylonien regsert wurde. 
Der König von Assyrien und Babylon war allmächtig in sei 
nem Lande. Allein sein Wille galt als Gesetz, und Leben und 
Tod seiner Unterthanen stand gänzlich in seiner Hand. Es brauchte 
des Urtheils nicht, um Hunderten das Leben abzusprechen; des Kö 
nigs Wort genügte. In de» entfernte» Landtheilcn regierten Statt 
halter, die dort wieder ihrem Kreise geboten, wie ihr Herr dem gan 
zen Lande; aber die Könige standen doch meist mit großer Strenge 
über ihren Unterbefchlshabcr», so daß diese sich nicht sicher glauben 
dursten in ihrem Thun: den» wenn der Herr auch manche Härte 
ihnen durchgehen ließ, so konnte zur rechte» Stunde eine eingereichte 
Klage Wirkung thun, und der Statthalter verlor stinen Kopf. 
In Ninive oder Babylon hatte der König seinen Sitz; er wohnte 
ä» Prangenden Palaste, den wir uns nicht groß genug denken können
        
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