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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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die einfachste Kost verzehrte. Sie staunten, wenn ihr Pflegevater in 
die Hütten der Landleute ging, flch in ihre Lustbarkeiten mischte, 
bei Streitigkeiten ihr Vermittler und Friedensstifter und in jeder 
Verlegenheit ihr Rath und Trost, stets mehr als Freund wie als 
Herr unter ihnen auftrat. 
Allein Vater George, der ihnen so wenig als jedem Ander» 
feine Ueberzeugung aufdrang, sondern sich darauf beschränkte, sie all 
gemach durch Beispiel und Lehre von der Richtigkeit und dem Nu 
tzen seiner Handlungsweise zu überzeugen, brachte Felix und Aurore 
bald dahin, jenen Sinn der Einfachheit, Arbeitsamkeit und thätigen 
Menschenliebe gleichfalls in sich aufzunehmen. Eine Fülle reiner 
unschuldiger Freuden keimte ihnen daraus hervor. Bei der Wein 
lese, bei den Erntefesten, bei der jährlichen Ausfischung des großen 
See'S, so wie bei den religiösen Feierlichkeiten, überall sah man sie 
froh vereint in den Reihen ihrer einfachen Jvgendgenossen und weit 
davon entfernt, durch ihre Herablassung an feiner Sitte und Gefühl 
zu verlieren, wurden sie liebenswürdiger, zarter und einsichtsvoller 
durch diesen Verkehr, welcher in eben so reichem Maaße auch auf 
die Kinder des Dorfes feine wohlthätige Wirkung äußerte. 
Auf Vater George's Rath legte man diesen Zusammenkünften 
auch nützliche Zwecke unter. Der Verfertiger des feinsten Stroh- 
geflechts/ der, welcher von seinen Seidcnwürmern und Bienen den 
reichsten Ertrag aufzuweisen hatte, wer am geschicktesten webte und 
spann oder die schönsten Blumen und Früchte erzog, Jeder endlich, 
der in irgend einer nützlichen Beschäftigung sich auszeichnete, erhielt 
eine Prämie von Felir und Aurore, die, um gerecht entscheiden zu 
können, sich mit alle diesen Arbeiten vertraut machten und freudig 
mit ihren ländlichen Gespielen wetteiferten. 
Nur Ludwig schloß sich von diesen Freude» und Bestrebungen 
aus. Ein tief gewurzelter Stolz ließ ihn fest an seiner früheren 
Ansicht hafte», nach der die Lebensweise seines Vormundes und sei 
ner Geschwister ihm erniedrigend und unwürdig schien. Umsonst suchten 
ihn die Letzteren durch Schilderungen ihrer Lust, durch Bitte» u»d Vor 
stellungen an sich zu locken, — er blieb fest und allein. Ach insgeheim zu 
feiner eigenen Lual, denn er verdammte sich durch dieses Älleinstehen zu 
tausend Entbehrungen und Schmerzen. Während Felix und Aurore t»< 
nig froh die Reize der glücklichsten Kindheit genossen, folterte ihn die tobt« 
li'chstc Langeweile, die sich weder durch Lesen, noch Musik oder andere 
Erheiterungsmittel allemal vertreibe» ließ. Da eS indeß unmöglich war, 
die kleinen Bauer-, Taglöhner-und Winzerkinder in Grafen, Barone und 
andere Edelleute umzuformen, so behielt er lieber das stolze Bewußtsein, 
seine höhere Natur nie durch den leisesten Verkehr mit dem Pöbel befleckt 
zu haben, studirte, las, schlief und gähnte, und verlangte nur nach derZeit, 
wo er seine militairische oder Hoflaufbahn beginnen und in die große 
Welt eintreten könne. — (Fortsetzung folgt.) 
Gedruckt bei I. G. Brüschcke, Breite Straße No. 9.
        
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