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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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begräbnisse genug zeigen im Aegyptischen Stil; auf andern Denkmä 
lern dort aber werdet Ihr oft das Bild eines Schmetterlings fin 
den. Wie kommt de»» dieser auf die Gräber? O ja, es fliegen 
ihrer lebendig darauf herun, und naschen an den Blume»; ich meine 
aber die abgebildeten goldenen oder in Farben. Der Schmetterling 
ist uns ein Bild der Auferstehung. Er war erst Raupe, die spann 
sich selbst ihr Grab und wurde zur Puppe. Wenn wir eine im 
Herbst zerstörten, war nichts darin; ließen wir sie aber unversehrt 
bis zum Frühling, so brach ei» buntes Wesen daraus hervor, das 
vom Thau lebt und fliegen kann, nicht mehr zu kriechen braucht 
wie die Raupe. Wie der Schmetterling, so wird der Käfer. Dies 
Geschlecht wandelt mehrfach seinen Leib und wandert durch man 
cherlei Körpergestalt: so hatte der Aegpter an ihm ein Bild der 
Seelenwanderung. 
Ueber diesen Glauben sagt Herodot: Auch sind die Aegypter 
die Ersten, die den Satz behaupten, daß des Menschen Seele un 
sterblich ist, und wenn der Leib vergeht, so fährt sie in ein 
andres Thier, das immer grade zu der Zeit entstände; und wenn 
sie herum ist durch alle Tbicre des Landes und dcS Meeres und 
durch alle Vögel, so führe sie wiederum in einen Menschenleib, der 
grade geboren würde, und sie käme herum in dreitausend Jahren. 
Wie reimet sich nun dieser Glaube mit der so überaus sorgfäl 
tigen Einbalsamicung der Todten? Für den Wiederbesitz des Lei 
bes durch die Seele kann jener nicht aufbewahrt werden, denn sie 
fährt ja zuletzt wieder in einen neugeborenen; und wenn in Beckers 
Weltgeschichte steht, daß die Seele erst nach Verwesung des LeibeS 
die Wanderung antreten soll durch die Thiere, und darum würden 
etwa die Leichname so sorgfältig bewahrt, so hat Herodot das auch 
nicht gemeint, den» wie kämen die dreitausend Jahre heraus, da 
manche Mumien schon älter sind als so viel Zeit. 
Es ist die Meinung des Kindervolkes wohl gewesen: man müsse 
jede Hütte, in der einmal ein menschlicher Geist gewohnt hätte, hei 
lig halten, und so hielten sie freilich ihre Mumien von Menschen, 
gleichwie die der Thiere. 
Die Todtengrüfte waren ihnen wie Tempel; sie gingen darin 
herum und hielten dort ihre Andacht, und darum ist das Leben der 
Aegypter auch ein düsteres, ernstes, und alle ihre Werke machen 
diesen Eindruck auf unS. 
Dennoch zuletzt auch dies aus Herodot: 
Bei den Gastgcboten ihrer Reichen trägt ei» Mann, wenn sie 
abgegessen haben, in einem Sarge ein hölzernes Todtenbild herum, 
und zeigt es einem jede» der Gäste und spricht: betrachte diesen, 
und dann trink und sei fröhlich, denn wenn Du todt bist, so wirst 
Du sein gleich wie dieser. 
Was sollte diese Erinnerung bedeuten? Sollte sie die Tisch-. 
genossen ernst mache», besonnen und mäßig, und also so viel heißen 
wie das Schriftwort: Lehre uns bedenken, Herr, daß wir sterben
        
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