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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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der etwas gilt, so bestreicht sich alles, was weiblichen Geschlechts 
ist, den Kopf und auch wohl das Gesicht mit Koth. Und sodann 
lassen sie de» Leichnam im Hause und rennen in der Stadt umher 
und schlagen sich an die Brust, aufgeschürzt und mit bloßem Busen 
Desselbigen Gleichen schlage» sich die Männer an die Brust und 
sind auch aufgeschürzt. Und wenn sie das gethan habe», dann 
bringen sie ihn zur Einbalsamirung. Es sind aber hiezu besondere 
Leute gesetzt, in deren Händen diese Kunst ist. Sie haben drei 
Arten der Todtenbercitung wie wir drei Leichenwagen, einen gro 
ssen, eine» mittleren und einen dritten für die Armen. 
Die kostbarste Art geschieht also: Sie ziehe» das Gehirn aus 
dem Kopfe, und machen mit einem scharfen Steine Einschnitte in 
de» Unterleib, um das ganze Eingeweide herauszunehmen. Sodann 
füllen sie den Bquch mit köstlichem Harz und Kräuterwerk, und 
nähen ihn wieder zu. Wenn das vorbei ist, so lege» sie die Leiche 
in Lauge, und stellen sie siebzig Tage bei Seite, waschen sie dann 
und umwickeln den Leib ganz und gar mit feiner Leinwand und 
überstreichen diese mit Gummi, immer eine Leinwandbinde, und 
dann wieder Harz darüber. Nun holen die Angehörigen die Leiche 
ab, umgeben sic mit einem Sarge von Menschengestalt aus Lein 
wand und Gips, mit unzähligen Figuren und Buchstaben bemahlt, 
und dann machen sie noch ein hölzernes Bild von Menschengestalt, 
und thu» die Mumie da hinein. So hebe» sic sie auf im Begrab- 
nißzimmer und stellen sie aufrecht an die Wand. Das ist die Art, 
wie Herodot die Bereitung der Aegyptischen Leichname beschreibt, 
und so haben sich bis aus diesen Tag unzählige Mumien erhalten, 
und sind ihrer auch mehrere in unserm Aegyptischen Museum zusehen. 
Wie aber prächtige Grabmäler für sie erbaut waren, das ist 
schon früher gesagt, und hier nur zu fragen: wie doch die Aegypter 
darauf kamen, den Leibern ihrer Verstorbenen eine solche gleichsam 
ewige Dauer zu geben. Denn wenn sie an des Geistes Unsterblich 
keit glaubten, was nützte die lange Bewahrung der todten Leiber? 
Sie glaubte» aber nicht bloß die Fortdauer der Seele, sondern auch 
an eine Wanderung derselben durch verschiedene Leiber 
der Thiere. Daß dies sogar eine Hauptidee der ganzen Aegyp- 
tische» Weisheit war, ist mir ganz klar geworden, so oft ich die 
Denkmäler dieses Volkes betrachtet habe. Auf ihnen allen nämlich, 
auf großen und kleinen fand ich die Gestalt eines Käfers abgebildet, 
und Ihr könnet, lieben Leser, diese auch finde», bald mit ausgebrei 
teten Flügeln, bald mit zusammengeschlagenen. Selbst aus der 
Brusthöhle der Mumien findet sich stets ein Kleinod aus Gold in 
Käfcrgcstalt. 
Was soll aber dieses Bild bedeuten? Ich denke, dies: 
Wenn Ihr, lieben Kinder, Aegyptisches sehen wollt in dem, 
was uns noch umgiebt, so müßt Ihr freilich weniger die Wohnstät 
te» der Lebendigen betrachten; sondern auf den Kirchhöfen findet 
Ihr Erinnerungen an Aegypten. Ich könnte Euch um Berlin Erb-
        
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