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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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Schicksal bestimmt, und wäre ihm erlegen, hatte die Liebe ihn nicht 
unterstützt. 
Ariadne versähe ihn mit einem Kneul, dessen Ende er. als die 
ehernen Thorflügel des Labyrinths hinter ihm und seinen Leidcnege- 
fährte» zugeworfen waren, an die Klinke inwendig befestigte, und 
den Faden" abrollend weiter ging. Dazu hatte ihm die Königstoch 
ter auch noch seine Keule nachgeworfen, mit der er nun glücklich den 
Minotaurus erlegte, dann de» Kneul wieder auswickelte, und so mir den 
Athcniensische» Jünglinge» und Jungfrauen siegreich aus dem vcr- 
hängnißvollen Gebäude entkam. Die Veranlassung zu dem bishe 
rigen Tribut war nun aufgehoben, ThescuS und die Seinigen durft 
tcn in ihr Vaterland zurückkehren, und dazu folgte ihm eine- neue 
Begleiterin, die feinen Triumph verherrlichen helfen konnte. Es war 
Ariadne, die mit ihm in fein Vaterland ziehen wollte, um dort seine 
Gemahlin zu werden. Aber der Held handelte nicht ritterlich an 
ihr. Sie hatte ihm beigestanden, da er in Noth war, und eigentlich 
um feinet willen ihren Vater verrathen. Ihre Hülfe hatte er ange 
nommen, ihre Liebe aber erwiederte er nicht, und ließ sie auf dem 
Rückwege einsam auf-der Insel Naxos zurück. Die arme Prinzes 
sin wäre übel genug daran gewesen, und vielleicht in ihren Klage» 
uni de» edlen Flüchtling jämmerlich verschmachtet, wenn sich ihrer 
nicht der Gott Bacchus angenommen hätte, der glücklicher Weise da 
mals Naxos besuchte, die Ariadne in ihrem Schmerze sah und licb- 
gewann, und sic demnächst heiräthete. Ein nicht übler Tausch, statt 
eines Helden gar einen Gott zum Gemahl zu bekommen. 
Theseus segelte indeß eilig heim, mußte aber doch wohl mit 
seinen Gedanken noch in Naxos verweilen, oder von Reue geplagt 
werden, denn er vergaß das Versprechen, das er seinem Vater ge 
geben hatte, die schwarzen Segel des Schiffes mit weißen zu ver 
tauschen. 
Der alte Aegeus schaute täglich sehnsüchtig von einem Felsen 
in das Meer hinaus, seinen Sohn oder den TodeSbvten heim kom 
men zu sehen. Ta erblickte er einst in der Abendröthe von fern 
die schwarzen Segel des Tributschiffes, und in der verzweiflungsvol 
len Ueberzeugung, sein Sohn und mit ihm alle seine Hoffnungen, 
seien umgekommen, stürzte er sich in das Meer hinab, das von ihm 
den Name» des Aegeischcn erhalte» hat. 
Jetzt war Trauer und Jubel zugleich in Athen; denn des al 
ten Königs Leiche ward bestattet, als sein Sobn zurückkehrte, der 
nu» de» Thron bestieg. Aber unter so unglücklichen Anzeichen er 
höhet, und den Vorwurf über seinen Undank gegen Ariadne in, 
Herzen, führte Theseus auch ferner ein unruhiges Leben. Immer 
neue Abenteuer sollten sein Gewissen beschwichtigen , aber wiewohl 
sie seinen Ruhm vermehrten, heilten sic sein Herz nicht. Dazu ka 
men später noch große Unglücksfälle. 
Er hatte die Amazonenkönigin besiegt und sic geheirathet, der 
Held eine Kricgerin, aber sie starb bald, und er nahm eine zweite
        
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