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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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Wir finden den Jüngling im Begriff, das erste Mal in diesem 
Jahre, seine Herbstfcrie» zu Hause zu begehen, und aus dem Weg 
«ach der Heimath. Dieser war nicht so bald zurückgelegt, und in 
deß mancher andre Mnsevjünger im eilende» Fluge stolz zu Roß 
und Wage» dein hemiaihlichen Heerde zueilte, trabte Johannes rüstig 
z» Fuße dahin. Aber er konnte nun auch um so deutlicher die 
schönen Gegenden und reizenden Partieen, durch die der Weg ihn 
führte, sowie manche einzelne Ocrter, welche unenkgeldlich zu be 
schaue» waren, in das Auge fassen, konnte sich ausruhen, wann, wo 
und wie es ihni bequem war, und von dem Wenigen, was er sein 
nannte, seine Zehrung einrichten; und so wanderte er, im Strahl 
der milde» Herbstsonne, durch die immer noch ziemlich belebten Flu 
ren und Aue» dahin, indeß er zuweilen, sich die Grillen zu vertrei 
ben, sein. „Gott grüß euch, Alter! "oder: „Hier lieg ich aus Ro 
sen mit Veilchen bekränzt" re, ic. mit voller, wohlklingender Stimme 
sang. 
So hatte er fast des Weges größte Hälfte zurückgelegt, als er 
einst gegen Abend am steilen Ufer der reißenden Unstrut heiter da 
hinzog. Der Weg, den er passtrte, war von der einen Seite mit 
felsigen, schroffe» Bergabhängen umgeben, von der andern Seite be 
grenzte ihn das steile Ufer des Flusses, der still, aber nur um so 
tückischer, seine Fluche» dakintricb: Hier hörte er plötzlich das 
schnelle Rollen eines Wagens und zugleich das Hülferufende Ge 
schrei einiger Stimmen, und als er darauf dachte: woher dies Ge 
schrei käme, sah er auch schon im vollen Jagen den abschüssigen 
Bergweg herunter einen Wagen immer näher dem Flusse zueilen. 
Sein Bündel bei Seite werfen, dem Wagen mnthig entgegeneilen, 
mit starker, mächtiger Jünglingskraft den führerlosen Pferden in 
den Zügel fallen, war hier Eins. Die Pferde schleiften ihn noch 
ei» kleine Strecke mit sich fort, dann aber standen sie, nicht weit 
vom Rande des Flusse-, still, und aus dem Wagen sprang mit 
todtbleichem Angesicht, zitternd vor Schreck, ei» elegant gekleideter, 
junger Mann, der bemüht war, einem alten, einer Ohnniacht na- 
hen, ebenfalls stattlich gekleideten Herrn hülfreich beizufpringe», in 
deß Johannes »och bemüht war, den Wagen von der gefährlickien 
Stelle in die gefahrlose Mitte deS Weges hinüber zu schieben. Als 
Schreck und Ueberraschung endlich bekämpft und die Besiimnug 
der beiden Geretteten völlig zurückgekehrt war, sprach der Aeltre der 
selben dem besonnenen Jünglinge mit freundlichen Worten seinen 
Dank auö. Unterdessen war auch der Bediente der Herrschaft her- 
zngeeilt, welcher das Amt des" fehlenden Rutschers übernahm, und 
mit dem Wagen bis zum nächste» Dorfe fuhr; die drei Andern 
wanderten z» Fuß hinternach. 
Unter Weges erfuhr Johannes von ihnen Folgendes: Der Kut 
scher, schon öfters seines Trunkes wegen von ihnen bezüchtigt und 
nur seiner vieljährige» Dienste halben noch beibehalte», hatte sich 
vermuthlich wieder einmal i» Branntwein übernommen. Er war,
        
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