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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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Friedberg war der einzige Sohn des Pfarrers gleiches Namens, 
der in einem Gcbirgsdorfe de? alte» Harze? eine nicht eben zahl 
reiche Heerde weidete, da aber ei» entfernte? Filial zu feiner Kirche 
geborte, mühseligen Geschäften sich z» unterziehen hatte, wofür der 
äußerliche Lohn sehr gering war. Wenig Freude machte ihm auch 
der Sinn und die geringe Bildsamkeit der Gemeine, und nur in 
seinem Hause war er glücklich. Er besaß eine treffliche, fromme Gat 
tin, und beide fanden in der Erziehung ihrer Kinder die höchste 
Freude. 
Johanne?, welchen der wissenschaftlich gebildete Vater, (so wie 
auch Marie,) selbst unterrichtete, faßte dessen Unterricht in den al 
ten und neuern Sprachen leicht, und lief, an der Hand des kündi 
gen Führers, muthig und unerschrocken, dem vorgezeichneten Ziele 
zu. Er wollte werden, wa? der Vater war, wollte, (was al? höchstes 
Ideal ihm unablässig vor Augen schwebte) mit göttlicher Hilfe einst 
Seelen für den Himmel vorbereiten. 
Marie, die den hellen, klare» Geistesblick de? Vater? mit dem 
Fleiß und der HauShaltigkeit der Mutter vereinte, stand auch an 
Liebreiz dem Bruder nicht nach, und hing diesem zugleich mit der 
zärtlichsten Geschwisterliche an. Sie war der Mutter rechte Hand, 
d. h. sie unterstützte dieselbe in allen ihren Geschäften und Verrich 
tungen. u»d eine ungeheuchclte Gottesfurcht machte ihr alles Herbe 
und Schwere leicht. 
Als die Zeit herannahcte, in welcher Johanne? irgend eine va 
terländische Hochschule beziehen sollte, ließ ihn der Vater, welcher 
bisher ganz allein seine Bildung besorgt hatte, wie es die Sitte des 
Landes mit sich brachte, um seine Kenntnisse zu ergründe», von ei 
ner Prüfungs-Kommission examiniren, die dem junge» Menschen da? 
ehrende Zeugniß der Tüchtigkeit ertheilte. Er sollte nun die Hoch 
schule zu H. beziehen. Groß waren die Sorgen, welche jetzt die 
Herzen der Eltern erfüllten, de» Horizont des sonst so lebensfrohen 
Jünglings trübten, indem dasjenige, was ihm der Vater zu seinem 
Unterhalt bestimme» konnte, nur gering, und vor der Hand keine 
anderweitige Unterstützung irgendwo zu hoffen war. Doch der feste 
Glaube an Gott und die göttliche Hilfe verließ beide, Vater und 
Sohn, nicht; so wanderte Johannes, nachdem der schwere, herbe Ab 
schied von Eltern und Schwester bestanden war, der Musenstadt 
H. zu. 
Dort angekommen, richtete sich der brave Jüngling so spärlich 
ein, als es seine Unistände von ihm erheischte», aber bei aller sei 
ner Sparsamkeit und der pflichtmäßigsten Eintheilung wollte es doch 
fast kaum zureichen. Eine kleine Erleichterung seiner Lage ward ihm 
in der Mitte des ersten Sommer? dadurch zu Theil, daß sein Wirth, 
ei» wackrer, aber nicht eben vermögender Bürgersmann, seine» Sohn 
ihm zum Privatunterricht im Lateinischen übergab, und ihm dadurch 
die Last der Miethe abnahm.
        
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