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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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sinke» begann, kam auf die Kunde von dem, was sich zugetragen, 
ihr Vormund und Pflegevater nach Frankreich zurück und säumte 
keinen Augenblick, die seiner Sorge anheim gefallenen Kinder zu sich 
zu nehme». 
Monsieur de la V. oder wie wir den guten Herr» trotz seiner 
glänzenden Titel mit unseren Kleine» künftig nennen wollen, Vater 
George, war ein geistreicher, gemüthlicher, trefflicher Man», aber 
das* was man in "der Welt allzu voreilig einen Sonderling zu nen 
nen pflegt. — Er konnte nicht umhin, die Masse von Förmlichkei 
ten, worin sich die meisten seiner Standesgenossen freiwillig ein 
zwängen, lächerlich und drückend zu finden, und kämpfte deßhalb mit 
Witz und Vernunstgründen beständig gegen dergleichen Dorurtheile 
an, von denen er indeß zuvor sich selbst aus allen Kräften los zu 
Machen strebte. Reich, angesehen und unabhängig, ward cS ihm 
leichter als jedem Andern, frei seiner Neigung zu folgen, und da er 
wohlthätig, gastfrei, heiter und angenehm "eben so sehr als rechtschaf 
fen und edel war, so haßte ihn selbst keiner von Denen, die er zur 
Zielscheibe seiner immer gutmüthigen Neckereien machte, und die 
allgemeinste Achtung ward ihm trotz seiner Eigenheiten zu Theil. 
Zu diesen rechnete man besonders, daß sich Hr. v. V- weder 
in Kleidung noch in anderen Dinge» knechtisch der herrschenden 
Mode unterwarf, daß er seine» Stand durch die unpassendsten Be 
schäftigungen entweihte, daß er die Hoffeste und glänzenden Zirkel 
mied, dagegen aber in seinen eigenen, jedem Anständigen offen ste 
henden Gesellschaften, ohne Rücksicht auf Ansehen und Geburt, alle 
Klassen durcheinander mengte, und endlich mit dem gemeinsten Mann 
wie mit seines Gleichen umging. 
Auch jetzt zeigte Hr. v. B- der vornehmen Welt, daß er »ach 
jahrelangem Uncherreisen alle seine früheren Grillen wieder mitge 
bracht habe, denn statt wie man erwarten konnte, seine gefeierten 
Pflegekinder selbst abzuholen, oder gar ihrer fernern Ausbildung 
wegen sich für immer mit ihnen in Paris niederzulassen, begnügte 
er sich, sie durch seinen treuen Kammerdiener auf sein einsam lie 
gendes LieblingSgut entbieten zu lassen. Nicht Gleichgültigkeit son 
dern im Gegentbeil recht tiefes Gefühl bewog ihn hierzu. Seiner 
Ansicht nach gehörten zärtliche Faniilicnauftrittc nicht vor die lau 
ernden Blicke fremder Menschen; tausend Rücksichten der Höflichkeit 
drängen dort die wärmste Empfindung zurück, und doch war eS 
der innigste Wunsch des würdigen Mannes, die Herzen der Kinder, 
die er von nun an als die seinen ansah, gleich bei dieser ersten Zu 
sammenkunft so nahe als möglich an sich zu zieh«. 
Unsere Waisen, denen die verstorbenen Eltern von jeher die 
höchste Liebe und Verehrung für Hrn. von V. eingeflößt hatten, 
reiste» ihm ebenfalls, ohne nianche leise Anspielung verstanden und 
aufgefaßt zu haben, mit aller Ungeduld entgegen, welche junge Ge 
müther gewöhnlich einem neue» und wichtigen Gegenstände entgc- 
gentragcn.
        
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