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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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Wilhelm rührte sich nicht. Man hätte meinen sollen, er sähe 
nicht einmal daS wilde Thier, dem er aufzupassen gekommen war. 
Der Bar, der mit dem falschen Winde kam, schien seinerseits die 
Gegenwart eines Feindes nicht zn almen, n»d setzte eilends seinen 
Weg nach dem Birnbaum feit. Allein in dem Augenblick, wo er, 
siel! ans die Hinterfüße stellend, mit den Bordertayen den Stamm 
umfassen wollte, und so seine Brust blos gab, wel-be seine breiten 
Schultern nicht mehr schützten, schimmerte plötzlich ein flüchtiger 
Lichtstreif gegen den Felsen, und das ggnze Thal ballte von dem 
Fliitteuschuß mit doppelter Ladung und dem Geheul wieder, welches 
das tödtlich verwundete Tbier ausstiesi. — Es war vielleicht im 
ganzen Dorf nicht ein Mensch, der nickt Wilhelms Schuß und des 
Baren Geheul gebort hätte. — Der Bär entfloh, wieder zehn 
Schritt bei Wilhelm vorbcilaufcnd, ohne diesen zu bemerken, der 
Kopf und Arme wieder i» den Sack gesteckt hatte und sich hinter 
dem Steine verbarg. 
Der Nachbar sah diesem Auftritt zn, aus seine Knie und seine 
linke Hand gestützt, sein Gewehr in die rechte Hand drückend, blaß 
und den Al hem anhaltend. — Gleichwohl ckst's ein tüchtiger Iä- 
gerSmann. Aber sehn Sie, das hak er mir doch gestanden, daß er 
in dein Aiigenblick lieber in seinem Bette gewesen wäre als auf 
dem Anstand, denn der Bär kam jetzt grade auf ihn los. Er be 
kreuzte sich, den» unsereJägcr sind fromme Leute, empfahl seine Seele 
Gott, und sah nach, ob sein Karabiner gut geladen wäre. Der Bärwar 
nur noch fünfzig Schritt von ihm entfernt, vor Schmerz heulend 
Uiid still kalkend, um sich auf der Erde zu wälze», und sich au der 
Stelle seiner Wunde in die Seite zu beißen, dann setzte er seine» 
Lauf fort. — Er kam immer näher. Roch war er nur ans drei 
ßig Sckrikt weit. Roch zwei Sekiindcn und er stieß an den Vmif 
von des Nachbars Karabiner an, als er plötzlich wieder stehn blieb, 
schnaubend die Luft einzog, die vvn der Seite des Dorfes herkam, 
ei» sürchterliches Gebrüll ausstieß und in den Garten zurücklief. 
Nimm dich in Acht, Wilhelm! Nimm dich in Acht! rief Franz, 
indem er dem Bären nachsetzte, Alles vergessend, um nur an seinen 
Freund zu denken; denn er sah wohl, daß, wenn Wilhelm nicht die 
Zeit gehabt hätte, seine Flinte wieder zu laden, er verloren war; 
der Bär batte ihn gewittert. — Noch hatte er nicht zehn Schritt 
gethan, als er einen Schrei hörte. Das aber war der Schrei ei 
nes Menschen, eiii Schrei de« Schreckens und des Todes zu glei 
cher Zeit, ein Schrei, in dem der, welcher ihn ausstieß, alle Kräfte 
seiner" Brust, alle seine Gebete zu Gott, alle seine Bitten um Hül 
fe bei den Mensche» zusammengefaßt hatte. 
Franz lief nicht, er flog; der Abhang beschleunigte seine» Lauf. 
Je näher er kam, desto deutlicher erkannte er auch das ungeheure Tbier, 
das sich im Schatten bewegte, Wilhelms Körper zertretend und in 
Stücken reißend. — Franz war nur noch vier <Lckr>tt weit von 
Beiden, aber der Bär war so gierig über seine Beute her, daß er 
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