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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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pestartige Krankheit ihren Gemahl plötzlich dahingerafft habe, und 
diese traurige Nachricht ward bald durch Briefe, die ihr auf der 
Reise noch zukamen, außer allen Zweifel gesetzt. — Die Unglückliche, 
ohnehin schon angegriffen und reizbar, war einem so unerwarteten 
Schlage in diesem Augenblick nicht gewachsen, ein hitziges Nerven 
fieber zerriß auch ihre» LcbenSfaden, che sie die Heimath erreichte, 
und nur von Fremde» begleitet, zogen ihre plötzlich ganz verwaisten 
Kinder tief betrübt dort ei». 
Obgleich Ludwig, Felix und Aurore gut geartet, wohlgebildet 
und unglücklich waren, möchten diese Ansprüche allein doch nicht hin 
reichend gewesen sein, ihnen eine solche Aufnahme zu verschaffen, als 
wirklich in Paris ihrer harrte. Denn es war für den Augenblick 
keine Seele dort, der die Sorge für Sie mit Recht anheimfiel. 
Ihr einziger Verwandter, ein Vetter des verstorbenen Grafen, be 
fand sich eben auf einer weiten Reise, und bis er von dem Schick 
sal der Verlassenen unterrichtet ward, konnte eine beträchtliche Zeit 
verfließen, in der sie allen Schmerzen des Alleinstchens Preis ge 
geben waren. 
Allein unsre Kleinen hatten Geld und Gut, einen berühmten 
Namen, anziehende Schicksale, ein reiches, Aufsehn erregendes Ge 
folge; — dieser Zusammenfluß von äußern Gütern erwarb ihnen 
schnell Gönner und Freunde überall. Alle Große» des Hofes, Ze 
der der in irgend einer Beziehung mit ihren verstorbenen Eltern ge 
standen hatte, beeiferte sich den trostlosen Kindern die Theilnahme, 
die er für sie hegte, a» den Tag zu legen. Man riß sich fast um 
das Vergnügen, sie bei sich aufzunehmen; es ward Mode, die klei 
nen Waisen in jeder glänzende» Gesellschaft um sich zu haben, und 
durch tausend angenehme Eindrücke suchte man den Kummer zu 
mildern, der in so jugendlichen Gemüthern ohnehin nicht tiefe Wur 
zel zu schlagen pflegt. 
Daß unsere Kleinen in diesem glänzenden Kreise tausendmal 
für Muster aller Vollkommenheit erklärt wurden, daß man sie mit 
Liebkosungen und Schmeicheleien eben so reichlich wie mit kostbarem 
Naschwerk speiste, war ganz natürlich. Alles was sie sagten und 
thaten, war einzig, unübertrefflich; es gab keine rührendern Züge, 
keine anmuthigeren Bewegungen als die ihrigen; Jeder bewunderte, 
Jeder pries nur sie. Besonders Ludwig, der an Geist und Körper 
bereits am weitesten ausgebildet war, erntete solche Lobpreisungen 
im reichsten Maaße ein, und die Anmuth, mit der er sie hinnahm, 
ablehnte oder gar erwiederte, brachte ihm immer neue Huldigungen 
ein, konnte aber eben so deutlich für einen Beweis gelten, daß das 
süße Gift der Schmeichelei bereits den unbefangenen Kindersinn i» 
ihm erstickt habe. 
Eine so außerordentliche Theilnahme gegen unsre kleinen Wai 
sen würde auf jeden Fall abgenommen und ihnen den Beweis ge 
geben haben, daß sie dieselbe nicht allzu leichtgläubig nur auf Rech 
nung ihres Werthes zu setzen hätten; doch ehe noch ihr Glanz zu
        
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