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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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betten ganz schlicht nnd einfach a»S einem Strvhsack und einer Ma 
tratze bestehen, über welche nia», cs mit dem Name» Bertlaken 
schmückend, eine Art so kurzen Tuches breitet, daß es sich weder 
am untern Ende unter die Matratze schlagen, noch am obern nm 
das Pfühl wickeln laßt, so daß Füße und Kops cs freilich abwech 
selnd, aber nie Beide zugleich benutze» können. Hiezu denke man 
sich nun noch, daß von allen Seiten das Pfcrdehaar steif und dicht 
aus der Leinwand dringt, welches denn auf des Reisenden Haut 
ungefähr dieselbe Wirkung thut. als läge er auf einer ungeheuren 
Kopfbürste. So machte ich denn, gewiegt von der Hoffnung auf 
eine gute Nacht, einen Spaziergang von anderthalb Stunden in 
Stadt und Umgegend, ei» Zeitraum, der hinreicht, um Alles zu 
sehn, was die alte Hauptstadt der penninischcn Alpen Merkwürdiges 
darbietet. 
Als ich zurückkam, saßen die Reisenden schon bei Tische. Ich 
warf einen rasche» und besorgten Blick auf die Gaste; alle Stühle 
stieße» an einander und alle waren besetzt; ich hatte keinen Platz! 
Mir lief ei» Schauer über de» ganzen Leib, nnd ich kehrte mich 
um, den Wirth zu suchen. Er stand hinter mir. Ich fand einen 
schadenfrohe» Ausdruck in seinem Gesichte. — Er lächelte. — Und 
ich? sagte ich, und ich, Unseliger! — Hier, sprach er, mit dem 
Finger auf ein Scitentischchc» zeigend, hier ist ihr Platz. Ein Mann 
wie Sie, darf nicht mit all den Leuten da essen. — O über den 
würdigen Octodurier!— Und ich hatte ihn im Verdacht gehabt! — 
Mein Tischchen war wundervoll besetzt. Bier Schüsseln mach 
ten den ersten Gang aus, und in der Mitte befand sich ein Beef 
steak, von einem Ansehn, daß es batte ein englisches Beefsteak zu 
Schanden machen können. — Mein Wirth sah, daß es allein 
meine ganze Aufmerksamkeit in Beschlag »ahm. Er bog sich gc- 
heimnißvoll zu meinem Ohr nieder und sagte: — Davon giebt es 
nicht für Alle. — Was ist's für ei» Beefsteak? — Boi» Bä- 
renniercnbraten! Nichts Geringeres. Mir wäre es eben so lieb ge 
wesen, hätte er mich glauben lassen, es wäre von einem Rindernie 
renstreif. — Gleichgültig betrachtete ich das so gerühmte Gericht, 
das mir jene unglücklichen Thiere zurückrief, die ich als kleines Kind 
brüllend und kotbig, mit einer Kette in der Nase und einem Manne 
am Ende der Kette, schwerfällig auf einem Stocke reitend, hatte 
tanzen sehen. Ich hörte de» matten Schall der Trcnmiel, die der 
Mann schlug, den schneidenden Ton der Pfeife, die er blies, und al 
les das gab mir eben keinen bedeutenden Appetit zn dem gepriese 
nen Fleische, das ich vor Auge» hatte. — Ich hatte das Beef 
steak auf meinen Teller gelegt und wenigstens an der siegreichen 
Art, mit der meine Gabel hineinbrang, gefühlt, daß cs die Eigen 
schaft der Zartheit besaß. Indessen zögerte ich noch immer, eS 
auf seinen beiden gebräunten Seite» hin und her wendend, als mein 
Wirth, der mir zusah, ohne mein Zaudern zu begreifen, mich durch 
ein letzter: Kosten Sie mir das, und dann wollen wir uns
        
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