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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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Listige Rache eines Affen. 
Schon vor längerer Zeit hat in diesen Blättern ein Freund 
von der Rachsucht eine» Affen erzählt, und da bringt nun auch die 
Bosffsche Zeitung von gestern eine höchst merkwürdige Geschichte 
mit, nach welcher man fast glaube» muß, daß diese Thiere eine Art 
Geist habe»; es war aber hier kein guter sondern ein böser. Daß 
Affen etwas zu lernen fähig sind, können die Leser jetzt unter den 
Linden in der Affenkomödie sehe». Ich bin aber selbst noch nicht 
dagewesen, sondern weiß es nur von Hörensagen. 
Unser Affe aus der Vossischen Zeitung nun scheint auch etwa- 
bade» lernen zu wollen. Den» da lag im Hafen zu Toulon ein 
Schiff, das an der Seite bemalt werden sollte mit allerlei bunten 
Zicrrathcn, und der Maler hatte sich dazu ein Gerüst gemacht, wie 
es auch bei uns schon die Maurer versucht haben, wenn sie ein 
Haus abputze» wolle». Nämlich die gewöhnliche Art ist die, daß 
man hohe Pfähle in die Erde gräbt, und befestigt die Bretter da 
ran, worauf die Arbeiter stehen sollen. Neben dem Schiff im Mee- 
reshafen aber ist kein Grund und Boden für solch ein Gerüst; da 
rum batte unser Maler sei» Brett worauf er stand, mit Stricken 
am Verdeck ausgehängt. Während er nun malte mit allem Fleiß, 
schaute nebe» ihm ein großer Affe zur Luke heraus, der hatte auch 
bald einen abgebrochenen Lundenstiel in der Hand, und fuhr damit 
a» der Schiffsplanke umher, und that als ob er auch malte, und 
machte dem Meister alles nach. Der Affe! Jener gute Mann 
aber nahm ihm das mehr als billig übel, denn ein Thier hat doch 
keine Vernunft. Ehe er sich'S versah, hatte der Affe einen breiten 
bunte» Farbestrich im Gesichte und lies schreiend davon. 
Der Maler ging darauf ruhig zu Tische und kam wieder, um 
seine Arbeit fortzusetzen; aber indeß hatte der Affe ein Stück Ar 
beit gemacht, und zwar ein schändliches, denn er hatte die Stricke, 
woran das Malergerüst hing, dergestalt zernagt,, daß cs nur noch 
an dünnen Fäden schwebte; und als der Meister darauf trat, stürzte 
er sammt dem Brette in'S Meer. Kaum könnte er gerettet werden, 
und als er triefend auf das Verdeck gebracht ward, da saß der 
Affe, stletschte ihm die Zähne, und schien ihn höhnisch zu verlachen, 
Doll Wuth sprang der Maler auf ihn zu um ihn zu strafen, aber 
das Thier floh schnell wie der Blitz in den höchsten Mast hinauf, 
saß da auf der Seegeistange und verhöhnte seinen Feind wie zuvor. 
Der holte setzt aber seine gute Flinte, und wieder denn ein 
geübter Schütze war, so hätte seine Rache an dem Affen wobl voll 
ständig werden können, wenn »icht der Herr des Schiffes und des 
Thieres, dem Maler seinen Schreck und Verlust, freigebig ersetzt 
und damit zugleich seinem thierischen Gesellschafter das Leben erhal 
ten hätte. Ä. M. 
Gedruckt bei I. G. Brüschcke, Breite Straße Nr. 9.
        
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