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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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Eigentlich ist eS nichts als ein Schein, wenn er auf tief« 
Weise einen Tag gewinnt; denn die Zeit zwischen der Abreise und 
der Zurückkunft ist völlig gleich für die, welckic die Reise gemacht 
habe», und für die, welche zurück geblieben sind, aber die Einthei- 
lung der Zeit ist eine andere. Wer immerfort gegen Osten reiset, 
der siehet die Sonne an jedem Tage um ein Weniges früher un 
tergehen, als er geschehen sei» würde, wenn er an seinem Orte ge 
blieben wäre. 
So werden die Tage für ihn um eine unbedeutende Kleinig 
keit kürzer, und war auf diese Weise den einzelnen Tagen abgeben 
wird, das macht, wen» der vierte Theil der Reise vollendet ist, sechs 
Stunden, »ach Vollendung der halben Reise zwölf, nach Vollendung 
der ganzen Reise 24 Stunden. 
Nun ist es wohl nicht nöthig, daß ich noch erkläre, wie das 
zugeht, daß jemand bei einer Reise um die Erde in westlicher Rich 
tung einen Tag verliert? 
Wenn der Reisende nach 100 Tagen ei» Viertel der Reise voll 
endet hat, und seiner Frau fällt cS auf Mittag ein, daß er nun 
schon volle hundert Tage von Hause weg ist, und sie seht sich mit 
schwerem Herzen zu Tische, so thut der Man» nicht das Gleiche, 
wie seine Frau und seine Kinder daheim thun, denn eS ist bei ihm 
noch früher Morgen, und er denkt auch wohl daran, daß heute der 
hundertste Tag seiner Reise ist, daß aber an de» volle» hundert 
Tagen noch sechs Stunden fehlen. 
Und wieder nach hundert Tagen wird der Mann anf seinem 
Schiffe zur Mitternachtsstunde in tiefem Schlafe liegen, wenn nicht 
Sturm und Ungewitter oder die Nähe einer klippenvollen Küste die 
Schiffsinanttschasr wach erhalte», während seine Frau und Kinder 
dakeim beim Mittagsmahlc sitzen, und die Kinder sagen: nun ist 
Vater schon volle 200 Tage weg, obgleich dieser erst zwölf Stun 
den später so denkt. 
Endlich nach 400 Tagen kan» der Zurückgekehrte sich füglich 
gleich mit seiner Familie zusammen zu Tische setzen, aber wenn die 
Frau nach ihrem Kalender zufällig fände, daß heute ihres Mannes 
Geburtstag fei, und wollte auf die Gesundheit des neugebornen 
Kindleins anstoßen: so würde er »ach seinem SchiffStagcbuche sagen: 
Nicht doch, Liebe, morgen erst, morgen! Und cS könnte ein leidli 
cher Zwist entstehen über das verschiedene Datum, wenn man nicht 
vermuthlich über der Freude der Wiedersehens den Kalendertag ver 
gäße. 
Wäre aber Einer von Euch, lieben Scftt' dabei, der würde nun 
den Streit zu schlichten verstehen.
        
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