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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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Von verlornen Tagen. 
(Vom Herrn Schulrath l)r. Otto Schulz ) 
Daß ft» Mensch je zuweilen einen Tag verliert, indem er ihn 
zu unnütze» Dingen verwendet, oder weil zudringliche Leute ihn zu 
keiner vernünftigen Beschäftigung kommen lasse», das iss i»i Lebe» 
nicht eben selten, und matt muss Jeden noch glücklich preisen, der 
nur über verlorne Tage, nicht über verlortie Jahre oder über ein 
verlornes Leben zu klagen bat. 
Die Ansichten der Menschen von verlorner Zeit sind freilich 
sehr verschiede»; der bessere Mensch achtet jeden Tag für verloren, 
den er nicht einem gottseligen Streben gewidmet hat, der leichtsinnige 
weltliche Mensch nur den Jag, wo er sich die Genüsse des Leben« 
hat versagen müssen. Bon dein römische» Kaiser Titus, de» seine 
Zeitgenossen die Liebe deS Menschengeschlechts genamit haben, wird 
erzählt, daß er jeden Tag für verloren angesehen habe, wo er Nie 
manden eine Wohlthat erzeigt hatte; auch der natürliche Verstand 
des Volke» zählt nur den Tag z» de» wohl verlebten, den man nütz 
licher Beschäftig,niq gewidmet hak, und von einem Müßiggänger heisst 
cs in der Sprache des Volkes, er stehle unserm Herrgott de» Tag ab. 
Bon Tagen, die auf diese Weise gestohlen oder verloren werden, 
soll in diesem Aussatz nicht die Rede sein, sonder» von solchen, die 
den Leute» weggekommen sind, ohne daß inan gewußt hüt, wo sie 
geblieben sind. 
Zur Erläuterung solche« Verlustes will ich eine Geschichte er 
zählen, die sich vor etlichen hundert Jahre» ereignet hat. 
Es schiffte einmal ein Seefahrer um die ganze Erde i» west 
licher Richtung und kam nach drei Zähren zurück in den Hafen, 
von welchem er ausgelaufen war. 
Dies geschah »ach seiner Rechnung am 24. Zutti'u«, der gerade 
ein Sonnabend war, und er frcueke sich am anderen Tage mit den 
Seine» zur Kirche zu gehen und Gott zu danken für seinen Schutz 
bei allen Jährlichkeiten der Reise. 
Al» er aber in die Stadt kam und die Leute in ihren Sonn 
tagskleidern gehe» sah, und dar Drängen und Treiben vermißt«, 
dar man sonst an Werkeltagcn auf dem Markt und in den Stra 
ßen findet, da wulidcrte es ihn, und er fragte einen vorübergehen 
den Mann, warum koch heute die Stadt ein so festliches Ansehen 
habe. Da erfuhr er mit großer Uebcrraschung, daß cs nicht Sonn 
abend sei, sondern Sonntag, und daß man in der Stadt nicht den 
24. Zuiiiu« schreibe sondern de» 25 sie». Da hat also der Schrei 
ber, der das Tagebuch führt, irgend einen Tag zweimal gezählt, oder 
er hat einem Monat, der nur dreißig Tage hat, deren 31 gegeben, 
und es ist ein Irrthum, wie er wohl vorkommen kan», wenn man 
Jahre lang auf dem Meere und unter Völkern, welche eine andere 
Zeitrechnung haben, umhergetrieben wird. Aber der Schreiber, der
        
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