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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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Und diese Farben haben sich, »ach einer Dauer von viele» tausend 
Jahren, auf das beste erhalten! Unter den Säulen, welche die 
Decke tragen (und überall erblicken wir dergleichen) sind viele durch 
ihre wunderbare Verzierung merkwürdig. Statt des gewöhnlichen 
Aufsatzes, wie die Säule» der spätern Völker ihn zeigen, war oft 
ein Tbier, ein Elephant, ein Löwe, ein Widder in Stein gehauen, 
und schien so die Last der Decke zu tragen; oder eS waren statt 
der Säulen Menschen- und Göttergestalten abgebildet, welche die 
Last der Steinblöcke auf ihre» Schultern zu halten schienen. So 
giebt es den» große Hallen in de» noch stehenden Tempeln, i» de 
nen jeder Pfeiler das Bildnifi einer Gottheit enthält. Und wenn 
schon die neuere» Reisenden nicht ohne Rührung in einen solchen 
Tempel eintreten können, welchen tiefe» Eindruck mußte der Anblick 
deyelben auf den Aegypter hervorbringen, der alle diese Herrlichkeit 
mit religiösem Sinne betrachtete! Andre Tempel enthielte» gar 
keine Göttcrgcstalren; da wurde die Gottheit in irgend einem Thiere 
verehrt, das ihr geheiligt war. Auch von diesen Tempeln berichtet 
der heilige Clemens von Alexandrien'), daß es die prachtvollsten 
Gebäude gewesen, die er je gesehen habe, und daß sie von Gold 
und Silber und den Edelsteinen Indiens und Aethiopiens geglänzet. 
„Die heiligen Orte in denselben, fügt er hinzu, waren mit golbge- 
wirkten Schleiern verhängt; und wenn man etwa, weiter in das 
Innere des Tempels vorschrcitcnd, die Bildsäule des GottcS suchte, 
so trat ei» Tempeldiener in ernster Feierlichkeit hervor, eine Hymne 
in ägyptischer Sprache singend, der lüstete den Schleier, um den 
Gott zu zeigen. Der Gott der Aegypter erschien, d. h. eine Katze, 
ein Krokodil, eine Schlange, oder sonst ein Thier, das sich auf ei 
nem Purpurteppich wälzte!" — 
Zwischen zwei großen Palästen Thebens ist eine Ebene, welche 
man das Feld der Kolosse nennt. Da erblickt der erstaunte Rei 
sende an zwanzig kolossale Menschengestalten, theils sitzend, theils 
gehend oder stehend in Stein abgebildet. Einige derselben haben 
ihre frühere Stellung behalten, andre sind umgestürzt oder verstüm 
melt; von manchen sind nur noch einzelne Theile zu finde». Alle 
aber sind von solcher Größe, daß ein Finger die Länge von drei 
biö vier Fuß hat, also größer ist als die meisten von meinen jun 
gen Lesern. Eine dieser ungeheuren Gestalten war im Alterthum 
unter dem Namen dcS redenden Kolosses berühmt. Hund-erte 
von Inschriften bedecken den Stein; die Reisenden haben durch die- • 
selben bezeugt, daß sie die Stimme des Gottes vernommen hätten. 
Bei Sonnenaufgang hörte man nämlich einen Ton wie von einer 
schwingenden Saite, der auS dem Innern des Kolosses zu kommen 
schic». Die alten Aegypter und Griechen glaubten darin die Stimme 
des Gottes zu hören; neuere Reisende haben bemerkt, daß der Ton •) 
•) Einer der berühmtesten altchristlichen Kirchenlehrer, von denen, 
ine man Kirchenvater nennt. Er lebte um das Jahr 20V.
        
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