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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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reich umhegt, sich indeß nur wenig von ähnlichen Besitzungen unse 
rer Heiniath unterschieden. Weiterhin hatte man die Aussicht auf 
ein grünes Gartengeländer, eine Brücke und dahinter auf einen grü 
nen Anger, wo das schönste Vieh weidete; noch entfernter zeigte sich 
ein beträchtlicher Hügel, auf dem höchsten Gipfel malerisch mit einer 
kleinen Kapelle gekrönt. Ich konnte mich kaum satt sehen an die 
sem wahrhaft lieblichen Bilde, und würde noch lange nach derselben 
Richtung hingeschaut haben, wenn nicht Menschenstimme» auf dem 
Hofe meine Aufmerksamkeit dorthin zurückgelenkt hätten. 
Meine liebe Wirthin, Frau P . . schritt, von ihre» Kinder 
chen begleitet, eben durch das Gartentbor, zwei Frauen, welche der 
schönen Mailuft ungeachtet, in Jacken von zottigem Schaaffell, das 
Rauhe nach außen gekehrt, einherginge», eilten der Gebieterin cntge. 
gen, neigten sich bis zur Erde und küßten in tiefster Unterwürfigkeit de» 
Saum ihres Gewandes. Dieser Anblick hatte etwas sehr Betrüben 
des für mich, mein FreiheitSsinn sträubte sich gegen eine solche De 
müthigung deS Menschen gegen den Menschen, und ich würde dieje 
nigen, welche also sich erniedrigten, recht innig bedauert haben, wenn 
ich nicht gewusst Hätte, daß freier Wille, nicht Zwang sie dazu triebe, 
und daß die unglückliche Leibeigenschaft, von der jene knechtischen 
Gebräuche Herstammen, die Bewohner Posen» nicht mehr drückt, 
seitdem sie unter dem Scepter unseres geliebten Königs stehen und 
aller Rechte seiner übrigen Unterthanen sich erfreuen. 
Ei» junger Mann, der die Tbür des Pferdestalls öffnete, wel 
chem da« Söhnchen meiner verwandten zulief, hatte ei» vorllckil- 
haftereS Ansicht,, als jene unterthäNigen Weiber. Das «der den 
halbentblössteii Hals frei herabwallcnde, vorn gescheitelte Haar, so 
wie ein hübsche« Stutzbärtchen, stand seinem ausdrucksvolles Gesicht 
gar nicht übel, doch ein Kindergeschrei auf der Straße lenkte mein 
Auge von ihm ab, einem Gegenstände zu, den ich, theure Kinder, 
euch nicht widerwärtig genug beschreiben kann. 
Denn ein kleines Wesen, dessen Gestalt ich schon länge »eben 
einem grosse» Düngerhaufen bemerkte, der von der Sonne beschienen, 
ihm wahrscheinlich zur Ruhestätte gedient batte, richtete sich, von ei 
nem Vorübergehenden Knaben gereizt, plötzlich von diesem ekelhaf 
ten Lager auf und bot mir einen Anblick dar, der noch tausendmal' 
ekelhafter war, und leider unvcrtilgbar i» meiner Erinnerung ge 
blieben ist. 
Die Gesichtsfarbe dieses Kindes war, so viel Schmutz und Ans 
schlag davon erkennen ließ, crdgran und fahl, die Augen roth und 
thränend, die Züge alt und verzerrt, dock schrecklicher »och als alle 
übrige» Veruiistallnngeii dieses elenden Geschöpfe« eeschien mir die 
seines Hauptes, das statt der Haare mir lauter abstehenden Spie 
ße» bedeckt war, und dem Ganzen ein so fremdes, schauerliches An 
seht, gab, dass ich im ersten Augenblick gar nicht wußte, wofür ich 
diese Missgestalt eigentlich halten sollte.
        
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