Path:

Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

368 
nie etwa- vom Weichselzopfe gehört und bat jetzt, da er früher 
nicht hatte stören wollen, um eine Erklärung dieses Wortes. 
Darüber kann ich dir Auskunft ertheilen, kleiner Freund, sprach 
Fräulein Sommer, die Hauptlehrerin an der Töchterschule, welche 
.Hr. Klarmann leitete, ich habe bei einem kurze» Aufenthalte im 
Großherzogthum Posen die Krankheit kenne» gelernt, welche man 
mit jenem Ausdrucke bezeichnet, und theile um so lieber etwas Nä 
heres darüber mit, da dieser Gegenstand in dem allergenauesten Zu 
sammenhange mit unserer jetzigen Unterhaltung steht. Wenn also 
die älteren Herrschaften nichts dagegen haben — — diese beeilten 
sich zu versichern, daß ihnen sowohl als den Kindern die verheißene 
Mittheilung höchst angenehm sein werde, und Fräulein Sommer 
begann: 
„Eine Verwandte, die seit längerer Zeit an den Pächter eines 
königlichen Amtes, nahe bei Posen, verheirathet war, hatte mich schon 
mehrere Mal eingeladen sie zu besuchen. An Lust zum Reisen fehlte 
es mir nicht, und da sich eine vortreffliche Gelegenheit fand, kosten 
frei bis an die äußerste Grenze Schlesiens zu gelangen, machte ich 
mich freudig auf den Weg. Meine Verwandten schickten mir ihr 
Fuhrwerk entgegen, und von vier nebeneinander gespannten Pfer 
de», die ein langbärtiger Pole regierte, im Fluge in das jenseitige 
Land geführt, kam ich spät Abends an dem Orte meiner Bestim 
mung an. 
'Es mochte noch ziemlich früh sein, als ich am andern Morgen 
erwachte, doch die Neugier ließ mich nicht länger ruhe». Zum er 
sten Mal war ich in einem fremden Lande; Sprache, Sitten, Ver 
hältnisse, alles war mir neu, und deshalb wünschte ich wenigstens 
das äußere Bild meiner Umgebungen so bald als möglich in'S Auge 
zu fassen. 
Ich war zur glücklichen Stunde gekommen; etwas mir völlig Un 
bekanntes fesselte gleich beim ersten Schritt an'S Fenster meinen 
Blick; eine Prozession, die wir in unserem protestantischen Deutsch, 
land nicht zu sehen bekommen, zog langsam und feierlich die Stra 
ße daher. Eine Schaar meist jüngerer Leute beiderlei Geschlechts, 
im Sonntagsschmuck, Bänder und Sträuße an den Hüten, bunte 
Fähnlein, Heiligenbilder und-Kreuze, so wie das aufgeschlagene Ge 
betbuch in der Hand, schritt paarweise unter melodischem Gesänge 
an mir vorüber, und keiner unter Alle» versäumte de» ehrerbietig 
ste» Gruß zu mir hinauf zu senden. Diese freundliche Bewillkomm 
nung gesiel mir außerordentlich wohl, ich erwiederte sie so höflich 
wie ich nur immer konnte, erfuhr jedoch späterhin, daß einem Hei 
ligenbilde über der. Hausthür, nicht aber meiner unbedeutenden Per 
son, diese ehrfurchtsvolle Huldigung geweiht war. 
(Fortsetzung folgt.) 
Gedruckt bei I. G. Brüschcke, Breite Straße No. 9.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.