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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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dem allst cm einen Glauben nach am liebsten unter der Gestalt von 
Katze» (auch wohl von Ziegenböcken und Drache») ihre Zusammen» 
fünfte mit de» Heren zu halten pflegte»; Geld und Gut aber 
glaubte, man, schaffe thue», so wie das Gelingen ihrer böse» An 
schläge, die Gewalt der finstern Machte als irdischen Lohn, während 
jenseits ihre Seelen der ewigen Berdammniß anheim fallen würden. 
Auch die lauge Dauer des Hexenglanbens ist ein sicherer Be 
weis von der tief begründeten Macht desselben. Nicht die mächtig 
zunehmende Aufklärung, welche durch die Reformation bewirkt war, 
konnte diesen Aberglauben ausrotten, er erhielt sich unter den Pro 
testanten wie unter den Katholiken noch geraume Zeit. Denn im 
Iabre 1728 ward in Ungarn noch ei» Hexen-Proceß geführt, 
1780 zu Glarus in der katholischen Schweiz eine Hexe öffentlich 
hingerichtet; und daß diese Ueberbleibsel des traurigsten Wahns lei, 
der noch nicht die letzten gewesen sind, beweiset die angefangene Er 
zählung unsers Freundes, uni deren fernere Mittheilung wir nach 
dieser Einschaltung sämmtlich bitten. 
Herr Dietrich, welcher Zeit gehabt batte neuen Athem zu schöp 
fen, und sein Butterbrot und seine Tasse Thee in aller Ruhe zu 
genießen, ließ sich nicht lange vergebens bitten, sondern fuhr also in 
seiner traurigen Geschichte fort. 
Man holte nach KaminSky's Erklärung, daß die Hexe geschwemmt 
werden müsse, sogleich ein Boot herbei und schleppte die Unglückliche- 
an das Seeufer. Auf ihre Bitten, Betheurunge» und Thränen 
ward nicht geachtet, man warf sie in den Kahn, Käminrky und ei 
nige andere Männer schifften sich gleichfalls ein, und so ging'» auf 
die hohe Sec. Hier stürzte man das arme Weib über Bord, und 
es ward bald allen Anwesenden klar, daß sie eine Hexe sei, denn 
sie erhielt sich, wahrscheinlich durch die Kleider, vielleicht auch durch 
ihre Kenntniß des Schwimmens, die bei den Strankbewohnern Män 
ner» und Weibern eigen zu fein pflegt, einige Augenblicke schwim 
mend über dem Wasser. .* 4 
Doch man ward »och stärker überzeugt, denn die dem Unter 
sinken nahe Frau bekannte selbst laut und deutlich ihre Schuld und 
versprach, den Kranken bis zum andern Mittage von dem ihm an 
gezauberten Uebel zu befreien. Hierauf zog man sie ans dem Was 
ser, gab ihr von geweihtem Wein zu trinken, damit der Teu 
fel vollends von ihr 'ausfahre, und kehrte im Triumph an dar Land 
zurück, wo alle Welt sich des Geschehene» freute, und die seltenen 
Kräfte und Gabe» des hochgeschätzten Wunderdoktors pries. 
Wie konnte die Frau aber auch so thöricht sein und sich für 
schuldig bekennen, unterbrach Therese den Erzähler. Nun hatten ja 
l!ie Leute Grund sie noch viel härter zu behandeln. 
Du vergißt, liebes Kind, daß der Mensch in Augenblicken höch 
ster Lebensgefahr anders handelt und empfindet alS jemand, der bei 
kaltem Blute ist, erwiederte Herr Dietrich. Es ist schwer die niäch. 
iigcu Triebe der Natur und besonders den mächtigsten unter ihnen,
        
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