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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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Um einen heimlich begangenen Mord an's Licht zn bringen, 
bediente man stell des BahrrechtS. Der Gemordete ward auf eine 
Bahre gelegt, und der Verdächtige mußte die Leiche, besonders ihre 
Wunden berühren. Floß hierbei Blut aus diesen, veränderte oder 
bewegte sich der Todte, oder kam ihm Schaum aus dem Munde, 
welches alles in Folge der innern Auflösung wohl geschehen kan», 
so war der Mörder sichtbar genug bezeichnet und fiel der festgesetz 
ten Strafe anheim. 
Dann hatte man unter ander» noch die Probe des geweihten 
Bissens oder die des heiligen Abendmahls. Mit den schwersten furcht 
barsten Verwünschungen reichte der Geistliche dem vermeinten Misse 
thäter einen solchen Bisse» oder daS heilige Abendmahl dar, und 
man glaubte, daß er krank werden und daran sterben müsse, wenn 
er schuldig sei, gab ihn aber frei, wenn er das Eingenommene leicht 
und ohne Müde hinunterschluckte und weder Schmerz noch Krank 
heit darnach empfand. 
Zuletzt will ich noch die Wasserprobe erwähnen, welche haupt 
sächlich bei de» Hexcnprozesse» stark in Aufnahme kam und hierbei 
das Hexenbad genannt ward. Man legte die Verdächtigen dabei 
auf das Wasser und war, sobald ste schwammen, überzeugt, daß 
der Teufel mit ihnen im Bunde stehe und sie vor dem Untersinke» 
bewahre. Bei den Hexcnprozessen gebrauchte man übrigens noch 
eine zweite Probe, die Hcxenwage. Sobald eine Beschuldigte un 
gewöhnlich leicht war, hielt man dadurch ebenso wie durch daS 
Schwimmen, ihr Verbrechen für erwiese» und gab sie in beiden Fäl 
len der furchtbarsten Strafe, gewöhnlich der des Scheiterhaufens 
preis. 
O wie schrecklich sind alle diese Proben, unterbrach Frau Klar 
mann ihren Gatte», wenn ihnen auch ursprünglich ein kindlich from 
mer Sinn z»m Grunde lag. Wie tausendfältig muß durch sie der 
Fromme gelitte», der Böse triumphirt haben, den» wie unsinnig und 
vielfach zu deuten die meisten dieser Urtheile waren, ist gewiß auch 
dem Kleinsten unter euch aufgefallen. 
Ich fand cS besonders sehr häßlich und ungerecht, daß im Zwei 
kampf immer der Stärkste für unschuldig gehalten ward, meinte der 
11jährige Theodor. Wer nur stark war und gut fechten konnte, 
durfte ja da dem Schwachen zu Leide thun, waö idm nur gefiel, 
und brauchte sich keiner Sünde zu scheuen. Und bei der Feuer 
probe, sprach Therese, sind gewiß viele Mittel angewendet worden, 
welche die Haut ein Weilchen vor dem Verbrenne» beschützen. 
So sollcn'ö ja jetzt »och die Taschenspieler und Tausendkünstler ma 
chen, welche auch glühendes Eisen in die Hand nehmen, ohne daß cs 
ihnen was schadet. Da war denn der Schlauste, wie vorhin der 
Stärkste, allemal gewiß, über seinen Gegner zu siegen. Ebenso bei 
dem geweihten Bissen, den mag der verstockteste Böscwicht in seiner 
Frechheit meistens weit leichter hinunter geschluckt haben als ein gu-
        
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