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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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es ihr möglich auch in Tagen -er Noth und Entbehrung die süße 
und heilige Pflicht der Menschenliebe und Menschenbeglückung zu üben. 
Emilie Feige. 
Etwas vom Aberglauben. 
Albert und Therese Klarmann traten mit ganz verstörter Miene 
in das Zimmer, worin ihre lieben Eltern und Geschwister nebst »och 
einigen Freunden des Hauses versammelt waren. Als man sich nach 
der Ursache dieser Aufregung, so wie »ach dem Grunde ihres früh 
zeitigen Kommens erkundigte, gaben sie zur Antwort, daß in dem 
Hause des Musiklehrers, der ihnen eben hatte Unterricht geben sollen, 
eine recht traurige Begebenheit vorgefallen sei. 
Scho» vor der Thür, erzählte Tbercse, hörten wir ein klägli 
ches Geschrei, und als wir rasch zur Treppe eilten, von der dasselbe 
herab zu tönen schien, stürzte Hr. Horns fünfjähriges Töchterchen, 
Kopf über, Kopf unter, uns entgegen. Ach cS sah schrecklich auS, 
so schrecklich, daß ich mich gar nicht besinnen nnd von der Stelle 
kommen konnte; Albert aber lief hin und war auch so glücklich das 
arme Mädchen vor der letzten Stufe noch aufzufangen, sonst möchte 
ihr Köpfchen, auf dem harten Steinpflaster unten, vollends zerschmet 
tert sein. Denn übel genug ist cs jetzt schon zugerichtet. Zwei 
Zähne sind fort, das Blut strömte aus Nase und Mund, und das 
ganze Gesicht ist so geschwollen, daß man gar nicht wissen kann, ob 
sie sich nicht vielleicht noch größeren Schaden gethan bat. Auch 
die Hände und Knie sind verletzt, und man findet fast kein Fleck 
chen an dem kleinen Körper, das nicht braun und blau wäre. 
Das Aergste dabei ist aber die Veranlassung, wodurch das 
kleine Mädchen zu diesem Unglück kam, setzte Albert hinzu: Die 
Mutter und Großmutter habe» ihr immer, wenn sie nicht artig 
und still sein wollte, mit einem schwarzen Mann, einem fürchterli 
chen Tbiere und mit allerlei andern Schreckbildcrn gedroht, die drau- 
ßen auf sie lauerten. Wie nun heute wirklich ei» schwarzer Mann 
mit einer großen Ruthe und langen Leiter auf dein Flur steht, als 
Jettche» von der Großmutter hinaiiSgefperrt wird, läuft sie blind 
vor Angst zur Treppe, fällt über einen Apfel, der vor ihr herrollt, 
stürzt von oben bis unten die Treppe hinunter, und möchte nun 
längst todt fein, wenn mich nicht der liebe Gott ihr entgegenge 
schickt hätte. 
Herr Horn war außer sich vor Zorn über seine Frau und 
Schwiegermutter und vor Angst und Sorge über die Kleine, und 
da unter diese» Umständen heute doch an kein Lernen zu denken 
war, machten wir nur ganz still, daß wir wieder nach Hause kamen.
        
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