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Full text: Das Berliner Kinder-Wochenblatt / Gropius, George Issue 5.1836

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liche, unscheinbare Lumpen, die man kaum einem Bettler anbieten 
durfte; in dem Flickenbeukel aber, das wußte sie ja, steckten nur 
kleine Läppchen, aus denen eben so wenig etwas Ordentliches zu 
machen war. 
Um indeß gehorsam zu sein und dem Urtheil der Mutter nicht 
vorzugreifen, lud sie Alles auf und legte die lumpige Bescheernng 
stillschweigend auf den Arbeitstisch derselben nieder. 
Frau Hülfrcich setzte die Krille auf, sah jedes Stück von allen 
Seiten an, wählte endlich eines der schlechteste» aus, reichte es Er 
nestinen hin und fragte: Nun was meinst du, was wohl aus die 
sem Rocke noch zu machen ist. Eine Vogelscheuche! würde Ernestine 
geantwortet haben, wenn sie heiter gewesen wäre, in ihrer jetzigen 
Betrübniß erwiederte sie: Nichts, liebe Mutter, gar nichts, ww nur 
scheint. Die Mutter inußte indessen anderer Meinung sein, denn 
sie holte einige Papieriiiuster hervor, wendete den schlecht aussehen 
den Rock um, suchte die beste» Stellen aus, schnitt z» und siche 
da, bald war ein niedliches Kinderkleid zusammengeheftet. Wenn 
ein Frauenzimmer fleißig und geschickt ist, kann eS auch aus Nichts 
etwas machen, lächelte Frau Hülfrcich, indem sie ihrer staunenden 
Tochter das eingerichtete Röckchcn überreichte. Diese geflickte» und 
zerrissenen Sachen, die du für unbrauchbare Lumpen ansahst, wer 
den uns noch sehr viel Freude machen und den armen Leuten, die 
damit beschenkt werden, wie ich hoffe, trefflich nützen. Wirklich lie 
ferte jedes Stück noch irgend einen brauchbare» Gegenstand; aus 
deni einen schnitt Frau Hülfrcich ein Jäckchen, aus dem andern ein 
Tuch, aus deni dritten eine Schürze; Manches, was unscheinbar 
aussah, aber desto stärker und haltbarer war, mußte zu Futter die 
nen, anderes ward durch einen bunten Besatz verschönt, und auch 
die kleinsten Zeugreste aus dem Fsickenbeutcl wußte die Erfindungs 
reiche zu Mützchen, Wickelbändern, Taschen, und was der nützlichen 
Kleinigkeiten mehr sind, anzuwenden. 
Der große Tisch faßte die Menge der Kleidungsstücke kaum, 
welche Frau Hülfrcich auf diese Weise auS den verachteten Lumpen 
hervorzauberte. Zwar bedurfte es noch manches Stiches, che die 
selben zum Aufputz am heiligen Abend bereit waren, allein Ernestine 
nähete mit solcher Lust und mit solchem Eifer, daß die mühevolle 
Arbeit ihr ein Spiel schien und wie ein solches beendet war, ehe 
sie sich dessen versah. 
Wer hätte es der reichen Ckristbeschccrung, die diesmal in Frau 
HülfreichS Hause ausgetheilt ward, angefeh», daß sie auS Dingen 
gebildet sei, die Tausende wohl gleich Ernestinen, für Nichts geach 
tet hätten. Sechs arme Kinder wurde» damit vom Kopf bis zum 
Fuß eingekleidet, und manches sorgenschwere Elternhcrz durch diese 
Hülse in der Noth erfreut. Ernestine aber dankte ihrer guten Mut 
ter noch unzählige mal im Lebe», daß sie sie die Kunst, auf so ein 
fache Weise wohlthätig zu sein, gelehrt hatte, durch sie allein würd
        
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